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1991/47 Was bedeutet es in der Arbeit, dass die Rechte und die Linke im Gegensatz zueinander stehen?

Der Vers sagt1: „Und ihr sollt die Worte dieses Bundes halten und danach handeln, damit ihr weise seid in allem, was ihr tut.“ Wir müssen verstehen, was er meint mit „Und ihr sollt sie halten und danach handeln, damit ihr weise seid in allem, was ihr tut.“ Daraus geht hervor, dass das Handeln dazu dient, dadurch „in allem, was ihr tut, weise zu sein“. Es zeigt sich also, dass das Handeln wie eine Vorbereitung ist: Durch die Kraft des Handelns können wir zur Einsicht in das gelangen, was wir tun. Das bedeutet, dass hier zwei Dinge in der Arbeit zu unterscheiden sind:

1) Die Ebene der Tat, wie geschrieben steht: „Und ihr sollt danach handeln.“

2) Die Einsicht, die in den Taten liegt, wie geschrieben steht: „Damit ihr weise seid in allem, was ihr tut.“ Auf den ersten Blick ist das ein Widerspruch. Denn einerseits geht daraus hervor, dass die Hauptsache die Tat ist, wie geschrieben steht: „Und ihr sollt sie halten und danach handeln.“ Und danach steht: „Damit ihr weise seid in allem, was ihr tut.“ Das bedeutet, dass die Tat nur ein Mittel ist, durch das wir zum Verständnis des Verstandes und der Erkenntnis gelangen können.

Nun sagt der Sohar, dass bei den 613 Mizwot zwei Aspekte zu unterscheiden sind:

1) Den ersten Aspekt nennt er „613 Ratschläge“ (Ejtin),

2) den zweiten Aspekt nennt er „613 Hinterlegungen“ (Pikudin).

Der Unterschied zwischen ihnen ist folgender: „Ratschläge“ heißt es, wenn diese Sache nicht das Ziel selbst ist, sondern nur ein Ratschlag, wie man zum Ziel gelangt. Da ist es schwer zu verstehen, wie er sagen kann, dass die 613 Mizwot nur Ratschläge seien, und danach sagt, dass sie „613 Hinterlegungen“ (Pikudin) genannt werden.

Wie er im Sulam [Leiterkommentar zum Sohar]2 erklärt, und dies sind seine Worte: „Und wenn man des Aspekts würdig wird, auf die Stimme Seines Wortes zu hören, werden die 613 Mizwot zu Hinterlegungen (Pikudin). Und dies kommt vom Wort Hinterlegung (Pikadon). Denn es gibt 613 Mizwot, und in jeder Mizwa ist das Licht einer besonderen Stufe hinterlegt, die einem besonderen Organ unter den 613 Organen und Sehnen der Seele und des Körpers entspricht. Und so zieht man beim Ausführen der Mizwa auf das ihr entsprechende Organ in seiner Seele und seinem Körper die Stufe des Lichts herab, die zu diesem Organ und dieser Sehne gehört.“

Nach dem, was er dort im Sulam erklärt, ist es daher einfach so zu deuten, denn er sagt, und dies sind seine Worte: „Denn in jeder Sache gibt es eine Vorderseite und eine Rückseite; die Vorbereitung auf die Sache heißt ‚Rückseite‘, und die Erlangung der Sache heißt ‚Vorderseite‘. Und auf diese Weise gibt es bei Tora und Mizwot den Aspekt ‚Wir werden tun‘ und den Aspekt ‚Wir werden hören‘. Und wenn man Tora und Mizwot als ‚Täter Seines Wortes‘ erfüllt, bevor man würdig wird zu hören, werden die Mizwot ‚613 Ratschläge‘ genannt, und sie sind der Aspekt der Rückseite.“

Aus dem Gesagten verstehen wir nun, was wir gefragt hatten: Wie kann geschrieben stehen „Und ihr sollt sie halten und danach handeln“, woraus hervorgeht, dass die Hauptsache die Tat ist, und danach sagt er „damit ihr weise seid“? Das heißt: Wenn Ich euch sage „Und handelt danach“, ist das nur eine Vorbereitung, um die Taten zu erlangen. Es zeigt sich also, dass die Hauptsache die Einsicht, der Verstand und die Erkenntnis sind und nicht die Tat.

Und die Antwort ist wie oben gesagt: Die Hauptsache ist die Tat. Das heißt, ohne die Taten können wir überhaupt nichts erlangen. Vielmehr können wir durch die Kraft der Taten zur Anhaftung (Dwekut) gelangen, die „Angleichung der Form“ genannt wird, denn vom lo liShma (nicht um des Gebens willen) kommt man zum liShma (um des Gebens willen). Deshalb sind die Taten die Hauptsache. Und bei den Taten selbst sind zwei Unterscheidungen zu treffen:

1) Die Taten an sich, solange sie noch ein Mittel sind. Das heißt, sie sind nur eine Vorbereitung, durch die man die Gefäße des Gebens erlangen kann. Und nachdem man durch die Taten die Gefäße erlangt hat, die „Verlangen zu geben“ genannt werden, erlangt man danach das Licht, das in die Taten eingekleidet ist.

Das bedeutet: Bei allen Taten, die man vollbracht hat, bevor man der Gefäße des Gebens würdig wurde, war auch damals schon das Licht in Tora und Mizwot eingekleidet, aber es war als Hinterlegung in Tora und Mizwot eingekleidet. Das heißt, man konnte nicht sehen, was in Tora und Mizwot ist, weil man noch nicht die Gefäße hatte, die zum Licht passen. Anders danach: Wenn man der Gefäße des Gebens würdig wird, empfängt man das in Tora und Mizwot eingekleidete Licht. Dann sieht man, dass das Licht schon vor der Zeit, da man es zu sehen würdig wurde, in die 613 Mizwot eingekleidet war, nur dass es dort als Hinterlegung war.

Deshalb ist es kein Widerspruch, dass zuerst geschrieben steht, die Hauptsache sei die Tat, wie geschrieben steht „Und handelt danach“. Denn mit der Tat beginnt man und mit der Tat schließt man ab. Es gibt nur dazwischen eine Unterscheidung. Das heißt, ob man noch nicht der Gefäße des Gebens würdig wurde oder ob man der Gefäße des Gebens bereits würdig wurde. Das bedeutet: Durch die Taten wird man der Gefäße würdig, und danach wird man durch die Taten des Lichts würdig. Und das heißt „damit ihr weise seid in allem, was ihr tut“. Das heißt, danach wird man des Aspekts würdig „Sei klug und erkenne Mich“.

Man muss jedoch bedenken, dass es, bevor man der Gefäße des Gebens würdig wird – gerade dann, wenn man dazu gelangen möchte, zum Nutzen des Schöpfers und nicht zum eigenen Nutzen zu arbeiten –, in dieser Arbeit viele Höhen und Tiefen gibt. Bekanntlich stellt sich der Körper gegen die Arbeit, die darauf abzielt, zur Anhaftung an den Schöpfer zu gelangen. Und mal gewinnt das Gute im Menschen die Oberhand, mal das Schlechte im Menschen; das nennt man „den Krieg des Triebes“. Das heißt, es gibt eine Arbeit auf der Ebene der Tat, und das ist die Arbeit der Allgemeinheit: Man muss darauf achten, dass die Taten, die der Mensch tut, nicht um der Ehre, des Geldes und dergleichen willen geschehen, sondern um des Himmels willen.

Deshalb verrichten jene Menschen, die um des Himmels willen arbeiten wollen, ihre Taten in Zurückgezogenheit. Und das Maß der Zurückgezogenheit, so sagte mein Vater und Lehrer, ist, dass der Mensch sich genau so verhalten muss wie die Menschen in seiner Umgebung; so muss auch er sich verhalten. Das heißt, er soll nicht aus seiner Umgebung herausstechen. Das heißt: Wenn er nach außen zeigt, dass er es in den Dingen, die in seiner Umgebung üblich sind, leichter nimmt, oder dass er in den Dingen strenger ist, als es in seiner Umgebung üblich ist, dann heißt die Arbeit dieses Menschen schon nicht mehr „Zurückgezogenheit“. Denn wenn unter Menschen, die in einer Umgebung leben, einer etwas an dieser Umgebung ändert, zieht dieser Mensch die Aufmerksamkeit der Gemeinschaft auf sich, und alle schauen auf ihn. Es zeigt sich also, dass seine Arbeit nicht in Zurückgezogenheit geschieht.

Und diese Menschen empfinden einen Geschmack in der Arbeit vom Aspekt des umgebenden Lichts, das der Allgemeinheit Israels leuchtet. Und das ist, wie geschrieben steht: „Ich bin der Schöpfer, der bei ihnen inmitten ihrer Unreinheit wohnt.“ Das bedeutet: Auch wenn der Mensch noch nicht von der Selbstliebe gereinigt ist und seine ganze Arbeit darauf abzielt, dass der Schöpfer ihm Lohn in dieser Welt und in der Kommenden Welt gibt, werden sie dennoch „die um des Himmels willen Arbeitenden“ genannt.

In dieser Arbeit kann der Mensch sehen, wie er Fortschritte macht. Denn Tag für Tag wächst er in Tora und Mizwot weiter, und so hat er etwas, woraus er Lebenskraft und Freude schöpfen kann. Und er kann erfüllen, was geschrieben steht: „Dient dem Schöpfer mit Freude.“ Und bekanntlich wird diese Arbeit „eine Linie“ genannt. Das heißt, der Mensch weiß nicht, dass die Sache „um des Himmels willen“ etwas ist, dem man besondere Aufmerksamkeit schenken müsste. Vielmehr hat er, wie die ganze Allgemeinheit, Glauben an die Worte unserer Weisen, die sagten: „Stets beschäftige sich der Mensch mit Tora und Mizwot, auch lo liShma, denn aus dem lo liShma kommt man zum liShma.“ Aber dass man für diese Absicht Zeit und Arbeit aufwenden müsste, daran denkt niemand. Denn der Mensch denkt, dass es von selbst kommt, ohne besondere Arbeit dafür, wie es die Worte unserer Weisen sagen: „Aus lo liShma kommt man zum liShma.“ Deshalb wird diese Arbeit „eine Linie“ genannt.

Anders ist es, wenn der Mensch zu der Einsicht gelangt, dass die Sache „um des Himmels willen“ eine besondere Arbeit ist, dass diese Arbeit nicht der Allgemeinheit zukommt, sondern nur dem, der von oben ein Erwachen empfangen hat, dass auch die Absicht auf das Geben gerichtet sei, was etwas Besonderes ist. Dann beginnt er zu prüfen, ob es in seiner Macht liegt, zum Nutzen des Schöpfers und nicht zum eigenen Nutzen zu arbeiten. Und gegen diese Arbeit gibt es einen Widerstand des Körpers. Denn es liegt in der Natur des Menschen, dass er nichts versteht, wenn es nicht zu seinem eigenen Nutzen ist.

Und hier beginnen die Höhen und Tiefen wie oben gesagt. Es zeigt sich also: Bei der Prüfung, die der Mensch an seinen Taten vorgenommen hat, ob sie zum Nutzen des Schöpfers oder zu seinem eigenen Nutzen sind, und wenn der Mensch seine Niedrigkeit sieht, wie fern er von dieser Arbeit ist, dann muss der Mensch ein Gebet an den Schöpfer richten, dass Er ihm die Kraft gebe, das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, zu überwinden.

Und dann geschieht es manchmal, dass der Körper einwendet: „Du hast doch gesehen, wie oft du zum Schöpfer gebetet hast, dass Er dir helfe, und du hast keinerlei Hilfe erhalten. Also ist diese Arbeit gewiss nichts für dich.“ Solche Einwände kann der Mensch nicht immer überwinden. Es zeigt sich also, dass der Mensch in diesem Zustand wie tot bleibt, ohne jede Lebenskraft, und so kann der Mensch nicht bestehen und diese Arbeit nicht fortsetzen.

Und dieser Weg wird in der Arbeit „Linke Linie“ genannt. Denn es gibt eine Regel: „Alles, was der Korrektur bedarf, wird links genannt.“

Deshalb darf sich der Mensch in der Arbeit nicht mit diesem Weg beschäftigen, das heißt damit, eine Prüfung anzustellen, ob seine Arbeit in Vollkommenheit ist. Vielmehr gilt, was dort angeführt wird („Ordnung der Arbeit“, Punkt 9): „Bei der Arbeit der Linken genügt eine halbe Stunde am Tag.“

Und die hauptsächliche Arbeit des Menschen muss in der Rechten Linie sein, die „Vollkommenheit“ genannt wird. Das heißt, in dieser Arbeit muss der Mensch ohne Prüfung sein und nicht darauf sehen, ob seine Arbeit in Vollkommenheit ist. Vielmehr muss der Mensch sagen: Auch wenn meine Taten in Tora und Mizwot nicht vollkommen sind, danke ich dennoch dem Schöpfer, dass Er mir Verstand und Verlangen gegeben hat, ein wenig Halt in der Heiligkeit (Kedusha) zu haben.

Das heißt: Wie viel Halt ich auch habe, für mich ist das ein großer Reichtum. Denn ich sehe, dass es viele Menschen in der Welt gibt, die überhaupt keine Berührung mit Tora und Mizwot haben; deshalb freue ich mich über meinen Anteil, dass mir ein wenig Berührung gegeben wurde. Und da ich glaube, dass dies eine wichtige Sache ist, ist mir ein wenig Berührung mit der Spiritualität wichtiger als mein ganzes Leben in dieser Welt. Nur habe ich es nicht verdient, dass man mir mehr gibt, als ich habe, und für die übrige Zeit verwirrt man mich mit allerlei Unsinn, und ich habe nicht die Kraft, ihn zu überwinden. Deshalb bin ich den ganzen Tag froh und habe davon eine gute Stimmung. Denn ich kenne meine Niedrigkeit, deshalb danke ich dem Schöpfer für den kleinen Teil, dessen ich würdig wurde.

Und nach dem Gesagten lässt sich deuten, was geschrieben steht3: „Und du sollst dich über all das Gute freuen, das der Schöpfer, dein Gott, dir gegeben hat.“ Und man muss verstehen: Muss man dem Menschen denn befehlen, dass er sich freue, wenn er etwas Gutes hat? Es ist doch von Natur aus so, dass sich freut, wer etwas Gutes hat. Anders wäre es umgekehrt: Wenn er nichts Gutes hätte, ließe sich sagen, dass man einen Befehl geben müsste, dass er sich freue. Worauf also deutet uns das, was geschrieben steht: „Und du sollst dich über all das Gute freuen, das Er dir gegeben hat“?

Und das lässt sich im Sinne der spirituellen Arbeit deuten. Denn es gibt die Sache der Arbeit der Rechten und der Linken, da die Rechte „Vollkommenheit“ genannt wird, wie oben gesagt. Das heißt, das ist zu der Zeit, da der Mensch bereits begonnen hat, den Weg zu gehen, um zur Erlangung der Gefäße des Gebens zu gelangen. Das bedeutet, dass er bereits in die Linke Linie eingetreten ist, was heißt, dass er die Wahrheit sehen will, ob er zum Nutzen des Schöpfers und nicht zum eigenen Nutzen arbeiten kann. Das verursacht dem Menschen Höhen und Tiefen in der Arbeit, und daraus hat der Mensch keinen Treibstoff, um die Arbeit fortsetzen zu können; vielmehr zeigt ihm die Linke Linie die Wahrheit, dass er sich nicht selbst täuschen soll, indem er sagt, er habe seine Vollkommenheit bereits erreicht.

Vielmehr kann der Mensch den Treibstoff für die Arbeit nur zu der Zeit erhalten, da er Vollkommenheit in der Arbeit empfindet, denn dann hat er Freude an dem, was er tut. Da aber die Rechte und die Linke einander entgegengesetzt sind – das heißt, entweder empfindet der Mensch, dass er Vollkommenheit hat, oder er ist mit einem Mangel behaftet –, wie können dann zwei Gegensätze in ein und derselben Sache sein?

Und die Antwort ist: Obwohl sie in ein und derselben Sache sind, sind sie dennoch in zwei Zeiten. Das heißt, es gibt eine Zeit, in der der Mensch in Niedrigkeit sein muss, und es gibt eine Zeit, in der der Mensch im Aspekt des Stolzes sein muss. Und das ist, wie mein Vater und Lehrer sagte, dass es in der Arbeit immer zwei Gegensätze gibt:

1) Wie unsere Weisen sagten: „Sei sehr, sehr demütig im Geist.“ Es zeigt sich also, dass die hauptsächliche Arbeit des Menschen darin besteht, dass sich der Mensch bemühen muss, in seinem Geist demütig zu sein.

2) Wie geschrieben steht: „Und sein Herz erhob sich in den Wegen des Schöpfers.“ Daraus geht hervor, dass der Mensch stolz sein muss, das heißt, sich zu bemühen, stolz zu sein, und nicht auf die Allgemeinheit zu schauen, sondern er muss sich bemühen, höher zu sein als die Allgemeinheit. Es zeigt sich also, dass man auch hier fragen muss, wie zwei Gegensätze in ein und derselben Sache sein können. Aber auch dort muss man antworten, dass die Absicht auf zwei Zeiten geht, eine nach der anderen, denn dann können beide bestehen.

Doch man muss fragen: Wozu brauche ich diese Gegensätze? Das heißt, wozu brauchen wir diese Gegensätzlichkeit, und warum genügt nicht ein einziger Weg, das heißt entweder Niedrigkeit oder Stolz?

Und die Antwort ist wie oben gesagt: Wir müssen auf zwei Linien gehen, auf der Rechten und ebenso auf der Linken, obwohl sie einander entgegengesetzt sind. Das heißt, gerade dadurch, dass sie im Widerspruch zueinander stehen, geben sie uns das Ergebnis, das wir brauchen, um das Schöpfungsziel zu erreichen, das Sein Wille ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Das bedeutet, dass man das Gute und den Genuss vom Schöpfer nicht empfangen kann, bevor der Mensch sich mit den Gefäßen des Gebens korrigiert hat, was die Sache der Angleichung der Form ist.

Da nun der Mensch von Natur aus mit dem Verlangen geboren ist, zum eigenen Nutzen zu empfangen, muss man, wenn man dem Menschen sagt, er solle Tora und Mizwot erfüllen, ihm sagen, dass er durch das Erfüllen von Tora und Mizwot Lohn in dieser Welt und in der Kommenden Welt haben wird. Und in dem Maße seines Glaubens an Lohn und Strafe, in diesem Maße erfüllt der Mensch Tora und Mizwot. Und obwohl er um des Himmels willen arbeitet – das heißt, dass er Lohn vom Schöpfer und nicht von den Menschen will, denn er beschäftigt sich nicht mit Tora und Mizwot, damit die Menschen sehen, wie er arbeitet, sondern seine ganze Arbeit ist um des Himmels willen, nämlich wegen des Gebots des Schöpfers –, wird dies dennoch lo liShma genannt.

Das heißt: Obwohl er sich auf der Ebene der Tat mit Tora und Mizwot nur um des Himmels willen beschäftigt, ist die Absicht dennoch zum eigenen Nutzen. Deshalb wird dies lo liShma genannt. Doch unsere Weisen sagten: „Stets beschäftige sich der Mensch mit Tora und Mizwot lo liShma, denn aus dem lo liShma kommt man zum liShma.“ Und der Mensch muss sagen: „Inmitten meines Volkes wohne ich.“ Das heißt, jeder Mensch muss arbeiten wie die ganze Allgemeinheit; ohne besondere Aufmerksamkeit aber wird der Mensch im lo liShma bleiben und niemals zur Erlangung des Schöpfungsziels gelangen.

Deshalb muss der Mensch dann sagen: Es steht geschrieben „Und sein Herz erhob sich in den Wegen des Schöpfers.“ Das heißt: Ich will nicht auf der Stufe der Niedrigkeit sein wie die Allgemeinheit, sondern ich muss sehr wohl dazu gelangen, das Schöpfungsziel zu erlangen. Und das heißt, dass er beginnt, auf der Ebene der Prüfung zu arbeiten und zu sehen, wie sehr er die Liebe zum Schöpfer der Liebe zu sich selbst vorzieht. Diese Prüfung macht ihn zu einem, der einen Mangel hat, und er beginnt, nach Ratschlägen zu suchen, wie er aus der Herrschaft der Selbstliebe herauskommt.

Doch hier, in diesem Zustand, wo ein Krieg herrscht zwischen dem Verlangen zu empfangen, das im Menschen ist, und dem Verlangen, das jetzt im Menschen ist, nämlich dass er dazu gelangen will, das Verlangen zu geben zu erlangen, gewinnt manchmal das Verlangen zu geben die Oberhand und manchmal umgekehrt das Verlangen zu empfangen. Das ist es, was dann die Sache der Höhen und Tiefen bewirkt. Und der Mensch muss wissen, dass er zu der Zeit, da er sich im Zustand des Mangels befindet, nichts hat, woraus er Leben schöpfen kann, und dann hat er keinen Treibstoff, um die Arbeit in Tora und Mizwot fortzusetzen. Deshalb muss er zur Rechten Linie übergehen.

Und die Sache der Rechten Linie ist im Grunde eine Linie. Das heißt, dieselbe Ordnung der Arbeit, die er zu der Zeit hatte, da er nur auf der Ebene der Tat arbeitete, was lo liShma genannt wird, muss er jetzt gehen. Das heißt, er soll nicht darauf achten, ob seine Arbeit liShma ist, sondern jetzt muss er sagen, dass er nicht wichtiger ist als die übrigen Menschen. Und so wie die übrigen Menschen, die im lo liShma arbeiten, Befriedigung aus der Arbeit haben und in gehobener Stimmung sind, so gebührt auch ihm, der schlechter ist als sie, gewiss kein wichtigerer Platz in der Arbeit.

Das heißt: Auch im Vergleich zu den übrigen Arbeitenden steht er auf einer geringeren Stufe als sie, sowohl der Menge als auch der Güte nach. Er muss dem Schöpfer danken, dass Er ihm einen Gedanken und ein Verlangen gegeben hat, etwas in der Spiritualität zu tun, denn das ist ein Geschenk vom Schöpfer, dass Er ihn mit ein wenig Arbeit in Tora und Mizwot gewürdigt hat, was ihm ebenfalls nicht zusteht. Denn er sieht, dass es viele Menschen gibt, die keinerlei Verbindung zu Tora und Mizwot haben. Und wenn der Mensch dann empfindet, dass er in Vollkommenheit ist, wird dieser Mensch „gesegnet“ genannt. Und mein Vater und Lehrer sagte dazu: Zu der Zeit, da der Mensch sich als gesegnet empfindet, dann kann der Mensch am Gesegneten anhaften, wie geschrieben steht: „Denn der Gesegnete haftet am Gesegneten.“

Deshalb erhält der Mensch gerade aus diesem Zustand Treibstoff für die Arbeit. Und da der Mensch zu der Zeit, da er in der Linken Linie arbeitet, in einem Zustand ist, in dem er sagen muss „Und sein Herz erhob sich in den Wegen des Schöpfers“ – das heißt, nicht auf die Allgemeinheit zu schauen, sondern auf einer höheren Stufe als die Allgemeinheit zu sein –, gilt das nur zu der Zeit, da er sich mit der Linken Linie beschäftigt.

Anders danach: Er muss zur Rechten Linie übergehen und sagen, dass unsere Weisen gesagt haben: „Sei sehr, sehr demütig im Geist.“ Deshalb ist er wahrhaftig demütig im Geist. Dann muss der Mensch wissen, dass er nicht wichtiger ist als andere, sondern er freut sich darüber, dass man ihm von oben ein Verlangen und eine Sehnsucht gegeben hat, etwas in Tora und Mizwot zu tun. Und das ist es, was geschrieben steht: „Und du sollst dich über all das Gute freuen“ – das heißt: sei es auch noch so wenig – daraus muss der Mensch Freude empfangen.

Und nach dem Gesagten verstehen wir, warum die Rechte und die Linke in der Arbeit im Gegensatz zueinander stehen müssen. Und das ist deshalb, weil der Mensch auf zwei Arten arbeiten muss:

1) Vom Aspekt der Vollkommenheit her. Denn dann kann er Treibstoff für die Arbeit erhalten, denn aus dem Negativen allein lässt sich nicht leben. Deshalb muss der Mensch die meiste Zeit in der Arbeit der Rechten sein. Aber zu der Zeit, da der Mensch Befriedigung in seiner Arbeit empfindet, wer bewirkt dann, dass er vorwärtsgeht? Es gibt doch die Regel: „Wenn der Mensch keinen Mangel empfindet, ändert er seinen Weg nicht“, wie oben gesagt, weil er Befriedigung hat.

Deshalb muss man zur Linken Linie übergehen, zum Aspekt der Prüfung seiner Taten, ob sie mit der Absicht zu geben geschehen. Und daraus kann der Mensch sehen, was es zu korrigieren gibt, um zur Erlangung des Schöpfungsziels zu gelangen. Und der Mangel, den der Mensch in seiner Arbeit sieht, bringt ihn voran. Das heißt: Wenn er sieht, dass er nicht auf dem richtigen Weg geht, dann will der Mensch sich gewiss korrigieren, denn zur Zeit der Prüfung kann der Mensch die Wahrheit sehen. Denn wenn er nicht auf dem Weg der Wahrheit geht, dann fällt auf den Menschen der Fluch, wie geschrieben steht4: „Söhne und Töchter wirst du zeugen, aber sie werden dir nicht gehören, denn sie werden in die Gefangenschaft gehen.“

Und im Sinne der spirituellen Arbeit lässt sich deuten: „Söhne und Töchter“ – das sind die guten Taten der Gerechten, wie es zu dem gesagt wird, was geschrieben steht: „Dies sind die Nachkommen Noahs; Noah war ein gerechter Mann.“ Und sie fragten: „‚Dies sind die Nachkommen …‘ – es hätte doch der Name seiner Söhne geschrieben werden müssen. Warum also steht geschrieben ‚Noah war ein gerechter Mann‘?“ Vielmehr „lehrt dies, dass die hauptsächlichen Nachkommen der Gerechten die guten Taten sind“.

Und nach dem Gesagten lässt sich deuten: „Söhne und Töchter wirst du zeugen.“ Das heißt, du wirst gute Taten vollbringen, aber wenn du sehen willst, welche guten Taten du vollbracht hast, wirst du nichts zu sehen haben. Aber hast du dich denn nicht mit Tora und Mizwot beschäftigt? Und dennoch empfindest du nicht, dass du etwas in der Arbeit getan hast. Und man muss fragen: Du hast dich doch mit Tora und Mizwot beschäftigt – wohin sind die guten Taten verschwunden, die du getan hast?

Die Antwort ist: „Denn sie werden in die Gefangenschaft gehen.“ Das bedeutet, dass sie in die Gefangenschaft zu den Klipot (Schalen) gingen. Deshalb sind sie vom Horizont verschwunden, und du kannst sie nicht sehen. Und das gibt dem Menschen einen Anstoß, nach Ratschlägen zu suchen, wie er aus der Herrschaft des Verlangens, für sich selbst zu empfangen, herauskommt. Und mein Vater und Lehrer sagte: Nachdem der Mensch Teshuwa (Umkehr) getan hat, holt er all seine Arbeit, die in die Klipot gefallen ist, in die Heiligkeit zurück, im Geheimnis des Verses: „Reichtum verschlang er, und er speit ihn wieder aus.“

Aber bevor er Teshuwa getan hat, wird aus seiner Arbeit ein Aspekt des Meeres der Sitra Achra (der anderen Seite), im Geheimnis des Verses: „Dies ist das Meer, groß und weit nach beiden Seiten, dort wimmelt es ohne Zahl, kleine Tiere samt großen.“ Und er sagte, dass es sowohl kleine Tiere als auch große Tiere sind, die der Mensch zu der Zeit hatte, da sie ihm verlorengingen; das fällt in dieses Meer. Aber danach nimmt er alles wieder zurück.

Und aus dem Gesagten ergibt sich, dass wir beide Linien brauchen. Und gerade dadurch, dass sie im Gegensatz zueinander stehen, geben sie das von ihnen geforderte Ergebnis, um zum Schöpfungsziel zu gelangen, das „Seinen Geschöpfen Gutes zu tun“ ist. Und ferner muss man wissen, dass der Mensch die Sache der Rechten, die der Aspekt der Vollkommenheit ist, nur zu der Zeit gebrauchen kann, da er sich selbst erniedrigen kann. Anders die Linke Linie, die er gerade zu der Zeit gebrauchen kann, da er im Aspekt des Stolzes ist.

Briefe

Rabash

Brief 1

Mit Hilfe des Schöpfers. Dienstag, Wochenabschnitt Tezawe: „Und du sollst zu allen Weisen des Herzens sprechen, die Ich mit dem Geist der Weisheit erfüllt habe“, usw.

An meinen verehrten Vater und Lehrer, möge er lange leben.

Was unser Gespräch über das Studium der Kabbala in Reinheit usw. betrifft: Was ich nicht weiß, werde ich Dir schreiben, und Du wirst mir auf alle meine Fragen antworten.

Ich sehe, dass ich keine Einzelheiten zu schreiben habe, sondern nur im Allgemeinen, dass ich nicht einmal ein einziges Wort in Reinheit studieren kann. Denn der Weg besteht darin, manche Zweifel aus einer Vielzahl von Gewissheiten zu klären – und nicht Gewissheiten aus einer Vielzahl von Zweifeln. Doch dann muss man der Reihe nach lernen.

Gewiss hängt dies davon ab, ob der Mensch bereits dafür geeignet ist, ob also bei ihm jedes Empfangen in Reinheit geschieht, das heißt: ob er empfängt, um zu geben. Wer nicht auf einer solchen Stufe steht, kann beim Studium der Kabbala nicht in Reinheit lernen. So steht geschrieben: „Und du sollst zu allen Weisen des Herzens sprechen, die Ich mit dem Geist der Weisheit erfüllt habe.“ Das bedeutet, dass sein Herz bereits durch den Geist des Schöpfers gereinigt ist.

Ohne dies ist es auf keine Weise möglich, wie unsere Weisen sagten: „Ein Mensch sündigt nur, wenn ein Geist der Unvernunft in ihn eingedrungen ist.“ Daraus folgt: Ein Mensch kann nur dann nicht als Sünder gelten, wenn er den Geist der Weisheit besitzt. Auch wenn der Mensch nicht spürt, dass er immer ein Sünder ist, liegt das daran, dass niemand die eigenen Makel sieht. In Wahrheit aber wird er notwendigerweise als Sünder bezeichnet, solange er des Geistes der Weisheit nicht würdig geworden ist. Und gerade dies liegt in der Hand des Schöpfers: zu erfüllen … (Das Ende des Briefes fehlt.)

Brief 2

Mit Hilfe des Schöpfers. Dienstag, Wochenabschnitt Toldot, 28. Marcheschwan 5715 (23. November 1954), hier in Tel Aviv, möge es erbaut und gegründet werden.

An meine verehrten Freunde, ihr tatkräftigen Männer … der Schöpfer sei mit euch.

Was die Angelegenheit betrifft, über die wir sprachen, als wir beim Auto standen: Sieh im Buch Beit Shaar HaKawanot, Abschnitt 70, nach; dort wirst du eine Antwort finden.

Was deinen Eintritt in die Gesellschaft betrifft, dem ich zugestimmt hatte, muss ich einräumen, dass ich die Sache nicht gründlich genug geprüft hatte. Der Grund dafür ist: Als ich in Tiberias war, dachte ich an die dort bestehenden gegensätzlichen Ansichten. Deshalb sagte ich, man muss sie nicht berücksichtigen; allein die Wahrheit weist ihren Weg. Als ich jedoch nach Tel Aviv kam, spürte ich sofort, dass es solche Ansichten auch unter unseren früheren Freunden gibt, also unter jenen aus der Zeit vor dem Verschwinden des Lichts. Jetzt sind ihre Gefäße vorhanden usw., und dem Verständigen genügt ein Hinweis. Sie werden nach Vergehen und Sünden suchen, um ihre Taten damit zu rechtfertigen, dass die Wahrheit allein in Jerusalem, am Ort der Zerstörung, zu finden ist. Deshalb bin ich nun davon abgerückt. Das heißt, du sollst nicht in die erwähnte Gesellschaft eintreten; dem Verständigen genügt ein Hinweis.

Zu deiner Frage nach der Erklärung des Ausspruchs „Jeder, an dem der Geist der Geschöpfe Gefallen findet“: Ich fand bei mir eine Niederschrift im Namen meines Vaters und Lehrers (Baal HaSulam). Er stellte die Frage: Finden wir nicht selbst unter den berühmtesten Großen Meinungsverschiedenheiten?

Er antwortete: Hätten sie gesagt: „Jeder, an dem die Geschöpfe Gefallen finden“, könnte man die obige Frage stellen. Sie sagten jedoch genau: „Jeder, an dem der Geist der Geschöpfe Gefallen findet.“ Das bedeutet: Es gibt Geschöpfe, also Körper; die Körper haben keinerlei Verbindung zum Geist des Schöpfers. Im Gegenteil, die Ansicht der Hausherren ist der Ansicht der Tora entgegengesetzt.

Der Geist der Geschöpfe hingegen ist etwas Heiliges. Diesen Geist meinten unsere Weisen, denn „wer eine Mizwa erfüllt“, nämlich die Mizwa des Glaubens, die „ein Buchstabe“ genannt wird, „neigt sich selbst und die ganze Welt zur Waagschale des Verdienstes“.

Nun stellt sich die Frage: Sehen und empfinden wir denn keinerlei Verdienst in der Allgemeinheit (Klal), wenn es Gerechte in der Generation gibt? Dazu sagte unser Meister: Der Gerechte zieht die Fülle für die Allgemeinheit als Ganze herab. Doch jene Menschen, die keine Gefäße haben, um das Licht darin einzukleiden, können diese Fülle nicht genießen. Die Seele jedes Einzelnen empfängt jedoch aus der Fülle in Form von Or Makif, dem umgebenden Licht. Deshalb „findet der Geist der Geschöpfe an ihm Gefallen“, denn der Geist des Schöpfers leuchtet in den Geist der Geschöpfe hinein.

Mit all jenen jedoch, die ihren Geist noch nicht eingekleidet haben, braucht man weder zu sprechen noch sie zu berücksichtigen.

Möget ihr würdig werden, von Stärke zu Stärke zu schreiten.

Euer Freund, der sich nach eurem Wohlergehen erkundigt und euch alles Gute wünscht,

Baruch Shalom Ashlag

Brief 3

Mit der Hilfe des Schöpfers, zum Wochenabschnitt WaYechi (Und Jakob lebte), 8. Tewet 5715 (2. Januar 1955), hier in der heiligen Stadt Tel Aviv

An meine treuen Freunde …

Ich habe den von … unterzeichneten Brief gelesen und mich sehr darüber gefreut, dass ihr die Arbeit an der Liebe zu den Freunden auf euch genommen habt. Die erste Frage kann ich nicht schriftlich beantworten, weil es sich um Dinge handelt, die mündlich weitergegeben werden und nicht niedergeschrieben werden sollten.

Zu deiner zweiten Frage schreibe ich dir eine Lehre auf, die ich von meinem Vater und Lehrer (Baal HaSulam) hörte: „Mensch und Tier rettest Du, Ewiger.“ Unsere Weisen erklärten: „Dies sind Menschen, die klug an Verstand sind und sich wie Tiere stellen.“ Du aber schreibst mir, dass es erstrebenswert ist, tatsächlich ein Tier zu sein! Vielmehr ist es eure Aufgabe, auf den Wegen der Tora und der Weisheit zu gehen und aus dem Glanz der oberen Lieblichkeit die Süße des wonnevollen Genusses am Oberen Licht herabzuziehen. Doch dies soll den „Hirten von Abrahams Vieh“ entsprechen und nicht den „Hirten von Lots Vieh“. Dem Verständigen genügt dies.

Diese Dinge werdet ihr anhand dessen verstehen, was ich gestern beim dritten Mahl vor unseren Freunden über den Vers sagte: „Ich werde mit dir nach Ägypten hinabziehen, und Ich werde dich auch wieder hinaufführen“ … Ebenso heißt es: „Und Er sprach: ‚Ich werde mit dir sein. Und dies sei dir das Zeichen, dass Ich dich gesandt habe: Wenn du das Volk aus Ägypten führst, werdet ihr Gott an diesem Berg dienen.‘“ Welche Verbindung besteht zwischen „Ich werde sein“ (Ehyeh), „Ich“ (Anochi) und dem Berg (Har)?

Im Buch Die Buchstaben des Rabbi Akiwa steht unter dem Buchstaben Hej: „‚Ich werde sein, der Ich sein werde‘ (Ehyeh Asher Ehyeh), sprach der Schöpfer. Mit der Eigenschaft des Guten erschuf Ich die Welt, mit der Eigenschaft des Guten führe Ich sie, und künftig werde Ich sie mit der Eigenschaft des Guten erneuern. Eine andere Deutung: ‚Ich werde sein, der Ich sein werde‘, sprach der Schöpfer. Mit der Eigenschaft des Glaubens erschuf Ich die Welt, mit der Eigenschaft des Glaubens führe Ich sie, und mit der Eigenschaft des Glaubens werde Ich sie künftig erneuern.“ Man muss verstehen, welchen Bezug der Vers „Ich werde sein, der Ich sein werde“ zur Eigenschaft des Guten und zur Eigenschaft des Glaubens hat. Unsere Weisen deuteten den Vers „Ich werde sein, der Ich sein werde“ so: „Ich werde in dieser Bedrängnis sein, wie Ich bei ihnen in der Knechtschaft unter den übrigen Königreichen sein werde.“

Um all dies zu verstehen, muss man wissen: Wenn ein Mensch beginnt, Tora und Mizwot auf der Linie von liShma einzuhalten, fühlt er, dass er sich in einer Bedrängnis befindet, die „Ägypten“ heißt. Der König von Ägypten fragt nämlich ständig: „Wer ist der Ewige, dass ich auf Seine Stimme hören sollte?“ Dann beginnen die Anstrengungen des Verstandes: Die Gedanken geraten in Siwugim de Hakaa (Paarungen durch Schlag), die auf seinen Verstand einschlagen. Manchmal meint der Mensch, dass all diese fremden Gedanken nur Kundschafter sind, die einzig gekommen sind, „um die Blöße des Landes zu sehen“, also lediglich durch die Öffnungen zu spähen, und dass diese Gedanken keinerlei Verbindung zur Arbeit für den Schöpfer haben. Ein anderes Mal denkt er: „Wir sind redlich, die Söhne eines einzigen Mannes.“ Das heißt, all unsere Gedanken sind einzig darauf gerichtet, dem einen Schöpfer anzuhaften; und wir stärken uns und überwinden alle Gedanken von „Wer ist der Ewige, dass ich auf Seine Stimme hören sollte?“ und „Was soll euch dieser Dienst?“ Dies wird als das „Exil in Ägypten“ bezeichnet.

Ehyeh bezeichnet den Zustand „über dich hinaus“, also den Zustand über dem Verstand. Diese Zeit heißt: „Ich werde mit dir nach Ägypten hinabziehen.“ Denn „Ich bin der Ewige, dein Gott“ – das Joch des Glaubens – befindet sich bei ihm durch das Exil in Ägypten in einem Zustand des Abstiegs. Will man den Körper beruhigen und ihm im Rahmen des Verlangens zu empfangen Lohn versprechen, sagt man ihm: „Und Ich werde dich auch wieder hinaufführen.“ Das bedeutet: Auch danach wirst du im Zustand Anochi, also im Zustand des Glaubens, bleiben.

Das ist „der Ich sein werde“ (Asher Ehyeh): Auch später wird er im Zustand Ehyeh bleiben. Denn auch dann gilt: „Wenn du das Volk aus Ägypten führst, werdet ihr Gott an diesem Berg dienen.“ „Berg“ (Har) ist sprachlich mit „Grübeleien“ (Hirhurim) verbunden. Auch danach wird alles auf dem Fundament des Berges errichtet sein, im Sinne von „wie Berge, die an einem Haar hängen“, und von „Er hängt die Erde über dem Nichts auf“.

Doch wenn man danach die Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer erlangt, wird aus Blima („Nichts“) bli ma („ohne Was“), denn es gibt keinen Raum mehr, in dem das „Was“ erwachen könnte. Dann wird aus „Ehyeh Asher“ der Zustand „Mit der Eigenschaft des Guten erschuf Ich“ und so weiter. Und wenn man empfindet, dass Er ganz und gar gut ist, versteht man bereits: „Mit der Eigenschaft des Glaubens erschuf Ich die Welt“ und so weiter.

Dies erklärt den Vers: „Mein Herz strömt über von einem guten Wort.“ Mein Vater und Lehrer erklärte: Das Strömen geschieht nur im Herzen, das heißt, vom Herzen zum Mund wird es nicht offenbart. Der Mund steht für den Verstand, denn er offenbart die Meinung und die Gedanken des Menschen. Das Herz hingegen bedeutet nur, etwas im Herzen aufzunehmen; dies besteht zunächst nur als Kraft. Wenn der Mensch diese Kraft auf sich nimmt, wird er eines guten Wortes würdig und empfindet, dass es auf der Welt nichts Besseres gibt als den Glauben. Dann kann er bereits sagen: „Meine Werke gelten dem König“, das heißt: geben und nicht empfangen. Dadurch wird er des Zustands „Meine Zunge ist der Griffel eines gewandten Schreibers“ würdig – des Zustands von Moses, unserem Lehrer, Friede sei mit ihm.

Dies bedeutet: „Ich werde mit dir nach Ägypten hinabziehen.“ Während des Exils sieht man, dass nichts schlimmer und niedriger ist als der Zustand Anochi. Wenn man aber dessen würdig wird, sieht man, dass er der Zustand „Ich werde dich auch wieder hinaufführen“ ist, denn alle Aufstiege bestehen einzig im Zustand Anochi. Das ist „Ich werde sein, der Ich sein werde“ (Ehyeh Asher Ehyeh): Zuerst war dies für ihn eine Bedrängnis, jetzt aber ist es für ihn das Gute. Dies ist die Bedeutung von: „Eine Zeit der Bedrängnis ist es für Jakob, doch aus ihr wird er gerettet werden“, denn alle Rettungen geschehen einzig im Zustand Anochi.

Ich schließe meinen Brief mit dem Wunsch, dass wir würdig werden, das Joch des Königtums des Himmels im Zustand Anochi auf uns zu nehmen.

Brief 4

18. Schwat 5715 (10. Februar 1955)

An meinen Freund … Friede und alles Gute für immer,

Ich wundere mich über dich … denn seit langer Zeit habe ich von dir keinerlei Nachricht darüber erhalten, wie es um deine Gesundheit und deine körperliche Kraft steht.

Gewiss fehlen euch Zuversicht und Stärkung. Meiner Ansicht nach liegt das an den äußeren Gedanken und Ansichten, die ihr über die anhaftenden Kanäle aufnehmt, die vorhanden sind, wenn ihr in eine Umgebung kommt, die unserem Geist und unserem Weg nicht entspricht. Stattdessen sollten die fremden Gedanken bereits in eurer Gewalt sein – „in der Nukwa des großen Abgrunds“. Das bedeutet: Diese Gedanken sollten keinerlei Herrschaft und Kraft mehr haben, weil ihr sie bereits annulliert und unter eure Füße geworfen habt, sodass ihr sie zertreten und über sie hinweggehen könnt. Mit anderen Worten: Obwohl die fremden Gedanken noch in euren Körpern vorhanden sind, herrschen sie nicht über euch.

Darin liegt die Bedeutung des Schabbat (Sabbat): Obwohl die Klipot (Schalen) in der Welt vorhanden sind, weil das Ende der Korrektur (Gmar Tikun) noch nicht erreicht ist, wenn „die Finsternis wie das Licht leuchten wird“, ist der Ort der fremden Gedanken doch die Nukwa des großen Abgrunds, sodass sie am Menschen keinerlei Halt haben. Verlässt man jedoch den Bereich des Einzelnen und tritt in den Bereich der Vielen – das heißt, man trägt die Gedanken und die Arbeit in den Bereich der Vielen hinaus, damit die Vielen sie betrachten –, oder bringt man umgekehrt die Gedanken der Menschen aus dem Bereich der Vielen in euren Bereich des Einzelnen hinein, so heißt dies bereits „Entweihung des Schabbat“. Denn dadurch gibt man jenen Klipot Raum, wieder zu erwachen, deren Kraft bereits erloschen war und die schon in der Nukwa des großen Abgrunds lagen, sodass sie in eure Gedanken aufsteigen können.

Dann denkt ihr nicht, dass diese fremden Gedanken nur Scharfsinn und Gelehrsamkeit außenstehender Menschen sind. Vielmehr haltet ihr sie für die Frucht eures eigenen Handelns und meint, ihr seid nun der Wahrheit angehaftet. Ihr glaubt also, die wahre Klärung zu besitzen, und die Schlussfolgerungen, die ihr jetzt aus dem Für und Wider der fremden Gedanken zieht, sind hundertprozentig reine Wahrheit. Bis jetzt hingegen waren all eure Taten nur deshalb so, weil ihr die Dinge nicht hinreichend durch sieben Untersuchungen und Prüfungen geklärt habt, wie es sich für einen Menschen gehört, der auf dem Weg der Wahrheit gehen will.

Von heute an müsst ihr also den Weg einschlagen, der bei Menschen üblich ist, die von der Strömung der Welt mitgerissen werden. Die Folgen sind hinreichend bekannt, und für den Verstehenden ist genug gesagt. Obwohl es nicht meine Art ist, über solche Dinge zu sprechen, geschweige denn darüber zu schreiben, ändere ich nun meine Art. Dabei weiß ich, dass es keinerlei Nutzen bringen wird; ich tue es nur, um meine Seele gerettet zu haben. Und für den Verstehenden ist genug gesagt.

Wir veranstalteten eine Feier zum Neujahr der Bäume im Monat Schwat, wenn die Welt zu Shevet („Rute“) oder zu Chessed (Güte) gerichtet wird. Denn Schwat ist der fünfte der Wintermonate. Wenn man durch die Beschimpfungen und Schmähungen, die man über die Tora und die Mizwot hört, bereits zur fünften Bchina gelangt – zur Sefira Hod –, muss man sich korrigieren und im Gericht als würdig erweisen, sodass aus Dawah [Leid] Hod [Glanz] wird. Dann wird aus Shevet Chessed, indem alle fünf Bechinot von Chessed bis Hod herabgezogen werden. So steht geschrieben: „Denn ich sagte: Eine Welt wird auf Güte gebaut.“ Das Licht der Chassadim heißt „über dem Verstand“, und nur dort ruht der Segen.

Darum spricht man am fünfzehnten Schwat den Segen über die Früchte. Mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) sagte, der ganze Unterschied zwischen Heiligkeit (Kedusha) und Klipa zeigt sich an den Früchten: Durch die Arbeit werden Früchte hervorgebracht, wohingegen „ein anderer Gott unfruchtbar ist und keine Früchte hervorbringt“.

Früchte zu erlangen gelingt nur durch die Eigenschaft Chessed. Dann wird man eines fruchttragenden Baumes würdig, denn „der Mensch ist ein Baum des Feldes“. Nur durch den Weg, den wir von meinem Vater und Lehrer (Baal HaSulam) empfangen haben, werden wir der Früchte würdig, die „Fruchtbarsein und Sichvermehren“ heißen. Durch die Früchte befinden wir uns immer im Zustand keRavya [wie ein Junge], das heißt wie ein junger Mann, im Geheimnis von „Freue dich, junger Mann, in deiner Jugend“.

Das ist die Bedeutung von „Die auf den Ewigen hoffen, gewinnen neue Kraft“. Denn nur dies heißt Siyata deShmaya [Hilfe des Himmels]: Wenn der Mensch in einen Zustand kommt, in dem sich die Sache von beiden Seiten betrachten lässt, und es nicht in seiner Hand liegt, zu klären, was die Wahrheit ist, braucht er allein die Hilfe des Himmels. Dies heißt „die auf den Ewigen hoffen“, denn er braucht das Erbarmen des Himmels.

Möge der Schöpfer uns würdig machen, die Rettung des Schöpfers im Materiellen wie im Spirituellen zu erlangen.Euer FreundBaruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 5

Mit der Hilfe des Schöpfers, Donnerstag, Wochenabschnitt Teruma, 2. Adar 5715 (24. Februar 1955)

An meinen Freund …

Ich habe deinen Brief vom Ausgang des heiligen Schabbats dieser Woche gelesen, und es hat mich gefreut, dass du deiner Pflicht nachkommst und die Zustände enthüllst, die du im Laufe der Zeit von einem Brief zum nächsten durchläufst. Sicherlich wird der Schöpfer unsere Augen in Seiner Tora erleuchten usw.

Meiner Meinung nach sollt ihr die Liebe zu Freunden mehren. Zu dauerhafter Liebe kann man nur durch Anhaftung (Dwekut) gelangen. Das bedeutet, dass ihr beide euch durch ein festes Band verbindet. Das ist jedoch nur möglich, wenn ihr versucht, das Gewand abzulegen, in dem sich die innere Seele befindet. Dieses Gewand wird Eigenliebe genannt. Nur dieses Gewand trennt zwei Punkte voneinander.

Wenn man hingegen auf dem geraden Weg geht, gelangt man von den beiden Punkten, die als „zwei einander widersprechende Linien“ gelten, zur Mittleren Linie, die beide Linien zusammen umfasst. Wenn ihr spürt, dass ihr mitten im Kampf steht, weiß und fühlt jeder von euch, dass er die Hilfe seines Freundes braucht und dass ohne ihn auch seine eigene Kraft schwächer wird. Sobald jeder begreift, dass er sein Leben retten muss, vergisst er von selbst, dass er einen Körper hat, für dessen Erhaltung er sorgen muss. Vielmehr sind beide in einer Meinung miteinander verbunden: wie und womit sie den Feind besiegen können. Beeile dich deshalb in dieser Sache; die Wahrheit wird den Weg weisen5, und sicherlich wirst du Erfolg haben. Setze den Briefwechsel fort.

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 6

Mit der Hilfe des Schöpfers, 23. Nisan 5715 (15. April 1955), hier in London6

An die Schüler, mögen sie leben

Den Brief von … habe ich erhalten. Er tut gut daran, dessen Einzelheiten so weit auszuführen, wie es ihm möglich ist. Was die übrigen Dinge betrifft, die er mir mitteilt, hoffe ich, bald alles richtig ordnen zu können.

Die Mishna sagt7: „Alle sind zum Erscheinen verpflichtet.“ Das bedeutet, dass jeder im Heiligen Tempel erscheinen muss, wie es heißt: „Alles Männliche bei dir soll gesehen werden.“ Wer der männlichen Eigenschaft angehört – also dem Geben –, muss empfinden, dass der Schöpfer ihn sieht und über ihn wacht.

Unsere Weisen sagten: „Wer auf einem Auge blind ist, ist vom Erscheinen befreit, denn es heißt: ‚Er wird sehen‘ und ‚er wird gesehen werden‘8. Wie er kommt, um zu sehen, so kommt er, um gesehen zu werden. Wie er kommt, um mit beiden Augen zu sehen, so wird er auch mit beiden Augen gesehen“ (Traktat Chagiga 4)9.

Die „Augen“ sind „Ich bin“ (Anochi)10 und „Du sollst keine anderen Götter haben“11. „Ich bin“ heißt Eigenschaft der Liebe, also Eigenschaft der Chassadim und des Glaubens. „Du sollst keine anderen Götter haben“ heißt Eigenschaft der Frau, also Eigenschaft der Linken. Erst dann wird man gewürdigt, der Shechina (göttlichen Gegenwart) zu begegnen.

„Und sie sollen nicht mit leeren Händen vor Meinem Angesicht erscheinen12, sondern jeder mit der Gabe seiner Hand.“13 Das heißt: Wie groß sein Erwachen von unten war, wie groß der Segen des Schöpfers war und wie sehr der Schöpfer ihm während seiner Arbeit leuchtete, sodass er darin standhalten konnte – in diesem Maß kann er gewürdigt werden, der Shechina zu begegnen.

In der Gemara (Seite 4) heißt es zu den Worten der Mishna: „Ausgenommen sind ein Tauber, ein Tor und ein Minderjähriger.“ In einer Baraita wird gelehrt: „Wer ist ein Tor? Wer verliert, was man ihm gibt.“14 Er ist vom Erscheinen befreit. Das bedeutet, dass er keiner Einkleidung der Heiligkeit (Kedusha) gewürdigt werden kann.

Damit habe ich die Worte unserer Weisen erklärt: „Rabbi Yochanan sagte: ‚Wer ist ein Tora-Gelehrter (Talmid Chacham), dem man einen verlorenen Gegenstand durch Wiedererkennen mit dem Auge zurückgibt? Wer darauf achtet, sein Gewand zu wenden‘“15 (Traktat Schabbat 114)16. Man muss verstehen, welche Größe darin liegt.

Nach unserem Weg ist das einfach. „Sein Gewand“ bezeichnet die Kleidung auf der Seele. Er achtet also darauf, das Verlangen zu empfangen so zu wenden, dass es auf das Geben ausgerichtet ist. Dies ist ein Grundsatz (Klal): Jeder Mensch empfängt irgendwann ein Erwachen von oben. Warum verlässt ihn dieses Erwachen wieder? Weil ein Mensch nur sündigt, wenn ein Geist der Torheit in ihn eingedrungen ist.17

Das heißt, es gibt einen Weisen und einen Toren. „Weiser“ bezeichnet den Schöpfer. Ein „Tora-Gelehrter“ ist jemand, der die Eigenschaft des Schöpfers gelernt hat: ein Gebender zu sein. Ein „Tor“ ist das Gegenteil des Schöpfers; er will für sich selbst empfangen. Sobald das Empfangsgefäß in ihm erwacht, verlässt ihn das Erwachen sofort.

Wenn er jedoch darauf achtet, sein Gewand zu wenden – also um zu geben –, gibt man ihm seinen verlorenen Gegenstand durch Wiedererkennen mit dem Auge sofort zurück. Das heißt, er erlangt die Augen der Heiligkeit, die Eigenschaften „Ich bin“ und „Du sollst keine anderen Götter haben“. Dies genügt dem Verständigen.

Man muss jedoch wissen, dass es eine Eigenschaft der Mizwa und eine Eigenschaft der Tora gibt, wie geschrieben steht: „Eine Mizwa ist eine Leuchte, und die Tora ist Licht.“18

Der heilige Sohar19 erklärt, weshalb zu Pessach ein Speiseopfer aus Gerste dargebracht wurde. Der Omer bestand aus Gerste, weil der Mond mangelhaft war, also eine Beschneidung (Mila) ohne Freilegung (Pria) vorlag. (Nur in der ersten Nacht geschah dies durch ein Erwachen von oben.) Die Beschneidung ist das Geheimnis der Entfernung der Vorhaut, also des Abwerfens des Verlangens zu empfangen.

Dadurch wird man der Eigenschaft der Mizwa, der Eigenschaft des Glaubens, gewürdigt. Sie heißt „Hand-Tefillin, schwache Hand“. Diese Eigenschaft heißt Königtum des Himmels; sie entspricht einem Tier (Behema) [בהמה], dessen Zahlenwert dem Namen BoN [ב״ן] entspricht. Durch die Korrektur der Omer-Zählung während sieben Wochen gelangt man zudem zum Empfang der Tora. Dies entspricht dem Himmel, Seir Anpin, dessen Zahlenwert Adam („Mensch“) [אדם] ist. Deshalb brachte man an Schawuot zwei Brote aus Weizen dar, der Nahrung für den Menschen ist.

So verstehen wir die Mishna: „An Pessach wird über das Getreide gerichtet und an Schawuot über die Früchte des Baumes. Rabbi Yehuda sagte im Namen Rabbi Akiwas: ‚Warum sagte die Tora: Bringt Mir an Pessach einen Omer dar? Damit das Getreide auf euren Feldern gesegnet wird. Und warum sagte die Tora: Bringt Mir an Schawuot zwei Brote dar? Weil Schawuot die Zeit der Baumfrüchte ist.‘ Der Schöpfer sagte: ‚Bringt Mir zwei Brote dar, damit eure Baumfrüchte gesegnet werden‘“ (Traktat Rosh HaShana 16)20.

Man muss verstehen, welcher Zusammenhang zwischen der Nahrung für Tiere und dem Getreide auf den Feldern besteht und welcher Zusammenhang zwischen der Nahrung für Menschen, also Weizen, und den Früchten des Baumes besteht.

Nach unserem Weg ist das einfach: Der Omer steht für die Nahrung der Tiere. Das ist das Geheimnis von Glaube, Mizwa und Ehrfurcht vor dem Himmel, denn Malchut wird als Tier bezeichnet.

Die „zwei Brote“ wiederum stehen für die Nahrung des Menschen. Rashi erklärt: „Rabbi Yehuda folgt seiner eigenen Auffassung, denn er sagte, der Baum, von dem Adam haRishon (der erste Mensch) aß, war Weizen.“21 Denn der Mensch wird „Baum des Feldes“ genannt, und auch die Tora wird Baum genannt, wie geschrieben steht: „Ein Baum des Lebens ist sie.“22 Wenn man der Eigenschaft der Tora gewürdigt wird, heißt dies daher, dass an Schawuot über den Baum gerichtet wird.

Ich habe mich in diesem Brief kurzgefasst. Neuigkeiten habe ich keine; hoffen wir, dass alles gut wird.

Euer Freund

Brief 7

24. April 195523

Frieden und alles Gute für immer meinen Freunden, die gegenüber den Wolken und Schatten Wache halten, die sich nun dem Volk des Schöpfers entgegenstellen. Nach der großen Verhüllung, die in unserer Zeit über die Welt gekommen ist, funkelt in ihren Herzen noch ein Funke vom Licht des Schöpfers, den sie von meinem Vater und Lehrer (Baal HaSulam) erworben haben. Sie wissen den Punkt in ihrem Herzen zu bewahren und stehen da und warten auf die ewige Erlösung …

Ich möchte zu dem Gespräch über weltliche Dinge, das am 1. Ijar24 stattfand, einige Worte hinzufügen. Damals stellte sich eine gewaltige Frage: Wozu brauchen wir in unserer Welt all die weltlichen Dinge, also Mühe und Leiden, wenn der Schöpfer Seinen Geschöpfen mit Dingen der Heiligkeit Gutes tun wollte, sodass sie Wohlgeschmack und Genuss in der Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer empfinden? Wozu brauche ich diese Weltlichkeit?

Nach deiner Ansicht hätte den Geschöpfen die Heiligkeit allein genügt. Wozu also das ganze System der Klipot (Schalen)? Welchen Gewinn, welches Wohlgefallen und welchen Nutzen bringt dies dem Schöpfer, wenn wir glauben, dass Er selbst dieses ganze Werk erschaffen hat?

Und du sagtest, dass man diese Dinge nur über dem Verstand annehmen kann. Auch ich neige zu der Ansicht, dass alle spirituellen Dinge, die man über dem Verstand annimmt, später dessen gewürdigt werden, dass sich die Erkenntnis des Schöpfers in vollkommener Einkleidung in die Organe ausbreitet, wie geschrieben steht: „Und Ich werde Segen über euch ausgießen bis zum Übermaß.“25 Doch auch auf dem Weg des Studiums kann man dies mit Begründung und Vernunft verstehen, wie es dem Weg der Tora entspricht.

Sieh im Sohar (Wochenabschnitt Tasria, Blatt 36 [Punkt 105]), im Artikel „Die Weisheit hat einen Vorzug vor der Unvernunft“26, sowie im Sulam27. Dort wird erklärt: Obwohl es viele Dinge in der Welt gibt, haben wir keinen Begriff und keine Empfindung von all den wunderbaren Dingen unserer Welt, wenn es nichts gibt, woran man sich festhalten kann.

Das bedeutet: Uns fehlen die Gefäße, um selbst die einfachsten Dinge zu erlangen, an denen wir Wohlgeschmack, Süße und Annehmlichkeit empfinden. Erst wenn wir die geeigneten Gefäße besitzen, die „Verlangen, die guten Füllungen zu empfangen“ genannt werden, können wir sie erlangen. Wir können nicht behaupten, dass wir diese Dinge ohne das Verlangen danach empfangen und erlangen könnten.

Nehmen wir ein Gleichnis. Bekanntlich liegt Genuss im Verlangen; das heißt, es gibt Genuss im Verlangen nach einer Sache und Genuss in ihrer Erlangung. Das Maß des Genusses im Verlangen hängt vom Maß des Leidens ab, das man empfindet, wenn man die Sache nicht erlangt. Wenn jemand also spürt, dass ihn, falls er sie nicht erlangt, eine Enttäuschung in seinem Leben erwartet, dann kleidet sich der Genuss entsprechend der Dauer seines Verlangens und Sehnens ein.

Nehmen wir als Beispiel etwas Einfacheres. Bei jemandem, der Wasser trinkt, um seinen Durst zu stillen, hält sich das Wasser an der Größe des Gefäßes fest, also am Maß des Leidens, das sein Durst verursacht. Wenn wir einen Menschen während des Trinkens fragen, ob er mit dem Leiden an seinem Durst zufrieden ist, weil ihm das Wasser dadurch jetzt besonders großen Genuss bereitet, wird er gewiss Ja sagen. Wenn wir ihm dennoch raten: „Wenn du das Wasser genießen willst, iss salzige Speisen und trinke einen halben Tag lang nichts, bis dein Durst so groß ist, dass du danach das Trinken genießen wirst“, wird er gewiss sagen: „Ich will weder dies noch den Lohn dafür.“28 Ebenso, wenn wir keine Gefäße hätten …

Und in Bezug auf Rabbi Akiwa: „Mein ganzes Leben lang quälte mich die Frage: Wann wird mir dies zuteil, damit ich es erfüllen kann?“29

[Das Ende des Briefes fehlt]

Brief 8

26. Mai 1955, Tel Aviv, am 48. Tag der Omer-Zählung, am Vorabend von Schawuot30

Meinen Freunden Frieden und alles Gute für immer …

Als Antwort auf euren Brief muss ich euch mitteilen, dass ich im Augenblick schriftlich nichts hinzuzufügen habe, außer dem, was geschrieben steht: „Sprich zu den Kindern Israels, damit sie weiterziehen.“ Was das Weiterziehen betrifft, so wisst ihr, dass es bedeutet, jedes Mal von einem Zustand in einen anderen überzugehen; das ist der Sinn eines Ortswechsels. Mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) sagte in seinem Sulam-Kommentar zum Vers „Ein Tag lässt dem anderen die Botschaft hervorströmen“, es kann keinen Tag nach dem anderen geben, ohne dass dazwischen ein Zustand der Nacht liegt. In der Mitte muss also eine Unterbrechung sein; andernfalls heißt es „ein langer Tag“ und nicht „Tag für Tag“. Die Ordnung der Arbeit ist jedoch gerade Tag für Tag. „Und eine Nacht verkündet der anderen Erkenntnis“, das heißt, dazwischen liegt ein Zustand des Tages. So weit seine Worte.313233

Dies ist die Ordnung des Weiterziehens. Fürchtet daher keinen Zustand, sondern zieht, wie oben gesagt, weiter und geht voran. Deshalb muss jedes Mal ein neuer Strom einfließen, wie … mir in seinem letzten Brief den Vers schrieb: „Jeden Morgen sind sie neu; groß ist Deine Treue.“ Und dem Verstehenden genügt dies.34

Nebenbei offenbare ich dir meine Gedanken und meinen Wunsch, obwohl dies nicht meine Art ist. Dennoch habe ich den Wunsch und das Verlangen, dir zu offenbaren, was mir über die Menschen in Tiberias in den Sinn kam: zu erfahren, was und wie sie über uns denken und mit welchem Gesicht sie uns ansehen – freundlich oder dreist. In diesem Brief werde ich euch aufschreiben, wie ich mir die Menschen in Tiberias vorstelle und welches Bild ich mir von ihnen mache. Auch wenn ich das Wesen der Gestalt von Tiberias nicht beschrieben habe, schreibe ich euch dennoch, was ich denke. Denn jetzt werde ich etwas von meinen persönlichen und allgemeinen Sorgen frei, nehme mir eine freie Stunde und hebe den Kopf, um das Schauspiel zu betrachten, das sich dort abspielt. Da ist es, als sähe ich drei Arten von Menschen – drei Formen und Gestalten, die in drei Arten von Körpern gekleidet sind.

1) Es gibt einen großen Teil, fast die überwältigende Mehrheit. Obwohl ich mir ausmale, sie dächten schlecht oder gut über uns, ehrten oder verachteten uns, stehen wir in Wahrheit in ihren Augen unterhalb jeder Kritik. Sie denken also überhaupt nicht an uns und nehmen uns nicht wahr; es ist, als wären wir in dieser Welt gar nicht gemeinsam mit ihnen auf der Erde. Selbst wenn sie irgendwo und irgendwann hören, dass es so etwas wie die Chassidim von Rav Ashlag gibt, interessiert es sie nicht. Den ganzen Tag sind sie mit ihrem Lebensunterhalt beschäftigt – sei es mit Begierden, mit Ehre oder mit ihrer Spiritualität. Sie haben keinerlei Anlass, sich mit so belanglosen Dingen wie uns zu befassen, denn wir sind nur eine kleine Handvoll Menschen; besonders nachdem sie gehört haben, dass es innerhalb dieser Handvoll Streit gibt. „Eine Handvoll sättigt den Löwen nicht“: Diese Handvoll ist in ihren Augen so klein und unbedeutend, dass es ihnen weder Sättigung noch seelische Befriedigung gäbe, uns in ihren Verstand und ihre Gedanken aufzunehmen, um über uns zum Guten oder zum Schlechten zu urteilen. So niedrig stehen wir in ihren Augen, schlicht unterhalb jeder Kritik, dass es sich nicht lohnt, auch nur einen kurzen Augenblick an uns zu verschwenden. Obwohl ich denke, dieser Löwe schmiede alle möglichen Pläne gegen uns, gibt es weder Bären noch Wald – also, wie oben gesagt, nichts dergleichen.

Die zweite Art sind jene Menschen, die uns achten und bei denen wir bereits einen wirklichen Platz in der Welt einnehmen. Sie betrachten uns als Menschen von Wert, Gestalt und Statur. Sie erweisen uns bereits die größte Wohltat, indem sie uns in ihrer freien Zeit Raum und Zeit in ihrem Verstand und ihren Gedanken zuteilen. Sie befassen sich mit uns und verfolgen aufmerksam unsere Haltung und unser Tun, um zu sehen und festzustellen, ob wir wirklich Menschen mit guten Eigenschaften und aufrichtigem Herzen sind, und um uns kritisch zu prüfen, ob sich in uns tatsächlich etwas findet.

Wenn sie mit sich selbst Rechnung halten, sehen sie, dass sich letztlich eine Handvoll Menschen versammelt hat, um an einem Ort unter einer Führung vereint zu sein. Mit einem Mut, der über menschliche Grenzen hinausgeht, stehen sie fest gegen alle, die sich gegen sie erheben. Gewiss sind es beherzte Menschen mit starkem Geist und einem Entschluss, der hart wie Stahl ist: keinen einzigen Schritt zurückzuweichen. Sie sind Kämpfer ersten Ranges, die den Kampf gegen den Trieb bis zum letzten Blutstropfen führen. Ihr ganzes Bestreben gilt einzig und allein dem Sieg in diesem Kampf zur Ehre Seines Namens.

Doch nach all ihren Erwägungen beginnen sie, auf sich selbst zu blicken – ausgehend von ihren Vorurteilen und persönlichen Interessen hinsichtlich Begierde und Ehre. Dann sind sie gezwungen, alle einstimmig zu entscheiden: Auch wenn zwischen ihnen selbst eine große Entfernung und eine Verschiedenheit der Form besteht, sie niemals in irgendeiner Weise zu einer gemeinsamen Meinung gelangen können, einander vielleicht sogar hassen, keiner im Umkreis von vier Ellen des anderen stehen kann und jeder den anderen lebendig in die Unterwelt verschlingen möchte – uns gegenüber vereinigen sie sich dennoch alle und beschließen mit einer Stimme und einer Sprache, dass es sich für sie nicht lohnt, sich mit uns zu verbinden.3536

Da sie wegen des in ihnen liegenden Verlangens zu empfangen bestochen sind und „die Bestechung die Augen der Weisen blind macht“, sehen sie sofort das Gegenteil dessen, was sie zuvor über uns gedacht haben. Nach all dem Lob und den guten Eigenschaften, die sie an uns sahen und derentwegen es angemessen wäre, jeden von uns zu achten, vollstrecken sie unmittelbar nach ihrem Beschluss ihr Urteil mit Begeisterung und übermäßigem Eifer. Der Grund ist, dass wir mit unseren Ansichten ihren Ruf übel riechen lassen: Einerseits sehen sie, dass die Wahrheit bei uns ist, andererseits bedrückt sie unser Weg.37

Um uns loszuwerden, bleibt ihnen daher kein anderer Rat, als uns zu vernichten und unseren Namen unter dem Himmel der Erde auszulöschen. Sie setzen dafür Energie, Kraft und Verstand ein, um uns in alle vier Himmelsrichtungen zu zerstreuen. Dazu schmieden sie Pläne, uns auf unseren Wegen Hindernisse und Stolpersteine in den Weg zu legen, und gebrauchen alle möglichen Mittel – lautere wie unlautere. Selbst wenn diese Mittel dem Geist der Tora und dem menschlichen Geist fremd sind, kümmert sie das nicht. Denn sie sehen, dass ihr Verlangen zu empfangen keinen Bestand haben wird, wenn wir irgendeine Macht gewinnen und unser Ziel sich unter Menschen mit ungeteiltem Sinn und aufrichtigem Herzen verbreitet. Dann hätten wir die Kraft, ihnen die Wahrheit zu zeigen.38

Das ist schlecht für sie, denn lieber tun sie, was ihr Herz begehrt, und sind zugleich „das Gesicht der Generation“, einflussreiche Menschen und spirituelle Führer. Deshalb ersinnen sie Pläne zur Zerstörung und Vernichtung unserer Zukunft und sagen: „Je früher, desto besser.“ Solange sie noch im Keim sind, ist es leichter und besser, ihre Würde herabzusetzen, damit keine Erinnerung an sie bleibt.39

Dennoch müssen wir ihnen dankbar sein und ihnen tausendfach Anerkennung aussprechen, weil sie uns ehren und unsere Haltung für bedeutsam halten, indem sie zumindest sagen, dass es etwas gibt, das beseitigt werden muss. Das heißt, wir sollen nicht darauf achten, dass sie uns wie Staub der Erde zunichtemachen; jedenfalls sind wir irgendeine Wirklichkeit. Anders ist es bei den Menschen der ersten Art: Sie rechnen überhaupt nicht mit uns, messen uns keine Bedeutung bei und meinen, es lohnt sich nicht, auf das zu achten, was sich in unserem Bereich abspielt. Unsere Schwäche beeindruckt sie nicht – dass wir nämlich glauben, sie verfolgten unsere Taten, und uns deshalb von manchen Handlungen zurückhalten, damit diese ihnen nicht missfallen. Das führt oft dazu, dass wir aus Furcht vor den Menschen der ersten Art vom Kampfplatz fliehen. In Wahrheit gibt es unter ihnen keinen Einzigen, der uns Beachtung schenkt oder überhaupt etwas über uns denkt. Vielleicht ist es, wie geschrieben steht: „Ihr flieht, obwohl euch niemand verfolgt.“ Deshalb sollten wir uns über die Menschen der zweiten Art freuen. Wenigstens verspotten, schmähen, erniedrigen und verleumden sie uns. Wie oben gesagt: Zumindest sind wir eine Wirklichkeit in der Welt, und der Gedanke, unseren Namen von der Erde auszulöschen, kommt ihnen nicht so leicht.40

Und bei der dritten Art finde ich Menschen, die unser Wohl und unseren Frieden suchen, doch es sind sehr wenige – nach dem Grundsatz, dass die kleinste Mehrzahl zwei ist. Ich bezeichne sie nach den Anfangsbuchstaben ihrer Namen als BoShMA, also B…, Sh…, M…, A… In der Heiligen Sprache heißen sie Bosem [Duft], in der Sprache des Targum BoShMA. Denn Targum gilt als Rückseite (Achoraim); sie müssen also des Lichtes des Angesichts (Panim) würdig werden, sodass all ihre Handlungen in Heiligkeit geschehen, die „Heilige Sprache“ genannt wird.

Was soll ich aber tun? Wenn ich mir die Geliebten unserer Seele vorstellen und ausmalen will, die sich in Tiberias befinden, empfinde ich Tiberias als eine lärmende Stadt. Die oben erwähnten Menschen der dritten Art, die in zwei Körper gekleidet sind, werden im Strudel herumgewirbelt und schweifen zwischen all den Verlangen und Ansichten umher, die in anderen Körpern gekleidet sind – also in der ersten und der zweiten Art. Daher fällt es mir schwer, sie zu finden. Sie befinden sich wie in einem großen Haufen Stroh und Spreu; wie kann man darin zwei kostbare Perlen finden – zwei Weizenkörner, die sich vor der überwältigenden Mehrheit annullieren? Zwar lautet das Gesetz: „Ein vollständiges Geschöpf wird selbst unter tausend nicht annulliert“, doch sie müssen standhalten und wie ein Kranich laut rufen, dass sie ein Geschöpf voller Lebenskraft sind.41

Daraus verstehen wir das Gleichnis unserer Weisen: Stroh, Spreu und Weizen streiten miteinander, für wen das Feld gesät wurde. Die Behauptung von Stroh und Spreu wirkt so überzeugend, dass man sie nicht umstimmen kann; manchmal besteht sogar die Furcht, der Weizen werde sich der Herrschaft von Stroh und Spreu unterwerfen. Sie behaupten: „Wir sind doch die Vielen, ihr Weizenkörner aber seid gegenüber unserer Größe wie nichts. Wir sind hochgewachsen und wurden geboren, bevor ihr zur Welt kamt. Als ihr noch keinerlei Wirklichkeit hattet, waren wir bereits groß und von stattlicher Gestalt; unsere Größe war für alle sichtbar. Aus der Ferne erfreuen wir das Auge, denn wir verleihen dem ganzen Feld Schönheit. Ihr Weizenkörner dagegen seid so klein und verborgen, dass man euch nur mit besonderer Aufmerksamkeit sehen kann, wenn man nahe an euch herantritt. Das muss an eurer Unfähigkeit liegen. Wir hingegen bieten müden Menschen, die sich auf den Wegen verirrt haben und keinen Ort finden, an dem sie ihren Kopf niederlegen können, Platz und Zuflucht. Wir nehmen sie in unseren Bereich auf und verbergen sie vor Wind und wilden Tieren, damit diese sie nicht sehen. Wer aber kann von euch Nutzen haben?“42

„Als die Zeit der Tenne kam, wussten alle, für wen das Feld gesät worden war.“ Stroh und Spreu taugen nur als Tierfutter und haben keine Hoffnung, eine größere Bedeutung zu erlangen, als sie jetzt besitzen. Anders der Weizen: Nach mehreren Korrekturen – man bricht ihn, siebt ihn durch mehrere Siebe, gibt Wein und Öl hinzu und bringt ihn ins Feuer – gelangt er auf den Tisch von Königen und ist würdig, dem Schöpfer als Opfergabe dargebracht zu werden. Das ganze Verdienst, das Stroh und Spreu zugerechnet werden kann, liegt darin, dass sie dem Weizen dienen, ihn großzogen und ernährten. Sie nahmen also Nahrung aus der Erde auf und leiteten sie an den Weizen weiter. Dass der Weizen auf den Schultern von Stroh und Spreu ruhte, war ihnen Last und Bürde; ihre Stellung gleicht der eines Dieners, der dem König dient, und einer Magd, die ihrer Herrin dient.

Vor der Zeit der Tenne, also vor dem Abschluss, kann man jedoch die Richtigkeit und Wahrhaftigkeit der Wirklichkeit an sich nicht klären. Jeder bleibt bei dem Seinen und behauptet entsprechend seinem Empfinden. Der Wahrheit Rechnung zu tragen, ohne darauf zu achten, ob dies irgendeine Erniedrigung oder Unannehmlichkeit verursacht, ist keineswegs einfach. Das kann nur, wer jede Sache in viele Einzelheiten zerlegen kann, bis ihre Richtigkeit und Wahrheit wie Licht hervortreten. Dafür muss man von oben gewürdigt werden, nicht in das Netz der Eigenliebe zu geraten und nicht vom reißenden Strom der ganzen Allgemeinheit mitgerissen zu werden.43

Aus allem oben Gesagten folgt, dass es mir schwerfällt, euch zu finden, wenn ihr für euch allein seid, ohne jede Beimischung anderer Verlangen und Ansichten, da sie euch alle verbergen – wie oben im Gleichnis vom Weizen beschrieben.

Doch ich habe einen Rat für mich gefunden, ähnlich der oben erwähnten Zeit der Tenne. Nur nachts nach Mitternacht, wenn der Nachtwind weht und den Haufen von Stroh und Spreu zerstreut und alle wie tote Leiber flach über das Feld ausgestreckt liegen – also schlafend in ihren Betten –, kommen die beiden Weizenkörner frei. Sie brechen ihr Herz vor ihrem Vater im Himmel und treten bis zum Morgenlicht in die Flamme des Feuers der Tora ein. Wenn die Zeit des Gebets kommt, geht ihre Seele hinaus, während sie Worte des lebendigen Schöpfers sprechen. Dann, so denke ich, ist die Zeit geeignet, sich an den kostbaren Perlen zu erfreuen, die wie Feuerfunken glühen, um mit der Hilfe des Felsens ihrer Erlösung in die Allgemeinheit Israels eingeschlossen zu werden. Möge der Schöpfer es gewähren; und dem Verstehenden genügt dies.

Ich will noch einige Dinge über die Liebe schreiben. Bekanntlich gibt es kein Licht ohne Kli [Gefäß], das heißt: Für jeden Genuss muss es eine Kleidung geben, in die sich das Licht des Genusses kleiden kann. Nehmen wir als Beispiel, dass ein Mensch etwas Ehre erwerben möchte, also in den Augen der Menschen geehrt sein will. Seine erste Stufe sind dann seine Kleider: Er kleidet sich in Ehrengewänder, wie unsere Weisen sagten: „Rabbi Yochanan nannte seine Kleider ‚meine Ehrenden‘.“ Die Ordnung ist, dass er ein bestimmtes Maß an Mühe aufwenden muss, bis er das kostbare Gewand erlangt. Auch nachdem er es erlangt hat, muss er es sorgfältig vor jedem Schädling und Schaden bewahren. Jeden Tag muss er den Staub abschütteln; bekommt es einen Fleck oder wird schmutzig, muss er es waschen und bügeln. Vor allem muss er es vor dem gefährlichsten Schädling bewahren, der Motte heißt. Auf Jiddisch nenne ich sie Mol; das ist eine kleine Mücke, die man nicht sehen kann. Die erste Korrektur besteht darin, den Kontakt mit alten Kleidern zu vermeiden. Außerdem gibt es ein hervorragendes Mittel namens „Naphthalin“. Dieses Mittel bewahrt das Gewand vor den Schädlingen, die Motten heißen. Wenn er das Gewand besitzt, ist er bereit, darin das Licht des Genusses zu empfangen, das in Ehrenkleider gekleidet ist.44

So ist es auch bei der Liebe: Um des Lichtes der Liebe würdig zu werden, muss man ebenfalls eine Kleidung finden, in die sich das Licht kleiden kann. Für diese Kleidung gelten dieselben Bedingungen der Bewahrung: Man muss sich vor dem „Staub“ der üblen Nachrede und besonders vor dem Schädling hüten, der Mol heißt [Moil bedeutet auf Jiddisch „Mund“; ein Wortspiel]. Gemeint sind Menschen von stattlicher Erscheinung, deren Mund nur zum Himmel spricht. Ihr denkt, sie hätten sich bereits hinsichtlich des Bundes des Fleisches und der Zunge sowie der Vorhaut des Herzens „beschnitten“; doch tief in ihrem Inneren befindet sich der Schädling, der euch schaden kann. Vor ihm kann man sich kaum hüten, denn äußerlich ist er ganz ansehnlich und schön.

Diese Mücke hat daher eine so kleine Gestalt, dass man den Schädling, der von diesen „Beschnittenen“ kommt und das kostbare Gewand verderben kann, ohne besondere Aufmerksamkeit nicht erkennt. Bekanntlich schadet diese Mol besonders Wollkleidern – Zemer [Wolle] besteht aus denselben Buchstaben wie Merez [Tatkraft] –, das heißt, sie verdirbt die Tatkraft der Arbeit. Und waYatush [und eine Mücke] wird von „waYitosh [und er verließ] den Schöpfer, der ihn gemacht hatte“ hergeleitet; im Targum heißt es:45

„Und er verließ den Dienst für den Schöpfer, den er verrichtet hatte.“

In der Welt ist es üblich, dass jemand mit einem kostbaren Wollgewand nicht mit alten Kleidern in Berührung kommen darf. Das bedeutet, man muss sich davor hüten, mit „alten Chassidim“ in Berührung zu kommen, die, wie oben gesagt, die Tatkraft verderben. Da sie selbst zur Arbeit nicht mehr fähig sind, dienen all ihre Worte nur dazu, die Tatkraft zu schwächen. Selbst wer ein starkes Gewand der Liebe besitzt, das einem Baum – Ez – gleicht, also eine Eigenschaft der Selbstständigkeit – Azmiut – besitzt, muss sich vor dieser Mol hüten. Dringt sie in den Baum ein, kann sie auch ihm schaden, wie wir sehen, dass Holz zerfällt und verfault, weil eine Mol hineingelangt ist.

Das einzige Heilmittel ist Naphthalin, abgeleitet von Naftulei, das Onkelos mit „Gebet“ übersetzt. Man muss also zum Schöpfer beten, dass dieser Schädling keine Erlaubnis erhält, in sein Gewand einzudringen.46

Bei einem Ehrengewand muss man darauf achten, daran haftende Hahnenfedern zu entfernen und mit dem Gewand keinen Ort zu betreten, an dem Hahnenfedern liegen. Beim Gewand des Lichtes der Liebe wird dies so erklärt: „Federn“ – Nuzot – wird von Nizim [Streitende] hergeleitet, also von den Streitigkeiten der Hähne – Tarne-Golim. Gemeint sind der Jubel und die Gesänge von Menschen, die sich noch im Exil befinden, vom Weg der Wahrheit verbannt und der Eigenliebe unterworfen sind. All der Jubel und Lobpreis, den sie während ihrer Tora und ihres Gebets zeigen, verursacht Streit in eurer Seele: Ihr beginnt in euren Ansichten einen Kampf darüber zu führen, bei wem Wahrheit und Gerechtigkeit liegen. Das verdirbt und beschmutzt euer Gewand, in dem die Liebe wohnen kann. Deshalb müsst ihr euch hüten, einen Ort mit „Hahnenfedern“ zu betreten, damit ihr euch anschließend nicht von diesen Federn reinigen müsst.47

Wir sehen bei Menschen, die sich bemühen, das Licht der Ehre zu erwerben: Wenn sie ihr Gewand nicht gebührend bewahren, klammern sich beim Hinausgehen sofort die Äußeren an ihre Kleider, sobald sie sehen, dass sie kein schönes und angemessenes Gewand besitzen, das der Ehre durch die Menschen entspricht. Die Menschen sollen nämlich sehen, dass er ihre Herrschaft auf sich nimmt. Er wird diesen außen stehenden Menschen so sehr unterworfen, dass er große Mühe sowohl für den Erwerb als auch für die Bewahrung der Kleider aufwenden muss. Auch die Mode, also ihre Form und die Art, sie zu tragen, muss genau dem Geschmack jener Menschen entsprechen, unter deren Herrschaft er steht. Gerade denen, von denen er Ehre zu empfangen hofft, muss er daher mit großer Mühe dienen, um Wohlgefallen in ihren Augen zu finden, damit sie ihm das Licht des Genusses geben, das in die Ehrenkleider gekleidet ist.

