<- Kabbala Bibliothek
Weiterlesen ->
Kabbala Bibliothek Startseite / Rabash / Artikel / 1991/38 Was ist die „Rechte Linie“ in der Arbeit?

1991/38 Was ist die „Rechte Linie“ in der Arbeit?

Unsere Weisen sagten (Awot deRabbi Natan [Sprüche der Väter nach Rabbi Natan] 11,2): „Wer sich über die Worte der Tora erhebt, wird am Ende erniedrigt. Und wer sich vor den Worten der Tora erniedrigt, wird am Ende erhöht.“

Das gilt es zu verstehen: Warum ist es gerade bei den Worten der Tora verboten, hochmütig zu sein? Im Allgemeinen ist es doch verboten, hochmütig zu sein, wie geschrieben steht: „Sei sehr, sehr demütig im Geiste“ (Awot, viertes Kapitel, 4). Ebenso sagten sie: „Über jeden Hochmütigen sagt der Schöpfer: ‚Ich und er können nicht in einer Wohnung wohnen.‘“ Warum also sprachen sie gerade von den Worten der Tora?

Bekanntlich gibt es beim Einhalten von Tora und Mizwot zwei Aspekte:

1) Sie heißen 613 Ejtin (Ratschläge),

2) sie heißen 613 Pikudin (Hinterlegungen).

Diese beiden Aspekte kommen aus der Kraft zweier Aspekte, die es in der Welt gibt:

1) Der eine heißt Schöpfungsziel,

2) der andere heißt Korrektur der Schöpfung.

Das Schöpfungsziel ist Sein Wille, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Deshalb erschuf Er in den Geschöpfen ein Verlangen und eine Sehnsucht, Genuss und Vergnügen zu empfangen. Und dieses Gefäß zum Empfangen des Vergnügens kommt von Seiten des Schöpfers. Darum ist dieses Gefäß vollkommen. Das heißt, der Mensch muss nicht arbeiten, um sich ein Gefäß zu schaffen, sondern er hat es von Natur aus. Denn überall, wo der Mensch sieht, dass es etwas zu genießen gibt, sehnt er sich sofort danach, wie geschrieben steht: „Das Auge sieht, und das Herz begehrt.“

Doch danach wurde eine Korrektur vorgenommen: Damit es beim Empfangen des Guten und des Vergnügens nicht zur Scham komme, geschah die Zimzum (Einschränkung) und die Verhüllung, sodass man nicht sieht, dass es ein Vergnügen gibt. Folglich sieht der Mensch das Gute und Vergnügen nicht, das der Schöpfer den Geschöpfen geben will, und kann sich deshalb auch nicht danach sehnen. Erst wenn sie Kelim des Gebens haben – denn empfangen sie das Vergnügen in solchen Kelim, ist die Scham beim Empfangen bereits von ihnen genommen –, wird die Verhüllung aufgehoben, und sie sehen das Gute und Vergnügen, das der Schöpfer den Geschöpfen geben will.

Doch man muss wissen, dass unsere ganze Arbeit im Schaffen des Kli des Gebens besteht, denn dieses Kli ist gegen unsere Natur. Wie aber kann der Mensch gegen die Natur handeln? Deshalb beginnt man, Tora und Mizwot zu erfüllen, um zu empfangen, wie der Sohar sagt, dass man Tora und Mizwot aus Ehrfurcht erfüllen soll. Und diese Ehrfurcht lässt sich auf zwei Weisen erklären:

1) Er erfüllt Tora und Mizwot aufgrund von Lohn und Strafe in dieser Welt, nämlich Gesundheit, Lebensunterhalt und dergleichen.

2) Er erfüllt Tora und Mizwot aufgrund von Lohn und Strafe in der kommenden Welt, nämlich dass er den Garten Eden habe und nicht die Hölle.

