1991/42 Was bedeutet „Ein Ochse kennt seinen Besitzer..“ in der Arbeit?
Es steht geschrieben: „Ein Ochse kennt seinen Besitzer und ein Esel die Krippe seines Herrn; Israel erkennt nicht, Mein Volk hat keine Einsicht.“ Worin liegt die Frage? Der Ochse weiß es also sehr wohl, und auch der Esel kennt die Krippe seines Herrn, Israel aber nicht. Sicherlich hat der Mensch doch mehr Verstand als ein Tier. Warum also, so wird gefragt, erkennt Israel nicht und „hat Mein Volk keine Einsicht“, um zu wissen, wer die Geschöpfe versorgt und ihnen Nahrung gibt?
Doch dagegen ist einzuwenden: „Ein Ochse kennt seinen Besitzer“ lässt sich mit Israel gar nicht vergleichen. Denn der Ochse und der Esel sehen den, der ihnen zu fressen gibt; Israel dagegen und das Volk Israel sehen nicht, wer ihr Versorger ist. Sie müssen nur glauben, dass der Schöpfer ihnen alles gibt, was sie brauchen.
Das heißt, das Volk Israel muss glauben, dass der Schöpfer die Welt ernährt und versorgt. Worin liegt dann die Frage, warum der Ochse und der Esel wissen, wer sie versorgt, Israel aber nicht? Sicherlich: Würde Israel den Schöpfer sehen, der ihnen ihre Nahrung gibt, so wie der Ochse und der Esel, dann glichen sie gewiss dem Ochsen und dem Esel und hätten dasselbe Wissen wie diese. Wir aber müssen glauben, was geschrieben steht: „Du öffnest Deine Hand und stillst das Verlangen alles Lebendigen“; denn das kann nur durch Glauben geschehen und nicht durch Wissen wie beim Ochsen.
Wenn dem so ist, muss man verstehen, worin die Frage liegt: „Warum erkennt Israel nicht?“ Zunächst ist zu klären, warum dem Menschen der Glaube gegeben wurde. Denn wer auch nur ein wenig Verstand hat, begreift Folgendes: Wenn der Schöpfer will, dass man Tora und Mizwot erfüllt, dann würde gewiss, könnte der Mensch Seine Vorsehung offen sehen und müsste nicht glauben, dass der Schöpfer die Welt mit einer Vorsehung des Guten, der Gutes tut, lenkt – sähe also jeder Seine Vorsehung –, die ganze Welt dem Schöpfer dienen und Tora und Mizwot in Liebe erfüllen.
Und die offene Vorsehung ist so, wie geschrieben steht (Einführung in den Talmud Esser haSefirot, Punkt 43), und so lautet der Wortlaut: „Nehmen wir zum Beispiel an, der Schöpfer würde mit Seinen Geschöpfen in offener Vorsehung verfahren, und zwar so, dass etwa jeder, der etwas Verbotenes isst, sofort auf der Stelle erstickte, und jeder, der eine Mizwa ausführt, in ihr jenen wunderbaren Genuss fände, der den erlesensten Genüssen dieser materiellen Welt gliche. Denn wer wäre dann so unvernünftig, auch nur daran zu denken, etwas Verbotenes zu kosten, wo er doch wüsste, dass er dadurch sofort sein Leben verlöre? Und wer wäre so unvernünftig, irgendeine Mizwa zu unterlassen, statt sie sofort mit allem Eifer zu erfüllen?“
Warum also hat der Schöpfer es tatsächlich nicht so gemacht, sondern alles auf einem Weg eingerichtet, auf dem man glauben muss und nicht auf dem Weg des Wissens? Mein Vater und Lehrer sagte, dass wir glauben müssen, dass der Schöpfer allmächtig ist. Warum aber hat Er gerade gewählt, dass wir den Weg des Glaubens gehen und nicht den Weg des Wissens? Sicherlich verstand der Schöpfer, dass der Weg des Glaubens der bessere Weg ist, um an seinem Ende zum Schöpfungsziel zu gelangen. Deshalb wurde uns der Weg des Glaubens gegeben.