Wenn er ihnen nicht in allem Erforderlichen dient, kann er zu unangenehmen Folgen gelangen. Sie geben ihm dann nicht nur nicht die Ehre, die er von ihnen verlangt; im Gegenteil: Alle verachten und erniedrigen ihn und geben ihm das Gefühl, von niedrigem Rang zu sein. Das Gefühl der Niedrigkeit wirkt auf ihn ein, sodass er zunächst in Traurigkeit, danach in Trägheit gerät und schließlich empfindet, die ganze Welt sei für ihn finster. Er sieht im Leben keine Hoffnung mehr und keinen Ort, an dem er nach Genuss streben könnte. Nur einen Rat findet er für sich: nach Hause zu gehen, ins Bett zu steigen, sich der Länge nach hinzulegen, aus bitterer Seele zu flehen und zu hoffen, dass sein Gebet angenommen wird. Er erwartet also, dass der Engel des Schlafes, der ein Sechzigstel des Todes ist, ihm das Licht des Schlafgenusses gibt. Nur auf einen solchen Genuss kann er noch hoffen.

Wenn der Engel des Schlafes kein Erbarmen mit ihm hat und er kein Heilmittel für sich sieht, bleibt er in bitterer Seele und hat keinen anderen Rat, als Genuss aus dem unter verzweifelten Menschen verbreiteten Mittel zu empfangen, mit dem sie ihre Traurigkeit lindern wollen. Sie kämpfen gegen den Trieb, der ihren Fortbestand will, überwinden ihn und ziehen Genuss von dem Engel heran, der „sich selbst wissentlich vernichten“ heißt. Sie empfinden also, nur dieser Engel kann sie aus der Bitterkeit ihrer Seele befreien. Gewiss versteht man, dass auch der Genuss von diesem Engel nicht ohne Mühe, schreckliche Leiden und einen gewaltigen, furchtbaren seelischen Kampf erlangt wird.

Deshalb hat „der Weise seine Augen im Kopf“. Er weiß und sieht im Voraus, was er erwerben und erlangen kann, wenn er die Gesetze und Bedingungen der Menschen seiner Generation nicht wahrt. Alles, wozu die außen stehenden Menschen ihn zwingen, muss er also annehmen und sich allem unterwerfen, was sie von ihm verlangen; andernfalls bestrafen sie ihn sofort in dieser Welt. Lohn und Strafe sind in dieser Welt also enthüllt und bedürfen keines Glaubens über dem Verstand.48

Daraus können wir erst recht verstehen, wie viel und welches Maß an Vorsicht, besonderer Bewahrung und Aufmerksamkeit nötig ist, um das Gewand zu erlangen, das das Licht des Liebesgenusses kleidet – ein Gewand aus äußerst feinem Stoff. Man muss es vor den Äußeren bewahren, damit sie sich nicht daran festhalten und dieses kostbare Gewand verderben, das durch Mühe und Blut – in beiderlei Bedeutung – gekauft und erworben wurde.4950

Nun werde ich euch erklären, wie und auf welche Weise ich beginne, das Gewand der Liebe zu erlangen.

Die Ordnung bei der Herstellung eines geeigneten Gewandes ist folgende: Zuerst muss man ein Stück Stoff weben. Man nimmt Fäden und verbindet Kette und Schuss miteinander; durch Kette und Schuss entsteht ein Stück Gewebe. So nehme auch ich einen Kettfaden in einen Schussfaden hinein. Nima [Faden] wird von „Nima ba milta [Lasst uns darüber ein Wort sagen]“ hergeleitet. Sheti [Kette] wird von Tashi [du vergaßest] hergeleitet: „Den Fels, der dich gezeugt hat, vergaßest du.“ Ich beginne also, mit der Kraft meines Gedächtnisses zu arbeiten, und sofort fällt mir ein, dass mein Freund schlecht über mich gesprochen hat. Diese Worte brachten ihn später dazu, mir Schlechtes zu tun; dieser Nima schwächt Freundschaft, Verbundenheit und Brüderlichkeit. Danach kommt mir ein Schussfaden – Erew – in den Sinn: Ich hörte, dass mein Freund gut über mich gesprochen hatte, was ihn zu guten Taten brachte, die für meinen Gaumen angenehm – arewim – und süß sind. Ich höre und sehe also, dass mein Freund all seine Geschäfte beiseitelässt und nur zu meinem Wohl denkt und handelt, damit ich angenehme Genüsse habe. Aus diesen beiden Fäden entsteht in mir ein Durcheinander, und ich weiß nicht, was ich entscheiden und sagen soll: Liegt die Wahrheit bei den Worten der Kette oder bei denen des Schusses?5152

Bekanntlich hat alles in unserer Welt eine positive und eine negative Form: rechts und links, Wahrheit und Lüge, Licht und Finsternis, Israel und die Völker, heilig und weltlich, Unreinheit und Reinheit, böse und gut. Der Grund dafür ist, dass man den Geschmack des Guten nicht unterscheiden kann, ohne den bitteren Geschmack des Bösen zu empfinden. Dies ist der Sinn dessen, was unsere Weisen sagten: „Von den Frevlern einzufordern und den Gerechten guten Lohn zu geben.“ Das Wort para [einfordern] wird von „und er entblößt – uFara – das Haar der Frau“ hergeleitet. Von den Frevlern kann man also Hilfe empfangen, um den Geschmack und die wahre Empfindung des guten Lohnes der Gerechten zu enthüllen.5354

Deshalb stehe ich während des Webens des Gewandes erstaunt da und warte auf das Urteil, das die Armut des in mir gekleideten Verstandes ans Licht bringt. Da ich jetzt mit dem Weben eines Gewandes der Liebe beschäftigt bin, damit darin das Licht des Genusses wohnt, bin ich bereits bestochen und persönlich beteiligt. Deshalb entscheide ich nach den Worten des Schusses, denn die Tora deutete uns an: „Bestechung macht die Augen der Weisen blind.“ Somit ist mir nicht mehr wichtig, ob die Wahrheit ihrem Wesen nach so ist; wichtig ist mir vielmehr das Ziel, das ich gerade jetzt, beim Entstehen des Gewandes der Liebe, wünsche. Damit habe ich bereits eine entscheidende Mittlere Linie: Das Ziel entscheidet immer zwischen rechts und links.55

Nachdem ich das oben erwähnte Gewand erlangt habe, beginnen sofort Funken der Liebe in mir zu leuchten. Das Herz beginnt, sich nach meinen Freunden zu sehnen und sich mit ihnen zu vereinen. Mir ist, als sähen meine Augen meine Freunde, als hörten meine Ohren ihre Stimmen; mein Mund spricht mit ihnen, die Hände umarmen sie, und die Füße tanzen mit ihnen in Liebe und Freude im Kreis. Ich verlasse meine körperlichen Grenzen und vergesse, dass zwischen meinen Freunden und mir eine große Entfernung liegt; das ebene Land vieler Meilen trennt uns nicht. Es ist, als stünden meine Freunde mitten in meinem Herzen und sähen alles, was dort geschieht, und ich beginne, mich für meine unbedeutenden Taten gegenüber meinen Freunden zu schämen. Ich trete einfach aus den körperlichen Gefäßen heraus, denn vor meinen Augen scheint es in der Welt keine Wirklichkeit außer meinen Freunden und mir zu geben. Danach annulliert sich auch das „Ich“, wird von meinen Freunden aufgenommen und in sie eingeschlossen, bis ich dastehe und ausrufe: Es gibt keine Wirklichkeit in der Welt – nur die Freunde.

Ich muss mich kurzfassen, denn das Fest steht unmittelbar bevor.

Euer FreundBaruch Shalom HaLevi

Brief 9

5. August 1955, London56

An die Freunde, mögen sie ewig leben,

„Und es wird geschehen: Weil (Ekew) ihr hört“57Mizwot, die der Mensch mit seinen Fersen niedertritt (Yalkut).58

Mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) erklärte, dass damit der Glaube gemeint ist, der in den Augen des Menschen als etwas Leichtes gilt und den er mit seinen Fersen niedertritt.

Um dies klarer zu verstehen, wollen wir erläutern, was unsere Weisen sagten (Tanchuma). Dies sind ihre Worte: „‚Und es wird geschehen: Weil (Ekew)‘ – darüber sagt die Schrift: ‚Warum sollte ich mich fürchten in Tagen des Unheils, wenn die Schuld meiner Fersen mich umgibt?‘. Gepriesen59 sei der Name des Schöpfers, der Israel die Tora gab. Sie enthält 613 Mizwot, darunter leichte und schwerwiegende. Weil es unter ihnen leichte Mizwot gibt, auf die die Menschen nicht achten, sondern die sie unter ihre Fersen werfen, das heißt, weil sie leicht sind, fürchtete David den Tag des Gerichts und sagte: ‚Herr der Welt, ich fürchte nicht die schwerwiegenden Mizwot der Tora, denn sie sind schwerwiegend. Was fürchte ich? Die leichten Mizwot: Vielleicht habe ich eine von ihnen übertreten – ob ich sie ausgeführt habe oder nicht –, weil sie leicht war. Und Du hast gesagt: Sei bei einer leichten Mizwa ebenso achtsam wie bei einer schwerwiegenden.‘60 Deshalb sagte er: ‚Warum sollte ich mich fürchten in Tagen des Unheils?‘ Und es steht geschrieben: ‚Auch Dein Knecht ist achtsam bei ihnen; wenn man sie bewahrt, ist der Lohn (Ekew) groß.61‘“ So weit ihre Worte.62

Es ist zu fragen: Bekanntlich ist es leichter, leichte Mizwot auszuführen als schwerwiegende. „Leicht“ bedeutet, dass etwas leicht zu tun ist, und „schwerwiegend“, dass es schwer zu tun ist. Warum fürchtet er also mehr, er könnte Mizwot übertreten haben, die leicht auszuführen sind, als solche, die schwer auszuführen sind? Danach führt der Midrash aus: Weil er sich vor den leichten Dingen fürchtete, schließt er mit den Worten: „Auch Dein Knecht ist achtsam bei ihnen; wenn man sie bewahrt, ist der Lohn (Ekew) groß.“ Er brauchte also mehr Achtsamkeit und Wachsamkeit, um die leichten Dinge auszuführen, als die schwerwiegenden.

Man muss verstehen, dass die Welt bestimmt, was bei leichten und schwerwiegenden Dingen als „leicht“ und was als „schwerwiegend“ gilt. Da die Welt an der Äußerlichkeit haftet, weiß sie, dass man vor allem bei den Handlungen achtsam sein muss, denn diese sind allen sichtbar. Jeder hat also Maß und Gewicht, um zu sehen, wie viele Handlungen er am Tag vollbracht und wie viele Stunden er sich mit dem Studium der Tora beschäftigt hat. Wenn sein Freund sieht, dass der andere mehrere Mizwot ausführt und viele Stunden dasitzt und Tora lernt, wird er ihn achten und schätzen. Wenn er bei seinem Freund keine guten Taten sieht, meint er bereits, sein Freund befinde sich in einem niedrigen Zustand und sei von Tora und Arbeit weit entfernt. Denn er kann nur sehen, was offen zutage liegt. Deshalb werden die Handlungen als schwerwiegende Mizwot bezeichnet.

Nach der wahren Auffassung sind sie tatsächlich schwerwiegend. Denn das ganze Prinzip der Heiligkeit (Kedusha) lautet: „Wir werden tun und wir werden hören.“ Das Wichtigste ist die Handlung, weil nur die Handlung den Menschen zum Hören bringt, das als liShma (um des Gebens willen) bezeichnet wird. Denn aus lo liShma (nicht um des Gebens willen) gelangen wir zu liShma, und ohne Handlungen ist es unmöglich, irgendeine Stufe zu erreichen.

Da die Welt also festlegte, dass die Handlung das Wichtigste und damit das Schwerwiegendste ist, machte sie den Gedanken, das heißt die Absicht, zu etwas Leichtem und Niedrigem. Es lohnt sich nicht, Zeit und Mühe darauf zu verwenden, denn das Wichtigste ist die Handlung.

Obwohl es wahr ist, dass die Handlung das Wichtigste ist, gilt dies nur wegen ihrer besonderen Kraft (Segula). Mit anderen Worten: Das wichtigste Mittel, um zu liShma zu gelangen, ist die Handlung. Doch deshalb ließ die Welt das erstrebte Ziel außer Acht: um des Himmels willen zu handeln. Denn die Beschäftigung mit Tora und Mizwot besitzt die besondere Kraft, den Körper zu läutern, damit man zu liShma gelangt. Sie aber ließen Ziel und Zweck außer Acht und machten das Tun selbst zum Zweck. Das ist für sie das Schwerwiegendste.

Den Gedanken jedoch – die Absicht, dass die Handlung liShma sein soll – machten sie zu etwas „Leichtem“. Wer sich lediglich mit Tora und Mizwot beschäftigt, sich aber nicht darum bemüht, eine Absicht von liShma zu haben, begeht ihrer Ansicht nach nur eine leichte Übertretung, für die es sich nicht lohnt, sich anzustrengen. Denn selbst wenn er sich anstrengt, wird niemand sehen, wie viel Mühe er aufwendet, um dafür geachtet zu werden, da der Weg der Welt nur lo liShma ist.

Damit die Welt zu Beginn der Arbeit den Weg von lo liShma geht, war es notwendig, dass die Menschen die Wahrheit nicht sehen, das heißt, dass sie überhaupt nicht darauf achten, weil es als eine leichte Sache gilt, an der zu arbeiten sich nicht lohnt. Würde der Mensch andernfalls gleich zu Beginn, wenn er in die Arbeit für den Schöpfer eintritt, den Ernst der Sache erkennen, wie unsere Weisen sagten: „Wer die Tora lo liShma lernt, für den wäre es besser, seine Nachgeburt hätte sich über sein Gesicht gewendet“63, wer würde dann in die Arbeit eintreten wollen?

Da es keinen anderen Weg gibt, zu liShma zu gelangen, als gerade dadurch, dass man aus lo liShma zu liShma kommt, war es daher notwendig, die Wahrheit zu verbergen und zu sagen, das eigentlich Schwerwiegende ist die Handlung, während der Gedanke nicht so wichtig ist.

Das Leichte kann im Sinne von Geringfügigkeit erklärt werden, als etwas, das nicht so wichtig ist; „schwerwiegend“ dagegen bezeichnet etwas Wichtiges. Ferner ist es im Sinne von „gering und verächtlich“ sowie „Schande“ zu verstehen. Wenn der Mensch beginnt, an dieser Absicht der Arbeit zu arbeiten, gilt sie ihm als verächtlich, denn die wesentliche Absicht muss darin bestehen, des Glaubens würdig zu werden. Der Mensch neigt jedoch von Natur aus dazu, den Verstand wertzuschätzen und nicht das, was über dem Verstand liegt.

So ist der Midrash zu erklären, in dem David sagt: „Was fürchte ich? Die leichten Mizwot: Vielleicht habe ich eine von ihnen übertreten – ob ich sie ausgeführt habe oder nicht –, weil sie leicht war. Und Du hast gesagt: Sei bei einer leichten Mizwa ebenso achtsam wie bei einer schwerwiegenden.“ Was bedeutet „ob ich sie ausgeführt habe oder nicht“? Er müsste doch wissen, ob er sie ausgeführt hat. Warum erinnert er sich nicht?

Vielmehr beziehen sich, wie oben gesagt, die leichten Dinge auf die Absicht von liShma. Bei ihr kann er nicht sicher wissen, ob seine Absicht um des Himmels willen war. Bei den schwerwiegenden Mizwot, also den Handlungen, weiß ich dagegen, dass ich bei ihnen achtsam war, weil die allgemeine Meinung besagt, dass die Handlungen bewahrt werden müssen.

Für die Absicht aber habe ich keine allgemeine Meinung auf meiner Seite, denn die Welt achtet nicht darauf, dass die Absicht um des Himmels willen ist. Daher fürchtete er, seine Absicht könnte nicht in Ordnung gewesen sein. Hierzu schließt der Midrash: „Auch Dein Knecht ist achtsam bei ihnen; wenn man sie bewahrt, ist der Lohn (Ekew) groß.“ Aus Furcht, der Mehrheit zu folgen, die meint, eine falsche Absicht ist keine so große Schuld, legte ich mir vielmehr Schutz und Achtsamkeit hinsichtlich der Ferse (Ekew) auf, das heißt hinsichtlich der Absicht, die nach Ansicht der Welt als Ferse gilt. So wurde er dauerhaft des Zustands von liShma bei allen Handlungen würdig, sodass bei ihm sogar die vergangenen Handlungen korrigiert werden.

Dies ist die Bedeutung von: „Und es wird geschehen: Weil (Ekew) – Mizwot, die der Mensch mit seinen Fersen niedertritt.“ Die allgemeine Meinung lautet nämlich, es ist kein so schwerwiegendes Verbot und keine so große Schuld, wenn man nicht darauf achtet, dass die Absicht liShma ist. In dieser Arbeit wird der Mensch zu einem, der „übertritt und es wiederholt“. Das heißt, er tritt sie mit seinen Fersen nieder und achtet nicht darauf, weil die Meinung der Mehrheit ihn unterstützt.

Man muss jedoch wissen, dass dies die Korrektur der Welt ist: Der Mensch soll die Wahrheit nicht sehen. Denn nicht jeder ist fähig, den Weg der Wahrheit zu gehen, wie unsere Weisen sagten: „Einer geht zur Unterweisung hervor.“64 Deshalb zeigt man dem Menschen seinen wahren Zustand auf den Wegen des Schöpfers nicht. So bleibt er fähig, sich mit Tora und Mizwot zu beschäftigen und zu denken, seine ganze Absicht ist um des Himmels willen. Wie unsere Weisen sagten: „Ein Mensch sieht die eigene Schuld nicht.“65 Daher beurteilt der Mensch sich immer wohlwollend.

Anders ist es bei jemandem, der an die Arbeit gewöhnt ist und die Wahrheit sehen will, um in ihr zu gehen, und dessen ganzes Verlangen darauf gerichtet ist, seine Handlungen zu korrigieren. Genau im Maß seines Verlangens nach Wahrheit zeigt man ihm von oben sein wahres Maß: wie weit er von der Arbeit in liShma entfernt ist. Dadurch muss er in Niedrigkeit sein, denn er sieht das Böse in seinem Innern deutlicher als alle Menschen seiner Generation. Die ganze Welt sieht nämlich nicht die Wahrheit: wie sehr sie unter der Herrschaft des Bösen liegt und mit der Arbeit um des Himmels willen noch gar nicht begonnen hat. Er aber sieht, dass er keinerlei Fähigkeit besitzt, irgendetwas um des Himmels willen zu tun, und fühlt daher, dass er vom Schöpfer getrennt ist.

Er fühlt sich wie tot, weil er vom Leben der Leben getrennt ist. Da er den Geschmack des Todes empfindet, befindet er sich folglich in äußerster Niedrigkeit, denn nichts ist niedriger als ein Toter. Dann schreit er: „Mein Tod ist besser als mein Leben“66, denn wenigstens würde er Tora und Mizwot nicht entweihen, also heilige Dinge nicht zum eigenen Nutzen gebrauchen. Denn dann empfindet er, dass er die heiligen Namen für weltliche Bedürfnisse verwendet.

In dem Maß, in dem er den Weg der Wahrheit geht, wird er daher von selbst niedrig. Wenn also jemand hochmütig ist, ist das ein Zeichen dafür, dass er die Wahrheit noch nicht sehen durfte. Gewiss gibt es keine größere Niedrigkeit als diese, denn er liegt mit Kopf und ganzem Wesen unter der Herrschaft der Lüge.

Manche sind so raffiniert, dass sie sich damit brüsten, die Wahrheit zu sehen. Obwohl sie an sich selbst sehen, dass sie sich völlig der Herrschaft des Bösen ausgeliefert haben und aus eigener Kraft nichts um des Himmels willen tun können, und obwohl sie sehen, dass in ihnen mehr Böses ist als in den Menschen ihrer Generation, sind sie dennoch stolz darauf. Sie sagen: „Wir haben den Vorzug, die Wahrheit zu sehen. Andere Menschen hingegen sehen nicht die Wahrheit, wie sehr sie unter der Herrschaft des Bösen liegen. Sie sind froh und freuen sich an der Arbeit in Tora und Mizwot, obwohl diese in Wahrheit nicht um des Himmels willen geschieht. Ich hingegen sehe die Wahrheit.“ Deshalb sind sie darauf stolz und haben keinerlei Niedrigkeit.

Dies gleicht jedoch einer Gruppe Kranker, die in ein Krankenhaus kamen und bei denen die Ärzte feststellten, dass sie alle – Gott behüte – an Krebs erkrankt waren. Einem von ihnen offenbarte der Arzt die Diagnose und sagte: „Wisse, mein Sohn, was kann ich für dich tun, da du Krebs hast?“ Dieser Mensch ist natürlich von seinen Sorgen und Nöten erfüllt, denn er weiß, dass ihm nur wenige Tage zu leben bleiben und dass er letztlich zum Tod verurteilt ist. Ihm bleibt nichts anderes, als zum Schöpfer zu beten.

Die Menschen hingegen, denen der Arzt nicht offenbart hat, dass sie Krebs haben, sind froh, freuen sich und genießen das Leben. Sobald die Krankheit sie nicht bedrängt, denken sie, sie würden bald das Krankenhaus verlassen, in ihre Häuser zurückkehren und mit ihren Freunden ein Festmahl halten, weil sie sich bereits gesund und vollkommen fühlen.

Dem Menschen, der weiß, dass er Krebs hat, wird gewiss nicht in den Sinn kommen, sich über sie zu erheben und zu sagen, er ist wichtiger als sie, er besitzt also mehr Lebenskraft und Freude, weil er selbst weiß, dass er Krebs hat. Denn wir sehen mit eigenen Augen: Wer weiß, dass er diese Krankheit hat, sorgt sich um nichts anderes und interessiert sich für nichts anderes. Er hat nur eine Sorge: wie er den Krebs aus seinem Innern entfernen kann.

Er kann nicht an der Freude der übrigen Kranken teilhaben, die nicht wissen, dass sie diese Krankheit haben. Dass der Arzt sie aus dem Krankenhaus entlassen hat, geschah nicht, weil sie bereits gesund wären, sondern weil der Arzt kein Heilmittel für ihre Krankheit besitzt. Sie aber meinen, sie würden das Krankenhaus verlassen, weil sie gesund sind.

So ist es auch bei der Arbeit um des Himmels willen. Wer sieht, dass das Böse in seinem Innern mit voller Kraft wirkt, dem hat man von oben die Wahrheit offenbart: Für seine Krankheit gibt es kein Heilmittel, und nur der Schöpfer kann ihm helfen. Wie unsere Weisen sagten: „Der Trieb des Menschen überwältigt ihn jeden Tag, und wenn der Schöpfer ihm nicht helfen würde, könnte er ihn nicht überwinden.“67 Er hat keinen Grund, darauf stolz zu sein, dass man ihm die Wahrheit offenbart hat und anderen nicht, wie in dem oben angeführten Gleichnis.

Daraus folgt: Die Niedrigkeit, die der Mensch empfindet, bezeugt, in welchem Maß er auf den Wegen der Wahrheit geht. Erst wenn man die Wahrheit sieht, ist Raum für ein wahres Gebet aus der Tiefe des Herzens. Denn erst dann kann er sagen: „Herr der Welt, wenn Du mir nicht hilfst, sehe ich keinen Rat, der mir helfen könnte, aus der Eigenliebe herauszukommen und der Kräfte des Gebens sowie des Glaubens an den Schöpfer würdig zu werden.“

Die Reihenfolge ist daher so: Der Mensch muss mit der Arbeit in lo liShma beginnen. Danach muss er sich bemühen, würdig zu werden, auf den Wegen der Wahrheit zu gehen und zum Zustand von liShma zu gelangen.

Dies ist die Bedeutung dessen, was über Jakob gesagt wird. Wie Rashi erklärte, bereitete er sich auf ein Geschenk, auf ein Gebet und auf einen Krieg vor.68 Auf dem Weg der Andeutung ist zu fragen: Wie kann Jakob dem Esau in seinem Innern ein Geschenk geben, und wie kann man dem Bösen in seinem Innern ein Geschenk geben?

Vielmehr beginnt, wie oben erklärt, die Arbeit in lo liShma. Wenn man die Heilige Arbeit aufnimmt, verspricht man dem Körper, dass diese Arbeit ihm viele gute Dinge bringt und er die Beschäftigung mit Tora und Mizwot genießen wird. Denn man sagt ihm allgemein, er wird lo liShma erlangen. Jeder Körper hat andere Begierden: der eine nach Geld, der andere nach Ehre und so weiter. Dies wird Geschenk genannt. Danach kommt das Gebet: Man beginnt, zum Schöpfer zu beten, Er möge einem die Wahrheit offenbaren und einen den eigenen wahren Zustand sehen lassen – wie weit man von der Arbeit in liShma entfernt ist. Dann beginnt der Krieg: Man will dem Körper keinerlei Gegenleistung für seine Arbeit in Tora und Mizwot geben.

Bis man sich von oben erbarmt und dem Menschen das Geschenk gibt, Glauben zu haben und würdig zu werden, dem König zu dienen. Dann wird er empfinden, dass es sich allein dafür zu leben lohnt, damit er sagen kann, wie unsere Weisen sagten: „Eine Stunde der Umkehr (Teshuwa) und der guten Taten in dieser Welt ist besser als das ganze Leben in der Kommenden Welt.“69

Aus allem oben Gesagten folgt: Die Handlung wird als etwas Schwerwiegendes bezeichnet, und sie wird lo liShma genannt. Danach muss man bei den leichten Dingen achtsam sein, also bei der Absicht von liShma. Das Zeichen dafür ist die Niedrigkeit. Wer seine Niedrigkeit sieht, erkennt, dass er auf dem Weg geht, der zur Arbeit in liShma führt. Dadurch entsteht in ihm Raum für ein wahres Gebet aus der Tiefe des Herzens. Denn er sieht, dass ihm niemand helfen kann außer dem Schöpfer selbst. So erklärte mein Vater und Lehrer über die Erlösung aus Ägypten: „Ich und kein Bote“70, denn alle sahen, dass nur der Schöpfer selbst sie aus der Herrschaft des Bösen erlöste.

Wenn man der Arbeit in liShma würdig wird, gibt es gewiss nichts, worauf man stolz sein könnte, denn dann sieht man, dass dies nur ein Geschenk Gottes ist und nicht „meine Kraft und die Stärke meiner Hand“71. Keine fremde Hand ist dazwischen, um ihm zu helfen. So empfindet er seine Niedrigkeit: Dem König zu dienen ist ein wunderbarer, grenzenloser Genuss, und ohne Seine Hilfe stimmt der Mensch dem nicht zu. Es gibt keine größere Niedrigkeit als diese.

Der Schöpfer helfe uns, würdig zu werden, dem König auf dem Weg der Wahrheit zu dienen.

Baruch Shalom HaLevi AshlagSohn meines Vaters und Lehrers, Baal HaSulam

Brief 10

24. August 195572, London

An die Freunde, mögen sie leben,

Ich bin sehr erstaunt, dass ich bis jetzt von niemandem auch nur ein Schriftzeichen73 erhalten habe. Ich dachte, ich würde das Werk der Hände jedes Einzelnen erhalten, das heißt, jeder würde seine Taten ausführlich beschreiben, im Sinne von: „Wenn ich Deine Himmel sehe, das Werk Deiner Finger.“74 „Deine Himmel“ bezeichnet Arbeiten, die um des Himmels willen geschehen; sie sind am „Werk Deiner Finger“ zu erkennen. Das bedeutet: Jeder bemüht sich, in dem Zustand zu arbeiten, „die Shechina (göttliche Gegenwart) aus dem Staub aufzurichten“, damit sich erfüllt: „Und jeder zeigt mit dem Finger und sagt: ‚Siehe, dies ist unser Gott‘“75 usw.76

Man muss wissen, dass die Arbeit auf der Rechten Linie erfolgt, wie geschrieben steht: „Sei vollkommen mit dem Ewigen, deinem Gott.“77 Der Mensch muss also in Ganzheit gehen, das heißt glauben, dass der Schöpfer vollkommen ist und keinen Mangel hat. Dies kann man nur im Geheimnis von „Die Rechte des Ewigen ist erhoben“78 empfinden, also in der Erhabenheit des Schöpfers: Man muss sich die Größe des Schöpfers vorstellen.

Mit allem, was der Mensch tut, dient er dem König. An jeder Mizwa, die man ausführt, hat der Schöpfer Wohlgefallen; und wenn man betet, hört der Schöpfer die Lobpreisungen und Verherrlichungen, die der Mensch Ihm singt und anstimmt.

Man muss sich vorstellen, dass es auf der ganzen Welt viele Menschen gibt, denen der Schöpfer keine Gelegenheit gibt, vor Ihm zu dienen und Ihm Wohlgefallen zu bereiten, sondern die Er von Sich fernhält. Selbst wenn sie irgendeine Mizwa ausführen, erinnern sie sich nicht daran oder glauben nicht, dass der Schöpfer sieht und hört, die Taten der Unteren annimmt und berücksichtigt. Der Schöpfer hält sie dadurch fern, dass Er ihnen keine Gelegenheit gibt, zu denken, zu handeln oder zu glauben.

Wen der Schöpfer hingegen näherbringen will, dem gibt Er gute Gedanken. Das heißt, während er eine Mizwa ausführt, erinnert er sich daran, dass er sie um des Schöpfers willen ausführt. Oder wenn er einfach einen Segensspruch spricht und sagt: „Durch Dessen Wort alles geworden ist“79, sagt er dies aus Gewohnheit und achtet in diesem Augenblick nicht darauf, dass er zum Schöpfer spricht. Oder er erhält überhaupt keine Gelegenheit, einen Segensspruch zu sprechen, nicht einmal aus Gewohnheit.

Wenn der Mensch sich vorstellt, dass der Schöpfer ihm die Gelegenheit gibt, eine Mizwa auszuführen, um seinem Erschaffer Wohlgefallen zu bereiten – und sei es nur einmal im Monat –, und dem König zu dienen – und sei es nur einmal im Monat –, so genügt ihm das. Abaye sagte: „Daher muss man es im Stehen sagen.“80 „Stehen“ bezeichnet bekanntlich die Vollkommenheit der Stufe.

Das heißt, der Mensch muss es aufrecht sagen und sich freuen, wenn ihm die Gelegenheit gegeben wird, dem König zu dienen, anderen Menschen aber nicht. Dann ist der Schöpfer vollkommen. Das bedeutet, man muss sagen, dass der Name des Schöpfers, also der Name „der Gute, der Gutes tut“, sich dem Menschen in äußerster Vollkommenheit offenbart und leuchtet.

Auch der Mensch ist vollkommen, das heißt, er besitzt einen weiteren Vorzug in Tora, Mizwot und guten Taten. Denn so viel der Mensch auch tut, um dem König zu dienen, es steht ihm dennoch nicht zu. Der Mensch muss wissen, dass es auf der Welt viele Menschen gibt, denen der Schöpfer nicht gestattet, irgendeine Handlung um Seinetwillen auszuführen usw.

Doch man muss auch auf der Linken Linie gehen, also im Geist der Kritik prüfen, ob dies wahr ist, ob sein Glaube vollkommen ist, ob seine Taten in äußerster Reinheit und Heiligkeit geschehen, ohne jegliche Nebenabsichten, und ob der Name „der Gute, der Gutes tut“ in seine Glieder aufgenommen worden ist usw.

Dann gerät die Linke Linie in Streit mit der Rechten Linie. Denn wenn er eine ehrliche Selbstprüfung vornimmt, sieht er, dass alles genau umgekehrt ist. So entsteht ein Streit zwischen den Linien, zwischen der Rechten und der Linken. Wenn man sich nicht mit der Mittleren Linie befasst, hebt die Linke die Rechte auf; dann ist „seine Weisheit größer als seine Taten“81, das heißt, er übt mehr Kritik, als er gute Taten vollbringt.

So fällt er in die Hölle, die von der Linken Linie ausgeht. Es gibt eine Hölle aus dem Feuer der Begierde oder eine Hölle aus Schnee: Er erkaltet gegenüber der Arbeit und hat kein anderes Verlangen, als in einem Zustand von Ruhe, Trägheit und Schlaf zu bleiben usw. Es bedarf der Überwindung und des Gebets, dass der Schöpfer Sich vom Himmel her erbarme, damit er die Mittlere Linie fortführen kann, das heißt, die Linke Linie der Rechten unterordnet. Er sagt also: Obwohl der Verstand nach dem Geist der Kritik etwas anderes gebietet, geht er über dem Verstand.

Dadurch hat die Mittlere Linie die Rechte Linie aufgewertet. Bevor er die Linke Linie fortführte, ging er auf der Rechten und dachte, auch der Verstand gebietet die Anstrengung in der Arbeit für den Schöpfer. Nachdem er jedoch die Linke Linie fortgeführt hat und sie der Rechten unterordnet, wird deutlich, dass er die Rechte wählt, obwohl er aus der Sicht der Linken eine andere Auffassung hat.

Deshalb muss man, wenn man daran geht, die Arbeit der Linken Linie fortzuführen, daran denken, dass die Absicht nur darin bestehen soll, zu zeigen: Obwohl es eine Linke Linie gibt, wählt er dennoch die Rechte. Daher muss man die Zeiten der Arbeit voneinander trennen; das eine darf sich nicht mit dem anderen vermischen.

Ich habe die Achoraim (Rückseite) der drei Linien beschrieben. Wenn man würdig wird, führt man die drei Linien in Panim (Vorderseite) fort.

Möget ihr einer guten Einschreibung und Besiegelung würdig werden.Von mir, eurem Freund Baruch ShalomSohn meines Vaters und Lehrers, Yehuda HaLevi Ashlag (Baal HaSulam)

Brief 11

Mit Hilfe des Schöpfers. Donnerstag, Wochenabschnitt Nizawim, 5715 (8. September 1955)

An die Freunde, der Schöpfer sei über euch,

… und vielleicht ist dies die Bedeutung dessen, was wir im Mussaf-Gebet (Zusatzgebet) an Rosh HaShana (dem jüdischen Neujahrsfest) sagen: „Glücklich ist der Mann, der Dich nicht vergisst, und der Mensch, der sich in Dir anstrengt.“ Man muss verstehen: Wenn der Mensch sich immer an den Schöpfer erinnert, wozu muss er sich dann noch anstrengen?

Und in „Esrat Awoteinu“ („Hilfe unserer Vorfahren“) vor dem Achtzehngebet (Shmone Esre) sagen wir: „Glücklich ist der Mann, der auf Deine Mizwot hört und Deine Tora und Dein Wort auf sein Herz legt.“ Man muss verstehen:

1) Es hätte heißen müssen: „der Deine Mizwot einhält“.

2) Was bedeutet Tora, und was bedeutet „Wort“?

3) Was hat es damit auf sich, die Tora auf das Herz zu legen? Es hätte heißen müssen: „auf den Verstand“.

Über Malchujot (Königtümer), Sichronot (Erinnerungen) und Shofarot (Shofar-Klänge)82 lehrten unsere Weisen: „Königtum – damit ihr Mich über euch zum König macht; Erinnerungen – damit eure Erinnerungen vor Mir aufsteigen. Und wodurch? Durch den Shofar (Widderhorn).“83 Man muss die Bedeutung der Erinnerungen verstehen. Schließlich „gibt es vor dem Thron Deiner Herrlichkeit kein Vergessen“84. Wie kann es dann heißen, dass eure Erinnerungen vor Mir aufsteigen sollen? Ebenso: Wenn man den Shofar bläst, erinnert Sich der Schöpfer an uns – wie kann man so etwas sagen? In der materiellen Welt wird ein schlafender Mensch durch einen Klang geweckt. Doch wie kann dies auf den Schöpfer bezogen werden?

All diese Verse und Aussprüche unserer Weisen geben uns vielmehr Ratschläge, wie wir uns an Ihn anhaften können. Denn unser ganzer Mangel rührt daher, dass wir die Größe des Schöpfers nicht empfinden.

Denn wenn wir zu prüfen beginnen: „Was ist diese Arbeit?“, wollen wir sofort alles in Form von Or Pnimi (innerem Licht) empfangen. Wie ihr wisst, leuchtet Or Pnimi gerade dann, wenn es einen Massach (Schirm) und Or Choser (zurückgeworfenes Licht) gibt, also reine Gefäße; doch Bchina Dalet (vierte Stufe) empfängt von Or Makif (umgebendem Licht), denn Or Makif leuchtet aus der Ferne, wie im Ez Chaim („Baum des Lebens“) geschrieben steht.

Das bedeutet: Selbst wenn der Mensch noch fern vom Schöpfer ist, das heißt, wenn er keine Angleichung der Form besitzt, kann er von Or Makif empfangen. Der ARI schrieb, dass Or Makif größer ist als Or Pnimi.

Das heißt: Wann kann der Mensch empfangen, solange er noch fern ist? Nur wenn er die Größe und Bedeutung von Or Makif erhöht, das heißt die Erhabenheit des Schöpfers und die Bedeutung des Lichts der Tora. Dann kann er ein Leuchten aus der Ferne empfangen.

Wir müssen glauben, dass die ganze Schönheit, die es in der Schöpfung gibt, im Inneren der Tora liegt. Doch der Glaube erfordert große Anstrengung. Das ist die Bedeutung von: „Glücklich ist der Mann, der Dich nicht vergisst.“85 Und wie erlangt man dies? Dadurch, dass „der Mensch sich in Dir anstrengt“86.

Das „in Dir“ hat zwei Bedeutungen:

1) in Dir, das heißt im Schöpfer;

2) im Schöpfer, der in die zweiundzwanzig Buchstaben der Tora eingekleidet ist.

Ebenso heißt es: „Glücklich ist der Mann, der auf Deine Mizwot hört“, das heißt, dass er die Stufe des Hörens erlangt. Der Satz gibt uns auch einen Rat, wie man dies durch „Deine Tora und Dein Wort“ erlangt.

Das heißt, er glaubt, dass die ganze Tora das Wort des Schöpfers ist – dass also, wie oben gesagt, das „in Dir“ in die zweiundzwanzig Buchstaben der Tora eingekleidet ist. Und dies muss man auf das Herz legen. Wie ihr wisst, sagte mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam), dass der Verstand dem Menschen nur dient, das Wesentliche am Menschen aber das Herz ist.

Das ist die Bedeutung von: „Königtum – damit ihr Mich über euch zum König macht.“87 Es geht also um eine Handlung, die uns innerlich bewegt; das heißt, wir nehmen das Joch des Königtums des Himmels auf uns. Doch wir sehen, dass wir es sofort wieder vergessen, nachdem wir es auf uns genommen haben. Deshalb gibt man uns den Rat: „damit eure Erinnerungen vor Mir aufsteigen“88, das heißt vor dem Schöpfer. Alle Erinnerung, die wir haben, soll nur darauf hinwirken, dass wir uns an den Schöpfer erinnern. Auch die Erinnerungen sind also wie die Königtümer: Wir müssen uns innerlich bewegen lassen.

„Und wodurch? Durch den Shofar.“89 Ihr wisst gewiss, dass der ARI Shofar als Shufra deIma (Schönheit der Mutter), als Shufra deBina erklärt. Shufra bedeutet „Schönheit“. Mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) erklärt, dass Schönheit Chochma (Weisheit) ist, die aus Bina (Verstehen) hervorgezogen wird, wenn Bina wieder zu Chochma wird. Wenn der Mensch glaubt, dass alle Schönheit und Bedeutung in Chochma liegen, in der alle Genüsse eingeschlossen sind, und dass nur noch Korrekturen fehlen, will er sich an etwas Gutes erinnern.

Denn es liegt in der Natur des Menschen, nur schlechte Dinge zu vergessen. Deshalb müssen wir glauben, dass all dies für uns vorbereitet wurde. Dann werden wir der Erinnerung würdig sein, den Schöpfer keinen Augenblick vergessen und einer guten Einschreibung und Besiegelung würdig werden.

Von mir.

Brief 12 – 1

Mit der Hilfe des Schöpfers, 24. Tischri 5716 (10. Oktober 1955)90, London

An meinen Freund …

Gestern erhielt ich deinen Brief, der für die Menschen in Gateshead bestimmt ist. Inzwischen leite ich deinen Brief an die Freunde in London weiter. Vor allem möchte ich darauf hinwirken, dass sie dir auf deinen Brief antworten, damit zwischen euch ein Briefwechsel entsteht. Wenn dies gelingt, wird daraus großer Nutzen erwachsen – sowohl im Materiellen als auch im Spirituellen.

Ich schreibe dir den Inhalt des Gesprächs, das ich an einem Zwischenfeiertag von Sukkot vor den Schülern des verstorbenen Rav Dessler über den „Zila deMehemnuta“ (Schatten des Glaubens) hielt: Man muss wissen, dass der „Schatten“, der Verhüllung genannt wird, das Kli (Gefäß) ist, durch das man des Lichtes des Glaubens würdig wird, das „Mehemnuta“ (Glaube) genannt wird.

Damit erklärte ich die Worte unserer Weisen zu dem Vers: „Damit eure Generationen wissen, dass Ich die Söhne Israels in Hütten (Sukkot) wohnen ließ.“91 „Es waren Wolken der Herrlichkeit“, so Rabbi Elieser. Rabbi Akiwa sagt: „Es waren wirkliche Hütten.“92 Ich fragte: Wie kann es eine so weit auseinandergehende Meinungsverschiedenheit geben, dass der eine von wirklichen Hütten, also einer materiellen Hütte, und der andere von einer spirituellen Sukka aus Wolken der Herrlichkeit spricht?

Doch beides sind Worte des lebendigen Schöpfers, und es besteht hier keinerlei Meinungsverschiedenheit. Vielmehr sagt der eine, dass man hauptsächlich die Erinnerung an die Kelim (Gefäße) bewahren muss, und der andere die Erinnerung an die Lichter. Wirkliche Hütten bedeuten wirkliche Verhüllungen, abgeleitet von S’chach (Laubdach), das „Zila“ (Schatten) genannt wird. Rabbi Elieser dagegen sagt, dass man die Erinnerung an die Lichter bewahren muss, die „sieben Wolken der Herrlichkeit“ genannt werden; dies ist der Aspekt von „Mehemnuta“ (Glaube). Beide Aspekte waren damals, bei ihrem Auszug aus dem Land Ägypten, gemeinsam vorhanden. Wenn wir uns daher richtig ausrichten, werden wir des Lichtes würdig. Man darf jedoch nicht denken, dass es kein Vergnügen und keine Freude gibt, wenn man im Aspekt von liShma arbeitet.

Dazu gab ich ihnen folgendes Gleichnis: Man muss wissen, dass die Welt mit einem Verlangen zu empfangen erschaffen wurde. Sobald daher ein Kind geboren wird, will es bereits genießen – bis zu seinem letzten Tag –, dass man mit ihm spielt und dergleichen. Und wenn es heranwächst, will es jedes Mal nur Vergnügen und Freude.

Man muss wissen, dass Vergnügen etwas Spirituelles ist. Es liegt nicht in unserer Hand, das Vergnügen zu erfassen, denn es ist ein Aspekt des Lichtes. Es gilt der Grundsatz (Klal), dass es kein Licht ohne Kli gibt. Deshalb muss jedes Vergnügen in irgendeiner Einkleidung erscheinen.

Daher stellen wir fest, dass jedes Vergnügen und jede Freude Wahrheit ist, da jedes Vergnügen aus einem Aspekt des Lichtes hervorgeht. Der ganze Unterschied zwischen Mensch und Tier liegt nur in der Einkleidung, das heißt in den Kelim. Gewiss kleidet sich das Licht entsprechend dem Wert des Kli. Dies gilt jedoch im Einzelnen; im Allgemeinen gibt es zwischen einem großen und einem kleinen Menschen keinen anderen Unterschied als die Einkleidung.

So sehen wir, dass ein kleines Mädchen mit einer Puppe spielt, und gewiss ist das Vergnügen, das es dabei empfindet, ein wahres Vergnügen. Wenn wir Eltern wollen, dass das Mädchen die Puppe weglegt und essen geht, findet es, dass es grausame Eltern hat, die schlimmer sind als die Nachbarn, denn die Nachbarn hindern es nicht am Spielen, die Eltern aber schon. Weiter sehen wir: Wenn zufällig ein sechs Monate altes Baby im Haus ist und weint, sagt man zu dem Mädchen: „Warum spielst du mit der Puppe und bedeckst sie mit so innigen Küssen? Das ist doch ein unechtes Baby. Komm und spiel mit einem echten Baby!“ Doch es willigt unter keinen Umständen ein, obwohl wir sicher sind, dass dies eine Einkleidung der Wahrheit ist.

Wenn wir das Mädchen fragen könnten: „Warum empfindest du an einem echten Baby kein Vergnügen?“, hätte es darauf keine Antwort. Und wenn wir ihm sagen: „Du siehst doch, wie die Mutter des Kindes mit dem Baby spielt. Auch andere Menschen spielen mit einem kleinen Kind und küssen es. Doch niemals wird es vorkommen, dass ein Erwachsener mit einer Puppe spielt und sie küsst“, dann würde es gewiss antworten: „Das wahre Vergnügen liegt gerade in der Puppe, also in einer Einkleidung der Lüge. Dass Erwachsene mit echten kleinen Kindern spielen und sie küssen, liegt nur daran, dass sie Menschen sind, die keinerlei Verlangen nach Vergnügen haben. Ich hingegen will mein Leben genießen, deshalb muss ich mich an einer Puppe erfreuen.“ Und das ist gewiss so. Doch ein Mensch, der noch nicht entwickelt ist, ist nicht fähig, Vergnügen aus einer Einkleidung der Wahrheit zu empfangen, obwohl dort Vergnügen vorhanden ist. Ebenso verhält es sich in der Deutung des Gleichnisses mit lo liShma und liShma.

In diesem Gleichnis liegt die Antwort auf den Brief unseres Freundes … und dem Verständigen genügt dies.

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 12 – 2

Mit Hilfe des Schöpfers, im Monat Tischri 5716 (Oktober 1955)93

An die geehrten Freunde, mögen sie leben

Ich habe keine Neuigkeiten und hoffe, dass der Schöpfer meinen Weg zum Erfolg führt.

Ich schreibe euch eine Zusammenfassung des Gesprächs, das ich vor den Schülern von Rav Dessler über die Sukka hielt, die „Zila deMehemnuta“ – „Schatten des Glaubens“ – genannt wird.

Eine Sukka bezeichnet den S’chach, der aus dem „Abfall von Tenne und Kelter“ besteht. Der S’chach heißt Schatten, und Schatten bedeutet Verhüllung des Angesichts. Damit es kein „Brot der Scham“ gibt, haben wir Raum für die Arbeit: Wir können uns mit der Tora und den Mizwot beschäftigen, obwohl wir weder Geschmack noch Lebenskraft empfinden. Dadurch können wir später die Lebenskraft empfangen, ohne das Geschenk zu beeinträchtigen; das heißt, das Geschenk wird nicht durch die Scham beeinträchtigt, die der Empfänger empfindet.

Bevor wir die Lebenskraft der Tora empfangen können, müssen wir Lebenskraft aus materiellen Dingen beziehen, denn ohne Lebenskraft kann man nicht leben. Deshalb hat der Schöpfer es für uns so eingerichtet, dass wir Lebenskraft aus dem Materiellen empfangen. Das bedeutet: Lebenskraft wird Licht und Genuss genannt, und Genuss ist Spiritualität. Dabei gilt ein Grundsatz (Klal): Es gibt kein Licht ohne Kli (Gefäß); Genuss ohne Einkleidung kann also nicht bestehen. Der ganze Unterschied liegt daher nicht im Genuss, der Licht genannt wird, sondern in der Einkleidung, also im Kli; denn es gibt eine Einkleidung der Lüge und eine Einkleidung der Wahrheit.

Das ist vergleichbar mit einem fünfjährigen Mädchen, das mit einer Puppe spielt. Es spielt mit ihr, als wäre die Puppe ein wirkliches Kind mit Empfindungen, und obwohl die Puppe nicht antwortet, spricht das Mädchen mit ihr. Wenn sich zur selben Zeit ein sechs Monate altes Kind im Haus befindet und weint und man zu dem fünfjährigen Mädchen sagt: „Geh und spiel mit dem wirklichen Kind; dann haben auch wir etwas davon, weil das Kind nicht mehr weinen wird“, wird es keinesfalls zustimmen. Das heißt, es kann keinen Genuss aus einer Einkleidung der Wahrheit empfangen, sondern nur aus einer Einkleidung der Lüge. Wir sehen jedoch, dass das Mädchen dabei wirklichen Genuss empfindet.

Wenn das Mädchen hingegen herangewachsen und achtzehn Jahre alt geworden ist, muss es bereits Genuss aus einer Einkleidung der Wahrheit empfangen. Ebenso empfangen wir, bevor wir herangereift sind, Genuss gerade aus lo liShma, das als Einkleidung der Lüge gilt. Dies wird Schatten, Verhüllung, genannt; dann gibt es Raum für die Arbeit, und wir beziehen unsere Lebenskraft aus Dingen der Lüge. Wenn wir später dessen würdig werden, empfangen wir die Eigenschaft des Lichts des Glaubens.

Brief 13

Mit Hilfe des Schöpfers, 4. Cheshvan 5716 (20. Oktober 1955), hier in London

An die verehrten Schüler, möge der Schöpfer über euch sein

Den Brief von R. … habe ich ordnungsgemäß erhalten. Auf alle Fragen, einschließlich der Fragen von R. …, werde ich allgemein antworten.

In der Gemara heißt es: „Ein Tanna lehrte vor Rabbi Yochanan [ein Tanna sagte im Namen Rabbi Yochanans]: Jedem, der sich mit Tora und dem Erweisen von Wohltaten beschäftigt und seine Söhne begräbt, werden alle seine Sünden vergeben“ (Berachot 5b). Daraus folgt: So wie der Mensch verpflichtet ist, sich mit Tora und dem Erweisen von Wohltaten zu beschäftigen, ist er ebenso verpflichtet, seine Söhne zu begraben. Andernfalls werden ihm nicht alle seine Sünden vergeben. Das ist erstaunlich – kann es so etwas geben?

Dies ist im Sinne unseres Weges zu erklären: Unsere ganze Arbeit besteht einzig darin, das Empfangen in ein Geben umzuwandeln. Das widerspricht unserer Natur und unserem Willen. Doch Tora und Mizwot wurden uns als besonderes Mittel gegeben. Durch sie erlangen wir Kraft und Stärke, unseren Körper zu unterwerfen, sodass all unsere Absichten dem Schöpfer gelten. Das bedeutet, sich durch das Licht in der Tora mit ihr zu beschäftigen und ebenso Wohltaten zu erweisen, also den Nächsten zu lieben. Durch diese beiden können wir aus dem Zustand des Empfangens heraustreten und den Zustand des Gebens erlangen.

Darauf tritt der Ankläger94 auf und behauptet: „Sieh, was die Menschen denken.“95 Seit ich zu Verstand gekommen bin, sehe ich, dass auch alle Großen und Berühmten unserer Generation nicht der Ansicht sind, dass man solche Arbeiten verrichten muss. Auch aus dem, was ich gelernt habe, verstand ich nicht, dass man in Wahrheit ein Diener des Schöpfers sein und in Verborgenheit wandeln muss96.

Das heißt: Die guten Taten, die man tut, bleiben den Menschen verborgen. Selbst wenn jemand gute Taten vollbringt und sich mit Tora und Mizwot beschäftigt, sagen die Menschen – weil sie es nicht sehen –, dies ist keine Arbeit, keine Tora und nicht der Weg. Wie sehr der Mensch sich auch mit Tora und Mizwot beschäftigt, sie sehen nichts davon, weil es in ihren Augen keinen Gefallen findet. Das wird „in Verborgenheit wandeln“ genannt.

Darüber sagten sie: „Und er begräbt seine Söhne.“ Das heißt: Alle Einsichten und Vernunftschlüsse, die er aus seiner Umgebung aufgenommen und dort gesehen hat und die dem wahren Weg des Schöpfers widersprechen, muss er begraben, also all diese Einsichten der Erde übergeben. Doch auch sie werden wieder zum Leben erwachen – am Ende der Korrektur (Gmar Tikun). Wenn er also liShma (um des Gebens willen) erlangt und seinen Trieb unterwirft, wird Lebenskraft in ihnen sein.

In dem Maß, wie sie ihm Mühe und Arbeit verursacht haben – „entsprechend dem Leid“ –, gebühren ihnen Lebenskraft und Dank dafür, dass sie ihn bei der Arbeit für den Schöpfer behindert haben. Vorläufig darf er sich jedoch nicht an ihnen erfreuen, also an den Einsichten und Vernunftschlüssen, die ihn bei der wahren Arbeit für den Schöpfer stören, sondern muss sie begraben. Dann werden ihm alle seine Sünden vergeben. Die „Sünde“ ist hier das Geheimnis der ersten Sünde, nämlich der Zustand des Glaubens über dem Verstand.

Man muss sich immer bemühen, dass ein durch die Störenden verursachter Abstieg weder lange anhält noch viel Zeit raubt. Vielmehr soll man sich sofort stärken, auf den Schöpfer vertrauen und „aus den Tiefen“ beten. Wenn man also in die Tiefe der Grube gefallen ist: „Aus den Tiefen rufe ich zu Dir, Ewiger.“97

Damit verstehen wir die Worte unserer Weisen in Berachot: „Es wurde gelehrt: Abba Benjamin sagt: Um zwei Dinge war ich mein ganzes Leben lang besorgt: dass mein Gebet vor meinem Bett sei.“98 In der Gemara erklärten sie, dies bedeutet: nahe bei meinem Bett. „Und dass mein Bett zwischen Nord und Süd ausgerichtet sei.“ Man muss verstehen, was daran so schwer zu tun ist, dass er deshalb besorgt sein musste.

Nach dem oben Gesagten können wir dies verstehen: „Mein Bett“ (mitati) bezeichnet das Unten (mata), also einen Abstieg, wie in „sie fiel hinab“. Er war daher nicht über den Abstieg besorgt, denn auf dem Weg des Schöpfers gibt es Abstiege und Aufstiege. Worüber war er dann besorgt? Darüber, weshalb sein Gebet nicht nahe bei seinem Bett war. Das heißt: Sobald er hinabfiel, wollte er sich sofort stärken und zum Schöpfer beten, Er möge ihm helfen.

Wenn er also in einen Abstieg, den Zustand des Unten, fallen muss, dann soll dieser nicht Ost–West sein; das bezeichnet Vorder- und Rückseite, die auf Chochma bezogen werden. Vielmehr soll sein Bett zwischen Nord und Süd liegen, dem Zustand von Rechts und Links, der Chassadim betrifft. Das heißt: Der unvermeidliche Abstieg soll das Verlangen zu empfangen auf der Ebene des Herzens (liba) betreffen, nicht die Ebene des Verstandes (mocha), die als Chochma gilt – und dem Verständigen genügt dies. Denn die Klipa [Schale] gegenüber dem Verstand heißt „Er bereut die früheren [guten Taten]“99; im Zustand des Herzens dagegen sündigt er nur im „Was“.

Ich schließe mit der Gemara: „Die Bewohner Judäas, die sorgfältig auf ihre Sprache achteten, behielten ihre Tora; die Bewohner Galiläas, die nicht sorgfältig auf ihre Sprache achteten, behielten ihre Tora nicht“ (Eruvin 53). Das heißt: Bei allem, was sie über Tora und Mizwot sagten, achteten sie darauf, dass es in der Heiligen Sprache geschah, also in der Sprache des Gebens. Die Bewohner Galiläas hingegen achteten nicht darauf und sagten, dass man sich mit Tora und Mizwot beschäftigen kann, um zu empfangen und im Talmud bewandert zu sein – und dem Verständigen genügt dies.

„Und wenn du willst, sage [man kann es auch so sagen]:100 Die Bewohner Judäas lernten von einem Lehrer, und ihre Tora blieb in ihrer Hand; die Bewohner Galiläas lernten nicht von einem Lehrer, und ihre Tora blieb nicht in ihrer Hand.“ Man kann erklären, dass zwischen der ersten Formulierung und der alternativen Erklärung [dem nachfolgend Gesagten] kein Unterschied besteht. Wer einen Lehrer hat, achtet auf die Heilige Sprache, also auf die Sprache des Gebens und darauf, in Verborgenheit zu wandeln. Wer hingegen in einer anderen Sprache lernen will, also in der Sprache des Empfangens, hat zwei Lehrer: den einen auf der Seite des Empfangens und den anderen – meinen Vater und Lehrer Baal HaSulam – auf der Seite des Gebens.

Ich hoffe, dass der Schöpfer uns hilft, damit wir auf Ihn vertrauen können, dass Er uns aus aller Finsternis herausführt und wir der Anhaftung (Dwekut) an Ihn ein für alle Mal würdig werden.

Mit Grüßen an euch alleBaruch Shalom HaLevi AshlagSohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

Brief 14

Mit Hilfe des Schöpfers, Montag, Wochenabschnitt WaYeze, 6. Kislew (21. November 1955), hier in London

An die Schüler, mögen sie leben,

Ich sehe, dass ihr mir gegenüber nach dem Grundsatz „Maß für Maß“ handelt. Das heißt: Wenn ich euch nicht sofort auf euren Brief antworte, seid ihr innerlich schon der Ansicht, dass ihr eure Pflicht erfüllt habt und euch keine Möglichkeit mehr bleibt, mir Briefe zu schreiben. Gewiss seid ihr im Recht, und an allem bin ich schuld. Das heißt, dass unser Briefwechsel nicht so häufig ist, ist allein meine Schuld. Ich bete zum Schöpfer, Er möge mir Erkenntnis schenken, damit ich alle Schuld, die auf mir liegt, korrigieren kann.

Gestern hielt ich vor meiner Reise nach Israel einen Vortrag vor einer Gruppe von Schülern Rabbi Desslers. Ich trug ihnen den Ausspruch vor: „Rabba sagte: ‚Ein Mensch soll in sich selbst wissen, ob er ein vollkommener Gerechter ist.‘“101 Ich sagte, dass Umkehr (Teshuwa) bedeutet, dass der Mensch zu seinem Ursprung zurückkehren muss.

Denn das Wesentliche der Schöpfung, das „Mensch“ genannt wird, ist das Verlangen zu empfangen, während der Schöpfer der Gebende ist. Wenn der Mensch zu seinem Ursprung zurückkehrt, wird dies Umkehr genannt. Woran ist Umkehr zu erkennen? Wie Maimonides sagt: „Bis der Kenner der Geheimnisse über ihn bezeugt, dass er nicht mehr zu seiner Torheit zurückkehren wird.“102 Dieses Zeugnis offenbart sich im Menschen erst, nachdem er Umkehr vollzogen hat. Dann erlangt er die obere Wonne, das heißt, der Schöpfer lässt Seine Shechina (göttliche Gegenwart) auf ihm ruhen. Dass der Mensch zurückgekehrt ist, bedeutet, dass er der Anhaftung (Dwekut) würdig wurde.

Das ist die Bedeutung von „Ein Mensch soll in sich selbst wissen“: Wenn er wissen will, ob er bereits Umkehr vollzogen hat, kann er es daran prüfen, ob er schon der Wonne des Schöpfers würdig wurde. Dies ist das Zeichen dafür, dass er zurückgekehrt ist, das heißt, dass er sich bereits im Aspekt des Gebens befindet (siehe „Einführung in den Talmud Esser haSefirot“). Das ist die Bedeutung von „Suche Frieden und jage ihm nach“103. Denn jeder Streit entsteht nur aus dem Verlangen zu empfangen, während „Suche Frieden“ im Aspekt des Verlangens zu geben möglich ist.

Das ist die Bedeutung dessen, was geschrieben steht: „Und Isaak säte in jenem Land und fand hundertfach“104, das heißt hundert Prozent. Gerade dies ist die Eigenschaft Isaaks, die er von Abraham empfing, wie geschrieben steht: „Und Abraham gab Isaak alles, was er hatte.“105 Rashi erklärt im Midrash: „Rabbi Yehuda sagt: Dies ist Gwura (Stärke), und Rabbi Nehemia sagt: Dies ist Segen.“106 Beide meinten dasselbe. Rabbi Yehuda spricht vom Aspekt der Arbeit: Abraham zeigte Isaak, dass der Ort der Arbeit gerade in der Überwindung liegt. Rabbi Nehemia spricht vom Lohn: Gerade durch Überwindung wird man des Segens würdig, und der Segen beträgt hundert Prozent. Denn wenn man der Umkehr aus Liebe würdig wird, werden alle hundert Prozent der Arbeit gesegnet, sogar die Zeit der Verfehlungen.

All dessen wird man nur durch Überwindung würdig, die „Kräfte“ genannt wird. Jede einzelne Kraft, die der Mensch aufbringt, fügt sich zu einer großen Summe zusammen. Selbst wenn der Mensch sich einmal überwindet, ihm aber ein fremder Gedanke kommt und einwendet: „Ich bin doch bereits geprüft und erfahren und weiß, dass ich schon bald dieses Verlangen nach der Arbeit nicht mehr haben werde. Was gewinne ich also, wenn ich jetzt ein wenig Kraft zur Überwindung aufbringe?“ Dann muss er antworten: „Pfennig um Pfennig fügt sich zu einer großen Summe“107, das heißt zur Gesamtsumme – sowohl für die Wurzel seiner Seele als auch für die ganze Allgemeinheit.

Vielleicht ist dies die Bedeutung von „Die Tore der Tränen wurden nicht verschlossen“108. Das Wort Shaarei (Tore) klingt wie Searot (Stürme), und diese bezeichnen die Überwindung. Dmaot (Tränen) wird mit medame’a (vermischen)109 in Verbindung gebracht. Das heißt, es gibt eine Beimischung anderer Verlangen, und nur mitten unter diesen Verlangen erscheint für einen kurzen Augenblick ein Verlangen, sich zu Liebe und Ehrfurcht vor dem Himmel zu überwinden. „Sie wurden nicht verschlossen“ bedeutet, dass sich dieser Augenblick vielmehr zu einer großen Summe hinzufügt. Wenn die Summe vollständig ist, beginnt auch der Mensch, die spirituelle Einkleidung zu spüren.

Das ist die Bedeutung der Wichtigkeit der Tränen: Selbst wenn er sich im niedrigsten Zustand befindet, das heißt, niedrige Verlangen hat, gibt es inmitten dessen dennoch eine Kraft zur Überwindung. Aus dem Punkt seines Herzens heraus sehnt er sich nach dem Schöpfer und verlangt nach Ihm, und diese Kraft ist sehr wichtig. Selbst wenn der Mensch im Exil ist und der Punkt seines Herzens unter anderen Herrschaften liegt – was auf der persönlichen Ebene „Shechina im Exil“ genannt wird –, überwindet er sich für einen kurzen Augenblick und heiligt den Namen des Schöpfers. Obwohl er aufgrund vieler Erfahrungen bereits sicher ist, dass er später wieder auf seinen schlechten Weg zurückkehren wird, ist es dennoch sehr wichtig, dass der Mensch offen die Wahrheit sagen kann.

Dies gleicht einem Menschen, der unter Frevlern steht, die die Arbeit für den Schöpfer schmähen und lästern. Unter ihnen sind Redner mit süßer Zunge, die zu verstehen geben, dass die Arbeit für den Schöpfer keinen Sinn hat. Dennoch gibt es dort jemanden, der nicht so viel Verstand und Kraft besitzt, dass er das Gute und das Wesen der Arbeit erklären könnte; einen Zwischenruf kann er jedoch äußern. Das heißt, mit einem einzigen Wort widerspricht er und sagt, dass ihre Worte nicht wahr sind.

Es ist gut, dass er nicht zustimmt, obwohl er nicht so viel Verstand und Kraft besitzt wie die Lästerer. Das wird „Tore der Tränen“ genannt, und das wird „Pfennig um Pfennig fügt sich zu einer großen Summe“ genannt.

Hoffen wir, dass der Schöpfer unsere Augen erleuchtet und unser Herz erfreut, wenn wir zu Zion sagen: „Dein Gott ist König!“110

Brief 15

Mit Hilfe des Schöpfers. Nach Ausgang des Schabbat, Wochenabschnitt WaYishlach, 5716 (3. Dezember 1955)

Wie ist es möglich, dass Jakob Rachel mehr liebte als Lea, weil sie schön von Gestalt war usw.? Es ist doch der Ausspruch unserer Weisen bekannt: „Wer eine Frau ihrer Schönheit wegen heiratet“ usw.111

Antwort: Die Tora lehrt uns die Wege des Schöpfers. In der Arbeit gibt es zwei Aspekte: 1) Chochma (Weisheit) und 2) Chassadim (Gnaden). Chochma bezeichnet Sehen und Wissen und wird Alma deItgalya (offenbarte Welt) genannt. Daneben gibt es Alma deItkassya (die verborgene Welt), die als Lea bezeichnet wird. Dies ist das Geheimnis von „Leas Augen waren weich“112: Chassadim und Glaube über dem Verstand.

Dies erklärt die Begebenheit von Jakob und Laban. Jakob bezeichnet denjenigen, der dem Schöpfer dient, und Laban bezeichnet den Schöpfer, den Emanator. Der heilige ARI erklärt im Ez Chaim („Baum des Lebens“), Tor Akudim, dass Laban das „obere Weiß“ bezeichnet, also den Emanator. Laban hat zwei Töchter, das heißt zwei Stufen: Lea bezeichnet Alma deItkassya (verborgene Welt), und Rachel bezeichnet Alma deItgalya (offenbarte Welt).

Das Schöpfungsziel, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, bezieht sich auf Alma deItgalya (offenbarte Welt). Alma deItkassya (verborgene Welt) wird als Lea bezeichnet; dies wird Licht der Anhaftung (Dwekut) genannt.

„Und Jakob liebte Rachel“113 bedeutet, dass er das Licht des Schöpfungsziels herabziehen wollte. Laban sagte jedoch, zuerst müsse er Lea empfangen, das heißt das Licht der Anhaftung, das Licht von Chassadim genannt wird.

„Und der Ewige sah, dass Lea ungeliebt war“114 bedeutet, dass Jakob an Lea keinen Gefallen fand. Da gab der Schöpfer ihm gerade durch Lea Fruchtbarkeit und Vermehrung. So zeigte Er ihm, dass man gerade durch das Licht der Anhaftung mit Fruchtbarkeit und Vermehrung in Tora und Arbeit belohnt wird.

Zugleich bedarf es auch der Korrektur Rachels: Das Licht des Schöpfungsziels, das als Chochma gilt, muss herabgezogen werden. Deshalb sagte Rachel zu ihm: „Gib mir Söhne; wenn nicht, sterbe ich.“115 Jakob musste also dafür sorgen, alle für Rachel erforderlichen Korrekturen vorzubereiten, damit er auch auf der Stufe von Alma deItgalya (offenbarte Welt) Fruchtbarkeit und Vermehrung erlangte. Denn ohne Fruchtbarkeit und Vermehrung hätte er in dieser Arbeit keinerlei Lebenskraft und wäre gezwungen, diese Stufe zu verlassen. Dies gilt als „wenn nicht, sterbe ich“. Er musste also Chassadim in Chochma herabziehen.

Dies ist die Bedeutung von „Und Gott gedachte Rachels“116. Unsere Weisen deuteten das hebräische Wort et117 als „dank Lea“. Das bedeutet: weil er Chassadim in Chochma herabgezogen hatte. Mit anderen Worten: Auf der Grundlage von Chassadim kann man Alma deItgalya (offenbarte Welt) herabziehen.

Möge der Schöpfer uns helfen, dass wir würdig werden, im Glauben auf den Wegen des Schöpfers zu gehen.

Brief 16

Mit Gottes Hilfe, 6. Tewet 5716 (21. Dezember 1955), Tel Aviv

Vollständige Genesung für das vom Wind getriebene Blatt; und man lasse hören: „Siehe, ich bin in der Gesandtschaft ihres Schöpfers, um mich in den Reihen der Fliegenden emporzuschwingen.“ Siehe, der Mann, dem sein Schöpfer beisteht, unser verehrter Lehrer und Meister … [Siehe, der Mann, dem Gott hilft]

Ich habe deinen Brief erhalten. Möge der Schöpfer erhellen, dass unser Weg der richtige Weg ist. Stärken wir unser Erinnern an den Tag des Gedenkens; dann werden wir mit den Mochin (Lichtern) des Erinnerns belohnt, denen es eigen ist, die materielle Luft zu läutern. Dann werden wir die Luft der Heiligkeit atmen, die das wahre und ewige Leben ist.

Ich möchte dem, was du schreibst, noch etwas hinzufügen. Du schreibst: „Ich bin sicher, wenn ich dem größten Gottesleugner begegnet wäre usw.“

Wir kennen den in der ganzen Welt geltenden Grundsatz (Klal): Für einen guten Meister ist es nicht gut, unter schlechte Handwerker zu geraten und von ihren Taten zu lernen. Wenn zum Beispiel ein fachkundiger Schuhmacher unter Schuhmacher gerät, die ihr Handwerk nicht beherrschen, geben sie ihm zu verstehen: Es lohnt sich nicht, einen guten Schuh anzufertigen; mach ihn einfach so, wie er eben wird. Es lohnt sich nicht, einen guten und schönen Schuh anzufertigen.

Dasselbe gilt für einen Schneider, der sein Handwerk beherrscht: Wenn er sich in Gesellschaft von Schneidern befindet, die ihr Handwerk nicht beherrschen, geben sie ihm zu verstehen, dass es sich nicht lohnt, sich anzustrengen und Mühe und Arbeit aufzuwenden, damit das Kleidungsstück sauber und ordentlich wird und seinem Besitzer passt. Deshalb muss er sich davor hüten, mit ihnen in Berührung zu kommen.

Wenn hingegen ein Bauhandwerker in die Gesellschaft von Schneidern kommt, kann er von ihren schlechten Taten nichts lernen, weil zwischen ihnen keinerlei Verbindung besteht. Innerhalb desselben Berufs jedoch muss jeder darauf achten, nur mit Menschen reinen Herzens in Berührung zu kommen.

Nach dem oben Gesagten musst du bei jedem, den du für einen Diener des Schöpfers hältst, achtsam sein und prüfen, ob er ein guter Fachmann ist, das heißt, ob er möchte, dass seine Arbeit sauber und makellos ist und auf den Namen des Schöpfers ausgerichtet wird.

Zumindest muss er wissen, dass er kein guter Arbeiter ist, und in sich nach Ratschlägen suchen, wie er zu einem Fachmann werden kann, statt ein gewöhnlicher Arbeiter zu bleiben, dessen ganze Absicht auf den Lohn gerichtet ist. Ein guter Arbeiter und Meister ist vielmehr jemand, der nicht auf den Lohn achtet, sondern Freude an seiner Arbeit hat. Wenn etwa ein fachkundiger Schneider weiß, dass das Kleidungsstück seinem Besitzer in allen Einzelheiten passt, bereitet ihm dies mehr spirituelle Freude als das Geld, das er erhält.

Daher ist es nicht schlimm, wenn du dich unter Menschen aufhältst, die nicht deinem Beruf angehören; denn du befasst dich mit dem Bauhandwerk, sie dagegen mit der Ledergerberei. Das genügt dem Verstehenden.

Anders ist es bei Menschen, die sich mit Tora und Mizwot befassen, aber nicht darauf achten, dass das Kleidungsstück dem Besitzer angemessen ist. Sie besitzen nur einen Verstand, der gegen die Tora gerichtet und der Ansicht der Tora entgegengesetzt ist. Hier musst du immer die Augen offen halten … und dich von diesen Menschen auf Bogenschussweite fernhalten.

Bei einfachen Menschen hingegen ist es, wie oben gesagt, anders. Mit den Anhängern von „Mizrachi“118 hast du daher keinen Kontakt und musst dich nicht so sehr in Acht nehmen. Vor den Anhängern von „Agudat Israel“119 muss man sich bereits hüten; bei Chassidim ist noch größere Wachsamkeit nötig. Und bei Menschen, die unserem Lehrer nahestanden, muss man die Augen bereits weit offen halten, wie oben gesagt.

Doch in Wahrheit gibt es dafür noch einen weiteren Grund. Er ergibt sich insbesondere aus den Worten des heiligen ARI und aus der Erklärung meines Vaters und Lehrers (Baal HaSulam) in seinem Buch Talmud Esser haSefirot. Dort begründet der Lehrer, warum in der Welt Nekudim Melech ha Daat (König des Wissens), der die Stufe Keter darstellt und der erste König war, beim Zerbrechen tiefer fiel als alle anderen Könige: Denn was die größte Awiut besitzt, ist zwar am vorzüglichsten, solange es einen Massach hat; verliert es hingegen den Massach, ist es am schlechtesten. Deshalb fiel er tiefer als alle anderen Könige.

Seine Worte lassen sich so erklären: Diejenigen, die auf den Wegen des Schöpfers gehen, besitzen ein doppeltes Verlangen zu empfangen, sowohl für das Materielle als auch für das Spirituelle, wie unsere Weisen sagten.

Daher hatten jene, die unserem Lehrer nahestanden, solange sie sich auf ihn stützten, einen Massach und Awiut. Jetzt hingegen haben sie keinerlei Unterordnung mehr und sind überhaupt nicht daran interessiert, einen Massach zu errichten. Ihre ganze Arbeit besteht nur darin, shejne Jidn („schöne Juden“) oder Rebbes zu werden. Das ist Awiut ohne Massach. Daher geht von ihnen aus, was eben von ihnen ausgeht. In meinen Augen sind sie in allem verdächtig, und niemand hält sie zurück. Das genügt dem Verstehenden.

Ich habe mich kurzgefasst, weil ich sie nicht in meinen Gedanken haben möchte; denn du kennst den Grundsatz: Der Mensch ist dort, wo er denkt. Doch weil ich weiß, dass du die Wahrheit erkennen möchtest, musste ich meine Gedanken auf die Awiut ohne Massachim richten. Sie gehört zum Zerbrechen der Gefäße, die noch nicht auf den Weg gelangt sind, auf dem man sie klären könnte. Möge der Schöpfer Sich erbarmen.

Um das oben Gesagte deutlicher zu verstehen, gebe ich dir ein kurzes Beispiel. Bekanntlich gibt es zwischen je zwei Stufen eine Zwischenstufe, die beide Aspekte in sich vereint. Zwischen dem Unbelebten und dem Pflanzlichen gibt es beispielsweise eine Zwischenstufe namens Korallen; zwischen dem Pflanzlichen und dem Lebendigen gibt es die Feldsteine – Lebewesen, die durch ihren Nabel mit der Erde verbunden sind und sich von ihr ernähren; und zwischen dem Lebendigen und dem Sprechenden gibt es den Affen.

Somit stellt sich die Frage: Was ist die Zwischenstufe zwischen Wahrheit und Lüge? Welcher Punkt vereint beide Aspekte in sich?

Bevor ich dies erkläre, füge ich einen weiteren Grundsatz hinzu: Bekanntlich kann man etwas Kleines nicht sehen, etwas Großes dagegen leichter. Wenn ein Mensch sich daher nur mit wenigen Lügen befasst, kann er die Wahrheit nicht erkennen – nämlich, dass er auf dem Weg der Lüge geht. Vielmehr sagt er, dass er auf dem Weg der Wahrheit geht. Und es gibt keine größere Lüge als diese.

Der Grund dafür ist, dass er nicht genügend Lügen besitzt, um seinen wahren Zustand sehen zu können. Hat ein Mensch dagegen viele Lügen erworben, ist die Lüge in ihm bereits so groß geworden, dass er sie sehen kann, wenn er es möchte. Nun also, da er die Lüge sieht – das heißt, dass er auf dem Weg der Lüge geht –, erkennt er seinen wahren Zustand.

Das heißt, er erkennt die Wahrheit in seiner Seele: wie er auf den richtigen Weg gelangen kann. Somit ist dieser Punkt – der Punkt der Wahrheit, dass er auf dem Weg der Lüge geht – die Zwischenstufe zwischen Wahrheit und Lüge. Er ist die Brücke, die Wahrheit und Lüge verbindet. Dieser Punkt ist das Ende der Lüge; von hier an beginnt der Weg der Wahrheit.

Auf diese Weise verstehen wir, was mein Vater und Lehrer sagte: Um liShma zu erlangen, muss man zuerst das größte lo liShma vorbereiten; danach kann man zu liShma gelangen.

Dies lässt sich nach dem oben Gesagten erklären: lo liShma heißt Lüge und liShma heißt Wahrheit. Solange die Lüge klein ist, das heißt, solange die Mizwot und guten Taten wenige sind, hat der Mensch nur ein kleines lo liShma und kann deshalb die Wahrheit nicht erkennen. Daher sagt er zu diesem Zeitpunkt, dass er auf dem guten und wahren Weg geht, das heißt, dass er sich liShma befasst.

Wenn er sich hingegen Tag und Nacht lo liShma mit Tora und Mizwot befasst, kann er die Wahrheit erkennen. Durch die Vielzahl der Lügen ist die Lüge in ihm groß geworden, sodass er tatsächlich sieht, dass er auf dem Weg der Lüge geht. Dann beginnt er, seine Taten zu korrigieren.

Das heißt, dann spürt er, dass alles, was er tut, nur lo liShma ist. Von diesem Punkt geht man auf den Weg der Wahrheit über, also zu liShma. Erst hier, an diesem Punkt, setzt der Vorgang ein, in dem man „aus lo liShma zu liShma gelangt“. Zuvor dagegen behauptet er, dass er sich liShma befasst; wie könnte er dann seinen Zustand und seinen Weg ändern?

Wenn der Mensch daher auf den Wegen der Arbeit träge ist, kann er die Wahrheit nicht erkennen: wie tief er in der Lüge versunken ist. Durch die vermehrte Beschäftigung mit Tora und Mizwot jedoch, um seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten, kann man die Wahrheit erkennen: dass man auf dem Weg der Lüge geht, der lo liShma heißt. Dies ist der mittlere Punkt zwischen Wahrheit und Lüge.

Deshalb müssen wir uns auf dem Weg des Schöpfers stärken, wie mein Vater und Lehrer uns angewiesen hat. Stärken wir uns in unerschütterlichem Vertrauen, und jeder Tag sei für uns wie neu. Denn wir müssen die Grundlagen jederzeit erneuern; dadurch werden wir mit einem Pflock belohnt, der niemals wankt, und werden voranschreiten.

Dein Freund, Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 17

5. Schwat 5716 (18. Januar 1956120)

Frieden und alles Gute für immer meinem Freund, der an die Bande meines Herzens gebunden ist …

Als Antwort auf deinen Brief vom 14. Tewet 5716: Bis jetzt hatte ich wegen der Vorbereitungen für die Hochzeit meiner Tochter keine Zeit, dir auf diesen Brief zu antworten.

Nun zur ersten Frage: Warum segnete unser Vater Jakob die Söhne durch einen Engel?

In den Schriften des ARI wird erklärt, dass NaRaN der Gerechten das Innere der drei Welten Brija, Yezira und Assija sind. Der Ursprung der Seelen liegt in der Welt Brija; die Stufe Ruach geht aus der Welt Yezira hervor und Nefesh aus der Welt Assija. Alle Gaben gehen von der Welt Azilut aus, die so bezeichnet wird: „Er, Sein Leben und Sein Wesen sind in ihnen eins.“

In der Welt Azilut gliedern sich die dortigen zehn Sefirot in drei Kategorien: 1) Keter, 2) Chochma und Bina, 3) Seir Anpin und Malchut.

Sie gelten als Wurzel, also Keter; als Mochin, also Chochma und Bina; und als Empfänger der Mochin, also Seir Anpin und Malchut. Letztere werden männlich und weiblich, Israel und Lea, Jakob und Rachel genannt. SoN empfangen die Mochin für die Seelen der Gerechten, die das Innere der drei Welten BYA sind, wie oben erläutert.

Der Engel Matat bewirkt und übermittelt die obere Fülle. Siehe im Sohar (Wochenabschnitt WaYeze, Blatt 36; im Sulam, Punkt 71): Dort steht, dass der Engel Matat „Herrscher der Welt“ genannt wird und dass sein Name dem Namen seines Herrn gleicht. Einmal wird er mit dem Namen HaWaYaH bezeichnet und ein anderes Mal mit dem Namen Shadai, denn er vollzieht zwei Handlungen:

1) Er empfängt die Stufe Chochma und gibt sie an BYA weiter. Dann wird er mit dem Namen Shadai bezeichnet, gemäß dem Geheimnis: „Der zu Seiner Welt ‚Genug‘ sagte: Sie solle sich nicht weiter ausbreiten.“121 Dies bezieht sich auf die Fülle von Chochma, für die eine Einschränkung (Zimzum) bestand, damit die Stufe Chochma nicht in den Gefäßen des Verlangens zu empfangen aufgenommen wird. Deshalb zog der Emanator den linken Fuß des Buchstabens Taw wieder nach oben. Daher ist der Fuß des Taw dick: Er zog den linken Fuß nach oben, damit er nicht in die Klipot (Schalen) leuchtet (siehe „Vorwort zum Buch Sohar“, Blatt 26; im Sulam, Punkt 23).

2) Die zweite Stufe des Engels Matat besteht darin, dass er auch Chassadim (Gnaden) besitzt, die er den Unteren geben kann. Dann gleicht sein Name dem Namen seines Herrn, der Stufe HaWaYaH, und Matat wird im Namen seines Herrn, HaWaYaH, vervollständigt.

Als Jakob die Söhne segnete, musste er den Segen gemäß der Ordnung der Stufen herabziehen, bis die Fülle zu den Unteren gelangte. Daher zog er die Fülle für die Söhne bis zum Engel Matat herab, und von Matat aus sollte sie an die Söhne weitergegeben werden. Deshalb segnete Jakob die Söhne durch den Engel Matat, der die Fülle von der Welt Azilut an NaRaN der Gerechten und an die drei Welten BYA gibt und weiterleitet. Darum sagte er: „Der Engel, der mich erlöst, er segne …“122

Damit wirst du deine zweite Frage zu „Mein Name ist in ihm“ verstehen. Nach den Worten des Ramban ist Mein Name mit ihm gemeinsam.123 Du hast gefragt: Was bedeutet dann „sein Name gleicht dem Namen seines Herrn“? Schließlich haben wir keine Erlangung in Seinem Wesen (Azmuto), sondern nur in dem, was offenbart wird.

Die Erklärung lautet: Ein „gemeinsamer Name“ bedeutet, dass jeder Name, wie bekannt, auf eine Erlangung hinweist. Denn was wir nicht erlangen, bestimmen wir nicht mit einem Namen. Jede spirituelle Erlangung besteht nur dann, wenn zwischen dem Erlangten und dem Erlangenden eine Verbindung besteht. Diese heißt „gemeinsam“, weil das Erlangte und der Erlangende gemeinsam daran beteiligt sind. Dann kann man sagen, dass sich an der Fülle ein Name, eine Form und eine bestimmte Begrenzung offenbaren. Bei einem Erlangenden ohne etwas Erlangtes kann man dagegen weder von Form noch von Begrenzung sprechen; darauf trifft keinerlei Erlangung zu. Dies gilt als: „Kein Gedanke erfasst Ihn überhaupt“, und als Wesen ohne Materie (siehe „Einleitung in das Buch Sohar, Blatt 50, Punkt 12).

Dies ist die Bedeutung von „sein Name“: Was wir durch den Engel Matat erlangen, gleicht dem Namen seines Herrn, der ebenfalls nur eine Offenbarung bezeichnet. Das heißt, Matat gibt die Stufe SoN weiter. Sie sind die Empfänger der Mochin von Azilut, wo es zwei Stufen gibt, Chochma und Bina, die sich den Unteren in Form von Chassadim und Chochma offenbaren.

Wenn Matat die Stufe Chochma weitergibt, wird der Name seines Herrn Shadai genannt; wenn er auch die Stufe Chassadim weitergibt, ist der Name seines Herrn HaWaYaH, wie oben erläutert. Dann wird der Engel Matat „der Älteste seines Hauses, der über alles herrscht, was er hat“ genannt. Denn der Engel Matat ist der Herrscher der Welt und regiert die Welt: Durch ihn wird die Fülle zu den Welten BYA herabgezogen, in denen NaRaN der Gerechten eingeschlossen sind.

Dies ist die Bedeutung von „Mein Name ist in ihm124. Dass Matat die Namen weitergibt, die in ihm wirken, bezieht sich auf die Form der Fülle. Sie umfasst zwei Formen, Chochma und Chassadim, wie oben erläutert. Diese Namen wirken in Matat entsprechend dem Maß des Namens seines Herrn, den er herabzieht.

