1991/46 Was ist der Sohn der Geliebten und der Sohn der Gehassten in der Arbeit?
Der Midrasch sagt (angeführt im Baal haTurim [Tur-Kommentar zur Tora]) zu dem, was geschrieben steht: „Wenn ein Mann zwei Frauen hat, die eine geliebt und die andere gehasst.“ Und dies sind seine Worte: „‚Wenn ein Mann‘ – das ist der Schöpfer. ‚Die Geliebte‘ – das sind die Götzendiener, denen Er Sein Angesicht zeigt. ‚Die Gehasste‘ – das ist Israel, vor dem Er Sein Angesicht verbirgt.“ So weit seine Worte.
Und das muss man verstehen: Widerspricht dies nicht all den Stellen, an denen geschrieben steht, dass der Schöpfer Sein Volk Israel liebt? So wie geschrieben steht (Maleachi 1): „Ich habe euch geliebt, spricht der Schöpfer. Ihr aber sagt: Worin hast Du uns geliebt? War nicht Esau Jakobs Bruder, spricht der Schöpfer, und doch habe Ich Jakob geliebt und Esau gehasst.“ Und ebenso sagen wir: „Der Sein Volk Israel in Liebe erwählt.“ Und das lässt sich im Sinne der Arbeit auslegen.
Es ist bekannt, dass in der Arbeit alles von einem einzigen Körper spricht. Deshalb ist die Aussage „zwei Frauen“ so zu deuten, dass sie sich in einem einzigen Körper befinden. Das heißt, im Menschen gibt es zwei Kräfte:
1) das Verlangen, zum eigenen Nutzen zu empfangen,
2) das Verlangen zu geben, das heißt, alles zum Nutzen des Schöpfers zu tun.
Und diese beiden werden „zwei Frauen“ genannt. Das heißt, im Menschen sind die Ebene der „siebzig Völker der Welt“ und auch die Ebene „Israel“ zu unterscheiden. Die „Völker der Welt“ ordnen wir dem Verlangen zu, zum eigenen Nutzen zu empfangen, und die Ebene „Israel“ ordnen wir dem Verlangen zu, dem Schöpfer zu geben.
Und man muss wissen, dass diese beiden genannten Verlangen von oben kommen, das heißt, dass allein der Schöpfer sie gibt. Es liegt nicht in der Hand des Menschen, sie aus eigener Kraft zu erlangen. Vielmehr kommt die erste Kraft, das „Verlangen, für sich selbst zu empfangen“, ohne Anstrengung zum Menschen; schon von seiner Geburt an besitzt er diese Kraft. Anders die zweite Kraft, das „Verlangen zu geben“: Sie kommt nicht ohne Anstrengung von oben. Das heißt, der Mensch muss zuerst nach Wegen suchen, wie er es erlangt, und erst danach empfängt er das Verlangen zu geben von oben. Doch ohne Anstrengung wird es nicht gegeben.
Und man muss verstehen, was der Grund dafür ist, dass man das Verlangen zu geben nicht ohne Anstrengung gibt, das Verlangen zu empfangen aber sehr wohl ohne Anstrengung. Die Antwort lautet: Für das Schöpfungsziel, das darin besteht, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, musste ein Geschöpf erschaffen werden, in dem ein Verlangen ist, Genuss zu empfangen; denn ohne Verlangen kann man an nichts Genuss finden. Deshalb legte der Schöpfer in das Geschöpf ein Verlangen, Genuss zu empfangen.
Das heißt: Hätte der Mensch es bei seiner Geburt nicht, dann gäbe es keine Wirklichkeit, die den Namen „Geschöpf“ tragen könnte; denn dies zeigt uns das Wesen der Schöpfung als „Etwas aus dem Nichts“, nämlich dass ein Verlangen und ein Mangel erschaffen wurden, sodass der Mensch seinen Mangel füllen will. Deshalb kommt dieses Verlangen sofort, ohne jede Anstrengung. Anders gesagt: Gäbe es das Verlangen zu empfangen nicht, dann gäbe es keinerlei Entwicklung, dass überhaupt etwas in der Welt bestünde; denn wir lernen alles nur aus der Kraft des Verlangens zu empfangen, das uns antreibt, vorwärtszugehen. Deshalb kommt dieses Verlangen ohne jede Anstrengung zu uns.
