1991/45 Was bedeutet es, dass ein Richter ein absolut wahrhaftiges Urteil fällen muss, in der Arbeit?
Die Weisen sagten (Shabbat 10): „Jeder Richter, der ein absolut wahrhaftiges Urteil fällt – es ist, als würde er zum Partner des Schöpfers beim Schöpfungswerk werden.“
Dazu ist Folgendes zu verstehen:
1) Was ist ein „wahrhaftiges Urteil“ und was ist ein „absolut wahrhaftiges Urteil“? Es scheint, dass es ein wahrhaftiges Urteil geben kann, dem nur das „absolut“ fehlt; im Allgemeinen aber ist es Wahrheit. Und was bedeutet „absolut“? Das heißt, was fügt uns das „absolut“ hinzu?
2) Was bedeutet „als würde er zum Partner des Schöpfers beim Schöpfungswerk werden“?
3) Warum kann er gerade dann, wenn er „absolut wahrhaftig“ urteilt, zum Partner des Schöpfers werden, während er bei einem bloß wahrhaftigen Urteil nicht Partner werden kann? Der Grund ist zu verstehen, das heißt, welcher Zusammenhang besteht zwischen „absolut wahrhaftig“ und dem Schöpfungswerk.
Es ist bekannt, dass das Schöpfungswerk, also die Erschaffung der Welt und ihre Erfüllung, mit der Absicht geschah, den Geschöpfen Gutes zu tun. Aus dieser Sicht ging die Welt mit einem Mangel hervor, aber auch mit der Erfüllung dieses Mangels, was „die Welt Ejn Sof (Unendlichkeit)“ genannt wird; damals erfüllte das Höhere Licht die gesamte Wirklichkeit der Schöpfung. Damit es jedoch nicht zu Scham kommt, geschah eine Korrektur, die „Zimzum (Einschränkung)“ heißt. Sie ist eine Verhüllung und Verbergung, damit das Gute und der Genuss, die der Schöpfer den Geschöpfen geben will, in der Welt nicht erkennbar sind, bevor die Geschöpfe sich darauf ausrichten können, ihrem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten.
Deshalb liegt es an der Schöpfung, die Sache der Scham zu korrigieren, nämlich dass sie sich darauf ausrichten müssen, zu geben. Und da die Geschöpfe mit einer Natur des Verlangens erschaffen wurden, für sich selbst zu empfangen – bekanntlich deshalb, weil der Schöpfer will, dass die Geschöpfe das Gute genießen, das Er ihnen geben will –, erschuf Er in ihnen ein Verlangen und eine Sehnsucht danach. Wenn die Geschöpfe also eine entgegengesetzte Handlung vollziehen müssen, nämlich mit der Absicht zu geben zu empfangen, so ist das eine große Arbeit. Und das nennt man: Es wurde uns gegeben, Gefäße zu bereiten, die geeignet sind, das Gute und den Genuss zu empfangen, und bei denen es beim Empfangen der Genüsse keinerlei Scham gibt.
Danach ergibt sich, dass das Gefäß, das das Gute vom Schöpfer empfangen soll, aus zwei Aspekten zusammengesetzt ist:
1) dem Verlangen, Genuss zu empfangen;
2) der Absicht, die auf das Geben ausgerichtet ist.
Aus dem Gesagten folgt: Damit das Schöpfungsziel verwirklicht wird, nämlich dass die Geschöpfe Gutes und Genuss empfangen, sind bei der Herstellung der Gefäße zwei Partner zu unterscheiden:
1) der Schöpfer, insofern Er das Verlangen zu empfangen gegeben hat;
2) die Geschöpfe, insofern sie dem, was sie empfangen, die Absicht hinzufügen müssen, was „mit der Absicht zu geben“ genannt wird.
Und aus diesen beiden entsteht das Gefäß, das würdig ist, das Gute und den Genuss zu empfangen.