Und nun zu deiner dritten Frage: Warum geht die heilige Tora so ausführlich darauf ein, dass Ephraim vor Manasse gestellt wurde? Dies lässt sich nach dem Grundsatz (Klal) erklären, den wir für die Arbeit für den Schöpfer haben: Der Mensch muss das Ziel immer vor Augen haben und wissen, was seine Aufgabe im Leben ist und zu welchem Endpunkt er gelangen muss, damit er sagen kann, dass er bereits „zur Ruhe und zum Erbbesitz“125 gelangt ist.

Nur wenn das Endziel offen vor seinen Augen liegt, kann der Mensch sich mit allen Mitteln darauf vorbereiten und die ihm zur Verfügung stehenden Kräfte einsetzen. Andernfalls weiß er nicht, wie er seine Kräfte und Schutzmaßnahmen ins Gleichgewicht bringen soll.

Die wahren Mittel sind nötig, damit er sich auf Wegen voller Gefahren schützen kann. Denn er kennt nicht die ganze Kraft des Feindes, der ihm auflauert, wenn er nicht weiß, wer der wahre Feind ist, den er bezwingen muss. Wenn man daher über die Ordnung der Arbeit zu sprechen beginnt und darüber, wie der Mensch in der Arbeit Segen haben kann, muss das Ziel an erster Stelle stehen.

Bekanntlich beginnt man, wenn man die Wege der Arbeit beschreitet, beim Leichten und geht zum Schweren über. Zuerst lernt und tut man, was am leichtesten zu verstehen und auszuführen ist; danach kommt das etwas Schwierigere und so weiter. Wenn man sich schließlich an die Wege des Kampfes mit dem Trieb gewöhnt und darin Erfahrung gesammelt hat, geht man zu den härtesten Angriffen über.

Daraus folgt, dass wir zwei Dinge haben, von denen eines dem anderen vorangestellt werden muss. Josef meinte, man solle vor allem in der richtigen Reihenfolge über die Wege der Arbeit sprechen, also vom Leichten zum Schweren. Jakob dagegen meinte, man müsse zuallererst über das Ziel sprechen.

Entwürfe und Ergänzungen zu diesem Brief:

1. Und nun zu deiner dritten Frage: Warum geht die heilige Tora so ausführlich darauf ein, dass Ephraim vor Manasse gestellt wurde?

Bekanntlich hängt es von der Wichtigkeit einer Sache ab, ob sie einer anderen vorangestellt wird. Bei der Arbeit für den Schöpfer muss man daher wissen, worin die Wichtigkeit liegt, das heißt, man muss den Schwerpunkt auf den Kern des Ziels legen.

… Im Sohar (Wochenabschnitt WaYechi, Blatt 14; im Sulam, Punkt 41) steht, dass es zwei große und bedeutende Herrscher gibt. Der eine Herrscher gehört zur Stufe Ephraim; seine Eigenschaft besteht darin, Israel im Exil zu erhalten, damit es sich dort vermehrt. Der zweite Herrscher gehört zur Stufe Manasse; seine Eigenschaft besteht deshalb darin, Israel im Exil vergessen zu lassen.

Dort wird erklärt, dass es zwei Arten von Dinim (Urteilen) gibt: Die eine sind Dinim aus der Barmherzigkeit, die Malchut in Bina genannt werden; die andere stammt aus Malchut in Malchut und wird Dinim aus Malchut genannt. Weiter wird erklärt, dass jeder Herrscher beide Stufen in sich einschließt.

… Weiter wird dort erklärt, dass der Herrscher von Manasse die Stufe der Barmherzigkeit und des Urteils in der Barmherzigkeit umfasst, während der Herrscher von Ephraim Barmherzigkeit und Urteil im Urteil umfasst, das Malchut genannt wird.

Daraus folgt, dass Jakob sie segnete, damit die Stufe des Urteils versüßt würde und dadurch die Erlösung käme. Die Ordnung der Arbeit verläuft nämlich zuerst in der Barmherzigkeit und danach im Urteil. Bekanntlich gibt es vier Stufen: 1) empfangen, um zu empfangen, 2) geben, um zu empfangen, 3) geben, um zu geben, 4) empfangen, um zu geben.

Die ersten beiden Stufen entsprechen nicht wirklich dem Weg der Tora. Die Tora liShma (um des Gebens willen) beginnt vielmehr mit dem Geben, um zu geben; dies wird die Eigenschaft der Barmherzigkeit genannt. Die zweite Stufe der Tora liShma heißt empfangen, um zu geben; dies wird die Eigenschaft des Urteils genannt.

Deshalb wollte Josef, dass Jakob sie nach der Ordnung der Arbeit segnete: zuerst die Eigenschaft der Barmherzigkeit, Manasse genannt, und danach die Stufe Ephraim, die Eigenschaft des Urteils genannt wird. Jakob aber segnete nach der Ordnung der Wichtigkeit. Die vollständige Korrektur besteht nämlich darin, dass die Eigenschaft des Urteils korrigiert wird; dies heißt: „Die Finsternis wird wie Licht leuchten.“ Jakobs Ansicht war: Obwohl man die Arbeit in der Eigenschaft der Barmherzigkeit beginnt, muss das Ziel offen vor dem Menschen liegen – der Zweck besteht darin, zum Ende der Korrektur (Gmar Tikun) zu gelangen. Danach beginnt er in der richtigen Reihenfolge zu arbeiten, also in der Eigenschaft der Barmherzigkeit.

2. Engel – die Shechina (göttliche Gegenwart) wird Engel genannt, gemäß dem Vers: „Siehe, Ich sende einen Engel vor dir her.“126 Sie wird Engel genannt, weil die Shechina durch Matat wirkt. Dies gilt während des Exils. In der Zeit der Erlösung ist er dagegen in Anhaftung (Dwekut) mit dem König, der Seir Anpin genannt wird (Wochenabschnitt WaYechi, Blatt 18, Punkt 53, 24).

3. Siehe im Wochenabschnitt WaYeze (Blatt 36; im Sulam, Punkt 71), wo erklärt wird, was in den Tikkunim (Tikkun 70, Blatt 119)127 über den Vers „Die Lebewesen liefen hin und her“128 steht: „Hin – das ist Nuriel; her – das ist Matat.“ Im Sulam wird erklärt, dass „hin“ Chochma und „her“ Chassadim bezeichnet. Nachdem er bereits Chochma besitzt, geht er, um Chassadim zu empfangen. So besitzt er die Vollkommenheit von Chochma und Chassadim gemeinsam. Deshalb wird Matat „Herrscher der Welt“ genannt, denn in ihm liegt die Vollkommenheit für die Unteren in den drei Welten BYA. Dort befinden sich NaRaN der Gerechten, die das Innere von BYA genannt werden.

Dies ist die Bedeutung von „der Älteste seines Hauses, der über alles herrscht, was er hat“129: Er besitzt Chochma und Chassadim. Wenn er mit dem Namen Shadai über die Welt herrscht, entspricht dies der ersten Stufe von „her“, also der Sefira Chochma, der Linken, und dies ist das Geheimnis des Namens Shadai. Danach steigt er nach oben. Das ist die zweite Stufe von „her“: Er kehrt zum Namen HaWaYaH zurück, dem Geheimnis von Chassadim, und wird mit dem Namen seines Herrn, HaWaYaH, bezeichnet.

Brief 18

Freitag, 11. Mai 1956, am Vorabend des Schabbat zum Wochenabschnitt Bamidbar, Manchester130

An die lieben Schüler, mögen sie leben

Ich habe die Briefe von … erhalten. Die übrigen Freunde sind zu träge zum Schreiben, weil sie sich fragen, welchen Nutzen ein Briefwechsel bringen kann. Daher stellt sich die Frage: Wodurch kann tatsächlich ein Nutzen entstehen? Manche meinen, auf all ihre Fragen bereits Antworten zu haben. Wozu braucht es dann noch Fragen? Schließlich liegen die Antworten bei ihnen schon in einer Schachtel; ihnen fehlt nur noch, das zu tun, was sie längst wissen.

Oder jemand deutet ihm an, dass er seine schlechten Eigenschaften noch nicht korrigiert hat. Was will er damit sagen? Möchte er mir mitteilen, dass er dies Tag und Nacht bedauert, dass es bei ihm also heißt: „Und meine Sünde steht mir immer vor Augen“131? Ist er immer darum besorgt und betrübt, während andere Sorgen ihn nicht bedrängen? Wenn dies seine Absicht wäre, würde ich mich sehr darüber freuen.

Dennoch steht geschrieben: „Eine Sorge im Herzen eines Menschen – er spreche darüber mit anderen“132, und das genügt dem Verständigen. Da das Fest Schawuot naht und wir eine große Vorbereitung brauchen, um der Gabe der Tora würdig zu werden, führe ich hier einen Ausspruch im Namen meines Vaters und Lehrers (Baal HaSulam) an.

Dies wird in der Schrift „Die Bürgschaft“ angeführt. Dort heißt es: „Wenn ihr nun aufmerksam auf Meine Stimme hört, werdet ihr Mir aus allen Völkern ein besonderer Schatz sein, denn die ganze Erde ist Mein. Und ihr sollt Mir ein Königtum von Priestern und ein heiliges Volk sein.“133 Ich werde die Fragen nicht ausführlich behandeln. Entscheidend ist die dortige Erklärung: Durch das Volk Israel, das mehr als alle anderen Völker dazu befähigt ist, sich dem Schöpfer zu nähern, wird Er anschließend die Fülle an die übrigen Völker geben.

Darum, meine Freunde, wisst: Da wir mit der Leuchte Israels zusammen waren, sind wir eher dazu befähigt, uns dem Schöpfer zu nähern. Wir müssen nur auf seine Stimme hören und seinen Bund bewahren, denn die Stimme des lebendigen ARI (Baal HaSulam) wird uns gewiss nicht verlassen. So wie wir ihm nahe waren, tritt er gewiss für uns ein, und seine Stimme wird gehört, wenn er ins Heiligtum kommt. Denn wenn sich ein Mensch der Heiligkeit nähert, hört man seine Stimme, und wir werden gewiss Erfolg haben.

Dies ist die Bedeutung von: „Um meiner Brüder und Freunde willen will ich Frieden in dir verkünden.“ Das klingt so, als würde er gerade wegen der Brüderlichkeit und Freundschaft „Frieden verkünden“; andernfalls hätte er von Streit und Zank gesprochen. Das ist verwunderlich.

Die Kommentatoren erklärten, dass sich „Frieden in dir verkünden“134 auf Jerusalem bezieht. Im Sinne unseres Weges ist zu verstehen: Jerusalem heißt das Herz der Welt. In der Seele heißt das Herz des Menschen „Jerusalem“; das Verlangen des Menschen wird also Jerusalem genannt. Dort herrscht Streit: In den Menschen sind die Verlangen der Völker der Welt und ebenso die Verlangen Israels eingeschlossen, und jedes will über das andere herrschen.

So streiten und widersetzen sich im Herzen, das Jerusalem heißt, die Verlangen einander, und keines von ihnen kann herrschen. Daher kann auch keines seine Vollkommenheit erlangen. Das ist die Bedeutung dessen, was Rava sagte: „Ich bitte euch: Erbt nicht zweimal die Hölle.“135 Denn sowohl die materiellen als auch die spirituellen Verlangen verursachen Leiden.

Dies gilt für Schüler, die beginnen, in die Arbeit für den Schöpfer einzutreten. Da keines der Verlangen seine ganze Kraft entfalten kann, gleichen sie zerbrochenen Gefäßen: Es sind Verlangen, die aus dem Zerbrechen stammen. Dabei vermischten sich Funken der Heiligkeit, die „Funken des Gebens“ heißen, mit den Klipot (Schalen), den sogenannten „Funken des Empfangens“.

Doch „um meiner Brüder und Freunde willen“ – da das Schöpfungsziel darin bestand, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, und es nicht angemessen ist, dass sich an einem Ort des Hasses das Licht des Schöpfers offenbart, das „Licht der Liebe“ heißt – „will ich Frieden in dir verkünden“. „In dir“ bedeutet: Im Herzen soll Frieden herrschen.

Dies entspricht den Worten: „Der Schöpfer verlangte danach, in den Unteren zu wohnen“136 – bei den Unteren in Liebe, Brüderlichkeit und Freundschaft zu sein, damit sie das Licht des Schöpfers erlangen. So steht geschrieben: „Ich will hören, was Gott spricht; denn Er spricht Frieden zu Seinem Volk und zu Seinen Frommen, und sie sollen nicht zur Torheit zurückkehren.“137

Das heißt: Wenn man die Stimme des Schöpfers hört, die zum Herzen spricht, gemäß dem Geheimnis „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem wird geholfen“138. Im heiligen Sohar wird erklärt, dass man ihm mit einer Neshama Kedosha [heiligen Seele] hilft139. Wenn das Herz die Stimme des Schöpfers hört, gewinnt gerade die Stimme der Heiligkeit die Herrschaft über alle Verlangen – also das Verlangen zu geben. Dann kehren sie nicht zur Torheit zurück; das heißt, der Mensch sündigt nicht mehr, weil sich alle Verlangen zu empfangen dem Verlangen zu geben unterworfen haben.

Dann offenbart sich dem Herzen die ganze Lieblichkeit des Guten. Nun ist im Herzen Raum für die Gegenwart der Shechina, und Zartheit, Süße, Anmut und Freundschaft breiten sich aus und erfüllen alle Glieder des Menschen.

Dies geschieht gerade dann, wenn man die Stimme des Schöpfers hört. Dann unterwirft sich der ganze Körper und stellt sich in den Dienst der Heiligkeit. Der Körper wird zu einem Knecht, der der Heiligkeit dient. Wird man dagegen nicht dessen würdig, die Stimme des Schöpfers zu hören, zeigt sich das Gegenteil. So heißt es im Vers: „Du gibst uns hin wie Schafe zum Fraß“ (Psalm 44). Alle Verlangen der Heiligkeit werden also zur Nahrung, die das Verlangen zu empfangen verschlingt.

„Und seine Hasser plünderten für sich.“140 Das bedeutet: Das Verlangen zu empfangen raubt die ganze Kraft, die für die Heiligkeit bestimmt war, und nimmt sie für sich. Wenn man sich bisweilen mit Tora und Arbeit beschäftigen kann, nimmt es davon die ganze Kraft, sodass man ohne jeden Geschmack und Duft arbeitet. „Und Du hast uns unter die Völker zerstreut“141: Alle Kräfte des Gebens wurden unter der Herrschaft des Empfangens zerstreut, die „Völker“ genannt wird.

„Du verkaufst Dein Volk umsonst.“ Selbst wenn die Arbeit des Empfangens keinerlei Genuss bringt, fehlt dennoch jede Kraft, sobald eine Handlung des Gebens erforderlich ist, denn die Verlangen zu empfangen herrschen.

„Und Du hast ihren Preis nicht erhöht.“142 Bei materiellen Handlungen braucht es keinen Genuss: Schon wenn auch nur der Schatten eines doppelten Zweifels [eines Zweifels am Zweifel] besteht, dass dem Empfangenden daraus irgendein Nutzen erwachsen könnte, ist Kraft zum Arbeiten vorhanden. Umgekehrt gilt ebenso: Besteht auch nur der Schatten eines doppelten Zweifels, dass daraus irgendeine Mizwa hervorgehen könnte, herrscht bereits der Empfangende.

Die Verhüllung ist so groß, dass man alles tun kann, was zu lo liShma (nicht um des Gebens willen) gehört, während etwas, das zu liShma (um des Gebens willen) gehört, so verhasst, niedrig und verächtlich erscheint, dass der Mensch diesen Gedanken mit aller Kraft von sich stößt. Denn die Natur des Menschen kann etwas Niedriges nicht ertragen.

Dies ist die Bedeutung von: „Du machst uns unseren Nachbarn zum Hohn, unserer Umgebung zu Spott und Gelächter.“143 Das Verlangen zu empfangen heißt „die Völker, die in unserer Nachbarschaft wohnen“, also im Herzen. Diese Völker verspotten und verhöhnen die Handlung in liShma auf jede erdenkliche Weise, bis wir keine Kraft mehr gegen sie haben.

Daraus folgt: Das ganze Streben des Menschen besteht darin, Gunst in den Augen des Schöpfers zu finden und danach zu streben, Seine Stimme hören zu dürfen, die sprach: „Um meiner Brüder und Freunde willen will ich Frieden in dir verkünden.“ Die Stimme des Schöpfers durften wir hören, als wir mit der Stimme des lebendigen ARI zusammen waren, und gewiss setzt er sich für uns ein.

Wir müssen nur auf der Hut sein, damit wir unseren schlechten Zustand erkennen, wenn er eintritt, und vom Schöpfer keinen Luxus verlangen, sondern lediglich ein Leben in Heiligkeit. Denn: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem wird geholfen.“

Damit verstehen wir den Midrash: „Ein Stock und ein Brotlaib wurden, aneinandergebunden, vom Himmel gegeben.“144 Man muss fragen: Widersprechen sie einander nicht? Die Erklärung lautet: Ein „Stock“ bezeichnet Leiden. Ein Stock dient nur dazu, jemanden damit zu züchtigen; das ist der Aspekt der Leiden. Ein „Brotlaib“ dagegen bezeichnet Genuss.

Das bedeutet: Der Mensch wird beider Dinge zugleich würdig. Er empfindet den Geschmack von Leiden, wenn er in lo liShma, also um des Empfangens willen, arbeitet; den Geschmack von Genuss empfindet er dagegen, wenn er um des Gebens willen arbeitet. Dann erfüllt sich: „Und sie sollen nicht zur Torheit zurückkehren.“

Mit einem Segen schließend – mögen wir des Empfangs der Tora würdig werdenBaruch Shalom HaLevi AshlagSohn meines Vaters und Lehrers, Baal HaSulam

Brief 19

am Vorabend von Schawuot 5716 (15. Mai 1956)145, Manchester

An meinen lieben Freund …

Ich habe deinen Brief erhalten und mich über das gefreut, was du zu dem geschrieben hast, was in der Einführung zum Sulam-Kommentar zum Sohar erklärt wird. Ich werde deine Ausführungen lediglich ergänzen.

Ich möchte das oben Gesagte hier in Form einer Frage darstellen. In den Schriften des ARI steht, dass es eine Wirklichkeit von Welten gibt. Dort finden Siwugim de Hakaa (Paarungen durch Schlag) statt, außerdem Massachim (Schirme), Ausbreitung, Entfernung, Inneres Licht und Umgebendes Licht. Geschieht all dies im Hinblick auf sie selbst? Will also diese Sefira das eine und eine andere etwas anderes? Haben sie mit anderen Worten eine Wahl und ein Empfinden wie die Menschen in dieser Welt? Oder sind sie lediglich Unbelebtes, also ohne Empfindung, wie die Welt, in der wir uns befinden?

Nehmen wir zum Beispiel die Erde: Sie bringt Früchte hervor und erhält Kräfte vom Regen, vom Wind und von der Sonne. Fehlt ihr eine der Kräfte, die sie empfangen muss, bringt sie nichts hervor, gibt nichts und erzeugt keinerlei Ertrag. Die Menschen können dann keinen Nutzen aus ihr ziehen und könnten – Gott bewahre – durch Hunger zugrunde gehen, wenn der Boden seinen Ertrag nicht gäbe.

Doch gerade weil der Mensch pflügt, sät, erntet, Garben bindet und so weiter, verhält auch die Erde sich den Menschen gegenüber nach demselben Maß: Dient der Mensch dem Boden, dient der Boden ebenso dem Menschen.

Zugleich wissen wir, und so wird es allgemein angenommen, dass die Erde weder Empfindung noch freie Wahl besitzt. Sie erfüllt lediglich die Bedingungen, die ihr von der Natur gegeben wurden und die der Schöpfer in sie eingeprägt und in ihr versiegelt hat. So erfüllt sie ihre Aufgabe auf bestmögliche Weise.

Das nennen wir „Unbelebtes“, denn die Erde bewegt sich nicht aus sich selbst und aus eigenem Willen, da sie keinen Willen besitzt. Ebenso handeln die Sonne und das gesamte Heer des Himmels gemäß der Natur. Sie selbst besitzen keine Wahl, sodass man sagen könnte, sie erwarteten Lohn oder Strafe. Vielmehr entspringen all ihre Handlungen der Natur: Wie der Schöpfer will, dass sie handeln, so handeln sie.

Auf dieselbe Weise sind auch die Oberen Welten zu verstehen. Alles wurde nur erschaffen, um dem Menschen zu dienen. Durch die Hilfe, die er aus unserer Welt erhält, in der wir uns befinden, empfängt er auch Hilfe aus den Oberen Welten. So kann er das Ziel erreichen, für das er erschaffen wurde: der Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer würdig zu werden und den Turm voll allen Guten zu empfangen, den der Schöpfer für ihn vorgesehen hat.

Wenn der Mensch dessen würdig wird, hat er die Vollendung des Schöpfungsgedankens erreicht. Darauf weisen die Worte hin: „Der Schöpfer begehrte, in den Unteren zu wohnen146“, und: „Die Shechina in den Unteren ist ein Bedürfnis des Höheren.“ Denn so ist Sein Wille. Der Mensch soll sich in dieser Welt einzig darum bemühen, Seinen Willen zu erfüllen: all das Gute und den Genuss zu empfangen, weil dies Sein Wille ist.

Nach dem bekannten Grundsatz (Klal), dass in Bezug auf Sein Wesen (Azmuto) gilt: „Kein Gedanke kann Ihn auch nur im Geringsten erfassen“, ergibt sich: Alles, was den Seelen auf dem stufenweisen Weg von Welt zu Welt erscheint, liegt allein im sich ausbreitenden Licht. Es erscheint in dem Maß, in dem der Schöpfer erkannt werden wollte, indem Er ihnen ein bestimmtes Maß des Oberen Lichts offenbart. Dies bedeutet, dass das Obere Licht sich zu den Unteren ausbreitet: Die Unteren erlangen Ihn in dem Maß, in dem Er wollte, dass sie Seine Größe erlangen.

Die Maße der Erlangung verändern sich von Zeit zu Zeit, denn sie hängen von der Vorbereitung der Unteren ab. Ob diese gering oder umfassend ist – in entsprechendem Maß wird das Licht offenbart. Jedes Maß der Erlangung trägt einen eigenen Namen, weil die Sefirot „Verhüllungen“ genannt werden. Entsprechend der Arbeit des Menschen weicht die Verhüllung, und die Sefira beginnt zu leuchten.

Bevor die Welt erschaffen wurde, gab es keinerlei Einschränkung (Zimzum). Damit die Unteren empfangen können, musste jedoch diese Verhüllung entstehen. Mit jedem Maß der Arbeit liShma (um des Gebens willen) weicht die Verhüllung im selben Maß, und das Licht leuchtet. Wie die Erde in dieser Welt erst nach der Arbeit Früchte hervorbringt, gibt es auch keine Offenbarung des Lichts ohne eine Vorbereitung seitens des Unteren.

Wenn du nun fragst: „Was sind die Sefirot und die Stufen an sich?“, dann sagen wir, dass dies nicht erlangt werden kann. Denn unsere gesamte Erlangung bezieht sich nur auf Seinen Wunsch, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Daher ist nur zu erlangen, was mit der Erlangung des Menschen zusammenhängt: welchen Eindruck der Mensch vom Oberen Licht empfängt, das den Geschöpfen durch die Sefira offenbart wird – nicht aber die Sefira an sich.

Die Vielzahl der Sefirot besteht nur gemäß der Erlangung der Unteren, die von ihrer Vorbereitung abhängt. Jeder besitzt entsprechend seiner Anstrengung eine besondere Vorbereitung. Abgesehen davon ist alles gleich, denn im Spirituellen gibt es keinerlei Veränderungen. Deshalb sagen wir über die Sefirot an sich, dass sie unter die Regel fallen: „Kein Gedanke kann Ihn auch nur im Geringsten erfassen.147

Dass man jeder einzelnen Sefira einen Namen gab, hat folgenden Grund: Alle, die durch ihre Arbeit das Licht des Schöpfers erlangten, wollten, dass auch jene, die nach ihnen kommen, von dem profitieren, was sie bereits offenbart hatten. Daher gaben sie jeder einzelnen Erlangung einen Namen. Auf diese Weise konnten die Nachfolgenden ihre Absichten und die Erlangungen, zu denen sie gelangt waren, verstehen, und so entstand untereinander eine gemeinsame Sprache.

Beim Studium des Offenbarten kann jeder das Neue, das er in der Tora entdeckt, den nachfolgenden Generationen übermitteln. Ebenso soll man in den Oberen Welten die neuen Erkenntnisse aufnehmen, welche die Vorgänger bereits offenbart haben. Dadurch kann man auf dem Weg des Erfolgs voranschreiten und bleibt nicht auf halbem Weg stehen, weil man den eigenen Zustand bereits für die Vollkommenheit hält. Daher haben wir in all diesen Namen und Parzufim an sich keinerlei Erlangung, denn alles ist Spiritualität und Göttlichkeit. Es steht geschrieben: „Ich, der Ewige, habe Mich nicht geändert.148“ Alles besteht vielmehr nur hinsichtlich des erlangenden Menschen.

Das gleicht zehn Menschen, die dastehen und in der Ferne ein Flugzeug fliegen sehen. Für das menschliche Auge erscheint die Größe des Flugzeugs wie ein kleiner Punkt. Einige der Menschen haben jedoch Ferngläser, die das Flugzeug um ein Vielfaches vergrößern. Jeder besitzt ein anderes Fernglas: Das eine vergrößert stark, das andere weniger. So sieht einer das Flugzeug vier Meter groß, ein anderer sagt, es sei drei Meter groß, und ein Dritter, es sei nur zwei Meter groß, und so weiter. Gewiss sagen alle die Wahrheit über das, was sie sehen, und dennoch bestehen Unterschiede zwischen ihnen.

Zugleich bewirken all diese Unterschiede keinerlei Veränderung am Flugzeug selbst; die Unterschiede bestehen nur hinsichtlich der Wahrnehmenden. Ebenso ist es im Spirituellen: Die ganze Vielzahl der Unterschiede richtet sich nach dem Maß der Vorbereitung der Unteren.

So lässt sich verstehen, was geschrieben steht: Die Seele sei ein Teil der Göttlichkeit von oben. Das bedeutet, dass das, was die Seele erlangt, Göttlichkeit ist. Sie kann jedoch nur einen Teil erlangen. Obwohl sie also Göttlichkeit erlangt, kann sie nur einen Teil erfassen, weil dies von der Vorbereitung der Unteren abhängt. Der Teil aber, den sie erlangt, bewirkt keinerlei Veränderung in der Göttlichkeit – wie bei dem oben genannten Flugzeug.

Daher sagt man, dass die Unteren nur das sich ausbreitende Licht erlangen können. Gemeint ist der Teil, von dem der Schöpfer wollte, dass sie ihn erlangen. Somit besteht zwischen dem sich ausbreitenden Licht und Seinem Wesen kein Unterschied, außer darin, dass der Mensch nur den Teil erlangt, von dem der Schöpfer will, dass er ihn erlange – wie im Beispiel des oben genannten Flugzeugs.

Damit werden dir die Fragen verständlich, die du gestellt hast.

Dein Freund …

Brief 20

Mit Gottes Hilfe, Freitag, am Vorabend des heiligen Schabbat (Sabbat), Wochenabschnitt Chukat149, 15. Juni 1956, hier in Manchester, möge der Allerhöchste es schützen.

An die ehrenwerten Schüler, mögen sie leben

Vor Kurzem erhielt ich Briefe von … Ich werde auf alle Briefe in allgemeiner und abstrakter Form antworten, sodass selbst der Älteste der Gruppe hinreichende Antworten erhalten kann, auch auf Fragen, die er nicht schriftlich gestellt hat. Ich erinnere mich noch daran, wie mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) ihn das Schreiben lehrte, und gewiss erinnert auch er sich daran.

Mein Vater und Lehrer erklärte das Schreiben anhand dessen, was wir sagen: „Gedenke unser zum Leben, König, der das Leben wünscht, und schreibe uns in das Buch des Lebens.“150 „Schreiben“ geschieht immer mit schwarzer Tinte auf weißem Papier. „Weiß“ bezeichnet die Zeit der Tora und der Arbeit; die Zeit des „Schwarzen“ ist der Aspekt des Bösen und der Niedrigkeit, die der Mensch in sich selbst empfindet. Dieses Schwarz muss bei jedem einzelnen Buchstaben von Weiß umgeben sein. Den wahren Zustand, wie er ist, kann man nämlich nur entsprechend den Stunden erkennen, die man der Tora und der Arbeit widmet, denn „das Licht in ihr führt ihn zum Guten zurück“.151

Daher gelangt man gerade durch vermehrte Beschäftigung, also durch den Aspekt der Rechten Linie, anschließend zum Zustand der Linken Linie, der „Schwärze“ heißt. Dann gilt das Schreiben als ordnungsgemäß. Anders verhält es sich mit bloßer Schwärze: Wenn ein Mensch sich nicht ausgiebig mit Tora und Mizwot befasst und von sich sagt, dass er schlecht ist, stammt dieses Böse aus dem leeren Raum der Klipot (Schalen) und hat in der Herrschaft des Einzigen keinen Platz.

Man muss immer darauf achten, die zeitliche Ordnung von Rechter und Linker Linie nicht umzukehren. Dies entspricht den Worten unserer Weisen über den Vers: „Immer sind die Augen des Ewigen, deines Gottes, auf sie gerichtet, vom Anfang des Jahres bis zum Ende des Jahres152 – „zuweilen zum Guten und zuweilen zum Schlechten. Wie geschieht es zuweilen zum Guten? Wenn Israel zu Rosh HaShana (Neujahrsfest) vollkommene Frevler waren und ihnen wenig Regen bestimmt wurde, sie am Ende aber zur Umkehr zurückkehrten, kann man nichts hinzufügen, denn das Urteil ist bereits gefällt. Der Schöpfer lässt den Regen jedoch zur rechten Zeit auf das Land fallen, das ihn braucht; alles richtet sich nach dem Land. Wie geschieht es zuweilen zum Schlechten? Wenn Israel zu Rosh HaShana vollkommen gerecht waren und ihnen reichlicher Regen bestimmt wurde, sie am Ende aber vom Weg abkamen, kann man nichts vermindern, denn das Urteil ist bereits gefällt. Der Schöpfer lässt den Regen jedoch zur unrechten Zeit auf ein Land fallen, das ihn nicht braucht“153 (Rosh HaShana 17b).

Ich deute dies auf zweierlei Weise. Erstens ist es eine Antwort an jene Freunde, die sagen, dass ihnen vom Himmel gleich bei ihrer Geburt nur geringe Kräfte gegeben wurden: ein beschränkter Verstand ohne besondere Schärfe, Verständnis, Gedächtnis, Tatkraft oder umfassende, starke Auffassungsgabe. Sie reden schlecht über all ihre Seelenkräfte und sagen sich, dies liegt gewiss an einer Sünde aus einem früheren Lebenskreislauf; der Schöpfer hat verfügt, dass sie mit geringen körperlichen Kräften in diese Welt hinabsteigen, weil zu Rosh HaShana, also am Anfang ihrer Erschaffung, so über sie verfügt wurde.

Doch man muss wissen: Wenn sie zur Umkehr zurückkehren, fällt jener geringe Regen – also ihre geringen Seelenkräfte – auf das Land. Das bedeutet, dass sie alle Kräfte, die sie besitzen, zum Guten einsetzen. Dies genügt, damit das Land – das heißt das Herz – seinen Ertrag hervorbringt, nämlich Früchte trägt und sich in Tora und Mizwot vermehrt und so weiter.

Wenn sie dagegen dessen nicht würdig werden, dann werden alle körperlichen Kräfte, die „reichlicher Regen“ genannt werden, zur unrechten Zeit auf ein Land gelenkt, das sie nicht braucht – selbst wenn über einen Menschen reichlicher Regen verfügt worden war und er später vom Weg abkam. Das heißt, er nutzt seine ganze Tatkraft und seinen Verstand nicht für das Land der Heiligkeit, sondern für Wüstenorte, in denen wilde Tiere leben. Für das Land jedoch, das seinen Ertrag hervorbringen soll, gibt es keinen Regen. Bei jenen „Großen“ kann man sehen: Für eine reine und lautere Arbeit haben sie keinerlei Verstand, Tatkraft oder Stärke.

Ebenso muss der Mensch seine Augen und sein Herz einzig darauf richten, dass der Regen dorthin gelangt, wo er gebraucht wird. Dieses Maß genügt, damit das Land seinen Ertrag hervorbringen kann. Dies heißt „zuweilen zum Guten“.

Damit ist verständlich, weshalb unsere Weisen „zuweilen zum Guten“ gerade für den Fall schilderten, dass Israel zu Rosh HaShana vollkommene Frevler waren. Warum sagten sie nicht, dass sie gerecht waren und gerecht blieben? Weil jeder Mensch, wie viele Kräfte ihm auch gegeben werden, immer sagen kann, dass sie gering sind. Darauf antworteten sie: Selbst wenn sie am Anfang ihrer Erschaffung, also zu Rosh HaShana, vollkommene Frevler waren und ihnen wenig Regen bestimmt wurde, genügt dies dennoch, damit das Land – das heißt ihre Verlangen – Früchte der Heiligkeit hervorbringt.

Ich habe dies alles so ausführlich dargelegt, um die Ausreden zu entkräften, mit denen manche Freunde ihre Handlungen wortreich rechtfertigen.

Die zweite Deutung lautet: Wenn ein Mensch nicht dessen würdig wird, seine Handlungen so zu korrigieren, dass sie dem Weg der Reinheit folgen, dann kann er selbst eine gewisse Lebenskraft der Heiligkeit, die ihm gegeben wird, dazu nutzen, ein wenig Vollkommenheit in sich zu empfinden. Dadurch kann er dem Schöpfer Lob und Dank dafür darbringen, dass Er ihn Seiner Arbeit ein wenig nähergebracht hat. Diese Kraft muss ihm leuchten, wenn er sich mit der Tora und dem Einhalten der Mizwot befasst, denn man darf nicht im Sackgewand in den Palast des Königs kommen.

Wenn er dessen jedoch nicht würdig wird, empfindet er Vollkommenheit, während er sich mit nichtigen Dingen beschäftigt – beim Essen, Trinken und anderen Tätigkeiten. Sobald er aber zur Tora und zum Einhalten der Mizwot kommt, empfindet er seine Niedrigkeit. So trägt er gerade am Tor des Königs das Sackgewand der Niedrigkeit und kann folglich keine gesegneten Früchte hervorbringen, denn „der Verfluchte haftet nicht am Gesegneten an“.154

Es muss vielmehr umgekehrt sein: Gerade beim Ausüben der Mizwot muss der Mensch sich vollkommen fühlen. Dadurch bereitet er sich darauf vor, dass der Schöpfer Seine Shechina (göttliche Gegenwart) auf ihm ruhen lässt. Dann wird er der Lieblichkeit und Süße der höheren Wonne würdig, bis man sich seiner von oben erbarmt und er sich an Seine Ewigkeit anhaftet.

Vor allem muss man sich in Angelegenheiten des Glaubens gerade dort stärken, wo die Fragen „Wer?“ – genug für den Verstehenden – und „Was?“ – genug für den Verstehenden – aufkommen.

Dadurch verstehen wir auch, was Rashi zu dem Vers „Dies ist die Satzung der Tora155 anführt: „Weil Satan und die Völker der Welt Israel verspotten und fragen: ‚Was ist das für eine Mizwa, und welchen Grund hat sie?‘, heißt es bei ihr ‚Satzung‘: ‚Es ist eine Verfügung vor Mir, und du hast kein Recht, über sie nachzugrübeln.‘“156 Man muss verstehen: Daraus scheint zu folgen, dass ihr Grund deshalb nicht niedergeschrieben wurde. Dem einfachen Verstand nach müsste es jedoch umgekehrt sein: Wenn niemand fragt, braucht es keinen Grund; wo aber gefragt wird, muss man einen Grund angeben. Wie oben gesagt, meint die „Satzung der Tora“ jedoch den Glauben. Gerade dort, wo Fragen gestellt werden, muss die Antwort über dem Verstand liegen.

Damit wirst du auch die Worte verstehen: „Die Mutter komme und reinige ihren Sohn.“157 Welche Verbindung besteht zwischen der roten Kuh und dem Kalb? Liegt die ganze Verbindung etwa nur in einem Wortspiel, weil hier „Kuh“ und dort „Kalb“ steht? Wie oben gesagt, verhielt es sich mit der Sünde des Kalbes vielmehr so, wie in der Einführung in das Buch Sohar über Mi–Eleh geschrieben steht158: Sie sagten „Dies sind deine Götter, Israel“159 – also im Aspekt des Wissens und nicht im Aspekt von Mi, der als Chassadim, das heißt Glaube, bezeichnet wird. Deshalb kommt die Handlung der [roten] Kuh, deren Geheimnis der Glaube über dem Verstand ist; dadurch wird die Tat des Kalbes gesühnt.

Euer Freund, Baruch Shalom Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam, Ashlag

Brief 21

Mit Gottes Hilfe, 3. Menachem Aw 5716160, hier in Manchester, möge der Allerhöchste es schützen161.

An die Schüler, mögen sie leben

Ich wundere mich, dass ich nicht jede Woche Briefe von euch erhalte. Ich dachte, ihr würdet die Mühe, die ihr auf euch nahmt, als ich im Land Israel war und ihr euch die Füße wund lieft, um Tora zu lernen, nun durch die Mühe eurer Hände ersetzen, indem ihr Briefe schreibt. Doch zu dieser Einsicht seid ihr noch nicht gelangt. Nur einer zeichnet sich mehr als alle anderen aus: … Er wartet nicht auf meine schriftliche Antwort, sondern tut, was er tun muss. Offenbar weiß er genau, wie er sich zu verhalten hat.

Rav … denkt manchmal, er müsse seine Fragen schriftlich vorlegen, und manchmal meint er, er habe erkannt, dass es völlig genügt, seine Fragen in Gedanken vorzulegen. Man muss jedoch wissen, dass wir die Handlung brauchen, denn es gibt „Gedanke, Rede und Handlung“: Die Handlung muss in den Gedanken aufgenommen werden, und der Gedanke muss in die Handlung eingehen. „Rede“ (Dibur) hängt sprachlich mit „ein Dabar (Führer) für eine Generation162“ zusammen. Der Gedanke muss also zur Handlung gelangen, denn jedes Einzelne hat seine eigene Korrektur.

Rav … begann zu schreiben und hörte wieder auf. Von Rav … durfte ich noch nicht einmal das Abbild eines Buchstabens erhalten. Als ich im Land Israel war, bekam ich von Rav … etwa alle zwei Wochen einen Brief. Gewiss hat er ein gutes Gedächtnis, denn im vergangenen Jahr schickte er einen Brief nach London; weil die Anschrift nicht vollständig war, kam der Brief zu ihm zurück. Vielleicht fürchtet er nun, dass er sich die Mühe macht, einen Brief zu schreiben und abzusenden, dieser aber wieder zu ihm zurückkommt. Seiner Ansicht nach wäre seine Mühe dann umsonst, und möglicherweise hält er dies für einen hinreichenden Grund.

Doch in Wahrheit ist es nicht so. Wie die Leute sagen: „Wer nichts einsetzt, holt nichts heraus.“ Vielleicht verlässt er sich auch auf seinen treuen, ihm ergebenen Freund: Dieser entbindet ihn davon, indem er den Kiddush (Segensspruch, mit dem der Schabbat oder ein Feiertag geheiligt wird) spricht und er den Segen beantwortet. Rav … folgt gewiss dem Weg der Bescheidenheit; genug für den Verstehenden. Und … hat sich noch keine Ausreden überlegt. Er kennt sich jedoch und weiß: Sobald er darüber nachzudenken beginnt, wird er gewiss welche finden. Der Älteste der Gruppe, unser Lehrer und Rav …, braucht die Liebe der Freunde – jemanden, der für ihn schreibt.

Trotz allem müssen wir uns anstrengen und voranschreiten, um mit der Hilfe des Schöpfers das gewünschte Ziel zu erreichen. Das Wichtigste, was von uns verlangt wird, ist das Gebet. Beim Gebet müssen wir verstehen, weshalb uns diese Sache gegeben wurde: Kann der Schöpfer uns denn nicht auch ohne Gebet alles Gute geben? Mein Vater und Lehrer sagte dazu: Nichts hat einen Geschmack, wenn das Bedürfnis und der Appetit danach fehlen; dies wird Sehnsucht genannt.

Wenn der Mensch beginnt, auf den Wegen der Arbeit zu gehen, und seine Gefäße darauf vorbereitet, das Geschenk des Schöpfers zu empfangen, gibt der Schöpfer ihm Raum, sein Verlangen zu vergrößern. Dies geschieht gerade durch das Gebet. Die Zurückweisungen und die Verhüllung, die er von Ihm empfängt, während er sich jedes Mal bemüht voranzuschreiten, aber sieht, dass er rückwärtsgeht, lassen sein Bedürfnis nach der Rettung durch den Schöpfer wachsen.

So ist es seiner Natur nach: Er sehnt sich danach, und jedes Mal scheint es ihm, als gehe er bereits auf der Königsstraße. Plötzlich blickt er zurück, zu dem Ort, den er schon verlassen hatte; dann verlässt er die Königsstraße, schließt sich wieder den Dorfbewohnern an und folgt ihnen. Wenn er sieht, dass er bereits im Dorf (Kfar) ist, also im Zustand des Unglaubens (Kefira), beginnt er sich wieder nach Glauben zu sehnen. Durch das Gebet wächst und erweitert sich die Sehnsucht, bis sie ein solches Maß erreicht, dass der Schöpfer sagt: Seine Gefäße sind nun bereit, die Rettung zu empfangen. Dann wird der Mensch dessen würdig und sieht, dass der Schöpfer das Gebet erhört.

In Wahrheit dient jedoch jedes Gebet, das der Mensch betet, der Korrektur. Jedes Gebet tut das Seine, das heißt, es erweitert das Gefäß des Empfangens. Dies ist die Bedeutung von „Der Schöpfer sehnt sich nach dem Gebet der Gerechten163“: Durch das Gebet erweitern sich die Verlangen des Menschen. Mit jedem Gebet, das er spricht, ohne bereits eine Antwort erhalten zu haben, wird er stärker auf den Schöpfer angewiesen. Er spürt in allen Gliedern, dass nur der Schöpfer Selbst ihn retten kann.

Aus allem Gesagten folgt: Selbst in den niedrigsten Zuständen bleibt noch Raum für das Gebet, der Schöpfer möge ihn aus seiner Niedrigkeit herausführen. Wenn der Mensch dagegen seine Niedrigkeit empfindet und aus dem Kampf flieht, entfernt er sich infolge all der Zurückweisungen, die er erhalten hatte, um sich Ihm zu nähern. Daher braucht es hierfür ein besonderes Herz, um sich im Gebet zu überwinden.

Vor allem muss man wissen: In jedem Menschen gibt es einen Punkt im Herzen, der ihm Kraft für die Arbeit gibt. Nimmt er diese Kraft jedoch und verwendet sie, um der Gewohnheit zu dienen, die „angelerntes Menschengebot164“ heißt, bleibt ihm keine Energie mehr für das eigentliche Ziel. Schließlich weiß der Körper bereits, dass er Handlungen in Tora und Mizwot vollbracht hat, und besitzt keine Energie mehr für neue Handlungen.

Man muss wissen, dass sich bei der Handlung nichts hinzufügen lässt – weder bei Mizwot, die aus Gewohnheit ausgeführt werden, noch bei Mizwot, die aus Glauben ausgeführt werden. Wer wirklich gerecht ist, wird an seinem Kleid nicht mehr als vier Zizit (Schaufäden) anbringen. Ebenso wird er die Tefillin (Gebetsriemen) nicht am rechten Arm anlegen und auch nicht zwei Mezuzot (Türpfostenkapseln) an der Tür befestigen und dergleichen.

Nur in der Absicht besteht ein Unterschied: wer ihn verpflichtet – die Umgebung oder der Glaube. Das heißt: Tut er es aus der Gewohnheit, die er von seiner Umgebung übernommen hat, oder aufgrund der Mizwa des Schöpfers? Darüber heißt es: „Gebet eines Armen, wenn er verschmachtet und vor dem Ewigen seine Klage ausschüttet.165“ Aus den heiligen Büchern ist bekannt, dass das Gebet des Armen oben angenommen wird. Man muss wissen, worin sein Gebet besteht. Dies erklärt der Vers „Gebet eines Armen, wenn er verschmachtet“. Was will er? „Vor dem Ewigen seine Klage ausschütten“: Alle seine Worte sollen allein vor dem Schöpfer sein und nicht vor der Umgebung.

Denn dies ist ein Grundsatz (Klal): Der Mensch handelt immer nur für denjenigen, der ihn dazu veranlasst. Wenn die Umgebung ihn zur Arbeit veranlasst, arbeitet er folglich vor der Umgebung und nicht vor dem Schöpfer. Darüber muss der Mensch klagen: Warum sollte es nicht vor dem Schöpfer sein? Und er muss den Schöpfer bitten, Sich seiner zu erbarmen.

Dies ist die Bedeutung dessen, was im Sohar über das „Gebet eines Armen“ geschrieben steht. Der Sohar erklärt: „Was heißt ‚arm‘? – Klage.166“ Ebenso muss der Mensch darüber klagen, dass er seine ganze Lebenskraft (Chajut) von der Umgebung empfängt, während er keinerlei Lebenskraft besitzt, sobald er beginnt, auf dem Weg des Glaubens zu arbeiten; diese Arbeit ist ihm dann so widerwärtig wie ein Aas.

Mein Vater und Lehrer sagte hierzu, was die Taube zu Noah sprach: „Meine Nahrung sei lieber bitter wie eine Olive, und ich will nicht durch Menschenhand erhalten werden.167“ Denn das eigentliche Ziel besteht nur darin, sich dem Schöpfer zu nähern. „Die Wahrheit weist ihm seinen Weg168“ – sie zeigt also, ob sein Glaube in Ordnung ist. Wenn er daher Tora und Mizwot im Sinne von liShma (um des Gebens willen) erlangen will und dabei keinerlei Lebenskraft empfindet, ist dies ein Zeichen, dass er keinen Glauben an den Schöpfer besitzt. Wie kann er dienen, wenn er nicht an Ihn glaubt? Deshalb muss der Mensch all seine Kraft, die er durch den Punkt im Herzen erlangt hat, allein auf diesen Punkt richten.

Denn jeder Punkt im Herzen gibt Kraft für die Arbeit; doch mit dieser Kraft gehen sie hin und dienen der Umgebung –

Damit wirst du die Worte unserer Weisen verstehen: „Jeder Tora-Gelehrte, der keine Erkenntnis besitzt – ein Aas ist besser als er.169“ Man muss verstehen: Wenn er keine Erkenntnis besitzt, weshalb heißt er dann Tora-Gelehrter? Er ist insofern ein Tora-Gelehrter, als er von der Umgebung gelernt hat; Erkenntnis (Daat), die Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer heißt, besitzt er jedoch nicht.

Er sieht: Wenn er die Kraft für die Arbeit nicht von der Umgebung nimmt, sondern um des Himmels willen arbeitet, wird ihm seine Arbeit so widerwärtig wie ein Aas. Denn „dies ist der Weg der Tora: ein Leben voller Leiden sollst du führen170“. Das bedeutet, dass er in seiner Arbeit Leid und nicht Zufriedenheit empfindet, wie oben von der Taube gesagt wurde: „Meine Nahrung sei lieber bitter wie eine Olive“ und so weiter.

Warum ist sie tatsächlich bitter? Weil der Weg der Arbeit im Sinne von liShma der Natur entgegengesetzt ist, die im Empfangen sowohl im Verstand als auch im Herzen besteht. Bevor der Mensch sein Gebet wie oben beschrieben offenbart, kann der Schöpfer ihn nicht retten, wie es heißt: „Eine Zeit der Bedrängnis ist es für Jakob, doch aus ihr wird er gerettet.171“ Denn erst dann empfängt er die Sehnsucht nach dem Schöpfer. Dies entspricht dem Zustand: „Wenn der Schöpfer ihm nicht hilft, kann er ihn nicht überwinden172“, denn es ist gegen die Natur.

Wenn dagegen die Umgebung ihm Nahrung gibt, wenn er also in Tora und Arbeit ein Empfangen empfindet, besitzt er von selbst Lebenskraft. Dann ist er nicht auf den Schöpfer angewiesen und verlangt nicht danach, Erkenntnis zu empfangen. Dies entspricht „So erkenne es heute und führe es dir zu Herzen173“ – den Antworten an das Herz –, wenn der Mensch der Anhaftung an den Schöpfer würdig wird.

Dies ist die Bedeutung von „Ein Tora-Gelehrter, der keine Erkenntnis besitzt – ein Aas ist besser als er.174“ Es ist also besser für ihn, die Arbeit auf sich zu nehmen, die ihm so widerwärtig ist wie ein lebloses Aas. Dies ist die Bedeutung von „Häute (pshot) ein Aas auf dem Markt und sei nicht auf die Geschöpfe angewiesen175“: Wenn du dich auf dem Markt, also in der Umgebung, befindest, nimm die Arbeit auf dich, die für dich schlicht (pashut) ist, und sei nicht auf die Geschöpfe angewiesen – darauf, Nahrung und Lebenskraft von der Umgebung zu empfangen, die „Geschöpfe“ heißt.

Dies ist auch die Bedeutung von „Mache deinen Schabbat zum Wochentag und sei nicht auf die Geschöpfe angewiesen176“. Das heißt: Die Ruhe des Herzens soll wie ein Wochentag sein. Auch wenn du keinerlei Heiligkeit und keinerlei Lebenskraft als Ruhe im Herzen empfindest, sei vor allem nicht darauf angewiesen, dass die Geschöpfe dir Nahrung geben. Vielmehr sollst du dich jedes Mal, wenn keine Lebenskraft vorhanden ist, an den Schöpfer wenden, damit Er Sich unser erbarmt und uns aus der Finsternis zum Licht, aus der Knechtschaft des Körpers zur Erlösung führt.

Auf diese Weise muss der Mensch mit aller Kraft darauf bestehen, auf den Wegen des Schöpfers und nicht auf den Wegen der Umgebung zu gehen. Dies ist die Bedeutung der Worte unserer Weisen: „Jeder Tora-Gelehrte, der nicht hart wie Eisen ist, ist kein Tora-Gelehrter.177“ Man muss untersuchen: Wenn er ein Tora-Gelehrter ist, also selbst wenn er sich im Talmud und in den Gesetzesentscheidungen auskennt und Mizwot ausführt, warum gilt er dann nicht als Tora-Gelehrter, wenn er nicht hart wie Eisen ist? Wie oben gesagt, muss er wie Eisen standhalten und darf seine Kräfte nicht aus der Umgebung beziehen. Dann gelangt man zu „Und die Kinder Israels seufzten unter der Arbeit“.

Der wichtigste Rat dafür ist das Gebet. Jeder von euch soll einen Teil seiner Zeit fest dafür bestimmen, sein Herz in das Gebet zu legen. Dies gilt umso mehr für jene, die dem Großen Baum [Baal HaSulam] gedient haben. Möge sein Verdienst uns beistehen, damit wir dessen würdig werden, auf dem Weg seiner Arbeit zu gehen, den er für uns geordnet hat.

„Die Gerechten sind in ihrem Tod größer als in ihrem Leben.178“ Wenn der Mensch den Gerechten im Zustand der Kleinheit und gleichsam als tot empfindet, ist dieser noch größer als zu der Zeit, da er ihn als lebend empfindet und seine Größe sieht. Denn dass er Kleinheit am Gerechten sieht, dient dem Menschen zum Guten. Manchmal muss der Mensch sein eigenes Gebet offenbaren, wenn er sieht, dass er allein in der Welt geblieben ist, wie geschrieben steht: „Und niemand soll mit dir auf den Berg steigen.179“ Wenn der Mensch auf den Berg des Schöpfers steigen muss, sieht er also niemanden mehr bei sich, von dem er Unterstützung erhalten könnte. Dies hörte … aus dem Mund meines Vaters und Lehrers.

Ein anderer Weg, das heißt ein Weg außerhalb des Glaubens, heißt lediglich die unbelebte Stufe der Heiligkeit. Mein Vater und Lehrer sagte: „Unbelebt“ bezeichnet eine allgemeine Bewegung. Die Erde als Ganzes bewegt sich, doch die einzelnen unbelebten Bestandteile haben keine eigene Bewegung und kein Empfinden der Wahrheit. Eine eigene Bewegung heißt die pflanzliche Stufe. Ihrer wird man gerade dann würdig, wenn man auf dem Weg der Wahrheit geht, wie geschrieben steht: „Keiner ruft in Gerechtigkeit, und es gibt keinen Rechtsspruch im Glauben. Man vertraut auf Leere und redet Nichtiges, geht mit Mühsal schwanger (und gebiert Lüge).180

Die Erklärung des obigen Verses ist wie oben gesagt. Damit können wir ein wenig verstehen, was im Talmud Esser haSefirot erläutert wird: Es gibt drei Zustände, die Cholam, Shuruk und Chirik heißen. „Cholam“ heißt: das untere Hej befindet sich in den Ejnaim (Augen), und die Gefäße des Höheren befinden sich im Unteren. Das bedeutet: Der Untere sieht, dass die heilige Shechina (göttliche Gegenwart) im Staub liegt. Auf den Ejnaim, die für die offenbarte Lenkung und nicht für den Glauben stehen, liegt also eine Verhüllung.

Der Höhere schränkte sich also ein und zeigt seine Katnut (Kleinheit), damit der Untere die Wahl auf sich nehmen kann; denn gerade in der Zeit der Verhüllung gibt es Raum für die Wahl. Anders ist es bei offenbarter Lenkung: Wenn man die Größe des Höheren sieht, heißt dies Wissen und nicht Glauben; dann gibt es keinerlei Arbeit. Daraus folgt, dass der Höhere sich um des Unteren willen herabsetzte und erniedrigte. Dann besteht beim Unteren eine Wahl, und dann kann es üble Nachrede geben. Genug für den Verstehenden.

Wenn der Untere diese Arbeit durch Gebet, Mühe und Glauben auf sich nimmt – alle drei gehen gemeinsam und im Allgemeinen allein in der Form des Glaubens –, wird er dessen würdig und sieht die Gadlut (Größe) des Höheren. Dies heißt, dass der Höhere seinen ACHaP aus dem Unteren erhebt: Er befand sich beim Unteren und erschien in der Gestalt des Unteren. Dies entspricht dem Ausspruch „Wird ein Schüler ins Exil geschickt, geht sein Lehrer mit ihm ins Exil181“. Mein Vater und Lehrer erklärte: Befindet sich der Mensch in einem Zustand der Katnut, erscheint ihm alles, worauf er blickt – ob der Schöpfer oder die Freunde – in der Gestalt eines Unteren.

Wenn der Schöpfer das Gebet des Unteren erhört, erhebt der Höhere seinen ACHaP nach oben. Dies geschieht, indem das untere Hej aus den Ejnaim herabgesenkt wird; dies ist die offenbarte Lenkung. Dann sieht der Untere, dass der Höhere in Gadlut ist. So steigt der Untere durch den Höheren auf: Sieht er, dass der Höhere groß ist, wird auch er von selbst groß. Dies geschieht gerade dadurch, dass der ACHaP beim Unteren war, dass der Untere also darüber litt, den Höheren in Katnut zu sehen. Dies heißt „Shechina im Staub“ und wird „Shuruk“ genannt.

Dadurch verliert der Untere jedoch den Raum für die Arbeit. Daher will er nicht die ganze Gadlut empfangen, die als GaR de Chochma gilt. Dann verkleinert sich der Höhere um des Unteren willen; dies heißt, dass der Höhere den Unteren, die Galgalta weEjnaim des Unteren, einschließt. So bewirkt der Untere erneut, dass der Höhere sich bis zum Zustand „Chirik“ verkleinert. Dies heißt, dass die Ursache vom Unteren ausgeht, damit er dieses Wissen nur im Zustand von SaT, also in der Einkleidung von Chassadim (Gnaden), empfangen kann. Anders gesagt: Nur in dem Maß, in dem er auf dem Weg des Glaubens gehen kann, empfängt er Wissen – nicht mehr; andernfalls hätte er keinen Raum für die Wahl.

Ich beabsichtige nicht, mehr zu erklären. Wer aber schreibt, dass er weitere Erklärungen wünscht, soll mir seine Fragen schreiben; wenn ich dessen würdig bin, kann ich ihm antworten.

Von eurem Freund, der auf Erlösung wartetBaruch Shalom HaLeviSohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

Brief 22

Mit Hilfe des Schöpfers, Sonntag des Wochenabschnitts WaEtchanan 5716182, Manchester

An meinen lieben Freund …

Ich habe deinen Brief erhalten, in dem du mir mitteilst, dass du Zeiten des Schwarzen und Zeiten des Weißen hast.

Wisse, mein Freund: So sind die Wege der Tora. Es heißt: „Ein Leben voller Leiden sollst du führen.“183 Es gibt drei Arten des Lebens:

1. Das Leben der Frevler wird als Tod bezeichnet;

2. Das Leben derer, die auf den Wegen des Schöpfers gehen, wird als ein Leben voller Leiden bezeichnet;

3. Das Leben der Gerechten, also derer, die bereits des Aspekts der Tora würdig wurden: Sie kosten wahres Leben, wie unsere Weisen sagten: „Wer Tora liShma (um des Gebens willen) lernt, für den ist die ganze Welt lohnenswert.“184

Wenn du also schreibst, dass du ein Leben voller Leiden hast, ist das ein Zeichen dafür, dass du auf den Wegen der Tora gehst. Das heißt, du hast Schwarz und Weiß, denn so wird die Tora geschrieben: schwarz auf weiß. Doch du musst danach streben, schwarzes Feuer auf weißem Feuer zu haben, das heißt, alles, was du empfindest, soll wie loderndes Feuer sein.

Was deine Bitte betrifft, ich möge dir eine Ordnung der Arbeit aufschreiben, so wisse: Sobald du mit der Arbeit beginnst, wird dir alles in den Sinn kommen, was du von mir und aus dem Mund meines Vaters und Lehrers (Baal HaSulam) gehört hast. Dass du es vergisst, ist zu deinem Besten; denn erst während der Arbeit offenbaren sich dir aus der Tora die Dinge, die du brauchst. Dennoch werde ich dir einige Dinge aufschreiben.

Sobald ein Mensch die Augen öffnet, kennt er bereits die Gewohnheit: Er nimmt ein Buch, spricht die Segenssprüche oder sagt „Mode Ani“ [„Ich danke“]185.

Der Mensch braucht vor jeder Sache eine Vorbereitung. Das heißt, er darf nicht aus Gewohnheit handeln. Wenn er Mode Ani zu sagen beginnt, muss er wissen, was ihn verpflichtet, so zu sprechen: Ist es die Prägung aus seiner Kindheit, oder liegt darin eine Sache von eigenständiger Bedeutung, weshalb er „Ich danke“ sagen muss? „Zustimmen“ sagt man dort, wo es einen Streit gibt, wie unsere Weisen fragten: „Wem stimmt Rabbi Yehoshua zu?“ (Ketubot 16)186. Gerade wenn es Schwarz gibt, kann vom Aspekt des Weißen die Rede sein. Dann musst du den wahren Grund erkennen: Wer verpflichtet dich?

Am besten ist es für dich, ganz klar zu wissen, was dich verpflichtet, also was der Grund dafür ist, eine vollkommene Arbeit zu verrichten: Du hast aus dem Mund meines Vaters und Lehrers (Baal HaSulam) gehört, dass man auf den Wegen des Glaubens gehen und glauben muss, dass der Schöpfer das Gebet hört und dass der Schöpfer nach den Gebeten der Gerechten verlangt – also derer, die gerecht sein wollen, es aber wegen des Bösen in ihrem Innern nicht können und darum bitten, dass der Schöpfer ihnen Hilfe von oben sendet.

Unsere Weisen sagten: „Wenn der Schöpfer ihm nicht hilft, kann er ihn nicht überwinden“187, und: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem wird geholfen.“188 Und im heiligen Sohar steht: „Womit? Mit einer heiligen Seele.“189

Denn der Schöpfer will, dass wir die Tora empfangen. Deshalb müssen wir in uns einen Mangel an der Tora empfinden. Von oben gibt man nämlich keinen Luxus, sondern nur das Notwendige, weil der Mensch nur beim Notwendigen das wahre Bedürfnis empfindet (denn es gibt kein [Licht] ohne Kli [Gefäß], das heißt ohne Verlangen; und vertiefe dich darin). Beim Luxus hingegen empfindet der Mensch keinen Mangel, durch den er den Schöpfer brauchen würde.

Der wesentliche Gewinn besteht darin, dass der Mensch den Schöpfer braucht, das heißt den Geber der Tora. Wenn ein Mensch seine Niedrigkeit empfindet, führt dies daher dazu, dass er den Schöpfer braucht. Wer dagegen meint, er könne sich selbst helfen und brauche den Schöpfer nicht, befindet sich in Trennung.

Das Wichtigste ist, dass wir der Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer würdig werden müssen; denn darin liegt von unserer Seite das Ziel der Korrektur, sobald der Mensch beginnt, an den Schöpfer zu glauben. Das ist das Wesentliche und der ganze Maßstab dafür, ob ein Mensch auf dem wahren Weg geht. Wenn er seinen wahren Zustand erkennt, muss er „Ich danke“ sagen, obwohl sein äußerer Verstand keinen Grund sieht, „Ich danke“ zu sagen usw. – und das genügt dem Verstehenden.

Was die vier Stunden betrifft, über die wir gesprochen haben: Du musst sie einhalten und die Arbeit folgendermaßen ordnen:

1. Das Exil der Shechina (der göttlichen Gegenwart), das heißt „die Shechina im Staub“: Jeder sieht die Lenkung in Verhüllung, und für niemanden ist erkennbar, dass der Schöpfer Gutes tut. Der Schöpfer Selbst hat diese Verhüllung bewirkt, damit Tora und Mizwot wie Staub schmecken – einzig, um dem Menschen Raum für die Wahl zu geben.

Denn nur dort, wo eine Wahl möglich ist, gibt es Glauben. Wo jedoch Wissen herrscht, das heißt eine offenbare Lenkung, gibt es keinen Raum für die Wahl, also für den Aspekt des Glaubens. Daraus folgt, dass der Mensch all dies verursacht hat. Denn bevor er des Aspekts des Glaubens – des vollkommenen Glaubens – würdig wird, muss ihm die heilige Shechina wie Staub erscheinen. Darüber muss er betrübt sein. Darin liegt die Bedeutung von: „Ist er würdig, gibt er sich selbst [zur Seite des Verdienstes] den Ausschlag.“190 Und das genügt dem Verstehenden.

2. Ob dies wahr ist: Besteht das Ziel des Menschen wirklich allein im Nutzen für den Schöpfer, sodass er ohne dieses Ziel nicht in der Welt sein und nur für sich selbst leben will? Er soll seinen wahren Zustand ohne jeden Kompromiss prüfen und nur die Wahrheit sehen. Wenn er erkennt, dass der Körper die Rechnung aufstellt, es lohne sich, für sich selbst zu leben, also sich selbst Genuss zu bereiten, dann gibt es Raum für ein Gebet zum Schöpfer. Denn dann erkennt er seine eigene Niedrigkeit. Und das genügt dem Verstehenden.

3. Sich mit Worten der Tora beschäftigen. Dies soll gerade im Aspekt der Vollkommenheit geschehen, wie mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) sagte: „Der Verfluchte haftet nicht am Gesegneten an.“191

Wenn man sich mit der Tora beschäftigt, muss man daher Leuchten heranziehen; dann ist die Zeit der Vollkommenheit. Denn wir müssen glauben, was unsere Weisen sagten: „Von Mattana nach Nachaliël.“192 Die Tora wird als Geschenk (Mattana) bezeichnet. Dass dem Menschen gegeben wird, auch nur einen Augenblick am Tag zu lernen, zu beten und Mizwot zu erfüllen, ist ebenfalls ein Geschenk des Schöpfers.

Denn es gibt mehrere Milliarden Menschen auf der Welt, denen der Schöpfer nicht die Gelegenheit gegeben hat, auch nur einen Augenblick im Jahr an Ihn zu denken. Deshalb muss man während der Beschäftigung mit der Tora in Freude sein; denn nur durch Freude wird man würdig, das Leuchten der Tora heranzuziehen. Und das genügt dem Verstehenden.

Auch die Tora sollst du in zwei Zeiten einteilen:

1. einfaches Lernen, wie man lernt, um die einfache Bedeutung der Sache zu verstehen;

2. versuche, dich so eingehend wie möglich damit zu befassen, damit der Schöpfer dir hilft, die Innerlichkeit der Dinge zu verstehen. Indem du dich in die Sache vertiefst, um sie zu verstehen, bereitest du dir Kelim, in denen du die Innerlichkeit empfangen kannst. Auf dieselbe Weise sollst du auch das Gebet einteilen …

Möge der Schöpfer unsere Augen erleuchten, und mögen wir der Tora des Schöpfers würdig werden – wie man aus der Knechtschaft zur Erlösung gelangt.

Dein Freund, Baruch Shalom HaLevi

Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

Brief 23

Elul 5716 (August 1956)193, Manchester

An die Freunde, mögen sie ewig leben,

Ich möchte mich der Gemeinschaft nähern, jetzt, da das neue Jahr bevorsteht. Wir müssen uns in der festen Zuversicht stärken, dass wir einer allgemeinen Erlösung würdig werden: Der Name der Herrlichkeit Seines Königtums wird sich über der ganzen Erde offenbaren, und die Fernen werden hören und kommen. Das heißt: Jene, die spürten, dass sie von der Arbeit in der Reinheit der Heiligkeit entfernt waren, werden des Hörens würdig werden. Dann werden Tun und Hören vereinigt, wie geschrieben steht: „Er richtet den Geringen aus dem Staub auf, aus dem Unrat erhebt Er den Armen.“194

Bekanntlich gibt es zwei allgemeine Aspekte:

1) den Aspekt des Verstandes (Mocha),

2) den Aspekt des Herzens (Liba).

Wenn der Mensch bei seiner Arbeit den Geschmack von Staub empfindet, wie es heißt: „Die Schlange – all ihre Nahrung ist Staub“195, wenn also Tora und Mizwot für ihn nur nach Staub schmecken, liegt der Grund darin, dass er gering ist, weil ihm der Aspekt des Glaubens fehlt. Ebenso fällt er in den Aspekt des Herzens: Sein Verlangen zu empfangen richtet sich auf die Begierden dieser Welt, die „Unrat“ genannt werden; dann ist er „arm“.

Wenn er darüber bekümmert ist, darüber betet und zum Schöpfer schreit, Er möge ihm aus seiner Bedrängnis helfen – was ruft er dann? „Er richtet den Geringen aus dem Staub auf.“ Denn ich bin gering und schmecke den Geschmack von Staub; ich bin arm und liege im Unrat. All dies kommt von der Verhüllung des Angesichts, die in der Welt herrscht. Dann bitten wir den Schöpfer, uns aus der Knechtschaft in die Freiheit zu führen.

Dies ist die Bedeutung dessen, dass der Vorbeter neben der Säule (Amud)196 betet197. Im Sulam wird erklärt, dass die Säule das AChaP des Oberen bezeichnet, das in die GE des Unteren gefallen ist. Wenn der Obere sein AChaP erhebt, steigen auch die GE des Unteren auf. Und wie geschrieben steht, steigen die Seelen gerade durch die Säule von Welt zu Welt; sie ist die Verbindung zwischen dem Oberen und dem Unteren.

Im Sinne unseres Weges lässt sich das oben Gesagte so erklären: Die Gefäße des Oberen sind an den Ort des Unteren gefallen. Gemeint ist, dass der Untere die Kleinheit (Katnut) des Oberen empfindet. Das ist die Bedeutung von: „Wenn Israel ins Exil geht, ist die Shechina bei ihnen.“198 Auch die Shechina befindet sich bei ihnen im Exil, das „Shechina im Staub“ genannt wird, wie oben gesagt wurde: Der Mensch empfindet in Tora und Arbeit den Geschmack von Staub.

Wenn der Mensch über das Exil der Shechina bekümmert ist, bedeutet dies nicht, dass die Shechina – Gott behüte – tatsächlich im Exil ist. Vielmehr verbirgt sie sich um Israels willen und stimmt zu, dass der Untere über den Oberen alles sagt, was er sagen soll. Der Untere spricht so, weil er es so empfindet.

Wenn er darüber bekümmert ist und mit allen Worten des Flehens darum betet, die Shechina aus dem Staub aufzurichten, offenbart sich der Obere dadurch dem Unteren in seiner ganzen Größe (Gadlut). Dann steigt von selbst auch der Untere auf. Daraus folgt, dass dies die ganze Bedeutung der oben genannten Säule ist: Gerade durch diese Säule steigen die Gebete von Welt zu Welt auf, nämlich von einer Offenbarung zu größerer Klarheit. Deshalb muss man gerade neben dieser Säule beten.

Daraus verstehen wir, warum Rosh HaShana und Jom Kippur als Feiertag gelten, obwohl sie Gericht sind. Das Gericht geht hauptsächlich von der Vollkommenheit aus, die sich zu diesen Zeiten offenbart. Dabei muss man die Äußeren fürchten, damit der Mensch nicht im Aspekt des Verstandes und des Herzens zum Empfangen für sich selbst gelangt. Deshalb muss man das Erwachen zur Umkehr (Teshuwa) verstärken.

Umkehr bedeutet, das Verlangen zu empfangen zum Verlangen zu geben zurückzuführen. Dadurch kehrt man zurück, haftet wieder an seiner oberen Quelle an und wird der ewigen Anhaftung (Dwekut) würdig. Dann kann man die Vollkommenheit empfangen, die sich an den Ehrfurcht gebietenden Tagen offenbart; denn die Nahrung des Menschen wird an Rosh HaShana festgesetzt. Das bedeutet, dass sich das Licht von Chochma, Vollkommenheit und Klarheit offenbart.

Doch wir müssen Gefäße vorbereiten, die zum Empfangen geeignet sind, nämlich das Licht von Chassadim, das wir herabziehen müssen. Dies ist der Aspekt der Umkehr und des Erwachens des Erbarmens, im Sinne von: „Wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig.“ Denn dann können wir die ganze Vollkommenheit in Reinheit empfangen.

Deshalb wird dies aufgrund der Offenbarung der Vollkommenheit „Feiertag“ genannt. Das ist die Bedeutung von: „Stoßt am Neumond in das Shofar, bei der Verhüllung199, am Tag unseres Festes.“200 Das Wort Shofar kommt von „Verbessert (shapru) eure Taten“, denn nun ist der Mond bedeckt; dies bezeichnet den Aspekt der Verhüllung.

Wegen des Vorabends des Feiertags konnte ich nicht ausführlicher schreiben. Ich wünsche euch eine gute Einschreibung und Besiegelung.

Von eurem Freund, der sich nach eurem Frieden und Wohlergehen erkundigt,

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 24

Mit Gottes Hilfe, 13. Marcheschwan 5717, hier in Manchester

Friede und alles Gute für immer

An meinen lieben Freund …

Als Antwort auf deinen Brief vom 3. Marcheschwan und auf deine erste Frage: Du musst Wache halten, um die Liebe in den Herzen der Freunde zu erwecken, doch dies erscheint dir nicht angemessen. Gerade für dich halte ich es jedoch für notwendig. Du weißt, was mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) sagte: Aus dem Verhältnis zwischen Mensch und Mitmensch lernt man, wie man sich im Verhältnis zwischen Mensch und Schöpfer verhalten soll.

Denn das Obere Licht befindet sich in absoluter Ruhe, und man muss die Liebe immer erwecken, „bis die Liebe unserer Vermählung es begehrt“. Das heißt, man zeigt dir von oben, dass du auf diesem Weg die Liebe zu Seinem Namen immer erwecken musst.

Denn alle warten auf deine Erweckung (Itaruta Dilech). Das heißt: Wie du es siehst, kommt dir in der Freundesliebe das Verdienst zu; wie man dir von oben zeigt, bist du derjenige, der sie erweckt. (Obwohl es in Wahrheit nicht unbedingt so sein muss. Denn wenn du die Freunde fragst, ist mir noch nicht klar, ob sie dir zustimmen – also deinen Beweisen, dass nur du Verlangen nach ihnen hast und nicht umgekehrt. Und dem Verstehenden genügt dies.)

Dies ist die Bedeutung von: „Ein Richter hat nur das, was seine Augen sehen.“ Bei der Beurteilung der Dinge musst du also allein nach dem urteilen, was du siehst. Deshalb zeigt man dir von oben auf diese Weise, dass du die Liebe zum Schöpfer jedes Mal erwecken musst. Du musst immer Wache halten, den ganzen Tag und die ganze Nacht – sowohl wenn du den Zustand des Tages empfindest als auch wenn du den Zustand der Nacht empfindest.

Denn wir sagen zum Schöpfer: „Dein ist der Tag, Dein auch die Nacht.“ Auch die Nacht, also die Finsternis der Nacht, kommt zum Wohl des Menschen vom Schöpfer, wie geschrieben steht: „Tag um Tag lässt Sprache strömen, und Nacht um Nacht verkündet Erkenntnis“ (siehe den Sulam, Teil 1, Punkt 103; dies wird deine Seele erquicken).

Daraus folgt: Du musst das Herz der Freunde erwecken, bis die Flamme von selbst emporsteigt, wie unsere Weisen über „Wenn du die Leuchter anzündest“ sagten. Dadurch wirst du damit belohnt, die Liebe zum Schöpfer über uns zu erwecken.

Zu deiner zweiten Frage: Du musst das Herz der Schüler immer erwecken. Obwohl sie bereits damit belohnt wurden, die Bedeutung des Lernens und so weiter zu erkennen, achten sie die Lektionen dennoch nicht. Auch dies gereicht dir zum Verdienst.

Du musst nämlich über dich selbst urteilen: Der Schöpfer hat dir schon mehrmals Seine Nähe geschenkt. Mehrmals hast du bereits empfunden, dass du keine andere Sorge auf der Welt hast, als Ihm für immer angehaftet zu bleiben. Denn selbst beim einfachsten Dienst bist du nicht würdig, dem König zu dienen – welchen Vorzug hast du gegenüber deinen Altersgenossen?

Und dennoch wartest du darauf, dass der Schöpfer dich zur Arbeit erweckt. Du wartest also auf eine Erweckung von oben; erst dann beginnst du, die Lektionen zu lernen.

Wie du die Schüler erwecken musst, so sagst du auch, dass der Schöpfer dich erwecken muss. Wenn der Schöpfer dir also Geschmack (Gishmak) gibt, bist du zur Arbeit bereit; vorher bist du dazu nicht fähig und so weiter. Dann zeigt man dir von oben, welches Bild du von den Schülern hast und wie gering und niedrig du sie einschätzt. Und dem Verstehenden genügt dies.

Zu deiner dritten Frage, dass man die Gruppe durch außergewöhnliche Übertreibungen zusammenhält: So ist es in der Welt üblich. Wenn man fürchtet, dass ein Kind nachts allein hinausgeht, sagt man ihm, dass draußen ein Bär ist und dort andere wilde Tiere sind. Anders kann das Kind es nicht verstehen. Würde man ihm die Wahrheit erklären – dass draußen weder ein Löwe noch ein Bär ist, sondern dass es einfach zu seinem Wohl ist, schlafen zu gehen und so weiter, und vor allem im Haus zu bleiben –, könnte das Kind die Wahrheit nicht annehmen.

Wisse daher, mein Bruder: Um den Weg der Wahrheit und ein wahres Wort meines Vaters und Lehrers (Baal HaSulam) anzunehmen, gibt es derzeit nicht viele Menschen, die fähig sind, ein wahres Wort zu hören; du siehst nur viele Kinder. Was kann ich dir sagen, wenn du dich im Kindergarten befindest und dich über sie wunderst? Du schreibst mir, dass die Kinder fröhlich und heiter sind. So ist nun einmal die Art eines Kindes: Es ist fröhlich und heiter. Der bekannte Grundsatz (Klal) lautet, dass man ein Kind weder dann ernst nimmt, wenn es weint, noch wenn es sich freut, denn alles, was es erregt, was es empfindet und was ihm fehlt, betrifft nur belanglose Dinge.

Wenn du siehst, dass das Kind während des Gebets weint, bist du beeindruckt; ebenso bist du beeindruckt, wenn es sich freut und tanzt. Du schreibst, du beneidest die Kinder darum, dass sie fröhlich sind und tanzen. Und was willst du? Willst du wieder ein Kind sein? Wisse, mein Bruder: Deine Kindheit ist bereits vorüber. Bevor du das Zimmer meines Vaters und Lehrers (Baal HaSulam) betreten hast, hast du getanzt wie sie. Und dem Verstehenden genügt dies.

**Möge der Schöpfer uns beistehen und uns im Materiellen wie im Spirituellen erlösen.

Dein Freund Baruch Shalom HaLevi Ashlag**

Sohn meines Vaters und Lehrers (Baal HaSulam)

Brief 25

Freitag, am Vorabend des heiligen Schabbat, 19. Kislew, hier in Manchester

An die Freunde, mögen sie leben,

Ich habe mehrere Briefe von … erhalten.

Ich wäre sehr froh, wenn ich mit euch zusammen sein könnte. Doch was kann man tun, wenn die Zeit die Ursache ist? Es gibt jedoch Mizwot, die man erfüllen kann und deren Ursache nicht die Zeit ist – Dinge also, die über der Zeit stehen. Denn der Mensch ist an sich durch Zeit und Ort begrenzt. Wenn er sich aber darum bemüht, am Schöpfer anzuhaften, muss er Ihm gleich werden, das heißt, über Ort und Zeit stehen.

Bekanntlich wird der Ort Kli (Gefäß) genannt, also das bekannte Verlangen zu empfangen. Über dem Ort zu stehen bedeutet, dass der Mensch nicht will, dass seine ganze Anstrengung nur seinem eigenen Ort gilt, sondern dem gesegneten ‚Ort‘, der der Ort der Welt ist. Mit anderen Worten: Seine ganze Anstrengung soll allein dem Geben gelten. Über der Zeit zu stehen bedeutet, dass die Zeit zum Verstand gehört. Der Verstand des Menschen gibt ihm immer zu verstehen, jetzt ist nicht die geeignete Zeit, Seine Arbeit um Seines Namens willen auf sich zu nehmen; dem Verständigen genügt dies. Deshalb muss man immer über der Zeit gehen. Sage nicht, die früheren Tage seien besser gewesen als die heutigen oder dergleichen. Vielmehr müssen die Kräfte, also die Grundlagen, auf denen man die ganze Arbeit aufbaut, immer wieder erneuert werden, bis man eines dauerhaften Verweilens der Shechina (göttliche Gegenwart) würdig wird.

Man muss immer auf zwei Wegen gehen, die einander widersprechen: im Zustand des Mangels und im Zustand der Vollkommenheit – also im Gebet sowie in Lob und Dank.

Siehe im Sohar (WaYeshew, im Sulam-Kommentar, Blatt 12): „Deshalb wird jener Körper zerbrochen und die Seele gereinigt. Darum lässt der Schöpfer jenen Gerechten Leiden und Schmerzen in dieser Welt ertragen, damit er von allem gereinigt wird und des Lebens in der Kommenden Welt würdig wird. Darüber steht geschrieben: ‚Der Ewige prüft den Gerechten‘, gewiss“ (Sulam-Kommentar zum Sohar, WaYeshew, Blatt 12, Punkt 36). Und in Punkt 38 heißt es: „Wenn der Mond mangelhaft wird …“ Das heißt: Eine Seele, die hervorgeht, während der Mond mangelhaft ist, fügt dem Körper einen Mangel zu.

Im Sulam-Kommentar (unter dem Stichwort „Jedoch“) wird gefragt: „Wie kann man sagen, die Seele füge dem Körper einen Mangel zu?“ Er erklärt, dass der Mangel der Seele aus der Verminderung in Bina hervorgeht und Malchut diese Verminderung übernimmt. Nach dem Geheimnis „Die Mutter leiht ihrer Tochter ihre Kleider [Kelim]“ werden dadurch auch die Körper fähig, die Gadlut (Erwachsensein) zu empfangen. Dieser Mangel, den die Seelen den Körpern zufügen, dient somit der Korrektur des Körpers und macht ihn fähig, das Licht der Gadlut zu empfangen. So weit seine Worte.

Um dies für die Zeit der Vorbereitung auf den Eintritt in den Palast des Königs zu verstehen, können wir erklären: Der Körper ist auf seine Weise vollkommen, das heißt, er empfindet keinen Mangel an sich. Anders ist es bei einem körperlichen Mangel: Dann sitzt man nicht untätig und verzweifelt da; vielmehr weckt das Empfinden des Mangels im Menschen Einfälle und Ratschläge, und er verfällt niemals der Verzweiflung. Dies richtet sich genau nach dem Maß, in dem er den Mangel empfindet. Betrachtet er das, wonach er verlangt, als Luxus, so empfindet er bei einer Luxussache keinen so großen Mangel und verfällt leicht der Verzweiflung.

Das geschieht jedoch nicht deshalb, weil das Gewünschte schwer zu erlangen ist, sodass er sich mit der Lage abfindet und verzweifelt sagt: „Ich habe bereits alles getan, was ich konnte, und weiß keinen Rat mehr, wie ich das Gewünschte erlangen kann“, und deshalb nicht mehr daran denkt. Vielmehr geschieht es, weil das, wonach er verlangt, für ihn überflüssig ist; denn bei Luxus empfindet man den Mangel nicht so stark wie bei etwas Notwendigem. Mit etwas Notwendigem wird sich der Mensch niemals abfinden. Er wird sich immer wieder Rat und Mittel überlegen, um es zu erlangen. Denn die einzige Antriebskraft des Menschen, die ihn nicht verzweifeln lässt und ihn jedes Mal Neues finden lässt, ist die Kraft des Mangels.

Dies hängt von der Größe des Mangels ab, und sie wird am Maß der Leiden gemessen. Ein großes Bedürfnis bedeutet: Erlangt der Mensch das Gewünschte nicht, leidet er sehr. Ein kleines Bedürfnis bedeutet: Hat er das Gewünschte nicht, leidet er nicht; hätte er es jedoch, wäre er vollkommener. Jeder Mensch bestimmt selbst, in welchem Maß etwas für ihn notwendig oder Luxus ist. So sagten unsere Weisen: Wenn ein Mensch daran gewöhnt ist, dass ein Diener vor ihm herläuft, muss man ihm auch dies als Lebensnotwendigkeit gewähren. Und es wird von Hillel erzählt, er sei vor ihm hergelaufen und so weiter. Somit kann jeder Mensch bestimmen, was für ihn notwendig ist.

Das bedeutet, dass die Seele dem Körper einen Mangel zufügt. Solange der Mensch keine Seele hat, hat er nämlich einen vollkommenen Körper, das heißt, er empfindet die Arbeit auf dem Weg der Reinheit nicht als notwendig. Wenn er sich dagegen mit Tora und Mizwot beschäftigt, führt ihn das Licht in ihr zum Guten zurück. Dieses Licht – also die Seele, die der Mensch erlangt – zerbricht den Körper. Das heißt: Der Körper wird zerbrochen, weil er erkennt, dass er nicht vollkommen ist.

Zuvor wusste der Mensch also, dass er auf dem Weg der Reinheit arbeiten muss, um Vollkommenheit zu erlangen. Doch dies galt ihm als Luxus, wie oben erwähnt, und bei Luxus kann man der Verzweiflung verfallen und so weiter. Wird der Körper dagegen zerbrochen, erkennt der Mensch, dass ihm etwas fehlt. Er sieht den Mangel in der höheren Stufe, die Bina heißt – also in der Führung; dem Verständigen genügt dies. Dann erwacht in ihm eine Antriebskraft, die ihm keine Ruhe lässt, bis man sich seiner von oben erbarmt und er würdig wird, das Antlitz der Shechina zu empfangen.

Möge der Schöpfer uns helfen, das Joch des Königtums des Himmels über Ort und Zeit auf uns zu nehmen und an Seiner Ewigkeit anzuhaften.

Euer Freund Baruch Shalom HaLevi Ashlag Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

Brief 26

Mit Hilfe des Schöpfers. Am Vorabend des heiligen Schabbat, Wochenabschnitt WaYigash, 3. Tewet 5717 (7. Dezember 1956)201, hier in Manchester202, möge der Schöpfer es schützen.

