1991/39 Was bedeutet es, dass die Rechte in der Arbeit stärker sein muss als die Linke?
Im Sohar steht geschrieben (Nasso 215, im Sulam [Leiterkommentar zum Sohar] Punkt 174): „Diese Mizwa, dass der Priester das Volk jeden Tag mit erhobenen Fingern segnet – denn die Finger stehen im höchsten Geheimnis: Die fünf Finger der rechten Hand wiegen schwerer als die der linken, weil die Rechte wichtiger ist als die Linke. Und darum muss der Priester beim Segnen des Volkes die Rechte höher erheben als die Linke.“
Wir müssen verstehen, was „rechts“ in der Arbeit ist, was „links“ in der Arbeit ist und warum die Rechte wichtiger ist als die Linke.
Bekanntlich gilt für den geordneten Ablauf der Arbeit des Menschen: Will er zur Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer gelangen – also zur Angleichung der Form, bei der er all sein Tun mit der Absicht zu geben verrichtet –, so sind zwei Zustände zu unterscheiden:
1) einen Zustand der Vollkommenheit: Alles, was er denkt und tut, hat keinerlei Mangel;
2) einen Zustand der Mängel: Alles, was er denkt und tut, ist voller Mängel.
Wir brauchen beide Zustände. Der Zustand der Vollkommenheit ist nötig, damit der Mensch aus seinen Zuständen Lebenskraft, Freude und Genuss schöpft. Spürt er in allem, was er tut, Mängel, hat er nichts, wovon er leben kann; denn der Mensch ist von Natur aus so geschaffen, dass er Genuss empfangen muss, solange er lebt. Das ergibt sich aus dem Ziel der Schöpfung, das in „Seinem Wunsch, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun“ gründet. (In den Worten des ARI heißt dies „Siwug (Paarung), um die Welten am Leben zu erhalten“, denn ohne Lebenskraft würde die Welt aufhören zu bestehen. Darum nennt man dies „immerwährenden Siwug“.) Möglich ist das nur, wenn der Mensch sich mit Wenigem begnügt, sich über seinen Anteil an dem freut, was er hat, und sagt, dass ihm nicht mehr zusteht als den übrigen Menschen.
In der Arbeit bedeutet das: Er sagt, dass er sich über seinen Anteil freut – darüber, dass der Schöpfer ihm ein Verlangen und einen Wunsch gegeben hat, etwas in der Heiligkeit zu tun. Er freut sich also, dass er Tora und Mizwot erfüllen kann, sogar ganz ohne Verständnis und ohne Absicht. Denn er sieht, dass es viele Menschen gibt, die nicht einmal das Wenige haben, das er in Tora und Arbeit tut. Es ist wie im Materiellen: Wer sich mit Wenigem begnügen will, muss auf die Menschen schauen, die leben und sich freuen, obwohl sie nicht einmal die Hälfte seines Einkommens haben. So kann er sich über seinen Anteil im Materiellen freuen.
Ebenso ist es im Spirituellen. Er freut sich über seinen Anteil, weil er sieht, dass es Menschen gibt, die überhaupt keinen Halt an Tora und Mizwot haben, während er selbst wenigstens ein wenig Halt daran hat. Daraus schöpft er Lebenskraft: Er kann den Schöpfer dafür loben und preisen, dass Er ihm ein wenig Halt daran gegeben hat. Dabei ist zu bedenken: In dem Augenblick, in dem der Mensch dem Schöpfer dankt, befindet er sich in einem Zustand der Annäherung an den Schöpfer; denn der Dank, den ein Mensch ausspricht, bezieht sich auf Gegenwart und Vergangenheit. So kann dies in Vollkommenheit geschehen.