Daraus folgt: Diese beiden Aspekte stehen nicht im Widerspruch zum Verlangen zu empfangen, das die Natur des Menschen ist. Und danach tritt er bereits in die Arbeit des Aspekts „Unbelebtes der Heiligkeit“ ein. Das „Unbelebte“ (Domem) ist der erste Aspekt, mit dem alle beginnen. Und das gehört zur ganzen Allgemeinheit. Das heißt, auf der Ebene des umgebenden Lichts leuchtet das Licht für ganz Israel als Gesamtheit. Das bedeutet: Für all jene, die einen Halt in Tora und Mizwot haben, leuchtet das umgebende Licht bereits in ihnen. Denn die Bedeutung des umgebenden Lichts ist, dass das Licht außerhalb der Kelim leuchtet.

Und der Grund dafür ist, dass das Licht ein Gefäß braucht, das mit dem Licht in Übereinstimmung ist. Das heißt: Da das Licht im Aspekt des Gebens ist, muss auch das Gefäß auf Geben ausgerichtet sein. Und solange der Mensch seine Kelim nicht dazu tauglich gemacht hat, auf Geben ausgerichtet zu sein, befindet sich das Licht außerhalb des Gefäßes. Doch von dort leuchtet es zum Gefäß. Dadurch bekommt das Gefäß allmählich das Bedürfnis, mit dem Licht in Übereinstimmung zu kommen, und sucht Ratschläge, wie es Übereinstimmung mit dem Licht erlangen kann. Das heißt: Das Gefäß, das „Verlangen zu empfangen“ heißt, soll die Kraft erlangen, auf Geben ausgerichtet zu handeln.

Und der Sohar sagt, dass es noch eine Weise gibt, Tora und Mizwot aus Ehrfurcht zu erfüllen:

3) Er erfüllt Tora und Mizwot aufgrund dessen, dass „Er groß und herrschend ist“. Das bedeutet, dass die Ehrfurcht, die ihn zum Erfüllen von Tora und Mizwot bringt, nicht darauf beruht, dass das Verlangen zu empfangen davon genießt – dass er also durch das Erfüllen von Tora und Mizwot irgendeine Gegenleistung empfängt, die er genießt. Vielmehr verpflichten ihn die Größe und Bedeutung des Königs dazu, da er dem König dienen will. Und er will keinerlei Gegenleistung für seine Mühe in Tora und Mizwot. Vielmehr sind die Handlungen, die er tut, um dem König zu geben, sein Genuss.

Doch wie kann der Mensch dieses Gefühl der Größe und Bedeutung des Königs empfangen, solange eine Verhüllung darüber liegt, die wie erwähnt durch die Kraft der Zimzum geschieht? Wovon also soll er die Größe des Schöpfers empfangen?

Und hier beginnt die Arbeit im Aspekt „Glaube über dem Verstand“. Das heißt, der Mensch muss an die Größe und Bedeutung des Königs glauben. Und diese Arbeit heißt, dass der Mensch den Schöpfer bitten muss, dass „Sein großer Name erhöht und geheiligt werde“. Das heißt, dass in der Welt die Größe und Bedeutung des Schöpfers offenbart werde. Denn solange der Mensch im Verlangen zu empfangen versunken ist, gibt es, wie wir gelernt haben, eine Korrektur, die „Verhüllung über der höheren Vorsehung“ genannt wird – verhüllt ist also, dass der Schöpfer die Welt im Aspekt „gut und Gutes tuend“ lenkt.

Denn andernfalls gäbe es keinen Raum für die Wahl, überhaupt etwas auf Geben ausgerichtet zu tun. Bekanntlich fällt es leichter, auf kleinere Vergnügen zu verzichten und zu sagen: Wenn es nicht auf Geben ausgerichtet ist, will ich sie nicht gebrauchen. Anders ist es bei großen Vergnügen – gewiss fällt es schwer, auf sie zu verzichten. Deshalb musste es zwangsläufig eine Verhüllung über der höheren Vorsehung geben.

Damit der Mensch jedoch in der Welt bestehen kann – und ohne Vergnügen gibt es kein Bestehen für die Geschöpfe, was vom Schöpfungsziel herrührt, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun –, sagt der heilige ARI, dass durch das Zerbrechen der Kelim, das in der Welt Nekudim [wörtlich: Punkte] geschah, Funken in die Klipot (Schalen) hinabfielen, welche die Klipot beleben, damit sie nicht zunichte werden. Und sie heißen in der Sprache des Sohar „dünnes Leuchten“ (Nehiru Dakik). Und aus diesem dünnen Leuchten gehen alle materiellen Vergnügen hervor.