Nach dem Gesagten lässt sich erklären, was wir gefragt haben: Was bedeutet es, dass sie sagten „als würde er zum Partner beim Schöpfungswerk werden“? Und zu verstehen ist, worauf uns das Wort „als würde“ hinweist. Es verhält sich so: Vonseiten des Lichts, das das Gute und der Genuss ist, gibt gewiss nur der Schöpfer, und darin lässt sich keine Partnerschaft aussprechen. Beim Gefäß dagegen lässt sich von Partnerschaft sprechen. Denn der Schöpfer gibt das Verlangen zu empfangen und die Sehnsucht, Genuss zu empfangen, und die Geschöpfe geben die zweite Hälfte des Gefäßes, nämlich das Verlangen zu geben. Das heißt, den einen Teil des Gefäßes schreiben wir dem Schöpfer zu, nämlich das Verlangen zu empfangen. Und den zweiten Teil des Gefäßes, nämlich das Verlangen zu geben, schreiben wir den Geschöpfen zu, denn die Geschöpfe tun dies. Es zeigt sich also, dass es im Gefäß zwei Partner gibt.
Und das ist so, wie im Sohar geschrieben steht (Einführung in das Buch Sohar, Punkt 67), und dies sind seine Worte: „‚Und zu Zion zu sagen: mein Volk.‘ Lies nicht ‚mein Volk (Ami) bist du‘, sondern ‚mit mir (Imi) bist du‘, mit einem Chirik im Ajin – was bedeutet: Partner mit mir zu sein. So wie Ich Himmel und Erde durch Mein Wort gemacht habe, so auch du.“ Das heißt: Ich habe die Schöpfung damit begonnen, dass Ich das Verlangen zu empfangen erschuf, und ihr müsst sie vollenden, nämlich dem Verlangen zu empfangen die Absicht hinzufügen, die auf das Geben ausgerichtet ist. Und das nennt man Partnerschaft.
Es zeigt sich, dass die Partnerschaft im Wesentlichen aus der Kraft der Einschränkung und der Verbergung entspringt, die am Empfangsgefäß geschah. Das heißt, das Licht zog sich durch die Kraft der Korrektur der Einschränkung zurück. Doch durch die Korrektur, die „mit der Absicht zu geben“ heißt, kann das Licht wieder leuchten, in dem Maße, in dem im Gefäß ein Verlangen zu geben vorhanden ist.
Danach ist zu fragen: Es steht doch geschrieben „Die ganze Erde ist voll Seiner Herrlichkeit“, und ebenso steht im Sohar „Es gibt keinen Ort, der frei von Ihm ist“ (es gibt keinen Ort, der frei vom Schöpfer wäre), woraus hervorgeht, dass es in der Welt keinerlei Ort der Verbergung und Einschränkung gibt. Wir sehen doch, dass der Mensch in der Zeit, in der er zu einem Abstieg gelangt, unter der Herrschaft von Verbergung und Einschränkung steht und keinerlei Spiritualität spürt.
Die Erklärung aber ist: In Bezug auf den Schöpfer gibt es keinerlei Einschränkung, sondern „Die ganze Erde ist voll Seiner Herrlichkeit“. Vielmehr: „Du bist es, bevor die Welt erschaffen wurde, und Du bist es, nachdem die Welt erschaffen wurde.“ Das ist so zu erklären: So wie vor der Erschaffung der Welt (denn „Welt“ meint die Verhüllung und Verbergung) der Schöpfer damals die gesamte Wirklichkeit erfüllte, so erfüllt auch nach der Erschaffung der Welt (nachdem Verhüllung und Verbergung erschaffen wurden) der Schöpfer ebenso die gesamte Wirklichkeit. Und es gibt keinen Ort, der frei vom Schöpfer wäre; nur gegenüber den Geschöpfen ist Er verborgen, sodass sie Ihn wegen der Korrektur nicht spüren – jener Korrektur, die dazu dient, dass es keine Scham gibt.
Aus dem Gesagten folgt, dass die Verhüllung und Verbergung, die der Mensch in der Arbeit spürt, gerade dann beginnt, wenn der Mensch die Anhaftung an den Schöpfer erlangen will, wie geschrieben steht „und an Ihm zu haften“, was die Sache der Angleichung der Form ist. Ihr Sinn ist: So wie der Schöpfer Seinen Geschöpfen Gutes tun will, so muss der Mensch sich bemühen, dass all seine Sorgen im Leben einzig und allein dahin gehen, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten.
