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1984/06 Liebe zu Freunden 2

„‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘ (3. Mose 19:18) – Rabbi Akiva sagt: Dies ist eine große Regel in der Tora“ (Jerusalemer Talmud, Nedarim 9:4). Daraus ergibt sich: Wenn man die Regel erfüllt, sind darin bereits alle Einzelheiten eingeschlossen, das heißt, wir werden von selbst zu den Einzelheiten gelangen, ohne jede Anstrengung; und mehr als das haben wir nicht zu tun.

Aber wir sehen, dass die Tora uns sagt: „Was fordert der Ewige von dir? Nur Ehrfurcht vor Mir zu haben“ (vgl. 5. Mose 10:12). Demnach ergibt sich: Was ist die hauptsächliche Forderung, die man an den Menschen stellt? Es ist nur die Ehrfurcht. Denn wenn der Mensch die Mizwa (das Gebot) der Ehrfurcht erfüllt, sind darin bereits die ganze Tora und die Mizwot (Gebote) eingeschlossen, das heißt sogar die Mizwa „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“.

Und nach den oben genannten Worten von Rabbi Akiva ist es umgekehrt: Auch die Ehrfurcht ist in der Regel „Liebe deinen Nächsten“ eingeschlossen. Und nach den Worten unserer Weisen scheint es nicht so zu sein wie bei Rabbi Akiva, denn sie legten den Vers aus: „Das Ende der Sache: Fürchte den Schöpfer und halte Seine Gebote, denn das ist der ganze Mensch“ (Prediger 12:13). Und die Gemara fragt: „Was bedeutet ‚denn das ist der ganze Mensch‘? Rabbi Elasar sagte: Der Schöpfer sprach: Die ganze Welt wurde nur um dessentwillen erschaffen“ (Talmud, Traktat Berachot 6b). Und nach den Worten von Rabbi Akiva scheint es, dass alles in der Regel „Liebe deinen Nächsten“ eingeschlossen ist.

Aber wir sehen in den Worten unserer Weisen, dass sie sagten, die Hauptsache sei der Glaube; denn sie sagten: „Habakuk kam und stellte sie auf eine einzige [Grundlage], wie gesagt ist: ‚Und der Gerechte wird durch seinen Glauben leben‘“ (Talmud, Traktat Makkot 24a; Habakuk 2:4). Und der Maharsha (Rabbi Shmuel Eliezer Edels, Talmud-Kommentator) erklärt dort, dass dies das eine, am meisten umfassende [Prinzip] für jeden Sohn Israels zu jeder Zeit ist – und das ist der Glaube. Daraus ergibt sich, dass die Hauptregel der Glaube ist; und demnach folgt, dass sowohl die Ehrfurcht als auch „Liebe deinen Nächsten“ alle in der Regel des Glaubens eingeschlossen sind.

Und um das oben Gesagte zu verstehen, bedarf es einer eingehenderen Betrachtung: 1) Was ist Glaube? 2) Was ist Ehrfurcht? 3) Was bedeutet „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“?

Vor allem muss man sich immer daran erinnern, was das Schöpfungsziel ist. Und es ist bekannt, dass es darin besteht, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Wenn dem so ist – wenn Er ihnen Gutes und Genuss geben will, wozu brauche ich dann die drei oben genannten Dinge, nämlich Glauben, Ehrfurcht und „Liebe deinen Nächsten“? Vielmehr zeigt sich, dass sie nur zur Vorbereitung der Gefäße (Kelim) nötig sind, damit diese geeignet werden, das Gute und den Genuss zu empfangen, womit der Schöpfer den Geschöpfen Gutes tun will.

Jetzt muss man verstehen, was die drei oben genannten Dinge uns für diese Vorbereitung geben. Der Glaube – und darin eingeschlossen die Zuversicht – gibt uns, dass man zuallererst an das Ziel glauben muss: dass es darin besteht, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Ebenso muss man glauben – entsprechend der Zuversicht, die man sich selbst sichern kann –, dass auch man selbst das Ziel erreichen kann; das heißt: Das Schöpfungsziel ist nicht unbedingt nur für einzelne Auserwählte, sondern es gehört allen Geschöpfen, ohne Ausnahme.