Anders ist es, wenn der Mensch zum Schöpfer betet, dass Er die Wünsche seines Herzens erfüllt: Dann muss der Mensch sich im Augenblick des Gebets stärken, sich im Glauben festigen, dass der Schöpfer das Gebet eines jeden Mundes erhört; sonst kann sein Gebet nicht von ganzem Herzen sein, da er glauben muss, dass der Schöpfer jeden Mund erhört. Mein Vater und Lehrer [Baal Sulam] sagte, dass der Mensch im Augenblick des Gebets an das glauben muss, was geschrieben steht: „Denn Du erhörst das Gebet eines jeden Mundes.“ „Eines jeden Mundes“ heißt: selbst eines Mundes, der nicht würdig ist, also voller Mängel ist und keinerlei Verdienste hat. Dennoch hilft der Schöpfer allen – vorausgesetzt, der Mensch betet von ganzem Herzen, das heißt, er glaubt über dem Verstand, was geschrieben steht: dass der Schöpfer jeden Mund erhört. Nur dann kann der Mensch von ganzem Herzen beten, also ohne Zweifel.
Wenn der Mensch nun in der Eigenschaft der Linken arbeitet, schaut er hin und sieht, wie nackt und von allem entblößt er ist, und wünscht sich, dass der Schöpfer seine Wünsche erfüllt. Dann fällt es ihm schwer zu glauben, dass der Schöpfer ihm helfen wird, und er braucht eine große Stärkung, um von ganzem Herzen beten zu können. Darum schöpft der Mensch aus dem Gebet über seine Mängel keine Lebenskraft, denn er lebt in Zweifeln: Er sieht, wie oft er schon gebetet hat, und doch ist es, als würde der Schöpfer sein Gebet nicht erhören. Deshalb fällt es ihm schwer, aus dem Gebet Lebenskraft zu schöpfen.
Anders verhält es sich in der Eigenschaft der Rechten, wie zuvor gesagt: Da geht der Mensch auf dem Weg der Vollkommenheit und ist mit allem zufrieden, was er tut, weil er das Verdienst hat, dass der Schöpfer ihm etwas gibt, das er in Tora und Mizwot tun kann. Dann aber ist die Zeit, in der es verboten ist, auf die Mängel zu schauen; denn Lebenskraft schöpft man nur aus der Vollkommenheit. Darum muss der Mensch alle seine Kräfte aufbieten und darauf schauen, wie der Schöpfer in allen Vorzügen vollkommen ist, und sich alle nur möglichen Bilder ausmalen, wie der Schöpfer die Welt in höchster Vollkommenheit lenkt. Und wie mein Vater und Lehrer sagte, muss der Mensch über dem Verstand glauben, dass der Schöpfer die Welt mit höchster Güte und höchstem Genuss lenkt – so sehr, dass sich dem nichts hinzufügen lässt. Und obwohl der Mensch dies nicht sehen kann, solange er das Verlangen zu geben noch nicht erlangt hat, muss er dennoch glauben, dass es so ist.
Demnach weiß der Mensch, der auf dem Weg der Vollkommenheit geht und dem Schöpfer dankt, bereits Folgendes: Er dankt nur deshalb, weil er schon in einem gewissen Maß an die Größe des Schöpfers glaubt. Und er dankt Ihm dafür, dass der Schöpfer einen so niedrigen Menschen wie ihn gerufen hat und will, dass er Ihm dient, also Seine Mizwot erfüllt. Denn dass er überhaupt etwas in Tora und Mizwot tun kann, kommt daher, dass der Schöpfer ihm den Gedanken und das Verlangen gegeben hat, etwas in Tora und Mizwot zu tun. Das ist so, als hätte der Schöpfer den Menschen gerufen und ihm gesagt: „Ich gebe dir die Erlaubnis, den Palast der Heiligkeit zu betreten und Mir einen Dienst zu erweisen.“
Beim Dank für Vergangenheit und Gegenwart hat der Mensch also keine Zweifel mehr. Denn wenn er nicht in allem über dem Verstand geht, hat er keine Kraft, dem Schöpfer zu danken. Anders beim Gebet: Es ist auf die Zukunft gerichtet. Da weiß er nicht mit Gewissheit, ob der Schöpfer ihm helfen wird, denn über das, was kommen wird, kann der Mensch nichts sagen.