Und in der Sache des Glaubens gibt es viele Deutungen. Das heißt, jeder gibt seine eigene Deutung. In Wahrheit aber wird jede Deutung des Glaubens, die der Mensch für sich wählt, „Glaube“ genannt. Und dies entspricht dem, was in der Einführung in den Talmud Esser haSefirot (Punkt 14) angeführt wird: „‚Er, dessen Tora sein Handwerk ist‘ – dies ist so zu deuten, dass sich am Maß seiner Beschäftigung mit der Tora das Maß seines Glaubens zeigt. Denn ‚sein Handwerk‘ (Umanuto) besteht aus denselben Buchstaben wie ‚sein Glaube‘ (Emunato). Es ist wie bei einem Menschen, der seinem Freund vertraut und ihm Geld leiht: Vielleicht vertraut er ihm ein Pfund an, verlangt der Freund aber zwei Pfund, so weigert er sich, sie ihm zu leihen. Vielleicht vertraut er ihm bis zu hundert Pfund an, aber nicht mehr. Vielleicht aber vertraut er ihm auch sein ganzes Vermögen an, ohne den geringsten Anflug von Furcht. Dieser letzte Glaube gilt als vollkommener Glaube, während er in den vorherigen Fällen als unvollständiger Glaube gilt, nämlich als teilweiser Glaube. Ebenso setzt der eine nach dem Maß seines Glaubens an den Schöpfer nur eine einzige Stunde seines Tages für die Beschäftigung mit Tora und Arbeit an … und der Dritte lässt keinen einzigen Augenblick seiner freien Zeit ungenutzt, ohne sich mit Tora und Arbeit zu beschäftigen.“
Aus dem Gesagten sehen wir, dass jeder Jude die Eigenschaft des Glaubens besitzt. Warum aber hat der Schöpfer gerade den Weg des Glaubens gewählt? Wie oben gesagt: weil der Weg des Glaubens der erfolgreichste ist, auf dem der Mensch zum Schöpfungsziel gelangt. Das heißt, dass er das Gute und den Genuss empfängt, die im Gedanken der Schöpfung für ihn bestimmt waren, nämlich „Sein Verlangen, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun“.
Doch man muss verstehen, welche Wege der Mensch gehen muss, um die Vollkommenheit des Ziels zu erreichen. Die Antwort ist, dass der Mensch die Korrektur der Schöpfung vollbringen muss. Das heißt: Das Gefäß des Empfangens, das der Schöpfer in den Geschöpfen erschuf – dieses Verlangen ist in seiner Form dem Schöpfer entgegengesetzt, dessen Verlangen es ist, zu geben. Deshalb muss der Mensch sich selbst korrigieren, indem er das Verlangen zu geben erlangt. Und dies nennt man „Korrektur der Schöpfung“. Und darin besteht die ganze Arbeit des Menschen: zur Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer zu gelangen, was die Angleichung der Form bedeutet.
Wäre daher die Vorsehung, mit der der Schöpfer die Welt als der Gute, der Gutes tut, lenkt, offenbart, so gäbe es keinerlei Möglichkeit, dass der Mensch die Kraft zur freien Wahl hätte – also Tora und Mizwot zu erfüllen, um zu geben. Vielmehr würde ihn ein anderer Grund dazu zwingen, aus dem er Tora und Mizwot erfüllen würde, nämlich die Strafe: um des eigenen Nutzens willen und nicht um des Gebotes des Schöpfers willen, wie oben in der Einführung in den Talmud Esser haSefirot gesagt.
Deshalb ist Seine Vorsehung verborgen, und der Mensch muss glauben. Dann gibt es Raum für die freie Wahl. Das heißt, es lässt sich sagen, dass er mit der Absicht zu geben handelt. Mit anderen Worten: Der Mensch beschäftigt sich mit Tora und Mizwot, obwohl er noch keinen Geschmack an ihnen verspürt. Denn dass der Geschmack der Tora und der Geschmack der Mizwot der Grund wäre, der ihn zu ihrer Erfüllung bewegt – das lässt sich nicht sagen, weil er noch keinerlei Geschmack verspürt.
Anders ist es bei den körperlichen Genüssen, wo der Genuss im Wissen liegt und nicht im Glauben. Deshalb ist bei dem Genuss, den der Mensch in irgendeiner Sache erkennt, gerade dieser Genuss der Grund, der ihn bewegt, ihn zu empfangen. Wäre daher, wie oben gesagt, der Genuss offenbart, der in Tora und Mizwot liegt – wo der Genuss ja der wahre ist, wie der heilige ARI sagte, dass in den körperlichen Genüssen nicht mehr enthalten ist als heilige Funken, die in die Klipot (Schalen) gefallen sind, was nur ein „feines Licht“ (Nehiru Dakik) ist –, so wären die Geschöpfe gewiss gezwungen, Tora und Mizwot um des eigenen Nutzens willen zu erfüllen.