Und nicht unbedingt nur Menschen mit Begabungen und Heldenkräften, das heißt solche, die die Kraft der Überwindung haben und mutigen Herzens sind und dergleichen – sondern dies gehört allen Geschöpfen. Siehe in der „Einführung in die Lehre der zehn Sefirot“ (Hakdama le-Talmud Esser Sefirot), Punkt 21, wo er im Namen des Midrash Rabba (zum Abschnitt „WeSot haBracha“) schreibt: „Der Schöpfer sprach zu Israel: Bei eurem Leben, die ganze Weisheit und die ganze Tora sind eine leichte Sache: Jeder, der Mich fürchtet und die Worte der Tora tut – die ganze Weisheit und die ganze Tora sind in seinem Herzen.“ So weit seine Worte.

Es ergibt sich, dass man den Aspekt des Glaubens auch dazu nutzen muss, Zuversicht zu haben, dass man das Ziel erreichen kann, und nicht mitten in der Arbeit zu verzweifeln und vom Schlachtfeld zu fliehen – sondern zu glauben, dass der Schöpfer auch einem so niedrigen und verachteten Menschen wie ihm helfen kann, das heißt, dass der Schöpfer ihn an Sich annähern wird und er der Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer würdig wird.

Und um des Glaubens würdig zu werden, muss man zuerst die Ehrfurcht voranstellen (Einführung in das Buch Sohar, Seite 191 im Sulam-Kommentar, Abschnitt „Erklärung der Dinge“). Er schreibt dort, dass die Ehrfurcht eine Mizwa ist, die alle Mizwot der Tora umfasst, da sie das Tor zum Glauben an Ihn ist. Denn entsprechend dem Erwachen seiner Ehrfurcht vor Seiner Vorsehung ruht in ihm der Glaube an Seine Vorsehung. Und er schließt dort: Die Ehrfurcht ist, dass er fürchtet, im Bereiten von Wohlgefallen (Nachat Ruach) für seinen Schöpfer zu wenig zu tun. Das bedeutet: Die Ehrfurcht ist, dass der Mensch sich vor dem Schöpfer fürchten muss, dass er Ihm vielleicht kein Wohlgefallen bereiten kann – und nicht, dass die Ehrfurcht zum eigenen Nutzen sei. Nach dem oben Gesagten ergibt sich, dass das Tor zum Glauben die Ehrfurcht ist. Anders ist es unmöglich, zum Glauben zu gelangen.

Und um zur Ehrfurcht zu gelangen – das heißt, dass er Furcht hat, seinem Schöpfer vielleicht kein Wohlgefallen bereiten zu können –, muss er zuerst ein Verlangen und eine Begierde zum Geben haben. Und danach kann man sagen, dass es einen Platz für die Furcht gibt, dass er vielleicht keine Möglichkeit haben wird, die Ehrfurcht zu erfüllen. Aber in der Regel fürchtet der Mensch, dass es ihm vielleicht nicht gelingen wird, die Eigenliebe vollkommen zu erfüllen – und nicht, dass er sich sorgt, dem Schöpfer vielleicht nicht geben zu können.

Und aus welchem Stoff kann der Mensch dazu gelangen, eine neue Eigenschaft zu erwerben – dass er geben muss, während das Empfangen für sich selbst etwas Untaugliches ist? Das ist doch gegen die Natur! Und obwohl der Mensch manchmal irgendeinen Gedanken und ein Verlangen empfängt, dass man aus der Eigenliebe heraustreten muss – was ihm dadurch kam, dass er es aus dem Mund von Schriftkundigen und aus Büchern gehört hat –, ist dies doch eine sehr kleine Kraft, die ihm diese Ansicht nicht immer leuchten lässt, sodass er sie wichtig nehmen und sie beständig verwenden könnte, um zu sagen, dass dies eine Regel für alle Mizwot der Tora ist.