Und damit der Mensch sich nicht selbst betrügt, indem er sagt, er sorge nicht für sich selbst, sondern seine ganze Absicht ist einzig und allein, dem Schöpfer zu geben, wird ihm deshalb von oben ein Abstieg gegeben, nämlich dass er keinerlei Geschmack an Tora und Mizwot spürt. Dann wird dem Menschen ermöglicht, seinen wahren Zustand zu sehen: ob er kein Verlangen für sich selbst hat, sondern alle seine Gedanken zum Nutzen des Schöpfers sind, oder zu seinem eigenen Nutzen. Denn in der Zeit des Abstiegs muss der Mensch sagen: Was ist mir wichtig, wie ich mich fühle, während ich mich mit Tora und Mizwot befasse? Alle meine Gedanken gehen doch dem Nutzen des Schöpfers zu; deshalb tue ich das Meine, und ich glaube, dass der Schöpfer daran Gefallen findet. Und den Gedanken, dass man so denken muss, empfange ich aus dem Glauben an die Weisen. Wenn seine Absicht aber auf seinen eigenen Nutzen gerichtet ist, spricht er anders.
Und das ist so, wie es im Maamar „Die Ordnung der Arbeit“ meines Vaters und Lehrers gebracht wird (Absatz 6), und dies sind seine Worte: „Und wenn man die Arbeit dem Schöpfer zuschreibt, muss man glauben, dass der Schöpfer unsere Arbeit annimmt, und es ist nicht wichtig, in welcher Gestalt die Arbeit erscheint; der Mensch muss die Arbeit nur dem Schöpfer zuschreiben – das genügt.“
Deshalb kann er in der Zeit des Abstiegs seinen wahren Zustand in der Arbeit sehen. Doch der wesentliche Punkt ist, dass er sich dann im Glauben stärken muss, dass „Die ganze Erde voll Seiner Herrlichkeit ist“. Selbst wenn der Mensch sich also in einem Zustand der Niedrigkeit befindet, darf er nicht sagen, dass man an diesem Ort nicht sagen kann „Die ganze Erde ist voll Seiner Herrlichkeit“. Vielmehr muss der Mensch an das glauben, was geschrieben steht „Seine Herrlichkeit erfüllt die Welt“, und dass die Sache nur vor ihm verborgen ist. Und dies geschieht, damit er dadurch einen Ort hat, eine Wahl zu treffen und mit der Absicht zu geben zu handeln und nicht zu seinem eigenen Nutzen. Denn seines eigenen Nutzens wegen kann er nicht in Freude arbeiten, weil das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, keinerlei Geschmack spürt.
Und der Mensch kann dann zufrieden sein, dass er jetzt den Ort hat, an dem er sagen kann, dass er nun nur zum Nutzen des Schöpfers arbeitet. Und wenn er sich nicht überwinden und über diese Arbeit in Freude sein kann, dann muss der Mensch sagen: Ich bin zufrieden, dass ich die Wahrheit sehe, wie weit ich von der Arbeit der Wahrheit entfernt bin; deshalb habe ich jetzt die Gelegenheit, dass ich den Schöpfer von ganzem Herzen bitten kann, mir zu helfen, denn sonst bin ich verloren. Denn ich sehe, dass ich keinerlei Kraft habe, mich zu überwinden und aus der Herrschaft des Verlangens, für sich selbst zu empfangen, herauszutreten.