Frieden und alles Gute in Ewigkeit meinem Freund, dem wertvollsten unter den Menschen, der Gerechtigkeit und Güte nachstrebt und mit Vorzügen und edlen Eigenschaften gekrönt ist …

Heute Morgen erhielt ich deinen Brief zusammen mit zwanzig Gera203 – das ist ein Schekel. Ich will dir etwas über Chanukka schreiben, und zwar nach einer Erklärung zu den Worten unserer Weisen, die ich von meinem Vater und Lehrer seligen Andenkens hörte: „Was ist Chanukka? Chanu-Ko – sie lagerten in Ko.“ Dazu sagte er, es gebe zwei Stufen: 1. den Aspekt Ko („so“), 2. den Aspekt Se („dies“), wie unsere Weisen sagten: „Alle Propheten prophezeiten in Ko, und Moses, unser Lehrer – Friede sei mit ihm –, in Se.“204 Chanukka war der Aspekt Ko.

Die Erklärung seiner heiligen Worte, seligen Andenkens, lässt sich anhand eines Gleichnisses verstehen. Wenn Soldaten in den Krieg ziehen und einige Zeit im Kampf stehen, schickt man sie anschließend zur Erholung an einen Urlaubsort und versorgt sie reichlich mit Speise und Trank. Der Kommandeur beabsichtigt damit, dass sie neue Kräfte sammeln, nicht müde sind und wieder in den Kampf geschickt werden können. Wer keinen Verstand hat, meint, man gewähre ihnen jetzt Erholung, weil der Krieg bereits beendet sei. In Wahrheit ist der Krieg aber noch nicht zu Ende; der gesamte Urlaub soll ihnen Kraft und Mut geben, erneut an die Kampffront zu ziehen.

So verhielt es sich auch mit Chanukka. Darin liegt die Bedeutung von Chanu („sie lagerten“): Sie lagerten nicht aufgrund von Se, das als Vollkommenheit gilt, nämlich als ein Spiegel, der leuchtet. Vielmehr lagerten sie im Aspekt Ko, also in Unvollkommenheit – ein Spiegel, der nicht leuchtet. Der Kampf gegen den Bösen Trieb (Jezer haRa) war noch nicht zu Ende; vielmehr mussten sie zur wahren Vollkommenheit gelangen. Das ist Chanu-Ko: ein Lagern im Aspekt Ko. Sie empfingen die höhere Gabe, damit sie mehr Kraft hätten, im Kampf gegen den Bösen Trieb weiter voranzugehen.

Daraus folgt: Wenn der Mensch auf den Wegen des Schöpfers geht, wird ihm oftmals eine Erweckung von oben gegeben – mitten im Gebet, beim Studium der Tora oder beim Ausführen einer Mizwa. Diese Erweckung dringt in sein Herz ein, und er beginnt, Geschmack und Anmut der Heiligkeit zu empfinden.

Der Mensch muss jedoch wissen, dass ihm diese Fülle nur gegeben wurde, damit er neue Kräfte sammelt, sich in der Arbeit stärken und in den Kampf gegen den Bösen Trieb eintreten kann. So wird ihm von Zeit zu Zeit der Aspekt des Lagerns gewährt, also höhere Fülle. Denn wenn die Erweckung von oben zu ihm kommt, scheint es ihm, als habe er überhaupt keinen Kampf mehr. Dann beginnt er, die Schönheit und Herrlichkeit der Heiligkeit sowie die Niedrigkeit der materiellen Dinge zu empfinden, bis er zu dem Entschluss gelangt, bereits bereit und willens zu sein, nur um des Himmels willen zu arbeiten.

Da der Mensch sein Wirken in Wahrheit noch nicht vollendet hat, nimmt man ihm die Erweckung, die ihm gegeben wurde, wieder fort. Sofort fällt er in seinen früheren Zustand zurück: Er empfindet Anmut und Schönheit nur an materiellen Dingen, während ihm die Dinge der Heiligkeit lediglich als überflüssig gelten. Dann beschäftigt er sich nur aus Notwendigkeit und unter Zwang mit Tora und Mizwot, nicht aus Verlangen und Freude wie zu der Zeit, als er die Erweckung hatte.

Diese Erweckung ist der Aspekt der Chanu-Ko-Leuchte, der Chanukka-Kerze, wie oben erklärt. Hat er Verstand, muss er sich daher immer überwinden, bis ihm von oben geholfen wird, der wahren Vollkommenheit würdig zu werden.

Und wir wollen hoffen, dass der Schöpfer unsere Augen erleuchtet und unser Herz für alle Ewigkeit erfreut.

Von deinem Freund, der dir und deiner Familie alles Gute wünscht

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines verehrten Vaters und Lehrers Baal HaSulam, seligen Andenkens

Brief 27

Mit Hilfe des Schöpfers. Dienstag, Wochenabschnitt Shemot, 5717205 (18. Dezember 1956), hier in Manchester, möge der Höchste es schützen.

An die Freunde, mögen sie ewig leben

Seit sehr langer Zeit habe ich keine Briefe von euch erhalten, außer von …; und von … erhielt ich einen kurzen Brief.

Wir müssen unsere Arbeit jeden Tag erneuern, also die Vergangenheit vergessen. Wenn wir in der Vergangenheit keinen Erfolg hatten, müssen wir neu beginnen. Es ist wie bei Kaufleuten: Wenn einer ein Geschäft betrieben hat und damit keinen Erfolg hatte, schließt er dieses Geschäft und eröffnet sofort ein anderes. Er hat die Hoffnung, dass er zwar im alten Geschäft keinen Erfolg hatte, im neuen aber gewiss Erfolg haben wird.

So ist es auch bei uns: Obwohl wir in der Vergangenheit keinen Erfolg hatten, werden wir in Zukunft Erfolg haben. Wir dürfen jedoch nicht untätig bleiben, denn ohne jede Tätigkeit kann es gewiss keinen Erfolg geben. Wir müssen vielmehr glauben, dass das Licht Seiner Tora gewiss auf uns herabgezogen wird und wir Seines Lichtes würdig werden. Seine Tora ist die Tora der Wahrheit: Die Wahrheit wird uns schützen, wir werden das Licht Seiner Tora heranziehen und für ewig der Anhaftung (Dwekut) an Seinen Namen würdig werden.

Wie unsere Weisen sagten: „Rabbi Yochanan sagte: ‚Unser Vater Jakob ist nicht gestorben.206‘ Man wendet ein: ‚Haben ihn denn die Einbalsamierer vergeblich einbalsamiert und die Totengräber vergeblich begraben?‘ Vielmehr lege ich folgenden Schriftvers aus: ‚Du aber fürchte dich nicht, Mein Knecht Jakob, spricht der Ewige, und erschrick nicht, Israel; denn siehe, Ich rette dich aus der Ferne und deine Nachkommen aus dem Land ihrer Gefangenschaft.207‘ Wie seine Nachkommen am Leben sind, so ist auch er am Leben.“ Rashi erklärt208, dass nur bei Lebenden von Gefangenschaft die Rede sein kann, bei Toten dagegen nicht (Jeremia 30,10; Traktat Ta’anit 5b).

Die Kommentatoren fragten:

1) Dennoch bleibt die Frage bestehen. Maharsha209 (unser Lehrer Rabbi Shmuel Elieser Eidels) erklärt: Der Körper starb, doch die Seele besteht fort. Weshalb heißt es dann gerade von Jakob, er sei nicht gestorben? Er antwortet: Abraham und Isaak starben im Land Israel, Jakob dagegen außerhalb des Landes. Deshalb muss uns mitgeteilt werden, dass auch Jakob nicht gestorben ist.

Ich werde dies nach unserem Weg erklären; damit wird auch die bekannte Frage zu dem Vers geklärt: „Sie ließen Josef sagen: ‚Dein Vater befahl vor seinem Tod: So sollt ihr zu Josef sagen: Ach, vergib doch das Vergehen deiner Brüder.‘“210

Es ist schwer zu verstehen:

2) Wo finden wir, dass unser Vater Jakob vor seinem Tod etwas Derartiges befahl? Ebenso stellt sich die Frage des Midrash (Auslegungsschrift) zu dem Vers „Er rief seinen Sohn Josef“, und er trug ihm die Bestattung auf (1. Mose 47,29).

3) Weshalb trug er es nicht Ruben auf, der der Erstgeborene war, oder Juda, der König war?

Die Kommentatoren fragten außerdem:

4) Jakob sagte zu Josef: „Erweise mir Güte und Wahrheit.211“ Gemeint ist Güte, die man den Toten erweist, denn sie geben für diese Güte weder Gegenleistung noch Lohn. Später sagte er jedoch zu Josef: „Ich gebe dir einen Anteil mehr als deinen Brüdern“.212 Rashi erklärt: weil du dich um meine Bestattung bemühst und dich damit befasst. Dann ist dies aber keine wahre Güte mehr.

Ebenso ist schwer zu verstehen:

5) Josef sagte zu ihm: „Ich werde nach deinem Wort handeln213.“ Das Wort „Ich“ ist überflüssig; er hätte sagen sollen: „Ich werde nach deinem Wort handeln“ – im Hebräischen ohne das zusätzliche Anochi. .

Um all dies zu verstehen, müssen wir die Eigenschaft der Wahrheit verstehen, die Jakobs Eigenschaft ist, wie geschrieben steht: „Gib Jakob Wahrheit214 (Micha 7,20). Mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) erklärte die Bedeutung der Wahrheit – angeführt im Sulam (Leiter-Kommentar), in der Einleitung in das Buch Sohar, Punkt 175 –, dass zwei Gruppen von Engeln die Schöpfung anklagten und zwei für sie eintraten.

Die Engel der Wahrheit sagten, die ganze Welt sei Lüge. Denn die Welt wird „Verlangen zu empfangen“ genannt, während Wahrheit das Verlangen ist, seinem Schöpfer Zufriedenheit zu bereiten – und dies besteht gerade in Anhaftung. Wie könnten die Menschen dazu gelangen? Die Engel der Güte sagten: „Er übt Güte.“ Durch die Güte werden sie zur Anhaftung gelangen und so weiter; siehe dort die ganze Erklärung. „Und Wahrheit wurde zu Boden geworfen215“ (Daniel 8,12): Aus lo liShma (nicht um des Gebens willen) werden wir liShma (um des Gebens willen) würdig werden und zur Eigenschaft der Wahrheit gelangen.

Unser Vater Jakob, der die Eigenschaft der Wahrheit verkörpert, befahl vor seinem Tod – das heißt, er hinterließ Josef ein Vermächtnis –, wahre Güte zu erweisen. Dadurch sollte Josef der Eigenschaft der Wahrheit würdig werden, also ganz auf das Geben ausgerichtet sein. Dies galt für alle seine Söhne, doch er befahl es gerade Josef: Nach Jakobs Tod sollte Josef mit seinen Brüdern nicht wegen seines Verkaufs abrechnen.

Obwohl Josef sieht, dass seine Brüder durch den Verkauf Schaden angerichtet haben, soll er sich dennoch nur mit der Eigenschaft der Wahrheit befassen, also mit dem Geben. Den Schaden zu korrigieren, ist dagegen allein Sache des Schöpfers. Diese Korrektur vollzog sich später durch die Zehn Märtyrer216, wie an mehreren Stellen erklärt wird.

Josef antwortete: „Ich (Anochi) werde nach deinem Wort handeln.“ Das heißt: Meine Ichbezogenheit (Anochijut) soll deinem Wort entsprechen; ich werde nur den Weg des Gebens gehen. Damit ist verständlich, weshalb Jakob es gerade Josef sagte und weshalb Josef gerade das Wort „Ich“ gebrauchte.

Damit ist die zweite Frage beantwortet: Wo finden wir, dass Jakob Josef vor seinem Tod einen solchen Befehl gab? Wie oben erklärt, sagte er gerade Josef vor seinem Tod, er solle den Weg der Wahrheit gehen, der allein im Geben besteht. Daher ist es nicht deine Aufgabe, wegen des Verkaufs abzurechnen.

Nachdem Josef dies auf sich genommen und gesagt hatte: „Ich werde nach deinem Wort handeln“, also geben, beeinträchtigte Jakobs spätere Aussage „Ich gebe dir einen Anteil mehr als deinen Brüdern“ die wahre Güte nicht. Denn jetzt nahm Josef das Geschenk an und galt dabei als jemand, der empfängt, um zu geben. Er hatte kein eigenes Bedürfnis; vielmehr waren alle seine Handlungen in Tora und Mizwot auf das Geben ausgerichtet.

Damit ist die vierte Frage beantwortet: Nach der Annahme der Wahrheit konnte Jakob ihm bereits Lohn geben, und dennoch galt dies als vollkommenes Geben.

Das meinte Rabbi Yochanan mit den Worten: „Unser Vater Jakob ist nicht gestorben.“ Jakobs Eigenschaft ist nicht gestorben, weil er sie seinen Söhnen nach ihm vererbte. Deshalb nannte Rabbi Yochanan gerade Jakob, denn die Hauptsache ist die Wahrheit. Wenn die Wahrheit besteht, wird man bereits der Eigenschaften Abrahams und Isaaks würdig – Chassadim (Gnaden) und Gwurot (Kräfte).

Aus all dem folgt: Unser Vater Jakob ist nicht gestorben. Vielmehr wird seine Tora, die Tora der Wahrheit, uns leuchten; wir werden würdig werden, auf seinen Wegen zu gehen und uns jedes Mal mit größerer Anstrengung zu stärken. Wir dürfen nicht auf den Verstand unserer Hausherren hören, der uns Funken der Verzweiflung bringt. Vielmehr sollen wir nach dem Ausspruch unserer Weisen sagen: „Der Sohn Davids kommt nur, wenn man nicht daran denkt217“ (Traktat Sanhedrin 97a). Die Erlösung, „Sohn Davids“ genannt, kommt also gerade dadurch, dass man sich vom Verstand der Hausherren abwendet.

Das ist die Bedeutung von Rashis Erklärung: Nur Lebende befinden sich in Gefangenschaft. Nur wenn der Mensch als lebendig gilt, empfindet er, dass er in Gefangenschaft ist und das Gefängnis verlassen muss. Wenn der Mensch dagegen tot ist, empfindet er nicht, dass er in Gefangenschaft ist.

Jakobs Eigenschaft wird uns leuchten, damit wir die Gefangenschaft verlassen, wie geschrieben steht: „Und deine Nachkommen aus dem Land ihrer Gefangenschaft.“ Alle Verlangen nach der Arbeit befinden sich also in Gefangenschaft. Deshalb heißt es: „Fürchte dich nicht, Mein Knecht Jakob … denn siehe, Ich rette dich aus der Ferne.“ Auch wenn ihr euch in äußerster Ferne vom Schöpfer befindet, verspricht uns der Schöpfer, dass Er uns retten wird. Unsere Weisen sagten: „Wenn der Schöpfer ihm nicht hülfe, könnte er ihn [den Bösen Trieb] nicht überwinden218“ (Traktat Kiddushin 30b).

Daher müssen wir verstehen, wie mächtig unser Helfer ist, wie geschrieben steht: „Der Ewige ist ein Krieger“.219 Wenn ein Mächtiger rettet, welchen Unterschied macht es für Ihn, ob Er viel oder wenig Hilfe leisten muss? Vielmehr gilt, wie oben gesagt: „Denn siehe, Ich rette dich aus der Ferne.“ Selbst wenn wir uns in äußerster Ferne befinden, wird Er uns retten.

Und wir wollen hoffen, dass wir von heute an, also in jedem Augenblick, der ewigen Vollkommenheit und der Anhaftung an die Wahrheit würdig werden.

Von eurem Freund Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines verehrten Vaters und Lehrers Baal HaSulam

Brief 28

2. Januar 1957220, Manchester

An meine lieben Freunde …

Ich habe euren Brief aus dem Monat Tewet gelesen und werde euch kurz und allgemein antworten. Ich schrieb euch bereits, dass es gemilderte Urteile gibt.

Im Sinne der Vorbereitung auf den Eintritt in den Palast des Schöpfers ist dies so zu verstehen: Manchmal empfindet sich der Mensch in einem Zustand der Niedrigkeit. Er hat weder Tora noch Arbeit; zudem beschäftigen ihn Gedanken an die Nichtigkeiten dieser Welt und Ähnliches. Dann gerät er in Verzweiflung und sagt: „Gewiss wurde nicht über mich gesagt: ‚Und ich soll meinem Schöpfer dienen.‘221

„Dies gilt vielmehr für hochstehende Menschen, die von Geburt an gute und aufrichtige Eigenschaften, einen guten Verstand sowie den Wunsch und das Verlangen haben, beharrlich Tora zu lernen. Seit sie auf der Welt sind, gelten all ihre Bestrebungen, ihr Verstand und ihr Herz allein der Tora und der Arbeit. Dagegen gehört ein Mensch von meinem Wert in den Kuhstall. Und auch der Vers ‚Denn es ist für euch kein leeres Wort, sondern es ist euer Leben und die Länge eurer Tage‘222 wurde nicht über mich gesagt.“

Manchmal tritt beim Erwachen der Niedrigkeit eine Milderung ein. Der Mensch erkennt dann: „Ich wusste nicht, wie tief ich in die Nichtigkeiten der Zeit und in belanglose Dinge versunken war. Ich achtete nicht darauf, mich so zu verhalten, wie es sich gehört. Auch das Lied ‚Er wird Sich meiner rühmen, denn Er begehrt mich‘223 muss ich singen. Denn ganz Israel ‚hat Anteil an der Kommenden Welt‘224, im Sinne von: ‚Er stand auf und verbarg es für die Gerechten für die Kommende Welt.‘225

„Jetzt, da ich von all dem entfernt bin, darf ich nicht verzweifeln, sondern muss auf den Schöpfer vertrauen: ‚Denn Du hörst das Gebet eines jeden Mundes.‘226 ‚Jeden‘ schließt auch meinen Mund ein, selbst wenn er nicht so in Ordnung ist, wie er sein sollte. Gewiss werden die dreizehn Eigenschaften der Barmherzigkeit auch für mich erweckt.“

„Von heute an hoffe ich, voranzugehen, obwohl ich das schon oft gesagt habe und am Ende doch in meiner Niedrigkeit geblieben bin.“ Darauf antwortet er, dass es die Aspekte „Welt, Jahr, Seele“ gibt. Diese drei müssen gemeinsam in Zeit, Ort und Seele vereint werden.

Deshalb sagt er, dass nun gewiss die Zeit gekommen ist, aus all den schlechten Zuständen herauszukommen, und dass „dem, der kommt, um sich zu reinigen, geholfen wird“227. Sofort beginnt er mit noch größerer Kraft und Stärke zu arbeiten.

Auch während dieser inneren Auseinandersetzung leidet er nicht unter der Niedrigkeit, in der er sich, wie er sieht, sein ganzes Leben lang befunden hat. Im Gegenteil: Währenddessen empfindet er Freude und Erhebung, weil ihm jetzt die Größe (Gadlut) leuchtet, deren er später würdig werden soll. Dies bedeutet, dass ihm das umgebende Licht aus der Ferne leuchtet.

Obwohl er noch weit vom Palast des Königs entfernt ist und seine Gefäße noch nicht um des Himmels willen gereinigt hat, empfängt er dennoch ein Leuchten von dem Licht, das sich später in ihn kleiden wird. Daher bereitet ihm dieser Zustand der Niedrigkeit kein Leid; im Gegenteil, er empfindet Freude.

Dies heißt Milderung der Urteile: Der Zustand ist nicht so schlecht. Das liegt daran, dass er nicht zurück auf die Vergangenheit blickt, sondern nach vorn auf das Licht, das er später erlangen wird. So ist er durch das umgebende Licht an den Schöpfer angehaftet.

Doch auch bei den beiden genannten Zuständen ist es für den Menschen schwer, selbst zu urteilen und zu klären, welchen davon er annehmen und welchem er folgen soll. Solange er in den Wegen der Arbeit noch unerfahren ist, wird er gewöhnlich wie ein Schatten mitgezogen: Manchmal zeigt man ihm von oben einen Zustand der Verzweiflung, ein anderes Mal eine Milderung seiner Niedrigkeit.

Wenn der Mensch nicht selbst wählen kann, was er annehmen soll, darf er den Zustand der Verzweiflung keinesfalls für wahr halten. Vielmehr muss er sagen, dass er noch kein Meister der Arbeit ist, sondern sich wie ein Stein in der Schleuder befindet: Von oben wird er von einem Zustand in den anderen geworfen.

Fällt der Mensch in den ersten Zustand, der Verzweiflung heißt, ist er wirklich tot. Manchmal bringt sich ein Mensch bewusst selbst zu Tode: Er begibt sich an einen Ort, an dem Schaden häufig ist [wo Schaden entstehen kann]. Dies heißt, „sich selbst an einen gefährlichen Ort zu bringen“. Meist verursacht die Umgebung einen solchen Zustand, der „Tod“ heißt. Dann gilt: „Die Toten sind frei.“228 Sobald ein Mensch tot ist, wird er frei von den Mizwot.

Er sagt dann, dass alle Mizwot, die er von seinen Lehrern auf sich genommen hat, keinerlei Nutzen gebracht haben; daher müsse er sie nicht länger befolgen.

Der einzige Rat dagegen besteht darin, in die Umgebung lebender Menschen zurückzukehren, also zu Menschen, die die Mizwot, die sie von ihren Lehrern empfangen haben, weiterhin befolgen. Obwohl er in diesem Zustand nicht glauben kann, dass es unter seinen Gefährten

[seinen Studienfreunden] Menschen gibt, die lebendig sind und Bestand haben, erscheint ihm die Welt verfinstert. Wohin er auch blickt, sieht er nur Haufen über Haufen von Knochen, die vor seinen Augen kreisen.

Doch in einer Sache kann er sich anstrengen und prüfen, ob seine Gefährten [seine Studienfreunde] zumindest die Mizwot seines Lehrers weiter befolgen.

Manchmal wird ihm auch dies von oben nicht gewährt. Dann sieht er vor sich einen scharfsinnigen Menschen, der sich nicht einreden kann, er gehe den geraden Weg. Weil er erkennt, dass seine Taten nicht wohlgefällig sind, leidet er furchtbar. Anders seine Gefährten [seine Studienfreunde]: Sie sehen ihren wahren Zustand nicht oder haben nicht einmal Zeit, ihre Niedrigkeit zu erkennen. Deshalb führen sie ein ruhiges Leben und haben Seelenfrieden, während (ich) ein leidvolles Leben führe.

In einem solchen Zustand sehnt sich der Mensch manchmal danach, die nichtigen Freuden dieser Welt zu genießen, doch auch sie können ihm keine seelische Befriedigung geben. Er sieht zwar, dass andere das Leben genießen, fragt sich jedoch: Warum ist ausgerechnet mir das Los beschieden, nicht wie andere ein Leben führen zu können, das mir seelische Befriedigung gibt?

Er geht auf der Straße und sieht, wie die Menschen gehen und laufen: der eine zur Arbeit, der andere in sein Geschäft, ein dritter in das Lehrhaus (Yeshiva). Auf keinem Gesicht sind Leid oder Qualen zu erkennen; alle sind vergnügt und froh. Warum sehe gerade ich weder hinsichtlich der Ehre noch hinsichtlich des Lebensunterhalts einen hinreichenden Grund zur Freude?

Selbst Menschen, deren materielle Lage schlechter ist als seine, leiden nicht so unter dem Leben, dass sie sagen würden, ihnen fehle jede Freude daran. Ich hingegen empfinde für mich selbst weniger Geschmack am Leben. Keine der materiellen Freuden bereitet mir genug Genuss, um mich zu befriedigen.

Ich sage nicht, dass ich auf materielle Freuden verzichte, wenn sie nicht den Anteil an Genuss enthalten, den ich mir wünsche. Denn selbst etwas Kleines, das nicht einmal einen Groschen wert ist, wirft man nicht weg. Meine Sorge ist vielmehr: Warum empfinde ich nicht den gleichen Anteil an Genuss wie die anderen, sodass er mir ebenso viel Befriedigung gäbe wie ihnen?

Stellen wir uns dies bildlich vor: Wenn materielle Freuden vierzig Prozent Genuss enthalten, können sie Menschen befriedigen, denen bis zu vierzig Prozent genügen.

Menschen jedoch, die einmal spirituellen Geschmack empfanden und, sagen wir, bereits einen Genuss von sechzig Prozent gekostet haben, fällt es schwer, sich an eine Nahrung zu gewöhnen, die nur vierzig Prozent enthält. Deshalb sind alle anderen vergnügt und froh, während er ein leidvolles Leben führt, denn er braucht sechzig Prozent Genuss. Dennoch wirft er, wie gesagt, auch einen Genuss von nur einem Prozent nicht fort.

Daher gilt: „Wer unersättlich ist, wird zornig.“ Obwohl er ebenso viel Genuss empfängt wie die anderen, ist er zornig, denn er möchte jenes Maß von sechzig Prozent wiederfinden, das er in den spirituellen Geschmäckern zu kosten gewohnt war.

Im Materiellen kann man von vornherein jedoch nur durch ein dünnes Leuchten genießen, wie im heiligen Sohar geschrieben steht, also nur einen begrenzten Anteil an Genuss. Daher leidet er selbst dann, wenn er bereits tot ist – wenn ihm der Geschmack des spirituellen Lebens verloren ging. Denn er erinnert sich daran, dass er einen höheren Anteil an Genuss zu kosten gewohnt war, als die materiellen Freuden enthalten, und findet keine seelische Befriedigung.

Dies ist der Sinn von: „Schwer ist der Wurm für den Toten wie eine Nadel für lebendiges Fleisch.“229

Wenn er tot ist und sich an den Geschmack des Genusses erinnert, den er während der Erhebung des Geistes empfand – Rima, was hier „Wurm“ heißt –, ist dies „wie eine Nadel für lebendiges Fleisch“230. Als er lebendig war, lag all sein Genuss allein in Tora und Arbeit. Er schmeckte die Selbsthingabe in der Arbeit, um seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. Erwachte in ihm eine Sünde, also ein Verlangen des Willens zu empfangen, bereitete ihm dies Leid.

Dies ist der Sinn von „wie eine Sünde für lebendiges Fleisch“: Damals war er an das Leben angehaftet. Doch jetzt, da er sich an den Wurm erinnert, gilt er als tot und leidet ebenfalls.

Es gilt die Regel, dass der Tote aus dem Herzen vergessen wird. Der Mensch vergisst, dass er einst lebendig war und sich jetzt im Zustand des Todes befindet. Er wird vom Strom des Lebens der gesamten Allgemeinheit (Klal) mitgerissen und führt dann kein leidvolles Leben mehr; schließlich gelangt er in einen Zustand, in dem er alles vergisst.

Dann gelangt er in den Zustand „Die Toten sind frei“: Er wird von allen Mizwot frei, die er von seinem Lehrer empfangen hat. Er gerät in Vergessenheit und vergisst sogar, dass er einst irgendeine Arbeit verrichtet hatte. Es scheint ihm, als hätte er sich sein ganzes Leben lang in diesem Zustand befunden. Selbst diese Prüfung vergisst er vorzunehmen und lässt sich einfach vom reißenden Strom der Welt mitziehen.

Daraus folgt, dass es mehrere Zustände gibt, bis man den Kanal des Lebens ergreift, der alle Seelen belebt:

1) Er vergisst, seinen gegenwärtigen Zustand zu prüfen.

2) Er prüft sich, erkennt, dass er tot ist, und erinnert sich an die Zeit des Wurms. Dann führt er ein leidvolles Leben, wie oben gesagt wurde: „wie eine Sünde für lebendiges Fleisch“. Doch er gerät in Verzweiflung!

4) Er prüft sich und erkennt, dass er tot ist; doch das Licht des Vertrauens leuchtet ihm. Er stärkt sich und nimmt auf sich, von nun an auf den Wegen der Arbeit in Milderung voranzugehen.

5) Während der Arbeit erfüllt er die Mizwa des Verstandes und des Herzens, soweit es in seiner Macht steht, nach dem Vers: „Alles, was deine Hand und deine Kraft zu tun vermögen, das tue.“231 Dann empfindet er Geschmack am Studium der Kabbala. Obwohl er den Inhalt der spirituellen Sache nicht versteht, leuchtet ihm das Studium durch das Licht, das in ihm ist. Er schmeckt die Arbeit über dem Verstand, empfindet die Entfernung, die ihm das Verlangen zu empfangen verursacht, und sehnt sich danach, nur in der Arbeit des Gebens tätig zu sein, bis Sich der Schöpfer seiner erbarmt und ihm Frieden zuspricht, wie geschrieben steht: „Ich will hören, was Gott reden wird; denn Er wird Seinem Volk und Seinen Frommen Frieden zusprechen, und sie sollen nicht zur Unvernunft zurückkehren.“232

In Wahrheit müssen wir eine große und schwierige Frage verstehen: Wir durften Worte des lebendigen Gottes aus dem Mund des lebendigen ARI, meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam, hören und sahen, dass ihm nichts verborgen war. Jedes Mal, wenn wir uns ihm mit Herz und Seele unterwerfen konnten, spürten wir, dass wir uns in einer spirituellen Atmosphäre befanden, die über allen Nichtigkeiten dieser Welt lag. Wie konnte es also geschehen, dass wir in unserem gegenwärtigen Zustand geblieben sind – jeder auf seiner eigenen Stufe –, obwohl jeder von uns auf einer höheren Stufe stehen müsste als jetzt?

Diese Sache wird in der Tora enthüllt. Ich erklärte euch bereits den Auszug Israels aus der Hand des Pharaos und fragte, weshalb der Schöpfer die Zustimmung des Pharaos brauchte, wenn Er Israel aus Ägypten führen wollte. Ist Er nicht allmächtig? Ich erklärte, dass der Pharao der Körper ist. Der Körper muss den Schöpfer „mit deinem ganzen Herzen“ lieben usw.; Liebe kann jedoch nicht erzwungen werden.

Daher muss man fragen: Bekanntlich soll die Arbeit über dem Verstand stattfinden; weshalb zeigte der Schöpfer dem Pharao dann Zeichen?

Eine weitere schwierige Frage lautet: „Denn Ich habe sein Herz schwer gemacht, damit Ich diese Meine Zeichen in seiner Mitte setze.“233 Man fragt allgemein: Hat Er ihm damit nicht die Wahl genommen? Nicht nur ist „das Trachten des menschlichen Herzens böse von seiner Jugend an“234, sondern Er fügte jedes Mal eine weitere Verhärtung des Herzens hinzu. Wie sollte er dann noch das Gute wählen und das Böse verwerfen können?

Wir wollen dies vielmehr so verstehen, wie mein Vater und Lehrer uns anwies: Die Grundlage unserer Arbeit soll im Geben liegen. Wenn jedoch ein Zeichen vorhanden ist, fällt es bereits schwer, die Arbeit liShma (um des Gebens willen) zu verrichten. Das Wesentliche ist: „damit Ich diese Meine Zeichen in seiner Mitte setze“. Gerade über dem Verstand ist es schwer, liShma zu arbeiten.

Das Wesentliche ist: Wo die Frage „Wer?“Mi – besteht, und dem Verständigen genügt dies, gibt es Raum für die Verbindung mit „diese“ – Ele. Durch beide zusammen wird der Name Elokim offenbart235. Denn Ele ohne Mi kann nicht bestehen – und dem Verständigen genügt dies –, wie in der Einleitung in das Buch Sohar im Sulam-Kommentar erklärt wird.

Vor allem müssen die Buchstaben der Tora offenbart werden, denn „ein Ungebildeter kann nicht fromm sein“236; dazu braucht es gerade einen Menschen der Tora. Andernfalls heißt es: „Wer seine Tochter einem Ungebildeten gibt, bindet sie gleichsam und legt sie vor die Zähne eines Löwen.“237 Dem Verständigen genügt dies. Wenn er kein Mensch der Tora ist, ist sein Tod gewiss. Tora heißt Mittlere Linie, denn sie umfasst beide Dinge zusammen: Mi und Ele, die gemeinsam den Namen Elokim bilden.

Wenn der Mensch beginnt, auf dem Weg der Wahrheit in die Arbeit einzutreten und Geschmack an ihr zu empfinden, kann er bereits am Verlangen zu empfangen scheitern. Er hat nun nämlich eine Grundlage, sich mit Tora und Arbeit zu befassen: Er empfindet darin einen erhabeneren Geschmack als in allen Nichtigkeiten dieser Welt.

Dann braucht er den Glauben über dem Verstand nicht mehr, denn die empfundene Freude ist für ihn ein eindeutiger Beweis, dass es sich lohnt, Diener des Schöpfers zu sein. Wenn man ihm jedoch keinen Geschmack an der Arbeit gibt, kann er sie nicht fortsetzen, weil es schwer ist, mit einer Arbeit über dem Verstand zu beginnen. Vielmehr beginnt man mit lo liShma (nicht um des Gebens willen) und gelangt danach zu liShma.

Die Reihenfolge gleicht dem Vorgehen, wenn man ein Kleinkind laufen lehrt: Man hält es an der Hand und führt es immer wieder. Sobald es zu laufen beginnt, lässt man es allein. Anfangs fällt es hin; dann stärkt man es erneut, und es fällt wieder. So geht es weiter, bis es ohne jede Unterstützung laufen kann. Dann heißt es, dass es liShma arbeiten kann.

Wird ihm dann vieles zuteil, weiß er bereits, wie er sich im Geben verhalten muss, obwohl er nun vieles empfängt. Denn er ist ein Mensch der Tora: Er hat sich die ganze Zeit mit der Tora und damit befasst, wie er sich verhalten muss, damit seine ganze Absicht um des Himmels willen ist. Dann beginnt die Zeit, in der man ihm die Geheimnisse der Tora offenbart – die Fülle, die den Dienern des Schöpfers zuteilwird.

Damit verstehen wir die Verhärtung des Herzens, die der Schöpfer Moses versprach. Nach all den Wundern und Zeichen – selbst wenn uns verschiedene Arten von Gadlut zuteilwerden, sei es als Erhebung des Geistes oder als neue Erkenntnisse in der Tora – werden wir davon im jeweiligen Augenblick stark und tief bewegt. Wir entscheiden dann, dass es keinen außer Ihm gibt und es sich lohnt, sich allein dem Dienst am Schöpfer zu weihen.

Denke jedoch nicht, dass dadurch kein Raum für die Arbeit mehr bleibt, die der Mensch offenbaren muss. Denn er würde sich sofort vor seinen Lehrern annullieren, und es bliebe kein Raum für die Wahl – also für das, was der Mensch wählen muss.

Daher versprach der Schöpfer: „Ich kann etwas tun, dessen Wirklichkeit du nicht verstehen kannst: Ich habe sein Herz schwer gemacht.“ Der Schöpfer gibt die Verhärtung des Herzens. Unmittelbar nach allen Zeichen und Offenbarungen vergisst der Mensch alles und muss seine Arbeit von Neuem beginnen.

Falls du fragst: „Wozu brauche ich all diese Zeichen, wenn er sie vergisst?“, so gilt: Die Zeit, in der er einen eindeutigen Beweis hat, dass es sich lohnt, Diener des Schöpfers zu sein, heißt „Unterstützung“. Dies wird nicht ihm selbst angerechnet, sondern demjenigen, der ihn stützt. Gleichzeitig gewöhnt er sich jedoch daran zu gehen, wie im Gleichnis vom Kleinkind beschrieben.

Obwohl wir Worte des lebendigen Gottes aus dem Mund der Shechina hörten, die aus der Kehle meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam sprach, bleibt die Wahl dennoch in unserer Hand. Obwohl er uns viele Offenbarungen enthüllte, tat er dies nur, um uns anzuleiten, damit wir ohne Stütze gehen können.

Auf jede neue Erkenntnis in der Tora, die er uns offenbarte und die uns Erhebung des Geistes und starkes Vertrauen schenkte, unsere Tage allein dem Nutzen des Schöpfers zu widmen, folgte deshalb sofort eine Verhärtung des Herzens: „Denn Ich habe sein Herz schwer gemacht.“ So sollten wir anschließend selbst wählen können; denn dies heißt Anstrengung ohne stützenden Beistand.

Seine Absicht bestand darin, uns zur gewünschten Vollkommenheit zu bringen. Deshalb ist jeder in einem Zustand geblieben, der einem Schüler von ihm nicht entspricht; und dem Verständigen genügt dies.

Wir müssen uns stärken. Wie ich in meinem vorigen Brief schrieb, ist unser Vater Jakob nicht gestorben; seine Eigenschaft der Wahrheit lebt und besteht ewig. Möge sich der Vers erfüllen: „Du aber, fürchte dich nicht, Mein Knecht Jakob, spricht der Ewige, und erschrick nicht, Israel; denn siehe, Ich rette dich aus der Ferne und deine Nachkommen aus dem Land ihrer Gefangenschaft.“238

Selbst wenn wir uns also in äußerster Entfernung befinden, kommt die Rettung des Schöpfers in einem Augenblick. Wir werden würdig werden, zur Wahrheit zu gelangen, also unserem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. Amen, so möge es Sein Wille sein.

Euer Freund Baruch Shalom HaLevi AshlagSohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

Brief 29

15. Schwat 5717 (17. Januar 1957239), Manchester

An die Freunde, mögen sie ewig leben,

Vor einiger Zeit schrieb ich euch einen Brief, habe aber noch immer keine Antwort darauf erhalten, ob er euch erreicht hat. Abgesehen von … seid ihr alle nachlässig darin, mir zu schreiben; gewiss ist dies eine zeitbedingte Handlungspflicht. Dem Verständigen genügt dies.

Über das Neujahr der Bäume, das am fünfzehnten Schwat begangen wird, heißt es im Traktat Rosh HaShana (14a)240: „Am ersten Schwat. Was ist der Grund? Rabbi Hoshaya sagte: Weil der größte Teil der Jahresregen bereits gefallen ist.“ In den Tossafot steht, dass dieser Grund auch für das Haus Hillel gilt, das den fünfzehnten Schwat annimmt: Bis dahin ist der größte Teil der Regenzeit vergangen; dies ist die Zeit der Sättigung des Bodens, der Saft steigt in den Bäumen auf, und von nun an setzen die Früchte an.

Im Traktat Rosh HaShana (11a) heißt es: „Wer in den Tagen des Nisan hinausgeht, blühende Bäume sieht und spricht: ‚Gesegnet sei Er, Der Seiner Welt nichts fehlen ließ und in ihr gute Geschöpfe und gute Bäume erschuf, damit die Menschen sich an ihnen erfreuen241‘.“

Wir müssen verstehen:

a) Was bedeutet „Der Seiner Welt nichts fehlen ließ“? Ist schon die Tatsache, dass die Bäume blühen, ein Beweis dafür, dass nichts fehlt?

b) „Er erschuf gute Geschöpfe“ – welchen Beweis gibt es hier dafür, dass die Geschöpfe gut sind?

c) Was ist die Verbindung zwischen Mensch und Baum?

d) Bekanntlich gilt das Verstreichen des größten Teils der Regenzeit als Kennzeichen des Neujahrs; dieser Grund gilt sowohl für das Haus Shammai als auch für das Haus Hillel.

Zunächst müssen wir verstehen, was das Neujahr in der Arbeit bedeutet. Bekanntlich ist das Neujahr eine Zeit des Gerichts242, in der über die Welt zum Guten oder zum Gegenteil gerichtet wird. Rosh [Kopf, Anfang] bezeichnet den Aspekt der Wurzel, aus der die Zweige hervorgehen. Die Zweige folgen immer der Beschaffenheit der Wurzel, denn aus der Wurzel eines Orangenbaums wachsen keine Zweige eines Apfelbaums.

So, wie der Mensch am Anfang seine Wurzel und seinen Ausgangspunkt ordnet, setzt sich auch die Ordnung seines Lebens fort; denn die Wurzel ist das ganze Fundament, auf dem das gesamte Gebäude errichtet wird.

Das Gericht, in dem der Mensch am Neujahr gerichtet wird, bedeutet, dass der Mensch selbst Richter und Urteilsfinder und zugleich derjenige ist, der das Urteil vollstreckt. Denn der Mensch ist Richter, Ankläger, Wissender und Zeuge. Dies entspricht den Worten unserer Weisen: „Gibt es unten ein Gericht, gibt es oben kein Gericht.“243

Regen bezeichnet Lebenskraft und Genuss, durch die der Baum Früchte hervorbringt. Die Hauptarbeit des Menschen findet an den Wintertagen statt, in den langen Nächten des Monats Tewet. Von Tischri, dem allgemeinen Neujahr, bis Schwat ist bereits der größte Teil der Regentage vergangen; das heißt, der Mensch hat bereits Lebenskraft und Genuss aus Tora und Arbeit empfangen. Dann hält er über sich selbst Gericht: Lohnt es sich, das ganze Jahr nur mit Tora und Arbeit fortzufahren, oder mit dem Gegenteil?

„Wenn über ihm ein Fürsprecher-Engel ist, einer unter tausend, um dem Menschen seine Aufrichtigkeit kundzutun“244 – wenn er also ein Verdienst hat, dann wird dem Menschen seine Aufrichtigkeit kundgetan, damit er auf dem geraden Weg geht. Dann bedeutet „einer unter tausend“ im Geheimnis von „Ich werde dich Weisheit lehren“245. Nach der Verhandlung wird er in seinem Gericht für unschuldig erklärt; das heißt, er nimmt auf sich, von heute an nur reine Dinge zu betreiben, die Geben genannt werden – sowohl dem Himmel als auch den Geschöpfen gegenüber.

Dies gilt nur, wenn die Verdienste die Mehrheit bilden, wenn also der größte Teil der Lebenskraft, die er bis jetzt empfangen hat, aus Dingen des Gebens stammte. Dann entscheidet er, dass es sich lohnt fortzufahren, und dies heißt, dass er aus seinem Gericht gerechtfertigt hervorgeht.

Hat er den größten Teil seiner Lebenskraft nicht aus spirituellen, sondern seine ganze Lebenskraft aus materiellen Dingen empfangen, besitzt aber ein Verdienst, das „Fürsprecher-Engel“ genannt wird, dann geht er ebenfalls gerechtfertigt aus seinem Gericht hervor, wie oben beschrieben. Das heißt, er beschließt, das ganze Jahr nur mit Dingen des Gebens fortzufahren.

Überwiegen jedoch die Vergehen – wenn er also nach all seiner Arbeit und Mühe den größten Teil seiner Lebenskraft gerade aus Dingen des Verlangens, für sich selbst zu empfangen, bezogen hat, der Wurzel aller Vergehen und Sünden –, dann wird er in seinem Gericht schuldig gesprochen.

Das heißt, er nimmt auf sich, von nun an nur den Weg der ganzen Welt zu gehen, also nur Dinge zu verfolgen, die dem Empfangen für sich selbst angehören. Dies ist eine Schuld des Menschen, denn Dinge des Empfangens für sich selbst hindern ihn daran, seine ewige Vollkommenheit zu erreichen und der Höheren Genüsse würdig zu werden. Es heißt „Schuld gegen sich selbst“, wenn er beschließt, alle seine Tage mit Dingen fortzufahren, die eine Schuld für die Seele sind.

Dies ist es, was die Tossafot schrieben: „Weil der größte Teil der Regentage vergangen ist … und der Saft in den Bäumen aufsteigt, sodass die Früchte von nun an ansetzen.“

Wenn also der größte Teil der langen Winternächte mit Tora und Arbeit vergangen ist, der Saft in den Bäumen aufsteigt und der Mensch selbst weiß und fühlt, wie sehr ein Feuer in seinem Herzen brennt – gemäß „Ihre Gluten sind Feuergluten, eine Flamme des Schöpfers“246 –, dann beschließt er, diesen Weg fortzusetzen. Dies bedeutet: „Die Früchte setzen von nun an an“247 – von nun an wird er der Früchte würdig werden.

Darum heißt der fünfzehnte Schwat Neujahr: Der Mensch hat bereits mit sich selbst abgerechnet, ob es sich lohnt, in der Arbeit fortzufahren oder das Gegenteil zu tun. Denn nun weiß er bereits, aus welchem Aspekt er Leben beziehen kann – aus Dingen des Empfangens für sich selbst oder aus Dingen, die darauf gerichtet sind, seinem Schöpfer Zufriedenheit zu bereiten. Er weiß, dass seine ganze Arbeit nur darin besteht, das Verlangen zu geben zu erlangen. Denn das Verlangen, Genüsse zu empfangen, hat der Schöpfer von der Seite der Schöpfung her für uns bereitet: Sein Wille ist es, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, und Er erschuf das Verlangen zu empfangen.

Die Schöpfung wäre ebenfalls im Aspekt des Verlangens zu empfangen geblieben. Hätten wir also auch die spirituelle und ewige Fülle in unserem Verlangen zu empfangen angenommen, wären die Genüsse nicht vollkommen gewesen, und zwar aufgrund des Zweiges, der seiner Wurzel gleichen will. Daraus entstand der Aspekt des Brotes der Scham (Nahama deKisufa). Demnach wäre die Schöpfung in einem Mangel verblieben. Deshalb bereitete der Schöpfer für uns eine Korrektur vor, die Einschränkung (Zimzum) genannt wird.

Wo das Verlangen zu empfangen besteht, empfindet der Mensch Verhüllung. So steht es in der „Einführung zum Sulam-Kommentar zum Sohar“: Obwohl das im Körper eingekleidete Leben als Existierendes aus Existierendem hervorgeht, ist die Wurzel seines Ursprungs dennoch nicht erkennbar – und zwar infolge des oben erwähnten Zimzum.

Durch die Gewöhnung an Tora und Arbeit wird man der Korrektur würdig, die „Empfangen, um zu geben“ heißt. Dadurch werden wir der Anhaftung (Dwekut) an Ihn würdig. So wird alles vollendet. Dies bedeutet: „Der Seiner Welt nichts fehlen ließ248.“ Gemeint ist die Korrektur des Gebens, wie im Folgenden erklärt wird.

Nun erklären wir die Verbindung zwischen Bäumen und Geschöpfen, die unsere Weisen, wie oben erwähnt, nebeneinanderstellten. Es steht geschrieben: „Denn der Mensch ist ein Baum des Feldes.“249 Alle Arbeiten, die an Bäumen vorgenommen werden, damit sie geeignet sind, Früchte hervorzubringen, werden auch am Menschen vorgenommen. Denn ehe der Mensch geeignet ist, Früchte hervorzubringen, muss er alle Arbeiten durchlaufen, die an Bäumen vorgenommen werden. Die Früchte sind das Ziel des Menschen.

Mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) erklärte einmal bei einem Mahl am fünfzehnten Schwat, warum es den Brauch gibt, Früchte zu essen.

Er sagte: Darin liegt der ganze Unterschied zwischen Heiligkeit und Sitra Achra (der anderen Seite). Im Sohar steht: „Ein anderer Gott ist unfruchtbar und bringt keine Früchte hervor.“250 Wie im Sulam erklärt wird, trocknet ihre Quelle aus, sie welken allmählich, bis sie vollständig verschlossen sind. Wer auf dem Weg der Heiligkeit geht, wird dagegen des Segens in seiner Hände Werk würdig: „Der seine Frucht zu seiner Zeit gibt und dessen Blatt nicht verwelkt“251 („Einführung in das Buch Sohar, Punkt 23).

Deshalb gibt das Volk Israel einen Hinweis darauf, um zu zeigen, dass die Früchte das Wesentliche sind. So weit seine Worte. Die Früchte der Heiligkeit bestehen darin, der Offenbarung Seiner Göttlichkeit würdig zu werden. Der Mensch wird wie eine mächtige Quelle, die niemals versiegt, und geht von Stufe zu Stufe, bis er der Worte würdig wird: „Er wird sich durch mich verherrlichen, denn Er begehrt mich, und Er wird mir eine Krone der Zierde sein.“252

Die Arbeiten, die an Bäumen vorgenommen werden, sind auch dem Menschen gegeben worden, um ihn, wie oben beschrieben, tauglich zu machen. Siehe Traktat Shevi’it (Kapitel 2, Mishna 2), wo die Arbeiten aufgezählt werden, die ein Baum benötigt; daraus lernen wir über die Arbeit des Menschen. Dem Verständigen genügt dies.

Düngen – man bringt Dünger ein. Ebenso muss der Mensch in sich selbst Unrat einbringen, das heißt Abfall in Gestalt seiner verwerflichen Eigenschaften. Doch anders als beim Baum muss er keinen Unrat von außen herbeischaffen, sondern ihn aus der Verborgenheit in die Offenbarung, also in sein Empfinden, bringen, damit er das Ausmaß der Niedrigkeit seiner verwerflichen Eigenschaften in sich fühlt. Sonst ist er nicht fähig, seine Handlungen zu korrigieren.

Hacken – man gräbt an den Wurzeln der Bäume. Ebenso muss der Mensch graben und erforschen, worin die Wurzel und das Ziel des Menschen bestehen und zu welchem Zweck er in diese Welt gekommen ist.

Wucherungen entfernen – man schneidet Wucherungen ab, die als Mängel am Baum entstehen. Eine Wucherung ist etwas, das außerhalb seines Körpers liegt. Es gibt Handlungen, die der Mensch so ausführt, dass sie anderen Menschen äußerlich sichtbar werden – etwa beim Gebet oder wenn er vor seinem Freund fromme Worte spricht, wodurch der Freund seine Arbeit sieht, die außerhalb seines Körpers liegt. Diese Dinge muss er abschneiden und annullieren. Vielmehr gilt: „Wandle bescheiden mit dem Ewigen, deinem Gott.“253

Wenn der Mensch also irgendeine Arbeit „für deinen Gott“ verrichtet, besteht das Kennzeichen darin, dass er danach verlangt, sie vor den Menschen zu verbergen; dies ist ein Zeichen dafür, dass seine Absicht wahr ist. Ist es nicht so, verhält es sich umgekehrt: Er verlangt nur danach, sie den Menschen zu offenbaren, und stellt den Körper nach außen mit hundertfünfzig Begründungen254 als rein dar. Wenn es jedoch um des Schöpfers willen geschieht, will er die Sache von Natur aus gerade verbergen.

Blätter abnehmen – man entfernt die Blätter vom Baum, um ihn zu entlasten. Ebenso hat der Mensch Blätter, die den Früchten vorausgehen. Auf den Blättern entstehen die Früchte; dies entspricht dem Grundsatz: „Aus lo liShma (nicht um des Gebens willen) gelangt man zu liShma (um des Gebens willen).“ Lo liShma wird „Blätter“ genannt, die Früchte aber sind liShma.

Man muss diese Blätter jedoch abnehmen, um den Baum zu entlasten, damit er zu liShma gelangen kann. Nimmt man lo liShma nicht ab, bleibt man im Zustand von lo liShma. Wenn man später aber liShma erlangt, steht geschrieben: „Sein Blatt verwelkt nicht.“255 Vielmehr treten dann alle Arbeiten, die im Aspekt von lo liShma waren, in die Heiligkeit ein.

Es gibt noch eine höhere Erklärung. Im Sulam („Einführung in das Buch Sohar, Punkt 2) steht, dass die „Blätter“ die Kräfte des Gerichts im Schirm (Massach) sind. Die Einschränkung des Verlangens zu empfangen bedeutet, dass keinerlei Fülle leuchten soll, sondern Dunkelheit herrscht; dadurch entsteht der Massach. Folglich veranlasst ihn die Kraft des Gerichts, die das Licht entfernt, einen Massach zu errichten, durch den er die Kraft erhält, um zu geben zu empfangen.

Auch während der Vorbereitung, bevor man würdig wird, in den Palast des Schöpfers einzutreten, muss der Mensch sich daran gewöhnen, Kräfte zur Überwindung des Verlangens, für sich selbst zu empfangen, einzusetzen. Der Weg besteht darin, mit kleinen Dingen zu beginnen – mit Dingen, an denen er nicht so viel Freude und Genuss hat und auf die er leichter verzichten kann – und zu sagen: Wäre es keine Mizwa, mich mit diesen Dingen zu befassen, würde ich es nicht tun.

Dann fährt er fort und fügt hinzu, bis er sich daran gewöhnt, selbst auf die für ihn wichtigsten Dinge zu verzichten. Sogar bei Dingen, die sein Innerstes berühren, kann er sagen: Wäre es keine Mizwa, dies zu tun, würde ich mich nicht damit befassen. All dies dient dazu, dass er stark und im Kampf geübt wird. Dann wird er würdig, in den Palast des Schöpfers einzutreten und unter den Dienern Gottes zu sein.

Die Kraft, die ihn verpflichtet, sich vor all diesen Dingen zu hüten, damit er nicht im Verlangen, für sich selbst zu empfangen, versinkt, ist die herrschende Kraft des Gerichts. Sie bewahrt ihn davor, im oben Genannten zu scheitern. Denn sobald er ein persönliches Eigeninteresse hat, weichen Lebenskraft und Fülle sofort von ihm. Deshalb setzt er fest, entscheidet und wacht über den Massach, damit er einzig mit der Absicht zu geben empfängt.

Auch auf den Wegen der Vorbereitung zeigt die erwähnte Kraft des Gerichts ihre Stärke und werden ihre Handlungen erkennbar, bis der Mensch ein für alle Mal entscheidet, niemals die Grenze der Gesetze der Tora zu überschreiten. Bis er zur endgültigen Entscheidung im Aspekt „ein Gesetz, das nicht übertreten wird“ gelangt, befindet er sich in einem Zustand des Hin und Her, der als Schleuder bezeichnet wird, bis er zur Furcht vor der Strafe durch die erwähnte Kraft des Gerichts gelangt.

Bildlich gesprochen: Selbst wenn der Mensch eine Zeit seelischer Erhebung erlebt und meint, er befinde sich im Zustand „Niemals werde ich wanken“, herrscht, sobald er durch persönliches Eigeninteresse – sei es im Verstand oder im Herzen – zu Fall kommt, unverzüglich die Kraft des Gerichts über ihn, und die spirituelle Lebenskraft weicht von ihm. Das heißt, man nimmt ihm alles Verlangen und allen Geschmack, die er an Tora und Arbeit hatte; er fällt in die Herrschaft der Sitra Achra, und sie herrscht über ihn.

Er hat weder einen Rat noch die Kraft, sie zu überwinden, und wird von ihr fortgezogen wie „ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird“256. Sie zwingt ihn, nach den niedrigsten überhaupt existierenden Verlangen zu empfangen zu begehren und daraus Lebenskraft zu beziehen – also aus Dingen, nach denen gewöhnliche Gottesfürchtige auf der Straße niemals ein so starkes Verlangen hätten.

Der Grund ist, dass er gewohnt war, spirituelle Lebenskraft zu empfangen. An den gewöhnlichen Nichtigkeiten dieser Welt findet er nicht genügend guten Geschmack, um einen Ersatz für die spirituelle Lebenskraft zu bilden, die er besaß, und ihm seelische Befriedigung zu geben. Deshalb denkt er an die niedrigsten Nichtigkeiten dieser Welt: Vielleicht findet er dort Befriedigung für seine Seele.

Dann steht er unter dem Verdacht sämtlicher Übertretungen der ganzen Tora. Denn die Kraft des Gerichts stößt ihn in die Sitra Achra, und das Verlangen zu empfangen sorgt dafür, sich mit Genuss zu füllen, damit er Lebenskraft hat, um die Sitra Achra zu füllen, die „Wurzel des Verlangens, nur für sich selbst zu empfangen“ genannt wird. Darum steigt er an den Ort der Niedrigkeit hinab – vielleicht empfängt er dort das Gesuchte.

Ob er dort das Gesuchte empfängt, steht freilich infrage. Dennoch scharrt er im Abfall wie Hühner, die im Unrat picken. Zu Beginn des Falls erinnert er sich noch an seinen früheren spirituellen Zustand; es ist also noch ein Reshimo (Erinnerungsspur) in ihm geblieben. Dann weiß er noch, dass er sich nun im Zustand eines Toten befindet: Er tut all die niedrigen Dinge in Gedanken und auch in der Tat, wo er sich vor Menschen nicht schämt.

Dennoch weiß er, dass dies nicht das Ziel des Menschen ist, sondern Niedrigkeit. Mit seinem Verstand begreift er, dass er diese Zeit des Abstiegs überwinden muss. Obwohl er weiß, sieht und fühlt, liegt er wie ein Toter da, ohne Rat, mit den Stricken der Grobheit gebunden und unter der Herrschaft der Sitra Achra.

Das Reshimo, an das er sich erinnert, erscheint ihm wie ein schöner Traum, und es gibt weder einen Rat noch ein Mittel, diesen schönen Traum noch einmal zu träumen. So weiß und empfindet er – mit hundertprozentiger Gewissheit –, dass es unmöglich ist, seinen früheren spirituellen Zustand fortzusetzen. Das heißt, er ist unfähig, Kräfte der Hingabe aufzubringen und wie früher im Glauben über dem Verstand zu handeln.

Daher bringt ihm dieses Reshimo nur Leiden, da er keinerlei Möglichkeit hat, seinem gegenwärtigen Zustand zu entkommen.

Da es in der Natur des Menschen liegt, Leiden zu vergessen – denn so ist es in der Welt: Der Tote wird aus dem Herzen vergessen –, fällt er noch tiefer. Solange er sich an seine spirituelle Zeit erinnert, sieht er, dass er jetzt tot ist. Dann aber vergisst er seinen guten Zustand, und es scheint ihm, als habe er immer im gegenwärtigen Zustand des Empfangens für sich selbst gelebt und niemals ein Verlangen nach der Arbeit für den Schöpfer besessen. Gewiss, meint er, sei nicht von ihm gesagt worden: „Ihr aber, die ihr anhaftet257; vielmehr stamme seine ganze Lebenskraft nur aus materiellen Dingen.

Erinnert er sich bisweilen daran, einmal einen spirituellen Zustand gehabt zu haben, erklärt er sich, gewiss sei auch dieser nicht auf dem Weg der Wahrheit gewesen, sondern nur das Tun eines Affen, eine Nachahmung. Vor allem aber müsse er seinen jetzigen Zustand nicht verlassen.

Kommt ihm schließlich doch der Gedanke, was aus der Korrektur der Seele werden soll, redet er sich ein: Das werde er in einem zweiten Lebenskreislauf korrigieren, aber nicht jetzt. Danach gelangt er in einen noch größeren Abstieg. Er vergisst sogar, auch nur einen kurzen Augenblick über alles nachzudenken, was mit ihm geschieht. Vielmehr lebt er ohne jede Abrechnung, lässt sich vom Strom der Welt mitziehen und genießt das Leben wie alle Welt.

Dies bedeutet: „Er steigt hinab und verleitet“ den Menschen zum Empfangen für sich selbst; „er steigt hinauf und klagt an“258, weil der Mensch die Gesetze der Tora übertreten hat; und er nimmt ihm seine Seele, sodass er ohne jede Lebenskraft bleibt.

Dies dauert an, bis man sich seiner vom Himmel erbarmt und ihm einen Anlass fügt, durch den er bisweilen in eine gute Umgebung von Büchern oder Schriftgelehrten gerät. Plötzlich beginnt er wieder zu fühlen: „Die Stimme meines Geliebten klopft.“259

Manchmal geschieht auch das Gegenteil: Er gelangt in eine noch niedrigere Umgebung, und indem er ihre Niedrigkeit betrachtet, beginnt er plötzlich den Ruf „Kehrt zurück, ihr Kinder!“260 zu vernehmen. Sofort gürtet er sich wieder mit der Kraft der Stärke; sofort werden ihm die Wege und Lehren in Erinnerung gerufen, die er empfangen und gehört hat. Er gelangt erneut zu seelischer Erhebung, verlässt mit einem Mal alle Niedrigkeit und erwacht wieder zum Leben.

Dann spürt er bereits, dass er die Kraft zur Überwindung durch Kräfte der Hingabe besitzt. Er beginnt wieder, das Gute zu wählen und das Böse zu verabscheuen. Erst dann ist er der Richter über die Wahl, über gute Ratschläge und aufrechte Verhaltensweisen, denn nun hat er die Kraft, voranzugehen.

Während des Todes hingegen – wenn also „sein Toter vor ihm liegt“261 – nimmt man keinen Trost an. Denn es steht geschrieben: „Die Toten sind frei.“262 Wenn der Mensch tot ist, wird er frei von den Mizwot, und kein Rat kann ihm helfen.

Kommt er erneut durch persönliches Eigeninteresse zu Fall, trifft ihn wiederum die Eigenschaft des Gerichts, wie oben beschrieben. So liegt er in der Schleuder, bis der Lebende, also solange er lebt, „es sich zu Herzen nimmt“263, sich mit jeder Art von Vorsicht zu hüten und zu bewahren, damit er nicht wieder in die Herrschaft der Sitra Achra fällt.

Diese Furcht vor der Kraft des Gerichts dauert an, bis sich in sein Herz eingraviert, seine Lebensführung fest zu gründen. So steht geschrieben: „Und er sah den Keniter, erhob seinen Spruch und sprach: Fest ist dein Wohnsitz.“264 Rashi erklärte – der Frevler Bileam265 sagte: „Ich staune, wodurch du dessen würdig wurdest. Warst du nicht mit ihm bei dem Rat ‚Lasst uns klug gegen ihn vorgehen‘266? Nun aber hast du dich in der Festigkeit und Schutzwehr Israels niedergelassen267.“

Die Sitra Achra tritt also mit dem Einwand an ihn heran: „Was ist mit dir? Du bist doch in den Dingen des Empfangens für dich selbst immer mit mir gegangen. Nun aber hast du deinen Zustand fest gegründet, damit du dich von deinem spirituellen Platz nicht im Geringsten fortbewegst.“ Dies heißt „Furcht vor Strafe“: Er hält die Gesetze der Tora wegen der Strafe durch die Kraft des Gerichts ein, wie oben beschrieben.

Dies ist Blätter abnehmen im Sinne von „Er stellt die Frage und löst sie“268 – also Aufstiege und Abstiege. Durch Fragen und Antworten wird die wahre Form der Arbeit für den Schöpfer bestimmt.

Mit Erde bedecken – freiliegende Wurzeln werden mit Staub bedeckt.

„Wurzel“ bezeichnet den Gedanken, denn er ist die Wurzel der Handlung. Sind die Gedanken offengelegt – spähen sie also überallhin und untersuchen alle Wege, Verhaltensweisen und Lehren, die man von seinen Lehrern empfangen hat, ob sie wahr seien –, muss man mit diesen Gedanken ringen, im Sinne von „Ein Mann rang mit ihm“269, was über den Fürsten Esaus gesagt wurde, und die Worte der Lehrer über dem Verstand annehmen.

Dies bedeutet: „Wälze dich im Staub ihrer Füße.“270 Obwohl du „Kundschafter“ hast, die sagen: „Wir werden nicht hinaufziehen“271, und obwohl ihre Kundschafter – die Gedanken der Schüler – Staub aufwirbeln, sodass ihnen die Worte ihrer Lehrer wie Staub erscheinen, muss der Mensch die Worte seiner Lehrer dennoch über dem Verstand annehmen.

Ich gebe hier ein Beispiel. Mein Vater und Lehrer versprach uns, dass wir dadurch, dass wir seinen Weg gehen und seine Anweisungen erfüllen, Seiner Ewigkeit würdig werden, Ihm anhaften und in die Paläste des Königs eintreten werden. Obwohl jeder von uns empfindet, dass seine Eigenschaften nicht so rein sind, wie es sich für einen Diener des Königs gehört, gilt dennoch: „Der Ewige ist denen nahe, die zerbrochenen Herzens sind.“272 Denn alle verwerflichen Eigenschaften, die von Natur aus in uns sind, hat der Schöpfer in uns eingeprägt und uns mit all dieser Niedrigkeit erschaffen.

Mein Vater und Lehrer sagte: „Der Ewige ist hoch, und den Niedrigen sieht Er.“273 Weil der Schöpfer die Wahrheit liebt, bringt der Schöpfer die wahrhaft Niedrigen nahe. Manchmal geraten wir in Verzweiflung und empfinden, dass wir uns niemals aus unserem gegenwärtigen Zustand erheben werden – nämlich zur Zeit des Zweifels. Darüber wurde gesagt: „Mit Erde bedecken“; man muss mit diesen Gedanken kämpfen.

Räuchern – man räuchert unter dem Baum, um die Würmer zu töten, die in ihm wachsen. Über das Manna heißt es in der Schrift: „Sie ließen davon bis zum Morgen übrig; da wuchsen Würmer darin, und es stank.“274 Das Manna, so erklärte mein Vater und Lehrer, bezeichnet den Glauben. Bekanntlich muss man den Glauben jeden Tag erneuern.

Dies bedeutet: „Sie sollen Tag für Tag sammeln.“275 Selbst wenn es für ihn noch Tag ist, muss er das Fundament der Arbeit, also das Ziel der Arbeit, erneuern. Er muss wissen, dass sein Zustand „Tag“ nur eine Folge des Glaubens ist. Denn wenn man auf dem Weg des Glaubens geht, wird man der Einkleidung der Shechina (göttlichen Gegenwart) würdig – jeder nach dem Maß seines Glaubens.

Der Tag ist also nicht sein Ziel; vielmehr kann er den Aspekt des Tages nutzen, um den Aspekt des Glaubens zu bezeugen. Er kann sagen: „Jetzt sehe ich, dass ich auf dem Weg des Glaubens gegangen bin, denn ich habe als Ergebnis den Tag.“ Folglich muss ich mich in der Wurzel stärken.

Auf diese Weise erklärte mein Vater und Lehrer auch die „Hirten des Viehs Abrahams“276: Er gibt den Besitztümern Abrahams Nahrung – also der Eigenschaft des Glaubens, denn seine Eigenschaft ist die des Vaters des Glaubens. Nimmt man jedoch den Aspekt des Tages als Ziel und Hauptsache an, heißt dies „sich vor der Sonne niederwerfen“. Dem Verständigen genügt dies.

Wenn das ganze Fundament Glaube ist, befindet man sich im Aspekt von Armut und Niedrigkeit, wie geschrieben steht: „Ich aber bin ein Wurm.“277 Der Aspekt „Ich“ (Anochi), der den Glauben bezeichnet, lässt mich also empfinden, dass ich ein Wurm bin. Denn seine ganze Arbeit geschieht über dem Verstand, und aus dem, was über dem Verstand ist, kann man keinen Hochmut beziehen. Dem Verständigen genügt dies.

Erneuert er den Glauben hingegen nicht, sondern „sie ließen davon übrig“278, schwelgt in seinem Zustand des Tages und macht ihn zum Wesentlichen, dann „wuchsen Würmer“. Wo er ein „Wurm“ sein sollte, erhob er sich – das heißt, er wurde hochmütig und fühlte sich über das Volk erhöht.

All dies rührt daher, dass er innerhalb des Verstandes arbeitet. So gelangt er zum Erheben, also zum Hochmut. Sein Hochmut breitet sich weithin aus, bis er das Maß von „es stank“ erreicht – wie die Leute sagen: Hochmut stinkt schon von Weitem.

Der Rat dagegen lautet, wie uns die Mishna sagt: „Räuchern.“ Rauch entsteht durch Verbrennen. Jeden Tag verbrennt er also seine gestrige Arbeit, und erst heute beginnt er, in die Freude des gebotenen Kampfes einzutreten, das Land Israel aus der Herrschaft des Empfangens zu befreien und den Punkt in einen Zustand zu bringen, in dem er empfindet, dass die Flügel der Shechina ihn überschatten. So steht geschrieben: „Er beschirmt ihn den ganzen Tag, und zwischen seinen Schultern wohnt Er.“279

Gerade wenn man den Weg des Glaubens annimmt, der als ein auf den Schultern getragenes Joch gilt, wird man der Shechina würdig. Mein Vater und Lehrer sagte, man müsse dem Schöpfer jeden Tag alle Handlungen übergeben, die man durchlebt hat – sowohl Mizwot als auch Vergehen – und neu beginnen. Dies bedeutet „Räuchern“. Der Rauch verschließt die Augen, die „Augen des Verstandes“ genannt werden, also den Aspekt innerhalb seines Verstandes. Dem Verständigen genügt dies.

Steine entfernen – man beseitigt die Steine. Sie bezeichnen die Einsichten, die der Mensch innerhalb des Verstandes hat und die zum Steinernen Herzen gehören. Wenn er den Aspekt des Tages empfindet und Geschmack und Empfindung in der Arbeit verspürt, sagt er: „Jetzt sehe ich, dass es sich lohnt, dem Schöpfer zu dienen, denn ich empfinde darin Genuss und Lebenskraft.“ So besitzt er bereits eine Stütze. Aus der Vielzahl solcher Stützen entstehen viele Steine, bis er ein ganzes Gebäude innerhalb des Verstandes hat.

Gerade dies sind Steine des Anstoßes. Deshalb sagte Pharao: „Seht auf den Gebärsteinen: Ist es ein Sohn, so tötet ihn.“280 Wo ihr also Genuss habt, der „Steine“ genannt wird, nehmt ihn nicht in das Steinerne Herz auf, das den Aspekt des Empfangens bezeichnet. „Ist es ein Sohn“ – erwacht daraus also der Aspekt des Gebens, wie oben bei den Hirten des Viehs Abrahams –, dann „tötet ihn“: Vernichtet diese Gedanken.

„Ist es aber eine Tochter“ – der Aspekt der Nukwa, also alles in das Verlangen zu empfangen aufzunehmen, sowohl im Verstand als auch im Herzen –, dann „soll sie leben“281. Dies rät Pharao als Lebenskraft und Fundament anzunehmen. Der Weg der Tora aber besteht darin, diese Ansichten und Gedanken zu beseitigen.

Trockene Äste abschneiden – man haut und schneidet die trockenen Zweige vom Baum. Alles, was der Mensch aus seiner Umgebung im Aspekt „ein angelerntes Menschengebot“282 erworben hat – trockene Mizwot und Lehren –, muss er abschneiden, das heißt die Tora außerhalb des Landes vergessen. Denn das Land Israel bezeichnet den Aspekt von liShma, während das, was man aus der Umgebung übernimmt, nur den Aspekt von lo liShma darstellt. Dem Verständigen genügt dies.

Feuchte Zweige auslichten. Sind die feuchten Zweige zahlreich, pflegt man einige abzuschneiden und nur einen Teil von ihnen stehen zu lassen. Selbst Lehren und Weisheiten, die wirklich feucht, also lebendig sind, darf der Mensch nicht in großer Menge verwenden, wenn sie zahlreich sind – wenn also „seine Weisheit größer ist als seine Taten“283. Denn die eigentliche Wahrheit offenbart sich in den Taten: Jede tatsächlich ausgeführte Tat und Handlung bezeugt die Beschaffenheit dessen, der sie vollbringt.

Aus allem oben Gesagten folgt, dass die Geschöpfe den Bäumen gleichen. Dies bedeutet: „Wer in den Tagen des Nisan hinausgeht und blühende Bäume sieht284.“ Die Bäume haben bereits begonnen, ihre Kräfte nach außen zu zeigen; äußerlich ist also erkennbar, dass sie bereits Früchte zum Wohl des Menschen geben wollen. „Gut“ bedeutet geben, wie geschrieben steht: „Mein Herz wallt über von einem guten Wort“; das heißt: „Ich sage: Meine Werke sind für den König.“285 Das ist gut.

Da die Bäume blühen, also geben, heißen sie gute Bäume. Gewiss gibt es dann auch gute Geschöpfe: Auch sie tun Dinge mit der Absicht, ihrem Schöpfer Zufriedenheit zu bereiten. Sonst würden auch die Bäume ihre Früchte nicht geben. So sagten unsere Weisen: „Die ganze Welt wird um meines Sohnes Chanina willen ernährt.“286 Weil es Gerechte gibt, die geben, bewirken sie, dass auch die Bäume geben.

Dies bedeutet: „Der Seiner Welt nichts fehlen ließ287.“ Wie oben beschrieben, bereitete Er uns die Beschäftigung mit Tora und Mizwot, durch die wir zum Aspekt der Vollkommenheit gelangen, der „Empfangen, um zu geben“ heißt. Außer dem Verlangen zu empfangen bereitete Er also sofort die Korrektur für das Brot der Scham vor, damit die Wohltat vollkommen sei.

Deshalb muss der Mensch jeden Tag mit sich selbst abrechnen, seine Arbeit mit neuer Überwindung erneuern und die Vergangenheit vergessen. Vielmehr soll er die feste Zuversicht haben, dass es uns von heute an gelingen wird, zu beständiger, ewiger Anhaftung zu gelangen.

Möge der Schöpfer uns aus all unseren Nöten helfen und unseren Seelen Erlösung gewähren, und mögen wir im Materiellen und im Spirituellen gerettet werden. Amen, möge dies Sein Wille sein.

Euer Freund Baruch Shalom HaLevi AshlagSohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

Brief 30

25. Adar II 5717 (28. März 1957), hier in Manchester

An meinen Freund …

Deinen Brief von Shushan Purim habe ich erhalten und mich darüber gefreut, denn du bist der Einzige, der mir einige Einzelheiten darüber schreibt, was dort geschieht. Ich werde deine Fragen beantworten.

Was die Frage betrifft, wo die Kinder lernen sollen: Eine chassidische Yeshiva ist vorzuziehen. Denn in einer chassidischen Yeshiva ist die Gottesfurcht zumindest besser abgesichert; bei den übrigen Yeshivot besteht dagegen wegen der Mitschüler Anlass zur Sorge.

Was den Kauf eines Anteils am Sohar betrifft, bin ich daran nicht interessiert. Obwohl ich dafür verborgene Gründe habe, kann ich dir einen davon nennen. Wenn ich etwas tue, muss es mir entweder materiellen oder spirituellen Nutzen bringen. In materieller Hinsicht, also um Geld zu verdienen, gibt es auf der Welt noch andere gute Geschäfte. Ich betreibe sie nicht, weil ich mich nicht mit Geschäften befassen will. In spiritueller Hinsicht – also einen Anteil am Sulam zum Sohar zu haben – besitze ich bereits einen großen Anteil an diesen Büchern, denn die Tora hat mir zwei Anteile zugesprochen. Nach dem Recht der Tora gibt es nämlich nur vier Erben, und mir stehen zwei Anteile zu … Daher brauche ich nicht zu kaufen, das heißt, Geld dafür zu geben, dass man mir gibt, was mir ohnehin zusteht. Doch ich habe verborgene Gründe.

Bitte bemühe dich, mir bis ins kleinste Detail mitzuteilen, was dort geschieht. Und ich segne dich mit einem koscheren Fest.

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 31

5717 (1957)288, Manchester

An die Freunde, mögen sie ewig leben,

Seit Langem habe ich euch nicht geschrieben und auf eine Aufforderung von euch gewartet. Inzwischen möchte ich euch einen Artikel niederschreiben, den ich im Jahr 5708 (1948) während einer Purim-Mahlzeit am reinen Tisch meines Vaters und Lehrers hörte.

In der Megilla (Schriftrolle Ester) sind einige Einzelheiten zu klären:

1) Es steht geschrieben: „Nach diesen Begebenheiten erhob der König Haman.289“ Man muss verstehen, was „nach diesen Begebenheiten“ bedeutet. Nachdem Mordechai den König gerettet hatte, hätte der König doch Mordechai erheben müssen. Am Ende steht jedoch, dass er Haman erhob.

2) Als Ester zum König sagte: „Denn wir sind verkauft worden, ich und mein Volk290“, fragte der König: „Wer ist er, und wo ist er?291“ – nicht: „Dies ist er.“ Das heißt, der König wusste von nichts. Doch es steht geschrieben, dass der König zu Haman sagte: „Das Silber sei dir gegeben und auch das Volk, damit du mit ihm tust, was dir gefällt.292“ Wir sehen also, dass der König sehr wohl von dem Verkauf wusste.

3) Über „nach dem Willen eines jeden293“ lehrten unsere Weisen: „Rava sagte: nach dem Willen Mordechais und Hamans294“ (Megilla 12). Bekanntlich bezeichnet das Wort „König“, wenn es ohne weitere Bestimmung steht, den König der Welt. Wie ist es dann möglich, dass der Schöpfer nach dem Willen eines Frevlers handelt?

4) Es steht geschrieben: „Und Mordechai wusste alles, was geschehen war.295“ Das klingt, als hätte nur Mordechai davon gewusst. Zuvor steht jedoch: „Und die Stadt Shushan war bestürzt.296“ Somit wusste doch die ganze Stadt Shushan davon.

5) Es steht geschrieben: „Denn eine Schrift, die im Namen des Königs geschrieben und mit dem Siegelring des Königs versiegelt wurde, kann nicht widerrufen werden.297“ Wie konnte er später zweite Briefe herausgeben, die letztlich die ersten annullierten?

6) Was bedeutet die Pflicht, sich an Purim so zu berauschen, bis man nicht mehr zwischen „Verflucht sei Haman“ und „Gesegnet sei Mordechai298“ unterscheiden kann?

7) Was bedeutet die Auslegung unserer Weisen: „‚Und das Trinken geschah nach dem Gesetz.299‘ Was heißt ‚nach dem Gesetz‘? Rabbi Chanan sagte im Namen Rabbi Meirs: ‚Nach dem Gesetz der Tora.‘ Wie lautet das Gesetz der Tora? Das Essen überwiegt das Trinken300“?

Um all dies zu verstehen, müssen wir zunächst Haman und Mordechai erklären. Unsere Weisen deuteten „nach dem Willen eines jeden“ als den Willen Hamans und Mordechais. Mordechais Wille heißt „das Gesetz der Tora“: Das Essen überwiegt das Trinken. Hamans Wille ist das Gegenteil: Das Trinken überwiegt das Essen. Wir fragten: Wie kann ein Mahl nach dem Willen eines Frevlers stattfinden? Die Antwort steht unmittelbar daneben: „ohne Zwang“; das Trinken war für sie also nicht zwingend.

Dies entspricht den Worten unserer Weisen über den Vers: „Und Moses verbarg sein Angesicht, denn er fürchtete sich, hinzublicken.301“ Sie sagten: Als Lohn dafür, dass „Moses sein Angesicht verbarg“, wurde ihm zuteil: „Das Bild des Ewigen schaut er.302303“ Denn gerade wenn jemand eine Sache nicht benötigt, weil er einen Masach (Schirm) über sie legen kann, darf er sie empfangen. Das bedeutet: „Ich habe einem Helden Hilfe gewährt.304“ Gerade wer stark ist und auf den Wegen des Schöpfers gehen kann, dem gewährt der Schöpfer Hilfe.

Das ist die Bedeutung von „Und das Trinken geschah nach dem Gesetz.“ Warum? Weil es „ohne Zwang“ war; sie brauchten das Trinken nicht. Nachdem sie jedoch zu trinken begonnen hatten, wurden sie davon angezogen. Sie waren bereits daran gebunden, brauchten es und standen damit unter Zwang. So annullierten sie Mordechais Weg. Darum sagten die Weisen, jene Generation sei zur Vernichtung verurteilt worden305, weil sie das Mahl jenes Frevlers genossen hatte.

Hätten sie das Trinken also ohne Zwang angenommen, hätten sie Mordechais Willen, den Weg Israels, nicht annulliert. Da sie den Schöpfer jedoch unter Zwang annahmen, verurteilten sie selbst das Gesetz der Tora, den Aspekt Israels, zur Vernichtung. Darin liegt die Bedeutung, dass das Essen das Trinken überwiegt: Trinken bezeichnet die Enthüllung von Chochma (Weisheit), die „Wissen“ heißt; Essen dagegen heißt Or Chassadim (Licht der Gnaden) und bezeichnet den Glauben.

Nun ist die Angelegenheit von Bigtan und Teresh zu betrachten, die Hand an den König der Welt legen wollten306. „Die Sache wurde Mordechai bekannt307“, und „die Sache wurde untersucht und bestätigt308“. Diese Untersuchung war nicht mit einem Mal abgeschlossen. Mordechai erlangte dies nicht mühelos; erst nach großer Arbeit wurde ihm dieser Makel enthüllt. Als er ihm klar enthüllt worden war, „wurden beide gehängt“. Nachdem man den daraus entstehenden Makel erkannt hatte, hängte man sie – das heißt, man entfernte diese Handlungen und Verlangen aus der Welt.

„Nach diesen Begebenheiten“ bedeutet: Nach all der Mühe und Anstrengung, die Mordechai bei seiner Prüfung aufgewandt hatte, wollte der König ihn für seine Arbeit in liShma (um des Gebens willen) belohnen. Es gilt jedoch der Grundsatz (Klal), dass man dem Unteren nichts geben kann, wenn er es nicht benötigt. Verlangen und Bedürfnis heißen Kli (Gefäß), und es gibt kein Licht ohne Kli.

Hätte der König Mordechai gefragt, was er ihm geben solle – Mordechai war doch ein Gerechter, dessen ganze Arbeit nur im Geben bestand. Er brauchte keine Erhöhung, sondern begnügte sich mit wenig. Der König aber wollte Chochma herabziehen – die offenbarten Mochin (Verstandeslichter), die von der Linken Linie ausgehen –, während Mordechais Arbeit auf der Rechten Linie lag. Was tat der König? Er erhob Haman, das heißt, er verlieh der Linken Linie Bedeutung.

Das ist die Bedeutung von: „Er setzte seinen Thron über den aller Fürsten.309“ Ebenso gab er ihm die Herrschaft: Alle Diener des Königs knieten nieder und verneigten sich vor Haman, denn der König hatte befohlen, dass er die Herrschaft empfangen sollte, und alle fügten sich ihm.

Das Niederknien bedeutet, eine Herrschaft anzunehmen. Hamans Weg in der Arbeit gefiel ihnen mehr als Mordechais Weg. Alle Juden in Shushan nahmen Hamans Herrschaft an, bis es ihnen schwerfiel, Mordechais Auffassung zu verstehen; denn auf der Ebene des Wissens ist es leichter, auf den Wegen des Schöpfers zu gehen.

So fragten sie ihn, wie geschrieben steht: „Warum übertrittst du das Gebot des Königs?310“ Als sie sahen, dass Mordechai an seinem Weg des Glaubens festhielt, waren sie verwirrt und wussten nicht, wer recht hatte. Sie gingen zu Haman und fragten ihn, wer recht hatte, wie geschrieben steht: „Sie berichteten Haman davon, um zu sehen, ob Mordechais Worte Bestand haben würden; denn er hatte ihnen gesagt, dass er ein Jude sei.311“ Der Weg des Juden besteht also darin, dass das Essen das Trinken überwiegt: Der Glaube ist das Wichtigste und das ganze Fundament.

Dass Mordechai Hamans Auffassung nicht zustimmte, war für Haman ein großes Hindernis. Alle sahen Mordechais Standpunkt: Er behauptete, nur er gehe auf dem Weg des Juden; ein anderer Weg gelte bereits als Götzendienst. Deshalb sagte Haman: „Doch all dies ist mir nichts wert, solange ich Mordechai, den Juden, im Tor des Königs sitzen sehe.312“ Denn Mordechai behauptete, allein sein Weg sei das Tor des Königs.

Damit verstehen wir unsere Frage zu „Und Mordechai wusste“. Es steht doch: „Und die Stadt Shushan war bestürzt“, also wussten alle davon. Die Bewohner Shushans waren jedoch verwirrt und wussten nicht, wer recht hatte. Mordechai dagegen wusste, dass Hamans Herrschaft, Gott behüte, die Allgemeinheit Israels – den Weg des Judentums – auslöschen würde, denn Hamans ganzer Halt liegt in der Linken Linie.

Darin liegt das Geheimnis, dass Haman Lose warf, wie es am Jom Kippur (Versöhnungstag) geschieht, denn es steht geschrieben: „Ein Los für den Ewigen und ein Los für Asasel.313“ Das Los für den Ewigen ist die Rechte, Chassadim, die „Essen“ heißt und den Glauben bezeichnet. Das Los für Asasel ist seinem Wesen nach die Linke Linie, die „zu nichts taugt314“; von hier geht der gesamte Aspekt der Sitra Achra (andere Seite) aus. Deshalb wurden die Lichter verschlossen, denn die Linke Linie lässt die Lichter erstarren.

Das ist das Geheimnis von „er warf Pur, das ist das Los315“. Der Vers erklärt, was er warf, und antwortet: Pur. Ausgesprochen verweist dies auf Pi-Or [Mund des Lichts]. Durch das Los für Asasel wurden alle Lichter verschlossen; so warf er alle Lichter hinab. Haman dachte: „Der Gerechte bereitet vor, und der Frevler kleidet sich damit.“ Für all die Arbeit, die Mordechai und seine Gefährten die ganze Zeit geleistet hatten, wollte Haman den Lohn nehmen: Er wollte die gesamte Enthüllung der Lichter unter seine Herrschaft bringen.