Deshalb gibt es einen Rat: Wenn sich einige Einzelne versammeln, die diese kleine Kraft haben – dass es sich lohnt, aus der Eigenliebe herauszutreten –, die aber nicht die ganze Kraft und die Wichtigkeit des Gebens besitzen, um selbstständig sein zu können, ohne Hilfe von außen, dann annullieren sich alle diese Einzelnen einer vor dem anderen.

Alle haben zumindest im Potenzial die Liebe zum Schöpfer, aber in der Praxis können sie sie nicht verwirklichen. Dadurch, dass jeder in die Gemeinschaft eintritt und sich vor der Gemeinschaft annulliert, wird daraus ein einziger Körper. Und wenn dieser Körper zum Beispiel aus zehn Menschen zusammengesetzt ist, dann hat er eine zehnfach größere Kraft, als wenn einer allein wäre.

Aber unter der Bedingung, dass jeder, wenn sie sich versammeln, denkt, dass er jetzt zu dem Ziel gekommen ist, die Eigenliebe zu annullieren – das heißt, dass er jetzt nicht daran denkt, wie er sein Verlangen zu empfangen füllen kann, sondern jetzt, so weit wie möglich, nur an die Liebe zum Nächsten. Nur dadurch kann er ein Verlangen und ein Bedürfnis empfangen, eine neue Eigenschaft zu erwerben, die „Verlangen zu geben“ heißt. Und von der Liebe zu Freunden kann er zur Liebe zum Schöpfer gelangen, das heißt, dass er dem Schöpfer Wohlgefallen bereiten will.

Es ergibt sich, dass er nur dadurch ein Bedürfnis empfangen hat, sodass er versteht, dass das Geben eine wichtige und notwendige Sache ist – und dies kam ihm durch die Liebe zu Freunden. Und dann kann man von Ehrfurcht sprechen, das heißt, dass er fürchtet, dem Schöpfer vielleicht kein Wohlgefallen bereiten zu können – das wird Ehrfurcht genannt.

Es ergibt sich, dass das eigentliche Fundament, auf dem man das Gebäude der Heiligkeit (Kedusha) bauen kann, die Regel „Liebe deinen Nächsten“ ist. Denn dadurch kann man das Bedürfnis empfangen, dem Schöpfer Wohlgefallen bereiten zu müssen. Und danach kommt die Sache der Ehrfurcht in Betracht, das heißt, dass er fürchtet, dem Schöpfer vielleicht kein Wohlgefallen bereiten zu können. Und danach, wenn er bereits das Tor hat, das Ehrfurcht genannt wird, kann er zum Glauben kommen. Denn der Glaube ist das Gefäß (Kli) für das Ruhen der Shechina (göttliche Gegenwart), wie bekannt ist und wie es an mehreren Stellen erklärt wird.

Demnach ergibt sich, dass wir drei Regeln haben. Die erste Regel ist die von Rabbi Akiva, nämlich „Liebe deinen Nächsten“. Denn vor dieser gibt es nichts, das dem Menschen irgendeinen Treibstoff gäbe, damit er sich ein wenig aus dem Zustand bewegen könnte, in dem er sich befindet – aus dem Grund, dass es nur auf diesem Weg eine Möglichkeit gibt, aus der Eigenliebe zur Liebe zum Nächsten herauszutreten und zu fühlen, dass die Eigenliebe etwas Schlechtes ist.

Und danach kommt man zur zweiten Regel, der Ehrfurcht; denn ohne Ehrfurcht gibt es keinen Platz für den Glauben, wie oben in den Worten von Baal HaSulam (Rabbi Yehuda Ashlag) gesagt.

Und danach kommt man zur dritten Regel, dem Glauben. Und nachdem man die drei oben genannten Regeln erworben hat, wird man würdig, das Schöpfungsziel zu empfinden, das darin besteht, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun.

korrOp, EY, 8.7.2026, Ver7