Aus dem Gesagten sehen wir, dass die Ordnung der Arbeit so ist: Der Mensch muss Lohn als Gegenleistung für seine Arbeit in Tora und Mizwot erbitten, durch die er dazu gelangt, um des Himmels willen zu arbeiten. Das nennt man: Der Mensch muss Gefäße des Gebens erwerben, durch die es möglich sein wird, das Gute und den Genuss zu empfangen, was das Schöpfungsziel war: „den Geschöpfen Gutes zu tun“. Und das ist so, wie die Weisen sagten: „Tora und Mizwot wurden nur gegeben, um Israel durch sie zu läutern.“ Das heißt: Der Lohn, den sie für das Einhalten von Tora und Mizwot erbitten, ist die Läuterung, nämlich die Absicht, dass sie durch das Einhalten von Tora und Mizwot das Verlangen zu geben erlangen, wie die Weisen sagten: „Das Licht darin bringt ihn zum Guten zurück.“
Nach dem Gesagten lässt sich erklären, was wir gefragt haben: Was bedeutet es, dass sie sagten „Jeder Richter, der ein absolut wahrhaftiges Urteil fällt – es ist, als würde er zum Partner des Schöpfers beim Schöpfungswerk werden“? Und die Frage ist: Was ist „Wahrheit“ und was ist „absolute Wahrheit“? Und die Antwort ist, wie ich geschrieben habe (Artikel 44, 5751), dass es bei der Sache „um des Himmels willen“ zwei Aspekte gibt:
1) dass er nicht deshalb arbeitet, damit die Menschen ihn ehren, oder um Geldes willen und dergleichen, sondern er arbeitet, im Verborgenen wandelnd mit dem Schöpfer. Und seine ganze Arbeit besteht darin, Tora und Mizwot zu erfüllen, die der Schöpfer uns geboten hat. Deshalb bittet er den Schöpfer, ihm in dieser Welt Leben, Gesundheit, Lebensunterhalt und dergleichen zu geben, und ihm auch Lohn in der kommenden Welt zu geben – wie es in der Tora geschrieben steht „Und es wird sein, wenn ihr hört … so werde Ich geben … und Ich werde Gras auf deinem Feld geben“, nämlich dass der Schöpfer ihm seinen Lohn zahlt. Das heißt, die Ausführung der Mizwot, die er vollbringt, ist nur um des Himmels willen.
2) dass er um des Himmels willen arbeitet und sogar auch seine Absicht um des Himmels willen ist. Das heißt, dass er keinerlei Lohn will, sondern alles zum Nutzen des Schöpfers ist, was man so nennt: dass auch die Absicht um des Himmels willen ist.
Demnach lässt sich erklären: Als bloße „Wahrheit“ bezeichnet man, dass nur seine Handlungen um des Himmels willen sind, die Absicht aber ist er noch nicht fähig um des Himmels willen auszuführen. Wenn man daher aus der Sicht der Arbeit spricht, ist die Erklärung: Jeder Mensch, der sich selbst richten und sehen will, wie sein Zustand in der Arbeit ist, muss ein wahrhaftiger Richter sein.
Und obwohl er ein wahrhaftiger Richter ist, der sieht, dass alle seine Handlungen um des Himmels willen sind, kann dieser Richter dennoch nicht „wie ein Partner des Schöpfers beim Schöpfungswerk“ sein. Es ist nämlich so: Beim Schöpfungswerk, also der Erschaffung der Welt, war die Absicht, den Geschöpfen Gutes zu tun. Und es geschah eine Korrektur, damit es kein Brot der Scham gibt, nämlich dass die Geschöpfe die zweite Hälfte des Gefäßes machen müssen, wie oben gesagt, was die Absicht ist, die auf das Geben ausgerichtet ist. Und da derjenige, der ein wahrhaftiges Urteil fällt, noch nicht würdig ist, das Gute und den Genuss zu empfangen – weil zwischen ihm und dem Licht noch eine Verschiedenheit der Form besteht –, kann er deshalb nicht Partner sein.
Anders dieser Richter, der ein „absolut wahrhaftiges“ Urteil fällt, nämlich dass auch die Absicht um des Himmels willen ist: Dann ist bereits das Empfangsgefäß korrigiert, sodass eine Angleichung zwischen dem Gefäß und dem Licht besteht; dann kann das Licht in jenes Gefäß kommen, und dieser Richter wird zum Partner. Aus dem oben genannten Grund: weil er den Partnerschaftsanteil des Gefäßes gegeben hat, nämlich das Verlangen zu geben, das auf dem Gefäß des Verlangens zu empfangen ruht, was „Empfangen mit der Absicht zu geben“ genannt wird.
Erst jetzt also, dadurch dass er das Gefäß vollendet hat, kann sich das Schöpfungsziel, das das Schöpfungswerk ist, den Unteren offenbaren, weil die Sache der Scham bereits korrigiert ist – dadurch, dass sie bereits alles mit der Absicht zu geben empfangen können.