All dies geschah, weil Haman sah, dass der König ihm die Herrschaft gegeben hatte, das Licht von Chochma nach unten herabzuziehen. Deshalb trat er vor den König, um die Juden zu vernichten – also die Herrschaft Israels, Chassadim, zu annullieren und das Wissen in der Welt offenbaren zu lassen. Der König antwortete: „Das Silber sei dir gegeben und auch das Volk, damit du mit ihm tust, was dir gefällt“ – was also Haman gefiel, entsprechend seiner Herrschaft, der Linken und dem Wissen.

Der ganze Unterschied zwischen den ersten und den zweiten Briefen liegt in dem Wort „die Juden“. Im Wortlaut des Erlasses (Patshegen) – der Patshegen ist der vom König ausgegangene Inhalt, zu dem anschließend Erläuterungen gegeben werden, die seine Absicht erklären – hieß es: „Als Gesetz in jeder einzelnen Provinz zu erlassen, allen Völkern öffentlich bekannt zu machen, damit sie für diesen Tag bereit seien.316

Es stand nicht geschrieben, wer bereit sein sollte. Nur Haman deutete den Wortlaut des Erlasses, wie geschrieben steht: „Und es wurde alles geschrieben, was Haman befohlen hatte.317“ In den zweiten Briefen steht dann ausdrücklich das Wort „die Juden“: „Als Gesetz in jeder einzelnen Provinz zu erlassen, allen Völkern öffentlich bekannt zu machen, damit die Juden für diesen Tag bereit seien, sich an ihren Feinden zu rächen.318

Als Haman zum König kam, sagte der König daher zu ihm: „Das Silber“, das im Voraus vorbereitet worden war, „sei dir gegeben.“ Du musst also keine weitere Handlung hinzufügen, denn „das Volk – damit du mit ihm tust, was dir gefällt“: Das Volk will bereits tun, was dir gefällt, und deine Herrschaft annehmen. Der König hatte ihm jedoch nicht befohlen, die Herrschaft Mordechais und der Juden zu annullieren. Vielmehr war im Voraus vorbereitet worden, dass es nun eine Enthüllung von Chochma geben sollte – genau das, was in Hamans Augen Gefallen fand.

Der Wortlaut des Erlasses sollte „als Gesetz in jeder einzelnen Provinz erlassen und allen Völkern öffentlich bekannt gemacht werden“. Das Gesetz besagte also, dass es eine Enthüllung geben sollte: Chochma sollte allen Völkern enthüllt werden. Es stand jedoch nicht darin, dass der Aspekt Mordechais und der Juden, also der Glaube, annulliert werden sollte. Die Absicht war vielmehr, Chochma zu enthüllen, während sie dennoch Chassadim wählen würden.

Haman sagte: Da jetzt die Zeit gekommen ist, Chochma zu enthüllen, soll man Chochma empfangen. Mordechai dagegen behauptete, die Enthüllung solle nur zeigen, dass ihre Wahl nicht erzwungen war. Sie sollten Chassadim nicht deshalb wählen, weil ihnen mangels einer Enthüllung von Chochma keine andere Möglichkeit blieb, sondern aus freiem Willen.

Darum sagten unsere Weisen: „Bis hierher unter Zwang, von hier an aus freiem Willen.319“ So heißt es über den Vers „Sie bestätigten und nahmen an320“: Die ganze Enthüllung kam jetzt nur, damit sie den Weg des Juden aus freiem Willen annehmen konnten.

Darin bestand der Streit zwischen Mordechai und Haman. Haman behauptete, der Schöpfer offenbare jetzt die Herrschaft von Chochma, damit die Unteren Chochma empfangen. Mordechai dagegen behauptete, der Schöpfer gebe der Linken Linie jetzt nur Herrschaft, damit sie in die Rechte einbezogen werde – die Rechte bleibe also das Wichtigste.

Daraus folgt, dass die zweiten Briefe die ersten nicht annullierten, sondern den Wortlaut des ersten Erlasses erläuterten und erklärten. „Allen Völkern öffentlich bekannt“ war für die Juden bestimmt, damit sie Chassadim aus freiem Willen wählen konnten.

Deshalb steht in den zweiten Briefen: „Damit die Juden für diesen Tag bereit seien, sich an ihren Feinden zu rächen.“ Wie oben erklärt, sollte die gegenwärtige Herrschaft von Chochma zeigen, dass sie Chassadim Chochma vorzogen. Das heißt „sich an ihren Feinden rächen“: Ihre Feinde wollen gerade Chochma, während sie Chochma zurückweisen.

Damit verstehen wir auch unsere Frage, warum der König fragte: „Wer ist es … der sein Herz mit dem Vorsatz erfüllte, so zu handeln?“ Der König hatte doch gesagt: „Das Silber sei dir gegeben und auch das Volk, damit du mit ihm tust, was dir gefällt.“ Der König hatte jedoch nur angeordnet, Chochma zu enthüllen. Die Linke sollte der Rechten dienen; dadurch sollte allen sichtbar werden, dass die Rechte wichtiger ist, denn gerade deshalb wählen sie Chassadim.

Das ist das Geheimnis der Megillat Ester, das zunächst einen inneren Widerspruch zu enthalten scheint. Megillat verweist auf Megale [enthüllt], weil alles öffentlich enthüllt wird, während Ester auf Hester [Verhüllung] verweist. Wie oben erklärt, dient jedoch die ganze Enthüllung nur dazu, die Verhüllung zu wählen; gerade dadurch werden die Lichter unten enthüllt.

Nun verstehen wir die Worte unserer Weisen: „Ein Mensch ist verpflichtet, sich an Purim so zu berauschen, bis er nicht mehr zwischen ‚Verflucht sei Haman‘ und ‚Gesegnet sei Mordechai‘ unterscheiden kann.321“ Die Begebenheiten um Mordechai und Ester ereigneten sich vor dem Bau des Zweiten Tempels. Der Bau des Tempels bedeutet, Chochma herabzuziehen; dann heißt Malchut (Königreich) „Tempel“.

Das ist das Geheimnis davon, dass Mordechai Ester aufforderte, zum König zu gehen und für ihr Volk zu bitten. Sie antwortete: „Alle Diener des Königs … wer ungerufen zum König hineingeht, für den gilt nur ein Gesetz: Er muss sterben … Ich aber bin seit dreißig Tagen nicht gerufen worden, zum König zu kommen.322“ Bekanntlich ist es verboten, GaR (die drei oberen Sefirot) nach unten herabzuziehen. Wer GaR herabzieht, wird zum Tode verurteilt, denn die Linke Linie bewirkt die Trennung vom Leben der Leben.

„Außer demjenigen, dem der König das goldene Zepter entgegenstreckt, damit er am Leben bleibt.“ Gold bezeichnet Chochma und GaR. Nur durch eine Erweckung des Oberen kann jemand am Leben, also in Anhaftung (Dwekut), bleiben; nicht aber durch eine Erweckung des Unteren. Obwohl Ester, also Malchut, Chochma benötigt, darf dies nur durch eine Erweckung des Oberen geschehen. Zieht sie selbst GaR herab, verliert sie ihren ganzen Aspekt.

Darauf antwortete Mordechai ihr: „Erleichterung und Rettung werden den Juden von einem anderen Ort erstehen.323“ Wenn sie die Linke Linie vollständig annullieren, bleibt den Juden nur die Rechte Linie, Chassadim. Dann aber gilt: „Du und das Haus deines Vaters werden zugrunde gehen.“ Denn nach dem Geheimnis „Abba (Vater) gründete die Tochter324“ muss Chochma in ihr vorhanden sein; doch das Essen muss das Trinken überwiegen.

Wenn die Juden jedoch keine andere Möglichkeit haben, werden sie gezwungen sein, die Linke Linie zu annullieren. Dann wird Esters ganzer Aspekt annulliert. Deshalb sagte sie: „Wenn ich umkomme, so komme ich um.325“ Wenn ich gehe, komme ich um, weil ich eine Trennung verursachen könnte. Gehe ich aber nicht, dann werden „Erleichterung und Rettung den Juden von einem anderen Ort erstehen“: auf einem anderen Weg, indem sie die Linke Linie vollständig annullieren, wie Mordechai es ihr befohlen hatte.

Deshalb wählte sie Mordechais Weg: Sie lud Haman zum Mahl ein und zog damit die Linke Linie herab, wie Mordechai es ihr befohlen hatte. Danach bezog sie die Linke in die Rechte ein. Das gesamte Herabziehen von Chochma geschah also von Anfang an mit der Absicht, Chochma nicht zu empfangen, sondern Chassadim vorzuziehen. Auf diesem Weg werden die Lichter unten enthüllt.

Das ist das Geheimnis der Megillat Ester: Obwohl es bereits eine Enthüllung gibt, wählt Ester dennoch die Verhüllung – denn Ester bedeutet Hester [Verhüllung].

Wir wollen hoffen, dass das Verdienst meines Vaters und Lehrers uns beisteht. Immerhin durften wir die Worte aus seinem heiligen Mund hören, auch wenn uns nicht zuteilwurde, die Tiefe jener Dinge zu verstehen, die auf der Höhe der Welt stehen.

Ich segne euch mit einem koscheren Fest; mögen wir der Rettung in der allgemeinen Erlösung würdig werden.

Euer Freund Baruch Shalom HaLevi AshlagSohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam.

Brief 32

Mit der Hilfe des Schöpfers, 11. Nisan 5717 (12. April 1957326)

An die Freunde, mögen sie ewig leben,

Seit geraumer Zeit habe ich keine Briefe von euch erhalten. Eure Ausreden sind mir zwar schon lange bekannt, doch ist auch euch klar, dass die größte Schwierigkeit gerade darin besteht, dass ihr Ausreden habt. Hoffen wir, dass der Schöpfer uns helfen wird.

Da das Pessachfest naht, wollen wir ein wenig über das Blut des Pessachopfers und das Blut der Beschneidung sprechen. Das Wort Dam (Blut) bedeutet Dmama (Schweigen, Stille), wie in den Worten: „Und Aaron schwieg“327 und „Schweige vor dem Ewigen“328. Das heißt: Er fragt nicht „Warum?“, obwohl er Fragen hat. Und dem Verständigen genügt dies.

Um das Gesagte zu verstehen, stellen wir die Worte unserer Weisen voran: Tanu Rabbanan (die Weisen lehrten): „Die beleidigt werden und nicht beleidigen, ihre Schmähung hören und nicht antworten, aus Liebe handeln und sich über Leiden freuen – über sie sagt die Schrift: ‚Die Ihn lieben, sind wie die Sonne, wenn sie in ihrer Macht aufgeht.‘329“ Rashi erklärt330: „Sie erfüllen Mizwot aus Liebe zum Schöpfer, nicht um Lohn zu erhalten und nicht aus Furcht vor Strafen“ (Traktat Gittin 36b331).

Die Erklärung lautet: Wenn ein Mensch mit größerer Anstrengung in die Arbeit eintritt, als ihm durch seine Erziehung vermittelt wurde, bildet sich in seinem Herzen ein innerer Anspruch. Schließlich fragt er: Gemessen an seiner Arbeit und seiner Mühe in Tora und Mizwot, die größer sind als die seiner Altersgenossen, hätte Sich der Schöpfer ihm längst offenbaren, ihm den Geschmack der Tora und den Geschmack der Mizwot offenbaren und mit ihm Freude haben müssen. So steht geschrieben: „Israel, an dem Ich Mich verherrliche.“332 Das bedeutet, dass der Schöpfer mit den Dienern des Schöpfers Freude hat.

Doch er sieht etwas anderes: Trotz all seiner Mühe und Anstrengung ist er gegenüber seinen Altersgenossen zurückgefallen. Und dem Verständigen genügt dies. Statt die Stimme des Schöpfers zu hören, die zu ihm spricht, hört er seine Schmähung, wie geschrieben steht: „Mit der Deine Feinde geschmäht haben“.333 Das heißt, man nimmt keine Rücksicht auf ihn. (Daraus folgt, dass all seine Mühe und Anstrengung in Tora und Arbeit vergeblich waren334. Und dem Verständigen genügt dies.)

Dann fühlt er sich gedemütigt und beleidigt, denn er steht auf einer niedrigeren Stufe als alle seine Altersgenossen.

Obwohl er zu einer solchen Zeit bei seinen Altersgenossen kein Zeichen von Größe erkennen kann, sagt er sich dennoch: Wenn die anderen die Ordnung der Arbeit und das Verständnis der Tora hätten, die ich besitze, würde der Schöpfer ihre Worte gewiss erhören, und ihre Mühe wäre nicht vergeblich. (Ich habe hier zwei Dinge miteinander vermischt: den Aspekt des Verstandes für jene, die verstehen, und ebenso den Aspekt der Verzweiflung für jene, die verstehen.)

Bekanntlich ist die Wahrheit das Wichtigste, denn „ein Richter kann nur nach dem urteilen, was seine Augen sehen“335. Wenn er daher seinen wahren Zustand mit all den Gedanken sieht, die an seinem Verstand nagen, ergeben sich für ihn daraus zwei Dinge:

1) Er fühlt sich beleidigt, das heißt, man nimmt keine Rücksicht auf ihn.

2) Danach gelangt er in den zweiten Zustand, in dem er seine Schmähung hört. Und dem Verständigen genügt dies.

Deshalb empfindet er großes Leid, wenn er sich in diesem Zustand behaupten will. Das ist die Bedeutung von „die beleidigt werden“: Er fühlt sich beleidigt, das heißt, man beachtet ihn nicht. „Und nicht beleidigen“ bezieht sich auf Handelnden und Handlung. Die Handlung besteht darin, dass er sich beleidigt fühlt; der Handelnde, der die Beleidigung zufügt, heißt „Beleidigender“. Er sagt jedoch, dass die Absicht des Schöpfers nicht darin besteht, ihn zu beleidigen. Im Gegenteil: Es ist der Weg des Schöpfers, Gutes zu tun.

Ebenso hört er seine Schmähung und antwortet nicht. Das heißt, er sucht keine Ausreden, nach dem Geheimnis der Worte: „Kusch streckt seine Hände zu Gott aus“.336

Da stellt sich die Frage: Was ist die Wahrheit? Warum lässt der Schöpfer ihn einen so niedrigen Zustand und solches Leid empfinden?

Die Sache ist: Wenn ein Mensch in die Arbeit liShma (um des Gebens willen) eintritt, also keine Gegenleistung für seine Mühe erwartet, und sowohl im Verstand als auch im Herzen auf sich nimmt, frei von jedem Eigeninteresse zu sein, gibt man ihm von oben die Möglichkeit, seinen Zustand zu sehen: Ist seine Absicht wirklich liShma? Wenn er dann die Prüfung besteht, lässt man ihn in den Palast des Schöpfers eintreten, und er sitzt im Schatten des Königs.

Daraus folgt: Nur hier, in diesem Zustand, kann er das wahre Maß seiner Liebe zum Schöpfer enthüllen, ohne Lohn zu nehmen, denn jetzt hat er nichts als Leid. Dies wird so bezeichnet, dass der Weg der Tora lautet: „Du sollst ein Leben voller Leid führen.“337 Bevor man diesen Zustand eines Lebens voller Leid durchschreitet, in dem die Mühe geeignet ist, zum Finden des Schöpfers zu führen, besteht sein ganzer Halt nur im Geheimnis der Anziehungskraft der Heiligkeit.

So erklärte mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) die Worte unserer Weisen: „Eine Frau ist ein Schlauch voller Unrat, und alle laufen ihr nach.“338 Ich habe euch die Erklärung dazu gegeben, die sich nicht schriftlich festhalten lässt. Dies entspricht den Worten: „Ester war grünlich, und ein Faden der Gnade war über sie gespannt.“339 Darin liegt das Geheimnis der Worte: „Ihr Vater hätte ihr ins Gesicht gespuckt.“340

Hier bedarf es der Hilfe des Himmels. Das ist die Bedeutung des Blutes des Pessachopfers und des Blutes der Beschneidung: Man kann standhalten und während der Beschäftigung mit der Tora schweigen, die Peh-Sach (sprechender Mund) genannt wird, und beim Erfüllen der Mizwot, auf die das Gebot der Beschneidung hinweist. Dann wird man würdig, aus dem Exil auszuziehen und in die Erlösung einzutreten, die im Geschmack der Tora und im Geschmack der Mizwot besteht.

Der Brief blieb bei mir, und ich sandte ihn nicht ab. Nun reise ich morgen, am 1. Ijar 5717341 (2. Mai 1957), nach Amerika; daher sende ich euch den Brief jetzt.

Euer Freund Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 33

Am Tag nach Pessach 5717342 (23. April 1957)

An den verehrten Rav und Weisen, den Ältesten der Gruppe …

Ich habe einen Brief von deinem Enkel … erhalten, in dem er mehrere Fragen stellt. Da ich gewöhnlich allgemein antworte und nicht auf Einzelheiten eingehe, obwohl ich es liebe, wenn der Fragende gerade nach den kleinsten Einzelheiten und nicht allgemein fragt, umfasst doch im Grunde die Gesamtheit (Klal) viele Einzelheiten.

Das heißt: Eine allgemeine Antwort ist für die Arbeit auf dem Weg der Wahrheit nützlicher. Gerade wenn der Fragende viele Einzelheiten hat, kann das Allgemeine in diese vielen Einzelheiten hineinleuchten, die bei uns „viele Kelim (Gefäße)“ heißen; dem Verständigen genügt dies. Deshalb werde ich allgemein antworten.

Bekanntlich ist das Wichtigste die Freude. Doch wir müssen verstehen, was Freude bedeutet, wie geschrieben steht: „Und die Freude – was bewirkt sie?“343 Warum wird außerdem der Vorzug der Arbeit durch Freude bestimmt, wie geschrieben steht: „Weil du nicht … mit Freude gedient hast“344?

Wir können die Freude anhand der Erscheinungsformen dieser Welt verstehen. Mein Vater und Lehrer sagte, dass dem Menschen alle Wege dieser Welt nur gegeben werden, damit er daraus Buchstaben und Gefäße für spirituelle Bedürfnisse gewinnt.

Wir sehen, dass Menschen den ganzen Tag arbeiten – der eine bei seiner Arbeit, der andere im Handel. Den ganzen Tag wartet der Mensch darauf, endlich nach Hause zurückkehren, eine gute Mahlzeit essen und sich mit seiner Familie und seinen Kindern erfreuen zu können.

Oder jemand fährt in ein fernes Land, erträgt die Leiden der Arbeit und sehnt sich nach dem Zeitpunkt, an dem er nach Hause kommen kann. Wenn er sieht, dass die Heimkehr näher rückt, beginnt Freude sein Herz zu erfüllen. Dann steigert die beständige Sehnsucht, sein Ziel zu erreichen, den Wert des Ziels.

Er spürt also, dass es sich lohnt, alle Mühe einzig dafür aufzuwenden, nach Hause zu gelangen und genießen zu können. Denn andernfalls, das heißt, wenn er sich nicht angestrengt hätte, hätte er nichts, woran er sich erfreuen könnte: Das Haus wäre völlig leer, und er könnte nicht genießen.

Daraus folgt, dass es hier zwei Dinge gibt:

1) eine gute, schöne Mahlzeit oder viel Geld, das jemand aus einem fernen Land mitbringt;

2) die Sehnsucht, das Ziel zu erreichen.

Könnte man den Genuss auf einer Waage wiegen, ließe sich sagen: Der Genuss an der Mahlzeit oder an dem aus dem Ausland mitgebrachten Geld wiegt ein Kilogramm. Die Sehnsucht dessen, der sich den ganzen Tag danach sehnt, nach Hause zu gehen und die Mahlzeit zu essen, kann den Genuss so sehr steigern, dass er hundert Kilogramm wiegt.

Ebenso steigert bei einem Menschen, der sich danach sehnt, mit dem im Ausland erworbenen Geld nach Hause zurückzukehren, die Sehnsucht den Genuss ohne Maß und Grenze. Der Genuss wächst nur entsprechend dem Ausmaß der Sehnsucht.

Das Ausmaß der Sehnsucht wiederum wächst entsprechend der Mühe. Wer hart arbeitet und dabei Leiden erfährt, dessen Leiden selbst vergrößern seine Sehnsucht, von ihnen befreit zu werden und an sein ersehntes Ziel zu gelangen. Seine ganze Lebenskraft (Chajut) während des Leidens kommt nur aus der Zukunft: Er spürt, dass die Zeit näher rückt, in der er nach Hause zurückkehren kann.

Hat ein Mensch demnach eine gute Mahlzeit oder viel Geld, ohne sich dafür angestrengt zu haben, kann er Genuss nur aus der oben genannten ersten Art schmecken, also im Ausmaß eines Kilogramms. Wer sich jedoch bemüht und sehnt, empfängt Genuss aus der oben genannten zweiten Art und kann ihn somit hundert- und tausendfach steigern.

Man darf nicht einwenden: Wie verhält es sich eigentlich? Wenn sowohl die Mahlzeit als auch das Geld Genuss bereiten, was ändert dann die Sehnsucht? Wenn Mahlzeit und Geld Dinge an sich sind, wie können Mühe und Sehnsucht den Genuss an ihnen steigern?

Doch wie oben erklärt, haben materielle und spirituelle Erwerbungen dieselbe Natur. Denn jeder Genuss, ob materiell oder spirituell, wird „Licht“ genannt. Für die Lichter gilt ein Grundsatz (Klal): Wir besitzen keine Erlangung (Hassaga) in ihnen. Ihre endgültige Form lässt sich vielmehr nur durch die Gefäße bestimmen; wir bestimmen also die Form der Lichter nach der Beschaffenheit der Gefäße.

Unter Kelim versteht man bekanntlich die Sehnsucht nach einer Sache. Folglich vergrößern die Gefäße das Licht. Nicht das Licht muss größer sein, sondern die Gefäße müssen größer sein. Nur wenn der Mensch viele Gefäße, also eine große Sehnsucht hat, empfindet er einen größeren Genuss am Licht.

Daher bestimmen selbst im Materiellen nicht die Mahlzeit und das Geld das Ausmaß des Genusses, sondern Mühe und Sehnsucht bestimmen seine Größe.

Damit verstehen wir die Freude. Wenn jemand mit der Arbeit für den Schöpfer beginnt, werden ihm gewöhnlich während der Beschäftigung mit der Tora und beim Gebet fremde Gedanken geschickt. Das bereitet ihm Leiden. Doch er leidet nur in dem Maß, in dem er sie loswerden und vertreiben will.

Wie vertreibt man diese Gedanken? Nur durch Freude. Der Mensch muss also darauf vertrauen, dass er schließlich das ersehnte Ziel erreicht: seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten und dem König zu dienen.

Er muss sich Bilder machen, sich also ausmalen, wie gut und angenehm es ist, im Schatten des Königs zu sein, „die Lieblichkeit des Ewigen zu schauen und Seinen Palast aufzusuchen“345. Wie geschrieben steht, erfreut Sich der Schöpfer an den Gerechten (Zaddikim)346, und gewiss werde auch ich diese Stufe erreichen.

Dann betrachtet er die fremden Gedanken, die ihm diesen Verlust verursachen: dass er nicht zu den Söhnen des Palastes des Königs gehören kann. Nun kann er den Unterschied abwägen zwischen dem guten Lohn für die Gerechten und der Vergeltung an den Frevlern – also den Wert von Licht gegenüber Finsternis.

In dem Maß, in dem ihm die fremden Gedanken Leiden bereiten, empfindet er Freude, wenn er gute Gedanken hat. Gibt es eine Zeit, in der er keinerlei fremde Gedanken hat, ist er froh. In einer Zeit der Niedrigkeit muss er Lebenskraft und Freude aus der Zukunft empfangen – nämlich daraus, dass der Schöpfer Sich schließlich seiner erbarmt und ihn zu Sich zieht.

So vergrößert er durch die fremden Gedanken die Mahlzeit, also die Zeit, in der er gute Gedanken hat. Dann kann er den Schöpfer dafür loben und Ihm danken, dass Er ihn jetzt zu Sich zieht.

Die Hauptsache bei den fremden Gedanken ist somit, dass sie ihm Freude bringen: Er soll sich nach der Zeit sehnen, in der er dem König ohne jeden Makel dienen kann. Dadurch werden die fremden Gedanken erhoben. Denn in den Büchern steht, dass der Mensch fremde Gedanken korrigieren muss, wenn sie ihm während der Arbeit kommen.

Der Schöpfer helfe uns, damit wir würdig werden, dem Schöpfer mit Freude und frohem Herzen zu dienen.

Dein Freund

Brief 34

Vorabend von Rosh HaShana 5718, hier in Manchester347

An die Freunde, mögen sie ewig leben,

Nachdem ich euch am vermeintlich materiellen Ort nähergekommen bin, wollen wir auf eine Annäherung der Herzen hoffen. Denn schon lange gab es zwischen uns keinen Briefwechsel, und eine materielle Handlung bewirkt Vereinigung. So heißt es im Gebet zu Rosh HaShana: „Und sie alle werden zu einem Bund.“ Dann wird es leichter sein, „Deinen Willen mit ungeteiltem Herzen zu tun“.348

Denn solange es keinen gemeinsamen Bund gibt, ist es schwer, mit ungeteiltem Herzen zu arbeiten. Vielmehr bleibt ein Teil des Herzens dem eigenen Nutzen vorbehalten und dient nicht dem Nutzen des Schöpfers. So heißt es im Midrash Tanchuma: „‚Ihr steht heute‘349 – wie der Tag bald hell ist und bald dunkel wird, so ist es auch mit euch: Wenn es euch dunkel ist, wird euch künftig das ewige Licht leuchten, wie geschrieben steht: ‚Und der Ewige wird dir zum ewigen Licht sein.‘350 Wann? Wenn ihr alle zu einem Bund werdet, wie geschrieben steht: ‚Ihr alle lebt heute.‘351 Nach dem Lauf der Welt: Wenn jemand ein Bündel Schilfrohre nimmt, kann er sie etwa alle auf einmal zerbrechen? Nimmt er sie jedoch einzeln, kann selbst ein kleines Kind sie zerbrechen. Ebenso findest du, dass Israel nicht erlöst wird, bevor alle zu einem Bund werden, wie geschrieben steht: ‚In jenen Tagen und zu jener Zeit, spricht der Ewige, werden die Kinder Israels kommen, sie und die Kinder Judas gemeinsam …‘352 Wenn sie verbunden sind, empfangen sie das Antlitz der Shechina (göttliche Gegenwart).“353

Ich habe den Wortlaut des Midrash angeführt, damit ihr nicht denkt, eine „Gruppe“, also die Liebe zu Freunden, sei eine Sache des Chassidismus. Vielmehr ist dies eine Auslegung unserer Weisen. Sie erkannten, wie notwendig die Verbindung der Herzen ist, damit sie zu einer einzigen Gruppe werden und das Antlitz der Shechina empfangen können.

Gewiss gibt es unter den Freunden jemanden, der dasteht und laut ruft: „Reicht einander die Hand zu einem gemeinsamen Bund!“, dabei aber die Nachlässigkeit immer den Freunden anlastet. Dennoch kann ich ihn nicht aus der Gesamtheit der Freunde ausschließen, die in dieser Sache nachlässig sind. Und dem Verständigen genügt dies.

Vor allem wollen wir hoffen, dass der Schöpfer uns im neuen Jahr, dem Jahr „Shet Chai“ („Shet lebt“)354, ewiges Leben gibt, wie geschrieben steht: „Denn Gott hat mir anstelle von Abel einen anderen Nachkommen gesetzt [shat]“355 usw. Und „Shet Chai“ möge sich erfüllen.

Rosh HaShana bedeutet einen neuen Anfang: Der Mensch beginnt, ein neues Gebäude zu errichten. Dazu sagten unsere Weisen: „Ein Mensch soll sich immer so betrachten, als sei er zur Hälfte schuldig und zur Hälfte verdienstvoll. Hat er eine Mizwa erfüllt, wohl ihm, denn er hat sich selbst und die ganze Welt zur Seite des Verdienstes geneigt. Hat er eine Übertretung begangen, wehe ihm, denn er hat sich selbst und die ganze Welt zur Seite der Schuld geneigt.“356

Wir müssen verstehen, was es heißt, dass er sich immer als halb und halb betrachten soll. 1) Wenn er eine Mizwa erfüllt und sich zur Seite des Verdienstes geneigt hat, wie kann man danach erneut sagen, er sei „halb und halb“? Schließlich hat er die Entscheidung bereits herbeigeführt und besitzt nun eine Mehrheit an Verdiensten. Und umgekehrt: Wenn er eine Übertretung begangen hat, wie kann man danach sagen, er sei halb und halb? 2) Wie kann er sich als halb und halb betrachten, während er von sich selbst weiß, dass er voller Sünden und Vergehen ist? Zugleich verpflichtet man ihn zu bekennen: „Wir haben uns schuldig gemacht, wir haben treulos gehandelt“ und „wegen der Sünde …“.357

Der Sinn ist, dass unsere Weisen uns die Ordnung der Arbeit verständlich machen. Hier geht es nicht um Recht und Urteil vor dem Gerichtshof oben; erst wenn der Mensch vor diesen Gerichtshof kommt, werden Übertretungen und Verdienste abgewogen. Vielmehr lehren uns unsere Weisen hier, dass der Mensch die Arbeit jederzeit beginnen, das Gute wählen und das Böse verwerfen kann. Denn eine Wahl ist gerade dann möglich, wenn beide Seiten gleich stark sind; dann besitzt er die Kraft zu wählen. Hat dagegen eine Seite bereits die Mehrheit, kann er keine Entscheidung mehr herbeiführen, weil der Mensch der Mehrheit folgt. Dann kann von Wahl nicht mehr die Rede sein.

Es stellt sich daher die Frage: Wie kann er sich selbst täuschen und behaupten, er sei halb und halb, obwohl er weiß, dass er voller Sünden ist? Man muss jedoch wissen, dass die dem Menschen gewährte Wahl immer feststeht und bestehen bleibt, nach dem Grundsatz: „Wer größer ist als sein Freund, dessen Trieb ist größer als er.“358 Daraus ergibt sich der Grundsatz: Wenn ein Mensch viele Sünden hat, besitzt er einen kleinen Trieb, der nicht größer ist als der gute Trieb; vielmehr sind beide genau gleich stark. So bleibt es in seiner Hand, die Entscheidung herbeizuführen.

Da die Übertretungen durch den Bösen Trieb (Jezer haRa) und die Mizwot durch den Guten Trieb (Jezer haTov) kommen, wie Rashi erklärte: „‚Du hast Gerechte erschaffen‘ – durch den Guten Trieb; ‚Du hast Frevler erschaffen‘ – durch den Bösen Trieb“359, sagten unsere Weisen: „Ein Mensch soll sich immer so betrachten, als sei er zur Hälfte schuldig und zur Hälfte verdienstvoll.“ Hinsichtlich der Wahl ist er also immer in diesem Zustand. Und wenn die Übertretungen …, vermindert sich der Böse Trieb, sodass beide Seiten gleich stark sind. Ebenso gibt man ihm, wenn er eine Mizwa erfüllt und sich bereits zur Seite des Verdienstes geneigt hat, sofort einen größeren Bösen Trieb, wie oben gesagt wurde: „Wer größer ist als sein Freund, dessen Trieb ist größer als er.“ Somit sind beide Seiten nun wieder gleich stark. Dadurch hat der Mensch die Möglichkeit, sich zur Seite des Verdienstes zu neigen.

Deshalb beginnt der Mensch an Rosh HaShana seine Arbeit von Neuem. Darüber hinaus heißen die zehn Tage der Umkehr (Teshuwa) Tage der Vergebung und der Sühne der Vergehen. All dies soll dem Menschen Gelegenheit geben, wieder in die Arbeit für den Schöpfer einzutreten, obwohl er sich so weit von der Arbeit entfernt hatte.

Die hauptsächliche Arbeit ist das Gebet, denn nur durch das Gebet kann der Mensch die Herrschaft der Vielen verlassen und in die Herrschaft des Einen eintreten. Beim Gebet sind Klein und Groß gleich. Im Gegenteil: Wer seine eigene Niedrigkeit stärker empfindet, kann eher ein wahres Gebet aus der Tiefe des Herzens sprechen. Er weiß, dass er sich nicht durch eigene Taten aus der Bedrängnis befreien kann. Denn dann kann er sagen: Nur wer mit besonderen Begabungen und feinen Charaktereigenschaften erschaffen wurde, kann aus eigener Kraft etwas bewirken; wer jedoch keine Begabungen und guten Eigenschaften besitzt, braucht einzig das Erbarmen des Himmels. Somit kann gerade dieser Mensch ein wahres Gebet sprechen.

Man muss jedoch aufpassen, nicht aus dem Kampf zu fliehen. Denn der Trieb bringt dem Menschen gerade dort, wo er ein wahres Gebet sprechen kann, Funken der Verzweiflung. Er legt ihm Beweise, Analogieschlüsse und Schlussfolgerungen vom Leichteren auf das Schwerere360 vor, wonach sein Gebet keinen Nutzen bringt, bis der Mensch nicht mehr an die Worte glauben kann: „Denn Du hörst das Gebet eines jeden Mundes.“361 Bekannt ist der Ausspruch unserer Weisen: „Der Schöpfer verlangt nach dem Gebet der Gerechten.“362 Denn das Gebet ist das wichtigste Kli (Gefäß) für das Verweilen der Shechina; es wird als Aspekt (Bchina) des „Gebets eines Armen“ bezeichnet.

Das Gebet gilt selbst für den Größten der Großen, denn sonst gerät der Mensch in einen Stillstand in der Arbeit. Das ist die Bedeutung der Worte: „Denn der Arme wird nicht aus der Mitte des Landes verschwinden.“363 Wir müssen verstehen, warum der Schöpfer uns eine solche Zusage gab. Sie klingt, als sei es notwendig, dass es Arme gibt. Wäre es denn nicht besser, wenn es so etwas in Israel nicht gäbe?

Die Erklärung entspricht dem oben Gesagten: Ein „Armer“ bezeichnet einen Ort für das Gebet. Gibt es keinen Ort des Mangels, gibt es keinen Ort für das Gebet. Wenn der Mensch also der Gadlut (Erwachsensein) würdig wird, bleibt dann kein Ort mehr für das Gebet? Darauf gibt uns der Schöpfer die Zusage: „Denn er wird nicht verschwinden“ usw. Es wird immer möglich sein, einen Ort des Mangels zu finden, damit der Mensch zu einer höheren Stufe aufsteigen kann.

Das ist die Bedeutung der Worte: „Armut steht Israel so gut wie ein rotes Band einem weißen Pferd.“364 Gemeint ist: Selbst wenn er bereits ein Jude auf der höchsten Stufe der Gadlut ist, steht ihm dennoch Armut gut – ein Ort des Mangels, damit er ein Gebet sprechen kann, wie oben erklärt wurde.

Dazu heißt es in der Gemara: „Rabbi Ela sagte zu Ulla: Wenn du dorthin kommst, grüße meinen Bruder Rav Bruna in Gegenwart der ganzen Gruppe; denn er ist ein großer Mensch und freut sich an den Mizwot. Einmal verband er die Erlösung unmittelbar mit dem Gebet, und den ganzen Tag wich das Lächeln nicht von seinen Lippen“ (Traktat Brachot 9b)365. Das bedeutet: Er ist ein großer Mensch, wenn er sich im Zustand der Erlösung befindet und bereits von allen Mängeln erlöst ist. Dann hat er nichts mehr zu tun, und seine Arbeit besteht darin, in sich einen Mangel zu finden, über den er beten kann. Als er „die Erlösung unmittelbar mit dem Gebet verband“, also sofort einen Ort für das Gebet fand, war seine Freude grenzenlos. Dies entspricht den oben angeführten Worten: „Denn der Arme wird nicht aus der Mitte des Landes verschwinden.“

Aus allem Gesagten folgt für uns: Das Wichtigste ist das Gebet. Stärkt euch im Gebet und im Glauben an die Worte: „Denn Du hörst das Gebet eines jeden Mundes.“

Mögen wir eines guten Eintrags und einer guten Besiegelung würdig werden.

Euer Freund Baruch Shalom HaLevi

Sohn meines Vaters und Lehrers, Baal HaSulam

Brief 35

Vorabend von Jom Kippur 5718 (4. Oktober 1957)

Zu deiner Frage: „Warum wurden wir so einsam im Kampf zurückgelassen?“

Unsere Weisen sagten: „Jeder, der über einen würdigen Menschen weint und trauert …“ (Traktat Schabbat 105b)366. Was bedeuten Weinen und Trauern?

Bekanntlich gibt es zwei Arten des Weinens: das Weinen aus Trauer und das Weinen aus Freude. Wenn das Herz von einer stärkeren Erregung als gewöhnlich erfüllt ist – ob sie von etwas Gutem oder, Gott behüte, von etwas Schlechtem herrührt –, tritt die innere Bewegung nach außen. Es ist wie bei einem Glas Wasser: Sobald es voll ist, läuft das Wasser aus dem Gefäß. Ebenso sind die Tränen ein Überschuss, der nach außen tritt. Daher gibt es Freudentränen und ebenso das Gegenteil.

Tränen ohne Grund sind jedoch unmöglich. Zwar gibt es künstliche Tränen: Wenn jemand einem anderen zeigen will, dass ihn etwas bewegt, ist auch das ein Grund für Tränen; doch sie heißen künstlich.

Wenn daher ein würdiger Mensch in die himmlische Lehrversammlung367 gerufen wird, man sein Fehlen spürt und sich Gefühl und Schmerz im Herzen ansammeln, äußert sich dies in Tränen. Wird einem Menschen ein Mangel in einem bestimmten Maß bewusst, heißt dieser Mangel Gebet, und durch das Gebet zieht man das Verlorene wieder heran. Achtet man jedoch nicht darauf und findet sich mit dem Zustand ab, entfernt man sich jedes Mal weiter, bis man vergisst.

Bekanntlich wird ein Verstorbener im Herzen vergessen, denn Tod bedeutet bereits Verzweiflung. Daher wird in Bezug auf den Verstorbenen, der mit einem Menschen verbunden war – und diese Verbindung verpflichtet den Menschen, darauf zu achten –, der Vorwurf erhoben: Warum ist der Gerechte verlorengegangen, ohne dass jemand es sich zu Herzen nimmt?368

Damit gegen den Menschen, der mit dem verstorbenen Gerechten verbunden war, kein Vorwurf erhoben wird, nimmt der verstorbene Gerechte eine Korrektur vor: Er nimmt ihm zurück, was er ihm gegeben hat.

Dadurch wird der Mensch sehr viel schlechter. Denn diese Menschen hatten bereits ein Verlangen zu empfangen in Bezug auf Spiritualität. Wenn ihnen die Spiritualität verlorengeht, beginnen materielle Dinge das Maß an Genuss zu füllen, das zuvor aus der Spiritualität kam. Deshalb fallen sie tiefer als der niedrigste Zustand: in niedere Begierden und in noch stärkeres Verlangen nach Ehre.

Deshalb erklärte er nach dem Vorfall, der uns widerfuhr: Sie vergaßen das Wesen und wählten für sich den Weg des Streits …

Daher kannte ich die Folgen im Voraus. Manche Menschen können ihre Gedanken verbergen, andere besitzen diese Kraft nicht; dann treten ihre Gedanken nach außen. Das heißt, sie begehen unangemessene Taten und zeigen allen, dass sie keine Verbindung mit dem Gerechten haben und nie eine hatten.

Warum wunderst du dich also jetzt? Dies geschah doch gleich nach Jom Kippur 5715 (1954). Schon damals wurde die Sache entschieden; bis heute entfalteten sich lediglich ihre Gedanken und Handlungen der Reihe nach.

Nun wirst du besser verstehen, wie notwendig es ist, den Worten unserer Weisen zu glauben, die den Menschen verpflichteten zu sagen: „Für mich wurde die Welt erschaffen.“369 Doch wie kann man diese Größe annehmen? Müsste der Mensch dazu nicht übermäßig stolz sein?

Wenn jedoch die ganze Grundlage im Glauben liegt, kann man auch dies glauben. Arbeitet der Mensch für sich selbst, erheben sich solche Einwände. Wenn er aber wenigstens will, dass sein Verlangen um des Himmels willen ist, kann er auch dies bereits glauben. Denn Glauben braucht man auf Schritt und Tritt.

„Die Gerechten sind in ihrem Tod größer als zu ihren Lebzeiten.“370 Das heißt, nach ihrem Tod muss man den Glauben stärker vergrößern als zu ihren Lebzeiten, denn die ganze Grundlage des Weges des verstorbenen Gerechten liegt im Glauben. Nur auf diesem Weg offenbart sich das Wissen. Nur wer damit belohnt wurde, auf den Wegen des Glaubens zu gehen, besitzt Weisheit und Stärke.

„Wer bei der Trauerrede für einen Weisen nachlässig ist, verdient es, zu Lebzeiten begraben zu werden“ (Traktat Schabbat 105b). Erklärung: Wo kein Mangel empfunden wird, macht sich Nachlässigkeit bemerkbar. Da er den Verlust nicht spürt und nicht so bewegt ist, dass in seinem Herzen eine Trauerrede erwacht, verdient er es, zu Lebzeiten begraben zu werden – selbst wenn er noch lebt und die Lebenskraft, die er vom Weisen erhielt, ihn noch nicht verlassen hat.

So wie es für einen Toten keine Korrektur außer durch das Begräbnis gibt, verdient auch dieser Mensch, begraben zu werden, denn der Tod wird gewiss kommen; das heißt, das Leben wird ihn verlassen. Unsere Weisen lehren uns damit, dass er es schon jetzt verdient, begraben zu werden …

Baruch Shalom HaLevi

Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

Brief 36

Vorabend von Sukkot, 9. Oktober 1957371, Manchester

An die Freunde im Heiligen Land, mögen sie ewig leben.

Diese Woche erhielt ich zwei Briefe von …, und auf seine Frage … werde ich persönlich antworten.

Allgemein sagten unsere Weisen: „Wer es versäumt, einen Weisen gebührend zu betrauern, verdient es, zu seinen Lebzeiten begraben zu werden“ (Schabbat 105)372. Man muss fragen: Warum verdient er eine so schwere Strafe?

Man muss jedoch wissen, dass Trägheit immer dort entsteht, wo kein Mangel empfunden wird; nur dort hat die Trägheit Raum. Wo hingegen ein Mangel besteht, regt sich der Mensch immer dazu, nach Mitteln zu suchen und den Mangel zu beheben. Gerade bei jemandem, der durch das Hinscheiden des Weisen keinerlei Mangel empfindet, wird dies in der Trauerrede auf den Weisen sichtbar: Er versäumt es, ihn gebührend zu betrauern.

Es stellt sich die Frage, warum er beim Hinscheiden des Weisen keinen Mangel empfindet. Man muss sagen, dass er auch zu Lebzeiten des Weisen nichts von ihm empfangen hat. Deshalb empfindet er bei dessen Hinscheiden keinen Mangel.

Dies ist die Bedeutung ihrer Worte: „Er verdient es, zu seinen Lebzeiten begraben zu werden“, das heißt zu Lebzeiten des Weisen. Nicht nur jetzt ist sein Verhalten verfehlt, weil er es versäumt, den Weisen gebührend zu betrauern; schon damals war sein Verhalten verfehlt. Daher bedeuten die Worte „Er verdient es, zu seinen Lebzeiten begraben zu werden“: zu Lebzeiten des Weisen.

Doch für all dies gibt es Heilung. Anders ist es bei den Worten: „Wer einen Tora-Gelehrten verächtlich macht, für dessen Wunde gibt es keine Heilung“ (Schabbat 119)373. Wenn es ihm also nicht genügt, die gebührende Trauer um einen Weisen zu versäumen, sondern er behauptet, er stehe in Verbundenheit auf derselben Stufe wie der Weise, dann gibt es keine größere Verächtlichmachung eines Tora-Gelehrten. Unsere Weisen sagten, für seine Wunde gebe es keine Heilung. Vielmehr sinkt er jedes Mal noch tiefer, bis er allen seine wahre Gestalt offenbart, das heißt, seine Tora wird ihm zum Gift des Todes374 – Gott bewahre.

Meine allgemeine Antwort lautet: Das Fest Sukkot beantwortet alle Fragen, selbst die schwierigsten und schlimmsten. Denn bekanntlich ist die Sukka der Aspekt des „Schattens des Glaubens“ (Zilla de Mehemnuta), und nach dem Gesetz muss „ihr Schatten größer sein als ihre Sonne“375.

Es ist bekannt, dass die Sonne auf den Aspekt des Wissens hinweist und der Mond auf den Aspekt des Glaubens. Dies entspricht den Worten unserer Weisen: „Israel zählt nach dem Mond, die Völker der Welt zählen nach der Sonne.“376 Das heißt: Jedes Mal, wenn man sieht, dass der Aspekt der Sonne vorhanden ist und die Sonne größer ist als ihr Schatten, muss man mehr bedecken, damit ihr Schatten größer wird.

Wenn ein Mensch würdig ist, aber von sich aus keinen weiteren Schatten hinzufügt, erbarmt man sich seiner von oben und bedeckt für ihn die Sonne. Dann wird der Mensch zornig, weil er es anders versteht. Seinem Verstand nach möchte er, wenn er bereits den Aspekt der Sonne besitzt, dass man ihm noch mehr Sonne hinzufügt. Doch „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken“377, und man fügt ihm den Aspekt des Schattens hinzu.

Wenn der Mensch den Schatten überwindet, gibt man ihm den Aspekt der Sonne. Dann muss er Schatten hinzufügen. Fügt er keinen hinzu, fügt man ihm von oben Schatten hinzu, und so wiederholt es sich, bis er ewiger Anhaftung (Dwekut) würdig wird.

Man muss sich jedoch besonders anstrengen, den Schatten anzunehmen und zu sagen, dass es ein heiliger Schatten ist, dass dieser ganze Schatten vom Himmel und nicht von der Sitra Achra (der anderen Seite) kommt und dass er ihm gegeben wurde, damit er Gelegenheit hat, den Glauben auf sich zu nehmen. Dann wird dies „Schatten des Glaubens“ (Zilla de Mehemnuta) genannt, und es ist heilig. Darüber heißt es: „Denn die Wege des Ewigen sind gerade; Gerechte wandeln auf ihnen, Frevler aber …“ und so weiter378.

Dies ist die Bedeutung dessen, dass man die Laubdecke aus den Abfällen von Tenne und Kelter macht. Mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) erklärte: „Tenne“ (Goren) stammt von den Worten „Ein Fremder bin ich“ (Ger Anochi)379, und „Kelter“ (Yekev) von den Worten „und wer den Namen des Ewigen ausspricht“ (we-Nokew Shem HaShem)380. Die heiligen Worte meines Vaters und Lehrers sind wie oben zu erklären: Die Laubdecke ist der Aspekt des „Schattens des Glaubens“ (Zilla de Mehemnuta), der „Glaube über dem Verstand“ genannt wird und dem Verstand entgegengesetzt ist. Denn der Verstand bringt ihn zu Abfall, Tenne und Kelter.

Aus der Sicht des Verstandes, so wie die materiellen Augen sehen, gibt es also Raum für die Abfälle von Tenne und Kelter. Gerade daraus macht er einen Schatten und sitzt darunter. Das heißt, aus all diesen niedrigsten und schlimmsten Dingen schafft er sich einen Sitzplatz und erfüllt mithilfe des Abfalls die Mizwa der Sukka.

Die Hauptsache ist, dass er sich über diese Mizwa freut, denn Glaube über dem Verstand wird „Freude an einer Mizwa“ genannt. Somit werden alle Einwände und Fragen, die es in der Wirklichkeit der Welt gibt, in der Sukka korrigiert; denn ohne sie kann man keine Laubdecke machen.

In dieser Hinsicht muss der Mensch ein guter Gast sein und sagen: „Alles, worum sich der Hausherr bemüht hat, hat er nur für mich getan.“381 Der Mensch muss mit seinem Mund sagen, dass alles, was in der Welt geschieht – dass es also Menschen gibt, die leiden und Böses erfahren –, dazu dient, dass ich das Gute empfangen kann, das heißt, den Aspekt des Glaubens verwirklichen kann. Selbst wenn ich das Böse sehe, das Menschen widerfährt, geschieht es, damit ich Gelegenheit habe, das Joch der Königsherrschaft des Himmels auf mich zu nehmen.

Und mehr noch ist zu sagen, dass andere Böses erleiden, nur damit ich Gelegenheit zum Empfangen habe. Tatsächlich ist es schwer, dies zu sagen. Doch wenn der Mensch arbeitet, um seinem Schöpfer Zufriedenheit zu bereiten, zählt er selbst nicht, sondern alles geschieht um des Schöpfers willen. Wenn der Mensch dann nicht im Mittelpunkt steht, kann man alles sagen. Denn wenn er sagt: „Der Hausherr hat sich nur für mich bemüht“, meint er damit, dass ich in der Arbeit des Glaubens fortfahren kann; und all dies geschieht nur für den Schöpfer und nicht für ihn selbst.

Wenn der Mensch sich um Genüsse sorgt, fällt es ihm schwer, sich selbst zu täuschen und zu sagen, die ganze Welt sei nur für ihn erschaffen worden. Wenn er sich jedoch um den Nutzen des Schöpfers sorgt, ist es nicht so schwer zu glauben, weil die Selbstbezogenheit nicht zählt.

Aus all dem folgt, dass die Laubdecke, die „Schatten“ genannt wird, gerade aus den Abfällen von Tenne und Kelter gemacht wird. Dies ist die Bedeutung dessen, was wir im Gebet in der Sukka sagen: „Und Schutz zu suchen vor Wolkenbruch und Regen.“382 Das heißt, der Glaube rettet den Menschen vor allen Schädigern. Denn Schädiger sind fremde Gedanken und fremde Ansichten, und der Glaube wird gerade auf Abfall gebaut. Nur so gibt es Schutz vor Wolkenbruch und Regen; andernfalls wird der Mensch von der Strömung der Welt mitgerissen.

Regen belebt die Erde. Menschen, die zum Unbelebten gehören, ernähren sich nur vom Verstand, und allein der Verstand erhält sie am Leben. Wo der Verstand nicht hinreicht, können sie nicht standhalten. Dieser Verstand belässt diese Menschen auf der Stufe des Unbelebten.

Wer hingegen zur Stufe des Pflanzlichen gehören möchte, darf diesen Verstand nicht als Stütze annehmen. Denn dieser Regen ist für denjenigen ungeeignet, der auf dem Weg der Wahrheit gehen möchte. Wenn der Mensch scheitert und sich irgendeine Stütze aus diesem Verstand nimmt, erfährt er sofort einen Abstieg und fällt in die tiefste Unterwelt.

Diejenigen auf der Stufe des Unbelebten hingegen kann dieser Verstand erhalten, und sie erleiden keine Abstürze. Deshalb suchen sie immer nach einem Aspekt des Verstandes, auf den sie ihre Arbeit stützen können. Damit man nicht an diesem Verstand scheitert, der „Regen“ genannt wird, liegt in der erwähnten Laubdecke eine besondere Kraft. Deshalb sagen wir: „Und Schutz zu suchen vor Wolkenbruch und Regen.“ Damit sind die Fragen beantwortet. Mögen wir des „Schattens des Glaubens“ (Zilla de Mehemnuta) würdig werden.

Um dies noch klarer zu verstehen, gebe ich euch einen Abschnitt aus einem Brief meines Vaters und Lehrers wieder. Vertieft euch darin, und eure Seele wird aufleben. Dies sind seine Worte: „Nebenbei werde ich dir das Geheimnis der Almosengabe an einen Armen (Zedaka, auch: Gerechtigkeit) erklären, die im Sohar, in den Tikkunim (Korrekturen) und bei unseren Weisen sehr gepriesen wird. Im Menschen gibt es ein Organ, mit dem zu arbeiten verboten ist. Selbst wenn sich im Menschen noch ein ganz feines Verlangen zeigt, mit ihm zu arbeiten, bleibt dieses Organ wie von Gott heimgesucht und geschlagen383.

Es wird ‚Armer‘ genannt. Seine ganze Berechtigung, in der Welt zu bestehen und versorgt zu werden, liegt darin, dass andere für ihn arbeiten und sich seiner erbarmen. Dies ist das Geheimnis der Worte: ‚Wer eine einzige Seele aus Israel erhält, dem wird angerechnet, als hätte er eine ganze Welt erhalten.‘384 Da er vom Tisch anderer abhängig ist, besitzt er lediglich die Erhaltung seiner eigenen Seele. Verstehe dies.

Dennoch gilt es in den Augen des Schöpfers, als hätte er eine ganze Welt erhalten. Denn gerade dies ist der Segen der Welt und ihrer ganzen Fülle: Sie trägt Frucht, vermehrt sich und gelangt nur durch die Kraft der Seele dieses Armen, die durch die Arbeit der anderen Organe erhalten wird, zur Vollendung. Dem Verständigen genügt dies.

Dies ist das Geheimnis der Worte: ‚Und Er führte ihn hinaus und sprach: Blicke doch zum Himmel … Und er glaubte an den Ewigen, und Er rechnete es ihm als Gerechtigkeit an.‘385 Die Erklärung ist: Als Er ihn hinausführte, musste ein gewisses Verlangen vorhanden gewesen sein, mit diesem Organ zu arbeiten; deshalb wurde ihm diese Arbeit verboten. Darauf beziehen sich die Worte: ‚Blicke doch zum Himmel.‘ Zugleich wurde ihm der Segen der Nachkommenschaft zugesichert. Beides sind zwei Gegensätze in einem Gegenstand, denn seine ganze gesegnete Nachkommenschaft muss durch dieses Organ kommen. Wenn er aber nicht damit arbeitet, wie soll es Nachkommenschaft geben?

Dies ist die Bedeutung der Worte: ‚Und er glaubte an den Ewigen.‘ Das heißt, er nahm diese beiden Gegebenheiten so an, wie sie waren: sowohl das absolute Verbot der Arbeit als auch die Zusicherung des Segens der Nachkommenschaft. Und wie nahm er sie an? Der Vers schließt: ‚Und Er rechnete es ihm als Gerechtigkeit an‘ – in der Form einer Almosengabe an einen Armen, der von der Arbeit anderer versorgt wird.

Dies ist die Bedeutung der beiden Aussagen unserer Weisen: Der eine meint, der Schöpfer werde ihm Gerechtigkeit erweisen, indem Er ihn ohne Arbeit erhält und versorgt; der andere meint, Abraham werde dem Schöpfer Gerechtigkeit erweisen. Beide sind Worte des lebendigen Gottes.386 Denn vor der Korrektur befindet sich dieses Organ im Himmel, und die Gerechtigkeit wird dem Unteren zugerechnet. Am Ende seiner Korrektur aber ist sie ‚nicht im Himmel‘387, und dann wird die Gerechtigkeit dem Oberen zugerechnet. Prüfe es genau, denn es ist wahr.“ So weit seine Worte.

Ich bitte jeden von euch, mir eine Erklärung zu dem obigen Abschnitt meines Vaters und Lehrers388 zu schreiben, denn es ist ein wunderbarer Abschnitt.

Nun wollen wir die Winterarbeit ordnen, denn der Winter ist die Zeit der Arbeit in den langen Nächten. Bisher sprach ich über die Linke, die „die Linke weist zurück“ genannt wird. Es bedarf großer Anstrengung und Arbeit, alle Hindernisse und alle uns fremden Ansichten und Gedanken zu überwinden. Doch man muss sich auch mit der Rechten befassen, wie unsere Weisen sagten: „Mache deine Tora zur Hauptsache und deine Arbeit zur Nebensache.“389 Die Tora wird als die Rechte bezeichnet, die der Aspekt der Vollkommenheit ist. Der Mensch muss sich für einen vollkommenen Menschen mit Vorzügen und erhabenen Eigenschaften halten. Seine Handlungen in Tora und Mizwot muss er, soweit es ihm möglich ist, so ausrichten, wie es einem vollkommenen Menschen entspricht.

Er soll jedoch nicht bedauern, wenn er sein Verlangen nicht vollständig verwirklichen kann. Wenn er also sein gutes Handeln und sein Studium der Tora vermehren möchte, es aber nicht kann, soll er darüber nicht betrübt sein, sondern sich während der Arbeit auf der Rechten freuen. So viel er tun kann, soll er mit seinem Anteil zufrieden sein und Seinen Namen dafür loben und Ihm danken, dass ihm ein kleiner Dienst gewährt wurde, um dem König zu dienen. Selbst wenn es nur ein Augenblick am Tag oder ein Augenblick alle zwei Tage ist, soll es ihm vorkommen, als hätte er eine große Beute gefunden.

Auch wenn es sich um eine Handlung im schlichten Sinn handelt, also ohne Lebenskraft, muss er dennoch versuchen, sich zu freuen, und daraus Lebenskraft empfangen, dass ihm gestattet wurde, dem König zu dienen. In dieser Weise, also auf dem Weg der Vollkommenheit, soll er sich während des Studiums verhalten. Dies wird als Tora, als Rechte, bezeichnet, wie geschrieben steht: „Zu Seiner Rechten war feuriges Gesetz.“390 Bei jeder Gelegenheit ist er verpflichtet, den Schöpfer zu loben.

Ich hörte von meinem Vater und Lehrer, dass wir durch Lob und Dank, die wir dem Schöpfer für die Annäherung an Ihn darbringen, das Licht Seiner Heiligkeit nach unten herabziehen. Denn der Mensch muss sich als vollkommen empfinden; dann wird er „gesegnet“ genannt, und der Gesegnete haftet am Gesegneten. Hält sich der Mensch hingegen für verflucht, haftet der Gesegnete nicht am Verfluchten391, wie unsere Weisen sagten.

Daher müsst ihr euch während des Studiums der Tora und der Ausübung der Mizwot für vollkommen halten. In dieser Zeit dürft ihr keinen Makel an euch finden, wie geschrieben steht: „Denn jeder, an dem ein Makel ist, darf nicht nahen.“392 Dies wird als Tora bezeichnet, das heißt als Vollkommenheit.

Doch die Tora allein ist ebenfalls nicht gut, wie unsere Weisen sagten: „Wer sich nur mit der Tora befasst, ist wie einer, der keinen Gott hat“, wie geschrieben steht: „Und viele Tage war Israel ohne den wahren Gott“393 (Awoda Sara 17)394.

„Tage“ ist der Aspekt der Vollkommenheit, also der Aspekt der Tora. „Viele“ bedeutet, dass er sich nur mit der Tora befasst; dann ist er ohne den „wahren Gott“. Denn auf der Linken weist gerade diese Arbeit den Weg der Wahrheit. Dies ist die Bedeutung der Worte: „Gut ist das Studium der Tora zusammen mit weltlicher Arbeit, denn die Mühe in beiden lässt die Sünde vergessen“, und: „Jede Tora, die nicht von Arbeit begleitet wird, wird am Ende zunichte und zieht Sünde nach sich.“395

Frage nicht: Warum zieht die Tora allein Sünde nach sich – genügt es nicht, dass sie die Sünde nicht vergessen lässt? Der Grund ist: Wenn man nicht auf dem Weg der Wahrheit geht, bleibt man im Zustand „Wurden sie nicht würdig, wird sie ihnen zum Gift des Todes“. Die erwähnte Arbeit ist der Aspekt der Königsherrschaft des Himmels; nur auf diesen Aspekt treffen die Begriffe Arbeit und Mühe zu. Deshalb warnten unsere Weisen, dass gerade „die Mühe in beiden die Sünde vergessen lässt“. Doch wie oben gesagt wurde: „Verringere deine geschäftliche Tätigkeit und befasse dich mit der Tora396; mache deine Tora zur Hauptsache und deine Arbeit zur Nebensache.“ Denn den größten Teil des Tages muss der Mensch gerade auf der Rechten gehen und einen kleinen Teil des Tages mit der Arbeit der Reinigung in Verstand und Herz verbringen.

Ich schließe meinen Brief in der Hoffnung, dass wir der ewigen Anhaftung an Seinen gesegneten Namen würdig werden.

Baruch Shalom, Sohn meines Vaters und Lehrers,Baal HaSulam

Brief 37

Mit der Hilfe des Schöpfers, am Vorabend des Schabbat des Wochenabschnitts Noach, am Neumondstag des Monats Marcheschwan 5718 (25. Oktober 1957)397

… Was die Trennung der Freundesliebe von der Arbeit für den Schöpfer betrifft – das verstehe ich überhaupt nicht, denn bei meinem Vater und Lehrer war es nie üblich, diese beiden Dinge miteinander zu verbinden.

Im Gegenteil: Es war immer verboten, unter den Freunden Worte der Tora oder Zustände von Kleinheit (Katnut) und Größe (Gadlut) zu besprechen. Unser Weg bestand immer darin, „bescheiden zu wandeln“398. Es war kaum erlaubt, unter den Freunden über Angelegenheiten der Arbeit zu sprechen, wie in mehreren Artikeln meines Vaters und Lehrers zu diesem Thema dargelegt wird.

Die Hingabe unter den Freunden entsprach vielmehr gerade der Art einfacher Menschen: Jeder kümmerte sich nur um die materiellen Belange seines Freundes, nicht um dessen Spiritualität. Auch die gesamte Annäherung unter den Freunden geschah gerade durch gemeinsame Mahlzeiten und Weintrinken, nicht durch Worte der Tora.

Daher weiß ich nicht, was du neu einführen willst. Vielleicht lässt sich sagen: Bis jetzt hast du geglaubt, dass man für die Freundesliebe nicht über Angelegenheiten der Arbeit sprechen und sich damit befassen muss. Nun aber hast du die klare Erkenntnis, dass es nur so sein soll: Man soll „bescheiden wandeln“.

Die Form ist wie bei jemandem, der zur Feier seines Freundes geht: Er fragt nicht danach, ob er selbst in Stimmung ist oder nicht, sondern muss an der Freude seines Freundes teilnehmen. Er darf ihm kein finsteres, sondern muss ihm ein lächelndes Gesicht zeigen. Ebenso soll hier die Verbindung unter den Freunden so beschaffen sein, dass jeder seinen Freund erfreuen will – und zwar gerade durch materielle Dinge, denn genau darin besteht „Erwirb dir einen Freund“.

„Mache dir einen Rav399 ist bereits eine Sache für sich. Manchmal will einer unter den Freunden gegenüber dem anderen „Mache dir einen Rav“ verwirklichen. Das gilt gerade unter Freunden, die besonders achtsam und außerordentlich streng sind; nicht jeder ist dafür geeignet. Doch im Wesentlichen nennt man dies bereits nicht mehr „Freundesliebe“, also nicht das, was die Freundesliebe verlangt; denn es besteht keinerlei Verbindung zur Arbeit, wie du mir geschrieben hast.

Baruch Shalom HaLeviSohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

Brief 38 – 1

[Tewet 5718]

Wer ist das Ich?

Wir müssen klären, wer der Mensch ist, von dem wir sagen, dass er für den Schöpfer arbeiten muss und dafür Lohn erhalten wird. Schließlich besteht der Mensch aus 248 Organen und der Seele des Lebens, die den ganzen Körper belebt. Es stellt sich die Frage: Wer verrichtet die Arbeit – der Verstand, das Herz oder die Seele des Lebens, die sie belebt? Und was ist das Ich, dem verheißen wurde, dass es durch gute Taten künftig guten Lohn erhalten wird?

Der Vers sagt: „Und Gott schuf den Menschen in Seinem Bild.400“ Der Begriff Schöpfung bezieht sich gerade auf etwas Neues, also auf eine Existenz aus dem Nichts (Yesh miAyin): Der Schöpfer schuf etwas Neues, das vor seiner Erschaffung nicht existierte. Unsere Weisen erklärten, diese Wirklichkeit heißt „Verlangen, Genuss zu empfangen“. Sie ist ein Mangel und eine Leere, die nun gefüllt werden müssen. Vor ihrer Erschaffung gab es diese Wirklichkeit des Mangels nicht; denn davor herrschte nur Vollkommenheit, da man nicht sagen kann, dass der Schöpfer einen Mangel in Sich trägt. Somit ist allein dies etwas Neues: das Verlangen zu empfangen.

Die Erschaffung des Verlangens zu empfangen

Das Verlangen zu empfangen musste erschaffen werden, weil unsere Weisen erklärten, das Schöpfungsziel besteht darin, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Der Schöpfer will ihnen Seine Güte geben, damit sie Genuss haben. Deshalb muss es zu diesem Zweck in der Schöpfung ein Kli (Gefäß) geben, das Genuss empfangen kann. Ohne ein Bedürfnis und einen Mangel an Genuss lässt sich kein Genuss empfangen, weil man ihn sonst nicht empfindet. Es ist wie bei jemandem, der seinem Freund eine gute Mahlzeit gibt, obwohl dieser keinen Appetit hat. Dann kann der Freund die Mahlzeit nicht genießen, denn allein das Verlangen nach ihr bestimmt das Maß des Genusses an der Mahlzeit. Damit die Geschöpfe Seine Gaben genießen können, prägte Er ihnen daher eine Natur ein, die sie immer danach verlangen lässt, Genuss zu empfangen.

Diese im Menschen vorhandene Eigenschaft – das Verlangen, Genuss zu empfangen – ist der ganze Mensch, den der Schöpfer erschaffen hat. Alles, was wir über den Menschen sagen, bezieht sich auf nichts anderes als auf das Verlangen zu empfangen. Von ihm heißt es, dass es sich mit der Tora und den Mizwot beschäftigen muss und künftig des ewigen Genusses würdig wird. Das heißt: Am Ende seiner Arbeit wird das Verlangen, Genuss zu empfangen, des gesamten Genusses würdig, den der Schöpfer ihm zugedacht hat.

Dem Verlangen zu empfangen wurden Organe gegeben, die ihm dienen und durch die es Genuss empfangen kann, indem sie ihm Genuss bringen: Hände, Füße, Sehen, Hören und Ähnliches. Sie alle haben die Funktion von Dienern; sie sind also Sklaven des Menschen. Das Verlangen zu empfangen wird als Herr bezeichnet, und alle Organe sind seine Sklaven. Darüber hinaus hat es einen angesehenen Sklaven, der über die anderen Sklaven eingesetzt ist. Er beaufsichtigt sie, damit sie alle auf das gewünschte Ziel hinarbeiten: Genuss zu bringen. Denn dies ist der Wille des Hausherrn, der „Verlangen zu empfangen“ heißt.

Fehlt einer seiner Diener, so fehlt ihm auch der Genuss, der zu diesem Diener gehört. Fehlt einem Menschen beispielsweise der Gehörsinn, kann er den Klang eines Liedes nicht genießen. Fehlt ihm der Geruchssinn, kann er den Duft von Wohlgerüchen nicht genießen, und so weiter. Fehlt ihm aber der Verstand, der über alle Sklaven eingesetzt ist und wie ein Geschäftsführer alle Bediensteten beaufsichtigt, dann läuft das Geschäft nicht ordnungsgemäß und kann Verluste machen. Das gleicht einem Geschäftsinhaber, der viele Bedienstete, aber keinen guten Geschäftsführer hat: Statt Gewinn zu erzielen, kann er Verlust machen. Doch der Geschäftsinhaber bleibt bestehen, auch wenn ihm der Geschäftsführer fehlt. Nehmen wir zum Beispiel an, der Geschäftsführer ist krank und kann das Geschäft nicht führen; trotzdem ist der Hausherr noch immer am Leben.

So ist es auch hier: Fehlt einem Menschen der Verstand, der als Sklave bezeichnet wird, bleibt der Herr dennoch bestehen. Das Verlangen, Genuss zu empfangen, geht deshalb nicht verloren, und das Streben nach Genuss bleibt erhalten. Es fehlt ihm nur die Fähigkeit zur Prüfung; daher kann er einen großen Genuss gegen einen kleinen eintauschen. Wenn etwa ein Mensch ohne Urteilsvermögen nach etwas Süßem verlangt und der Besitzer der Süßigkeit zu ihm sagt: „Gib mir zehn Pfund, dann gebe ich dir die Süßigkeit“, kann er ihm dafür zehn Pfund geben, weil ihm der Verstand fehlt. Er besitzt nicht die Urteilskraft, um abzuwägen, wie viel die Süßigkeit wert ist, nach der er verlangt.

Ebenso kann er Schaden anrichten, Gefäße zerbrechen und Kleider zerreißen, weil ihm scheint, er wird dadurch irgendeinen Genuss haben. Es soll dir nicht unverständlich erscheinen, wie Schaden Genuss bereiten kann. Man erzählt von dem großen Philosophen Aristoteles, dass er einen großen und kostbaren Palast niederbrannte, weil er seinen Namen verewigen wollte, damit sein Name über Generationen hinweg fortbesteht. Er glaubte, man wird sich an seinen Namen erinnern, weil der Palast so kostbar war: Alle werden sich an den großen Palast erinnern, den Aristoteles niedergebrannt hat.

Wir sehen also, dass ein Mensch auch aus dem Anrichten von Schaden Genuss zieht. Ebenso hat ein Mensch ohne Urteilsvermögen gewiss an jeder seiner Handlungen irgendeinen Genuss. Dieser Genuss zwingt ihn zu bestimmten Handlungen, selbst wenn sie schlecht sind, weil ihm die Fähigkeit fehlt, mit seinem Verstand abzuwägen, ob es sich lohnt, für den kleinen Genuss, den er jetzt empfängt, großen Schaden anzurichten.

Aus all dem folgt: Das Wesentliche am Menschen ist das Verlangen, Genuss zu empfangen, und nichts anderes. Auch der Verstand ist also nicht der Körper des Menschen, wie oben erklärt.

Über die Arbeit

Doch das Verlangen zu empfangen, das das Wesen des Menschen bildet, steht im Gegensatz zum Schöpfer, denn der Schöpfer ist der Gebende. Damit Gleichheit der Form besteht, müssen auch alle Handlungen des Menschen allein auf das Geben ausgerichtet sein. Andernfalls sind die Genüsse, die er vom Schöpfer empfängt, nicht vollkommen, weil er dabei Scham empfindet. Wer von seinem Freund ein Geschenk erhält, schämt sich gewöhnlich, ihm ins Gesicht zu sehen, und empfindet beim Empfang des Genusses Leid. Deshalb wurden uns die Tora und die Mizwot gegeben. Durch ihre besondere Kraft erwirbt der Mensch eine neue Kraft: Er will dem Schöpfer Wohlgefallen bereiten. Dann ist er vollständig dazu geeignet, alle Genüsse vom Schöpfer ohne jede Scham zu empfangen, weil er all diese Genüsse nicht empfängt, um selbst zu genießen, sondern weil er den Willen des Schöpfers erfüllt, indem er den Genuss empfängt. Denn das Schöpfungsziel bestand darin, dass die Geschöpfe in der Welt Genuss empfangen. Die ganze Arbeit besteht darin, diese Stufe zu erreichen: Genuss nur empfangen zu wollen, weil es eine Mizwa ist.

Ich habe die Dinge wiederholt, die ich mündlich sagte, damit du dich an sie erinnern kannst, denn dies sind die ersten Grundlagen.

Von deinem Freund, der dir und deiner Familie alles Gute wünscht,

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 38 – 2

Wer ist das Ich, von dem wir sagen, dass es für den Schöpfer arbeitet, und wer ist der Empfänger des Lohns, dem verheißen wurde, dass er durch gute Taten der guten Zukunft würdig wird?

Alle diese Aussagen beziehen sich nur auf den Menschen, der das auserwählte Geschöpf ist, wie geschrieben steht: „Und Gott schuf den Menschen in Seinem Bild.“401 Schöpfung bezeichnet etwas Neues – eine Existenz aus dem Nichts (Yesh miAyin), nämlich das Verlangen, Genuss zu empfangen. Das heißt, es wurde die Wirklichkeit eines Mangels erschaffen, der immer danach verlangt, diesen Mangel mit Genuss zu füllen.

Damit das Empfinden des Genusses vollkommen sei, wurde ihm die Arbeit in der Tora und den Mizwot gegeben. Dadurch soll er sich vervollkommnen und fähig werden, den Genuss ohne irgendeinen Mangel zu empfangen. Wer von seinem Freund Genuss empfängt, empfindet nämlich zusammen mit dem Genuss auch Leid aufgrund der Scham, die „Brot der Scham“ (Nahama deKisufa) genannt wird. Durch die Vervollkommnung in guten Eigenschaften wird er schließlich Genuss empfangen können, ohne Scham zu empfinden.

Daraus folgt, dass der Mensch „Verlangen, Genuss zu empfangen“ genannt wird. Um diesem Verlangen zu dienen, wurden ihm Hände und Füße gegeben sowie der angesehenste Diener, der „Verstand“ heißt. Alle diese Diener bringen ihm Genuss. Fehlt ihm einer von ihnen, fehlt ihm daher jener besondere Genuss, der zu dem fehlenden Diener gehört.

Fehlt ihm der angesehenste Diener, also der Verstand, so empfindet er dennoch Genuss und Leid. Dann kann er jedoch die Dinge vertauschen und statt eines großen Genusses einen unbedeutenden Genuss empfangen. Er kann mit seinem Verstand nicht abwägen, was hinsichtlich Menge und Qualität mehr wert ist, und kann deshalb Schaden anrichten und Dinge zerbrechen. Gewiss beabsichtigt auch ein Mensch, der nicht bei klarem Verstand ist, mit seinem Tun Genuss zu empfangen; sonst würde er diese schlechte Handlung nicht ausführen. Es gibt also einen Grund, der ihn zu dieser verdorbenen Handlung veranlasst. Doch alles, was ihm Genuss zu bringen scheint, tut er sofort, und ihm fehlt die Kraft, mit seinem Verstand abzuwägen, ob der Grund wirklich besteht oder nur Einbildung ist.

Es soll dir nicht unverständlich sein, wie man Genuss empfinden kann, wenn man etwas zerbricht oder beschädigt. Man erzählt vom Philosophen Aristoteles, er habe einen großen und kostbaren Palast niedergebrannt. Sein Grund sei gewesen, seinen Namen zu verewigen: Sein Name sollte für immer bestehen bleiben, weil sich durch diese Tat jeder an seinen Namen erinnern würde – alle würden sich daran erinnern, dass Aristoteles den großen Palast niedergebrannt hatte. Obwohl er also etwas Schlechtes tat, hatte er einen Grund: Er empfand Genuss an der verdorbenen Tat, weil er damit seinen Namen verewigen würde. Ebenso fehlt einem Menschen, der nicht bei klarem Verstand ist, lediglich die Fähigkeit zur kritischen Prüfung; das Wesen des Menschen ist jedoch weiterhin vorhanden. Ebenso gibt es Genuss dadurch, dass man Leid vermeidet. Dies ist bereits eine auf die Zukunft gerichtete Überlegung: Er handelt jetzt, damit er später kein Leid erleiden muss. Das gehört schon zum Verstand, denn der Verstand erinnert ihn daran, dass etwas schlecht ist. Da sein Verstand jedoch beeinträchtigt ist, kann er die Gedanken nicht miteinander verbinden und empfindet daher nur die Gegenwart, nicht aber Vergangenheit und Zukunft.

Daraus folgt, dass der Verstand dem Menschen nur dient, wie die übrigen Diener. Das Wesen des Menschen wird vielmehr als der Mangel bezeichnet, der danach verlangt, Genuss zu empfangen – das heißt, im Genuss empfindet der Mensch vollkommene Erfüllung. Das Verlangen zu empfangen besteht bei allen Lebewesen. Nur dem Menschen wurde die Fähigkeit gegeben, den anderen zu empfinden: Er kann mit seinen Freunden mitfühlen und an der Empfindung seines Freundes teilhaben. Er kann also Genuss daran empfinden, dass sein Freund Genuss hat, und, Gott behüte, Leid daran, dass sein Freund leidet.

Damit wurde dem Menschen ein weiterer Ort gegeben, von dem er Genuss empfangen kann: ein Ort außerhalb seines Körpers. Tiere werden nur durch das bewegt, was sie selbst betrifft, nicht aber durch das, was andere betrifft. Dem Sprechenden hingegen wurde die Fähigkeit gegeben, auch den anderen zu empfinden. (Ausgenommen sind bestimmte bekannte Tierarten, denen dieses Empfinden von Natur aus gegeben wurde; bei ihnen richtet es sich jedoch gerade auf die eigene Art.)

Zusätzlich zur Stufe des Sprechenden wurde dem Menschen aus Israel eine besondere Kraft gegeben: das Empfinden der Göttlichkeit. In dieser Hinsicht sagten die Weisen: „Ihr heißt Mensch.“402 Dies ist eine zusätzliche Kraft gegenüber der Stufe des Sprechenden: Er kann unter dem Exil der Shechina (göttlichen Gegenwart) leiden und sich an der Ehre des Himmels freuen, die sich in der Welt offenbart. Somit wurde dem Menschen aus Israel neben der Stufe des Sprechenden ein weiterer Ort gegeben, von dem er Genuss empfangen kann. Dies ist der wesentliche Genuss, denn die Welt wurde allein dafür erschaffen, den Genuss des Empfindens der Göttlichkeit zu empfangen.

Obwohl alle Genüsse in der Welt vom Schöpfer kommen, weil der Schöpfer in all diesen Dingen leuchtet, stellt sich die Frage: Warum werden diese Genüsse „körperliche Genüsse“ genannt? Weil der Mensch darin Genuss empfinden kann, ohne den Schöpfer damit in Verbindung bringen zu müssen. Selbst wenn er die Göttlichkeit nicht empfindet, ja sogar wenn er, Gott behüte, nicht an den Schöpfer glaubt, kann der Mensch an all diesen Dingen Geschmack finden.

Den Geschmack der Tora und der Mizwot zu empfinden ist dagegen ohne die Übernahme des Jochs des Glaubens unmöglich. In dem Maß, in dem ihm das Licht des Glaubens leuchtet, wächst in ihm auch das Empfinden des Genusses an der Tora und den Mizwot. Deshalb bezeichnen wir das Empfinden des Genusses an der Tora und den Mizwot als spirituellen Genuss.

Körperliche Genüsse kann der Mensch sogar dann empfinden, wenn er keinerlei Verbindung zur Tora und den Mizwot hat. Denn ohne Lebenskraft kann er nicht leben; jeder Mensch muss Genuss kosten. Das folgt daraus, dass die Natur der Schöpfung das Verlangen ist, Genuss zu empfangen. Der Schöpfungsgedanke, der „Sein Wille, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun“ heißt, prägte den Geschöpfen das Bedürfnis ein, Genuss zu empfangen. Wenn der Mensch weder in der Gegenwart noch in der Zukunft irgendeinen Genuss für sich sieht, muss er sich das Leben nehmen, denn sein ganzes Kommen in diese Welt dient allein dazu, Genuss zu empfangen.

Da dem Menschen eine Zeit für die Arbeit der Wahl gegeben wurde, in der er das Böse verabscheuen und die Tora und die Mizwot wählen soll, und da er sich nur während der Wahl an gute Eigenschaften gewöhnen kann, die geeignet sind, das wahre Gute zu empfangen, wurde ihm für die Zeit der Arbeit eine Zeit der Verhüllung gegeben. Das heißt, er empfindet keinen Geschmack von Genuss an der Tora und den Mizwot, denn nur während der Verhüllung gibt es eine Wahl.

Bis der Mensch würdig wird, den Geschmack spiritueller Lebenskraft zu empfinden, bezieht er daher seine ganze Lebenskraft nur aus körperlichen Dingen, deren Genuss begrenzt ist. Dies ist lediglich ein Übergang, bis er spirituellen Geschmack erlangt. Bis dahin muss er seinen Geschmack allein in körperlichen Dingen finden. Doch auch bei diesen körperlichen Genüssen wurde dem Menschen die Möglichkeit gegeben, sich daran zu gewöhnen, seinen Genuss um des Himmels willen zu empfangen.

Das Verlangen zu empfangen wird „Körper des Menschen“ genannt. Deshalb verändert es sich niemals, sondern bleibt in diesem Zustand: Es verlangt immer danach, Genuss zu empfangen.

Bekleidung. Alles, was Veränderungen annimmt, gehört nicht zum eigentlichen Wesen, denn das Wesen verändert sich nicht. Daher gelten alle Dinge, aus denen der Mensch Genuss bezieht, für ihn als Bekleidung. Heute trägt er zum Beispiel dieses Kleid und morgen ein anderes. Es gibt Kleider, die man in der Küche benutzt, und Kleider, die man vor dem König trägt.

Jeder Genuss gilt als Licht, und es gibt kein Licht ohne ein Kli (Gefäß). Dies ist eine spirituelle Angelegenheit, und alles Spirituelle muss in irgendeine körperliche Bekleidung gekleidet sein. Nur durch die Bekleidung kann man den Genuss empfangen, der sich in ihr befindet. Deshalb wurden uns viele Bekleidungen gegeben, die Genüsse enthalten: Essen, Trinken, Ehrengewänder und die bloße Ehre, die man einem Menschen erweist; ebenso Genuss an Dingen des Verstandes oder an der Tora und den Mizwot. Jeder Mensch hat andere Bekleidungen, denn kein Mensch gleicht seinem Freund. In einem Punkt aber sind alle gleich: Alle wollen Genuss.

Wechsel der Bekleidungen. Dass der Mensch manchmal Ehre genießen will, manchmal bloße Begierden und manchmal die Tora und die Mizwot, hat viele Ursachen. Bisweilen entspringt dies dem Erbe seiner Vorfahren: Die Vorfahren wählten bestimmte Genüsse, und dies wird von Generation zu Generation weitergegeben. Das ist die Bedeutung der Familienabstammung – die guten Eigenschaften werden vom Stammvater der Familie an die folgenden Generationen weitergegeben.

Ebenso verändert sich der Mensch durch Bücher und Schriftgelehrte, denn er wird von seiner Umgebung beeinflusst. Ein Baum nimmt seine Nahrung aus dem auf, was sich in seiner Umgebung befindet; deshalb entfernt man immer die Dornen und andere schädliche Dinge, die neben dem Baum wachsen. Ebenso ist der Mensch ein Baum des Feldes und nimmt seine Nahrung aus seiner Umgebung auf. Daher wird er von Schriftgelehrten beeinflusst: Er hat gute Freunde und übernimmt von ihnen, an den Dingen Genuss zu finden, von denen sie sagen: Dies ist gut und jenes schlecht. Oder er wird von der Umgebung der Bücher beeinflusst, also von dem, was er in Büchern lernt und liest. Die Bücher sagen ihm, was gut und was schlecht ist, und dann folgt der Mensch ihrem Rat.

Brief 39

Mit der Hilfe des Schöpfers, Purim 5718 (6. März 1958)403, hier in Manchester, möge der Schöpfer die Stadt schützen.

Frieden und alles Gute für meinen Freund …

Ich habe die zehn Pfund für Purim ordnungsgemäß erhalten; das ist ein halber Schekel. Zwanzig Gera404 ergeben einen Schekel, und die Hälfte davon ist zehn. Im heiligen Sohar steht, dass der halbe Schekel Yud, also zehn, genannt wird – ein Stein, mit dem die Abgabe für den Schöpfer gewogen wird405 (Ki Tissa, Punkt 4).

Die Worte des heiligen Sohar sind so auszulegen: Der halbe Schekel bedeutet, dass ein Mensch in seinem Denken abzuwägen beginnt, wie er zum Schöpfer umkehren kann, während er von sich weiß, dass er viele Vergehen und Übertretungen hat. Dazu sagt der heilige Sohar, dass der Mensch wissen muss: Er befindet sich immer in einem Zustand von halb und halb, also zur Hälfte Verdienste und zur Hälfte Vergehen. Er hat immer die Wahl, den Ausschlag zur Seite des Verdienstes zu geben. Wie unsere Weisen sagten: „Der Mensch soll sich immer so betrachten, als wäre er zur Hälfte schuldig und zur Hälfte verdienstvoll. Hat er eine Mizwa erfüllt, glücklich ist er, denn er hat sich selbst und die ganze Welt zur Seite des Verdienstes neigen lassen“ usw.406

Der Grund dafür ist anhand der Worte unserer Weisen zu erklären: „Wer größer ist als sein Nächster, dessen Böser Trieb (Jezer haRa) größer ist als er selbst.“ Denn wenn man ihm keinen größeren Bösen Trieb gibt, hat er keine Wahl mehr. Ist nämlich das Gute größer als das Böse, besteht keine Wahl mehr; Wahl gibt es gerade dann, wenn beide gleich stark sind und der Mensch den Ausschlag gibt.