Anders das Verlangen zu geben: Der Schöpfer gibt es uns nicht ohne jede Anstrengung. Das heißt: Nachdem es nun ein Geschöpf gibt und der Schöpfer den Geschöpfen Erfüllung geben soll, gibt Er ihnen, was sie fordern und wovon sie sagen, dass es ihnen fehlt; dann füllt der Schöpfer ihren Mangel. Daraus folgt, dass alle Anstrengung, die der Mensch in Tora und Mizwot einbringt, dazu dient, den Mangel des Verlangens zu geben zu erlangen. Das heißt: So wie der Mensch begreift, dass er ohne ein Verlangen, Genuss zu empfangen, nicht in der Welt leben kann – das heißt: Wenn der Mensch sieht, dass er seinem Verlangen zu empfangen nichts zu geben hat, woran es sich erfreuen könnte, dann weiß er gewiss, dass es für ihn keine Möglichkeit gibt, in der Welt zu leben, denn ohne Lebenskraft steht er dem Schöpfungsziel entgegen, das darin besteht, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun –
ebenso muss der Mensch zu der Empfindung gelangen, dass er, wenn ihm das Verlangen zu geben fehlt, durch das er zu einem Zustand der Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer gelangen kann, auch kein Leben und keinen Genuss in dieser Welt hat. Das heißt, er sieht, dass er keine Erfüllung im Leben hat. Deshalb will er zur Vollkommenheit gelangen, denn im Geschöpf muss es gewiss Gutes und Genuss geben. Doch ohne das Verlangen zu geben kann der Mensch nicht zur Vollkommenheit gelangen. Dieser Zustand heißt „Mangel und Bedürfnis“. Und in der Zeit, in der der Mensch einen solchen Mangel hat, empfängt er von oben, vom Schöpfer, das zweite Verlangen, das „Verlangen zu geben“.
Deshalb muss der Mensch alles tun, was in seiner Hand liegt, um zu einem Mangel des Verlangens zu geben zu gelangen. Doch der Mensch muss wissen: Obwohl er alles um des Gebens willen tun will, lässt der Körper es ihm nicht zu und lässt ihn nicht aus seiner Herrschaft heraustreten. Und daraus kommt der Mensch zu Abstiegen und Aufstiegen. Das heißt, manchmal gewinnt das Verlangen zu empfangen die Oberhand über das Verlangen zu geben. Das heißt, das Verlangen zu empfangen bringt ihm allerlei Wünsche und Gedanken, dass das Recht auf seiner Seite ist; das heißt, es verleiht ihm mehr Geschmack an der Selbstliebe.
Das heißt: Das Verlangen zu empfangen, das die Ebene der Völker der Welt ist, gewinnt jedes Mal mehr Geschmack. Wenn es also mehr Kraft gewinnt, hebt es das Bedürfnis nach dem Verlangen zu geben auf. Deshalb geht ihm all die Anstrengung verloren, die der Mensch aufgewandt hat, um das Bedürfnis nach dem Verlangen zu geben zu erlangen. Das heißt, der Mensch stimmt in der Zeit des Abstiegs dem Verlangen zu empfangen für sich selbst zu. Doch danach fasst sich der Mensch wieder, beginnt erneut zu arbeiten und wendet Anstrengung auf, um das Bedürfnis nach dem Verlangen zu geben zu erlangen. Und danach gewinnt das Verlangen zu empfangen wieder die Oberhand. So zeigt sich, dass dies die Ursache der Aufstiege und Abstiege ist.
Und dieser Zustand hält an, bis der Mensch zu dem Entschluss kommt, dass es ohne die Hilfe des Schöpfers unmöglich ist, nicht nur das Verlangen zu geben in der Tat zu erlangen, sondern selbst das Bedürfnis nach dem Verlangen zu geben unterliegt bei ihm ebenfalls Aufstiegen und Abstiegen. Bis der Mensch mehrere Male in einen Zustand kommt, in dem er sieht, dass es nicht in seiner Hand liegt, mehr Kraft aufzuwenden, als er bereits aufgewandt hat. Deshalb will er aus der Arbeit fliehen.