Doch wenn der Mensch einen Richter einsetzt, um seinen Zustand zu richten, das heißt zu sehen, wie es um ihn steht, ob er die Liebe zum Schöpfer der Selbstliebe vorzieht, wobei der Richter die Wahrheit in der Sache sagen muss – so soll dies nicht seine Hauptarbeit sein. Im Gegenteil: Die Hauptarbeit ist, dass der Mensch sich in der rechten Seite bemühen muss, das heißt sich mit Tora und Mizwot zu befassen und daraus einen Zustand der Vollkommenheit und der Freude zu empfangen, weil er gewürdigt wurde, sich mit Tora und Mizwot zu befassen. Und es ist nicht wichtig, wie viel Liebe er dann zu Tora und Mizwot hat, sondern das bloße Ausführen der Mizwot ohne jegliche Bedingungen – er glaubt, dass dies eine große Sache ist, wie oben gesagt: dass, wenn der Mensch die Arbeit dem Schöpfer zuschreibt, es nicht wichtig ist, welche Gestalt seine Arbeit hat, sondern der Schöpfer nimmt alles an.
Und die Arbeit auf diese Weise wird „rechts“ und „Vollkommenheit“ genannt. Und daraus empfängt der Mensch Lebenskraft, sodass er danach die Kraft hat, auch auf dem Weg „links“ zu gehen, nämlich einen Richter einzusetzen, der ein wahrhaftiges Urteil fällt, wie in Wahrheit seine Arbeit ist. Doch dies soll nur ein Teil der Zeit sein, die er der Arbeit für den Schöpfer widmet. Die Hauptzeit der Arbeit aber muss auf dem Weg rechts sein. Und dies wird als zwei Beine gerechnet, denn auf einem Bein kann man nicht gehen und in der Arbeit vorankommen.
Und damit lässt sich erklären, was geschrieben steht „Friede, Friede dem Fernen und dem Nahen, spricht der Schöpfer, und Ich werde ihn heilen.“ Zu erklären ist, was „der Ferne“ und „der Nahe“ in der Arbeit bedeuten. „Fern“ nennt man die linke Linie. Das heißt, wenn der Mensch einen Richter einsetzt, um zu richten, wie er sich in der Arbeit verhält, sieht er dann, wie fern er vom Schöpfer ist. Und „der Nahe“ ist so zu erklären: die Zeit, in der er wieder auf der rechten Linie arbeitet; das ist dann die Zeit, nur Vollkommenheit zu sehen. Das heißt, dass er die Arbeit für wertvoll hält – selbst wenn sie nur ein wenig Halt in Tora und Mizwot ist, ist sie ihm einen großen Reichtum wert, weil ihm auch nur ein wenig Annäherung nicht zusteht. Deshalb wird der Mensch im Zustand von rechts als „dem Schöpfer nah“ bezeichnet.
Doch diese beiden Linien stehen im Streit miteinander, weil beide einander entgegengesetzt sind. Da kommt die mittlere Linie und entscheidet und schafft Frieden zwischen ihnen. Und das nennt man: dass der Schöpfer Frieden zwischen ihnen schafft, denn bekanntlich wird der Schöpfer die mittlere Linie genannt.
Und bekanntlich ist die Ordnung der Arbeit so, dass man beginnt, in einer Linie zu arbeiten – das ist die Arbeit der Allgemeinheit, bei der man nur auf den Aspekt der Handlung schaut. Und dort empfängt in der Regel jeder Einzelne Befriedigung aus der Arbeit. Denn man muss wissen: In einer Linie leuchtet allgemein das umgebende Licht, das das Licht ist, das aus der Ferne leuchtet. Das heißt, obwohl der Mensch noch fern von der Angleichung der Form ist, empfängt der Mensch dennoch ein Leuchten aus diesem Licht. Und dann hat er nicht die Sache „zweier Schriftstellen, die einander widersprechen“, denn er hat nur einen Weg.
Anders, wenn der Mensch zum Aspekt der linken Linie übergeht, wo er Umkehr (Teshuwa) üben will. Und das kann nur in der Zeit sein, in der er einen Richter einsetzt, um seinen Zustand zu prüfen. Und wenn der Richter ein wahrhaftiges Urteil fällt, dann sieht er, dass es um ihn nicht gut steht, nämlich weil alles, was er tut, alles zu seinem eigenen Nutzen ist. Und dann hat er einen Ort zu beten, dass er Umkehr üben will, nämlich dass er zum Schöpfer zurückkehren will – das heißt, dass er dem Schöpfer angehaftet sein und nicht in Trennung sein will. Dann wird ihm aus der einen Linie eine rechte Linie.