Nicht so aber, wenn der Mensch Tora und Mizwot erfüllt – nicht weil er darin Geschmack verspürt, sondern weil er die Handlungen von Tora und Mizwot manchmal unter Zwang vollbringt, obwohl der Körper sich dagegen sträubt. Doch man muss fragen: Warum zwingt der Mensch sich selbst und überwindet das Verlangen zu empfangen, das nach Ruhe strebt? Die Antwort lautet: Gerade darin liegt der ganze Unterschied zwischen Mensch und Tier. Denn beim Tier, das keinen Verstand hat, bestimmt nur der Genuss, was zu tun und was nicht zu tun ist.
Anders der Mensch, der mit Verstand erschaffen wurde: Er blickt nicht mehr auf den Genuss, dass dieser ihm die Grundlage gäbe, also sein Wegweiser wäre – dass er dort, wo mehr Genuss ist, auch gehen müsste. Vielmehr denkt der Mensch immer, dass er den Weg der Wahrheit gehen muss. Das heißt, der Maßstab der Arbeit ist für ihn das, was wahr ist. Diesen Weg geht er, und er blickt nicht auf das Gefühl des Genusses, dass dieses sein Wegweiser wäre. Er fragt vielmehr stets nach der Wahrheit: ob aus dem, was er jetzt zu tun im Begriff ist, wirklich etwas Gutes für ihn erwächst.
Deshalb blickt der Mensch, wenn er das Königtum des Himmels auf sich nimmt, das „Glaube“ genannt wird – wenn der Mensch in Tora und Mizwot um des Himmels willen arbeiten und seinem Schöpfer Wohlgefallen bereiten will –, nicht auf die Handlung, die er vollbringt, sondern auf die Wahrheit. Das heißt: Weil der Schöpfer uns Tora und Mizwot gegeben hat und wir Seinen Willen tun wollen, damit Er Freude daran hat, dass wir Seine Gebote erfüllen.
Wenn der Mensch zum Beispiel Zizit (Schaufäden) anlegt, blickt er deshalb nicht darauf, welche Freude der Körper daran hat, dass er Zizit trägt – zumal er genau darauf achtet, dass es die schönsten Zizit sind, wie unsere Weisen sagten (Shabbat 133): „‚Das ist mein Gott, und ich will Ihn verherrlichen‘ – schmücke dich vor Ihm mit Mizwot: Mache vor Ihm eine schöne Sukka (Laubhütte), einen schönen Lulav (Feststrauß), ein schönes Shofar (Widderhorn), eine schöne Zizit, eine schöne Torarolle.“
Vielmehr blickt der Mensch immer darauf, wodurch er dem Schöpfer Freude bereiten kann. Das heißt, der Mensch begreift mit seinem Verstand: Dass der Schöpfer uns das Gebot gegeben hat, den Schöpfer zu lieben, ist nicht etwa, weil der Schöpfer unsere Liebe bräuchte. Vielmehr ist alles, was der Schöpfer uns zu tun geboten hat, und alle Seine Gebote, die wir erfüllen, nichts anderes als zum Nutzen des Menschen. Denn dadurch gelangt der Mensch dazu, das Schöpfungsziel zu erreichen, nämlich Seinen Geschöpfen Gutes zu tun.
Aber der Mensch weiß, dass er eine Natur hat, die „Verlangen zu empfangen zum Nutzen des Menschen selbst und nicht zum Nutzen des anderen“ genannt wird. Das führt dazu, dass es dem Menschen schwerfällt, dies anzunehmen – obwohl er versteht, dass der Mensch nicht dem Tier gleicht. Denn gerade dort, wo er spürt, dass er Genuss empfangen wird, kann er Kräfte einsetzen, um den Genuss zu erlangen. Sagt man dem Menschen jedoch, dass er den Schöpfer lieben soll, so kann er das nur begreifen, wenn er die Größe und Bedeutung des Schöpfers sieht; dann lässt sich von der Sache der Liebe sprechen.
Anders aber, wenn der Mensch die Bedeutung des Schöpfers nicht sieht, sondern glauben muss: Hier beginnt die Arbeit des Menschen – also eine Arbeit, die zur Ebene des Menschen gehört und nicht zur Ebene des Tieres. Denn die Sache des Glaubens gehört zur Arbeit des Menschen und nicht zur Arbeit des Tieres. Doch das Maß des Glaubens muss so sein wie das Wissen, das das Tier hat. Sonst wird es noch nicht „Glaube“ genannt, wenn für ihn ein Unterschied zwischen Glaube und Wissen besteht.