Doch ist zu fragen: Warum hat der Schöpfer es so gemacht, dass es Aufstiege und Abstiege gibt? Nun, wie gesagt: Damit der Mensch ein Bedürfnis habe, vorwärtszugehen, und sich nicht mit wenig begnüge. Deshalb empfängt der Mensch einen Abstieg von oben. Das heißt, man hilft dem Menschen, vorwärtszugehen, gerade dadurch, dass man ihn von seiner Stufe herabsteigen lässt. Und das veranlasst ihn, vor sich selbst Rechenschaft abzulegen und zu sehen, was man von oben von ihm fordert, weshalb man ihn von seiner Stufe herabsteigen ließ.
Und das veranlasst den Menschen, zum Schöpfer zu beten, dass Er ihm Hilfe gebe. Und die Hilfe, die der Mensch von oben empfängt, ist die Vorbereitung, durch die der Mensch die Ebene der Seele erlangt – so wie es im Sohar geschrieben steht, dass man ihm auf der Ebene der „heiligen Seele“ hilft. So zeigt sich, dass sowohl die Aufstiege als auch die Abstiege von oben kommen. Das heißt, auch die Abstiege helfen dem Menschen, denn durch sie gelangt er zu dem Ziel, das der Mensch erreichen soll.
Und damit lässt sich auslegen, was der Sohar sagt (WaYishlach, Punkt 4, und im Sulam [Leiterkommentar zum Sohar]), und dies sind seine Worte: „Kommt der Mensch, sich zu reinigen, so unterwirft sich der böse Trieb vor ihm, und die Rechte herrscht über die Linke. Und beide, der gute Trieb und der böse Trieb, verbinden sich, um den Menschen auf allen seinen Wegen, die er geht, zu bewahren. Und das ist es, was geschrieben steht: Denn Seinen Engeln wird Er befehlen, dich auf allen deinen Wegen zu bewahren.“
Und man muss verstehen: Wie lässt sich sagen, dass der böse Trieb den Menschen bewahrt, damit er auf dem geraden Weg gehe? Rät er dem Menschen doch, nicht auf dem Weg der Tora zu gehen, bringt ihn auf allen seinen Wegen zu Fall und hält ihn davon ab, um des Himmels willen zu arbeiten, sondern nur zum eigenen Nutzen. Wenn dem so ist, muss man wissen, worin ihm der böse Trieb hilft.
Nun aber, wie gesagt: Die Sache der Abstiege, die der Mensch empfängt, besteht darin, dass der böse Trieb ihm Gedanken gibt, die dem Geist der Tora fremd sind, und das verursacht ihm Abstiege. Und nach der Ansicht des Menschen bringt ihn der böse Trieb gewiss zu der Empfindung, dass die Selbstliebe wichtiger ist als die Liebe zum Schöpfer, und das ist die Ursache der Abstiege.
Doch in Wahrheit muss der Mensch glauben, dass alles der Schöpfer bewirkt. Das heißt, diese Abstiege schickt der Schöpfer dem Menschen, damit sie ihm einen Impuls in der Arbeit geben, damit er sich also nicht mit wenig begnüge. Denn wenn der Mensch das Gefühl hat, dass er alles tut, was in seiner Kraft steht, beim Erfüllen von Tora und Mizwot, so kann er dann nicht unterscheiden, ob es um die Absicht zum Nutzen des Schöpfers geht oder ob er zum eigenen Nutzen arbeitet. Der Grund ist, dass dem Menschen zu der Zeit, in der er auf der Ebene des Allgemeinen arbeitet, ein Leuchten scheint, ein umgebendes Licht, und das gibt dem Menschen Erfüllung, sodass er keinerlei Mangel in seiner Arbeit empfindet.
Und erst in der Zeit, in der der Mensch auf der Ebene des Einzelnen arbeiten will, das heißt, dass auch die Absicht um des Himmels willen ist und nicht nur die Tat (wie oben in Artikel 45, 1991), teilt man ihm von oben mit, dass er nicht in Ordnung ist. Und dadurch, dass er zu einem Abstieg kommt, sieht der Mensch seinen wahren Zustand. Und dann beginnt er, nach Wegen zu suchen, wie er aus der Herrschaft der Selbstliebe heraustreten kann.
