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1984/11 Den Verdienst der Vorfahren betreffend

Über den Verdienst der Urväter wird eine Meinungsverschiedenheit angeführt (Traktat Shabbat, Blatt 55): „Shmuel sagte: Der Verdienst der Urväter ist zu Ende. Und Rabbi Jochanan sagte: Der Verdienst der Urväter wird Gnade erwirken.“ Und im Midrash (Wajikra Rabba, Ende des Abschnitts, 37) sagte Rav Acha: „Der Verdienst der Urväter besteht für immer, und immerfort erinnert man an ihn.“ Und dort in den Tosafot heißt es wörtlich: „Rabbenu Tam sagt, der Verdienst der Urväter sei zu Ende, der Bund der Urväter aber nicht.“ Und Rabbenu Jizchak meint: „Shmuel und Rabbi Jochanan sind nicht uneinig. Shmuel sagt nämlich, dass er für die Frevler zu Ende ist, nicht aber für die Gerechten. Und Rabbi Jochanan spricht von den Gerechten.“ So weit.

Nach dem Obigen lässt sich erklären, was man zur Frage der Wahl fragt. Man fragt: Wenn es den Verdienst der Urväter gibt, dann gibt es keine Wahl mehr – denn der Verdienst der Urväter bewirkt ja, dass der Mensch ein Gerechter wird. Nach den Worten der Tosafot im Namen Rabbenu Jizchaks aber, der sagt, der Verdienst der Urväter gelte nur für die Gerechten, ergibt sich: Zuerst hat der Mensch die Wahl, um ein Gerechter zu werden, und danach kann er den Verdienst der Urväter genießen.

Aus dem Buch „Matan Tora“ („Die Gabe der Tora“, Blatt 36, Punkt 19) [aus dem Artikel über die Bürgschaft (Arwut)] geht hervor: „Durch den Verdienst der Urväter haben wir die Kraft, die Wahl zu treffen; und ohne den Verdienst der Urväter hätten wir gar keinen Raum, eine Wahl zu treffen.“ In der Wirklichkeit aber sehen wir: Selbst wenn wir den Verdienst der Urväter besitzen, hat dennoch nicht jeder diese Kraft, die Wahl zu treffen. Jeder Einzelne tut sich vielmehr damit schwer. Doch der Verdienst der Urväter hilft uns, dass wir eine Wahl treffen können. Das heißt: Eine Wahl gibt es dort, wo zwei gleichwertige Dinge vorliegen und es an mir liegt, den Ausschlag zu geben.

Wo dagegen die eine Seite schwerer wiegt als die andere, kann man nicht sagen, es liege an mir zu entscheiden, denn von selbst neigt man sich schon zur stärkeren Seite. Beim Verdienst der Urväter dagegen sind es zwei gleich starke Kräfte, und es liegt an uns, den Ausschlag zu geben. Und das nennt man: Uns wurde die Kraft gegeben, eine Wahl zu treffen.

Um diese Dinge zu verstehen, lohnt es sich, im Buch „Matan Tora“ nachzulesen, was dort (in Punkt 19) angeführt wird: „Und deshalb fand der Schöpfer kein Volk und keine Zunge, die geeignet gewesen wären, die Tora zu empfangen, außer den Söhnen Abrahams, Isaaks und Jakobs, denen der Verdienst ihrer Väter beistand. Wie unsere Weisen sagten: ‚Die Väter erfüllten die ganze Tora, noch bevor sie gegeben wurde.‘ Das bedeutet: Aus der Erhabenheit ihrer Seelen besaßen sie die Fähigkeit, alle Wege des Schöpfers zu erlangen und zu beschreiten – im Sinne der Spiritualität der Tora, die aus der Anhaftung (Dwekut) an Ihn hervorgeht –, ohne die vorausgehende Leiter der praktischen Handlungen der Tora, die zu erfüllen sie gar keine Möglichkeit hatten (wie oben, Punkt 16). Ohne Zweifel wirkten sowohl die körperliche Läuterung als auch die seelische Erhabenheit unserer heiligen Väter stark auf ihre Söhne und auf deren Söhne.“

Demnach ergibt sich: Durch den Verdienst der Urväter können wir eine Wahl treffen; sonst gäbe es dazu keinerlei Möglichkeit. Doch wir brauchen großes Erbarmen – selbst dann, wenn wir den Verdienst der Urväter bereits haben –, damit wir die Wahl auch treffen können: nämlich die Eigenliebe aufzugeben und die Liebe zum Nächsten auf uns zu nehmen, sodass all unser Streben einzig darauf gerichtet ist, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. Und selbst mit allen besonderen Kräften (Segulot) der Tora und Mizwot brauchen wir es, um das Böse in uns besiegen und in Gutes verwandeln zu können.

Doch ist zu verstehen, was er sagt: „Der Verdienst der Urväter ist zu Ende.“ Es fragt sich: Was war, bevor der Verdienst der Urväter zu Ende ging? Damals hätte der Mensch ja keine Wahl gebraucht, da er den Verdienst der Urväter besaß. Vielmehr muss man sagen: Wenn der Mensch darum bittet, dass Er ihm helfe und ihn Sich näherbringe – hin zur wahren Arbeit für den Schöpfer –, so ist gerade dieses Gebet, in dem er bittet, dass Er ihm um des Verdienstes der Urväter willen helfe, selbst schon das, was „Wahl“ genannt wird. Denn die Wahl besteht darin, dass er tut, was in seiner Macht steht. Das nennt man bereits „Wahl“.

korrOp, EY, 8.7.2026, Ver6