Aus dem Gesagten ergibt sich: Der Mensch muss zwar sowohl in der Eigenschaft der Rechten als auch in der Eigenschaft der Linken arbeiten – und wir haben erklärt, dass „die Rechte“ Vollkommenheit heißt, die immerwährend sein muss, weil der Mensch nur aus der Vollkommenheit Lebenskraft empfangen kann, wie erwähnt. Doch aus der Vollkommenheit kann der Mensch keine höhere Stufe hervorbringen. Da er keinen Mangel hat – wer sagt ihm dann, dass er weitergehen muss? Das heißt, er muss die Eigenschaft einer höheren Stufe hervorbringen (was in den Worten des ARI „Siwug zur Geburt von Seelen“ heißt; und dieser Siwug ist nicht immerwährend, sondern nur zur Zeit des Aufstiegs). Das heißt: Die Vollkommenheit, bei der er sich – wie man sagt – mit der Eigenschaft von Chessed (Gnade) befasst, ist ihm wichtig, obwohl es eine Handlung ohne Absicht ist, und er freut sich über seinen Anteil, denn daraus empfängt der Mensch Lebenskraft. (Wie gesagt heißt dies „Siwug, um die Welten am Leben zu erhalten“; das ist die Eigenschaft von Chassadim (Gnaden), gemäß „denn Er hat Gefallen an Gnade“. Und er braucht nichts, sondern freut sich über seinen Anteil. Und das heißt „immerwährender Siwug“.)
Um jedoch zu einer höheren Stufe zu gelangen, die „Vereinigung zur Geburt von Seelen“ heißt – die Geburt von Seelen kann ja, wie schon gesagt, nur aus Mängeln geschehen und nicht aus der Vollkommenheit –, gilt, was im Sohar steht: „Wer kommt, um sich zu reinigen.“ Das bedeutet: Wenn der Mensch sieht, dass er unrein ist – dass er also unter der Herrschaft des Verlangens zu empfangen steht, der Unreinheit (Tuma) im Herzen des Menschen –, und wenn er trotz allem, was er tut, nicht aus dieser Herrschaft herauskommt, dann betet er von ganzem Herzen zum Schöpfer, dass Er ihm hilft. Und es erfüllt sich, was unsere Weisen sagten: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem hilft man.“ Der Sohar fragt: „Womit?“ Und er antwortet: „Mit einer heiligen Seele.“
So sehen wir: Gerade aus Mängeln lässt sich die Eigenschaft einer Seele hervorbringen, nämlich aus einem Gebet aus der Tiefe des Herzens. Damit lassen sich die Worte des ARI erklären, dass der Siwug zur Geburt von Seelen nicht immerwährend ist, sondern gerade zur Zeit des Aufstiegs. Das bedeutet: Wenn der Mensch in der Stufe aufsteigen und jedes Mal eine höhere Seele erlangen will, dann muss er in sich selbst irgendeinen Mangel suchen, um seinen Mangel zu füllen. Das geschieht eben dann, wenn er Hilfe vom Schöpfer fordert; und das bewirkt die Geburt neuer Seelen. Das heißt: Weil er sich nicht mit Wenigem begnügt und seinen Mangel spürt, gibt man ihm von oben eine höhere Seele, bis er das NaRaNChaY [Nefesh, Ruach, Neshama, Chaja, Yechida] seiner Seele erlangt.
Daraus folgt: Die Rechte, also die Vollkommenheit – dieser Weg muss immerwährend sein, weil der Mensch alles mit Lebenskraft tun muss. Aus einem Mangel aber hat der Mensch keine Freude; er kann daraus, dass er einen Mangel hat, keine Lebenskraft schöpfen. Deswegen ist die Linke, die Eigenschaft des Mangels, etwas, woraus der Mensch keine Lebenskraft empfängt; denn wenn er sieht, dass er im Mangel ist – worüber soll er sich dann freuen? Darum muss der Mensch im Allgemeinen und immerwährend auf der rechten Linie sein. Nur einen kleinen Teil der Zeit, die er sonst der Tora und der Arbeit widmet, soll der Mensch als besondere Stunde festsetzen – und zwar nicht in einem Zustand des Abstiegs, sondern gerade zur Zeit des Aufstiegs. Dann kann er sicher sein, dass er nicht in Traurigkeit verfällt, wenn er seine Mängel sieht.