Anders ist es mit dem wahren Guten und Vergnügen – es ist in die Tora gekleidet. Deshalb beginnt man bei den materiellen Vergnügen, die nicht so groß sind wie die spirituellen, und lernt an ihnen, sie auf Geben ausgerichtet zu empfangen. Und in dem Maße, in dem der Mensch in die Arbeit des Gebens eintritt, in diesem Maße weichen von ihm die Verborgenheit und die Verhüllung, die über dem Vergnügen der Tora und Mizwot liegen.

Aber woher empfängt der Mensch die Kraft, schon bei kleinen Vergnügen auf Geben ausgerichtet zu arbeiten? Der Mensch ist doch nur fähig, zum eigenen Nutzen zu arbeiten. Auf welche Weise also kann er beginnen, sodass es in seiner Hand liegt, etwas vom eigenen Nutzen aufzugeben? Die Antwort ist: Darüber sagten unsere Weisen: „Der Schöpfer sagte: Ich habe den bösen Trieb erschaffen, Ich habe die Tora als Gewürz erschaffen, denn das Leuchten in ihr führt ihn zum Guten zurück.“ Das heißt: Während sich der Mensch mit der Tora beschäftigt, muss er seine Absicht darauf richten, dass die Tora ihm ein Leuchten gebe, sodass er zum Nutzen des Schöpfers und nicht zum eigenen Nutzen arbeiten wolle. Und dieser Aspekt heißt „613 Ejtin (Ratschläge)“. Das heißt, dies sind nur Ratschläge, wie man zum Aspekt der Übereinstimmung der Form gelangt, die „Anhaftung an den Schöpfer“ (Dwekut) genannt wird.

Und nachdem der Mensch gewürdigt wurde, ein Gefäß zu erlangen, das „Verlangen zu geben“ genannt wird, wird er des Aspekts der Tora gewürdigt, der der Aspekt der Namen des Schöpfers ist. Und dieser Aspekt heißt in der Sprache des Sohar „613 Pikudin (Hinterlegungen)“. Das bedeutet, dass in jeder Mizwa ein besonderes Licht hinterlegt ist, das zu eben dieser Mizwa gehört, und diese Tora heißt der Aspekt „Namen des Schöpfers“.

Dann kann der Mensch das Gute und Vergnügen erlangen, das im Schöpfungsgedanken liegt, der „Sein Wille, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun“ genannt wird, und er wird des Aspekts „Tora und Israel und der Schöpfer sind eins“ gewürdigt. Und zu diesem Aspekt muss der Mensch gelangen, wie es im Buch „Pri Chacham“ [Frucht des Weisen, Schriftensammlung von Baal Sulam] (Teil 2, S. 65) geschrieben steht.

Doch die eigentliche Arbeit beginnt erst, wenn der Mensch Tora und Mizwot um der Größe des Schöpfers willen erfüllen will, das heißt, wenn er erreichen will, dass alle seine Handlungen auf Geben ausgerichtet sind. Dann kommen über den Menschen Aufstiege und Abstiege. Da alles auf dem Aspekt „Glaube über dem Verstand“ aufgebaut ist, leuchtet ihm manchmal der Aspekt des Glaubens, und manchmal leuchtet er ihm nicht. Und der Mensch muss dann glauben, dass es „nichts außer Ihm“ gibt, das heißt, dass es „keinerlei andere Kraft in der Welt gibt außer der Kraft des Schöpfers“.

Mein Vater und Lehrer [Baal Sulam] sagte, dass der Mensch glauben muss, dass auch die Abstiege der Schöpfer gibt. Das heißt, der Mensch muss über dem Verstand glauben, dass der Schöpfer das Gebet eines jeden Mundes erhört, also sowohl beim bedeutenden Menschen als auch beim einfachen Menschen. Das bedeutet: Selbst wenn der Mensch fühlt, dass er ein einfacher Mensch ist, das heißt, dass ihm Tora fehlt und ihm die Kraft zur Arbeit fehlt, gibt der Schöpfer ihm dennoch durch das Gebet alles, sofern er betet, dass der Schöpfer ihn Sich nahebringe, und er den König ohne jegliche Gegenleistung bedienen will.