So kannst du verstehen, was unsere Weisen sagten: „In der kommenden Zukunft bringt der Schöpfer den Bösen Trieb herbei und schlachtet ihn vor den Gerechten und den Frevlern. Den Gerechten erscheint er wie ein hoher Berg, den Frevlern wie ein Haar.“407 Man muss verstehen: Wer von beiden hat recht? Wie groß ist also der Böse Trieb? Doch es ist, wie ich erklärt habe: Die Frevler haben wenige Verdienste; deshalb ist ihr Böser Trieb nicht so groß, sondern nur „wie ein Haar“. Denn damit es „halb und halb“ ist, muss bei wenig Gutem auch wenig Böses vorhanden sein. Die Gerechten dagegen haben viele Verdienste; deshalb muss auch ihr Böser Trieb groß sein. Für die Gerechten ist der Böse Trieb daher „ein hoher Berg“.

So kannst du die bekannte Frage zu dem Vers verstehen: „Komm zu Pharao, denn Ich habe sein Herz verhärtet.“408 Hat der Schöpfer ihm demnach die Wahl genommen, indem Er sein Herz verhärtete?

Nach meiner Erklärung ergibt sich das Gegenteil: Dadurch, dass der Schöpfer sein Herz verhärtete, bekam er erneut Raum, eine Wahl zu treffen. Als Pharao sagte: „Der Ewige ist gerecht, ich aber und mein Volk sind Frevler“409, hatte er bereits den Ausschlag zur Seite des Verdienstes gegeben; er war nun vollständig gut und hatte nichts mehr zu tun. Deshalb musste der Schöpfer als Gegengewicht zu seinem Guten den Bösen Trieb vergrößern, wie unsere Weisen sagten: „Wer größer ist als sein Nächster, dessen Böser Trieb größer ist als er selbst.“410 Als der Schöpfer sein Herz verhärtete, hatte er daher wieder Raum, eine Wahl zu treffen.

Mögen wir würdig werden, vom Schöpfer zwei Gaben zu empfangen: Heilungen und Rettungen.

Von deinem Freund, der dir und deiner Familie alles Gute wünschtBaruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 40

31. Tag der Omerzählung, 6. Mai 1958411, Manchester

An die Schüler, mögen sie leben

Ich habe ein Telegramm von … erhalten, dass wir gesiegt haben … Hoffen wir, dass wir auch im Krieg gegen den Trieb siegen werden, dass wir auch hier Erfolg haben und das bekannte Ziel erreichen: Seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten.

Nun ist bereits die Zeit gekommen, dass wir beginnen, wie Helden und tapfere Männer auf unser heiliges Ziel zuzugehen. Der gebahnte Weg, der zum Ziel führt, ist bekanntlich die Freundesliebe, durch die man zur Liebe zum Schöpfer gelangt. Liebe entsteht durch „Erwirb dir einen Freund“412, das heißt: Durch Handlungen erwirbt man das Herz seines Freundes. Selbst wenn man sieht, dass das Herz des Freundes wie Stein ist, ist das keine Entschuldigung. Wenn man spürt, dass er sich als Freund für die Arbeit eignet, muss man ihn durch Handlungen erwerben.

Denn jedes Geschenk, das man seinem Freund gibt (Ein Geschenk gilt dann als Geschenk, wenn man weiß, dass der Freund sich darüber freuen wird – sei es durch Worte, Gedanken oder eine Handlung. Doch jedes Geschenk muss offen zutage treten, damit der Freund davon weiß. Da er nicht weiß, dass man an ihn gedacht hat, wenn es nur ein Gedanke bleibt, sind auch Worte nötig: Man soll ihm sagen, dass man an ihn denkt und sich um ihn sorgt. Auch dabei muss es sich gerade um etwas handeln, das der Freund liebt, also um etwas, das seinem Gaumen süß ist. Wer selbst nicht Süßes, sondern Saures liebt, kann seinen Freund nicht mit Saurem bewirten, sondern muss ihm gerade Süßes geben, weil dies dem Gaumen seines Freundes angenehm ist. Daraus verstehen wir, dass eine Sache für den einen völlig unbedeutend sein kann, während dieselbe Sache für seinen Freund zu den wichtigsten Dingen der Welt gehört), gleicht einer Kugel, die im Stein einen Hohlraum erzeugt. Zwar hinterlässt die erste Kugel im Stein nur einen bloßen Kratzer, doch wenn die zweite dieselbe Stelle trifft, entsteht bereits eine Kerbe, und die dritte schlägt ein Loch.

Durch die vielen Kugeln, die man immer wieder dorthin schießt, weitet sich das Loch und wird zu einem Hohlraum im Steinernen Herzen des Freundes, in dem sich alle Geschenke sammeln. Jedes Geschenk wird zu einem Funken der Liebe, bis sich alle Funken der Liebe im Hohlraum des Steinernen Herzens sammeln und daraus eine Flamme entsteht. Der Unterschied zwischen einem Funken und einer Flamme besteht darin, dass dort, wo Liebe ist, eine Offenbarung nach außen stattfindet: Allen Völkern wird offenbart, dass das Feuer der Liebe in ihm brennt. Und das Feuer der Liebe verbrennt alle Vergehen, denen man unterwegs begegnet.

Wenn ihr nun fragt: „Was kann man tun, wenn jeder in sich selbst spürt, dass er gegenüber seinem Freund ein Herz aus Stein hat?“ – verzeiht mir, dass ich schreibe: „Jeder spürt, dass er ein Herz aus Stein hat.“ Ich meine damit nicht jene Freunde, die von sich wissen und spüren, dass von ihrer Seite kein Widerstand dagegen besteht, dass ihr Freund sie liebt und ihnen Geschenke macht (nicht unbedingt durch eine Handlung, zumindest aber durch schöne und gute Worte und durch besondere Aufmerksamkeit, die allein ihm gilt). Ich meine nur diejenigen, die in sich gegenüber der Liebe zum Freund ein sehr kaltes Herz spüren, oder die ein Herz aus Fleisch hatten, auf die aber die Kälte der Freunde ebenfalls eingewirkt hat – und dem Verständigen genügt dies – und deren Herz gleichfalls zu Stein gefroren ist.

Der Rat ist sehr einfach, denn es liegt in der Natur des Feuers, dass Feuer entsteht, wenn man Stein an Stein reibt. Und dies ist ein großer Grundsatz (Klal): „Aus lo liShma (nicht um des Gebens willen) gelangt man zu liShma (um des Gebens willen).“413 Dies gilt gerade dann, wenn die Handlung liShma ist, also darin besteht, dem Freund ein Geschenk zu geben, und nur die Absicht lo liShma ist.

Denn ein Geschenk gibt man nur jemandem, von dem man weiß und erkennt, dass er einen liebt. Die Absicht des Geschenks ist somit gleichsam Dankbarkeit für die Liebe, die der Freund einem schenkt. Gibt man jedoch einem Fremden ein Geschenk – man spürt also nicht, dass der Freund dem eigenen Herzen nahesteht –, hat man keinen Grund, ihm Dankbarkeit zu erweisen. Folglich ist die Absicht lo liShma, also … die Absicht, die vorhanden sein sollte. Man könnte zunächst meinen, dies heiße „Almosen“, weil man Mitleid mit seinem Freund hat: Man sieht, dass niemand mit ihm spricht und ihn freundlich empfängt, und deshalb tut man dies für ihn. Dafür gibt es ein Gebet: Der Schöpfer möge einem helfen, die Liebe zum Freund zu spüren, und der Freund möge dem eigenen Herzen nahekommen. Dann wird man kraft der Handlung auch mit der Absicht belohnt.

Wenn der Schenkende jedoch schon bei seiner Handlung beabsichtigt, dass sein Geschenk an den Freund nur ein Almosen ist (auch wenn er dem Freund seine Zeit schenkt, die einem Menschen manchmal sogar wertvoller ist als sein Geld, wie es heißt: „Der Mensch sorgt sich um die Minderung seines Geldes, aber nicht um die Minderung seiner Tage.“ Der Wert der Zeit ist jedoch für jeden anders: Manche verdienen eine Lira pro Stunde, andere weniger und wieder andere mehr; und ebenso verhält es sich mit ihrer Spiritualität – wie viel Spiritualität sie in einer Stunde erwerben usw.), dann bezeugt er damit selbst, dass er nicht die Freundesliebe beabsichtigt, also nicht, dass durch die Handlung die Liebe zwischen ihnen zunimmt.

Nur wenn beide ein Geschenk und kein Almosen beabsichtigen, bringt durch die Reibung der Herzen – selbst wenn es die Herzen von Helden sind – jeder Wärme aus den Wänden seines Herzens hervor. Die Wärme erzeugt Funken der Liebe, bis daraus ein Gewand der Liebe gewebt wird und beide von einer Decke bedeckt sind. Das heißt, eine Liebe umgibt und umfasst sie beide, denn bekanntlich verbindet die Anhaftung (Dwekut) zwei Dinge zu einem.

Sobald man beginnt, die Liebe seines Freundes zu spüren, erwachen in einem sofort Freude und Genuss. Denn es ist ein Grundsatz: An etwas Neuem erfreut man sich. Dass der Freund einen liebt, ist etwas Neues, weil man immer nur wusste, dass man allein für das eigene Wohlergehen und Wohl sorgt. In dem Augenblick aber, in dem man entdeckt, dass der Freund sich um einen sorgt, weckt dies eine unermessliche Freude. Man kann sich dann nicht mehr um sich selbst sorgen, denn der Mensch kann sich nur dort anstrengen, wo er Genuss empfindet. Da er nun beginnt, Genuss daran zu empfinden, für seinen Freund zu sorgen, bleibt ihm von selbst kein Raum, an das Eigene zu denken.

Wir sehen, dass es in der Natur „Liebe bis zur Selbstaufgabe“ gibt. Und wenn du einwenden willst: Wie ist es möglich, dass durch die Liebe im Menschen ein Verlangen erwacht, seine eigene Existenz zu annullieren? Darauf kann man nur eine Antwort geben, wie es heißt: „Liebe durchbricht die Ordnung.“414 Das heißt, dies folgt nicht dem Verstand und gilt als außerhalb der Ordnung.

Erst wenn eine solche Liebe besteht, lebt jeder in einer Welt, die ganz und gar gut ist, und spürt, dass der Schöpfer sein Erbteil gesegnet hat. Dann „haftet der Gesegnete am Gesegneten“415 und wird für die Ewigkeit mit der Anhaftung an Ihn belohnt.

Durch die Liebe ist der Mensch bereit, seine gesamte Existenz zu annullieren. Bekanntlich lässt sich der Mensch als Ganzes in zwei Aspekte gliedern: die Existenz und die Erhaltung der Existenz. Existenz bedeutet, dass der Mensch sich als Mangel und als Verlangen, Genuss zu empfangen, empfindet. Die Erhaltung der Existenz besteht in dem Genuss und der Freude, die er empfängt; davon ernährt sich der Körper und kann bestehen. Andernfalls müsste er sein eigenes Dasein verlieren und aus der Welt verschwinden. Dies ist die Bedeutung von: „das Gott erschuf“ – also die Existenz – „um es zu tun“416 – also die Erhaltung der Existenz.

Die Erhaltung der Existenz gliedert sich in drei Arten: 1) Das Notwendige, ohne das die Existenz annulliert würde. Das heißt, man muss wenigstens einmal täglich trockenes Brot essen und ein Glas Wasser trinken, einige Stunden auf einer Bank schlafen, ohne seine Kleider auszuziehen, und zwar nicht in einem Haus, sondern draußen, auf der Straße oder auf einem Feld. Wenn es regnet, geht man zum Schlafen in eine Höhle, damit man nicht nass wird und friert. Auch die Kleider können Flicken über Flicken haben. Das genügt, denn man will nur die Existenz erhalten und nicht mehr.

2) Man lebt nach der Weise gewöhnlicher, angesehener Hausherren: Man hat ein Haus, Möbel, Hausrat, würdige Kleidung und Ähnliches.

3) Man hat das Verlangen und den Wunsch, den Reichen zu gleichen, die viele Häuser, Diener, schöne Möbel und schönen Hausrat besitzen. Obwohl man das Gewünschte nicht erreichen kann, sind Augen und Herz darauf gerichtet. Die ganze Hoffnung besteht nur darin, ein luxuriöses Leben zu führen, und man setzt Kraft, Energie und große Anstrengung ausschließlich dafür ein, die Stufe der Reichen zu erreichen.

Es gibt noch eine vierte Art, die für alle drei zuvor genannten Arten gilt: Wenn man genug für den heutigen Tag verdient hat, sorgt man sich nicht mehr um morgen. Vielmehr gilt einem jeder Tag wie alle Jahre des eigenen Lebens, etwa siebzig Jahre. Wie es in der Natur des Menschen liegt, für die siebzig Lebensjahre zu sorgen, damit alles zur Erhaltung der Existenz Nötige vorhanden ist, er sich nach seinem Tod jedoch nicht mehr sorgt, so gilt einem dieser Tag als alle Jahre des Lebens, und man denkt, dass man nicht länger leben wird. Erwacht man am nächsten Tag wieder zum Leben, kommt es einem vor, als sei man durch einen Lebenskreislauf erneut zur Welt gekommen und müsse korrigieren, was man im ersten Lebenskreislauf verdorben hat. Hat man etwa von jemandem Geld geliehen und sich damit verschuldet, zahlt man es ihm am nächsten Tag – also im zweiten Lebenskreislauf – zurück, was als Verdienst gilt. Vor allem korrigiert man im zweiten Lebenskreislauf alle Schulden, die man bei jemandem hat oder die jemand einem gegenüber hat. Der übernächste Tag gilt entsprechend als dritter Lebenskreislauf und so weiter.

Nun wollen wir das zuvor Gesagte erklären: Durch die Liebe ist der Mensch bereit, Zugeständnisse zu machen. Manchmal besitzt ein Mensch Liebe zum Schöpfer und ist bereit, auf die dritte Art, also auf ein luxuriöses Leben, zu verzichten. Der Grund ist, dass er einen Teil seiner Zeit und Kraft einsetzen will, um dem Schöpfer Geschenke zu geben und dadurch die Liebe zum Schöpfer zu erwerben (wie oben zur Freundesliebe erklärt). Obwohl er die Liebe zum Schöpfer noch nicht besitzt, leuchtet ihm als umgebendes Licht (Or Makif), dass es sich lohnt, die Liebe zum Schöpfer zu erwerben.

Manchmal spürt ein Mensch, dass er, um die Liebe zum Schöpfer zu erwerben, nötigenfalls auch auf die zweite Art – das Leben angesehener Hausherren – verzichten und nur mit dem Notwendigen leben würde.

Manchmal spürt ein Mensch, wie groß die Liebe zum Schöpfer ist, und wäre nötigenfalls bereit, auch auf die erste Art – ein Leben mit dem Notwendigsten – zu verzichten, obwohl dadurch seine Existenz annulliert würde, wenn er dem Körper nicht die Nahrung gäbe, die er benötigt.

Manchmal ist ein Mensch sogar bereit, auf seine wirkliche Existenz zu verzichten. Er will seinen Körper hingeben, damit dadurch der Name des Himmels vor vielen geheiligt wird, falls er die Gelegenheit erhält, dies auszuführen. So sagte mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam): Der Mensch soll dem Maß Rabbi Akiwas folgen, der sagte: „Mein ganzes Leben lang grämte ich mich über diesen Vers: ‚mit deiner ganzen Seele‘417 – wann wird er mir zuteil, damit ich ihn erfülle?“418

Damit verstehen wir die Worte unserer Weisen: „‚Und du sollst lieben … mit deinem ganzen Herzen‘ – mit deinen beiden Trieben. ‚Und mit deiner ganzen Seele‘ – selbst wenn Er deine Seele nimmt419. ‚Und mit deinem ganzen Vermögen‘ – mit deinem gesamten Besitz.“ Wie oben erklärt, betrifft die erste Stufe der Liebe die Erhaltung der Existenz, also die Ernährung des Körpers durch Vermögen und Besitztümer; gemeint ist der Verzicht auf die drei zuvor genannten Arten der Erhaltung der Existenz. Die zweite Stufe lautet „mit deiner ganzen Seele“, also der Verzicht auf die eigene Existenz selbst.

Dies kann man durch den Guten Trieb (Jezer haTov) erfüllen, also durch Zwang: Man lässt den Körper verstehen, dass mehr Freude und Genuss darin liegen, dem Schöpfer Freude zu bereiten und Ihm zu geben, als sich selbst Freude zu bereiten und sich selbst zu geben. Ohne Freude und Genuss ist der Mensch jedoch zu nichts fähig. Wenn ein Mensch sich Leiden zufügt, müssen wir sagen, dass er im Gegenzug irgendeinen Genuss erhält: Entweder empfindet er den Genuss während der Handlung, oder er hofft, dass Leiden läutern und er danach als Gegenleistung für die Leiden mit einem wunderbaren Genuss belohnt wird. Er erlangt den Genuss entweder in dieser Welt, oder es bereitet ihm Genuss zu glauben, dass er in der Kommenden Welt Freude empfangen wird. Das heißt, er hat Genuss in Form von innerem Licht (Or Pnimi) oder in Form von Or Makif, also aus der Zukunft.

Der Mensch soll jedoch nicht meinen, er könne etwas ohne Genuss tun. Vielmehr gibt es viele Arten von liShma, also im Geben: (Der Mensch muss wissen:) „Geben, um zu geben“ bedeutet, dass man Genuss daraus empfängt, dem Schöpfer zu geben. „Geben, um zu empfangen“ bedeutet, dass man dem Schöpfer gibt und dadurch etwas anderes empfängt – ganz gleich, was: diese Welt, die Kommende Welt, Erlangungen oder hohe Stufen.

Der Mensch soll vielmehr „geben, um zu geben“, also daraus, dass er dem Schöpfer gibt, einen wunderbaren Genuss empfinden, wie es bei denen, die damit belohnt werden, tatsächlich der Fall ist. Und er soll vor Ihm sein Herz ausschütten, damit Er ihm dieses Empfinden gibt, den Schöpfer aufgrund Seiner Größe zu lieben.

Wenn er noch nicht damit belohnt wurde, soll er glauben und seinen Körper dazu zwingen, dass dies ein wunderbarer Genuss und von großer Bedeutung ist, und den Schöpfer aufgrund Seiner Bedeutung und Erhabenheit lieben. Eines jedoch muss man wissen: Ohne Genuss kann der Mensch nichts vollkommen tun.

Kehren wir zum zuvor Gesagten zurück: „Mit deinem ganzen Herzen – mit deinen beiden Trieben.“420 Das heißt, der Mensch muss in der Liebe zum Schöpfer zur Vollkommenheit gelangen, sodass auch der Böse Trieb (Jezer haRa) einwilligt, Ihm zu geben.

Ich fasse meinen Brief wegen der Heiligkeit des Schabbat kurz. Ich denke, dass … Antworten auf die beiden Briefe erhalten kann, die ich von ihm bekommen habe und die mir große Freude bereitet haben. Ich wundere mich über …, der mir gewöhnlich Briefe schrieb; seit langer Zeit habe ich keinen Brief von ihm erhalten. Bitte teilt mir mit, wie es um seine Gesundheit steht. Auch … gebührt großer Dank für seine Briefe, die ich von Zeit zu Zeit erhalte, ebenso … für das Telegramm. Offenbar kennt … meine Adresse nicht.

Euer Freund

Baruch Shalom, Sohn meines Vaters und Lehrers

Unser Lehrer Rabbi Yehuda Leib Ashlag

Brief 41

23. Mai 1958, Manchester

Frieden und alles Gute für immer meinem Freund …

Heute habe ich deinen Brief zusammen mit 18 (Chai; hebräisch zugleich „lebendig“) erhalten. Möge es Sein Wille sein, dass du den Geschmack der Wonne, des Glanzes und der Süße des ewig Lebenden kosten darfst. Denn auf alle Dinge muss man hoffen, dass man ihrer würdig wird. Das Verlangen nach guten Dingen wird als Aspekt des Gebets bezeichnet, der ein Aspekt des Mangels ist: Der Mensch spürt, dass ihm diese Sache fehlt, und der Schöpfer wird diesen Mangel ausfüllen. Das heißt, der Mensch soll darauf warten, all die guten Dinge in seinem Herzen zu empfinden, die der Schöpfer uns beim Empfang der Tora verheißen hat, wie geschrieben steht: „Und nun, wenn ihr wirklich auf Meine Stimme hört …, dann werdet ihr Mir ein besonderer Schatz unter allen Völkern sein … Und ihr werdet Mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“

Wir sehen: Es ist der Lauf der Welt, dass jemand, der großen Besitz und alles Gute hat, stets in gehobener Stimmung ist. Wir aber sind das erwählte Volk, wie geschrieben steht: „Du hast uns aus allen Völkern erwählt.“ Daher müsste jeder Einzelne aus dem Volk Israel stets in gehobener Stimmung und immer voller Freude sein. Doch solange der Mensch nicht dessen würdig geworden ist, dass all diese guten Dinge im Herzen zu einer Empfindung werden, beeindruckt es ihn nicht, wenn er mit dem Mund sagt: „Du hast uns erwählt.“

Denn beim Empfang der Tora geht es vor allem um die Innerlichkeit der Tora, die in deren Äußerlichkeit gekleidet ist. Die Tora in ihrem inneren Aspekt wird „die Namen des Schöpfers“ genannt. Das bedeutet: Der allgemeine Name des Schöpfers lautet „der Gute, der Gutes tut“. Da der Schöpfer viele Genüsse gibt, die in dem Aspekt enthalten sind, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, besteht die Tora aus Namen von Genüssen, denn jeder Genuss hat einen anderen Namen. Mit anderen Worten: Der allgemeine Name „der Gute, der Gutes tut“ entfaltet sich in viele Einzelheiten. Diese Innerlichkeit kleidet sich in die äußere Tora.

Der Mensch muss danach verlangen, der Innerlichkeit der Tora würdig zu werden. Dann empfindet man all die guten Dinge, die der Schöpfer uns verheißen hat. Wenn man dann sagt: „Du hast uns erwählt“, bedeutet es, dass man bereits den ganzen guten Besitz empfindet, dessen wir würdig geworden sind. Deshalb werden wir „ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk“ genannt.

Dies ist die Bedeutung von „Und das ganze Volk sah die Stimmen“: Wenn die Stimme des Schöpfers im Herzen gehört wird, kommt dieses Empfinden wirklichem Sehen gleich. „Denn kein Mensch kann Mich sehen und leben.“ Vielmehr geschah es dadurch, dass sie die Stimmen sahen. Das bedeutet: Die Stimme des Schöpfers breitet sich im Herzen aus und nicht im Ohr, denn das Ohr ist etwas Äußerliches am Menschen, während allein das Herz der Mensch selbst ist. Deshalb muss die Stimme des Schöpfers im Herzen empfunden werden; dann heißt dies „die Stimmen sehen“. Dann lebt bereits jeder Einzelne in einer Welt, die ganz und gar gut ist, und das Herz empfindet bereits „Du hast uns erwählt“, weil es schon vom Glanz der oberen Wonne kostet und die liebliche Süße des Lichts des Schöpfers sich in seinem ganzen Herzen ausbreitet. Dann erkennt man: „Glücklich bist du in dieser Welt, und gut ist dir in der Kommenden Welt.“

Wegen der Heiligkeit des Schabbat und des Festes kann ich mich jetzt nicht ausführlicher äußern. Möge der Schöpfer uns helfen, des vollkommenen Empfangs der Tora würdig zu werden.

Von deinem Freund, der dir und deiner Familie alles Gute wünscht

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines Vaters und Lehrers (Baal HaSulam)

Brief 42

Mit Hilfe des Schöpfers

Frieden und alles Gute für immer meinem Freund …

Ich schrieb dir vor Pessach einen Brief. Da die Adresse jedoch nicht richtig war, kam der Brief zurück. Nun, vor dem Fest Schawuot, der Zeit der Gabe unserer Tora, möchte ich dir einige Zeilen schreiben …

Die Vorbereitung auf die Tora, soweit sie uns betrifft, ist die Ehrfurcht. Wie geschrieben steht: „Und das Volk lagerte – wie ein Mann mit einem Herzen.“421 Das bedeutet, dass alle ein Ziel hatten: dem Schöpfer Nutzen zu bringen. Daraus folgt …

Wir müssen verstehen: Wie kann man „wie ein Mann mit einem Herzen“ sein? Schließlich ist bekannt, was unsere Weisen sagten: „So wie ihre Gesichter einander nicht gleichen, gleichen auch ihre Ansichten einander nicht.“422 Wie kann man also „wie ein Mann mit einem Herzen“ sein?

Antwort: Wenn wir davon sprechen, dass jeder für die eigenen Bedürfnisse sorgt, kann man unmöglich „wie ein Mann“ sein, denn sie gleichen einander nicht. Wenn dagegen alle ihre eigene Verfügungsgewalt annullieren und nur dafür sorgen, dem Schöpfer Nutzen zu bringen, gibt es ihre individuellen Ansichten nicht mehr: Alles Einzelne ist annulliert, und alle sind unter die Herrschaft des Einzigen getreten.

Dies ist die Bedeutung der Worte: „Die Ansicht der Hausherren ist der Ansicht der Tora entgegengesetzt.“423 Denn die Ansicht der Tora ist die Annullierung der eigenen Verfügungsgewalt. So sagten unsere Weisen: „Ein Mensch, wenn er in einem Zelt stirbt“424 – „Die Tora besteht nur in jemandem, der sich für sie zu Tode bringt.“425 Das heißt: Er lässt sein Selbst sterben – seinen eigenen Nutzen –, und alles, was er tut, ist nur um des Himmels willen.

Dies wird „Vorbereitung auf den Empfang der Tora“ genannt, denn es steht geschrieben, dass es verboten ist, Götzendiener die Tora zu lehren.426 Wie geschrieben steht: „So hat Er an keinem Volk gehandelt; Seine Rechtsbestimmungen kennen sie nicht“427

Brief 43

4. Chanukka 5719 (10. Dezember 1958428), Jaffa–Tel Aviv

An meine lieben Freunde in Gateshead, mögen sie lange leben

Ich sende euch meine Glückwünsche zu Chanukka. Möge es Sein Wille sein, dass wir das Licht von Chanukka in unseren Herzen empfinden; dadurch werden unsere Augen erleuchtet und unsere Herzen erfreut.

Bei dieser Gelegenheit schreibe ich, was ich über Chanukka gesagt habe: Bekanntlich können die Kerzen erst leuchten, wenn drei Bedingungen erfüllt sind:

1) Die Kerze, also das Gefäß, in das man das Öl gibt.

2) Das Öl.

3) Der Docht.

Wenn diese drei Dinge zusammenkommen, kann man ihr Licht genießen.

Diese drei Aspekte lassen sich im Sinne der spirituellen Arbeit und der ethischen Lehre erklären. Das Gefäß, in das sowohl das Öl als auch der Docht gegeben werden, ist der Körper; er wird „Kerze“ genannt.

Die Mühe in Tora und Mizwot sowie die Widersprüche, die der Mensch in der Vorsehung des Schöpfers empfindet, betreffen Dinge, bei denen ihm nicht offenbart ist, dass die Welt nach der Eigenschaft des Guten, der Gutes tut, gelenkt wird. Nach seinem Denken und seinem Verstand müsste der Schöpfer die Welt anders lenken: Das Maß Seiner Güte sollte jedem Einzelnen offenbart sein. Da dies dem Verstand des Menschen widerspricht, wird es „Docht“ (Petila) genannt – vom Wort Petaltol („gewunden“) und vom Wort Pesula („untauglich“)429, denn solche Gedanken sind für das Denken untauglich.

Die Klarheit und das Erwachen, die ihn danach verlangen lassen, sich mit Tora und Arbeit zu beschäftigen und darin Süße und Annehmlichkeit zu empfinden, werden „Öl“ genannt.

Fehlt eines von ihnen, kann man ihr Licht nicht genießen. Ebenso ist es hier: Wenn der Körper sowohl die Mühe als auch die Klarheit umfasst, wird man würdig, das Licht des Schöpfers zu erlangen, das gerade aus ihrer Verbindung hervorgeht. Sind Öl und Docht verbrannt, gibt es nichts mehr, was leuchten könnte, und es wird dunkel. Ebenso hat der Mensch kein Licht mehr, sobald Mühe und Klarheit zu Ende sind, und bei ihm wird es wieder dunkel.

Will er weiteres Licht erlangen, muss er sich bemühen, weitere Mühe aufzubringen, die „Docht“ genannt wird, und weitere Klarheit, die „Öl“ genannt wird; denn das Licht hat nichts, worin es verweilen und woran es sich festhalten kann. Der Grund dafür ist der Grundsatz (Klal): „Lefum za’ara agra“ [Entsprechend dem Leid ist der Lohn]430.

Die wesentliche Klarheit, „Öl“ genannt, entsteht durch den Glauben. Das bedeutet, dass der Mensch den Bösen Trieb (Jezer haRa) überwindet, der ihm Mühen und Widersprüche zum äußeren Verstand bereitet. Dies wird als Prüfungen in der Arbeit für den Schöpfer bezeichnet.

Nach dieser Überwindung wird der Mensch würdig, das Licht des Schöpfers zu empfangen, das der Seele des Menschen leuchtet. Dann gibt es keinen Raum mehr für Widersprüche. Dies wird „Licht von Chanukka“ genannt. Das heißt, er wird einer offenbaren Vorsehung würdig: Seine Lenkung entspricht der Eigenschaft des Guten, der Seinen Geschöpfen Gutes tut.

So lässt sich erklären, was unsere Weisen über die Chanukka-Kerze sagten: „Ihre Mizwa gilt vom Sonnenuntergang an, bis kein Fuß mehr auf dem Markt ist“ (Traktat Schabbat 21)431. Damit wiesen sie auf das oben Gesagte hin.

Die „Sonne“ bezeichnet das leuchtende Licht. „Fuß“ (Regel) hängt mit „Kundschaftern“ (Meraglim) zusammen: Der Mensch kundschaftet aus, um die Vorsehung des Schöpfers zu erkennen. So steht über die Kundschafter geschrieben: „Und ihr sollt sehen, wie das Land ist … ob es gut oder schlecht ist.“432 Das bedeutet, zu prüfen, ob die obere Vorsehung in der Welt der Eigenschaft des Guten entspricht, der Gutes tut.

Der „Markt“ ist das Gebiet der Vielen, denn gerade dort befinden sich Kundschafter. Wird der Mensch dagegen würdig, in das „Gebiet des Einen“ einzutreten – das heißt, zu erkennen, dass es in der Welt keine andere Kraft gibt als den Schöpfer allein, denn „Er allein vollbringt und wird alle Taten vollbringen“433 –, dann gibt es keinen Raum mehr für Kundschafter.

Darauf wiesen sie hin: Man muss das Licht von Chanukka herabziehen, damit es die offenbare Vorsehung in der Eigenschaft des Guten, der Gutes tut, erhellt – vom Sonnenuntergang an, bis kein Fuß mehr auf dem Markt ist. Das heißt: von der Zeit, als der Mensch noch in der Finsternis war, bis jeder Aspekt der Kundschafter aus dem Gebiet der Vielen verschwunden ist, sodass kein Raum mehr für sie bleibt und sie alle aus der Welt verschwinden.

Auf diese Weise lässt sich auch deuten, was wir im Lied „Mächtiger Fels meiner Rettung“434 sagen: „Die Griechen versammelten sich gegen mich … sie durchbrachen die Mauer meiner Türme und verunreinigten alle Öle.“ Chomat („Mauer von“) besteht aus denselben Buchstaben wie Chotam („Siegel“) und Tchum („Grenze“). „Meine Türme“ bezeichnet den Turm, der mit allem Guten gefüllt ist (siehe Midrash Rabba, Kapitel 8)435. Die Mauer dient als Schutz, damit Fremde nicht in die Stadt eindringen und ihr Gutes rauben.

Ebenso ist es hier: Damit keine fremden Gedanken und ungebetenen Wünsche eindringen, muss man eine Mauer errichten, durch die man vor den Äußeren geschützt wird. Diese Mauer heißt Glaube, denn nur durch den Glauben kann der Mensch vor all dem gerettet werden. Dies wird „Grenze“ genannt: Bis hierher können sich die Äußeren nähern. Wenn sie sehen, dass der Mensch die Mauer nicht verlässt, gehen sie fort und kehren an ihren Ort zurück.

Der Grund ist, dass der Glaube gerade über dem Verstand ist, während die Herrschaft der Sitra Achra (anderen Seite) gerade innerhalb des Verstandes des äußeren Intellekts liegt. Daher hat sie keinerlei Verbindung oder Berührung mit dem Menschen.

Die Klipa (Schale) Griechenlands bestand darin, dass sich das Volk Israel ausschließlich nach dem äußeren Intellekt richten sollte, also nach der verfluchten Philosophie. Dies steht im Gegensatz zum Glauben, der, wie oben gesagt, „Mauer“ genannt wird. In dem Maß, in dem es ihnen gelang, die Philosophie in Israel einzuführen, schlugen sie gleichsam eine Bresche in die Mauer.

Dies ist die Bedeutung von „sie durchbrachen die Mauer meiner Türme“: Gemeint ist die Mauer um den Turm, der mit allem Guten gefüllt ist. Durch diese Mauer wird man der offenbaren Vorsehung würdig und erkennt, dass der Schöpfer die Welt nach der Eigenschaft des Guten, der Gutes tut, lenkt.

Durch diese Bresche „verunreinigten sie alle Öle“. Das heißt, alle Klarheit und Lebenskraft, deren sie durch den Glauben würdig geworden waren, wurden ihnen verschlossen. Denn Tuma („Unreinheit“) hängt mit Timtum („Abstumpfung“) und Situm („Verschluss“) zusammen. Schließlich geschah ein Wunder: Der Schöpfer half ihnen, und sie wurden erneut des offenbarten Lichts würdig, das „Licht des Angesichts“ (Or Panim) genannt wird.

Zu der Frage meines Freundes über den Shofar (Widderhorn) schreibt er: „Der Schöpfer erhebt sich von der Eigenschaft des Gerichts zur Eigenschaft der Barmherzigkeit. An mehreren Stellen scheint der Hinweis jedoch der Eigenschaft des Gerichts zu gelten, etwa wenn bei einem Bann der Shofar geblasen wurde und Ähnliches.“

Die Antwort des Werkes Yaarot Dvash436 lautet: Gerade weil der Shofar das Gericht erweckt, erweckt der Mensch Barmherzigkeit, wenn er für sich selbst die Eigenschaft des Gerichts fordert. Er sagt dann zum Schöpfer, er wolle seine Strafe auf sich nehmen, wenn er dadurch nur von der Sünde befreit und von ihr gereinigt werde. Eben dadurch erweckt der Mensch Barmherzigkeit. Gewiss darf man die Worte des heiligen Verfassers von Yaarot Dvash nicht anzweifeln.

Siehe im Sohar, Wochenabschnitt Emor (Blatt 99, Rabbi Shimon)437, wo es heißt: „Israel benötigt am Tag des Gerichts einen Shofar und kein Horn, denn bei einem Horn ist bekannt, an welchem Ort es sich befindet“ – das heißt, es verweist auf die Eigenschaft des Gerichts; siehe dort im Sulam [denn das Horn verweist auf Malchut, Gericht, und wir müssen das Gericht nicht erwecken; der Shofar hingegen verweist auf Bina, Barmherzigkeit] – „und wir wollen uns nicht mit dem Gericht verbinden.“ Daraus geht hervor, dass der Shofar die Eigenschaft der Barmherzigkeit ist.

Was er über den Bann anführt, lässt sich so erklären: Das Blasen des Shofar rührt daher, dass beim Bann der Gebannte unter der Herrschaft der Eigenschaft des Gerichts steht. Damit diese Eigenschaft nicht über ihn herrscht, muss man für ihn Barmherzigkeit erwecken. Dies gleicht der Verbindung der Eigenschaft des Gerichts mit der Barmherzigkeit; der Shofar besitzt die Kraft, Barmherzigkeit zu erwecken.

Ebenso verhält es sich mit dem Vers „Blast den Shofar auf Zion“438, der das Volk zur Umkehr (Teshuwa) aufruft. Wenn man erkennt, dass – Gott behüte – die Eigenschaft des Gerichts herrscht, muss man den Shofar blasen, um Barmherzigkeit zu erwecken. Denn der Shofar besitzt die Kraft, Barmherzigkeit zu erwecken und dem Volk die Kraft zur Umkehr zu geben.

Dies gleicht einem Wächter, der auf einem Aussichtspunkt steht und aus der Ferne ein Heer heranziehen sieht, das gegen die Bewohner der Stadt kämpfen und ihr Gutes rauben will. Er bläst den Shofar, damit sich das Volk versammelt, hinauszieht, gegen das Heer kämpft und die Stadt rettet. Daraus folgt, dass der Shofar die Eigenschaft des Gerichts ist, wie es aus den Worten des heiligen Sohar hervorgeht.

Zum zweiten Punkt, den er mir über die Liebe zum Schöpfer schrieb, zitiere ich seine Worte: „Mit der Liebe zum Schöpfer verhält es sich wie bei jedem, der seinen Freund liebt und ihm anhaften, also in seiner Gesellschaft sein möchte. Ebenso muss in der Liebe zum Schöpfer das Verlangen bestehen, in Seiner Nähe zu sein und die Freude an Seiner Nähe zu empfinden, bis man sich nicht mehr von Ihm trennen möchte.“

Rabbi Samson Raphael Hirsch439 erklärt, die Liebe zum Schöpfer sei das Verlangen im Herzen, Geschenke zu geben und „seinem Schöpfer Gutes zu tun“. Wie bei jeder Liebe zwischen Menschen der Liebende dem Geliebten geben möchte, so wird auch die Liebe zum Schöpfer als tiefes Verlangen im Herzen bezeichnet, zu geben und seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. So weit seine Worte.

Ich möchte hinzufügen, dass beide Erklärungen wahr sind; man muss jedoch zwischen den jeweiligen Zeiten unterscheiden. Denn immer ist zwischen einer Wirklichkeit und der Erhaltung dieser Wirklichkeit zu unterscheiden. Wenn ein Kind geboren wird, sehen wir eine vollständige Wirklichkeit: Das Kind lebt und besteht, und ihm fehlt nichts.

Doch wenn das Neugeborene nicht die nötige Nahrung erhält, wird diese ganze Wirklichkeit gewiss nicht fortbestehen, denn ohne Nahrung wird das Kind sterben. Damit die Wirklichkeit bestehen bleibt, braucht es also Nahrung, durch die das Neugeborene wächst und sich entwickelt. Erhält es verdorbene Nahrung oder bekommt es zwar Nahrung, aber nicht genug, wird es sehr schwach.

Ebenso sind für die Liebe zum Schöpfer die beiden genannten Dinge nötig:

1) Das Ziel, das als Wirklichkeit gilt. Es ist die Liebe an sich, also Vereinigung und Anhaftung (Dwekut): Der Mensch will sich vor dem Schöpfer annullieren und hat in seinem Leben keine anderen Sorgen, sondern richtet sein ganzes Herz und all seine Gedanken Tag und Nacht auf Ihn. Kein Leid in der Welt ist für ihn größer als das Leid, das entstünde, wenn es – Gott behüte – zu einer Trennung in dieser Verbindung käme, wie geschrieben steht: „Gäbe ein Mann den ganzen Besitz seines Hauses für die Liebe, man würde ihn gänzlich verachten.“440

2) Die Erhaltung der Wirklichkeit. Damit die Liebe nicht erlischt, sondern sich vermehrt und noch stärker wächst, brauchen wir Nahrung. Das bedeutet, Nahrung zu geben, die Mizwot und gute Taten genannt wird. In dem Maß, in dem der Mensch seine guten Taten vermehrt, wächst auch die Liebe zwischen ihm und seinem Schöpfer. Dann gibt auch der Schöpfer Geschenke, wie es unter Liebenden üblich ist. Die Geschenke des Schöpfers heißen Offenbarung der Geheimnisse der Tora; sie werden „Werk des Wagens“ (Maase Merkawa) und „Schöpfungswerk“ (Maase BeReshit) genannt.

Demnach sind beide Erklärungen wahr. Danach wird man einer höheren Stufe würdig, die „Liebe, die von nichts abhängt“ genannt wird.

Möge der Schöpfer uns helfen, der Liebe zum Schöpfer würdig zu werden.

Von eurem Freund, der euch

alles Gute im Materiellen und im Spirituellen wünscht

Brief 44

Mit der Hilfe des Schöpfers, am vierten Tag von Chanukka 5719 (10. Dezember 1958)441, hier in Tel Aviv

Frieden und alles Gute auf ewig meinem teuren Freund …

Ich sehne mich danach, von deinem Wohlergehen und dem deiner Familie zu hören – mögen sie leben – und auch zu erfahren, wie es um deinen Lebensunterhalt steht. Denn bevor ich von dir abreiste, erzähltest du mir, dass du Erfolg brauchst … Deshalb möchte ich wissen, wie deine Lage ist.

Und ich schließe mit Worten der Tora. Im Lied „Mächtiger Hort meiner Rettung“ heißt es: „Die Griechen scharten sich gegen mich … und durchbrachen die Mauern meiner Türme.“ Dies ist so auszulegen: Die Klipa (Schale) Griechenlands bestand darin, dass sie den Schabbat und die Beschneidung abschaffen wollten. Denn Schabbat und Beschneidung werden „Zeichen“ genannt, und das Zeichen des Bundes heißt „Mizwa des Glaubens“. Deshalb wollten sie gerade diese beiden Mizwot abschaffen. Denn wenn man den Glauben in der Allgemeinheit Israels (Klal Israel) abschafft, werden dadurch alle Mizwot der Tora von selbst hinfällig. Denn der Glaube ist eine eiserne Mauer, das heißt, ein mächtiger Schutz, damit kein Fremder in die Heiligkeit eindringt. In dem Maß, in dem ein Mensch Glauben hat, hält er die Tora und die Mizwot. Durch die Erfüllung der Tora und der Mizwot wird man würdig, das in ihr verborgene Licht zu empfangen, und empfindet das Gute, die Lieblichkeit und die Lebenskraft, wie geschrieben steht: „Denn sie sind unser Leben und die Länge unserer Tage.442

Dies ist die Bedeutung von „und durchbrachen die Mauern meiner Türme443“: Sie schlugen eine Bresche in die Mauer, die „Glaube“ genannt wird. Durch die Mizwa des Glaubens wird man eines „Turmes, erfüllt mit allem Guten“ würdig. Das ist die Süße und Lieblichkeit des höheren Genusses, der in der Tora liegt. Und es geschah ein Wunder: Der Schöpfer half ihnen, und sie besiegten die Klipa Griechenlands. Dadurch wurden sie erneut des großen Lichtes würdig. Dies wird „Chanukka-Kerze“ genannt, also die Lichter, die man durch die Erfüllung des Glaubens empfängt.

Mögen wir alle gemeinsam bald Seines Lichtes würdig werden.

Von deinem Freund, der für dich und deine Familie betet

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

Brief 45

Mit Gottes Hilfe, 13. Schwat 5719 (22. Januar 1959), Tel Aviv

Frieden und alles Gute für meinen lieben Freund …

Hiermit antworte ich auf deinen Brief vom Dienstag des Wochenabschnitts WaYishlach. Du hast zwei Fragen zur Urschlange gestellt:

1) Warum wurde sie bestraft? Schließlich finden wir nirgends eine Warnung, nicht anzustiften.

2) Was bedeutet die Strafe „Auf deinem Bauch sollst du kriechen“ in Bezug auf den Bösen Trieb (Jezer haRa)?

In Siftei Chachamim444 steht zum Vers (1. Mose 3,14), dass die Schlange nur deshalb bestraft wurde, weil es durch sie zu einem Fehltritt kam. Denn ihr war nicht geboten worden, nicht anzustiften. So weit seine Worte. Das bedeutet: Die Strafe erfolgte nicht, weil sie es verdient hätte, dass man ihr wegen ihrer Sünde die Kraft nimmt, sondern aus einem anderen Grund – damit andere nicht durch sie zu Fall kommen. Demnach wurde sie nicht wegen des Anstiftens bestraft, denn ihr war nicht geboten worden, nicht anzustiften.

„Auf deinem Bauch sollst du kriechen“ lässt sich so erklären: In der Heiligkeit gibt es drei Stufen, die Nefesh, Ruach und Neshama heißen.

Nefesh bezeichnet einen Zustand des Ruhens (Nefisha), in dem die Lebenskraft so gering ist, dass man zu keiner Bewegung fähig ist. Ruach bezeichnet bereits die Eigenschaften: Man besitzt schon die Bewegungsfähigkeit, die Eigenschaften zu korrigieren. Dies heißt: „Chessed – der rechte Arm; Gwura – der linke Arm“ [Chessed – die rechte Hand; Gwura – die linke Hand]. Man kann seine Hände gebrauchen und verfügt dabei über Lebenskraft der Heiligkeit.

Neshama bedeutet, dass man bereits Verstand und Denkvermögen der Heiligkeit besitzt, also schon mit Erkenntnis der Heiligkeit belohnt wurde. Dann gilt, dass man die Stufe Neshama besitzt.

Die Reihenfolge, in der die spirituellen Lichter empfangen werden, entspricht der Ordnung im Materiellen. Wir sehen: Wenn ein Kind geboren wird, ist seine Lebenskraft so gering, dass es sich nicht aus eigener Kraft bewegen kann; andere müssen ihm helfen. Es kann nur liegen. Das Liegen zeigt, dass der Kopf nicht höher als der Körper ist, sondern dass der Kopf auf derselben Höhe wie die Beine liegt. Dies wird im Spirituellen, wie oben erläutert, Nefesh genannt.

Wenn das Kind weiter heranwächst und dadurch mehr Kraft erhält, reicht seine Lebenskraft bereits aus, um sitzen zu können. Das Sitzen zeigt, dass es seine Hände bewegen kann. Dadurch nimmt die Stufe des Kopfes zu, und zwischen der Höhe des Kopfes und der des Körpers ist ein Unterschied erkennbar.

Wenn es noch weiter heranwächst, also bereits Verstand in seinem Kopf erlangt hat, ist seine Lebenskraft so groß, dass sie sich auch in seine Beine ausbreitet. Dann ist ein großer Höhenunterschied zwischen dem Kopf einerseits und dem Körper und den Beinen andererseits erkennbar.

Daraus folgt, dass es drei Stufen gibt. Dies gilt jedoch gerade für den Sprechenden (Medaber): Sein Kopf ist oben, sein Körper darunter und seine Beine noch weiter unten. Denn er besitzt Verstand und Gedanken und steht dadurch über der Stufe des Tieres.

Bei den Tieren dagegen befinden sich Kopf und Körper auf derselben Höhe. Das zeigt uns, dass ihr Kopf nicht wichtiger ist als ihr Körper. Bei ihnen lassen sich daher nur zwei Stufen unterscheiden: Nefesh oder Ruach, wie oben erläutert.

Wenn sie ihre Beine gebrauchen, zeigt dies, dass sie große Kraft besitzen: Ihr Körper befindet sich höher als ihre Beine. Wenn sie dagegen keine Beine haben, ist ihre Lebenskraft sehr gering. Ihnen wurde nicht die Lebenskraft zweier Stufen gegeben; vielmehr befinden sich Kopf und Beine auf gleicher Höhe.

Damit lässt sich „Auf deinem Bauch sollst du kriechen“ erklären.

Das bedeutet: Ihr wurde die Stufe Ruach genommen, auf der sie bereits bewegungsfähig war. Mit dieser Kraft konnte sie Eva dazu anstiften, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Als ihr die Beine genommen wurden und sie sich auf ihrem Körper fortbewegte, der „Bauch“ genannt wird, wurde ihre Lebenskraft sehr gering. Dies wird „Nefesh ohne Bewegung“ genannt: Ihr fehlt noch die Lebenskraft, um Bewegungen ausführen zu können. Dadurch kann sie der Welt nicht mehr so großen Schaden zufügen.

Nefesh wird weibliches Licht genannt: Sie empfängt, was man ihr gibt, kann aber aus sich selbst keine Lebenskraft empfangen. Sie erhält sie nur dadurch, dass böse Taten begangen werden; daraus stammt ihre Lebenskraft. Wenn ein Mensch daher Verfehlungen begeht und ihr Lebenskraft gibt, erhält sie die Kraft, den Menschen zur Sünde zu verleiten.

Dies ist die Bedeutung von „Auf deinem Bauch sollst du kriechen“: Jetzt besitzt sie nur noch Nefesh der Klipa (Schale). Deshalb kann sie dem Menschen nicht so großen Schaden zufügen. Erst wenn man ihr Kraft gibt, wird sie stärker. Dies ist die Bedeutung von „Eine Verfehlung zieht eine Verfehlung nach sich“445, denn ihre Kraft ist stärker geworden. Wenn sich der Mensch daher nun in Tora und Mizwot stärkt, kann er sie besiegen und die wahre Vollkommenheit erreichen.

Brief 46

Mit Gottes Hilfe, 16. Schwat 5719 (25. Januar 1959)446, hier in Tel Aviv, möge es erbaut werden

Friede und alles Gute meinem Freund, den ich liebe wie meine eigene Seele …

Ich schreibe dir, was ich gestern, am 15. Schwat, gesagt habe.

Zum Neujahrsfest der Bäume sagt die Gemara: „Warum ist es am ersten Schwat? Rabbi Elazar sagte im Namen von Rabbi Oshaia: ‚Weil der größte Teil der jährlichen Regenfälle bereits niedergegangen ist.‘“447 Und Rashi erklärt: „Denn dies ist die Regenzeit; der Saft steigt in den Bäumen auf, und von nun an beginnen die Früchte anzusetzen.“448 Die Tossafot schreiben, dass dieser Grund auch für das Haus Hillel gilt, das den 15. Schwat als Neujahrsfest betrachtet. In der Gemara heißt es außerdem: „Wer in den Tagen des Nisan hinausgeht und blühende Bäume sieht, spricht: ‚Gesegnet sei Er, Der Seiner Welt nichts fehlen ließ und in ihr gute Geschöpfe und gute Bäume erschuf, damit die Menschen sich an ihnen erfreuen.‘“449

Dazu ist zu verstehen: 1) Was bedeutet „Der Seiner Welt nichts fehlen ließ“? Wenn jemand blühende Bäume sieht, wie beweist dies, dass nichts fehlt? 2) Was bedeutet „und in ihr gute Geschöpfe erschuf“? Wie beweist dies, dass die Geschöpfe gut sind? 3) Welche Verbindung besteht zwischen Mensch und Baum, sodass sie voneinander abhängen? 4) Warum ist es ein Zeichen für das Neujahrsfest, wenn der größte Teil der Regenfälle bereits vorüber ist?

Dies lässt sich im Sinne der ethischen Lehre erklären. Bekanntlich ist das Neujahrsfest eine Zeit des Gerichts, in der über die Welt zum Guten oder – Gott behüte – zum Schlechten geurteilt wird. Das Wort Rosh („Kopf“ bzw. „Anfang“) bezeichnet hier die Wurzel, denn aus der Wurzel gehen die Zweige hervor. Die Zweige folgen immer dem Wesen der Wurzel: Aus der Wurzel eines Feigenbaums wachsen keine Zweige einer Dattelpalme und dergleichen. So, wie der Mensch am Anfang seine Wurzel und seinen Ausgangspunkt festlegt, setzt er auch den Lauf seines Lebens fort. Wenn es heißt, dass am Neujahrsfest über den Menschen geurteilt wird, bedeutet dies, dass der Mensch selbst Richter, Entscheider und Vollstrecker ist. Denn der Mensch ist der Richter, der Mahner, der Wissende und der Zeuge. Darauf bezieht sich die Aussage unserer Weisen: „Es gibt ein Gericht unten, es gibt kein Gericht oben.“450

Die Regenfälle werden Lebenskraft (Chajut) und Genuss genannt, denn wenn der Baum Früchte hervorbringt, erfreut sich der Mensch daran. Die Hauptarbeit des Menschen geschieht im Winter, in den langen Nächten des Monats Tewet. Seit Tischri, dem allgemeinen Neujahrsfest, bis zum Monat Schwat ist bereits der größte Teil der Regentage vergangen. Der Mensch hat also schon Lebenskraft und Genuss aus seiner Tora und Arbeit empfangen. Denn der Regen kommt von oben; dies deutet darauf hin, dass die Fülle von oben kommt, durch den Baum fließt und sich in die Früchte kleidet. Dann richtet der Mensch über sich selbst: Lohnt es sich, das ganze Jahr mit Tora und Mizwot fortzufahren, oder ist es – Gott behüte – umgekehrt besser, all seine Gedanken auf materielle Angelegenheiten zu richten?

So lassen sich die oben angeführten Worte Rashis erklären: „Weil der größte Teil der Regentage vorüber ist, der Saft in den Bäumen aufgestiegen ist und von nun an die Früchte anzusetzen beginnen.“451 Wenn also die meisten Nächte mit Tora und Arbeit verbracht worden sind und der Saft in den Bäumen aufgestiegen ist – denn der Baum weist auf den Menschen hin, wie geschrieben steht: „Denn der Mensch ist ein Baum des Feldes“452 –, und wenn er sieht, dass in seinem Herzen ein Feuer brennt, wie geschrieben steht: „Ihre Gluten sind Feuergluten, eine Flamme des Ewigen“453, dann beschließt er, das ganze Jahr so fortzufahren. Dies ist die Bedeutung von „und von nun an beginnen die Früchte anzusetzen“: Von jetzt an wird er gesegneter Früchte würdig werden. Deshalb ist der 15. Schwat das Neujahrsfest, denn dann hält er Gericht über sich selbst und legt sich Rechenschaft darüber ab, ob es sich lohnt, mit Tora und Mizwot fortzufahren oder nicht.

Nun können wir das alles verstehen. Weil die Geschöpfe, wie oben erläutert, den Bäumen gleichen, heißt es: „Wer in den Tagen des Nisan hinausgeht und blühende Bäume sieht.“454 Die Bäume haben bereits begonnen, ihre Kräfte nach außen zu zeigen: Sie wollen Früchte zum Wohl des Menschen geben. Dies ist die Bedeutung von „gute Bäume“, denn gut heißt gebend, wie geschrieben steht: „Mein Herz wallt über von einem guten Wort.“ Anschließend wird erklärt, was „gut“ bedeutet: „Ich sage: Meine Werke gelten dem König.“455 Er will also all seine Werke für den König tun. Das heißt, er will nur geben und nicht die Begierden seines Herzens erfüllen.

Wenn er daher die Bäume blühen sieht, also sieht, dass sie Früchte geben, sagt er: „und in ihr gute Geschöpfe erschuf“456. Gewiss gibt es in der Welt gute Menschen, die ebenfalls geben; sonst würden die Bäume ihre Früchte nicht geben. Unsere Weisen sagten: „Die ganze Welt wird um meines Sohnes Chanina willen ernährt“457, also um des Gerechten (Zaddik) willen. Denn wenn es in der Welt Menschen gibt, die sich mit dem Geben beschäftigen, bringen aufgrund dieses Verdienstes auch die Bäume ihre Früchte hervor.

Dies ist die Bedeutung von „Der Seiner Welt nichts fehlen ließ“458: Obwohl wir von Natur aus unwürdige Eigenschaften haben, hat der Schöpfer für uns vorgesehen, uns mit Tora und Mizwot zu beschäftigen. Dadurch können wir uns um des Himmels willen damit beschäftigen und werden dadurch würdig, das ganze Gute und den ganzen Genuss zu empfangen, die der Schöpfer für uns bereitet hat.

Ich beende meinen Brief mit Segensworten: Der Schöpfer helfe uns, dass wir alle bald, in unseren Tagen, der vollständigen Erlösung würdig werden. Amen.

Von deinem Freund, der dir alles Gute für Körper und Geist wünscht

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 47

Mit Gottes Hilfe, 1. Adar II 5719 (11. März 1959), hier in Tel Aviv, möge es erbaut und gegründet werden

Frieden und alles Gute meinem Freund …

Hiermit schreibe ich dir die Auslegung, die ich am Schabbat des Wochenabschnitts Shekalim vorgetragen habe. „Am Ersten des Monats Adar kündigt man die Schekel an.“ Wir müssen die Bedeutung der Schekel verstehen; sie gehören zu den Dingen, die Moses Schwierigkeiten bereiteten. Rashi führt zum Vers „Dies sollen sie geben“ aus: „Er zeigte ihm etwas wie eine Münze aus Feuer, deren Gewicht einen halben Schekel betrug, und sagte ihm: ‚Dies sollen sie geben.‘“ Wir müssen verstehen, warum Moses damit Schwierigkeiten hatte.

Im Sinne der ethischen Lehre lässt sich dies so erklären: Der halbe Schekel heißt „ein Beka je Schädel“. Im heiligen Sohar (Nasso, Idra Rabba, Punkt 20) steht: „Jede Galgalta entrichtet Atik Yomin den Lohn der Weiße … Entsprechend gilt unten: ein Beka je Schädel, wenn sie in die Zählung eingehen.“ [„Und jeder Schädel gibt dem Schöpfer einen weißen Brief; entsprechend dazu das Zerbrechen des Schädels unten, wenn er in die Zählung eingeht.“] Mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) erläuterte: „Galgalta [Schädel] bedeutet Anfang, so wie der Kopf mit dem Schädel beginnt. Chiwarta [Weiße] bedeutet Weiß; das bezeichnet Glauben und Anhaftung (Dwekut). Beka bezeichnet Aufspaltung und Zerbrechen.“

Um seine Worte zu erklären, muss zunächst erläutert werden, dass die Tora „mit schwarzem Feuer auf weißem Feuer“ geschrieben wurde. Das bedeutet: Um des Lichts der Tora würdig zu werden, sind zwei Zustände nötig: Schwarz und Weiß. Schwarz heißt, dass der Glaube und die Anhaftung an den Schöpfer nicht leuchten. Das kommt daher, dass im Menschen eine Natur wie Feuer brennt: Sie will die Begierde des Verlangens zu empfangen befriedigen, jedoch nur für sich selbst. Und der Mensch ist nicht fähig, irgendetwas zu tun … wenn er nicht zuvor sieht, dass er dadurch später Freude und Genuss empfangen wird.

Wenn der Mensch dann beginnt, die ganze Welt zu betrachten, und glauben will, dass der Schöpfer die Welt mit einer Führung des Guten, der Gutes tut, lenkt, kommen ihm fremde Gedanken, Gott behüte. Diese Gedanken bewirken eine Aufspaltung und ein Zerbrechen in seiner Arbeit: Er hatte auf sich genommen, über dem Verstand zu glauben. Durch diese Aufspaltung entsteht bei ihm Finsternis, weil der Glaube von ihm gewichen ist und ihm die Anhaftung an Ihn fehlt. Dies heißt „ein Beka je Schädel – ein halber Schekel“, also ein Zustand der Finsternis.

Darüber hatte Moses Schwierigkeiten: Wozu ist diese Finsternis nötig? Wäre es nicht besser, beständig unter offener Führung zu stehen, sodass das Licht des Glaubens klar leuchtet? Und warum bedarf es, damit „Erhebt das Haupt der Kinder Israels“ verwirklicht wird, eines „Beka je Schädel“, also einer Aufspaltung und eines Zerbrechens, wie oben erklärt? Das bereitete Moses Schwierigkeiten.

Der Schöpfer antwortete Moses: „Dies sollen sie geben.“ Das bedeutet: Den Zustand der feurigen Natur – das, wozu das Verlangen zu empfangen sie zwingt – sollen sie dem Schöpfer als Gabe darbringen.

Da der Mensch diesen schwarzen Zustand überwinden muss, ist er auf Seine Hilfe angewiesen, wie unsere Weisen sagten: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem wird geholfen.“ Im heiligen Sohar wird erklärt, dass man ihm dadurch hilft, dass der Schöpfer ihm eine heilige Seele (Neshama) gibt, damit er seinen Zustand überwinden kann. Dann ist Raum für Seine Hilfe: Er kann ihm eine höhere Stufe geben. So muss der Mensch immer wieder Weiß heranziehen, das Geheimnis der höheren Weiße, wie im Buch Ez Chaim [Baum des Lebens], im Tor Akudim (Kapitel 1), erklärt wird. Dieses Weiß heißt Chiwarta [Weiße].

Dies ist die Bedeutung von „schwarzem Feuer auf weißem Feuer“. Ebenso bedeutet „jede Galgalta“: Jeder Anfang, bei dem der Mensch erneut wählen muss, bewirkt, dass er immer wieder die höhere Weiße heranzieht – das Geheimnis einer Seele und einer neuen Stufe –, weil er seinen Zustand, das „schwarze Feuer“, überwinden muss. Wenn die Hilfe von oben kommt, gibt es „weißes Feuer“. So geht es weiter, bis der Mensch die Vollkommenheit des Ziels erreicht, für das er erschaffen wurde.

Möge der Schöpfer uns helfen, der Offenbarung des Lichts der Tora und der baldigen Ankunft des gerechten Erlösers in unseren Tagen würdig zu werden. Amen.

Dein Freund, der sich nach deinem Frieden und Wohlergehen erkundigt

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 48

5. Nisan 5719 (13. April 1959), Tel Aviv

Frieden und alles Gute auf ewig für meinen Freund

Das Buch, über das du mir geschrieben hast, habe ich durchgesehen, und es hat mir Freude bereitet, denn es ist genau so, wie du gesagt hast.

Was das bevorstehende Pessachfest betrifft, so heißt es: „Von vier Söhnen spricht die Tora … und dem, der nicht zu fragen weiß, öffne du.“ Das Wort „fragen“ ist im Sinne von „Man bittet um Regen“ zu erklären, womit das Gebet gemeint ist. Wer also nicht zu beten weiß, bei dem liegt der Grund darin, dass er keinen Mangel hat; denn ein Gebet gibt es nur dort, wo ein Mangel besteht. Daher heißt es: „Öffne du ihm“ – das heißt, man soll ihm einen Ort des Mangels öffnen. Dann hat er etwas, worum er beten kann, und der Schöpfer kann ihm das Licht der Tora geben. Deshalb spricht die Tora gerade von ihm; denn wer keinen Mangel hat, besitzt kein Gefäß zum Empfangen, und folglich kann man ihm nichts geben.459460

„Die Tora spricht“ bedeutet, dass sie uns lehrt, wie wir uns darauf vorbereiten können, des Lichts des Schöpfers würdig zu werden. Darin liegt alles Kostbare, das uns gegeben wurde, wie geschrieben steht: „Denn sie ist eure Weisheit und euer Verstand vor den Augen der Völker … Denn welche große Nation hätte einen Gott, der ihr so nahe ist wie der Ewige, unser Gott, wann immer wir zu Ihm rufen?“ Das bedeutet: Der Schöpfer ist uns darin nahe, dass Er uns all Sein Gut geben will. Es fehlt nur der Ruf, also der Mangel; denn nur dort, wo ein Mangel besteht, gibt es Raum für eine Bitte – das heißt für ein Gebet, das Gefäß für den Empfang der Fülle. Dies ist die Bedeutung von „Dem, der nicht zu fragen weiß, öffne du“: Man soll ihm einen Ort des Mangels öffnen.461

Wenn er den Mangel hat und den Schöpfer bittet und anfleht, seinen Mangel zu erfüllen, dann heißt es: „Wer einhundert hat, will zweihundert.“ Daraus folgt: Indem der Mangel, den er im Spirituellen hat, erfüllt wird, entsteht danach ein noch größerer Mangel. Das heißt, später erlangt er größere Gefäße, und durch diese Gefäße empfängt er größere Lichter, weil er bereits einen Ort hat, von dem aus er zum Schöpfer rufen kann. Wie unsere Weisen sagten: „Öffnet Mir eine Öffnung zur Umkehr (Teshuwa), so fein wie eine Nadelspitze, und Ich werde euch Öffnungen auftun, durch die Wagen und Karren einfahren können.“ Der Mensch muss also das „Öffne du ihm“ erfüllen, selbst wenn die Öffnung nur so fein wie eine Nadelspitze ist.462463

Darin liegen zwei Bedeutungen: 1) Sie ist klein wie eine Nadelspitze. Das heißt: Nur wenn es einen Ort des Mangels am Spirituellen gibt, kann er den Schöpfer bereits anrufen, ihm zu helfen und seinen Mangel zu erfüllen – selbst wenn der Mangel klein ist. Wenn der Schöpfer seinen Mangel erfüllt, gilt: „Wer einhundert hat, will zweihundert.“ So erschafft das Licht selbst das Gefäß, also den Ort des Mangels, bis der Schöpfer ihm verspricht, dass es – nämlich das Licht selbst – „ihm Öffnungen auftun wird, durch die Wagen und Karren einfahren können“.

2) Eine weitere Bedeutung liegt in den Worten „wie eine Nadelspitze“: Der kleine Mangel soll ihn stechen und ihm wehtun wie die Spitze einer Nadel, mit der man ihn sticht. Denn wenn jemand einen Mangel hat, ihn aber nicht empfindet, hilft ihm das noch nicht. Nur wenn ihm sein Mangel wehtut, bittet und ersucht er den Schöpfer, seinen Mangel zu erfüllen.

Möge der Schöpfer unseren Mangel im Materiellen und im Spirituellen zum Guten erfüllen, und mögen wir ein koscheres und frohes Fest haben.

Von deinem Freund, der dir und deiner Familie alles Gute wünscht

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 49

Mit Hilfe des Schöpfers, 11. Elul 5719 (14. September 1959), hier in Bnei Brak, möge der Schöpfer es schützen

Frieden und alles Gute für immer an meinen Freund …

Schon lange habe ich keinen Brief von dir erhalten … Bei mir gibt es nichts Neues, und ich hoffe, dass der Schöpfer uns in allem Guten helfen wird.

Wir müssen den Midrash zu dem Vers verstehen, den wir im Achtzehngebet an Rosh HaShana sprechen: „Und der Ewige der Heerscharen wird durch Recht erhöht, und der heilige Gott wird durch Gerechtigkeit (Zedaka) geheiligt.“464 Dort heißt es: „Der Schöpfer sprach zu Israel: ‚Meine Söhne, bei eurem Leben: Dadurch, dass ihr das Recht wahrt, werde Ich erhöht. Woher wissen wir das? Denn es heißt: ‚Und der Ewige der Heerscharen wird durch Recht erhöht.‘ Dadurch, dass ihr Mich durch Recht erhöht, gebe auch Ich Almosen und lasse Meine Heiligkeit unter euch wohnen. Woher wissen wir das? Denn es heißt: ‚Und der heilige Gott wird durch Gerechtigkeit geheiligt.‘465

Wir müssen verstehen: 1) Ist Er etwa – wenn man so sagen darf – unten, sodass man Ihn erhöhen muss? 2) Ist Recht etwas Greifbares, sodass man damit etwas erhöhen kann? 3) Wenn der Schöpfer Almosen geben will, weshalb benötigt Er dann den Aspekt des Rechts? Kann Er denn ohne Recht keine Almosen geben und die Heiligkeit nicht wohnen lassen?

Dies ist im Sinne der ethischen Lehre über die Arbeit für den Schöpfer zu erklären. Der Mensch besteht aus zwei Aspekten: dem Bösen Trieb (Jezer haRa) und dem Guten Trieb (Jezer haTov). Damit es kein „Brot der Scham“ gibt, wurde dem Menschen die Arbeit in Tora und Mizwot gegeben. Indem der Mensch das Gute wählt und das Böse verwirft, wird er würdig, Seine Gaben ohne jede Scham zu empfangen.

Demnach ist der Mensch der Richter und muss urteilen und entscheiden, wer recht hat. Der Böse Trieb behauptet: „Alles gehört mir.“ Das heißt, der ganze Körper gehört ihm; der Mensch soll sich nur um den Nutzen des Bösen Triebs kümmern und nur dafür handeln. Ebenso behauptet der Gute Trieb: „Alles gehört mir.“ Das heißt, der ganze Körper gehört ihm; der Mensch soll sich nur um den Nutzen des Guten Triebs kümmern und nur dafür handeln.

Wenn der Mensch Recht sprechen und das Gute wählen will, stellt sich die Frage, warum er das Gute wählen und sagen soll, dass der Gute Trieb recht hat. Man kann nicht sagen, er solle dies tun, um in der Kommenden Welt Lohn zu empfangen, denn unsere Weisen sagten: „Seid nicht wie Knechte, die ihrem Herrn dienen, um Lohn zu empfangen.“466 Vielmehr muss der Mensch das Gute wegen der Größe des Schöpfers wählen. So schreibt der heilige Sohar, dass man für den Schöpfer arbeiten muss, „weil Er groß ist und herrscht“467 und „alle Welten erfüllt und alle Welten umgibt“468. Die wesentliche Grundlage seiner Arbeit ist also die Erhabenheit des Schöpfers.

Daraus folgt: Wenn der Mensch Recht spricht, muss er sich mit der Erhabenheit des Schöpfers befassen. Somit wird der Schöpfer durch das Recht erhöht. Nachdem der Mensch das Gute gewählt hat – nicht um des Lohnes willen –, kann der Schöpfer ihm all Seine Gaben geben, ohne dass daraus „Brot der Scham“ entsteht. Dann lässt der Schöpfer Seine Heiligkeit wohnen, das heißt, Er lässt ihn die Heiligkeit empfinden. All diese Gaben gelten als Almosen, die der Schöpfer gegeben hat. Da der Mensch nicht um des Lohnes willen arbeitet, werden die Gaben des Schöpfers nun Almosen genannt.

Möge der Schöpfer uns helfen, würdig zu werden, die Heiligkeit zu empfinden, und mögen sich an uns die oben genannten Worte des Midrash erfüllen.

Ich segne euch mit einer guten Einschreibung und Besiegelung.

Von deinem Freund, der dir und deiner Familie alles Gute wünscht

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 50

Mit Hilfe des Schöpfers, 21. Kislew 5720469 (22. Dezember 1959), hier in Bnei Brak

Friede und alles Gute auf ewig meinem Freund …

Die Kommentatoren fragten zu dem Vers: „Und Jakob fürchtete sich sehr, und ihm wurde angst.“470 Der Schöpfer hatte ihm doch in der Schau der Leiter verheißen, ihn überall zu behüten, wohin er gehen würde, wie geschrieben steht: „Und siehe, Ich bin mit dir und werde dich behüten, wohin du auch gehst.“471 Warum musste er dann beten: „Rette mich doch aus der Hand meines Bruders, aus der Hand Esaus“472?

Der heilige Sohar (WaYishlach, Punkt 70) erläutert die Worte der Engel an Jakob: „Auch zieht er dir entgegen, und vierhundert Mann sind bei ihm.“473 Er fragt: „Warum sagten sie ihm all dies?“ Und er antwortet: „Weil der Schöpfer stets die Gebete der Gerechten begehrt und Sich mit ihren Gebeten schmückt.“ Das heißt, der Schöpfer verlangt nach dem Gebet der Gerechten.474

Mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) erklärte, weshalb der Schöpfer den Geschöpfen nicht ohne Gebet alles Gute gibt, sondern will, dass sie Ihn bitten; dann wird Er ihnen geben. Es ist doch bekannt, dass die Kuh noch mehr säugen will, als das Kalb saugen will. Doch es gilt der Grundsatz: Es gibt kein Licht ohne ein Gefäß (Kli). Als Kli wird der Aspekt des Verlangens bezeichnet. Denn im Spirituellen gibt es keinen Zwang: Man kann an etwas, wonach man kein Verlangen hat, keinen Geschmack des Genusses empfinden. Das Empfinden des Genusses hängt hauptsächlich vom Maß des Verlangens und der Sehnsucht danach ab. Deshalb gibt der Schöpfer nur, wenn die Geschöpfe Verlangen und Sehnsucht haben.

Das Verlangen des Menschen nimmt gerade durch das Gebet Gestalt an. Denn wenn der Mensch einen Mangel empfindet, beginnt er zu beten. Dadurch wächst sein Gebet und wird stärker, bis es das Maß erreicht, das ihn befähigt, die obere Gabe zu empfangen. Deshalb „verlangt der Schöpfer nach dem Gebet der Gerechten“; denn nur dadurch können sie Seine Fülle empfangen.

Es ist bekannt, dass wir in Seiner Fülle immer zwei Aspekte unterscheiden: 1. Umgebendes Licht (Or Makif), 2. Inneres Licht (Or Pnimi). Umgebendes Licht bedeutet das, was der Mensch künftig empfangen wird, während er jetzt noch nicht geeignet ist, diese Gabe zu empfangen. Inneres Licht bedeutet das, was der Mensch in der Gegenwart empfängt; das heißt, die Fülle gelangt in sein Inneres.

Wie wir oben sagten, muss allem, was man empfängt, ein Gebet vorausgehen, damit ein Kli für den Empfang der Gabe vorhanden ist. Daraus folgt: Selbst nachdem der Schöpfer ihm in der Schau der Leiter etwas verheißen hatte, galt dies als Umgebendes Licht. Als er jedoch Esau begegnete und in der Gegenwart Rettung brauchte, musste er beten und das Verlangen enthüllen, das als Kli für die Rettung gilt, denn ohne Kli kann man nicht empfangen. Dies wird Inneres Licht genannt. Die Verheißung wird nämlich Umgebendes Licht genannt; wenn die Verheißung aber verwirklicht werden soll, ist ein Gebet nötig, und dies wird Inneres Licht genannt. Denn Umgebendes Licht ist eine Erweckung von oben (Itaruta deLeila), und Inneres Licht ist eine Erweckung von unten (Itaruta deLetata).

Mit dem Segen der Tora und der Freundschaft

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 51

Mit Hilfe des Schöpfers, 28. Adar 5720 (27. März 1960), hier in Bnei Brak

Friede und alles Gute auf ewig meinem Freund …

Hiermit teile ich dir mit, dass ich dein Telegramm zu Ehren der Hochzeit meiner Tochter – möge sie leben – zusammen mit dem dreifachen Segen erhalten habe. Mögen in deinem Heim immer Freude, Frohsinn, Glück und innere Ruhe herrschen.

Ich schreibe dir, was ich am Schabbat des Wochenabschnitts HaChodesh sagte. Rashi führt zu dem Vers „Dieser Monat soll für euch der Anfang der Monate sein“ Folgendes an: Moses war wegen des Neumonds im Zweifel, in welchem Maß er sichtbar sein und sich zur Heiligung eignen musste. Da zeigte Er ihm mit dem Finger den Mond am Himmel und sagte: „Sieh ihn so und heilige ihn.“ Ebenso erklärt Rashi den Vers „Am Anfang erschuf“ mit folgenden Worten: Rabbi Yitzchak sagte: „Die Tora hätte erst mit ‚Dieser Monat soll für euch sein‘ beginnen müssen, denn dies ist die erste Mizwa, die Israel geboten wurde. Warum begann sie also mit ‚Am Anfang‘? Weil ‚Er Seinem Volk die Kraft Seiner Werke kundtat, um ihnen das Erbe der Völker zu geben‘. Wenn nämlich die Völker der Welt zu Israel sagen: ‚Ihr seid Räuber, denn ihr habt die Länder der sieben Völker erobert‘, antworten sie ihnen: ‚Die ganze Erde gehört dem Schöpfer. Er hat sie erschaffen und dem gegeben, der in Seinen Augen rechtschaffen ist. Nach Seinem Willen gab Er sie ihnen, und nach Seinem Willen nahm Er sie ihnen und gab sie uns.‘“

Wir müssen verstehen: 1) Warum war Moses darüber mehr im Zweifel als über andere Dinge? 2) Hätte man, wenn die Tora nicht mit „Am Anfang“ begonnen hätte, sagen können – Gott behüte –, dass nicht der Schöpfer die Welt erschuf?

Dies ist im Sinne der ethischen Lehre zu erklären: Die Erde heißt „Körper“. Der Schöpfer erschuf den Körper und gab ihn den Völkern der Welt, also dem Bösen Trieb (Jezer haRa). Denn sobald ein Mensch geboren wird, zieht der Böse Trieb in ihn ein, wie geschrieben steht: „Denn das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an.“ Der Böse Trieb, der die Eigenschaft der Völker darstellt, sagt daher, der Körper gehöre ihnen: Sie müssten über ihn herrschen und könnten mit ihm tun, was sie wollen.

Wenn daher nach dreizehn Jahren der Gute Trieb (Jezer haTov) kommt, in den Körper eintreten und über ihn herrschen will und den Bösen Trieb hinauswerfen möchte, behauptet der Böse Trieb: „Ihr seid Räuber.“ Denn der Gute Trieb heißt Israel. Somit sagen die Völker, Israel wolle ihnen die Körper rauben, die ihnen gehören. Sie begründen es so: „Der Schöpfer hat uns alle Körper gegeben, und erst nach dreizehn Jahren wollt ihr Israeliten, also der Gute Trieb, uns diesen Körper rauben.“

Darauf lautet die Antwort, dass die Tora mit „Am Anfang“ beginnt, denn Israel heißt „Anfang“ (Reshit). Der Schöpfer erschuf die Welt nur für Israel. Dass Er den Körper zunächst den Völkern überließ, damit sie über ihn herrschten, geschah nur, damit es Raum für die Wahl gibt und Israel all Sein Gutes genießen kann, ohne dass Brot der Scham (Nahama deKisufa) entsteht.

Das erklärt Rashis Worte: „Er gab sie dem, der in Seinen Augen rechtschaffen ist“, also Israel. Denn von Anfang an bestand die Absicht darin, dem Volk Israel die volle Herrschaft über den Körper zu geben; das Ziel ist, dass der Gute Trieb über den Körper herrscht. Und das bedeuten die Worte „Nach Seinem Willen gab Er sie ihnen“: Dass Er den Körper bei der Geburt zunächst dem Bösen Trieb gab, entsprach Seinem Willen, damit das Volk Israel dadurch Raum für die Arbeit der Wahl hat. „Und nach Seinem Willen nahm Er sie ihnen“ bedeutet: Alles geschah nach einem einzigen Willen. Beim Schöpfer gab es – Gott behüte – keinen Wechsel des Willens. Man kann nicht sagen, dass Er den Körper zuerst den Völkern gab, es Sich später anders überlegte und ihn Israel gab. Vielmehr geschah alles nach einem einzigen Willen, also nach einem Gedanken und einer Absicht. Dies hebt Rashi mit den Worten hervor: „Nach Seinem Willen gab Er sie ihnen, und nach Seinem Willen nahm Er sie ihnen“ usw.

Daraus folgt: Damit es die Wahl gibt, überließ Er die Herrschaft zunächst dem Bösen Trieb. Deshalb befindet sich die Welt in Verhüllung, denn die Verhüllung des Angesichts schafft Raum für die Wahl.

Bekanntlich deutet der Mond auf die Shechina (göttliche Gegenwart), also auf den Glauben. Der Mensch muss den Glauben jedes Mal erneuern. Darin lag Moses’ Schwierigkeit: Bei seiner Erneuerung befindet sich der Mond in äußerster Katnut (Kleinheit), also in einer Zeit der Verhüllung. Da sagte der Schöpfer zu ihm: „Sieh ihn so und heilige ihn.“ Denn die größte Heiligkeit besteht gerade dann, wenn der Mensch sich selbst sogar in der größten Verhüllung heiligen kann, und dann … zum Auszug aus Ägypten.

Von deinem Freund, der dir und deiner Familie alles Gute wünscht

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 52

48. Tag der Omer-Zählung 5720 (30. April 1960), Wien

An die Freunde, mögen sie ewig leben

Das Wochenfest Schawuot naht; es ist die Zeit der Gabe unserer Tora. Bekanntlich entspricht Schawuot Malchut in den Welten und dem Herzen im Menschen. So erklärte mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) die Worte ‚der den siebten Tag heiligt‘ (Mekadesh Shewi’i): Shewi’i, ‚der Siebte, kommt von She-bi Hu – ‚Er ist in mir‘.

Damit meinte er, dass der Schöpfer Sich in das Herz des Menschen kleidet. Die Zeit, in der man sagen kann, dass sich die Tora in die Seele des Menschen kleidet, heißt daher Schawuot und ‚Gabe der Tora‘; denn dann kleidet sich die Tora in die Herzen jedes Einzelnen aus der Allgemeinheit Israels. Die Zeit der Zählung von Pessach bis Schawuot ist die Reinigung der Gefäße, also die Reinigung von Herz und Verstand. Wenn die Gefäße vollendet sind, wird man der Tora würdig.

Daher bestand vor Pessach die Vorbereitung in der Reinigung der Gefäße für den Aspekt des Glaubens, der Mizwa genannt wird. Durch den Auszug aus Ägypten wurden sie des Glaubens würdig, im Sinne der Worte: ‚Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten herausgeführt hat.‘ Nach Pessach beginnt die Arbeit der Reinigung als Vorbereitung auf den Empfang der Tora. Wenn sich die Tora in die Seele des Menschen kleidet, heißt Schawuot die Zeit der Gabe unserer Tora.

Wir brauchen die Barmherzigkeit des Himmels, damit Er uns die Kraft gibt, aus Ägypten auszuziehen und des Glaubens würdig zu werden. Denn viele Zustände müssen durchlaufen werden, bevor man des Glaubens würdig wird.

Manchmal verspürt der Mensch keinerlei Bedürfnis nach Glauben auf dem Weg der Reinheit. Er denkt, es sei besser für ihn, die gewohnten Wege zu gehen, wie es seinen Augen erscheint, denn alle Chassidim und Menschen der Tat gehen den Weg angelernter Menschengebote, also den gewohnten Weg. Wenn er auf diesem Weg doch wenigstens den vollkommenen Wunsch hätte, Tora und Mizwot einzuhalten!

Denn er sieht, dass er sich selbst darin in einem Zustand des Abstiegs befindet. Manchmal hat er keine Zeit, darüber nachzudenken; das heißt, er beschäftigt sich ohne jede Berechnung mit Tora und Mizwot, weil es sich bei der Tora und den Mizwot, die er ausübt, nicht lohnt, Berechnungen anzustellen. Der Mensch stellt Berechnungen an, um etwas zu gewinnen. Dann befindet er sich in einem Zustand, in dem es sich eher lohnt, über seine materiellen Bedürfnisse nachzudenken, denn seine hauptsächliche Lebenskraft liegt gerade im Materiellen.

Doch wir müssen uns an den Grundsatz (Klal) erinnern, den mein Vater und Lehrer nannte: Die hauptsächlichen Strafen betreffen die Zeit, in der sich der Mensch mit Tora und Mizwot beschäftigt. Solange er sich in einem Zustand befindet, in dem seine gesamte Lebenskraft nur im Materiellen liegt, wird er wie ein Tier beurteilt. Erst wenn er sich mit Tora und Mizwot beschäftigt, dabei aber nicht darauf achtet, dass dies auf dem Weg der Reinheit geschieht, nennt man ihn einen Götzendiener.

Wenn der Mensch also in seinem Verstand einwilligt, etwas in Tora und Mizwot zu tun, lohnt es sich, für den Schöpfer zu arbeiten. Denn die Hauptarbeit beginnt im Verstand; die Arbeit im Herzen dagegen ist eine völlig andere. Dann besteht seine Arbeit darin, den Zustand eines Tieres zu verlassen und Mensch zu werden. Darüber heißt es: ‚Ihr werdet Mensch genannt.‘ Nun beginnt die Arbeit des Menschen im Verstand: Er beginnt, Wissen und Glauben auf der Waage gegeneinander abzuwägen und zu prüfen, was für ihn lohnender ist. Schließlich beklagt er sich darüber, warum der Schöpfer ihn nicht des Wissens würdigt.

Damit lassen sich die Worte der Gemara erklären: „Rabbi Yehuda sagte: Shmuel sagte im Namen von Rabbi Meir: Als ich bei Rabbi Akiwa lernte, gab ich Kankantum [einen schwarzen Farbstoff] in die Tinte. Als ich zu Rabbi Yishmael kam, sagte er zu mir: Mein Sohn, sei bei deiner Arbeit vorsichtig, denn deine Arbeit ist Arbeit des Himmels. Wenn du einen Buchstaben auslässt oder einen Buchstaben hinzufügst, zerstörst du damit die ganze Welt.