Vielmehr wird er dann gestärkt sein, sodass es ihm gelingt, ein Gebet aus der Tiefe des Herzens darzubringen – dass ihm also im Augenblick des Gebets die Kraft des Vertrauens leuchtet, dass der Schöpfer das Gebet eines jeden Mundes erhört. In den übrigen Stunden der Arbeit aber geht er nur auf dem Weg der Rechten, wie zuvor; denn auf dem Weg der Rechten ist der Mensch in Vollkommenheit mit dem Schöpfer, und darum empfängt er dann von der Eigenschaft des umgebenden Lichtes. Der ARI sagt, dass das umgebende Licht aus der Ferne leuchtet. Das bedeutet – so sagte mein Vater und Lehrer –: Selbst wenn der Mensch noch fern von der Angleichung der Form ist, also das Verlangen zu geben noch nicht erlangt hat, leuchtet ihm dennoch das umgebende Licht, und daraus empfängt er Lebenskraft und Freude. Bei der Linken ist es umgekehrt.
Nach dem Gesagten lässt sich erklären, was geschrieben steht (Pinchas, dritter Abschnitt): „Diesen soll das Land als Erbe verteilt werden nach der Zahl der Namen. Dem Vielen sollst du sein Erbe mehren, und dem Wenigen sollst du sein Erbe mindern.“ Die Tora-Kommentatoren fragen: Wenn geschrieben steht „Dem Vielen sollst du sein Erbe mehren“, so versteht sich von selbst „und dem Wenigen sollst du mindern“ – warum also die doppelte Ausdrucksweise beim Wenigen? Man kann dies im Sinne der spirituellen Arbeit erklären. Bekanntlich lernt man dort alles an einem einzigen Menschen; das heißt, „dem Vielen sollst du mehren“ und „dem Wenigen sollst du mindern“ bezieht sich alles auf ein und denselben Menschen.
Was aber ist „viel“ und was „wenig“? „Viel“ lässt sich als Vollkommenheit deuten, „wenig“ heißt Mangel. Und da wir lernen, dass die rechte Linie Vollkommenheit heißt, heißt die rechte Linie „viel“. Wie erwähnt: Bei allem, worin der Mensch ein wenig Halt in der Arbeit hat, glaubt er, dass der Schöpfer ihm den Gedanken und das Verlangen gegeben hat, Tora und Mizwot zu erfüllen, und er sagt, dass er nicht wichtiger ist als die übrigen Menschen. Denn solange er noch nicht auf der linken Linie arbeitete, hatte er bei allem, was er tat, Lebenskraft und Genuss; und so wusste er, dass dies sehr wichtig ist und dass er dafür sicher einen großen Lohn empfängt.
Auch jetzt, da er begonnen hat, auf der linken Linie zu gehen, muss er in der Eigenschaft des Niedrigen sein, wie geschrieben steht: „Sei überaus, überaus niedrigen Geistes.“ Das gilt auch, nachdem er auf der linken Linie bereits begonnen hat, seine Mängel zu sehen, die ihm die linke Linie zeigt; dieses Sehen hat er aus der Eigenschaft „und sein Herz erhob sich auf den Wegen des Ewigen“ empfangen. Aber jetzt, da er in der Eigenschaft der Rechten arbeitet, wo er sich niedrig machen muss, ist das eine große Arbeit, weil beides „zwei einander widersprechende Schriftstellen“ heißt. Anders war es zu der Zeit, als er auf einer einzigen Linie ging.