Wie gesagt: Der Mensch muss dem Tier gleichen. So wie das Tier nur das weiß, was es sieht, so muss der Mensch auf der Ebene des Glaubens gehen, wie das Tier auf der Ebene des Wissens. Sonst – was wäre der Unterschied zwischen Mensch und Tier, wie oben gesagt? Das heißt, der Glaube muss wie Wissen sein.
Nach dem Gesagten lässt sich deuten, was wir gefragt haben, das Geschriebene: „Ein Ochse kennt seinen Besitzer und ein Esel die Krippe seines Herrn; Israel erkennt nicht, Mein Volk hat keine Einsicht.“ Wie vergleicht er Israel mit Ochse und Esel? Der Ochse und der Esel sehen doch, wer ihnen Nahrung gibt; Israel dagegen sieht nicht, sondern muss glauben. Worin also besteht die Ähnlichkeit zwischen beiden?
Und die Antwort ist, wie oben gesagt: Der wesentliche Unterschied zwischen Mensch und Tier ist, dass das Tier keinen Verstand hat. Deshalb bestimmt bei den Tieren nur das Gefühl des Genusses, ob die Handlung zu tun ist oder nicht. Anders beim Menschen, der Verstand und Erkenntnis hat: Er soll nicht auf den Genuss in der Sache blicken, sondern auf die Wahrheit in der Sache.
Als uns daher die Ebene des Glaubens gegeben wurde, wie geschrieben steht: „Und sie glaubten an den Ewigen und an Moses, Seinen Knecht“ – mit dieser Arbeit muss Israel auf der Ebene des Erkennens stehen, also des Glaubens, den Israel auf sich nehmen muss; und dieser Glaube muss so sein wie das Wissen bei den Tieren.
Damit stellt sich die Frage: Warum muss der Glaube bei Israel so sein wie das Wissen, das bei den Tieren ist und ihre Grundlage bildet? Und warum „erkennt“ Israel nicht, gleicht ihr Glaube nicht dem Wissen?
Und dies ist es, was geschrieben steht: „Mein Volk hat keine Einsicht.“ „Mein Volk“ (Ami) heißt „Amcha“ (das einfache Volk). „Israel“ dagegen ist bereits eine höhere Stufe, denn bekanntlich besteht „Israel“ aus den Buchstaben von „Li-Rosh“ [wörtlich: Ich habe einen Kopf]. Deshalb sagt er: „Israel erkennt nicht.“ Warum? Weil „Mein Volk keine Einsicht hat“. Solange sie auf der Ebene „Mein Volk“ waren, um zu erwägen, welches Maß an Glauben sie erlangen müssen, dachten sie, dass auch ein teilweiser Glaube, wie oben gesagt, schon ein ausreichendes Maß für die Ebene des Glaubens ist. Deshalb begnügten sie sich mit wenigem und hielten sich für die Ebene „Israel“, obwohl sie noch nicht die Ebene des „vollkommenen Glaubens“ erlangt hatten, der der Ebene des Wissens wie bei den Tieren gliche.
Aus dem Gesagten ergibt sich, dass die Ordnung der Arbeit so sein muss: Der Mensch muss zur Ebene des Glaubens gelangen, die dem Wissen gleicht. Das heißt, der Mensch beginnt zu verstehen, dass man alles mit der Absicht tun muss, seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. Wenn der Mensch daher diesen Weg geht und sieht, dass der Körper an dem Tun, das er tun will, keine Freude hat, dann muss der Mensch zu seinem Körper sagen: „Ich werde keine Handlung tun, an der du Freude hast, sondern ich werde jetzt eine Handlung tun, an der der Schöpfer Freude hat. Was verlangst du also von mir, dass ich mit dem Tun warte, bis du zustimmst? Du kommst doch gar nicht in Betracht, wenn es um die Handlung geht, die ich zum Nutzen des Schöpfers tue.“
Aber der Körper fragt: „Was hast du davon, dass du zum Nutzen des Schöpfers handelst? Das heißt, welche Freude hast du davon? Da der Mensch nichts ohne Gegenleistung tut – welchen Lohn erhoffst du dir also dafür?“
Die Antwort muss sein: „Uns wurde das Gebot des Glaubens gegeben, wie geschrieben steht: ‚Und sie glaubten an den Ewigen und an Moses, Seinen Knecht.‘ Deshalb glaube ich, dass ich einem großen König diene, auch wenn ich noch nicht das Gefühl für die Größe des Schöpfers habe. Vielmehr glaube ich an Seine Größe, und deshalb habe ich Freude daran, dass ich einem großen König diene; und das ist meine Freude. Deshalb können alle deine Fragen sich nur auf den Glauben richten – warum ich glaube. Doch in demselben Augenblick, in dem ich in vollkommenem Glauben glaube, ist mein Glaube wie Wissen.“
Und wir sehen: Wenn man von einem Menschen weiß, dass er über das Volk erhaben ist – ein König, ein hoher Fürst oder jemand, der als großer Mann berühmt ist –, so liegt es in der Natur, dass der Mensch sich vor dem Großen beugt. Und das gehört nicht zum Gesetz der Tora, sondern liegt in der Natur, dass es ein großes Vorrecht ist, wenn der Kleine dem Großen dient. Nur in der Arbeit, wo die Sache von Größe und Kleinheit nicht offenbart ist, sondern man glauben muss, dort gibt es die Arbeit – weil der Mensch von Natur aus nichts tun kann außer dem, was er sieht und mit dem Verstand begreift.