Nach dem Gesagten lässt sich erklären, was die Weisen sagten (Midrasch Rabba 19): dass Ruben die Umkehr eröffnete, wie geschrieben steht „Das Kind ist nicht mehr da, und ich, wohin soll ich gehen?“ Das ist so zu erklären: Dies ist der Hinweis auf die Ordnung der Umkehr – in der Zeit, in der der Mensch sagt: Das Kind ist nicht mehr da. Es ist bekannt, dass im Menschen zwei Kräfte sind:
1) die eine heißt „ein alter und unvernünftiger König“;
2) die andere heißt „ein armes Kind“, wie geschrieben steht (Prediger 4) „Besser ein armes und weises Kind als ein alter und unvernünftiger König.“
Das bedeutet: Wenn der Mensch beginnt, Umkehr zu üben, muss er wissen, worüber er Umkehr üben soll. Und darauf kommt der Hinweis, den Ruben aussprach: „Das Kind ist nicht mehr da, und ich, wohin soll ich gehen?“ Das heißt, das Kind, das der gute Trieb genannt wird – es ist nicht mehr da. Und alles, was der Mensch sieht, ist, dass die ganze Herrschaft über den Körper der alte und unvernünftige König hat, welcher der böse Trieb (Jezer haRa) ist. Und bekanntlich wird der gute Trieb das Verlangen zu geben genannt und der böse Trieb das Verlangen zu empfangen.
Es zeigt sich also: Bevor der Mensch sieht, dass das Verlangen zu empfangen über ihn herrscht und diese Herrschaft ihm Übel bringt, nämlich dass sie ihn dem Schöpfer fern sein lässt, hat er noch nichts, worüber er Umkehr üben könnte. Und erst wenn er sieht, dass „das Kind nicht mehr da ist“, empfängt er einen Ort des Mangels, um Umkehr zu üben, nämlich um zum Schöpfer zurückzukehren, was „Anhaftung an den Schöpfer“ genannt wird. Also: Wo er zuvor fern vom Schöpfer war, ist er jetzt dem Schöpfer nah geworden. Und das nennt man „Umkehr“.
Und das nennt man „linke Linie“, nach der Regel „Jede Sache, die der Korrektur bedarf, heißt ‚links‘“. Und da der Mensch auch im Aspekt der Vollkommenheit gehen muss, der „rechts“ heißt, entstehen dann „zwei Schriftstellen, die einander widersprechen, sodass die dritte Schriftstelle komme und zwischen ihnen entscheide“. Das heißt, dass der Schöpfer ihm dann das Verlangen zu geben gibt. Und dann erlangt er die wahre Vollkommenheit. Er erlangt nämlich danach den Aspekt der Tora, die genannt wird „Tora und Israel und der Schöpfer sind eins“.
Doch nicht zu vergessen: Obwohl die Hauptbeschäftigung im Aspekt der rechten Seite sein muss, was „Vollkommenheit“ genannt wird – denn aus dem Aspekt der rechten Seite nimmt der Mensch den Brennstoff für die Arbeit –, hängt gleichwohl das Vorankommen in der Arbeit, nämlich das Erreichen der Vollständigkeit des Ziels, das heißt das Empfangen des Guten und des Genusses, gerade von der linken Seite ab. Denn dort sieht der Mensch seinen Mangel, und er hat einen Ort, diesen Mangel durch das Gebet zu korrigieren, dass der Schöpfer seinen Mangel erfülle. Denn nur durch die Hilfe des Schöpfers kommt der Mensch voran, wie im Sohar geschrieben steht, denn die Hilfe, die von oben kommt, ist der Aspekt „heilige Seele“. Und so kommt er voran, bis er dazu gewürdigt wird, das Schöpfungsziel zu erreichen und zu erlangen, das das Gute und der Genuss ist.