Doch so sind die Wege des Schöpfers. Der Mensch muss sich im Glauben an die Weisen (Emunat Chachamim) darauf verlassen, dass dies die Ordnung der Arbeit ist. So gibt es einen gewaltigen Unterschied in der Art der Arbeit – je nachdem, ob er in der Eigenschaft der Rechten arbeitet oder auf einer einzigen Linie. Aber nach dem, was wir lernen, brauchen wir beide Linien. Beide können nicht gleichzeitig in derselben Sache bestehen, sondern nur nacheinander. Nun stellt sich die Frage: Wenn wir beide Linien brauchen und der rechten wie der linken eine bestimmte Zeit geben müssen – wie viel seiner Arbeitszeit muss er auf der rechten und wie viel auf der linken Linie gehen?
Von hier aus erklärt sich, was geschrieben steht: „Dem Vielen sollst du sein Erbe mehren.“ „Dem Vielen“ meint die Art der Arbeit, die man Vollkommenheit und rechte Linie nennt und die, wie zuvor gesagt, „viel“ heißt, nämlich die Eigenschaft der Vollkommenheit. „Sollst du sein Erbe mehren“ heißt: Du sollst mehren, indem du der rechten Linie viel von der Zeit gibst, die du der Tora und den Mizwot widmest.
Und was geschrieben steht: „und dem Wenigen sollst du sein Erbe mindern“, bedeutet: „und dem Wenigen“ meint die Eigenschaft des Mangels, die man linke Linie nennt. Hier beginnt der Mensch Rechnung darüber abzulegen, was er dadurch gewonnen hat, dass er die eine Linie verließ und in die Arbeit des Gebens eintrat. Er sieht, dass er in der Arbeit nicht nur keinen Fortschritt gemacht hat, sondern zurückgefallen ist: Er hat jetzt nicht die Lebenskraft und die Freude, die er hatte, als er auf der einen Linie ging. Und obwohl er betet, dass der Schöpfer ihm die Kraft des Verlangens zu geben verleiht, sieht er doch, dass er darum schon viele Gebete gesprochen hat und man von oben nicht auf ihn achtet. Oft will er darum vom Schlachtfeld fliehen. Und obwohl die Arbeit der linken Linie wichtig ist – wie schon gesagt, kommt die Geburt von Seelen ja gerade aus der linken Linie –, muss man dennoch im Glauben an die Weisen darauf vertrauen, dass man sich mit der linken Linie gerade zur Zeit des Aufstiegs befassen darf, wenn der Mensch gestärkt ist und die Linke durch das Gebet überwinden kann. Aber nur für kurze Zeit, wie geschrieben steht: „dem Wenigen sollst du sein Erbe mindern“. Das „du sollst mindern“ bedeutet: Du sollst ihr nicht viel von deiner Arbeitszeit geben.
Somit hat das Wort „wenig“ zwei Deutungen:
1) wenig, das heißt Mangel, so wie man etwa sagt: Dieser Mensch hat wenig Einkommen;
2) wenig Zeit.
So bedeutet das, was geschrieben steht – „und dem Wenigen sollst du mindern“ –: „und dem Wenigen“ meint Mangel, also Verminderung in der Arbeit des Gebens, und „sollst du mindern“ meint Verminderung der Zeit. Damit erklärt sich auch, was es bedeutet, dass die Rechte in der Arbeit stärker sein muss als die Linke, und ebenso, was der Sohar sagt: dass „der Priester, wenn er das Volk segnet, die Rechte höher erheben muss als die Linke“. Zu erklären ist es wie zuvor: Die Rechte weist auf Vollkommenheit hin, und Vollkommenheit ist die Eigenschaft von Chessed – Chessed bedeutet, dass er nichts braucht, sondern nur gibt. Darum dankt der Mensch dem Schöpfer, wenn er seine Niedrigkeit spürt und sagt, dass der Schöpfer ihm Chessed erweist, indem Er ihm ein wenig Halt in Tora und Arbeit gegeben hat.