Aber was kann er tun, wo der Körper dem nicht zustimmt? Deshalb bittet er den Schöpfer, ihn als Knecht zu nehmen, damit er dem Schöpfer diene. Und obwohl er keine größeren Verdienste hat als andere, fühlt er doch einen inneren Drang, der ihn aufweckt, dem König zu dienen. Aber er hat keine Herrschaft über den Körper. Deshalb bittet er den Schöpfer, der ihm helfen kann. Und das heißt, dass er glaubt, dass der Schöpfer das Gebet eines jeden Mundes erhört.

Doch wenn der Mensch einen Mangel und seine eigene Niedrigkeit spürt, gilt die Regel: „Von Mängeln kann der Mensch nicht leben, leben kann der Mensch nur von Erfüllung“ – nur von dem also, woran er einen Geschmack von Vollkommenheit spürt.

Daher ist ihm gegeben, auf eine andere Weise zu arbeiten, die „rechte Linie“ genannt wird – ein Weg, auf dem der Mensch Vollkommenheit spürt. Schwierig wird es dort, wo der Mensch von der „linken Linie“ herüberwechseln will: Sie ist das, was einer Korrektur bedarf, und deshalb heißt sie in der Arbeit „links“; denn von einer Korrektur lässt sich gerade dann sprechen, wenn ein Schaden vorliegt.

Wenn nun der Mensch in der linken Linie sieht, dass er keinerlei Herrschaft über den Körper hat und nichts tun will außer zum eigenen Nutzen – wie kann er dann danach zur rechten Linie hinübergehen und sich darüber freuen, dass er Vollkommenheit hat, und dann Lob und Dank dafür darbringen, dass der Schöpfer ihn Seiner Arbeit nahegebracht hat? Es sind doch „zwei Schriftstellen, die einander widersprechen“.

Dazu sagte mein Vater und Lehrer, dass es in der Arbeit für den Schöpfer immer wieder Widersprüche gibt, die „rechts“ und „links“ genannt werden. Und das herrscht in den oberen Welten. Und sie stehen im Widerspruch zueinander, bis die mittlere Linie kommt und zwischen ihnen entscheidet. Wie geschrieben steht: „Bis die dritte Schriftstelle kommt und zwischen ihnen entscheidet.“ Und er sagte, dass es auch in der Ordnung der Arbeit Widersprüche gibt. Und das geht aus den oberen Wurzeln hervor: Einerseits sehen wir, dass die Schrift sagt: „Und sein Herz erhob sich auf den Wegen des Schöpfers“, und andererseits sagten unsere Weisen: „Sei sehr, sehr demütig im Geiste.“ Doch sie herrschen zu zwei verschiedenen Zeiten, nacheinander. Erst am Ende der Arbeit herrschen sie zur selben Zeit. Das heißt, nachdem er zur mittleren Linie gekommen ist, wie unsere Weisen sagten: „Drei Teilhaber sind am Menschen: der Schöpfer, sein Vater und seine Mutter. Sein Vater gibt das Weiße, seine Mutter gibt das Rote, und der Schöpfer gibt die Seele“ – dass nur in der mittleren Linie alle zusammen herrschen.

Deshalb muss der Mensch, wenn er auf dem Weg der linken Linie geht, hochmütig sein, wie geschrieben steht: „Und sein Herz erhob sich auf den Wegen des Schöpfers.“ Das heißt, er muss sagen, wie unsere Weisen sagten (Sanhedrin 37): „Daher ist jeder Einzelne verpflichtet zu sagen: Um meinetwillen wurde die Welt erschaffen.“ Das bedeutet, er muss sich bemühen, zum Schöpfungsziel zu gelangen, das Sein Wille ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun.