Und aus dem Gesagten folgt: Ohne den bösen Trieb, der zum Zustand der Abstiege bringt, bliebe der Mensch im Zustand des Aufstiegs und hätte kein Bedürfnis, zum Ziel der Anhaftung an den Schöpfer zu gelangen. Daraus folgt, dass der böse Trieb ein Engel Gottes ist, das heißt ein Bote des Schöpfers, der ihn bewahren soll, damit er nicht im Zustand des „Unbelebten der Heiligkeit“ bleibe, sondern ein Bedürfnis habe, vorwärtszugehen, wie oben. Und das ist es, was gesagt wird: „Denn Seinen Engeln wird Er befehlen, dich auf allen deinen Wegen zu bewahren.“ Das heißt, auch der böse Trieb ist ein Bote des Schöpfers, wie oben, um den Menschen zu bewahren.
Und mit dem Gesagten lässt sich auslegen, was wir zu den Worten des Midrasch gefragt haben, der sagt: „‚Wenn ein Mann‘ – das ist der Schöpfer. ‚Die Geliebte‘ – das sind die Götzendiener.“ Wie kann man sagen, dass der Schöpfer die Götzendiener liebt? Deshalb ist die Aussage „Wenn ein Mann zwei Frauen hat“ so zu deuten: Der Schöpfer gibt dem Menschen „zwei Frauen“, das heißt zwei Verlangen. Das eine ist die Geliebte – gemeint ist das Verlangen, zum eigenen Nutzen zu empfangen. Und es wird als „Götzendienst“ bezeichnet. Das heißt: nicht zum Nutzen des Schöpfers, sondern zum eigenen Nutzen.
Und dieses Verlangen wird „die Geliebte“ genannt. Das heißt, die Geschöpfe lieben dieses Verlangen, weil der Schöpfer ihnen Sein Angesicht zeigt. Das heißt, der Schöpfer erschuf die Welt aus dem Grund, dass Er Seinen Geschöpfen Gutes tun wollte. Und das nennt man: Der Schöpfer zeigt ihnen Sein Angesicht, nämlich dem Verlangen zu empfangen. Denn man kann keinen Genuss empfangen, wenn keine Sehnsucht nach dem Genuss da ist. Und deshalb zeigt der Schöpfer dem Verlangen, Genuss zu empfangen, Sein Angesicht. Das heißt: An allem, was der Mensch zum eigenen Nutzen tut, findet er Genuss. Und das nennt man: dass Er ihm Sein Angesicht zeigt.
Aber warum wird dies „Götzendienst“ genannt? Die Antwort lautet: Weil eine Korrektur geschah, damit es keine Sache der Scham gebe, ist es verboten, um des Empfangens willen zu empfangen. Und wer dennoch um des Empfangens willen empfängt, wird in der Arbeit als „Götzendiener“ bezeichnet, das heißt, er arbeitet nicht zum Nutzen des Schöpfers, sondern zum eigenen Nutzen. Und das nennt man in der Arbeit „fremden Dienst“, die Ebene „Götzendienst“, obwohl er von der Tat her auf der Ebene „Israel“ ist und „Diener des Schöpfers“ genannt wird. Doch von der Arbeit her, die das Geben ist, wird dies „fremder Dienst“ genannt. Das heißt: ein Dienst, der uns fremd ist.
Und da der Mensch von Natur aus dazu geboren ist, nur zum eigenen Nutzen zu arbeiten – was beim Menschen „die Geliebte“ heißt, weil der Schöpfer ihnen Sein Angesicht zeigt –, hat der Mensch, solange er zum eigenen Nutzen arbeitet, ein Verlangen nach der Arbeit, weil ihm dies von Natur aus lieb ist, für das Verlangen zu empfangen zu arbeiten. Anders, wenn der Mensch um des Himmels willen arbeiten will, also zum Nutzen des Schöpfers und nicht zum eigenen Nutzen: Dieses Verlangen gehört zur Ebene „Israel“ im Menschen, und dieses Verlangen wird „die Gehasste“ genannt, weil der Schöpfer Sein Angesicht vor ihnen verbirgt.