Nach dem Gesagten lässt sich erklären, was geschrieben steht (Psalm 78) „Und Er erwählte David, Seinen Knecht, und nahm ihn von den Schafhürden, von den säugenden Schafen holte Er ihn, um Jakob, Sein Volk, und Israel, Sein Erbe, zu weiden.“ Das ist so zu erklären: Dass Er David, Seinen Knecht, erwählte – welches waren seine Vorzüge gegenüber anderen? Darauf sagt Er „und nahm ihn von den Schafhürden“. „Von den Hürden (mimichleot)“ ist auf die Speisen (maachalot) hin zu erklären. Das heißt, woraus seine Nahrung war, sagt Er: Schafe. Die Sache „Schafe (zon)“ erklärte mein Vater und Lehrer als die Sache der Ausgänge (yeziot).
Das heißt: Dass der Mensch spürt, dass er aus dem Aspekt der Arbeit für den Schöpfer herausgetreten ist, dass er einen Abstieg spürt – davon wurde er nicht beeindruckt. Im Gegenteil, dies gibt ihm einen Ort, zum Schöpfer zu beten, dass Er ihn aus der Herrschaft des Bösen herausführe und ihn Sich näher bringe. Deshalb hatte er aus jedem einzelnen Ausgang, den er hatte, davon Brennstoff, worum er beten konnte. Anders in der Zeit, in der der Mensch sich immer in der Zeit des Aufstiegs befindet: Da hat er kein Bedürfnis voranzukommen. Und das ist es, was geschrieben steht „und nahm ihn von den Schafhürden“.
Und ebenso das, was geschrieben steht „von den säugenden holte Er ihn“. „Alot“ ist als der Aspekt der Aufstiege zu erklären. „Von den säugenden (me’achar alot)“, das heißt, dass er nach den Aufstiegen, die Abstiege sind, „ihn holte, um in Jakob zu weiden“. „Jakob“ heißt der Aspekt Ya-akev, denn „Ferse (akev)“ heißt der Aspekt des Glaubens, der etwas ist, das der Mensch mit seinen Fersen tritt, das heißt eine Sache, die in ihrer Bedeutung niedrig ist. Das heißt, dass er gerade aus den Zuständen, die nach den Aufstiegen kommen, die Abstiege sind, gerade aus den Abstiegen seinen Glauben weidete.
Das heißt: Aus den Abstiegen nahm er Kraft, um den Glauben zu erweitern. Und das ist es, was geschrieben steht „Jakob, Sein Volk“, was bedeutet: das Volk des Schöpfers. „Und Israel, Sein Erbe“, nämlich: Nachdem er aus dem Aspekt der Abstiege den Aspekt Ya-akev erlangte, welcher der Aspekt des Glaubens ist, wie oben gesagt, erlangte er danach den Aspekt „Erbe des Landes“. Und das ist es, was geschrieben steht „Israel“, dass er danach zur Stufe Yashar-El (gerade zum Schöpfer) kam, und dann erlangte er das Erbe des Landes, welches das Schöpfungsziel ist. Und das ist es, was geschrieben steht „und Israel, Sein Erbe“.
Doch nicht zu vergessen: Das Hauptaugenmerk in der Arbeit muss auf der rechten Linie liegen. Denn obwohl man aus dem Zustand links voranschreitet, um vorwärtszugehen, kann man doch nicht ohne rechts gehen, denn der Mensch muss in einem Zustand der Freude sein, wie geschrieben steht „Dient dem Schöpfer in Freude“. Und das kann man nur aus dem Aspekt der rechten Linie empfangen. Und obwohl dies im Widerspruch zur linken Linie steht, muss der Mensch dennoch in gehobener Stimmung sein, und das erlangt man nur in der Zeit, in der der Mensch an den Schöpfer glaubt und den Glauben an die Weisen hat – das, was sie uns gesagt haben, dass der Mensch sich bemühen muss, alle seine Handlungen für wertvoll zu halten, selbst wenn sie noch nicht in der Ordnung sind, in der sie sein sollten. Und in dem Maße, in dem der Mensch dem Schöpfer Dank sagt, sogar für kleine Handlungen, deren Vollbringen in der Fähigkeit des Menschen liegt, bewirkt das für ihn, dass er eine Verbindung mit dem Schöpfer hat.
korrOp, EY, 27.07.2026, 05:48 Uhr, Ver3