Wenn der Mensch daher den Glauben nach Art des Wissens auf sich genommen hat, gibt es für ihn nichts mehr, worüber er mit dem Körper streiten müsste. Denn der Mensch sagt zum Körper: „Ich sehe, dass du mir nichts sagst außer einer einzigen Sache: dass du dich mit dem Glauben, den ich auf mich genommen habe, nicht abfinden kannst. Über den Einwand gegen den Glauben habe ich also nichts mit dir zu streiten. Deshalb sage ich dir: Was ich jetzt tue und dem du nicht zustimmst – ich warte nicht auf deine Zustimmung, denn bei mir ist der Glaube wie Wissen.“
Aus dem Gesagten ergibt sich, dass die ganze Arbeit des Menschen darin besteht, wie er die Kraft des Glaubens erlangt. Denn der Mensch kann das Böse in ihm nicht durch Wortgefechte besiegen, weil im äußeren Verstand der Körper immer recht hat. Nur wenn der Mensch dem Körper mit der Ebene des Glaubens über dem Verstand antwortet, kann er den Körper besiegen.
Deshalb muss der Mensch, bevor er etwas in der Heiligkeit (Kedusha) tut, eine Vorbereitung treffen: dass er kraft der Handlung der Heiligkeit, die er jetzt zu tun im Begriff ist, als Gegenleistung für das Tun den Glauben empfängt. Und der Mensch muss glauben, dass ihm nichts fehlt außer dem Glauben an den Schöpfer.
Und den Glauben kann der Mensch erlangen – dass der Schöpfer ihn ihm gibt – dadurch, dass er Handlungen über dem Verstand vollbringt, also unter Zwang. Das heißt, es gibt viele Male, in denen der Mensch unter Zwang gehen muss; und er muss darauf ausrichten, dass er kraft des Zwanges den Glauben an die Größe und Bedeutung des Schöpfers erlangt.
Doch der Mensch muss wissen: Solange er mit der Absicht zu geben arbeitet, hat er Aufstiege und Abstiege. Und das kommt daher, dass der Mensch durch die Abstiege und Aufstiege die Fähigkeit und Möglichkeit erhält, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Denn bekanntlich kann der Mensch eine Sache erst dann in ihrem ganzen Umfang verstehen, wenn er ihr das Gegenteil gegenüberstellen kann.
Und dies ist, wie geschrieben steht: „wie der Vorzug des Lichts aus der Finsternis“. Das heißt, man kann die Bedeutung des Lichts nur aus der Finsternis heraus erkennen – wenn man gelitten und Qualen von der Finsternis erfahren hat. Wenn dann das Licht kommt, weiß man es zu schätzen. Ebenso ist der Mensch nicht fähig, die Bedeutung des Zustands des Aufstiegs zu schätzen, wenn er ihm gegenüber keine Abstiege hat. Denn nur dann kann er die Bedeutung des Lichts schätzen, also den Aufstieg.
Sonst gleicht es dem Fall, dass man einem Kleinkind Edelsteine und Perlen gibt: Das Kind weiß die Bedeutung der Sache nicht zu schätzen. Dann kommen Leute und nehmen ihm die guten Dinge weg, weil das Kind nicht weiß, wozu es die Edelsteine behalten soll. Und so nimmt eben jeder, der will, den Kindern die guten Dinge weg.