Spricht man von der Eigenschaft der Arbeit, wo sich alle Dinge auf einen einzigen Menschen beziehen, so ist beim Priester, der das Volk segnet, mit „Priester“ der Diener des Schöpfers gemeint. „Er segnet das Volk“ meint den Menschen selbst, der in der Arbeit „das Volk“ genannt wird – wie unsere Weisen sagten (Sanhedrin 37): „Deshalb ist jeder Einzelne verpflichtet zu sagen: Um meinetwillen wurde die Welt erschaffen.“ Darum lernt man in der Arbeit die ganze Welt an einem einzigen Menschen. „Er muss die Rechte höher erheben als die Linke“ – um zu wissen, dass die Rechte wichtiger ist als die Linke, obwohl man aus der Linken die Geburt neuer Seelen erlangt, wie erwähnt.
Dennoch kann der Mensch, wenn er sich mit Mängeln befasst, daraus keine Lebenskraft empfangen; darum muss er auch in der Rechten arbeiten. Der Sohar lehrt uns, dass man die meiste Zeit der Rechten geben muss. Wenn er sagt, dass „der Priester die Rechte höher erheben muss als die Linke“, so darum, weil die Rechte wichtiger ist. Im Sohar (Pekudei, Blatt 211, im Sulam Punkt 683) heißt es: „Denn das Wesentliche ist, dass die Linke nicht größer wird als die Rechte.“ Und das ist das Geheimnis dessen, was unsere Weisen sagten (Jewamot 63): „Wer in der Stufe herabsteigt, nehme sich eine Frau“ [der Mensch muss von seiner Stufe herabsteigen, um eine Frau zu nehmen]. Dort spricht er vom Weg der Stufen in den oberen Welten. Und wie es oben in den oberen Stufen ist, so ist es auch unten in der Arbeit des Menschen üblich – sogar noch bevor er das Öffnen der Augen in der Tora erlangt hat. Dort bedeutet „links“ die Zeit, in der das Licht von Chochma leuchtet, das in den Gefäßen des Empfangens ist. Und das muss natürlich mit der Absicht zu geben geschehen; die Rechte aber, die das Licht von Chassadim ist, hat er noch nicht empfangen. Es heißt „links“, weil alles, worin ein Mangel ist, „links“ genannt wird.
Dann ist der Weg der Korrektur so, dass das Licht von Chassadim, das „rechts“ heißt, größer sein muss als das Licht von Chochma. Das heißt, das Licht von Chochma darf nicht mehr als die halbe Stufe einnehmen. Das Licht von Chassadim ist die Rechte; es bewahrt das Licht von Chochma, damit dieses mit der Absicht zu geben bleibt, und muss darum größer sein als das Licht von Chochma. Dann wird das Licht von Chochma in der Stufe Bestand haben. Und das ist wie schon gesagt: Der Priester soll beim Segnen die Rechte höher erheben als die Linke – das heißt, dass Chessed wichtiger sein muss als die Linke.
Und was geschrieben steht – „Und das ist das Geheimnis: Wer in der Stufe herabsteigt, nehme sich eine Frau“ – bedeutet: Wenn der Mensch das Licht von Chochma empfangen will, das die Eigenschaft Malchut ist – denn Malchut heißt „untere Chochma“ –, soll er es nicht in ihrem Zustand der Gadlut (der Größe) nehmen. Vielmehr gilt „wer in der Stufe herabsteigt“: Der Mensch muss sich bemühen, dass sich das Licht von Chochma, das „Frau“ genannt wird und Malchut ist, wie erwähnt, bereits im Zustand des Abstiegs befindet, wenn er es empfangen will – das heißt, dass sie nur noch die Hälfte von dem hat, was sie vorher hatte. Dann kann er Chassadim empfangen, sodass die Chassadim mehr sein werden als die Chochma. Und dann werden sie Bestand haben. Und das ist „wer in der Stufe herabsteigt, nehme sich eine Frau“.