Ich sagte zu ihm: Ich habe einen Stoff namens Kankantum [schwarzer Farbstoff], den ich in die Tinte gebe. Er sagte zu mir: Gibt man denn Kankantum in die Tinte? Die Tora sagt doch: ‚Er soll schreiben‘ und ‚er soll auswischen‘ – eine Schrift, die ausgewischt werden kann. Was sagte er ihm, und was erwiderte er ihm? Dies sagte er ihm: Nicht nur irre ich mich bei fehlenden oder überzähligen Buchstaben nicht, denn ich kenne mich aus; ich achte sogar auf die Gefahr, dass eine Fliege kommt, sich auf die Spitze des Dalet setzt und es zu einem Resh macht usw.“ (Traktat Eruwin 13a).

Der Schreiber (Lawlar) ist so zu erklären: Wenn sich der Mensch mit der Arbeit für den Schöpfer beschäftigt, wird er ‚Schreiber‘ (Sofer) genannt, wie es heißt: ‚Schreibe sie auf die Tafel deines Herzens.‘ ‚Fehlend und überzählig‘ bedeutet: Entweder fehlt ihm die Rechte, oder er fügt die Linke hinzu. Das sind zweimal Ken [קן, hebräisch: Nest; Zahlenwert 150], wie unsere Weisen sagten: ‚Man kann das Kriechtier mit hundertfünfzig Begründungen für rein erklären.‘ Daher gibt es zweimal Ken: ein unreines Ken und ein reines Ken. Tinte (Djo) heißt Schwärze, denn die Anstrengung gilt als Finsternis.

Wir müssen verstehen: Wenn Rabbi Yishmael zu ihm sagte, er solle sich vor Fehlendem und Überzähligem hüten, inwiefern war dann Rabbi Meirs Aussage, er gebe Kankantum [schwarzen Farbstoff] in die Tinte, eine Antwort?

Es ist so zu erklären: Als Rabbi Meir ihm sagte, er sei Schreiber, beschäftige sich also mit der Arbeit auf dem Weg der Reinheit, sagte er zu ihm: ‚Hüte dich vor Fehlendem und Überzähligem‘ – es soll ihm weder an Glauben fehlen noch an Wissen zu viel sein. Darauf antwortete er, er gebe Kankantum [schwarzen Farbstoff] in die Tinte. Das heißt: Während der Anstrengung, die Schwärze genannt wird, legt er dort seine Hände hinein – den Aspekt des unreinen Ken und des reinen Ken. So bleibt ihm immer Raum für den Glauben, denn bei ihm steht das Ken im Kankantum im Gleichgewicht.

Er fragte: ‚Gibt man denn Kankantum [schwarzen Farbstoff] in die Tinte? Gibt man aus einem Ort der Finsternis ein reines Ken hinein? Die Schrift muss doch ausgewischt werden können.‘ Denn die Zeit der Anstrengung ist die Zeit, in der man den Glauben annimmt; gerade dann kann die Schrift ausgewischt werden. Dennoch wischt er sie nicht aus. Wenn er sich in diesem Zustand entscheidet und den Glauben auf sich nimmt, gilt dies als vollendete Schrift – als ein Gefäß, das geeignet ist, das Licht des Schöpfers in sich wohnen zu lassen.

Dazu fragt die Gemara: ‚Was sagte er ihm, und was erwiderte er ihm?‘ Rashi erklärt: Er warnte ihn vor fehlenden und überzähligen Buchstaben, und dieser erwiderte, er habe Kankantum [schwarzen Farbstoff]. Rashi erklärt zum Kankantum: Es heißt eine Schrift, die man nicht auswischen kann, weil ihre Spur sichtbar bleibt.

Die Gemara antwortet, dass er ihm erwiderte, er achte, wie oben erklärt, auf fehlende und überzählige Buchstaben und sogar darauf, dass keine Fliege komme, sich auf die Spitze des Dalet setze, sie auslösche und den Buchstaben zu einem Resh mache. Denn die Fliege bezeichnet einen fremden Gedanken, der das Dalet auslöscht und zu einem Resh macht (siehe den Anfang der ‚Einleitung in das Buch Sohar‘, Punkt 200).

Das gilt zur Zeit der Mizwa, wenn er sich nach dem geltenden Urteil vor Fehlendem und Überzähligem hüten muss: Er darf nicht wollen, dass der Glaube an Bedeutung unter dem Wissen steht. Dann ‚fehlt‘ es ihm an der Bedeutung des Glaubens, während ‚überzählig‘ bedeutet, dass er dem Wissen übermäßige Bedeutung beimisst.

Wenn er mit der Tinte des Aspekts der Tora schreibt, achtet er auf die Krone des Dalet; dieses steht für einen, der Wohltaten erweist. Hat er eine ‚Fliege‘, also einen Gedanken, der nicht auf dem Weg der Reinheit ist, will er keine Wohltaten erweisen; dann heißt er ‚arm, ohne alles‘. Daher gibt er immer Kankantum [schwarzen Farbstoff] hinzu. Er achtet immer darauf, dass das Gewicht ausgeglichen bleibt, und kann dann sicher sein, fest in seinem Zustand zu stehen.

Denn wenn er sieht, dass er immer an einem Scheideweg steht, steht er von selbst unter dem Schutz der Wachsamkeit und gelangt dadurch zum Ziel der Vollkommenheit.

Möge der Schöpfer uns würdigen, zum Ziel der Vollkommenheit und zum Licht der Tora auf dem Weg der Reinheit zu gelangen.

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

Brief 53

Mit Hilfe des Schöpfers, 6. Tag von Chanukka 5721 (19. Dezember 1960), hier in Bnei Brak

An meinen lieben Freund …

Ich sehne mich sehr danach zu erfahren, wie es dir im Allgemeinen geht und insbesondere, wie es allen Angehörigen deines Hauses geht, mögen sie leben. Bei mir gibt es vorerst nichts Neues, und wir hoffen zum Schöpfer, gute Nachrichten zu hören. Ich will meinen Brief mit Worten der Tora beschließen.

Unsere Weisen sagten: „Was ist Chanukka? Denn unsere Weisen lehrten …“ Das Wort Chanukka lässt sich als chanu–koh lesen: „Sie hielten am Fünfundzwanzigsten inne“; denn am 25. Kislew hatten sie eine Ruhepause vom Krieg. Eine Ruhepause gibt es gerade mitten in der Arbeit. Man hält in der Mitte inne, um neue Kräfte zu sammeln und die Arbeit fortsetzen zu können.

Wir müssen verstehen, was sie noch zu tun hatten, nachdem sie den ersten Krieg bereits beendet hatten, und was sie noch tun mussten, bis sie sagen konnten, dass sie den Krieg vollendet hatten.

Wir sehen, dass die Griechen zur Zeit des Zweiten Tempels Verordnungen gegen Israel erließen und sie nicht Tora und Mizwot ausüben ließen. Demnach bestand das ganze Wunder darin, dass sie nach dem Krieg wieder Tora und Mizwot ausüben konnten. Das heißt, das Wunder bezog sich ausschließlich auf die Spiritualität. An Purim hingegen geschah das Wunder an den Körpern, also im Materiellen. Deshalb ist uns an Chanukka geboten, des Wunders durch Lobpreis und Dank zu gedenken, nicht aber durch Festmahl und Freude. Über Purim dagegen steht geschrieben: „Festmahl und Freude“ – also Dinge, die auch den Körper betreffen –, denn damals geschah das Wunder an den Körpern, die als das Materielle bezeichnet werden.

All dies ist auf dem Weg der Arbeit für den Schöpfer zu verstehen. Unsere Weisen sagten: „Mit deinem ganzen Herzen – mit deinen beiden Trieben, mit dem Guten Trieb und mit dem Bösen Trieb.“ Wir müssen verstehen, wie man dem Schöpfer mit dem Bösen Trieb dienen kann. Zunächst müssen wir verstehen, was der Böse Trieb ist. Aus dem, was wir bereits besprochen haben, ist bekannt, dass der Böse Trieb das Verlangen ist, für sich selbst zu empfangen. Dass der Mensch sich selbst Genuss bereiten will, verursacht all seine Sünden. Er will also nur deshalb Übertretungen begehen, weil er Genuss für sich selbst empfangen will. Daher stiehlt und raubt und lügt er und dergleichen mehr und will das Joch des Himmelreichs nicht auf sich nehmen, denn „dem Knecht ist ein herrenloses Leben angenehm“.

Der Gute Trieb hingegen besteht darin, anderen Genuss bereiten zu wollen – entweder den Geschöpfen oder dem Schöpfer. Darum geht es bei den Mizwot zwischen Mensch und Mitmensch und zwischen Mensch und Schöpfer.

Der Schöpfer erschuf die Welt, um Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Deshalb wurde in den Geschöpfen ein Verlangen verankert, Genuss zu empfangen und sich selbst Genuss zu bereiten, statt anderen zu geben. Wenn der Mensch daher arbeiten soll, um anderen Genuss zu bereiten, fällt ihm das sehr schwer, weil es gegen seine Natur ist.

Dass die Tora uns verpflichtet, um des Gebens willen zu arbeiten, ist nur eine Korrektur, damit es kein Brot der Scham (Nahama deKisufa) gibt. Denn wer von seinem Freund ein Geschenk empfängt, schämt sich, es anzunehmen. Der Schöpfer aber will, dass die Genüsse, die Er uns geben möchte, vollkommen sind. Deshalb gab Er uns Arbeit und Anstrengung, damit jeder entsprechend dem Maß seiner Arbeit empfängt. Wenn der Mensch dann eine Stufe erreicht, auf der er alle Genüsse empfangen kann, während seine ganze Absicht allein darauf gerichtet ist, seinem Schöpfer Zufriedenheit zu bereiten, werden die Genüsse vollkommen sein.

Daher gibt es für uns zweierlei Arbeit: 1) die Arbeit des Guten Triebs. Dabei will der Mensch keinerlei Genuss für sich selbst empfangen, sondern alle seine Handlungen sind einzig auf das Geben gerichtet. Deshalb betet und lernt er und übt Mizwot aus. Dies wird als die Ebene der Seele, als Spiritualität, bezeichnet. Dieser Stufe wurden sie an Chanukka würdig: Die Griechen ließen sie nicht Tora und Mizwot ausüben, und von dieser Arbeit hatten sie eine Ruhepause.

2) Doch damit war der Krieg noch nicht beendet. Nun hatten sie die Aufgabe, all die Genüsse zu empfangen, von denen der Schöpfer wollte, dass die Geschöpfe sie empfangen. Jetzt müssen sie daran arbeiten, eine Stufe zu erreichen, auf der sie alle Genüsse empfangen können, während ihre ganze Absicht allein darauf gerichtet ist, dem Schöpfer dadurch Zufriedenheit zu bereiten. Wenn sie dann alle Genüsse empfangen, gilt dies als Dienst am Schöpfer mit dem Bösen Trieb. Das heißt, der Mensch erfüllt eine Mizwa, indem er die Genüsse mit dem Körper empfängt. Wenn es ihnen daher gelingt, alles zu empfangen, was der Schöpfer ihnen geben will, wird das Wunder „Erlösung der Körper“ genannt: Das Wunder geschah am Körper, also am Verlangen zu empfangen, wie oben erklärt.

Deshalb steht über Purim geschrieben: „Festmahl und Freude“. Das weist uns darauf hin, dass das Wunder zum Körper gehört, also zum Materiellen. Daher heißt es über Purim: „Sie erfüllten und nahmen an“; dies gilt bereits als Abschluss des Krieges. An Chanukka hingegen gab es nur eine Ruhepause vom Krieg, und man musste weitergehen. Darum lautet der Hinweis für Chanukka chanu–koh – „sie hielten am Fünfundzwanzigsten inne“.

Möge der Schöpfer unsere Augen erleuchten, und mögen wir bald, in unseren Tagen, der vollständigen Erlösung würdig werden. Amen.

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines Vaters und Lehrers, Baal HaSulam

Brief 54

Mit Hilfe des Schöpfers, 1. Nisan 5721 (18. März 1961), hier in Bnei Brak

Frieden und alles Gute auf ewig für meinen Freund …

Ich möchte dir mitteilen, dass ich die fünf Bögen deines Buches erhalten und mich sehr darüber gefreut habe.

Diese Woche erklärte ich eine Frage, die der Sohar (Tazria, Punkt 9) stellt. Dort heißt es: „Rabbi Aha sagte: Wir haben gelernt, dass der Schöpfer über jenen Tropfen bestimmt, ob er männlich oder weiblich sein wird. Du aber sagst: ‚Wenn eine Frau zuerst Samen gibt, gebiert sie einen Sohn.‘ Rabbi Yosi sagte: Gewiss unterscheidet der Schöpfer zwischen einem männlichen und einem weiblichen Tropfen; und weil Er ihn unterscheidet, bestimmt Er über ihn, ob er männlich oder weiblich sein wird.“

Mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) erklärt dies im Sulam-Kommentar so: „Wir haben gelernt: Wenn eine Frau zuerst Samen gibt, gebiert sie einen Sohn. Rabbi Aha sagte: Wir haben gelernt, dass der Schöpfer über den Tropfen bestimmt, ob er männlich oder weiblich sein wird. Du aber sagst: ‚Wenn eine Frau zuerst Samen gibt, gebiert sie einen Sohn.‘ Dann wäre die Bestimmung des Schöpfers nicht nötig. Rabbi Yosi sagte: Gewiss unterscheidet der Schöpfer zwischen einem männlichen und einem weiblichen Tropfen; und weil Er ihn unterscheidet, bestimmt Er, ob er männlich oder weiblich sein wird.“

Er erklärt: „Drei sind am Menschen beteiligt: der Schöpfer, sein Vater und seine Mutter. Sein Vater gibt das Weiße in ihm, seine Mutter das Rote in ihm, und der Schöpfer gibt die Seele. Ist der Tropfen männlich, gibt der Schöpfer eine männliche Seele; ist er weiblich, gibt der Schöpfer eine weibliche Seele. Daraus folgt: Auch wenn die Frau zuerst Samen gab, wurde der Tropfen letztlich noch nicht männlich, sofern der Schöpfer ihm keine männliche Seele sandte. Diese Unterscheidung, die der Schöpfer am Tropfen trifft – ob er für eine männliche oder eine weibliche Seele geeignet ist –, gilt als die Bestimmung des Schöpfers. Denn hätte Er dies nicht unterschieden und keine männliche Seele gesandt, wäre der Tropfen schließlich nicht männlich geworden.“

Um dies im Sinne der ethischen Lehre zu verstehen, können wir es so erklären: Jede Geburt kann nur durch Männliches und Weibliches zustande kommen. Das Männliche ist die Kraft des Gebens im Menschen, das Weibliche die Kraft des Empfangens in ihm – also sein Wunsch, sich selbst Genuss zu bereiten, sodass seine ganze Sorge nur dem eigenen Genuss gilt. Durch diese beiden Kräfte hat er die Aufgabe, sich zu entscheiden: das Gute zu wählen, also für den Schöpfer zu handeln, und das Böse zu verabscheuen, das darin besteht, seine Begierden zu erfüllen.

Säen bedeutet: Man legt einen Samen in die Erde, doch er bringt noch keine Frucht hervor. Erst wenn der in die Erde gelegte Samen sich annulliert und verfault, bringt er Frucht hervor. Im Sinne der ethischen Lehre heißt Säen daher: Etwas, das sich annulliert, wird „Säen“ genannt.

Damit verstehen wir das oben Gesagte. „Wenn eine Frau zuerst Samen gibt“ bedeutet: „zuerst“ bezieht sich auf den Gedanken. Ist also sein erster Gedanke darauf gerichtet, die Kraft zu annullieren, Genuss nur für sich selbst zu empfangen, dann „gebiert sie einen Sohn“. Aus der Annullierung der Kraft des Empfangens geht die Kraft des Gebens hervor; nun will er dem Schöpfer Wohlgefallen bereiten.

Wenn aber ein Mann zuerst Samen gibt“, wenn also sein erster Gedanke darauf gerichtet ist, seine Kraft des Gebens zu annullieren, dann „gebiert sie eine Tochter“. Die Handlung, die der Gedanke hervorbringt, besteht dann im Empfangen, nur um seine Begierden zu erfüllen.

Das ist die Bedeutung dessen, dass der Schöpfer den Tropfen – also den Gedanken – unterscheidet: War seine Absicht für den Schöpfer oder auf den eigenen Genuss gerichtet? Ist er männlich, hat er also seine Kraft des Empfangens annulliert – das bedeutet: „Wenn eine Frau zuerst Samen gibt, gebiert sie einen Sohn“ –, dann bestimmt der Schöpfer, dass der Tropfen männlich sein wird. Denn nur der Schöpfer kann unterscheiden und die Wahrheit erkennen: War seine Absicht für den Schöpfer? Dann gibt der Schöpfer ihm eine männliche Seele, wie unsere Weisen sagten: „Dem, der die Tora liShma studiert, werden die Geheimnisse der Tora offenbart.“ Das heißt, der Schöpfer offenbart ihm die Geheimnisse der Tora.

Ist er dagegen weiblich, hat er also seine Kraft des Gebens, die „männlich“ heißt, annulliert, dann gebiert sie eine Tochter. Die Handlung, die er hervorbringt, dient nur seinem eigenen Genuss. Dann gibt ihm der Schöpfer keine Hilfe von oben, sondern es gilt, was unsere Weisen sagten: „Wer kommt, um sich zu verunreinigen, dem wird geöffnet.“

Daraus folgt: Weil der Schöpfer unterscheidet und bestimmt, geschieht es tatsächlich so. Denn nur der Schöpfer kennt die Wahrheit. Der Mensch kann sich selbst täuschen und meinen, alle seine Absichten seien für den Schöpfer. Doch wenn der Schöpfer ihn näherbringt und ihm die Erlangung der Seele der Tora gibt, weiß er, dass ein Sohn geboren wurde, dass also seine Handlung für den Schöpfer ist. Dann wird er mit der Offenbarung der Geheimnisse der Tora belohnt und wird wie eine immer stärker sprudelnde Quelle. Dann wird er gewürdigt, zur wahren Vollkommenheit zu gelangen.

Ich schließe meinen Brief mit den besten Wünschen für ein frohes und koscheres Fest.

Von deinem Freund, der dir und deiner Familie für immer alles Gute wünscht

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 55

19. Januar 1962, Vorabend des Neujahrs der Bäume, Bnei Brak

Friede und alles Gute auf ewig meinem Freund …

Ich danke dir für die Einladung zur Hochzeit, die ich erhalten habe. Ich bedaure, dass ich nicht aus der Nähe an eurer Freude teilnehmen kann, doch ich werde aus der Ferne daran teilnehmen. Denn Freude ist eine spirituelle Angelegenheit, und in der Spiritualität kann der Ort überhaupt nichts bewirken. Nur in der Körperlichkeit entfernt oder nähert der Ort; in der Spiritualität dagegen kann man selbst aus räumlicher Ferne an eurer Freude teilnehmen, denn wir brauchen nur die Annäherung der Herzen. Ich sende dem Bräutigam und der Braut meinen Segen. Möge ein Geschlecht von Aufrechten gesegnet sein und möge es ein Bau für alle Ewigkeit sein.

Nebenbei schreibe ich dir, was ich über den fünfzehnten Schwat gesagt habe. Unsere Weisen sagten: „Rabbi Jochanan sagte: Was bedeutet, was geschrieben steht: ‚Denn der Mensch ist der Baum des Feldes‘? Ist denn der Mensch ein Baum des Feldes? Vielmehr deshalb, weil geschrieben steht: ‚Denn von ihm darfst du essen, aber ihn nicht fällen‘, und zugleich geschrieben steht: ‚Ihn sollst du zerstören und fällen.‘ Wie ist das zu verstehen? Wenn er ein würdiger Schüler der Weisen ist, dann ‚darfst du von ihm essen, aber ihn nicht fällen‘. Wenn nicht, dann ‚sollst du ihn zerstören und fällen‘.“

Man muss verstehen, welche Verbindung zwischen einem würdigen Schüler der Weisen und dem Baum des Feldes besteht. Denn der Vers sagt: „Du sollst seinen Baum nicht zerstören, indem du die Axt gegen ihn schwingst, denn von ihm darfst du essen … Nur einen Baum, von dem du weißt, dass er kein Fruchtbaum ist, den darfst du zerstören und fällen.“ Der Vers spricht also von einem Baum. Welchen Beweis liefert er dann für den Menschen?

Der heilige Sohar sagt: „Ein anderer Gott ist unfruchtbar und bringt keine Früchte hervor.“ Das heißt: Wer nicht um des Himmels willen arbeitet, sieht in seiner Arbeit keine Früchte. Und was sind die Früchte? Im Midrash heißt es: „Dies sind die Nachkommen Noahs. Das ist, was geschrieben steht: ‚Die Frucht des Gerechten ist ein Baum des Lebens.‘ Was sind die Früchte des Gerechten? Mizwot und gute Taten.“ So weit seine Worte.

In der Gemara wird vor dem Ausspruch Rabbi Jochanans Folgendes angeführt: „Es wurde gelehrt: Rabbi Banaa sagt: Für jeden, der sich mit der Tora liShma beschäftigt, wird seine Tora zum Lebenselixier, wie gesagt wurde: ‚Sie ist ein Baum des Lebens für die, die an ihr festhalten‘, und es heißt: ‚Heilung wird sie für deinen Leib sein‘ usw. Für jeden aber, der sich mit der Tora lo liShma beschäftigt, wird sie zum Todestrank, wie gesagt wurde: ‚Meine Lehre träufle wie Regen.‘ Denn das Genickbrechen (Arifa) bedeutet nichts anderes als Töten, wie gesagt wurde: ‚Und sie sollen dort im Bachtal der jungen Kuh das Genick brechen.‘“ Man muss verstehen, wie diese Aussagen zusammenhängen.

Vielmehr ist dies auf dem Weg der ethischen Unterweisung zu erklären. Rabbi Jochanan fragt: „Ist denn der Mensch ein Baum des Feldes?“ Das heißt: Welche Ähnlichkeit besteht zwischen einem Menschen und dem Baum des Feldes? Was lernen wir daraus, dass der Text den Menschen mit dem Baum des Feldes vergleicht? Als Beleg dafür führt er den Vers an: „Von ihm darfst du essen, aber ihn nicht fällen“ usw.; gemeint ist ein Schüler der Weisen. Wenn er würdig ist, das heißt, wenn er liShma lernt – wenn er also Dinge lernt, die ihn dazu bringen, Früchte hervorzubringen, das heißt, wenn diese Studien ihm Früchte bringen werden, nämlich Mizwot und gute Taten –, dann soll er diese Lehre studieren, denn dadurch wird er mit dem Lebenselixier belohnt werden. Das ist die Bedeutung von „Von ihm darfst du essen, aber ihn nicht fällen“. Wenn nicht – wenn du siehst, dass die Lehren, die er studiert, ihn nicht dazu bringen, Mizwot und gute Taten zu vollbringen, die „Früchte“ genannt werden –, dann wisse, dass dies zur Sitra Achra und nicht zur Heiligkeit gehört.

Daher stammt der Brauch, am fünfzehnten Schwat Früchte zu essen, als Hinweis darauf, dass wir auf dem Weg der Heiligkeit gehen und Früchte haben.

Von deinem Freund, der dir und deiner Familie alles Gute auf ewig wünscht.

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 56

Mit Hilfe des Schöpfers, 4. Siwan 5722 (6. Juni 1962), hier in Antwerpen, möge der Schöpfer die Stadt beschützen

An …

Da ich von Ort zu Ort ziehe, erreichen mich die Briefe nicht in der richtigen Reihenfolge. Erst letzte Woche erhielt ich die ersten Briefe aus Israel. Ich habe bereits vier Briefe nach Jerusalem an diejenigen geschrieben, die mir geschrieben haben, und sie …

Was den Abschnitt betrifft, den du ausführlicher erklärt haben möchtest, so wiederhole ich noch einmal den ganzen Abschnitt.

Unsere Weisen sagten: „Rabba bar Rav Huna sagte: Jeder Mensch, in dem Tora ist, aber keine Ehrfurcht vor dem Himmel, gleicht einem Schatzmeister, dem man die Schlüssel zu den inneren Räumen übergab, die Schlüssel zu den äußeren Räumen jedoch nicht. Wodurch soll er eintreten?“ Rashi erklärte: Ehrfurcht vor dem Himmel gleicht den äußeren Eingängen, durch die man in die inneren gelangt. Wenn er also Ehrfurcht vor dem Himmel besitzt, achtet er mit Sorge darauf, zu bewahren und zu tun; andernfalls kümmert er sich nicht um seine Tora. „Rabbi Yanai verkündet: Wehe dem, der keine Behausung hat und doch ein Tor für die Behausung baut“ (Schabbat 31).

Dazu ist zu fragen:

1) Rabba bar Rav Huna vergleicht die Ehrfurcht vor dem Himmel mit dem Äußeren und die Tora mit dem Inneren, denn er sagt: „Die Schlüssel zu den äußeren Räumen wurden ihm jedoch nicht übergeben. Wodurch soll er eintreten?“ Das heißt: Wenn er keine Ehrfurcht vor dem Himmel hat, wie soll er dann in das Innere eintreten? Rav Yanai hingegen vergleicht die Ehrfurcht vor dem Himmel mit dem Inneren. Denn er sagt, die Ehrfurcht vor dem Himmel gleiche einer Behausung, die Tora dagegen nur einem Tor; ein Tor ist das Äußere. Demnach ist er der Ansicht, dass die Tora das Äußere ist.

2) Was fügt Rav Yanai den Worten Rabba bar Rav Hunas hinzu, indem er „Wehe“ sagt und dieses Gleichnis anführt?

Bekanntlich besteht das Schöpfungsziel darin, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Damit wir das für uns bereitete Gute empfangen können, benötigen wir eine Vorbereitung: die Gleichheit der Form. Das bedeutet, dass die gesamte Absicht nur auf das Geben und nicht auf das Empfangen für uns selbst gerichtet sein soll.

Danach wird man des verborgenen Lichts würdig, das in die innere Tora gekleidet ist. Wenn man das verborgene Licht erlangt, das in die innere Tora gekleidet ist, heißt es: „Die Tora, Israel und der Schöpfer sind eins.“ Darüber sagten unsere Weisen: „Es gibt nichts Gutes außer der Tora“, und über sie heißt es: „Sie sind begehrenswerter als Gold“ und so weiter. Das bedeutet: Das Licht des Lebens, das dem Gaumen süß ist, ist in die innere Tora gekleidet.

Bekanntlich wird „der Mensch als Wildeselfohlen geboren“, denn „das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an“. Unsere Weisen sagten dazu: „Mögen sie Mich doch verlassen, aber Meine Tora bewahren, denn das Licht in ihr führt ihn zum Guten zurück“ (Jerusalemer Talmud, Chagiga).

Ich habe diesen Ausspruch bereits erklärt, denn es ist schwer zu verstehen, wie man den Schöpfer verlassen und zugleich die Tora bewahren kann. Wie kann es eine Tora ohne den Schöpfer geben, sodass darüber ausgelegt wurde: „Sie mögen Mich verlassen“? Die Antwort steht unmittelbar daneben: „Denn das Licht in ihr führt ihn zum Guten zurück.“

Die Erklärung lautet: Wenn ein Mensch sich dem Schöpfer nähern will, sagt ihm der Schöpfer, dass Er ihn nicht näherbringen kann, solange der Mensch noch in bösen Begierden versunken ist. Denn dann befindet sich der Mensch noch in der Eigenschaft der Lüge, und es steht geschrieben: „Wer Lügen spricht, wird vor Meinen Augen keinen Bestand haben.“ Wenn ein Mensch von Hochmut erfüllt ist, sagt der Schöpfer: „Ich und er können nicht in derselben Behausung wohnen“, und Ähnliches.

Wenn der Mensch jedoch die Tora bewahrt, deren Licht ihn zum Guten zurückführt, verlässt er die schlechten Eigenschaften, die „Empfangen“ heißen, und kann sich mit dem Geben befassen. Das bedeutet, dass das Licht ihn zum Guten zurückführt, wie geschrieben steht: „Mein Herz quillt über von einem guten Wort; ich sage: Meine Taten gelten dem König“ (Psalm 45).

Das heißt, alle seine Taten dienen nur dazu, dem König zu geben. Erst danach bringt der Schöpfer ihn näher. Dieser Mensch wird eines beständigen Glaubens würdig, wie im Sulam zur Einführung in das Buch Sohar geschrieben steht.

Damit der Mensch Ehrfurcht vor dem Himmel erlangt und gute Taten vollbringen kann, hat er daher keinen anderen Rat als den, der aus den Worten des Jerusalemer Talmuds hervorgeht: „Bewahrt Meine Tora.“ Dies geschieht durch die Tora, deren Licht ihn zum Guten zurückführt. Wenn er danach zum Guten zurückgekehrt ist, also durch die Tora Ehrfurcht vor dem Himmel erlangt hat, wird er der inneren Tora würdig: des Lichts der Tora, das in die äußere Tora gekleidet ist.

So sagten unsere Weisen: Mit dem Licht, das am ersten Tag erschaffen wurde, sah Adam von einem Ende der Welt bis zu ihrem anderen Ende. Der Schöpfer betrachtete die Taten der Generation der Sintflut und der Generation der Zerstreuung. Als Er sah, dass ihre Taten verdorben waren, verbarg Er das Licht. Und wo verbarg Er es? In der Tora.

Damit können wir die Worte Rabba bar Rav Hunas erklären, der die Ehrfurcht vor dem Himmel mit den äußeren Schlüsseln und die Tora mit dem Inneren vergleicht.

Er meint einen Menschen, der des Inneren der Tora würdig werden will, wo sich das ganze Leben, das Gute und der Genuss befinden. Bevor dieser Mensch sich darum bemüht, Ehrfurcht vor dem Himmel zu erwerben, fehlt ihm die geeignete Vorbereitung, um für den Empfang des verborgenen Lichts tauglich zu sein, wie geschrieben steht: „Und den Frevlern wird ihr Licht vorenthalten“ (siehe den Anfang von Mesillat Yesharim). Bevor der Mensch seine schlechten Taten korrigiert und Ehrfurcht vor dem Himmel besitzt, ist er nicht dafür vorbereitet, das Gute zu empfangen.

Daraus folgt, dass die Ehrfurcht vor dem Himmel das Äußere heißt: Durch die Ehrfurcht vor dem Himmel wird der Mensch darauf vorbereitet, die innere Tora zu empfangen. Daher ist Rabba bar Rav Huna der Ansicht: Wer das Innere der Tora empfangen will, bevor er Ehrfurcht vor dem Himmel besitzt, gleicht einem Menschen, der die Schlüssel zu den inneren Räumen hat, dem man jedoch die Schlüssel zu den äußeren Räumen nicht übergeben hat. Wodurch soll er eintreten? Schließlich besitzt er keine Ehrfurcht vor dem Himmel und ist nicht darauf vorbereitet, das Gute und den Genuss zu empfangen.

Darüber war Rabbi Yanai erschüttert und verkündete: „Wehe dem, der keine Behausung hat und doch ein Tor für die Behausung baut.“ Aus den Worten Rabba bar Rav Hunas geht nämlich hervor: Wer des Inneren der Tora würdig werden will, muss zuerst Ehrfurcht vor dem Himmel erwerben; sie ist das Äußere gegenüber dem Inneren der Tora.

Das Wesentliche ist demnach, dass der Mensch Ehrfurcht vor dem Himmel erwerben muss. Dann gleicht die Ehrfurcht vor dem Himmel einem Zimmer, in das man schöne Gegenstände und Möbel sowie kostbare Dinge stellen kann. Hat er dagegen keinen Ort, an dem er die Dinge unterbringen kann, können sie ihm nicht gegeben werden. Bei Rabbi Yanai ist die Ehrfurcht vor dem Himmel die Behausung, also das Haus, in das er das Innere der Tora einbringt.

Rabbi Yanai sah also: Das Wichtigste, worum der Mensch sich in der Welt bemühen und was er erwerben muss, ist die Ehrfurcht vor dem Himmel; sie ist das gesamte Aufnahmegefäß für die Höheren Genüsse. Zugleich sah er, dass Menschen ihr ganzes Leben lang Tora lernen, ohne damit Ehrfurcht vor dem Himmel erwerben zu wollen. Das Studium der Tora muss jedoch dem oben genannten Ausspruch des Jerusalemer Talmuds folgen: „Mögen sie Mich doch verlassen, aber Meine Tora bewahren, denn das Licht in ihr führt ihn zum Guten zurück.“ Gemeint ist, dass der Mensch durch das Studium der Tora würdig wird, gut zu sein.

Dies geschieht durch das Licht in der Tora. Zwar lernt der Mensch noch lo liShma (nicht um des Gebens willen), weil er der Ehrfurcht vor dem Himmel noch nicht würdig geworden ist. Wie könnte er liShma (um des Gebens willen) lernen, bevor er des Glaubens würdig geworden ist, dessen Bedeutung Ehrfurcht vor dem Himmel ist? Doch durch das Licht in der Tora, die er lo liShma lernt, wird er später der Ehrfurcht vor dem Himmel würdig. Das heißt, dass das Licht ihn zum Guten zurückführt.

Daraus folgt: Die Tora, die man lo liShma lernt, ist das Tor, durch das man zur Ehrfurcht vor dem Himmel gelangt. Diese heißt „Behausung“, also Haus, ein Gefäß für das Gute im Inneren der Tora. Daher fügt Rabbi Yanai den Worten Rabba bar Rav Hunas hinzu: „Wehe dem, der keine Behausung hat“, also noch keine Ehrfurcht vor dem Himmel besitzt, „und doch ein Tor für die Behausung baut“.

Gewöhnlich kann jemand, der ein Haus zu bauen beabsichtigt, bereits eine Tür für das Haus anfertigen, das er später haben wird. Wenn er aber nicht vorhat, ein Haus zu bauen, wozu fertigt er sich dann eine Tür an?

Daher verkündet Rav Yanai: Angenommen, der Mensch sorgt sich um Ehrfurcht vor dem Himmel, die das Haus ist. Dann lohnt es sich für ihn, Tora zu lernen, denn die Tora bringt ihm das Licht. Durch dieses Licht wird er der Ehrfurcht vor dem Himmel würdig, die „Haus“ heißt und in die er das Innere der Tora einbringen kann.

Wenn er sich jedoch nicht darum sorgt, Ehrfurcht vor dem Himmel zu erlangen, weil er kein Bedürfnis danach hat, weshalb sollte er sich dann abmühen, seine Lebenszeit mit Tora zu verbringen? Sie ist doch nur eine Tür, durch die man in das Haus eintritt, das „Ehrfurcht vor dem Himmel“ heißt.

Beabsichtigt er nicht, Ehrfurcht vor dem Himmel zu erwerben, müht er sich folglich vergebens und ohne Nutzen ab. Denn die Tora, die man lo liShma lernt, ist nur eine Öffnung, durch die man zur Ehrfurcht vor dem Himmel gelangt. Wenn er Ehrfurcht vor dem Himmel besitzt, kann man sagen, dass er die Tora liShma lernt. Besitzt er aber keine Ehrfurcht vor dem Himmel, also keinen Glauben, stellt sich die Frage: Für wen lernt er?

Will der Mensch hingegen Ehrfurcht vor dem Himmel erwerben, doch das Böse in ihm gibt ihm nicht die Kraft, an den Schöpfer zu glauben, gaben uns unsere Weisen den Rat: Aus lo liShma gelangt man zu liShma. Das heißt, er wird der Ehrfurcht vor dem Himmel und des Glaubens an den Schöpfer würdig und weiß dann, für wen er lernt. Dies heißt „Haus“.

Wer die Tora liShma lernt, also Ehrfurcht vor dem Himmel besitzt, wird vieler Dinge würdig. Wie Rabbi Meir in Awot sagte, wird er zu einer immer stärker sprudelnden Quelle, und man offenbart ihm die Geheimnisse der Tora. Die Geheimnisse der Tora sind das Gute und der Genuss. Dies ist das Schöpfungsziel: dass er Gutes und Genuss empfängt.

Aus all dem folgt: Die Tür ist die Tora, die man lo liShma lernt; das bedeutet, dass man noch keine Ehrfurcht vor dem Himmel besitzt. Die Behausung, also das Haus, ist die Ehrfurcht vor dem Himmel. Nachdem der Mensch das Licht der Tora empfängt, das in lo liShma enthalten ist, wird er liShma würdig, also des Glaubens an den Schöpfer. Dann tut er alles um des Himmels willen. Anschließend wird er der inneren Tora würdig, die das Gute und der Genuss ist und „Geheimnisse der Tora“ heißt, wie in der Mishna Awot geschrieben steht.

Ich denke, dass ich dies hinreichend gut erklärt habe. Wenn du dazu etwas anzumerken hast, schreibe mir; dann weiß ich, was ich korrigieren muss.

Ich begann den Brief und habe ihn erst heute, am 16. Siwan (18. Juni), beendet. Diese Woche erhielt ich deinen Brief vom 8. Siwan (10. Juni). Ich danke dir sehr für die Einzelheiten, die du mir schreibst. Bitte fahre damit fort.

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines Vaters und Lehrers, Baal HaSulam

Brief 57

Mit Hilfe des Schöpfers, am Vorabend von Schawuot 5722 (7. Juni 1962), hier in Antwerpen, möge der Schöpfer die Stadt beschützen

Frieden und alles Gute auf ewig an …

Ich habe euch keine Neuigkeiten zu schreiben. Ich ziehe von Ort zu Ort und von Land zu Land, bis wir wieder in das Land Israel zurückkehren. Doch wir müssen hoffen, dass wir bei unserer Rückkehr den guten Geschmack des Landes Israel kosten dürfen; dann wird das Exil nicht mehr nötig sein. Denn das Exil entsteht nur, wenn man den Wert des Landes nicht wahrt und es folglich nicht so ehrt, wie es ihm gebührt. Daher wirft das Land den Menschen ins Ausland hinaus, wie geschrieben steht: „Und das Land wird euch ausspeien“ und so weiter.

Obwohl die Tora gerade in der Wüste empfangen wurde, bestand die Absicht darin, sie im Land zu erfüllen. Wenn wir also beim Empfang der Tora auf uns nehmen, sie dort zu erfüllen, werden wir würdig, das Land zu betreten und die Tora zu erfüllen. Ohne Tora kann man jedoch nicht in das Land eintreten, denn allein das Licht in der Tora führt den Menschen zum Guten zurück.

Dies ist die Bedeutung von: „Alle stimmen darin überein, dass wir am Wochenfest (Atzeret) auch ‚für euch‘ brauchen.“ Bekanntlich gibt es die Stufe „Tora des Schöpfers“ und die Stufe „seine Tora“. An Atzeret, das für den Empfang der Tora steht, muss auch „für euch“ gelten; das heißt, sie muss zur Stufe „seine Tora“ werden. Andernfalls ist es kein Empfang der Tora, sondern sie heißt „Tora des Schöpfers“. Durch die Tora des Schöpfers wird man des Lichts der Tora würdig und dadurch auch des Eintritts in das Land Israel. Danach wird man der Stufe „seine Tora“ würdig – der Tora, die nach dem Land Israel kommt.

Doch damals, beim Empfang der Tora durch Moses, unseren Lehrer, wurden sie sofort der Freiheit würdig. So sagten unsere Weisen: „Lies nicht charut (eingraviert), sondern cherut (Freiheit).“ Damals waren sie nicht dem Zwang unterworfen, in das physische Land Israel einzutreten, sondern wurden unmittelbar des spirituellen Landes Israel würdig. Dies galt jedoch nur vorübergehend. Später sagten unsere Weisen, dass ihnen die beiden Kronen, die Israel empfangen hatte, als es „Wir werden tun“ vor „Wir werden hören“ stellte, wieder genommen wurden.

Daraufhin begann die Arbeit von Neuem: in das Land Israel einzutreten und des Lichts der Tora würdig zu werden, danach aber der eigentlichen Tora, die „die Namen des Schöpfers“ heißt.

Möge der Schöpfer uns helfen, den hohen Wert des Landes Israel zu verstehen und es so zu schätzen, dass es uns – Gott bewahre – nicht ausspeit. Im heiligen Sohar (Tazria, Punkt 6) steht über den Vers: „Eine tüchtige Frau – wer findet sie? Weit über Perlen geht ihr Wert (michrah).“ Der heilige Sohar fragt: Es müsste „Weit über Perlen geht ihr Kaufpreis“ heißen. Warum steht dort michrah? Er antwortet: Wer das Land nicht zu bewahren und wertzuschätzen weiß, den verkauft es an die Klipot (Schalen). Darum steht dort michrah („sie verkaufte“).

Daher wollen wir hoffen, dass wir von heute an wissen, wie wir auf dem geraden Weg gehen sollen, und des Empfangs der Tora würdig werden. Ich wünsche euch ein frohes Fest.

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 58

Mit Hilfe des Schöpfers, am Vorabend des Wochenfestes (Schawuot), hier in Antwerpen (7. Juni 1962)

Zu Ehren meines Freundes …

Zu deiner Frage: „Ein Mensch begeht nur dann eine Verfehlung, wenn ein Geist der Torheit in ihn eingedrungen ist.“ Das bedeutet, dass er die Verfehlung ohne den Geist der Torheit nicht begehen würde. Warum dringt dieser Geist dann in ihn ein? Er hat doch noch keinerlei Verfehlung begangen. Wer bewirkt, dass der Geist der Torheit in ihn eindringt? Und wenn er bereits eingedrungen ist, welche Schuld trägt der Mensch daran? Schließlich liegt die Wahl nicht mehr in seiner Hand, denn der Geist der Torheit ist die Ursache dafür.

Unsere Weisen sagten: „Das Auge sieht, und das Herz begehrt.“ Das Sehen führt also zur Sünde. Mit Sehen ist sowohl gemeint, dass die Augen etwas Verbotenes sehen, als auch ein Sehen mit dem Verstand, also ein fremder Gedanke.

Unsere Weisen sagten auch: „Ein Genuss, der einem Menschen gegen seinen Willen zuteilwird … Kann er ihn nicht vermeiden und beabsichtigt er ihn nicht, sind sich alle einig, dass es erlaubt ist“ usw. (Traktat Pesachim 25b).

Bekanntlich kann der Mensch weder das Sehen noch den Gedanken beherrschen. Deshalb ist die Sünde im Augenblick des Sehens noch nicht vollendet. Erst danach, wenn das Herz begehrt, verwirklicht sich die Sünde. Da er jedoch etwas Sündhaftes gesehen hat, muss er wegen dieses Sehens sofort Umkehr (Teshuwa) vollziehen, damit es ihn nicht zum Begehren führt. Zu diesem Zeitpunkt lag die Wahl noch in seiner Hand, denn er hatte noch nicht gesündigt.

Wenn er nicht sofort erwacht, um wegen des ihm aufgezwungenen Sehens Umkehr zu vollziehen, führt dieser Zwang zum Begehren, das als unabsichtliche Verfehlung gilt. Wenn er wegen der unabsichtlichen Verfehlung, also wegen des Begehrens, keine Umkehr vollzieht, gelangt er zur vorsätzlichen Verfehlung.

Der Geist der Torheit dringt unmittelbar nach dem Sehen in den Menschen ein, wenn er wegen des Sehens keine Umkehr vollzogen hat. Dann dringt der Geist der Torheit zum Zweck der Korrektur in ihn ein. Denn wenn er sich nicht zu hüten weiß und wegen des Gedankens keine Umkehr vollzieht, beeinträchtigt er die Ehre des Himmels. Dies gilt als: „Er kennt seinen Herrn und beabsichtigt dennoch, gegen Ihn zu rebellieren.“ Denn der Gedanke muss zum Begehren führen.

Dann ist es eine große Korrektur, dass er die Größe des Schöpfers nicht empfindet und der Geist der Weisheit, der in ihm war, von ihm weicht. So beeinträchtigt er die Größe des Schöpfers nicht mehr in demselben Maß, denn nun empfindet er den Schöpfer nicht, weil ein Geist der Torheit in ihn eingedrungen ist.

Dies ist die Bedeutung von: „Ein Mensch sündigt nur dann, wenn ein Geist der Torheit in ihn eingedrungen ist.“ Das lehrt uns: Der Mensch muss wissen, dass all seine Berechnungen während der Sünde vom Geist der Torheit angestellt werden. Selbst wenn er meint, seine Berechnungen seien voller Weisheit, sagten uns unsere Weisen, der Mensch solle wissen, dass alles, also sämtliche Berechnungen, der Geist der Torheit anstellt.

Denn nun handelt der Geist der Torheit und nicht der Geist der Weisheit, da dieser bereits von ihm gewichen ist, selbst wenn der Mensch ein Tora-Gelehrter ist und gute Taten vollbringt. Darüber heißt es: „Die Gerechtigkeit des Gerechten wird am Tag seines Frevels nicht in Erinnerung gerufen.“

Deshalb soll er zu diesem Zeitpunkt nicht klügeln, sondern das Joch des Königtums des Himmels über dem Verstand auf sich nehmen. Das bedeutet, dass er seinen Verstand und seine Gedanken vollständig annullieren soll. Wenn er danach zur Umkehr gelangt, kann er einige Berechnungen im Hinblick auf die Mizwot und die Verfehlungen anstellen.

Darüber sagten sie (Awot 4): „Sei bei einer leichten Mizwa ebenso achtsam wie bei einer schweren, denn du kennst den Lohn für die Mizwot nicht.“ Das bedeutet: Der Mensch muss darauf achten, die Mizwa gerade dann auszuführen, wenn sie ihm leicht erscheint. Das Wort kala (leicht) wird hier mit kalon (Schmach) und Geringschätzung verbunden. Obwohl ihm die Mizwa im Zustand der Sünde wie etwas Geringes und völlig Unwichtiges erscheint, fragt er: Warum sollte ich sie jetzt tun? Meine Handlungen haben oben ohnehin keinerlei Bedeutung.

Solange ihm die Mizwot dagegen schwer erschienen, hatte er Gottesfurcht und empfand die Schwere einer Verfehlung und die Schwere einer Mizwa. Er empfand darin einen Vorzug und Ehre und verstand deshalb, dass es sich lohnt, sich mit Tora und Mizwot zu befassen. Jetzt aber erscheinen ihm die Mizwot leicht, und deshalb meint er, es lohne sich nicht, so achtsam zu sein.

Darüber sagten sie, dass der Mensch nicht weiß, welcher Zustand oben Wohlgefallen bereitet. Wenn wir sagen: „Der Lohn richtet sich nach der Mühe“, dann muss er sich umso mehr anstrengen, Tora und Mizwot einzuhalten, wenn sie ihm gering und verächtlich erscheinen. Deshalb kann es sein, dass gerade dieser Zustand oben größeres Wohlgefallen bereitet. Der Mensch muss also darauf achten, sie einzuhalten.

Der Schöpfer helfe uns, Tora und Mizwot aus einem Zustand der Weite heraus einzuhalten.

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam, seligen Angedenkens.

Brief 59

Mit Hilfe des Schöpfers, am Wochenfest (Schawuot) 1962, hier in Antwerpen (8. Juni 1962)

Zu Ehren meines Freundes …

Zu deiner Frage über die Worte unserer Weisen: „Einen widerspenstigen und aufsässigen Sohn hat es nie gegeben und wird es künftig nicht geben, sondern: Erforsche und empfange Lohn“ (Traktat Sanhedrin 71a). Du fragst: Die Tora ist doch länger als die Erde. Warum wurden dann Dinge gegeben, die nur dem „Erforsche und empfange Lohn“ dienen, und nicht wirkliche Dinge?

Du hast auch nach dem Lohn gefragt. Eigentlich muss man doch dem Rav dienen, ohne die Absicht, eine Belohnung zu empfangen; das bedeutet liShma.

Man muss verstehen: Bekanntlich besteht das Schöpfungsziel darin, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, damit sie alles Gute und alle Wonnen empfangen. Dass sich die Geschöpfe ohne Lohn mit Tora und Mizwot befassen müssen, ist lediglich eine Korrektur aufseiten der Geschöpfe. Denn sie können den Genuss beim Empfangen nicht ohne Scham kosten. In der Sprache des heiligen Sohar heißt dies: „Wer etwas isst, das nicht ihm gehört, schämt sich, ihm ins Gesicht zu sehen.“

Das heißt, beim Empfangen des Genusses empfindet man einen Mangel. Deshalb wurde uns das wunderbare Mittel (Segula) von Tora und Mizwot gegeben. Dadurch wird der Mensch dazu befähigt, all die Genüsse zu empfangen, die der Schöpfer für uns vorgesehen hat, ohne dass der Makel der Scham entsteht, weil sein Empfangen nur um des Himmels willen geschieht. Daraus folgt: Das Erforschen ist eine Korrektur, durch die wir den „Lohn“ empfangen können, ohne ihn für uns selbst zu nehmen, sondern um des Himmels willen. Anders kann man keinen Lohn, also keine Genüsse, empfangen, denn ein Genuss wird „Lohn“ genannt.

Zum Ausspruch „hat es nie gegeben und wird es künftig nicht geben“ lässt sich auf der Ebene des Geheimnisses erklären: Es gibt Dinge, die uns zur Erlangung innerhalb der sechstausend Jahre gegeben wurden. Da uns ihr Geheimnis zur Erlangung gegeben wurde, erhielten wir diese Dinge auf der materiellen Ebene, um sie in Form einer Handlung auszuführen. Dies gilt in der Welt der Handlung.

Es gibt jedoch Dinge, die erst im siebten Jahrtausend erlangt werden können. Obwohl sie in der materiellen Handlung einer Mizwa angedeutet sind, etwa beim widerspenstigen und aufsässigen Sohn, gelten sie während der sechstausend Jahre nicht. Daher können sie nicht als wirkliche Handlung bestehen, sondern nur als „Erforsche und empfange Lohn“. Nur das Erforschen gilt während der sechstausend Jahre; der Lohn, also die höhere Erlangung, wird im siebten Jahrtausend sein. Dies heißt „hat es nie gegeben“ – am Anfang der sechstausend Jahre – und „wird es künftig nicht geben“ – am Ende der sechstausend Jahre. Vielmehr wird es sich zu Beginn des siebten Jahrtausends offenbaren.

Im Sinne der ethischen Lehre lässt sich erklären: Manchmal gerät der Mensch in einen Zustand solcher Niedrigkeit, dass er weder Geschmack an der Tora noch am Gebet empfindet. Obwohl er lernt, weiß er selbst und spürt die Wahrheit: Der eigentliche Hauptgrund, aus dem er das Tora-Studium fortsetzt, ist nicht Gottesfurcht, sondern Gewohnheit. Vor allem beschäftigt ihn, was die Menschen sagen werden. Wenn sein Umfeld sieht, dass er beim Tora-Studium nachlässig wird, wird es ihn für ein leeres Gefäß ohne Gottesfurcht halten und ihn nicht mehr so achten wie bisher. Wenn er daher das Tora-Studium aufgibt, wird er darunter leiden, dass sein Umfeld und auch seine Familie ihn verachten.

Ebenso betet er nur aus Gewohnheit und ohne jeden Antrieb aus Gottesfurcht. Er setzt es aus demselben Grund fort wie das Tora-Studium. Vor allem aber sieht er keinen Sinn in seinem Leben und ist nicht mehr fähig, diesen Zustand lange fortzusetzen.

Dafür gibt es eine Korrektur, die „Fürst des Vergessens“ heißt: Er vergisst das Ziel, also den Grund, der ihn dazu verpflichtet, sich weiter mit Tora und Gebet zu befassen. Wenn er diesen verpflichtenden Grund vergisst, setzt er Tora und Mizwot nur aus Gewohnheit fort. Bietet sich ihm irgendeine Gelegenheit, dieses Umfeld zu verlassen, tut er es sofort.

In einer solchen Zeit ist großes Erbarmen nötig, damit er standhalten kann, bis der Zorn, also die Niedrigkeit, vorübergeht. Da Leiden die Verfehlungen des Menschen läutern, erbarmt man sich seiner durch die Leiden von oben und gibt ihm eine Erleuchtung der Gottesfurcht. Dann kehrt er wieder zum Leben zurück, und alles wird wieder wie zuvor, bevor er in den Zustand der Niedrigkeit gefallen war.

Die erwähnte Zeit der Niedrigkeit heißt „hat es nie gegeben und wird es künftig nicht geben“. Sie war nicht im Schöpfungsziel vorgesehen und wird es auch künftig nicht sein. Ein solcher Zustand heißt Zwischenstation. Es gibt nämlich einen Zustand der Heiligkeit (Kedusha) und einen Zustand der Unreinheit (Tuma). Im Zustand der Unreinheit kann der Mensch hoffen, dass er Umkehr (Teshuwa) vollzieht. Der erwähnte Zustand dagegen heißt Zustand des Todes.

Alles, was er tut, geschieht ohne Lebenskraft; das gilt als Tod. Dieser Zustand war nicht im Ziel vorgesehen und wird es auch künftig nicht sein. Wozu ist er dann nötig? Es heißt jedoch: „Erforsche und empfange Lohn.“ In diesem Zustand muss der Mensch den Schöpfer suchen, wie unsere Weisen sagten: „Nach Zion fragt niemand“ – daraus folgt, dass sie des Suchens bedarf. Ein solcher Zustand wird dem Menschen also gegeben, damit er Raum zum Suchen hat: Er soll den Schöpfer bewusst darum bitten, ihn der Heiligkeit näherzubringen.

Wenn der Mensch dagegen Mizwot ausführt, empfindet er, dass der Schöpfer ihn näherbringen wird. Gerade die erwähnte Zeit, die Zwischenstation heißt, ist jedoch der Ort des Suchens, das sich als Gebet und Bitte ausdrückt.

Möge der Schöpfer unsere Augen in Seiner Tora erleuchten.

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

P. S.

Zum Zählen des Omer: Bekanntlich besteht die hauptsächliche Arbeit des Menschen darin, sich mit dem Schöpfer zu verbinden.

Omer“ wird mit dem Ausdruck „Garben binden“ und zugleich mit dem Verstummen in Verbindung gebracht. Rashi erklärt: „Wie es übersetzt wird: Bündel werden gebunden, Garben gesammelt.“ Gemeint ist: Der Mensch wird stumm und öffnet seinen Mund nicht zu Klagen gegen den Schöpfer. Für ihn gilt vielmehr: „Alles, was der Barmherzige tut, tut Er zum Guten“ (Traktat Brachot 9). Er sagt sich selbst – das heißt seinem Gedanken und seinem Willen –, dass alles nur um des Himmels willen sein soll. Dann ist er ein Omer.

Das heißt: Er bindet alle seine Gedanken und Wünsche mit einem festen Band, sodass sie nur ein einziges Ziel haben – seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. Dann wird der Mensch Omer genannt.

Zum Zählen des Omer sagten die Kommentatoren, dass das Wort „Zählen“ mit dem Saphir in dem Vers verwandt ist: „Unter Seinen Füßen war es wie ein Gebilde aus Saphirziegeln und wie der Himmel selbst an Reinheit.“

Das bedeutet: Indem der Mensch sich mit dem Schöpfer verbindet, wird er dessen würdig, dass ihm das Licht des Schöpfers offenbart wird. Wenn der Mensch also zum Omer wird und alle Wünsche in einem einzigen Band, das heißt auf ein einziges Ziel um des Himmels willen, verbindet, dann leuchtet dieser Omer. Dies ist das Geheimnis des Zählens des Omer: Der Mensch leuchtet im Licht des Schöpfers.

Da ein Jude aus sieben Eigenschaften besteht und sie so korrigiert werden müssen, dass sie auf den Schöpfer ausgerichtet sind, und da der Grundsatz (Klal) gilt, dass jede Eigenschaft alle anderen in sich einschließt, ergeben sich sieben mal sieben, also neunundvierzig Tage. Deshalb zählen wir neunundvierzig Tage bis zum Empfang der Tora. Denn der Omer besteht aus Gerste.

Gemeint ist: Seorim („Gerste“) wird hier mit Shiurim („Maßen“) verbunden, weil der Mensch in seinem Herzen die Größe des Schöpfers bemisst. So erklärt der heilige Sohar den Vers: „Ihr Gatte ist in den Toren bekannt.“ Der heilige Sohar sagt: „Jeder nach dem, was er in seinem Herzen bemisst.“ In diesem Maß ruht das Licht des Schöpfers auf dem Menschen.

Dies heißt Glaube. Wenn der Mensch des Glaubens an den Schöpfer würdig wird, gilt er als Tier. Daher bestand der Omer aus Gerste, der Nahrung eines Tieres. Das bedeutet, dass er noch nicht der Erkenntnis der Tora würdig geworden ist. An Schawuot, wenn man des Empfangs der Tora würdig wird, empfängt man die Erkenntnis der Tora. Deshalb bringt man eine Opfergabe aus Weizen dar, der Nahrung des Menschen, also der Stufe „sprechend“. Bevor man dagegen der Stufe der Tora, also der Stufe „sprechend“, würdig wird, heißt es eine Gersten-Opfergabe, die Nahrung eines Tieres. Dann heißt es „Garben binden“: Der Mensch ist stumm, also lediglich belebt und nicht sprechend. Nur durch die Tora wird man der Stufe „sprechend“ würdig.

Brief 60

Mit der Hilfe des Schöpfers, 9. Siwan 5722 (11. Juni 1962), Antwerpen

An meinen verehrten Freund …

Ich habe die Frucht deiner Feder erhalten. In diesen Zeilen öffnest du dein Herz und offenbarst, was dir fehlt und was du im Übermaß hast. Möge es Sein Wille sein, dass du am neuen Ort Erfolg hast. „Steh auf und steige hinauf“ lehrt, dass der Ort eine Wirkung hat. Manchmal steigt ein Mensch auf, indem er sitzen bleibt, also nach dem Grundsatz „Bleib sitzen und handle nicht“, wie unsere Weisen sagten: „Wenn jemand sitzen blieb und keine Übertretung beging, ist es, als hätte er eine Mizwa erfüllt.“ Manchmal steigt er jedoch durch „Steh auf und handle“ auf eine höhere Stufe.

„Steh auf und steige hinauf“ bedeutet also, dass sein Aufstieg durch „Steh auf und handle“ erfolgt. Daraus folgt, dass das Handlungsgebot wichtiger ist als das Unterlassungsgebot. So sagten unsere Weisen: „Ein Handlungsgebot verdrängt ein Unterlassungsgebot.“ Denn der Mensch liebt von Natur aus die Ruhe. Beim Handlungsgebot muss er aufstehen und sich daher mehr anstrengen; deshalb ist es wichtiger.

Im Sinne der ethischen Unterweisung ist dagegen das Unterlassungsgebot wichtiger, wie im heiligen Sohar erklärt wird. Doch im offenbarten Teil, der als Äußeres der Tora gilt, beginnt man mit dem Äußeren. Erst nachdem man es erfüllt hat, beginnt man, in das Innere einzutreten. Daher gilt für die Reihenfolge der Arbeit, dass das Handlungsgebot wichtiger ist.

Denn zu Beginn wählt der Mensch nur die Ruhe. Wo er aufstehen muss, statt nach dem Grundsatz „Bleib sitzen und handle nicht“ zu verfahren, fällt es ihm deshalb schwerer. Wo mehr Anstrengung erforderlich ist, ist die Sache wichtiger. Sobald er sich jedoch an die Arbeit gewöhnt hat, achtet er nur noch auf den Gewinn. Das Unterlassungsgebot weist darauf hin, dass durch Tora und Mizwot Freude offenbart wird. Es gibt dabei einen großen Lohn und eine große Freude, die offenbart werden, deren Empfang jedoch bis zum Ende der Korrektur verboten ist. Darüber sagten unsere Weisen: „In Zukunft wird das Schwein zur Tora zurückkehren …“

Kehren wir zu unserem Thema zurück. Wir müssen wissen, dass das Hauptziel des Menschen in dieser Welt darin besteht, die liebliche Süße und Köstlichkeit der Tora zu erlangen. Denn erst wenn ein Mensch die Süße der Tora empfindet, kann er erkennen, dass er der einzig glückliche Mensch auf der Welt ist.

Wenn er dagegen die anderen Menschen betrachtet, erwacht in ihm Mitleid darüber, wie sie all ihre Tage unter Leiden verbringen. Nie empfinden sie im Leben einen Geschmack, für den es sich lohnen würde, all die Leiden zu ertragen, die sie in dieser Welt für die Freuden auf sich nehmen, die sie als Gegenleistung für ihre Anstrengung erhalten.

Warum sie bereit sind, unter solchen Bedingungen zu leben, wissen sie selbst nicht und können darüber keine Rechenschaft ablegen. Die wahre Antwort lautet: „Gegen deinen Willen lebst du.“ Deshalb wollen sie leben, denn „alles, was ein Mensch hat, gibt er für sein Leben“. Selbst wenn seine Rechnung ergibt, dass es besser wäre, auf das ganze Leben zu verzichten, lässt ihn der Satz „Gegen deinen Willen lebst du“ diesen Gedanken nicht fassen; vielmehr will der Mensch weiterbestehen.

Doch wir müssen verstehen, warum der Schöpfer es so eingerichtet hat, dass die Lebenskraft des Menschen nur aus der Einsicht stammt und nicht aus Genuss.

Dies geschah allein zur Korrektur des Menschen. Einerseits soll er erkennen, dass es sich nicht lohnt, für das Materielle zu leben. Die materiellen Freuden reichen nämlich nicht aus, um die Anstrengung aufzuwiegen, mit der er für sie bezahlen muss. So erhält der Mensch Raum zur Selbstprüfung und kann all sein Streben allein auf die Tora richten. Würde ihm das Materielle genügen, käme er nie zu dem Schluss, dass es sich lohnt, von materiellen zu spirituellen Bedürfnissen überzugehen. Gäbe es den Grundsatz „Gegen deinen Willen lebst du“ nicht, würde jeder Mensch seinem Leben sofort ein Ende setzen, um keine Leiden zu ertragen. Der Grundsatz „Gegen deinen Willen lebst du“ hilft ihm also nur dabei, nicht vor den Leiden zu fliehen.

Leiden reinigen den Menschen von seinen Verfehlungen. Das bedeutet: Die Leiden veranlassen ihn, all sein Verlangen allein auf Tora und Mizwa zu richten. Dadurch erlangt er die Lebenskraft der Tora. Darüber sagen wir: „Denn sie sind unser Leben und die Länge unserer Tage.“ Wir wünschen uns also ein langes Leben nicht aufgrund des Satzes „Gegen deinen Willen lebst du“, sondern weil „sie unser Leben sind“. Das ist wirkliches Leben, und deshalb wünschen wir uns ein solches langes Leben.

Da du nun „Steh auf und steige hinauf“ verwirklicht hast, also an einen neuen Ort gekommen bist, und da gilt: „Es gibt nichts, das keinen Ort hat“ (Awot 4:3), musst du dich bemühen, immer nach „Steh auf und handle“ zu verfahren. Sei nicht träge, sondern steige immer höher hinauf und erlange die Lieblichkeit des Glanzes vom Licht der Tora.

Von deinem Freund Baruch Shalom HaLevi

Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

Brief 61

Mit der Hilfe des Schöpfers, 9. Siwan 5722 (11. Juni 1962), Antwerpen

An meinen lieben Freund …

Ich habe mich verspätet, dir auf die Briefe zu antworten, die ich von den Freunden – mögen sie leben – erhalten habe, weil die Post, die ich bekomme, nicht ganz zuverlässig ist, da ich von Ort zu Ort reise. Wenn die Briefe mich erreichen, bin ich deshalb bereits an einem anderen Ort, das heißt in einem anderen Land. Deinen Brief erhielt ich erst vergangene Woche. Da dies kurz vor dem Fest Schawuot war, hatte ich keine Zeit, dir zu antworten. Ebenso erhielt ich vergangene Woche einen Brief von … und antwortete ihm in aller Kürze.

Zu deiner Frage nach der Erklärung des Ausspruchs: „Jeder, dessen Wissen (Daat) angesichts seiner Weisheit (Chochma) ruhig bleibt – für den ist dies ein gutes Zeichen“ usw.

Wir müssen verstehen, was es mit diesen Zeichen auf sich hat. Bekanntlich muss der Mensch immer wissen und sich prüfen, ob er auf dem Weg der Wahrheit geht, dem geraden Weg zu dem Ziel, für das der Mensch erschaffen wurde. Darum wurden uns Zeichen gegeben, damit wir die Wahrheit erkennen können.

Im Sinne der Kabbala ist Daat die Mittlere Linie; dies möchte ich jetzt jedoch nicht erklären. Im Sinne der ethischen Lehre wird Daat als Glaube an den Schöpfer bezeichnet. Denn in allen Büchern wird Daat als Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer bezeichnet, und Anhaftung entsteht gerade durch den Glauben.

Dies ist die Bedeutung von „Jeder, dessen Daat angesichts seiner Chochma ruhig bleibt“: Die Chochma, die er erlangt hat, mindert seinen Glauben nicht; dies heißt, dass sein Daat ruhig bleibt. Annulliert dagegen die Chochma, die er erlangt hat, den Glauben, das heißt das Daat, dann bleibt sein Daat angesichts seiner Chochma nicht ruhig, weil seine „Chochma“ sein „Daat“ annullieren will. Und dies ist ein gutes Zeichen dafür, dass er auf dem Weg der Wahrheit geht.

Ebenso müssen wir verstehen, was unsere Weisen sagten: „Wer bei seinem Wein gefasst bleibt, in dem ist etwas vom Daat seines Schöpfers“ usw., sowie: „Geht Wein hinein, kommt das Geheimnis heraus.“

Der heilige Sohar deutet den Vers: „Esst, Freunde, trinkt und berauscht euch, Geliebte“, und erklärt, dass mit dem „Trinken“ Chochma gemeint ist. Demnach ist „wer bei seinem Wein gefasst bleibt“ jemand, der durch die Chochma, die er erlangt hat, im Glauben gefestigt bleibt; in ihm ist etwas vom Daat seines Schöpfers. Dies zeigt, dass er Anhaftung an den Schöpfer hat, wie oben erklärt; das wird bezeichnet als: In ihm ist etwas vom Daat seines Schöpfers.

Auf diese Weise ist auch zu erklären: „Jeder, dessen Daat angesichts seines Triebs ruhig bleibt – für den ist dies ein gutes Zeichen; und wessen Daat angesichts seines Triebs nicht ruhig bleibt – für den ist dies ein schlechtes Zeichen.“ Denn es liegt in der Natur des Triebs, zu stören. Daher ist der Mensch mit dem Trieb nicht zufrieden. Gerade wenn die Kraft des Triebs geschwächt ist, ist er zufrieden. Somit kann er in der Arbeit für den Schöpfer nur dann vorankommen, wenn er an materiellen Dingen kein allzu großes Vergnügen empfindet.

Das bedeutet: Der Mensch kann sich gerade dann mit Tora und Mizwot befassen, wenn er keine großen Genüsse gewinnen kann; dann ist er bereit, seine Zeit und Mühe für höhere Zwecke einzusetzen. Wenn der Trieb ihn dagegen verstehen lässt, dass er in der Körperlichkeit große Genüsse empfangen kann, ist der Mensch nicht fähig, seinen Trieb zu bezwingen. Denn der Mensch ist bereit, dort zu arbeiten, wo es großen Gewinn gibt, und ein kleiner Gewinn weicht einem größeren. So gleicht der Weg der Arbeit einem Handel.

All dies gilt, wenn der Mensch die Arbeit um eines Lohnes willen auf sich genommen hat. Dann kann der Trieb einwenden, er könne in der Körperlichkeit einen größeren Gewinn erzielen. Daher bleibt sein Daat nicht ruhig, weil der Trieb über ihn herrscht. Das ist ein schlechtes Zeichen für ihn, nämlich ein Zeichen dafür, dass er nicht auf dem Weg der Wahrheit geht.

Wenn der Grund für seine Beschäftigung mit Tora und Mizwot dagegen lautet: „wie ein Ochse unter dem Joch und wie ein Esel unter der Last“, also auf der Grundlage des Glaubens über dem Verstand und allein aus dem Grund: „Er sprach, und Sein Wille geschah“ – ich führe dies nicht weiter aus, weil ich darüber schon oft gesprochen habe –, dann hat der Trieb keinen Einwand, mit dem er ihn dazu bringen könnte, seine Arbeit einzustellen.

Denn auf alles, was der Trieb einwendet, antwortet er ihm: „Jetzt hast du mir Raum gegeben, über Vernunft und Verstand zu arbeiten.“ Das heißt: Hätte der Trieb sich ihm nicht mit vernünftigen Argumenten widersetzt, hätte er nichts gehabt, mit dem er gegen die Vernunft gehen könnte. Daher bleibt sein Daat angesichts seines Triebs ruhig. Dies ist ein gutes Zeichen für ihn, nämlich ein Zeichen dafür, dass er auf dem Weg der Wahrheit geht.

Möge der Schöpfer uns helfen, auf dem Weg der Wahrheit zu gehen.

Baruch Shalom HaLevi

Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam, seligen Andenkens

Brief 62

B“H, 24. Siwan 5722 (26. Juni 1962), hier in Antwerpen

Frieden und alles Gute für immer meinem Freund …

Deinen Brief habe ich erhalten. Zu deiner Frage über liShma und lo liShma möchte ich dir einen einfachen Grundsatz (Klal) geben. LiShma bedeutet, dass man bei der Ausführung einer Mizwa die Absicht haben muss, seinem Schöpfer Zufriedenheit zu bereiten. Der Schöpfer hat uns Dinge zu tun gegeben, damit wir durch diese Handlungen die Möglichkeit haben, Ihm etwas zu geben – nämlich dadurch, dass wir Ihm Freude bereiten wollen.

Warum wollen wir Ihm Zufriedenheit bereiten? Weil es für uns ein großes Privileg ist, dem König zu dienen. Unsere ganze Freude liegt also darin, dem großen Weisen zu dienen, und darin besteht unser Lohn. Es geht darum, ob wir für den Dienst einen Lohn wollen oder ob der Dienst selbst der Lohn ist.

In der Welt sehen wir dafür folgendes Beispiel: Ein reicher Mann geht mit einem großen Weisen irgendwohin. Der Reiche trägt das Gepäck des Weisen und lässt es sich von keinem anderen abnehmen. Vielmehr sagt er, ihm gebühre das Privileg, das Gepäck des Weisen zu tragen, und keinem anderen.

Manchmal ist das Gepäck wegen seines Gewichts schwer zu tragen. Ein anderer Reicher, der den Weisen ebenfalls begleitet, möchte ihn ablösen und das Gepäck eine Weile tragen. Doch der erste willigt nicht ein, denn es ist für ihn ein großes Privileg, dem Weisen zu dienen.

Auch das Maß der Freude des Reichen hängt von der Größe der Weisheit des großen Weisen ab. Je weiser dieser im Vergleich zu den Menschen seiner Generation ist, desto mehr Freude empfindet der Reiche daran, ihm zu dienen.

Nehmen wir an, der große Weise hätte einem Träger für seine Arbeit zwei Dollar zahlen müssen. Beim Abschied von dem Reichen gibt er diesem drei Dollar und sagt: „Nimm dies für deine Mühe.“

Er sagt zu ihm: „Einem gewöhnlichen Träger hätte ich nur zwei Dollar gegeben. Dir aber, weil du reich und ein angesehener Mann bist, lege ich etwas hinzu und gebe dir drei Dollar.“ Welch eine Beleidigung wäre es für den Reichen, wenn er einen Lohn für seinen Dienst erhielte! Die Größe seines Lohnes besteht allein darin, dass er dem großen Weisen gedient hat, und nicht in einer Bezahlung für den Dienst.

So sollte auch im Spirituellen die Absicht des Menschen allein auf den Dienst gerichtet sein. Dadurch zeigt er, wie kostbar und wichtig es ihm ist, dem König zu dienen. Wenn er dagegen einen Lohn für den Dienst verlangt, zeigt dies, dass der König in seinen Augen keinerlei Bedeutung hat und seine ganze Absicht nur auf den Lohn gerichtet ist.

Vor allem ist ihm nicht wichtig, wem er dient, sondern wie viel Lohn er für den Dienst erhält. Er gleicht einem Träger, dessen ganze Absicht auf den Lohn gerichtet ist und dem es gleichgültig ist, für wen er Lasten trägt. Er denkt nur daran, wie viel er verdienen wird. Darin liegt der ganze Unterschied zwischen dem Dienst für den König um eines Lohnes willen und einer Absicht, die nicht darauf gerichtet ist, einen Lohn zu empfangen.

Damit der Mensch die Kraft zur Arbeit hat und sich mit Tora und Mizwot beschäftigen kann, muss er über die Größe und Erhabenheit des Schöpfers nachdenken. Genau in dem Maß, in dem er die Größe des Königs erkennt, fällt es ihm leichter, für den König zu arbeiten. Denn wenn er spürt, dass er dem König aller Könige dient, sollten seine Freude und sein Genuss ohne Ende und ohne Grenze sein.

Hier kann er sich vorstellen und sagen, dass der König nur ihm gestattet hat, vor Ihm zu stehen und Ihm zu dienen, während Er anderen diese Kraft nicht gegeben hat. Was immer diese tun, ist nicht darauf ausgerichtet, dem König zu dienen, sondern irgendeinem Herrn, der ihnen für die Lasten bezahlt, die sie den ganzen Tag für ihn tragen.

Ihnen ist gleichgültig, wer der Herr ist. Entscheidend ist nur, wer den höheren Lohn zahlt; diesem Herrn dienen sie und für ihn arbeiten sie.

Daraus wirst du deine Frage verstehen: Wenn der Mensch Lebenskraft in Tora und Arbeit verspürt – wenn er also fühlt, dass der Schöpfer ihn näherbringt, ihm die Möglichkeit gibt, Ihm zu dienen, und er dabei Freude empfindet –, könnte man sagen: Wer verpflichtet ihn zu Tora und Arbeit? Gewiss der Schöpfer, denn Er gibt ihm die Freude an Tora und Arbeit. Seine Absicht bei der Beschäftigung mit Tora und Arbeit ist dabei nicht, eine materielle Gegenleistung wie Ehre oder Geld zu erlangen. Dennoch wird dies lo liShma genannt. Warum?

Der Grund ist, dass die Freude ihn zur Beschäftigung mit Tora und Arbeit verpflichtet. Da im Menschen das Verlangen besteht, Freude zu empfangen, verpflichtet ihn dieses Verlangen, sich mit Tora und Arbeit zu beschäftigen, sobald er darin Freude empfindet. Wer also verpflichtet ihn, das heißt: Was ist der Grund dafür, dass er sich damit beschäftigt? Gewiss die Freude, die als Lohn bezeichnet wird.

Dies wird so betrachtet, dass er dem König dient, um einen Lohn zu empfangen: Seine Absicht ist auf den Lohn, also auf die Freude, gerichtet. Dann ist ihm gleichgültig, wer ihm die Freude gibt. Entscheidend ist nur, dass die Freude so groß ist, dass er sich ihr unterwirft.

Dies entspricht dem, was unsere Weisen zu einer halachischen Frage sagten: „Hier ist es anders, denn sein Trieb überwältigt ihn.“ Folglich steht er unter Zwang (siehe Traktat Ketubot 51, 53–54). Gemeint ist, dass er keine Wahl mehr hat. Denn wenn die Freude in einem Maß kommt, das größer ist als das, was der Mensch gewöhnlich zu empfangen gewohnt ist, hat er keine Kraft mehr, sie zu überwinden. Dies wird als Zustand ohne Wahl bezeichnet.

Daraus folgt, dass immer zwischen liShma und lo liShma unterschieden werden muss. Wenn seine Freude darin liegt, dass er während seiner Beschäftigung mit Tora und Arbeit Freude empfängt, dann ist die Freude sein Beweggrund, und es ist ihm gleichgültig, wer ihm diese Freude gibt.

Wenn die Freude hingegen daraus entsteht, dass er dem König dient, wird dies liShma genannt. Denn hier hängt alles davon ab, wem er dient, und dies richtet sich nach der Größe des Königs; in diesem Maß wächst die Freude. Sein Beweggrund ist also der König, und die Freude ist nur das Ergebnis seines Dienstes für den König. Dient er einem kleinen König, hat er wenig Freude; dient er einem großen König, hat er große Freude.

Wenn daher der König das Bestimmende und der Grund für die Arbeit ist, wird dies liShma genannt. Das gilt auch dann, wenn er Freude daran hat, dem König zu dienen, und selbst wenn er sich aufgrund der Größe des Königs annulliert und keinen Raum für eine Wahl hat; denn alles geschieht um des Königs willen. Dies wird somit liShma genannt: Seine Absicht ist, dem König zu dienen, und nicht, einen Lohn zu erhalten.

Das heißt: Wenn ihm daraus Freude erwächst, dass er dem König dient, ist nicht die Freude der Grund, sondern die Größe des Königs. Begehrt er hingegen die Freude, die ihm durch die Beschäftigung mit Tora und Arbeit zuteilwird, dann ist die Freude der Grund. Dieser Beweggrund wird lo liShma genannt, also um der Freude willen.

Daraus folgt für uns, dass die wichtigste Arbeit des Menschen darin besteht, über die Größe des Schöpfers nachzudenken. Er sollte also in Büchern lesen, die von der Größe des Schöpfers sprechen. Während des Lernens sollte er sich vorstellen, in welchem Maß unsere Weisen – die Tannaim, die Amoraim und andere – die Größe des Schöpfers empfanden.

Er soll zum Schöpfer beten, Er möge ihm leuchten und ihn Seine Erhabenheit empfinden lassen, damit er sein Herz unterwerfen und sich vor dem Schöpfer annullieren kann. Er soll sich nicht vom Strom der Welt mitreißen lassen, der einzig danach strebt, tierische Begierden zu erfüllen. Vielmehr möge der Schöpfer ihm die Augen öffnen, damit er sich sein ganzes Leben lang mit Tora und Arbeit beschäftigen kann. „Erkenne Ihn auf all deinen Wegen“ – das heißt, auch die Beschäftigung mit materiellen Dingen soll dem Wohl der Heiligkeit dienen.

Doch aus lo liShma gelangt man zu liShma. Das oben beschriebene liShma ist bereits eine hohe Stufe, und der Mensch muss mit lo liShma beginnen. Er soll also in voller Erkenntnis wissen, dass die wesentlichen Freuden in Tora und Arbeit zu finden sind und nicht im Materiellen.

Auch wenn er gegenwärtig an materiellen Dingen mehr Freude empfindet als an spirituellen Dingen, liegt dies daran, dass ihm die Vorbereitung in Tora und Arbeit fehlt; auch sie hängt vom Glauben an den Schöpfer ab. Dann empfindet man durch die Tora und den Glauben an den Schöpfer das Licht in der Tora, und dieses Licht führt den Menschen zum Guten zurück.

Möge der Schöpfer unsere Augen erleuchten und unser Herz erfreuen, und mögen wir würdig werden, das Ansehen der Tora zu erhöhen.

Dein Freund, Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines verehrten Vaters und Lehrers Baal HaSulam

Brief 63

Mit Gottes Hilfe, 24. Tammus 5722 (26. Juli 1962), hier in Gateshead

An …

Ich habe deinen Brief vom 11. Tammus erhalten; ebenso erhielt ich einen Brief von … vom 8. Tammus. Da ich diese Woche nach England gekommen bin, werde ich nun beginnen, jedem Einzelnen auf seinen Brief zu antworten.

Was die Zusammenkunft der unverheirateten jungen Männer am Abend des heiligen Schabbat betrifft, so ist sie sehr notwendig. Ich weiß nicht, weshalb sich die verheirateten jungen Männer nicht ohne die unverheirateten versammeln können. Ich denke, sie sind bereits erwachsene Menschen und benötigen nicht die Unterstützung der unverheirateten, die das Fundament bilden müssten, ohne das sie sich nicht versammeln könnten. Sie können für sich zusammensitzen und ihr als unverheiratete junge Männer für euch. Daher neige ich zu der Ansicht, dass keiner wegen des anderen zurückgewiesen werden sollte.

Was … betrifft, so muss er darauf achten, das Joch der Beharrlichkeit auf sich zu nehmen und nicht so viel über derart schwerwiegende Probleme nachzudenken. Vor allem sehe ich, dass er sich vor der Wahrheit fürchtet: Vielleicht erkennt er, Gott bewahre, etwas Wahres und muss sich dann, Gott bewahre, der Wahrheit beugen und unterordnen. Sag ihm: „Erwirb Wahrheit und verkaufe sie nicht.475“ Als Verkaufen gilt die Offenbarung nach außen. Gemeint ist: Es gibt Menschen, die Wahrheit nicht für sich selbst erwerben wollen, sondern damit sie etwas haben, das sie anderen verkaufen können. Ein solcher Mensch muss fürchten, vielleicht nichts zum Verkaufen zu haben.

Wenn dagegen jemand im Leben kein anderes Anliegen hat, als in der Welt der Lüge auf dem Weg der Wahrheit zu leben, dann gilt so oder so: Hat er die Möglichkeit, auf dem Weg der Wahrheit zu gehen – also wenn er die Wahrheit erkennt –, hat er gewiss nichts zu bereuen. Und wenn es ihm schwerfällt, auf dem Weg der Wahrheit zu gehen, ist es für ihn immerhin von Wert, mit der Wahrheit in Berührung zu stehen. Dann sitzt er da und wartet auf eine Zeit des Wohlwollens und eine günstige Stunde, in der er die Möglichkeit haben wird, es auf sich zu nehmen, auf ihrem Weg zu gehen.

Doch wegzulaufen, weil er vielleicht, Gott bewahre, die Wahrheit erkennen könnte – ich habe noch nie gehört, dass ein Mensch sich davor fürchtet. Zwar steht geschrieben: „Wohl dem Menschen, der sich immer fürchtet476“, doch hierzu gibt es bereits viele Auslegungen.

Jetzt habe ich keine Zeit, ausführlich zu schreiben. In den nächsten Briefen werde ich ausführlicher darauf eingehen.

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

Brief 64

Mit der Hilfe des Schöpfers. London, Montag der Woche von Re’eh, 20. August 1962477

An den geehrten …

Als Antwort auf deinen Brief vom 24. Siwan 5722 (26. Juni 1962)478 aus Jerusalem möchte ich einige Anmerkungen zu deinem Schreiben machen:

1) Du schreibst: Wenn die Tora im Land Israel gegeben worden wäre, hätten die Völker der Welt gesagt, Israel habe die Tora aus Dankbarkeit dafür angenommen, dass der Schöpfer ihnen ein Land gegeben hatte, in dem Milch und Honig fließen; deshalb seien sie verpflichtet gewesen, sie anzunehmen usw.

Dabei ist zu verstehen: Wir sehen doch, dass alle Völker große und fruchtbare Länder besitzen und dennoch nicht das Bedürfnis haben, zur Annahme der Tora verpflichtet zu sein. Warum sollte ausgerechnet das Volk Israel, wenn Er ihm ein Land gegeben hat, zur Annahme der Tora verpflichtet sein?

2) Du schreibst, jedes Volk schaffe das Gesetz auf seinem Boden, der Heimat genannt wird. Auch das ist mir unverständlich. Bekanntlich erlässt jede Gemeinschaft, sobald ihre Mitglieder an einem Ort zusammenleben – wo immer dies auch sein mag –, Gesetze, damit sie bestehen kann; andernfalls könnte sie nicht bestehen. Wir sehen zum Beispiel große Gruppen, die aus dem Ausland ins Land Israel einwandern: Selbst wenn sie erst einen Monat lang zusammen sind, haben sie bereits eigene Richter, Polizisten und besondere Gesetze. Dies gilt umso mehr für das Volk Israel, das vierzig Jahre lang in der Wüste war und eine so große Gemeinschaft bildete. Weshalb sollte es keine Gesetze benötigen?

3) Ferner ist zu verstehen, welcher Zusammenhang zwischen Gesetzen besteht, die sich die Staatsmänner zum Wohl des Volkes ausgedacht haben – Gesetze, die ausschließlich dem materiellen Wohl dienen und mit Spiritualität nichts zu tun haben –, und der Tora vom Himmel, deren Hauptabsicht in der Spiritualität der Sache liegt.

4) Du erklärst die Frage nach der Aussage: „Als der Schöpfer sagte: ‚Ich bin der Ewige, dein Gott‘479, sagten die Völker der Welt: ‚Seine eigene Ehre fordert Er.‘ Als Er aber sagte: ‚Ehre deinen Vater‘ usw.480, stimmten sie den ersten Geboten zu481.“ Du meinst, der Grund bestehe darin, dass sie sahen, wie Er Seine eigene Ehre dadurch minderte, dass Er sagte: „Ehre deinen Vater“ usw. Diese Erklärung reicht nicht aus. Wir sehen doch, dass jeder König einen Befehl erlässt, wonach jeder Soldat seinem Vorgesetzten Ehre erweisen muss, sobald er ihn sieht. Tut er das nicht, wird der Soldat dafür bestraft, dass er seine Vorgesetzten nicht ehrt.