Das heißt: Damit der Mensch der Ebene „Israel“ gewürdigt werde, verbirgt der Schöpfer Sein Angesicht vor ihnen. Denn wenn der Mensch auf der Ebene wandeln will, dass „alle seine Handlungen zum Nutzen des Schöpfers seien“, und um dahin zu gelangen, dass sie um des Gebens willen empfangen können, musste es eine Verbergung und eine Einschränkung über Tora und Mizwot geben, damit sie sagen können, dass sie Tora und Mizwot ohne jeden Lohn erfüllen, sondern nur zum Nutzen des Schöpfers. Und da dies gegen die Natur ist, ist diese Arbeit dem Körper verhasst. Und wenn der Mensch gerade um des Himmels willen arbeiten will, bleibt ihm kein anderer Rat, als zum Schöpfer zu beten, dass Er ihm die Kraft der Überwindung über das Verlangen zu empfangen gebe, um es zu unterwerfen.
Und diese Kraft empfängt der Mensch von oben, wie geschrieben steht: „Wer kommt, sich zu reinigen, dem hilft man.“ Das heißt, man gibt ihm eine Seele von oben. So zeigt sich, dass der Mensch gerade dadurch, dass er die „Gehasste“ gegenüber der Ebene „Israel“ in sich hat und deshalb nicht die Kraft hat, sich zu überwinden, wie oben – da das Geben dem Körper verhasst ist –, überhaupt die Möglichkeit hat, dass er wahrhaft der Stufe „Israel“ gewürdigt werde. Das heißt: gerade dadurch, dass er Hilfe von oben erbittet.
Und das ist, wie oben: Durch die beiden Kräfte, die im Menschen sind, nämlich den bösen Trieb und den guten Trieb, kann der Mensch zur Vollendung des Ziels gelangen, da beide ihn bewahren, dass er nicht vom rechten Weg abweiche, weder nach rechts noch nach links, sondern dazu gelange, das Ziel in seiner Vollkommenheit zu erlangen, nämlich das Gute und den Genuss zu empfangen, die der Schöpfer den Geschöpfen geben will.
Und demnach folgt: Die geliebte Frau ist die Ebene „Götzendienst“, und die gehasste Frau ist die Ebene „Israel“. Und dazu ist hinzuzufügen, dass diese beiden Kräfte, nämlich das Verlangen zu empfangen und das Verlangen zu geben, auch mit den Namen „Mensch“ und „Tier“ bezeichnet werden. Das heißt: Das Verlangen zu empfangen, das im Menschen ist, ist die Ebene „Tier“, die zur Ebene der Lebewesen gehört, bei denen nur der eigene Nutzen gilt. Und die Ebene „Sprechendes“ ist die Ebene „Mensch“, nämlich das Verlangen zu geben, das der Mensch erlangen soll. Und das kann er nur durch große Anstrengung erlangen, aus dem oben genannten Grund, dass der Mensch von Natur aus nicht verstehen kann, wie man etwas zum Nutzen des Schöpfers tut.
Das heißt: Der Mensch ist besorgt, die Forderungen seines „Tieres“ zu erfüllen. Doch was die Ebene „Mensch“ in ihm fordert, das liegt nicht in der Hand des Menschen zu erfüllen. Vielmehr muss man den Schöpfer bitten, dass Er ihm die Kraft der Überwindung über sein „Tier“ gebe. Denn ohne die Hilfe des Schöpfers herrschen Gedanken und Verlangen, die die Ebene „Mensch“ hassen, wie oben – dass die Ebene „Israel“ die Ebene „Mensch“ ist, wie unsere Weisen sagten: „Ihr werdet ‚Mensch‘ genannt, und die Götzendiener werden nicht ‚Mensch‘ genannt“ (Yewamot 61). Das heißt, wie oben: Die „gehasste Frau“ ist die Ebene „Israel“, vor der der Schöpfer Sein Angesicht verbirgt.