Er muss sich also bemühen, dass sich das Schöpfungsziel an ihm verwirkliche. Und bevor er das Ziel erlangt hat, muss er ein Mensch mit Mangel sein. Und er soll sich darüber grämen, dass er nicht zur Stufe der Vollkommenheit kommt, wie es dem Geschöpf entspricht, das der Schöpfer erschuf. Und das wird der Aspekt „links“ genannt, das heißt der Aspekt des Mangels.

Doch was soll der Mensch tun, bevor er zur Vollkommenheit gelangt ist und sich im Aspekt des Mangels befindet? Von Mängeln aber kann der Mensch nicht bestehen; er muss Lebenskraft empfangen. Und Lebenskraft empfängt man nur von der Vollkommenheit, denn bestehen kann der Mensch nur von dem, woran er Genuss und Vergnügen hat. Anders ist es bei der linken Seite – von ihr kann man nicht leben.

Dann muss der Mensch zur rechten Linie hinübergehen, die „Vollkommenheit“ genannt wird. Aber wie kann der Mensch Vollkommenheit empfangen, während er sieht, dass er „nackt und ohne alles“ ist? Und wovon kann er Vollkommenheit empfangen? Das heißt, wovon kann er Genuss und Vergnügen in diesem Zustand empfangen?

Die Antwort ist: Der Mensch muss dann sagen, er sehe nicht, dass er bedeutender wäre als die übrigen Menschen, denen kein Verlangen und keine Lust auf Tora und Mizwot vergönnt ist. Das heißt, dass sie nicht einmal lo liShma (nicht um ihretwillen) ein Bedürfnis danach haben. Und er sieht, dass der Schöpfer ihm ein Verlangen und eine Lust gegeben hat, etwas in Tora und Arbeit zu tun. Und obwohl er keinerlei Geschmack an der Arbeit hat, hat er doch vom Aspekt der Handlung her durchaus das Verdienst, etwas zu tun. Nur seine Absichten sind nicht in Ordnung. Aber er sieht, dass er diesen kleinen Halt durchaus hat.

Anders ist es bei den anderen – ihnen gab der Schöpfer nicht das Verlangen und die Lust, etwas in Tora und Arbeit zu tun. Und er glaubt daran, dass das eine große Sache ist. Obwohl er die Bedeutung der Sache noch nicht fühlt, glaubt er dennoch über dem Verstand daran.

Und außerdem sieht er, dass es viele Menschen gibt, die sich darüber freuen, dass sie sich mit Tora und Mizwot beschäftigen. Und sie sind froh und blicken auf die Weltlichen wie auf gewöhnliches Vieh. Und an die Absicht denken sie überhaupt nicht. Warum also sollte er nicht froh sein wie sie? Das heißt, sie fühlen in ihrer Arbeit Vollkommenheit. Und warum steht mir eine größere Vollkommenheit zu? Das heißt: Wenn ich sehe, dass es nicht in meiner Hand liegt, auf Geben ausgerichtet zu handeln, fühle ich mich als ein Mensch mit Mangel. Wer sagt, dass mir eine größere Stufe zusteht als die, die sie haben?

Daraus folgt: Der Mensch muss sich erniedrigen und sagen, dass ihm keine größere Stufe zusteht als anderen. Und davon kann der Mensch Vollkommenheit empfangen, das heißt sich darüber freuen, dass er einen kleinen Halt in der Arbeit für den Schöpfer hat. Und davon muss er den ganzen Tag in Freude sein.

Nach dem Gesagten lässt sich nun beantworten, wonach wir gefragt haben, nämlich zu den Worten: „Wer sich über die Worte der Tora erhebt, wird am Ende erniedrigt. Und wer sich vor den Worten der Tora erniedrigt, wird am Ende erhöht.“ Und wir fragten: Warum ist es gerade bei den Worten der Tora verboten? Unsere Weisen sagten doch: „Sei sehr, sehr demütig im Geiste“ – und nicht gerade bei den Worten der Tora.