Und ebenso ist es beim Menschen, der nicht weiß, was der Wert der Heiligkeit ist: Gibt man ihm ein wenig Heiligkeit, damit der Mensch in der Arbeit vorankommt, so kommt die Sitra Achra (die andere Seite) und nimmt es ihm aus der Hand. Denn der Mensch ist nicht fähig zu verstehen, dass das wenige an Heiligkeit, das er erworben hat, Schutz braucht, damit die Sitra Achra die Heiligkeit nicht aus seiner Hand nimmt.
Wenn er daher Abstiege hat, bleiben ihm von dem, was er hatte, Reshimot (Resteindrücke) zurück. Und deshalb weiß er sich bereits zu hüten, damit die Sitra Achra es ihm nicht aus der Hand nimmt. Und darum sagt der Mensch, der glaubt, dass der Schöpfer alles tut – und gewiss tut der Schöpfer alles zum Nutzen des Menschen –: Die Abstiege, die der Mensch empfängt, hat der Schöpfer ihm gewiss zu seinem Guten gesandt.
Das gibt dem Menschen die Kraft, nicht vom Schlachtfeld zu fliehen, obwohl er nicht sieht, dass der Schöpfer über ihn wacht – also nicht spürt, dass der Schöpfer ihm hilft, sondern im Gegenteil spürt, dass er in der Arbeit nicht nur nicht vorangekommen, sondern sogar zurückgefallen ist. Wenn er aber glaubt, dass der Schöpfer ihm hilft, indem Er ihm die Abstiege sendet, dann flieht der Mensch schon nicht mehr vom Schlachtfeld.
Denn er sagt, dass der Schöpfer ihm sehr wohl hilft, aber nicht auf die Weise, die der Mensch versteht, also durch Aufstiege, sondern der Schöpfer gibt ihm Hilfe auf dem Weg der Abstiege. Deshalb stärkt ihn dieser Glaube, sodass er nicht vom Schlachtfeld flieht, sondern auf die Hilfe des Schöpfers hofft und betet, dass er die Kraft hat, die Arbeit fortzusetzen, bis der Schöpfer ihm die Augen öffnet und er der Anhaftung an den Schöpfer gewürdigt wird.
Nach dem Gesagten lässt sich deuten, was unsere Weisen sagten (Berachot 54): „Der Mensch ist verpflichtet, über das Schlechte zu segnen, so wie er über das Gute segnet.“ Das heißt: Wenn der Mensch glaubt, dass der Schöpfer die Welt als der Gute, der Gutes tut, lenkt – warum spürt der Mensch dann, dass ihm Schlechtes widerfährt? Und das ist so, als gäbe der Schöpfer ihm Schlechtes. Deshalb sagten unsere Weisen, dass der Mensch glauben muss, dass dieses Schlechte gewiss zum Guten ist.
Und in der Arbeit lässt sich deuten: Wir sehen, dass der Mensch, wenn er in die Arbeit auf der Ebene „dass alle seine Handlungen um des Himmels willen seien“ eintritt – das heißt: Alles, was er tut, tut er in der Absicht, dem Schöpfer zu geben und nicht zum eigenen Nutzen –, dann in Zustände von Aufstiegen und Abstiegen gerät.
Denn solange ihm die Ebene des Glaubens an den Schöpfer leuchtet, ist er im Zustand des Aufstiegs. Das heißt, er versteht, dass es sich lohnt, nur zum Nutzen des Schöpfers zu arbeiten. Danach aber kommt ihm ein Abstieg. Es kommen ihm nämlich Gedanken: Was hat er davon, dass er um des Himmels willen und nicht zum eigenen Nutzen arbeitet? Und manchmal empfängt er einen so großen Abstieg, dass er vom Schlachtfeld fliehen will.
Dann stellt sich die Frage: Warum war er, bevor er in die Arbeit des Gebens eintrat, immer in gehobener Stimmung, und jetzt spürt er oftmals, dass er der Arbeit ganz und gar fern ist und alles unter Zwang tut? Es gibt doch die Regel „Eine Mizwa zieht eine Mizwa nach sich“. Warum also hat er einen Abstieg empfangen?
Und die Antwort ist: Dass der Mensch spürt, wie er sich in einem Zustand des Abstiegs befindet, der „Zustand des Bösen“ genannt wird, ist ebenfalls zu seinem Guten; denn gerade durch beides zusammen kann er der Hilfe des Schöpfers gewürdigt werden. Und das ist, was geschrieben steht: „Der Mensch ist verpflichtet, über das Schlechte zu segnen.“
korrOp, EY, 27.07.2026, 04:12 Uhr, Ver3