Und mit dem Gesagten lässt sich auslegen, was unsere Weisen sagten (Awot 1,15 [Sprüche der Väter]): „Heiße jeden Menschen mit freundlichem Angesicht willkommen.“ Und man muss verstehen, worauf uns das in der Arbeit hindeutet. Nun, wie oben: Wenn der Mensch etwas für seine Ebene „Mensch“ tun will – und da die Ebene „Mensch“ die gehasste ist, weil alle Sorgen des Menschen nur darauf gerichtet sind, alle Forderungen zu erfüllen, die sein „Tier“ fordert, und die Ebene Tier dem Körper lieb ist, anders als die Ebene „Mensch“, die die Ebene „Israel“ ist und dem Körper verhasst –, deshalb kamen die Weisen und mahnten: „Heiße jeden Menschen willkommen“, wobei das Wort „jeden“ sogar alles einschließt, was zur Ebene Mensch gehört.
Das heißt: Man soll sogar eine kleine Sache wertschätzen, wenn sie zur Ebene „Mensch“ gehört. Die Weisen sagten uns, dass wir uns bemühen müssen, die Ebene „Mensch“ mit freundlichem Angesicht anzunehmen und nicht so, wie sie in unseren Augen als die gehasste erscheint, weil der Schöpfer Sein Angesicht vor ihnen verbirgt. Vielmehr müssen wir über dem Verstand gehen und jeden Menschen annehmen, über das hinaus, was uns der Verstand des Körpers sagt. Das heißt, wir müssen Dinge tun, die zur Ebene „Mensch“ passen.
Und obwohl unser „Tier“ schreit und sagt, dass diese Arbeiten, die man für die Ebene Mensch tun will, zu Menschen passen, die nicht bei klarem Verstand sind – denn was wir, das Tier, fordern, das ist vernünftig, und der Beweis dafür ist, dass diese Arbeit dem Körper lieb ist. Was er aber für die Ebene Mensch zu arbeiten gedenkt – [der Verstand sagt:] Siehst du denn nicht, dass es dem Körper verhasst ist? Und gewiss klingt das, was der Verstand sagt, einleuchtend. Denn er sagt: Dass du für die Ebene Tier arbeitest, das ist verständig, und diese Arbeit passt zu einem vernünftigen Menschen; jene Arbeit aber, die du für die Ebene Mensch tun willst, das ist „Tun eines Tieres“, das heißt ohne Verstand.
Dazu sagen uns die Weisen, dass wir nicht auf den Körper hören sollen, was er sagt, wenn er die „Behauptung des Menschen“ vorbringt, sondern die „ganze Ebene Mensch“ mit freundlichem Angesicht annehmen und sagen sollen: Obwohl dem Verstand und der Erkenntnis nach die Ebene Mensch die gehasste ist, glaube ich doch an die Worte der Weisen und nehme sie mit freundlichem Angesicht an.
Und damit lässt sich auslegen, was die Weisen sagten: „Mensch und Tier rettest Du, o Schöpfer.“ Das sind Menschen, die im Verstand klug sind wie Menschenkinder und sich doch stellen wie ein Tier. Und das ist, wie oben: Obwohl du nach dem Verstand recht hast – denn der Mensch soll auf dem Weg gehen, der ihm lieb ist –, „stellt er sich dennoch wie ein Tier“, das keinen Verstand hat, und geht im Glauben über dem Verstand.
Doch wir müssen glauben, dass wir dadurch, dass wir Tora und Mizwot auf der Ebene der Tat in allen ihren Einzelheiten und Feinheiten erfüllen, im Verdienst der Handlungen gewürdigt werden, dass der Schöpfer uns von oben Hilfe gebe, sodass wir die Kraft haben, vorwärtszugehen und dazu gewürdigt zu werden, das Ziel zu erreichen, das darin besteht, dass der Mensch das Gute und den Genuss empfängt, die im Schöpfungsziel liegen. Und das aus dem Grund: Wenn wir Tora und Mizwot ohne jede Bedingung erfüllen, nur aus dem Grund, dass es das Gebot des Schöpfers ist, so nennt man dies „Erweckung von unten“, wodurch das Licht und die Fülle von oben herabgezogen werden und sie aus der Herrschaft des Bösen heraustreten können.
Und das ist, wie die Weisen sagten (Rashi im Namen der Mechilta) zu dem, was geschrieben steht (Bo, vierter Abschnitt [2. Buch Mose]): „Und Ich werde das Blut sehen und an euch vorübergehen, und keine Plage wird unter euch sein, um zu verderben.“ (er fragt:) „Und Ich werde das Blut sehen“ – alles ist doch vor Ihm offenbar? Vielmehr sagte der Schöpfer: Ich richte Mein Auge darauf zu sehen, dass ihr euch mit Meinen Mizwot beschäftigt, und Ich gehe an euch vorüber.