Die Antwort lautet: Hier ist von jenen Menschen die Rede, die auf dem Weg des Schöpfers in Wahrheit gehen wollen. Das heißt, dass alle ihre Handlungen nur auf Geben ausgerichtet sein sollen. Und er erfüllt, was geschrieben steht: „Und sein Herz erhob sich auf den Wegen des Schöpfers“, wobei „Hochmut“ hier nicht heißt, dass er irgendetwas zum eigenen Nutzen will; vielmehr will er sich dem Schöpfer aufgeben und für sich selbst jenes Verlangen töten, das „Verlangen zu empfangen“ genannt wird. Und er will erfüllen, was unsere Weisen sagten: „Die Tora besteht nur bei dem, der sich für sie tötet.“

Sein Hochmut ist also nicht der eines Hochmütigen, über den sie sagten: „Über jeden Hochmütigen sagt der Schöpfer: ‚Ich und er können nicht in einer Wohnung wohnen.‘“ Vielmehr ist sein Hochmut hier, dass er sein Verlangen zu empfangen töten will und nicht wie die übrigen Menschen sein will, die nur um den eigenen Nutzen besorgt sind.

Und dennoch sagten sie, dass es eine Zeit gibt, in der er in Niedrigkeit sein muss, das heißt sich mit Wenigem begnügen muss. Das heißt, dass er nicht mehr ein Diener des Schöpfers sein muss als die Allgemeinheit, sondern wie die Allgemeinheit im Aspekt der Handlung arbeitet und auf die Absicht nicht achtet. Damit begnügen sie sich, und sie tun alles in Freude, jeder nach seiner Stufe, je nachdem, was er von der Erziehung empfangen hat. Deshalb sagt er dann: Auch ich „wohne inmitten meines Volkes“, und ich brauche keine großen Dinge. Und in Wahrheit gilt es zu verstehen: Ist es nicht besser, wenn er auf dem Weg arbeitet, um zum Zustand des liShma (um ihretwillen) zu gelangen?

Darauf ist zu antworten: Um zur Stufe des liShma zu gelangen, ist eine große Arbeit nötig, bis man dorthin gelangt. In der Zwischenzeit also, das heißt während der Arbeit, gibt es Aufstiege und Abstiege, weil diese Arbeit gegen die Natur ist. Und wenn der Mensch sieht, dass er noch keinen Fortschritt auf dem Weg hat, um zum Verlangen zu geben zu gelangen, zeigt es sich, dass er sich in einem Zustand des Mangels befindet. Und von Mängeln kann der Mensch nicht leben und keine Freude aus ihnen empfangen. Deshalb ist er dann ohne Lebenskraft.

Und das wird „Arbeit der linken Linie“ genannt. Deshalb muss der Mensch zwangsläufig zur Arbeit der rechten Linie hinübergehen, denn die rechte heißt Vollkommenheit. Und wenn der Mensch spürt, dass er sich im Zustand der Vollkommenheit befindet, kann der Mensch davon Freude und Lebenskraft empfangen und an seiner Arbeit, mit der er dem Schöpfer dient, Genuss haben, und er soll dem Schöpfer Lob und Dank darbringen dafür, dass Er ihn gewürdigt hat, indem Er ihm einen kleinen Halt in der Arbeit für den Schöpfer gegeben hat – andernfalls kann der Mensch nicht bestehen und muss zwangsläufig in einen Zustand der Niedergeschlagenheit fallen.

Und in der Zeit der Niedergeschlagenheit ist der Mensch nicht fähig zu arbeiten. Vielmehr kann er all seine Vergnügen im Vergnügen des Schlafes finden. Denn wenn der Mensch schläft, fühlt er sich, als wäre er seinen Leiden entkommen. Und deswegen muss der Mensch in die Arbeit der Allgemeinheit eintreten. Danach tritt er wieder in die Arbeit der linken Linie ein, doch das muss in Maß und Gewicht geschehen. Doch die meiste Zeit muss der Mensch in der Arbeit der rechten Linie sein, bis der Schöpfer ihm hilft und ihm die mittlere Linie gibt, wie erwähnt, dass es „drei Teilhaber am Menschen gibt: den Schöpfer, seinen Vater und seine Mutter“.