Nach dem Gesagten lässt sich erklären, was geschrieben steht (Sanhedrin 44b): „Rabbi Elasar sagte: Immer soll der Mensch dem Unglück ein Gebet vorausschicken.“ Zu deuten ist das wie zuvor: Der Mensch tritt nicht in die Arbeit der Linken ein, bevor er zuvor in der Eigenschaft der Rechten gearbeitet hat, die als Eigenschaft der Vollkommenheit gilt. Das heißt: Ihm fehlt nichts, sondern er dankt und lobt den Schöpfer dafür, dass Er ihm ein wenig Halt in der Arbeit für den Schöpfer gegeben hat; und danach tritt er in die Arbeit der Linken ein. Dann sieht er, dass er sich im Unglück befindet – dass er weder Tora noch Arbeit hat, wie es einem Diener des Schöpfers entspricht. Und dann spürt er, wie fern er von der Liebe zum Schöpfer ist, also davon, für Ihn zu arbeiten – nur mit der Absicht, seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten, und überhaupt nichts zum eigenen Nutzen. Dann sieht er, wie der Körper sich dem widersetzt. Und er sieht nicht, dass jemals die Zeit kommt, in der er wirklich etwas nur zum Geben tun kann.
Wenn er also in den Weg der Linken eintritt, heißt das die Eigenschaft des „Unglücks“, und ihm bleibt kein anderer Rat, als zum Schöpfer zu beten, dass Er ihm hilft und ihm das Verlangen zu geben verleiht, das „zweite Natur“ genannt wird. Denn dann kommt das Gebet aus der Tiefe des Herzens, und der Schöpfer erhört sein Gebet.
Damit versteht sich auch, was unsere Weisen sagten: „Immer soll der Mensch dem Unglück ein Gebet vorausschicken.“ Denn es kann geschehen, dass er in Verzweiflung gerät, wenn er in der Eigenschaft der Linken zu arbeiten beginnt und sieht, in welchem Zustand der Niedrigkeit er sich befindet – dass er also vom Schlachtfeld fliehen will, was „Unglück“ heißt. Er muss ein Gebet vorausschicken – das heißt, er muss zuerst prüfen, ob er die Kraft haben wird zu beten, wenn er sich im Zustand des Unglücks befindet; andernfalls darf er nicht in die Arbeit der linken Linie eintreten. Und das ist es, was sie sagten: „Der Priester, der das Volk segnet, muss die Rechte höher erheben als die Linke.“ Das heißt wie schon gesagt: Die Rechte muss größer sein als die Linke – der Mensch muss also auf die geeignete Zeit warten, um von der Arbeit der Rechten zur Arbeit der Linken überzugehen.
Wir müssen daran denken: Die Arbeit der Rechten, die „Vollkommenheit“ genannt wird, ist die Arbeit der Allgemeinheit – die Arbeit in der Eigenschaft der Tat. Das heißt, er erfüllt Tora und Mizwot aufgrund des Gebotes des Schöpfers und um Lohn in dieser Welt und in der kommenden Welt zu empfangen. Und das wird „Arbeit in der Eigenschaft der Tat“ genannt. Die Absicht aber, um zu geben – die „Arbeit der Linken“ genannt wird –, berührt er nicht. Darum spürt der Mensch während der Arbeit Vollkommenheit. Und diese Arbeit der Vollkommenheit heißt „eine einzige Linie“. Und dieselbe Arbeit der Allgemeinheit in der Vollkommenheit erhält, sobald er beginnt, in der Eigenschaft der Absicht zu arbeiten, einen anderen Namen: Dieselbe eine Linie, also die Eigenschaft der Tat der Allgemeinheit, heißt jetzt „rechte Linie“. Darum ist es jetzt schwer, zur Arbeit der Linie der Vollkommenheit, der Eigenschaft der Tat, überzugehen, wenn sie den neuen Namen „Rechte“ erhält.
korrOp, EY, 27.07.2026, 02:38 Uhr, Ver4