Wir sehen, dass die Weisen sagen: Damit keine Plage unter ihnen sei, das heißt, um aus der Herrschaft des Bösen herauszutreten, die „die Ebene des Todes“ genannt wird – wie die Weisen sagten: „Die Frevler werden schon zu ihren Lebzeiten Tote genannt“ –, wurde uns die Arbeit auf der Ebene der Tat gegeben. Denn im Verdienst der Handlungen, die wir tun, offenbart Sich der Schöpfer uns von Neuem, wie es heißt: „Und es soll euch zum Zeichen sein. Was lehrt uns das? Vielmehr: zum Lohn für die Mizwa, die ihr tut, verschone Ich euch.“ Also wird der Mensch im Verdienst des Tuns der Mizwot aus der Herrschaft des Verlangens zu empfangen, das „böser Trieb“ genannt wird, errettet und dazu gewürdigt, das Verlangen zu geben zu erlangen.
Doch wer auf einer einzigen Linie geht, das heißt, wer sich mit der Ebene der Tat begnügt, wenn er um des Himmels willen handelt, und nicht auf die Absicht achtet – nämlich dass auch die Absicht um des Himmels willen ist –, der kann nicht zur Erlangung des Verlangens zu geben gelangen, das „Anhaftung“ genannt wird. Und das aus dem Grund, dass er keinen Mangel hat. Deshalb: Jene Menschen, die schon von der einen Linie zur rechten Linie übergegangen sind, sehen dann ihre Niedrigkeit, dass kein einziges Glied im Menschen ist, das etwas zum Nutzen des Schöpfers tun möchte. Und er sehnt sich danach, dass der Schöpfer ihn vom Tod errette, das heißt aus der Herrschaft der Selbstliebe. Dann ist sein Rat, um dessen gewürdigt zu werden, dass der Schöpfer Sich ihm offenbart, das heißt, dass er das Verlangen zu geben erlangt, wobei der Mensch dann an den Schöpfer angehaftet ist – dies kann der Mensch nur im Verdienst des Tuns erlangen. Und er will, dass der Lohn für das Erfüllen von Tora und Mizwot die Anhaftung an den Schöpfer ist. Und das ist es, was gesagt wird: „Vielmehr zum Lohn für die Mizwa, die ihr tut, verschone Ich euch“, was bedeutet, dass Er uns verschont und uns vom Tod errettet, der die Herrschaft des Verlangens zu empfangen ist, wie oben.
Doch wir sehen, dass der Mensch alles, was nicht auf dem Weg der Korrektur liegt, tun kann. Und wir sehen, dass dies sowohl bei Erwachsenen als auch bei kleinen Kindern gilt. Und vor allem sehen wir dies bei kleinen Kindern. Denn bei Erwachsenen ist jede Sache schon mit vielerlei Ursachen vermischt, deshalb können sie die Wahrheit nicht sehen. Anders bei Kindern, wo man dies offener sieht: Kinder können den ganzen Tag voller Tatkraft sein. Bittet man sie aber, etwas zu tun, so sagen sie, dass sie keine Kraft zur Arbeit haben. Und man muss wissen, dass dies aus der Welt der Nekudim [wörtlich: Punkte] stammt, in der das Zerbrechen der Gefäße war. Deshalb ist für alles, was nicht zur Korrektur gehört, Kraft zur Arbeit da. Anders, wenn die Sache zur Korrektur gehört: Hier ist bereits Anstrengung nötig, wegen des Widerstands des Körpers.
Deshalb kann der Mensch, wenn er auf einer einzigen Linie geht, Tora und Mizwot in jeder Weise wahren. Doch wenn er auf der Ebene der rechten Linie geht, wo die Arbeit dann auf dem Weg der Korrektur ist, muss der Mensch schon große Anstrengung aufwenden, um auf dem Weg der Rechten zu gehen. Deshalb ist Überwindung nötig.
korrOp, EY, 27.07.2026, 06:05 Uhr, Ver2