Und nach dem Gesagten lässt sich erklären, was geschrieben steht (Balak [Wochenabschnitt der Tora], sechster Abschnitt): „Es fließe Wasser aus seinen Eimern.“ Nun, „Wasser“ wird Tora genannt. „Seinen Eimern“ (Dalaw) kommt vom Wort „Eimer“ (Dli), denn aus dem Eimer schöpft man Wasser. „Eimer“ (Dli) kommt vom Wort „arm“ (Dal). „Arm“ (Dal) ist der Aspekt der Armut. Und „arm ist nur, wer es am Verstand ist“.

Die Schrift kommt, um uns mitzuteilen, dass derjenige, der des Aspekts der Tora gewürdigt werden will – das heißt, dass der Schöpfer ihm das Öffnen der Augen in der Tora gebe –, sehr, sehr viele Zustände durchlaufen muss, bis er des Öffnens der Augen in der Tora gewürdigt wird. Denn man muss wissen, dass man des Aspekts der Tora nicht gewürdigt werden kann, bevor er des Aspekts der Kelim gewürdigt wurde, die für den Aspekt der Tora tauglich sind.

Wie erwähnt muss man, bevor man des Aspekts der 613 Pikudin gewürdigt wird, zuvor das Einhalten der 613 Ejtin (Ratschläge) durchlaufen – Ratschläge, die dem Menschen die Mittel in die Hand geben, sich für die Stufe der 613 Pikudin tauglich zu machen, wo dann die Sache der linken Linie und der rechten Linie herrscht. Und bekanntlich muss der Anfang in einer Linie sein. Und danach geht man zur linken Linie über. Und dann wird aus der einen Linie die rechte Linie. Und dann, wenn die eine Linie zur rechten Linie wird, ist es bereits schwer, auf einer Linie zu gehen, das heißt in Freude und Lebenskraft daraus zu sein, dass man sich nur mit dem Aspekt der Handlung beschäftigt ohne mit sich selbst Rechenschaft darüber zu halten, ob es auf Geben ausgerichtet ist.

… Jetzt, wo er durch die Arbeit der linken Linie hindurchgegangen ist, das heißt im Aspekt des Hochmuts, im Aspekt „Und sein Herz erhob sich auf den Wegen des Schöpfers“, das heißt, dass er nicht wie die Allgemeinheit sein will, sondern im Aspekt des Einzelnen arbeiten will – wie kann er sich danach erniedrigen und einen Weg gehen, der zuvor „eine Linie“ genannt wurde, was bedeutet, dass er nicht wusste, dass es noch eine Linie gibt? Anders ist es jetzt, da er sieht, dass es die Sache der linken Linie gibt: Wie kann er sich erniedrigen und den Weg, den er verlassen hat, wieder aufnehmen und sagen: Ich kehre zu dem Weg zurück, von dem ich sagte, dass dieser Weg zu einfachen Menschen passt und nicht zu mir? Es fällt ihm also schwer, zu dem Weg zurückzukehren, der jetzt „rechte Linie“ genannt wird.

Und damit will uns die Schrift mitteilen, dass der Mensch in den Aspekt „arm und bedürftig“ (Dal weAni) zurückkehren muss, als ob er keinerlei Verstand hätte, indem er zum Weg der Vollkommenheit zurückkehrt, der jetzt „rechts“ genannt wird. Aber er muss jedes Mal zur linken Linie zurückkehren. Durch seine Rückkehr in den Aspekt der rechten Linie wird er also arm. Und aus vielen „Armen und Bedürftigen“ (Dalim weAniim) entstand der Eimer (Dli). Und aus diesem Eimer wurden „seine Eimer“ (Dalaw). Und aus ihm fließe Wasser. Und Wasser wird Tora genannt.

Das heißt: Durch diese „Eimer“ wird er danach des Aspekts der Tora gewürdigt. Und das ist es, was geschrieben steht: „Wer sich über die Worte der Tora erhebt, wird am Ende erniedrigt“, aus dem Grund, dass er sich erniedrigen und in der rechten Linie gehen muss. Und wer sich erniedrigt und in der rechten Linie geht, den erhöht man, und er wird der Tora gewürdigt.

korrOp, EY, 27.07.2026, 02:21 Uhr, Ver3