Mehr noch: Wir sehen, dass Soldaten, die ihren Vorgesetzten nicht gehorchen, mitunter mit Haft bestraft werden; bis hin zur Todesstrafe kann ein Vorgesetzter einen Soldaten bestrafen, wenn dieser seinen Vorgesetzten nicht gehorcht, denn damit mindert er die Ehre des Königs. Weshalb heißt es also, das Gebot des Schöpfers, Vater und Mutter zu ehren, mindere Seine Ehre, und weshalb sollten wir sagen, die Völker der Welt hätten deshalb den ersten Geboten zugestimmt?

Ferner ist zu verstehen: Wenn sie den ersten Geboten zustimmten, warum blieben sie dann Götzendiener und nahmen die Tora und die Mizwot nicht auf sich?

5) Du schreibst: Die Völker der Welt meinten, solange die Kinder bei ihren Eltern lebten und von ihrem Tisch abhängig waren, seien sie verpflichtet, sie zu ehren. In der Wüste aber lebten die Kinder vom Tisch des Schöpfers, der ihnen alles gab, was ihnen fehlte. Daher verstanden sie sofort, dass sie nur den Schöpfer und nicht die Eltern ehren mussten. Als sie jedoch sahen, dass der Schöpfer sagte: „Ehre deinen Vater und deine Mutter“, und dass sie selbst hier zur Ehrung von Vater und Mutter verpflichtet waren, erkannten sie darin eine Ausnahme und stimmten den ersten Geboten zu.

Auch das bedarf einer Erklärung. Denn auch in der Wüste kümmerten sich die Eltern um ihre Kinder, wie geschrieben steht: „Jeder nach dem Maß seines Essens, einen Omer für jeden Kopf482, nach der Zahl eurer Seelen.“483 Rashi erklärt: „Nach der Zahl der Seelen, die jeder in seinem Zelt hat, sollt ihr je einen Omer für jeden Kopf nehmen.“484 Ebenso musste das Manna, das Brot vom Himmel, zubereitet werden, wie geschrieben steht: „Was ihr backen wollt, backt, und was ihr kochen wollt, kocht; alles Übrige aber legt für euch zur Verwahrung bis zum Morgen zurück.“485

Somit lebten die Kinder auch damals vom Tisch ihres Vaters. Der einzige Unterschied bestand darin, dass sich die Eltern nicht abmühen mussten, Lebensmittel für ihre Kinder zu kaufen, während sie sich heute auch darum bemühen müssen, diese zu beschaffen. Was also erkannten sie darin, dass der Schöpfer in der Wüste gebot, die Eltern zu ehren?

Man kann einen einfachen Grund dafür nennen, weshalb die Tora in der Wüste gegeben wurde: Sobald man sich der Herrschaft Ägyptens entzieht, muss man unverzüglich die Tora annehmen; man darf nicht einmal einen Augenblick ohne Tora gehen. Deshalb begann die Vorbereitung auf den Empfang der Tora unmittelbar nach dem Auszug aus Ägypten. Zudem hatte der Schöpfer ihnen bereits in Ägypten versprochen, ihnen die Tora zu geben, wie geschrieben steht: „Wenn du das Volk aus Ägypten führst, werdet ihr Gott an diesem Berg dienen.“486 Denn der Auszug aus Ägypten ohne Tora ist nicht vollkommen, da die Tora das Wesentliche ist. Deshalb wurde die Tora in der Wüste gegeben.

Solange der Körper der Klipa [Schale] Ägyptens unterworfen ist, hat er keinen Ausweg. In dem Augenblick aber, da er in die Freiheit gelangt, gilt für ihn sofort: „Du sollst von ihnen sprechen – und nicht von müßigen Dingen.“ Denn erst dann kann ihm die Sünde der Vernachlässigung des Tora-Studiums zugerechnet werden, wie geschrieben steht: „wenn du in deinem Haus sitzt und wenn du auf dem Weg gehst“487 usw.488

Was die Zustimmung der Völker der Welt zu den ersten Geboten betrifft, lässt sich dies als Andeutung erklären: „Vater und Mutter“ werden im heiligen Sohar Chochma und Bina genannt. Die Wege der Tora werden durch drei Aspekte erklärt, die ChabadChochma, Bina und Daat – heißen. Chochma entspricht dem Geheimnis von „Wer ist weise? Wer das Entstehende sieht“489, und „Wenn du Bina Mutter nennst490“; denn die Tora wird durch Chochma und Bina erklärt. Hinzu kommt Daat, das sie miteinander verbindet. Daat bezeichnet Anhaftung (Dwekut) und Verbindung, nach dem Geheimnis von „Und der Mensch erkannte Eva, seine Frau“491.

Man muss wissen, dass die Grundlage des Judentums der Glaube ist, das heißt über dem Verstand. Der Mensch glaubt an den Schöpfer ohne jedes Verstehen und Klügeln. Dies ist lediglich eine Annahme im Herzen, nach dem Geheimnis von „So erkenne heute und nimm es dir zu Herzen, dass der Ewige Gott ist“492 usw.

Nachdem man mit dem Aspekt des Glaubens belohnt wurde, der Daat heißt und von dem unsere Weisen sagen, dass der Mensch liShma (um des Gebens willen) lernt, gilt: „Er wird mit vielem belohnt, die Geheimnisse der Tora werden ihm offenbart, und er wird wie eine Quelle, die immer stärker sprudelt.“493 Das heißt: Nachdem der Mensch mit dem Aspekt des Glaubens belohnt wurde, wird er anschließend mit dem Aspekt der Tora belohnt, der Chochma und Bina heißt.

Danach, also nachdem er mit dem Aspekt der Tora belohnt wurde, muss er erneut den Glauben heranziehen. Der Mensch muss dem Schöpfer nämlich dienen, ohne die Absicht, eine Belohnung zu empfangen. Nachdem er aber mit dem Aspekt der Tora belohnt wurde, kann er bereits sagen, dass er nun sieht, dass es sich lohnt, dem Schöpfer zu dienen, denn er besitzt die Tora, entsprechend den Worten: „Die Anordnungen des Ewigen sind aufrichtig und erfreuen das Herz.“494 Damit beeinträchtigt er den Glauben über dem Verstand, denn dort sieht er für sich selbst keinerlei Existenz. Seine Arbeit im Glauben dient einzig der Annullierung der eigenen Existenz, entsprechend den Worten: „mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft.“495 Er will nichts für sich selbst, und sein einziges Verlangen ist, seine eigene Existenz vollständig zu annullieren.

Daher muss der Mensch, nachdem er mit dem Aspekt der Tora belohnt wurde, den Glauben erneut erneuern. Dies heißt Daat und Anhaftung über dem Verstand; dann besitzt er Chabad.

Demnach gibt es zwei Zeiten des Glaubens. Die erste Ordnung lautet: zuerst Glaube und danach Tora. Dann befindet sich Daat oben und Chochma und Bina unten. In der Sprache des heiligen Sohar (BeReshit, Teil 1, Punkt 212) heißt dies Segolta de Taamim496. Denn es gibt zwei Arten von Segol:

1) Segol de Taamim, dessen Form • • •ist; dabei befindet sich die entscheidende Linie oben. Die obere entscheidende Linie heißt dann Keter, und die beiden Linien, die Rechte und die Linke, heißen Chochma und Bina. Die Tora schließt Chochma und Bina in sich ein. Chochma bezeichnet die Geheimnisse der Tora, die der Mensch empfängt, und Bina das, was der Mensch in der Chochma erlangt. Nachdem er also die empfangene Chochma untersucht hat und davon so viel versteht, wie sein Verständnis reicht, heißt dies Bina.

2) Außerdem gibt es Segol de Nekudot497, dessen Form • • •ist; dabei befindet sich die entscheidende Linie unten. Das bedeutet: Nachdem der Mensch die Tora erlangt hat, muss er den Glauben erneut erneuern, wie oben gesagt wurde. Dies heißt Daat, das die beiden Aspekte Chochma und Bina verbindet. Kehrt er nicht zurück, um den Glauben über dem Verstand erneut zu suchen, weicht die Tora, die er zuvor erlangt hatte, von ihm. Denn der Mensch fällt in einen Zustand, in dem er sagt, er besitze nun bereits eine Stütze für seine Arbeit. Er meint, es lohne sich, dem Schöpfer zu dienen, da er bereits eine Grundlage habe, auf der seine Arbeit ruhen könne; nun müsse er dem Schöpfer nicht mehr über dem Verstand dienen. Somit dient er dem Schöpfer jetzt, um eine Belohnung zu empfangen.

Daher heißt der Glaube vor der Erlangung der Tora Keter, das zwischen Chochma und Bina entscheidet. Der Glaube, der nach der Erlangung der Tora kommt, heißt dagegen Daat. Dies wird Daat der Heiligkeit genannt, denn nur dann kann der Mensch die Tora so festhalten, dass sie nicht von ihm weicht.

Damit können wir die obige Aussage498 erklären: „Als Er sagte: ‚Ich‘ usw., sagten die Götzendiener: ‚Seine eigene Ehre fordert Er.‘“ „Ich“ und „Du sollst keine anderen Götter haben“ heißen Glaube über dem Verstand. Das ist die Annullierung der eigenen Existenz des Menschen und heißt Gleichheit der Form, nach dem Geheimnis von „Wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig.“499 Der Mensch will keinerlei eigene Existenz, sondern sich vor dem Schöpfer annullieren, denn er empfängt für seine Arbeit keinerlei Gegenleistung.

„Als Er sagte: ‚Ehre deinen Vater und deine Mutter‘, stimmten sie den ersten Geboten zu.“ Das heißt wie oben: Als sie sahen, dass der Schöpfer gebot, Chochma und Bina zu ehren, die Vater und Mutter genannt werden und den Aspekt der Tora und der Erlangung ihrer Geheimnisse darstellen, erkannten sie, dass der Schöpfer ihnen eine gute Belohnung gibt. Sie verstanden, dass der Glaube lediglich ein Mittel ist, durch das sie die erhabenen und hohen Dinge erlangen können – die Süße des Lichtes der Tora.

Somit fordert Er nicht Seine eigene Ehre, was Annullierung der eigenen Existenz genannt wird. Vielmehr können sie dadurch zu einem Zustand von Gadlut (Erwachsensein) gelangen, der dann ein Zustand des Fortbestehens der eigenen Existenz ist. Im Gegenteil: In dem Maß, in dem der Mensch die Größe und Süße der Tora erlangt, kann er den König loben und preisen, denn er sieht und erlangt die Größe des Königs. Im Hinblick auf das Licht der Tora stimmten sie zu, dass es sich lohnt, dem Schöpfer zu dienen.

Dennoch blieben sie Götzendiener und traten nicht zum Judentum über. Der Grund dafür war, dass sie Daat der Heiligkeit nicht annehmen wollten. Wie oben gesagt: Nachdem sie mit der Offenbarung des Lichtes der Tora belohnt wurden, das Chochma und Bina heißt, müssen sie den Glauben erneut erneuern. Andernfalls könnte man sagen, der Glaube, den sie vor der Erlangung der Tora besaßen, sei nur ein Mittel gewesen, während für sie Chochma und Bina das Wesentliche seien – also das Fortbestehen der eigenen Existenz und der Empfang von Genuss.

Indem das Volk Israel den Glauben erneut heranzieht, zeigt es allen, dass seine Absicht nicht Chochma und Bina gilt, also nicht der Belohnung, sondern dass seine ganze Absicht nur auf den Himmel gerichtet ist und für es der Glaube über dem Verstand das Wesentliche ist. Dies heißt Daat, das den Menschen mit dem Schöpfer verbindet, und ist der Aspekt der Anhaftung. Dadurch entscheidet der Mensch zwischen den beiden Linien, der Rechten und der Linken. Dann entsteht die Vereinigung des Menschen mit dem Schöpfer und der Tora; dies heißt Chabad und in der Sprache des heiligen Sohar: „Die Tora, Israel und der Schöpfer sind eins.“ Dieses Daat wollen sie nicht annehmen; es wird Daat der Heiligkeit genannt.

Obwohl sie also zugaben, dass der Wille des Schöpfers nicht auf Seine eigene Ehre gerichtet ist – das heißt, dass die Arbeit ohne die Absicht geschieht, eine Belohnung zu empfangen –, denn aus Seiner Aussage „Ehre deinen Vater und deine Mutter“, die den Aspekt der Tora und den Aspekt der Belohnung bezeichnet, erkannten sie, dass dies nur vonseiten des Schöpfers kommt, muss der Mensch die Arbeit im Aspekt Daat verrichten. Er muss erneut sagen, dass für ihn seine Arbeit im Wesentlichen ohne die Absicht geschieht, eine Belohnung zu empfangen. Dem konnten die Götzendiener nicht zustimmen, und so blieben sie in ihrem Zustand.

Möge der Schöpfer unsere Augen durch Seine Tora erleuchten, und mögen wir mit Daat der Heiligkeit belohnt werden.

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

Brief 65

Mit Hilfe des Schöpfers, 6. Elul 5722 (5. September 1962)

An die Freunde, mögen sie ewig leben

Nun ist der Monat Elul, und es ist allgemein üblich, dass sich auch einfache Menschen – also Hausherren, das heißt Menschen mit der Auffassung von Hausherren – mit Fragen der Umkehr (Teshuwa) befassen.

Was ist der Unterschied zwischen Hausherren und Söhnen der Tora? Der Unterschied besteht darin: Als „Hausherr“ gilt, wer sich als Hausherr in der Welt fühlen will. Er möchte also, dass seine Existenz in der Welt größer wird: Er selbst soll ein langes Leben erlangen, und auch sein Besitz soll wachsen und sich vermehren. Dies heißt Fortbestand der Existenz. Die „Söhne der Tora“ dagegen befassen sich nur mit der Annullierung der Existenz. Der Mensch selbst will sich vor dem Schöpfer annullieren. Sein einziges Recht, in der Welt zu bestehen, beruht darauf, dass der Schöpfer es will; er selbst jedoch will sich annullieren. Ebenso möchte er seinen gesamten Besitz dem Schöpfer als Opfer darbringen. Wenn er sich um den Erwerb von Besitz bemüht, dann nur deshalb, weil dies der Wille des Schöpfers ist.

Darin liegt die Aussage, dass die Auffassung der Hausherren der Auffassung der Tora entgegengesetzt ist: Die Auffassung der Tora ist die Annullierung der Existenz, die Auffassung der Hausherren hingegen ihr Fortbestand. Im Monat Elul verstehen jedoch auch die Hausherren, dass sie sich mit der Annullierung der Existenz befassen müssen.

Unsere Weisen sagten: „An dem Ort, an dem die Umkehrenden stehen, können vollkommen Gerechte nicht stehen.“ Dies ist nach der Kabbala auszulegen.

Bekanntlich gibt es eine Zeit der Katnut (Kleinheit). Sie wird als Gefäße von Keter und Chochma bezeichnet, die Gefäße des Gebens sind. Solange man nur Gefäße des Gebens erlangt, gilt das Geben als Annullierung der Existenz: Der Mensch will nur dem Schöpfer geben und nichts empfangen. Dies heißt „vollkommen Gerechter“. Er hat keinerlei Verlangen für sich selbst; all sein Tun ist allein darauf gerichtet, sich vor dem Schöpfer zu annullieren. Dies wird „Zeit der Katnut“ genannt, weil in den Gefäßen des Gebens nur das Licht von Chassadim leuchtet, das Nefesh–Ruach genannt wird.

Die Zeit der Gadlut (Größe) beginnt, wenn der Mensch die Gefäße des Empfangens erlangt. Dies sind die Gefäße von Bina und SoN, die während der Katnut unterhalb der Parsa lagen. Sie waren also aus der Stufe herausgetreten, weil Malchut – das auf ihnen liegende Verlangen zu empfangen – über sie herrschte. Mit anderen Worten: Die Gefäße von Bina und SoN standen unter der Herrschaft des Verlangens zu empfangen. Man konnte sie nicht dazu benutzen, um zu empfangen, um zu geben; deshalb traten sie aus der Stufe heraus. Während der Gadlut kehren sie zur Stufe zurück. Wenn ihre Handlungen verbessert worden sind und sie sich mit dem Empfangen, um zu geben, befassen können, werden die Gefäße von Bina und SoN benutzt. Sie werden Gefäße des Empfangens genannt, weil sie nun zur Stufe zurückgekehrt sind.

Dies heißt Gadlut, weil nun das Licht von Neshama und Chaja leuchtet. Es wird „Fortbestand der Existenz“ genannt, weil der Mensch sich jetzt mit dem Empfangen befasst – jedoch um zu geben.

Daraus folgt: Katnut wird als „vollkommen Gerechte“ bezeichnet und ist der Aspekt der Annullierung der Existenz, also die Gefäße von Keter und Chochma – Gefäße des Gebens. Die Gefäße von Bina und SoN dagegen sind Gefäße des Empfangens und bilden den Aspekt des Fortbestands der Existenz, also des Erwerbs von Besitz; sein ganzes Streben gilt dem Wachstum und der Vermehrung dieses Besitzes. Diese Gefäße sind jedoch „kommend und gehend“: Während der Katnut befinden sie sich außerhalb der Stufe, während der Gadlut kehren sie zur Stufe zurück. Das Licht, das sie heranziehen, ist jedoch das Licht der Gadlut.

Daher gilt: „An dem Ort, an dem die Umkehrenden stehen“ – die durch ihre Anstrengung das Licht von Neshama und Chaja besitzen –, „können vollkommen Gerechte nicht stehen“. Denn wer vollkommen gerecht ist und sich nur mit den Gefäßen des Gebens, den Gefäßen von Keter und Chochma, befasst, besitzt lediglich Katnut, also Nefesh–Ruach: nur das Licht von Chassadim und nicht das Licht von Chochma.

Dann befindet er sich im Aspekt eines Hausherrn, wie geschrieben steht: „Durch Weisheit wird ein Haus gebaut“ (Sprüche 24,3). Denn „Haus“ bezeichnet Besitz, also den Fortbestand der Existenz. Dies geschieht gerade durch das Licht von Chochma, das in den Gefäßen des Empfangens empfangen wird, die Bina und SoN heißen und Chochma benötigen. Die Gefäße von Keter und Chochma hingegen gelten als Gefäße des Gebens und bilden den Aspekt der Annullierung der Existenz, weil der Mensch nichts empfangen will. Letztlich zieht er jedoch nur das Licht der Katnut heran, das Licht von Chassadim genannt wird.

Aus all dem folgt, dass der Mensch Umkehr vollziehen muss, um wenigstens vollkommen gerecht zu werden. Wenn er danach die Stufe eines Gerechten erreicht hat, muss er erneut Umkehr vollziehen. Möge der Schöpfer uns helfen, wenigstens vollkommen Gerechte zu werden.

Das Wesentliche in der Arbeit ist, dass man vom Himmel keine halbe Sache gibt. Andernfalls könnte ein Mensch, der nur zur Hälfte Umkehr vollzogen hat, Hilfe von oben für die halbe Arbeit empfangen. Da man vom Himmel jedoch keine halbe Sache gibt, muss der Mensch zum Schöpfer beten, Er möge ihm vollständige Hilfe geben. Wenn der Mensch während seines Gebets ordnet, was in seinem Herzen ist – denn das Gebet ist Arbeit im Herzen –, muss er sich entscheiden, dass er vom Schöpfer das Verlangen empfangen will, sich vollständig vor Ihm zu annullieren. Er will also kein Verlangen unter seiner eigenen Herrschaft lassen; alle seine Verlangen sollen allein der Ehre des Himmels dienen.

Hat er sich in seinem Herzen für eine vollständige Annullierung entschieden, bittet er den Schöpfer um Hilfe, dies von der Möglichkeit in die Tat umzusetzen – mit Kraft. Obwohl er in Gedanken und Verlangen erkennt, dass der Körper nicht damit einverstanden ist, dass er all seine Verlangen vor dem Schöpfer und nicht zu seinem eigenen Nutzen annulliert, muss er zum Schöpfer beten. Er bittet Ihn, ihm zu helfen, sich mit allen Verlangen vor Ihm annullieren zu wollen und kein einziges Verlangen für sich selbst zu behalten. Dies wird „vollständiges Gebet“ genannt, weil er wünscht, der Schöpfer möge ihm ein vollständiges Verlangen ohne jeden Kompromiss zugunsten seiner selbst geben. Er bittet den Schöpfer, ihm zu helfen, immer an seiner Gerechtigkeit festzuhalten.

Ein vollkommen Gerechter ist also jemand, der sich im Verstand endgültig und unabänderlich entschieden hat, dauerhaft im Verlangen eines Gerechten zu leben. Dies bedeutet „vollkommen Gerechter“: Dieser Aspekt ist bei ihm bereits bestimmt und abgeschlossen. „Nicht vollkommen“ bedeutet dagegen, dass ihm noch die Arbeit an der Frage bleibt, ob er sich mit all seinen Verlangen vor Ihm annulliert oder nicht. Folglich besteht der Anfang der Arbeit darin, vollkommen gerecht zu werden. Danach kommt man zur zweiten Arbeit, dem Aspekt der „Umkehrenden“: Sie führen die Gefäße des Empfangens zurück, damit diese zur Heiligkeit zurückkehren.

Ich will hier einen Beleg dafür anführen, dass man vom Himmel keine halbe Sache gibt. Siehe, was unsere Weisen sagten (Traktat Joma 69b): „Sie sagten: ‚Da es eine Zeit des Wohlgefallens ist, wollen wir um Erbarmen auch hinsichtlich des Triebs zur Übertretung bitten.‘ Sie baten um Erbarmen, und er wurde in ihre Hand gegeben. Er sagte zu ihnen: ‚Seht: Wenn ihr ihn tötet, geht die Welt zugrunde.‘ Sie sperrten ihn drei Tage lang ein und suchten im ganzen Land Israel nach einem Ei, das an diesem Tag gelegt worden war, fanden aber keines. Sie sagten: ‚Was sollen wir tun? Wenn wir ihn töten, geht die Welt zugrunde. Wenn wir um Erbarmen für die Hälfte bitten – eine Hälfte gibt man vom Himmel nicht.‘ Sie blendeten seine Augen und ließen ihn frei; dies bewirkte, dass ein Mensch nicht mehr so sehr gegenüber seinen weiblichen Verwandten aufgereizt wird.“ So weit ihre Worte.

Daraus ist ausdrücklich erwiesen, dass man vom Himmel nur Vollständigkeit gibt. Mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) erklärte den Grund: Weil der Schöpfer vollkommen ist, muss auch der untere Mensch bereit sein, Vollständigkeit zu empfangen, wenn Er ihm eine Fülle nach unten gibt. Andernfalls kann der Mensch sie nicht empfangen, selbst wenn der Schöpfer sie ihm gibt, denn er hat keine Gefäße für die Vollständigkeit.

Bevor der Mensch sich also dazu befähigt hat, Vollständigkeit zu empfangen, kann er nicht erkennen, wie viel von seinem Weg zum Ziel der Vollständigkeit er bereits zurückgelegt hat. Erst am Ende seiner Arbeit kann er es sehen, nicht in der Mitte; denn er kann die Fülle des Schöpfers nicht empfangen, bevor er vollständige, dafür bereite Gefäße besitzt. Deshalb müssen wir uns stärken und sagen, dass wir bereits nahe am Palast des Königs stehen. Denn Münze um Münze fügt sich zu einer großen Summe, und vielleicht werden wir schon bald sehen, dass der Eingang vor uns offensteht, und wir werden damit belohnt, einzutreten und uns am König zu erfreuen.

Die obige Aussage ist nach der Kabbala auszulegen. Bekanntlich steht an mehreren Stellen im Sulam (Leiter-Kommentar), dass man zuerst die Rechte Linie heranzieht, danach die Linke Linie und anschließend die Mittlere Linie. Die Aufgabe der Mittleren Linie besteht darin, die Linke Linie nur eine halbe Stufe leuchten zu lassen, die WaK de Chochma genannt wird, und GaR de Chochma nicht zu empfangen. Dabei stellt sich immer die Frage: Warum zieht man nicht sofort, wenn man die Linke Linie heranzieht, nur eine halbe Stufe heran, also WaK ohne GaR? Warum muss man eine vollständige Stufe heranziehen und sie erst danach durch die Mittlere Linie teilen, sodass GaR de Chochma nach oben entfernt und WaK de Chochma nach unten herangezogen werden?

Mit der obigen Aussage verstehen wir dies, denn „eine Hälfte gibt man vom Himmel nicht“. Wir wollen dies der Reihe nach erklären.

„Sie sagten: ‚Da es eine Zeit des Wohlgefallens ist, wollen wir um Erbarmen auch hinsichtlich des Triebs zur Übertretung bitten.‘“ Denn von der Linken Linie gehen alle Übertretungen aus. Deshalb wollten sie durch den Massach de Chirik die Linke Linie annullieren. Dies heißt: „Sie baten um Erbarmen, und er wurde in ihre Hand gegeben. Er sagte zu ihnen“ – das heißt, die Linke Linie sagte zu ihnen: „Seht: Wenn ihr ihn tötet, geht die Welt zugrunde.“ Denn das Schöpfungsziel besteht darin, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun; dies bezieht sich auf das Licht von Chochma. Das Licht von Chassadim ist nur das Licht der Anhaftung, also das Mittel, mit dem wir den Makel der Trennung beseitigen können; es ist jedoch nicht das Licht des Schöpfungsziels.

„Sie sperrten ihn drei Tage lang ein“: Sie benutzten also die Linke Linie nicht, die als Licht von Chochma und GaR bezeichnet wird. „Sie suchten im ganzen Land Israel nach einem Ei, das an diesem Tag gelegt worden war, fanden aber keines.“ Mein Vater und Lehrer erklärte, dass das Ei eine geringe Lebenskraft bezeichnet: Man weiß, dass darin ein Lebewesen ist, doch nach außen ist es noch nicht sichtbar. Der Beginn seines Sichtbarwerdens heißt „ein Küken vom heutigen Tag“; gemeint ist eine neue Lebenskraft von heute und nicht von gestern.

„Im ganzen Land Israel“ bezeichnet diejenigen, die das Licht von Chassadim benutzen; dies ist der Aspekt „Land Israel“. Es gab jedoch keinerlei Lebenskraft, denn Lebenskraft geht vom Licht von Chochma aus. So wird in „Innere Betrachtung“ zu Teil 2 des Talmud Esser haSefirot (Punkte 46–47) bei „unmöglich, aber darauf ausgerichtet“ erklärt, dass Chochma und Lebenskraft vorhanden sein müssen. Nachdem die Linke Linie jedoch vollständig entfernt worden war, fand sich im ganzen Land Israel keinerlei Lebenskraft.

„Sie sagten: ‚Was sollen wir tun? Wenn wir ihn töten, geht die Welt zugrunde.‘“ Das Schöpfungsziel würde also nicht verwirklicht; dies heißt „Zerstörung der Welt“. „Wenn wir um Erbarmen für die Hälfte bitten“ – wenn wir also eine Korrektur vornehmen und Chochma nur in einer halben Stufe heranziehen, das heißt von Anfang an nur eine halbe Linke Linie –, dann gilt: „Eine Hälfte gibt man vom Himmel nicht.“ Denn von oben kommt immer etwas Vollständiges.

„Sie blendeten seine Augen und ließen ihn frei.“ Dies ist das Geheimnis, dass man nach der Korrektur des Massach de Chirik das Licht von Chochma nur als Leuchten von Chochma benutzt. Dieses heißt „weibliches Licht“; es ist das Geheimnis von „Sie empfängt und gibt nicht nach unten“. Das Blenden der Augen bedeutet, dass sich das Sehen nicht nach unten ausbreitet. Dies gilt als „sie blendeten“, nach dem Geheimnis: „Du hast eine Grenze gesetzt, die sie nicht überschreiten“ (Psalm 104,9). Die Grenze wird zum Sand (chol), denn sobald man von oben nach unten heranziehen will, wird das Heilige augenblicklich zum Weltlichen (chol).

„Dies bewirkte, dass ein Mensch nicht mehr so sehr gegenüber seinen weiblichen Verwandten aufgereizt wird.“ Man benutzt also nur das Leuchten von unten nach oben. Dieses wird „blind“ genannt, weil es nicht nach unten blickt. Dadurch verliert der Mensch nicht den Aspekt der Nähe, der „Anhaftung“ heißt. Zieht man dagegen von oben nach unten heran, führt dies zu Entfernung und Trennung. Deshalb muss die Reihenfolge darin bestehen, das Licht von Chochma in Vollständigkeit heranzuziehen.

Gemeint ist: Nachdem sie den Punkt von Chirik gebildet und die Linke Linie annulliert hatten, wollten sie eine Korrektur vornehmen, bei der sie die Linke Linie überhaupt nicht mehr heranziehen würden. Dann gäbe es keinen Raum für den Trieb zur Übertretung. Sie sahen jedoch, dass dies die Zerstörung der Welt bedeuten würde, denn: „Du hast sie alle mit Weisheit gemacht“ (Psalm 104,24). Gerade durch Chochma besteht die Welt; dies ist das Schöpfungsziel. Daher wollten sie eine Korrektur vornehmen, bei der nur eine halbe Stufe von Chochma herangezogen würde, aus Sorge, es könnte Menschen geben, die die Korrektur der Mittleren Linie nicht ausführen können und an der Linken Linie scheitern.

Doch „eine Hälfte gibt man vom Himmel nicht“. Deshalb muss die Korrektur auf dem Weg der drei Linien erfolgen, wie an mehreren Stellen im Sulam geschrieben steht.

Brief 66

2. Nisan 5723 (27. März 1963), Bnei Brak

Frieden und alles Gute für immer meinem lieben Freund …

Im Traktat Pessachim (116b) heißt es: „Man beginnt mit der Schande und endet mit Lob.“ Was bedeutet „mit der Schande“? Rav sagte: „Anfangs waren unsere Vorfahren Götzendiener“ usw. Ebenso sagen wir in der Pessach-Haggada: „Anfangs waren unsere Vorfahren Götzendiener, doch jetzt hat uns der Schöpfer Seiner Arbeit nahegebracht“ usw.

Um zu verstehen, was uns ihr früherer Zustand lehrt, müssen wir dies im Sinne der ethischen Lehre erklären. Wenn sich der Mensch mit dem Auszug aus dem ägyptischen Exil befasst, muss er wissen: Wie wir sehen, hängen alle Mizwot damit zusammen, denn bei allem sagen wir: „Zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten.“ Das bedeutet, dass man eine Mizwa nicht vollkommen erfüllen kann, bevor man das ägyptische Exil verlassen hat. Obwohl wir im Allgemeinen bereits aus Ägypten ausgezogen sind, muss jeder Mensch im Besonderen aus diesem Exil ausziehen. Doch man kann das ägyptische Exil nicht verlassen, bevor man in dieses Exil hineingelangt ist. Erst dann kann davon die Rede sein, dass man aus dem Exil auszieht.

Deshalb erzählt uns der Verfasser der Haggada, dass wir wissen müssen: Anfangs waren unsere Vorfahren Götzendiener, das heißt, sie waren unter der Herrschaft von Götzendienern im Exil. Erst dann brachte der Schöpfer unsere Vorfahren näher. Hätten sie dagegen nicht gespürt, dass sie unter der Herrschaft von Götzendienern standen, könnte man nicht sagen, dass der Schöpfer sie näherbrachte. Nur wenn ein Mensch vom Schöpfer entfernt ist, kann man sagen, dass der Schöpfer ihn näherbringt. Denn das Fehlen muss dem Vorhandensein immer vorausgehen: Das Fehlen ist das Gefäß (Kli), und das Vorhandensein ist das Licht, das den Mangel und die Finsternis erfüllt.

Daher müssen wir wissen, dass wir uns gründlich vorbereiten müssen. Der Mensch soll sich in sieben Untersuchungen und sieben Prüfungen prüfen, um seinen wahren Zustand zu erkennen: Wie steht es um seinen Glauben an den Schöpfer? Hat er vollkommenen Glauben, also einen wahrhaftigen Glauben, oder ist sein Glaube nur oberflächlich – lediglich ein „angelerntes Menschengebot“, das heißt, er beruht nur auf Gewohnheit und nicht auf eigenem Erwerb?

Ebenso soll er prüfen, ob seine Eigenschaften in Ordnung sind: Sind alle seine Handlungen für den Schöpfer bestimmt, wie es heißt: „Alle deine Handlungen seien für den Schöpfer“? Oder ist es umgekehrt, sodass er alles nur mit der Absicht tut, sich selbst zu erfreuen? So deuteten unsere Weisen den Vers: „Die Güte der Völker ist Sünde: Alles Gute, das sie tun, tun sie zu ihrem eigenen Nutzen.“ Sie sind unfähig, irgendetwas für den Schöpfer zu tun.

Steht der Mensch wie die Völker der Welt unter dieser Herrschaft, so befindet er sich im Exil und gilt als einer, der Götzendienst verrichtet. Dann ist Raum für das Gebet, dass der Schöpfer ihm hilft, dieses Exil zu verlassen. Erst dann kann man sagen: „Doch jetzt“. Nachdem er sich im Exil befindet und als einer gilt, der Götzendienst verrichtet, kann man sagen: „Doch jetzt hat uns der Schöpfer Seiner Arbeit nahegebracht.“ Das bedeutet, in der Arbeit des Schöpfers zu arbeiten und nicht unter der Herrschaft des Götzendienstes.

Dies heißt Auszug aus Ägypten: Dann sind alle Handlungen für den Schöpfer. Deshalb werden die Mizwot mit der „Erinnerung an den Auszug aus Ägypten“ verbunden. Denn erst nachdem man das ägyptische Exil verlassen hat, kann man die Mizwot aufgrund des Gebots des Schöpfers erfüllen und nicht aus anderen Beweggründen.

Dies meint der Tannait mit den Worten: „Man beginnt mit der Schande und endet mit Lob.“ Wenn ein Mensch die Arbeit des Schöpfers beginnen will, muss er mit der Schande beginnen, also damit, dass wir unter der Herrschaft von Götzendienern stehen. Danach können wir die Stufe erreichen: „Doch jetzt hat uns der Schöpfer Seiner Arbeit nahegebracht.“ Das bedeutet: Er endet mit Lob.

Die Ordnung der Arbeit besteht in zweierlei: im Glauben an den Schöpfer und ebenso in den Eigenschaften, sodass alle Handlungen des Menschen für den Schöpfer bestimmt sind.

Damit können wir erklären, was unsere Weisen sagten: „Unsere Meister lehrten: Als Rabbi Elasar ben Parta und Rabbi Chanina ben Teradyon festgenommen wurden, sagte Rabbi Elasar ben Parta zu Rabbi Chanina ben Teradyon: ‚Glücklich bist du, dass du wegen einer Sache festgenommen wurdest; wehe mir, dass ich wegen fünf Dingen festgenommen wurde.‘ Rabbi Chanina antwortete ihm: ‚Glücklich bist du, dass du wegen fünf Dingen festgenommen wurdest und gerettet wirst; wehe mir, dass ich wegen einer Sache festgenommen wurde und nicht gerettet werde. Denn du hast dich mit der Tora und mit Taten der Nächstenliebe befasst‘ usw. Rav Huna sagte: ‚Wer sich ausschließlich mit der Tora befasst, gleicht einem, der keinen Gott hat, wie es heißt: „Viele Tage war Israel ohne den wahren Gott“ usw. Was bedeutet „ohne den wahren Gott“? Wer sich ausschließlich mit der Tora befasst, gleicht einem, der keinen Gott hat.‘“

Diese Aussage ist schwer zu begreifen. Wir können sie wie oben erklären: Die Hauptaufgabe des Menschen in der Welt besteht darin, alle seine Handlungen für den Schöpfer auszurichten. Der Mensch wurde jedoch mit der Eigenschaft erschaffen, nur sich selbst zu erfreuen, sodass er nichts tun kann, wenn er nicht sieht, dass ihm daraus etwas Gutes erwächst. Wie kann der Mensch dann überhaupt die Fähigkeit erlangen, für den Schöpfer zu arbeiten?

Doch der Schöpfer gab uns die Mizwot zwischen Mensch und Mitmensch. Durch sie gewöhnt sich der Mensch daran, zum Wohl seines Mitmenschen zu arbeiten. So gelangt er auf eine höhere Stufe, auf der er auch für den Schöpfer arbeiten kann. Andernfalls kann er, selbst wenn er sich mit Tora und Mizwot befasst, dies nicht für den Schöpfer tun. Wenn er sich also nur mit der Tora und nicht mit Taten der Nächstenliebe befasst, kann er nicht für den Schöpfer arbeiten, weil ihm die besondere Kraft der Nächstenliebe fehlt.

Daraus folgt: Auch wenn er sich mit Tora und Mizwot befasst, gleicht er einem, der keinen Gott hat, sofern er dies nicht für den Schöpfer tut. Denn hätte er tatsächlich ein Empfinden der Göttlichkeit, würde er sich gewiss für den Schöpfer damit befassen. Hätte er sich aber mit Taten der Nächstenliebe befasst, besäße er die besondere Kraft der Nächstenliebe. Dadurch würde er auch zur Liebe zum Schöpfer gelangen und hätte die Kraft, Tora und Mizwot für den Schöpfer zu erfüllen.

Daraus folgt, dass der Mensch Kraft, Stärke und Überwindung aufbringen muss, um seine Eigenschaften so umzukehren, dass sie dem Wohl des Mitmenschen dienen. Dadurch wird er später würdig, mit diesen Eigenschaften für den Schöpfer zu arbeiten.

Nachdem der Mensch seine Eigenschaften bereits so korrigiert hat, dass er zum Wohl des Mitmenschen arbeiten kann, kann er sich mit dem Glauben an den Schöpfer befassen. Dann ist er geeignet, des Glaubens würdig zu werden, denn nun besitzt er die Gleichheit der Form. Dies heißt: „Hafte dich an Seine Eigenschaften“, wie es heißt: „Wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig.“

Der Schöpfer helfe uns, dass wir würdig werden, aus dem Exil auszuziehen und bald in unseren Tagen der vollständigen Erlösung würdig zu werden. Amen.

Möge es Sein Wille sein, dass du auf den Stufen des Segens, des Erfolgs und des Glücks emporsteigst. Ein frohes und koscheres Fest!

Von deinem Freund, der dir

und deiner Familie immer alles Gute wünscht

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines Vaters und Lehrers seligen Andenkens (Baal HaSulam)

Brief 67

Mit Hilfe des Schöpfers. 27. September 1963, Vorabend von Jom Kippur (Versöhnungstag) 5724, Bnei Brak.

Frieden und alles Gute in Ewigkeit meinem Freund …

Ich habe deinen Brief erhalten. Möge der Schöpfer dir und deiner ganzen Familie helfen, immer gesund und wohlauf zu sein. Für das neue Jahr sei es Sein Wille, dass es ein Jahr des Segens und des Erfolgs in allem wird, was du tust. Ich bitte dich, mir öfter zu schreiben, denn ich sehne mich sehr danach zu hören, wie es dir und deiner Familie geht.

In den Slichot (Vergebungsgebeten) am Vorabend von Rosh HaShana (Neujahrsfest) sagen wir: „Wie soll ich den Mund auftun, und wie soll ich meine Augen erheben? Denn ich habe keine Taten, und in meiner Hand ist kein Verdienst“, und so weiter. Ebenso sagen wir:

„Und wenn Du nach meinem Tun mein Maß vollendest, fürchte ich mich, denn ich bin nackt“, und so weiter. Ebenso: „Nicht mit Gnade und nicht mit Taten sind wir vor Dich gekommen; wie Arme und Bedürftige haben wir an Deine Tür geklopft.“ Das bedeutet, dass nichts Gutes in uns ist. Zugleich sagen wir anschließend: „Fern sei es von Dir, so zu handeln und den Gerechten zusammen mit dem Frevler zu töten, sodass der Gerechte dem Frevler gleich wäre. Fern sei es von Dir! Sollte der Richter der ganzen Erde nicht Recht üben?“

Wir müssen verstehen, wie es sein kann, dass wir einerseits sagen, es gebe in uns keinerlei gute Taten, und andererseits mit einer Forderung zum Schöpfer kommen und sagen: „Fern sei es von Dir, so zu handeln und den Gerechten zusammen mit dem Frevler zu töten“, und so weiter. Es stellt sich die Frage: Wer ist der Gerechte? (Siehe Rashis Kommentar zu diesem Vers im Wochenabschnitt WaYera.)

Bekanntlich ist der Mensch eine kleine Welt. Das heißt, er umfasst alle Völker der Welt, die unter der allgemeinen Bezeichnung „Böser Trieb“ (Jezer haRa) zusammengefasst werden. Das bedeutet, dass jeder Mensch alle verwerflichen Eigenschaften umfasst, die in jedem einzelnen Volk vorhanden sind. Ebenso umfasst er Israel, das als „Guter Trieb“ (Jezer haTov) bezeichnet wird.

Wenn ein Mensch keine guten Taten hat, liegt es daran, dass der Körper unter der Herrschaft des Bösen Triebs steht. Dann wird der Mensch „Frevler“ genannt. (Siehe Bava Batra 16a: „Rabba sagte: Hiob wollte die ganze Welt vom Gericht befreien. Er sprach vor Ihm: ‚Herr der Welt … Du hast Gerechte erschaffen, Du hast Frevler erschaffen – wer kann Dich daran hindern?‘“ Rashi erklärt dort: „‚Du hast Gerechte erschaffen‘ – durch den Guten Trieb. ‚Du hast Frevler erschaffen‘ – durch den Bösen Trieb. Daher kann niemand Deiner Hand entkommen; denn wer könnte Dich hindern? Die Sünder sind gezwungen.“ Daraus sehen wir, dass der Gute Trieb „Gerechter“ und der Böse Trieb „Frevler“ genannt wird.)

Daraus folgt: Wenn ein Mensch keine guten Taten hat, dann nur deshalb, weil der Frevler in ihm an der Spitze steht und der Gerechte in ihm der Schwanz ist. Das bedeutet, dass der Gerechte dem Frevler folgt und keinerlei Befugnis hat, sich zu widersetzen. Dies wird als Exil des Gerechten bezeichnet: Israel in ihm ist im Exil, der Herrschaft der Völker der Welt unterworfen, und besitzt keinerlei eigene Befugnis.

So können wir unsere Forderung an den Schöpfer verstehen: „Fern sei es von Dir …, den Gerechten zusammen mit dem Frevler zu töten.“ Denn das ganze Leben der Frevler gilt als Tod, wie unsere Weisen sagten: „Die Frevler werden schon zu Lebzeiten Tote genannt.“ Das Leben, das sie in dieser Welt genießen, hindert sie daran, ewiges Leben zu erlangen. Das gesamte Schöpfungsziel – Seinen Geschöpfen Gutes zu tun – kann nicht erlangt werden, solange der Mensch dem Schöpfer fern ist, denn „Verfluchtes kann nicht am Gesegneten anhaften“. Daher werden die Frevler schon zu Lebzeiten Tote genannt. Dies bedeutet, dass die Frevler zum Tod verurteilt werden.

Solange der Gerechte unter der Herrschaft des Frevlers steht und weder Kraft noch Stärke hat, ihn zu überwinden, wird auch der Gerechte zum Tod verurteilt. Denn wegen des Frevlers in ihm, der ihn daran hindert, am Schöpfer anzuhaften, kann er nichts Gutes vom Schöpfer empfangen. Somit gilt auch der Gerechte als tot. Darin besteht die Forderung an den Schöpfer: „Fern sei es von Dir, den Gerechten zusammen mit dem Frevler zu töten.“ Das heißt, der Gerechte in uns – der Gute Trieb – kann nichts bewirken, weil die Frevler ihn kein spirituelles Leben herabziehen lassen.

Wenn der Mensch daher sieht, dass er keine guten Taten hat, weiß er, dass der Grund darin liegt, dass das Böse in ihm herrscht, während Israel – der Gerechte, der als Guter Trieb bezeichnet wird – im Exil ist. Dann bitten wir den Schöpfer und bringen vor Ihm die Forderung vor: Er hat uns einen Guten Trieb gegeben, doch dieser hat keine Kraft, weil er im Exil ist. Deshalb wird auch der Gerechte zum Tod verurteilt. Dies ist die Bedeutung von „Fern sei es von Dir, so zu handeln“. Vielmehr möge der Schöpfer uns aus dem Exil führen. Denn welchen Nutzen hat der Gute Trieb, der als Gerechter bezeichnet wird, wenn er keinerlei Kraft besitzt? Dann wäre der Gute Trieb, der uns gegeben wurde, umsonst.

Dies ist unsere Forderung: „den Gerechten zusammen mit dem Frevler zu töten, sodass der Gerechte dem Frevler gleich wäre“. Es scheint nämlich, als würden beide dasselbe tun. Doch der Schöpfer möge Sich unser erbarmen und uns aus dem Exil führen.

Dies gilt gerade dann, wenn wir sehen, dass wir keinerlei gute Taten haben, oder wenn der Mensch selbst weiß, dass der entscheidende Grund allein darin liegt, dass der Gerechte unter der Herrschaft des Frevlers im Exil ist.

Darum bitten wir den Schöpfer und setzen in der Nacht von Rosh HaShana ein Zeichen, indem wir sagen: „Möge es Dein Wille sein, dass wir zum Haupt und nicht zum Schwanz werden.“ Das bedeutet: Israel in uns soll das Haupt und der Frevler der Schwanz sein. Dann werden wir eines langen Lebens und des Guten im Schöpfungsziel würdig, das darin besteht, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun.

Und mögen wir einer guten endgültigen Besiegelung würdig werden.

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

Brief 68

Mit Gottes Hilfe, am achten Tag von Chanukka 5724 (18. Dezember 1963)

Frieden und alles Gute meinem Freund …

Ich sende dir und deiner ganzen Familie meine herzlichen Glückwünsche. Möge in deiner Familie Zufriedenheit, Frieden und Gesundheit herrschen. Und so wie deine Familie nun größer geworden ist, mögen auch all deine Unternehmungen wachsen, mit denen du dich sowohl im Materiellen als auch im Spirituellen befasst, und mögest du darin Erfolg und Segen sehen.

Wir sehen, dass unsere Weisen bestimmten, das Wunder bekannt zu machen in Bezug auf zwei Wunder, die der Allgemeinheit Israels widerfuhren: Chanukka und Purim. An Chanukka geschieht dies durch das Entzünden der Kerzen und an Purim durch das Lesen der Megilla. Man muss verstehen, warum man an Chanukka die Kerzen draußen zeigen muss, damit alle sie sehen, und weshalb die Zeit für das Entzünden der Kerzen „bis der letzte Fuß vom Markt verschwunden ist“ dauert, damit die Menschen draußen sie sehen können, während dies an Purim nicht so ist. Außerdem muss man verstehen, warum unsere Weisen bei Chanukka fragten: „Was ist Chanukka?“500, bei Purim aber nicht.

Man muss zwischen einem Wunder im Spirituellen und einem Wunder im Materiellen unterscheiden. Und was ist überhaupt ein Wunder? Bekanntlich gilt alles, was innerhalb der Natur liegt, nicht als Wunder; vielmehr heißt das, was über der Natur liegt, Wunder. Natur ist das, was der Mensch selbst tun kann; dies nennt man den natürlichen Weg. Kann der Mensch etwas jedoch nicht selbst tun, gilt es bereits als über der Natur. Wenn zum Beispiel, Gott behüte, jemand einen Kranken in seinem Haus hat und alle Ärzte ihn bereits aufgegeben und erklärt haben, dass sie ihm nicht helfen können, sagt ein gläubiger Jude zum Schöpfer: „Herr der Welt, jetzt kann mir niemand helfen außer Dir.“ Daher bittet er den Schöpfer: „Vollbringe für mich ein Wunder und heile meinen Kranken.“ Wenn der Kranke daraufhin geheilt wird, nennt man dies ein Wunder vom Himmel.

Daraus verstehen wir, was ein Wunder im Spirituellen ist. Wenn ein Mensch geboren wird, verbindet sich sofort der Böse Trieb (Jezer haRa) mit ihm, wie geschrieben steht: „Die Sünde lauert vor der Tür.“ Der Gute Trieb (Jezer haTov) kommt mit dreizehn Jahren. Unsere Weisen sagten: „Dies ist eine Warnung an das Gericht, die Worte einer Streitpartei nicht anzuhören, bevor die Gegenpartei gekommen ist“501, denn sonst wird es den Ersten in seinem Streit für gerecht halten. Wenn daher der Böse Trieb mit seinen Behauptungen zum Menschen kommt, muss dieser ihm gewiss zuhören. Kommt später der Gute Trieb, werden dessen Worte nicht gehört, wie oben erklärt. Somit befindet sich der Gute Trieb im Exil, während der Böse Trieb die ganze Herrschaft über den Körper besitzt. Dies gilt als Spiritualität im Exil unter der Herrschaft des Materiellen.

Der Mensch ist nicht in der Lage, aus diesem Exil herauszukommen; nur der Schöpfer kann ihn daraus befreien. So sagten unsere Weisen: „Der Trieb des Menschen überwältigt ihn jeden Tag und sucht ihn zu töten. Würde der Schöpfer ihm nicht helfen, könnte er ihn nicht bezwingen.“ Daraus sehen wir, dass nur der Schöpfer helfen kann. Deshalb heißt dies Wunder.

An Chanukka sagen wir: „Als sich das frevlerische Königreich Griechenlands gegen Dein Volk Israel erhob, um es Deine Tora vergessen zu lassen und von den Gesetzen Deines Willens abzubringen …“502 Das Exil betraf also nur die Spiritualität, denn die Griechen wollten mit ihrer Philosophie über das Volk Israel herrschen.

Darüber sagen wir: „Die Griechen versammelten sich gegen mich … und durchbrachen die Mauern meiner Türme …“503 Über das Wort Mauer (Chomat) sagt der heilige ARI, dass es aus denselben Buchstaben besteht wie Grenze (Techum). Das heißt, das Volk Israel hat eine Grenze dafür, wie weit es denken darf: Der Mensch muss glauben, dass der Schöpfer die Welt in der Führung des Guten, der Gutes tut, lenkt, auch wenn wir dies nicht verstehen.

Wenn der Mensch diese Grenze hat, besitzt er eine Mauer, in die die Feinde nicht eindringen können. Sie schützt ihn vor fremden Gedanken. Deshalb wird der Glaube Mauer genannt. Die Griechen durchbrachen diese Mauer. Da geschah ein Wunder, und der Schöpfer half ihnen, wie oben gesagt wurde: „Würde der Schöpfer ihm nicht helfen, könnte er ihn nicht bezwingen.“504

Somit war Chanukka ein spirituelles Wunder. Im Spirituellen muss man nach dem Was fragen, sonst empfindet man das Wunder nicht. Daher sagten sie: „Was ist Chanukka?“505 So soll jeder nach dem Wunder im Spirituellen fragen, damit er zunächst erkennt, was spirituelles Exil ist, und anschließend der spirituellen Erlösung würdig werden kann.

Deshalb muss man dies öffentlich bekannt machen, um in jedem Einzelnen Interesse zu wecken; andernfalls empfindet man weder das Exil noch die Erlösung. Denn Exil ist eine Frage des Empfindens. Wenn zum Beispiel jemand seinen Freund am Schabbat mit dem Auto fahren sieht, zu ihm geht und fragt: „Hör zu, mein Freund, bereust du es, dass du am Schabbat fährst? Unsere Weisen sagten doch: ‚Frevler sind voller Reue‘!“ Gewiss wird dieser ihn auslachen. Was bedeutet dann die Aussage unserer Weisen, dass Frevler voller Reue sind?

Vielmehr müssen wir sagen: Wer empfindet, dass er ein Frevler ist, bereut es; wer es aber nicht empfindet, bereut es nicht. Daher empfindet dieser Mensch, der am Schabbat fährt und es nicht bereut, gewiss nicht, dass er ein Frevler ist. Da er nicht an den Schöpfer glaubt, hält er sich wegen seines Fahrens am Schabbat nicht für einen Frevler.

Daraus folgt: Der Mensch kann sich nicht im spirituellen Exil befinden, wenn er es nicht empfindet. Deshalb muss man fragen: „Was ist Chanukka?“, damit der Mensch beginnt, vor sich selbst Rechenschaft abzulegen. An Purim dagegen war es eine Erlösung im Materiellen. Daher braucht man nicht nach dem Was zu fragen, denn das materielle Exil kennt und empfindet jeder. Wenn man dieses Wunder bekannt macht, wissen daher alle darum.

Deshalb sagen wir an Chanukka: „Diese Kerzen … und wir haben keine Erlaubnis, sie zu benutzen“506, denn das Wunder betraf nur die Spiritualität. Über Purim hingegen steht geschrieben: „Festmahl und Freude“507, weil das Wunder an den Körpern geschah.

Möge der Schöpfer uns helfen, der Erlösung im Spirituellen und im Materiellen würdig zu werden. Amen.

Von deinem Freund, der dir und deiner Familie alles Gute wünscht

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 69

4. Adar 5724 (17. Februar 1964)508

Frieden und alles Gute meinem Freund, dem Teuersten unter den Menschen

Unsere Weisen sagten: „Es steht geschrieben: ‚Antworte dem Narren nicht nach seiner Torheit, damit du ihm nicht gleich wirst.‘509 Und es steht geschrieben: ‚Antworte dem Narren nach seiner Torheit, damit er sich nicht selbst für weise hält.‘510 Das ist kein Widerspruch: Das eine bezieht sich auf Angelegenheiten der Tora, das andere auf weltliche Angelegenheiten.“ Rashi erklärte: „In Angelegenheiten der Tora darf man ihm nach seiner Torheit antworten“511 (Sprüche 26,4–5; Traktat Schabbat 30b). Man muss verstehen: Warum ist es verboten, in weltlichen Angelegenheiten zu antworten? Was ist dabei zu befürchten? Die Vernunft legt das Gegenteil nahe: In Angelegenheiten des Himmels sollte man vorsichtig sein, denn es lohnt sich nicht, sich mit einem Narren auf einen Streit einzulassen. Warum aber sollte es verboten sein, in weltlichen Angelegenheiten zu antworten?

Ebenso muss man verstehen, was unsere Weisen über den Vers sagten: „Lass mich doch Deine Wege erkennen.“512 Moses sprach vor Ihm: „Herr der Welt, warum gibt es einen Gerechten, dem es gut geht, und einen Gerechten, dem es schlecht geht; einen Frevler, dem es gut geht, und einen Frevler, dem es schlecht geht?“ Er antwortete ihm: „Moses, ein Gerechter, dem es gut geht, ist ein Gerechter, Sohn eines Gerechten; ein Gerechter, dem es schlecht geht, ist ein Gerechter, Sohn eines Frevlers; ein Frevler, dem es gut geht, ist ein Frevler, Sohn eines Gerechten; ein Frevler, dem es schlecht geht, ist ein Frevler, Sohn eines Frevlers“513 (2. Mose 33,13; Traktat Berachot 7a).

Nach dem einfachen Wortsinn ist dies schwer zu verstehen. Wir sehen doch auch einen Frevler, Sohn eines Frevlers, dem es gut geht, und ebenso einen Gerechten, Sohn eines Gerechten, dem es schlecht geht.

Vielmehr muss man erklären, dass hier nicht die Wege der Vorsehung gemeint sind, wie sie unseren Augen erscheinen. Darüber steht geschrieben: „Denn Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht Meine Wege“514 (Jesaja 55,8). Die Bitte „Lass mich doch Deine Wege erkennen“ bezieht sich vielmehr auf die Wege der Arbeit für den Schöpfer.

Bekanntlich besteht das Schöpfungsziel darin, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Solange ein Mensch noch keinen Zustand erreicht hat, in dem es ihm in der Welt gut geht, muss er daher wissen, dass er das Ziel, für das der Mensch erschaffen wurde, noch nicht erreicht hat. Einen weiteren Grundsatz (Klal) muss man kennen: In der spirituellen Arbeit heißen Ursache und Folge „Vater und Sohn“. Der vorherige Zustand bewirkt also den folgenden; der erste Zustand heißt „Vater“, der zweite „Sohn“.

Damit verstehen wir alles oben Gesagte. Wenn ein gewöhnlicher Mensch, der sich nicht mit Tora und Mizwot beschäftigt, einen Gerechten sieht, der sich mit Tora beschäftigt, zu ihm kommt und ihn fragt: „Was soll euch diese Arbeit?“, dann will er sich gewiss über den Gerechten lustig machen, der sich mit Tora und Mizwot beschäftigt. Sicherlich will er nicht, dass der Gerechte ihm eine wahre Antwort gibt, die auch ihn verpflichten würde, sich mit der Arbeit für den Schöpfer zu beschäftigen, denn das ist nicht seine Absicht. Antworte ihm daher nicht, denn er selbst will nicht, dass du ihm antwortest. Das heißt „Frevler“.

Wer sich in einem solchen Zustand befindet – wem also die Frevler in der Welt solche Gedanken in den Verstand einflößen –, soll darauf nicht antworten; das heißt, der Mensch soll solche Gedanken nicht beachten. Dies heißt „Frevler, Sohn eines Frevlers“. Dem Menschen „geht es schlecht“, wenn ihm solche Gedanken in den Sinn kommen. „Antworte nicht“ bedeutet, dass der Mensch solche Fragen nicht beantworten darf, wie geschrieben steht: „damit du ihm nicht gleich wirst“. Deshalb heißt es, ihm „geht es schlecht“, denn dies ist vollkommen schlecht und daraus wird nichts Gutes entstehen.

Es gibt jedoch einen Menschen, der sich mit Tora und Mizwot beschäftigt. Wenn er beginnt, sich nur liShma (um des Gebens willen) und ohne jede Absicht zum eigenen Nutzen zu beschäftigen, kommen die Fragen zu ihm: „Was soll euch diese Arbeit?“ – Was wirst du davon haben, dass du dich „allein für den Schöpfer“ abmühst? Bei diesem Menschen hat gerade seine Absicht, alles um des Himmels willen zu tun, solche Gedanken hervorgerufen. Deshalb „geht es ihm gut“: Es ist ein Zeichen dafür, dass er sich wirklich um des Himmels willen beschäftigen will, denn gerade deshalb ist sein Körper nicht bereit, mit ihm auf diesem Weg zu gehen.

Darum sehnt sich dieser Mensch danach, dass der Gerechte ihm eine klare Antwort gibt, damit er weiß, was er seinem Körper entgegnen und womit er ihn überzeugen kann. Deshalb: Antworte ihm. Das bedeutet, dass man in Angelegenheiten der Tora antworten darf, denn er will wirklich eine Antwort.

Wer sich in einem solchen Zustand befindet, heißt „Frevler, Sohn eines Gerechten“, denn der Einwand des Frevlers – „Was soll diese Arbeit?“ – kommt ihm dadurch, dass er sich mit Tora und Mizwot beschäftigt. Somit heißt er „Gerechter“, und seine gerechte Handlung, die er für den Schöpfer ausrichten will, bringt in ihm die Frage „Was soll diese Arbeit?“ hervor. Deshalb heißt er „Frevler, Sohn eines Gerechten“. Ihm „geht es gut“, denn dies ist ein Zeichen dafür, dass er auf dem Weg der Wahrheit geht.

Das ist die Bedeutung dessen, was unsere Weisen sagten: „Der Trieb des Menschen überwältigt ihn jeden Tag und sucht ihn zu töten; und würde der Schöpfer ihm nicht helfen, könnte er ihn nicht überwinden“515 (Traktat Kidushin 30b; Traktat Sukka 52b). Nur der Schöpfer kann dem Menschen helfen, die Fähigkeit zu erlangen, seine Absicht auf den Schöpfer auszurichten. Wenn der Schöpfer ihm hilft, wird er zu einem Gerechten und erlangt dann beständigen Glauben an den Schöpfer. In den Worten unserer Weisen heißt dies: „Wer Tora liShma lernt“516 (Sprüche der Väter [Awot] 6,1) – seine ganze Absicht ist also auf den Schöpfer ausgerichtet.

Doch damit hat er das Schöpfungsziel noch nicht erreicht, wie geschrieben steht: „Wenn du gerecht bist, was gibst du Ihm?“517 (Hiob 35,7). Denn dem Schöpfer fehlt nichts, sodass wir für Ihn arbeiten müssten. Nur damit es kein Brot der Scham gibt, wurde uns die Korrektur gegeben, liShma zu arbeiten. Deshalb heißt dieser Zustand einerseits „Gerechter, Sohn eines Frevlers“: Im vorherigen Zustand, bevor der Schöpfer ihm half, war er ein Frevler; nachdem der Schöpfer ihm geholfen hat, ist er zu einem Gerechten geworden. Deshalb heißt er „Gerechter, Sohn eines Frevlers“. Doch noch immer „geht es ihm schlecht“, denn er hat das Ziel, für das er erschaffen wurde, noch nicht erreicht.

Danach gelangt er zum Aspekt der Tora, von dem es heißt: „Man offenbart ihm die Geheimnisse der Tora usw., und die ganze Welt ist für ihn lohnenswert.“ Die Tora heißt „Geschenk“, wie unsere Weisen über den Vers „Von Mattana nach Nachaliel518 sagten, denn sie ist ein Geschenk des Schöpfers. Nachdem der Mensch den Aspekt des Glaubens erlangt hat, kann er also den zweiten Zustand erlangen.

Der zweite Zustand heißt Tora. Der Unterschied zwischen Glauben und Tora besteht darin, dass es bekanntlich zwei Angelegenheiten auf den Wegen des Schöpfers gibt: 1) Arbeit und 2) Tora. Der Unterschied zwischen Tora und Arbeit ist folgender: „Arbeit“ heißt es, wenn der Mensch an seinem Tun keine Freude hat, sondern handelt, damit man ihm einen Lohn gibt. Da der Mensch jedoch arbeiten muss, ohne auf eine Belohnung abzuzielen, heißt seine Arbeit „Gerechtigkeit (Zedaka)“. Deshalb heißt der erste Zustand, der Glaube, „Gerechtigkeit“, wie geschrieben steht: „Und er glaubte an den Ewigen, und Er rechnete es ihm als Gerechtigkeit an“.519 Die Tora hingegen heißt „Geschenk“, weil der Mensch sich daran erfreut; andernfalls wäre es kein Geschenk. Wenn ein Mensch von seinem Freund ein Geschenk erhält, verlangt er von ihm schließlich keinen Lohn dafür, dass er sein Geschenk entgegennimmt.

Wenn der Mensch den Aspekt der Tora erlangt, bedeutet dies daher, dass er sein Ziel erreicht hat, und deshalb „geht es ihm gut“. Da er im vorherigen Zustand Glauben hatte, der als Aspekt des Gerechten gilt, heißt er „Gerechter, Sohn eines Gerechten“. Dies ist „ein Gerechter, dem es gut geht“, weil er das Schöpfungsziel erreicht hat und nun den Aspekt „Seinen Geschöpfen Gutes zu tun“ empfindet. Dann heißt er „guter Gast“, wie unsere Weisen sagten: „Was sagt ein guter Gast? Alles, worum sich der Hausherr bemüht hat, hat er nur für mich getan“520 (Traktat Berachot 58a).

Und der Schöpfer möge uns helfen, das zu erlangen, was uns auferlegt ist, und die vollständige Erlösung.

Von deinem Freund, der dir und deiner Familie alles Gute wünscht

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

Brief 70

Mit Gottes Hilfe, Freitag, am Vorabend des Schabbats, Wochenabschnitt WaYishlach, 15. Kislew 5725 (20. November 1964)

An meinen Freund, den teuersten unter den Menschen …

Wie geht es dir? … Möge der Schöpfer dir bei allen Wünschen deines Herzens zum Guten helfen, und mögest du bei allem, dem du dich zuwendest, Erfolg haben.

Im heiligen Sohar (WaYishlach 19–20 und im dortigen Sulam-Kommentar) steht: „Besser, gering geachtet und ein Diener zu sein, als ein geehrter Mensch, dem es an Brot fehlt521. Der Geringgeachtete ist Jakob, der seinen Geist vor Esau erniedrigte, damit Esau ihm später als Diener untertan sein würde“ usw. Das bedeutet: Der Vers „Besser, gering geachtet zu sein“ usw. bezieht sich auf Jakob. Er erniedrigte seinen Geist vor Esau, damit Esau ihm später als Diener untertan sein würde und er über ihn herrschen könnte. Dann würde sich an ihm erfüllen: „Völker sollen dir dienen und Nationen sich vor dir niederwerfen“522 usw.

„Komm und sieh: Weil Jakob wusste, dass er ihn jetzt brauchte, machte er sich vor ihm gering. Darin handelte er weiser und listiger als in allem, was er je gegen Esau unternommen hatte“ usw. Die Erklärung lautet: Weil Jakob wusste, dass er ihn jetzt brauchte, machte er sich vor ihm gering. Darin handelte er weiser und listiger als in allem, was er je gegen Esau unternommen hatte. Hätte Esau dies bemerkt, hätte er sich selbst getötet, damit es nicht dazu käme.

Wir müssen verstehen: Welche Weisheit liegt darin, dass Jakob sich jetzt vor Esau erniedrigte – so sehr, dass der Sohar sagt, Esau hätte sich selbst getötet, wenn er davon gewusst hätte?

Dies ist nach der Auslegung meines Vaters und Lehrers (Baal HaSulam) im Sinne der ethischen Lehre zu erklären: Der Mensch soll wissen, wie er sich in der Arbeit für den Schöpfer zu verhalten hat. Bei Laban sehen wir nämlich das Gegenteil. Vor Esau erniedrigte sich Jakob und gab ihm Geschenke. Esau wollte sie nicht annehmen und antwortete Jakob: „Ich habe viel“523, bis Jakob ihn anflehte, die Geschenke von ihm anzunehmen. Bei Laban hingegen sehen wir, dass dieser zu ihm das Gegenteil sagte: „Die Töchter sind meine Töchter, die Söhne sind meine Söhne, und alles, was du siehst, gehört mir.“

Man muss wissen, dass der Böse Trieb zwei Arten aufweist, die „zwei Arten von Klipot (Schalen)“ genannt werden:

1) Vor der Tat: Wenn ein Mensch eine Mizwa ausführen oder eine bestimmte Lektion lernen will, kommt der Böse Trieb und sagt ihm: „Du bist es nicht wert, dies zu tun. Was du tust, geschieht doch nicht um des Himmels willen; du tust es nur für mich, also für den Bösen Trieb.“

„Die Töchter (Banot) sind meine Töchter“524: Alle Einsichten (Havanot), die du in der Arbeit für den Schöpfer hast, stammen nur von mir, und du besitzt keinerlei Verständnis der Tora. „Und alles, was du siehst, gehört mir“525: Alles, was du hinsichtlich Tora und Mizwot betrachtest, geht auf mein Konto, auf das des Bösen Triebs. Warum solltest du dich dann so sehr um Tora und gute Taten bemühen? Es geschieht ohnehin nicht um des Himmels willen, und deine Arbeit wird von Ihm nicht angenommen. Deshalb wirst du dafür auch keinen Lohn erhalten. Du brauchst also überhaupt nichts Gutes zu tun.

Dann muss der Mensch ihn überwinden und ihm sagen: „Was du sagst, ist nicht wahr. Vielmehr tue ich alles um des Himmels willen. Alles, was ich tue, wird vom Schöpfer angenommen und bereitet Ihm Wohlgefallen. Es genügt, dass ich für dich arbeite, indem ich dir zu essen und zu trinken gebe und dergleichen. Doch in Angelegenheiten, die die Arbeit für den Schöpfer betreffen, hast du keinerlei Recht, dich einzumischen.“

2) Nachdem er die guten Taten vollbracht hat, gilt das Gegenteil: Dann muss er zu seinem Bösen Trieb sagen – der nun als die Eigenschaft Esau bezeichnet wird, weil die Sache bereits getan ist526, also nach der Tat: „Ich gebe dir alles.“ Das bedeutet: „Alles, was ich getan habe, war für dich“ – die Eigenschaft lo liShma (nicht um des Gebens willen). Dies heißt, ihm die Geschenke zu geben, nämlich Tora und Mizwot, von denen er behauptet, sie gehörten Esau.

Dann behauptet Esau das Gegenteil: „Ich habe viel527 und will deine Tora und Mizwot nicht.“ Esau sagt ihm also: „Du hast alles um des Himmels willen getan. Folglich bist du ein großer Jude und solltest dich über all deine Freunde erheben, denn sie handeln nicht um des Schöpfers willen, du aber schon.“ Er will, dass der Mensch in Hochmut verfällt.

Wer sich hingegen in der Eigenschaft Jakob befindet, behauptet: „Die Tora und die Mizwot gehören dir. Ich muss nun Umkehr (Teshuwa) vollziehen, denn ich will dem Schöpfer Wohlgefallen bereiten. Ich empfinde meine Niedrigkeit, weil ich noch weit von der Wahrheit entfernt und noch nicht fähig bin, all meine Handlungen auf den Schöpfer auszurichten.“ Darin liegt der Unterschied zwischen Laban und Esau.

Möge der Schöpfer uns helfen, aus der Hand Labans und aus der Hand Esaus gerettet zu werden, und mögen wir bald, in unseren Tagen, der vollständigen Erlösung würdig werden. Amen.

Von deinem Freund, der dir und deiner Familie für immer alles Gute wünscht

Baruch Shalom Ashlag

Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

Brief 71

Mit Gottes Hilfe, 19. Schwat 5725 (22. Januar 1965)528

An meinen Freund …

Ich sehne mich sehr danach zu hören, wie es dir geht.

„So sollst du zum Haus Jakob sprechen und den Söhnen Israels verkünden.“ Rashi erklärte: „Zum Haus Jakob“ – das sind die Frauen; sprich zu ihnen mit sanften Worten. „Und den Söhnen Israels verkünden“ – den Männern erläutere die Strafen und die genauen Bestimmungen, Worte, die hart wie Sehnen sind (Mekhilta).

Im Sohar (Jitro, Punkt 161; im Sulam)529 heißt es: „‚So sollst du zum Haus Jakob sprechen‘530, nämlich durch Sprechen, also von der Seite des Gerichts (Din). ‚Und den Söhnen Israels verkünden‘ usw.531 – ‚den Söhnen Israels‘, das sind die Männer, die von der Seite der Barmherzigkeit kommen.“

Aus den Worten des Sohar geht hervor, dass zu den Frauen durch Sprechen geredet wird, das von der Seite des Din kommt, weil Frauen der Eigenschaft des Din angehören. Zu den Männern hingegen soll man mit der Eigenschaft der Barmherzigkeit reden, denn sie kommen aus der Barmherzigkeit.

Aus Rashis Worten geht dagegen das Gegenteil hervor: Zu den Männern soll man Worte sprechen, die hart wie Sehnen sind, zu den Frauen hingegen mit sanften Worten.

Man kann erklären, dass beide dasselbe sagen. Zunächst müssen wir jedoch verstehen, was Din und was Barmherzigkeit ist. Din finden wir, wenn zwei Menschen vor Gericht gehen: Dieser sagt: „Es gehört ganz mir“, und jener sagt: „Es gehört ganz mir.“532 Wer also behauptet: „Es gehört ganz mir“, befindet sich im Din. Barmherzigkeit bedeutet dagegen, ein Gebender zu sein, entsprechend den Worten unserer Weisen: „Wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig.“533 Daraus folgt: Wer ein Empfangender ist, gehört zur Eigenschaft des Din; wer ein Gebender ist, gehört zur Eigenschaft der Barmherzigkeit.

Als weiblich gilt, wer sich in einem Zustand des Mangels befindet, das heißt, wer ein Empfangender ist. Als männlich gilt dagegen, wer ein Gebender ist.

Daraus folgt, dass das Weibliche als Eigenschaft des Din gilt, also als die eines Empfangenden. Wenn man einem Empfangenden sagt, er solle sich mit Geben beschäftigen, ist er dazu nicht fähig, denn es widerspricht seiner Natur. Wenn man daher von ihm verlangt, sich mit der Arbeit für den Schöpfer zu beschäftigen, muss man mit ihm in sanfter Sprache reden, also in einer Sprache, die er versteht: der Sprache des Empfangens. Denn wer sich im Zustand des Weiblichen (Nukwa) befindet, der Eigenschaft des Din, ist nur bereit, zu arbeiten, um Lohn zu empfangen. Das heißt „sanfte Sprache“.

Mit den Männern, die als Gebende gelten, kann man dagegen in einer Sprache reden, die „hart wie Sehnen“ ist. Denn vom Geben zu hören ist für den Körper schwer, weil er gerade empfangen will. Da ein solcher Mensch jedoch als männlich gilt, besitzt er die Kraft zur Überwindung und kann seine Eigenschaften überwinden. Deshalb spricht man zu ihm von der Seite der Barmherzigkeit, denn barmherzig zu sein bedeutet zu geben.

So verstehen wir Rashis Worte: „‚Zum Haus Jakob‘ – das sind die Frauen; sprich zu ihnen mit sanften Worten.“534 Wer sich im Zustand des Weiblichen befindet, kann die Kraft des Körpers nicht überwinden. Er heißt „weiblich“ im Sinne von „seine Kraft wurde schwach wie die einer Frau“535. Mit ihm muss man in sanfter Sprache reden, das heißt, er befindet sich im Zustand von „um Lohn zu empfangen“; dem stimmt der Körper zu. Zu den Männern hingegen spricht man in einer harten Sprache, nämlich vom Geben, dem der Körper nur schwer zustimmen kann. Doch ein solcher Mensch besitzt die Kraft zur Überwindung. Deshalb kann man zu ihm in der Sprache der Barmherzigkeit reden, die Geben bedeutet.

Möge der Schöpfer uns helfen, das Böse in uns zu überwinden und des Empfangs der Tora würdig zu werden.

Von deinem Freund, der darauf wartet, gute Nachrichten von dir zu hören,

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 72

24. Nisan 5725 (26. April 1965)

Meinem Freund … Frieden und alles Gute auf ewig.

Ich bitte dich herzlich: Sei so gut und schreibe mir jedes Mal, wie es dir und deiner Familie geht – ob bei euch Frieden herrscht, wie es um eure Gesundheit und euren Lebensunterhalt steht. Denn wenn ich nichts von dir höre und nicht weiß, wie es dir geht, mache ich mir große Sorgen.

Raban Gamliel sagt: „Wer an Pessach diese drei Dinge nicht ausgesprochen hat, hat seine Pflicht nicht erfüllt. Und dies sind sie: Pessach, Mazza und Maror.“

Man kann erklären, was dies im Sinne der ethischen Lehre bedeutet. Bekanntlich verläuft die Arbeit in dieser Reihenfolge: Der Mensch muss den Anfang machen, danach erhält er Hilfe von oben. So sagten unsere Weisen: „Der Trieb des Menschen überwältigt ihn jeden Tag und trachtet danach, ihn zu töten. Würde der Schöpfer ihm nicht helfen, könnte er ihn nicht überwinden.“ Daraus folgt: Nur wenn der Mensch arbeiten will, erhält er Hilfe von oben.

Doch es gilt ein Grundsatz (Klal): Der Mensch erhält nur dann Hilfe, wenn er sie wirklich braucht, wenn er also sieht, dass er es aus eigener Kraft nicht schaffen kann. Andernfalls ist seine Bitte um Hilfe nicht aufrichtig, denn er weiß selbst, dass er alles allein tun könnte und nur zu träge ist. Trägen Menschen wird jedoch nicht geholfen. Hilfe erhalten nur diejenigen, die sich nach dem Schöpfer sehnen. So sagten unsere Weisen: „Sei kühn wie ein Leopard, leicht wie ein Adler, schnell wie ein Hirsch und stark wie ein Löwe.“

Daher beginnt die Arbeit mit Mazza. Das Wort wird hier im Sinne von Mazza uMeriva, „Streit und Auseinandersetzung“, verstanden, wie geschrieben steht: „Als sie gegen den Ewigen stritten.“ Ebenso sagten unsere Weisen: „Stets soll der Mensch den Guten Trieb (Jezer haTov) gegen den Bösen Trieb (Jezer haRa) aufbringen, wie es heißt: ‚Zürnt, doch sündigt nicht.‘“ Rashi erklärt: „Er soll Krieg gegen den Bösen Trieb führen.“

Wenn der Mensch jeden Tag gegen ihn kämpft und sieht, dass er dennoch nicht einmal um Haaresbreite von der Stelle kommt, sondern im Gegenteil immer schlechter wird, beginnt er Bitterkeit zu empfinden. Dies heißt Maror.

Dies entspricht den Worten des heiligen ARI: Zur Zeit der Erlösung stand Israel bereits an den neunundvierzig Toren der Unreinheit; dann offenbarte Sich ihnen der Schöpfer und erlöste sie. In Wahrheit ist schwer zu verstehen: Wie kann man sagen, dass sie vor der Ankunft von Moses und Aaron, die im Auftrag des Schöpfers zum Volk Israel kamen, noch nicht so tief in den Toren der Unreinheit standen, aber gerade nachdem Moses und Aaron gekommen waren und sie all die Zeichen und Wunder in Ägypten gesehen hatten, so tief in die Tore der Unreinheit gerieten?

Die Erklärung lautet: Alles hängt vom Empfinden ab. Denn der Mensch ist aus eigener Kraft nicht fähig, irgendeine wahre Wirklichkeit zu empfinden. Unsere Weisen sagten: „Der Mensch sieht seine eigenen Fehler nicht“, und: „Der Mensch lernt Tora nur an dem Ort, den sein Herz begehrt.“ Daher kann er die Wahrheit nicht so sehen, wie sie ist. Dass er die Wahrheit sehen kann, ist vielmehr Hilfe von oben.

Bevor Moses und Aaron kamen, sahen sie daher die Wahrheit nicht. Nachdem sie jedoch all die Zeichen und Ähnliches gesehen hatten, wurden sie dessen würdig, die Wahrheit so zu sehen, wie sie ist. Sie erkannten also, dass sie sich bereits auf der untersten Ebene der neunundvierzig Tore der Unreinheit befanden. Dann wurden sie der Erlösung würdig: Nachdem sie die Bitterkeit empfunden hatten, konnten sie ein aufrichtiges Gebet über ihren Zustand sprechen. Somit ist auch Maror eine Hilfe des Schöpfers – durch Moses und Aaron sowie durch die Zeichen und Wunder, die der Schöpfer ihnen zeigte.

Dann wurden sie Pessach würdig: Der Schöpfer übersprang die Häuser der Kinder Israels und so weiter. Darin liegt ein Überspringen, das als Überspringen von Stufen bezeichnet wird. Gewöhnlich schreitet jemand, der eine Weisheit erlernt, immer weiter voran. Hier war es umgekehrt: Jedes Mal sanken sie tiefer in die Unreinheit hinab. Erst als sie ihren wahren Zustand sahen, konnten sie den Schöpfer in einem aufrichtigen Gebet bitten; daraufhin half ihnen der Schöpfer.

Dies ist die Bedeutung von Pessach, Mazza und Maror: Sie gehören zusammen; andernfalls kann man der Erlösung nicht würdig werden. Die hebräischen Wörter Gola (Exil) und Geula (Erlösung) bestehen aus denselben Buchstaben; der einzige Unterschied ist das Alef. Das zeigt uns: Erst nachdem der Mensch das Exil empfindet, offenbart sich ihm das Alef, die Eigenschaft des Oberhaupts der Welt.

Damit verstehen wir, was unsere Weisen sagten: „Was ist Maror? Chassa (Lattich). Und warum heißt sie Chassa? Weil der Barmherzige Erbarmen mit uns hatte [möge der Schöpfer Sich unser erbarmen]“, und so weiter. Auf den ersten Blick ist dies schwer in Einklang zu bringen. Denn wir meinen, ein Hinweis darauf, dass der Schöpfer Sich unser erbarmt, müsste in etwas Süßem liegen und nicht in etwas Bitterem. Doch wie oben erklärt: Damit der Mensch Hilfe vom Schöpfer empfangen kann, muss er zunächst die darin liegende Bitterkeit empfinden. Maror kann er aber nicht empfinden, weil „der Mensch seine eigene Schuld nicht sieht“. Nur durch die Hilfe des Schöpfers kann er seinen wahren Zustand sehen. Daher weist Maror darauf hin, dass der Barmherzige Erbarmen mit uns hatte und uns unseren wahren, bitteren Zustand zeigte. Dann können wir der Rettung und der Erlösung würdig werden.

Möge der Schöpfer uns bald die vollkommene Erlösung senden.

Von deinem Freund, der dir und deiner Familie Folgendes wünscht:

Frieden, Gesundheit und viel Freude. Amen.

Baruch Shalom Ashlag

Brief 73

20. Kislew 5726 (14. Dezember 1965536)

Ich möchte deine Frage ein wenig erläutern: Was ist der Schmuck am Punkt des Verlangens? Du hast geschrieben, dass dir dies schwer verständlich ist.

Um den Begriff des Schmucks zu verstehen, müssen wir zunächst verstehen, worauf sich die Worte beziehen, also was ihm Schwierigkeiten bereitet und was er erklären will.

Bekanntlich gibt es für uns in der Welt nur zwei Dinge: den Schöpfer und die Geschöpfe. Der Schöpfer will den Geschöpfen Genüsse geben, wie geschrieben steht: „Sein Wille ist es, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun.“ Aus dieser Unterscheidung ging die erste Welt hervor, die Welt Ejn Sof (Unendlichkeit) genannt wird. Da Sein Wille darin besteht, Gutes zu tun, erschuf Er als Jesh mi Ajn (Existenz aus dem Nichts) das Verlangen, den Genuss zu empfangen, den Er geben wollte. Dieses Verlangen war gewiss genau so groß, dass es das ganze Licht empfangen konnte. Wäre nämlich das Gefäß (Kli) kleiner als das Licht, wäre das Geschöpf nicht vollkommen hervorgegangen. Doch der Schöpfer erschuf gewiss etwas Vollkommenes: Er erschuf das Verlangen, genau jenes Licht zu empfangen, das Er für die Geschöpfe bestimmt hatte.

Entsprechend diesem Verlangen breitete sich das Licht aus und erfüllte es vollkommen. Dies wird so bezeichnet, dass das Obere Licht die ganze Wirklichkeit erfüllte. Daher heißt es Ejn Sof, denn das Verlangen zu empfangen setzte dem Licht weder Ende noch Abschluss, sondern das Licht breitete sich in das Gefäß des Empfangens aus. Hätte dieser Zustand fortbestanden, hätte es keinen Ort geben können, an dem die Göttlichkeit in der Welt nicht empfunden worden wäre. Selbst wenn ein Mensch in Begierden versunken gewesen wäre und Genüsse nur für sich selbst empfangen hätte, hätte er dennoch die Göttlichkeit empfunden. Erst nachdem die Einschränkung (Zimzum) vorgenommen worden war, nicht mit der Absicht nur für sich selbst zu empfangen, entstand in dieser Welt der Zustand, dass ein Mensch die Göttlichkeit nicht empfindet, wenn er in Begierden versunken ist. Seine Arbeit beginnt deshalb damit, dass er glauben muss, es gebe Göttlichkeit in der Welt. Dies beruht einzig auf der Verhüllung, die durch die Einschränkung entstand.

Wir haben nun gelernt, dass es in der Welt Ejn Sof „in Seinem Willen aufstieg … und Er Sich einschränkte“537. Er erklärt damit538, dass ein Aufstieg des Verlangens stattfand: Weil das Verlangen zu empfangen dem Verlangen zu geben entgegengesetzt ist, wählte es eine noch größere Anhaftung (Dwekut). Anhaftung bedeutet Angleichung der Form. Es wollte dem Gebenden gleichen und schränkte sich deshalb ein. Daraus scheint zu folgen, dass es in Ejn Sof – Gott bewahre – eine Gegensätzlichkeit zwischen dem Gefäß und dem Gebenden gab, sodass es diese korrigieren musste und zu diesem Zweck die Einschränkung vornahm.

Er führt die Pirkej de-Rabbi Elieser an. Dort steht, dass vor der Erschaffung der Welt „Er und Sein Name eins“ waren. Das bedeutet, dass es keinen Unterschied zwischen dem Licht, das „Er“ genannt wird, und „Seinem Namen“, dem Gefäß, gab, dessen Wesen das Verlangen zu empfangen ist. Er erklärt, das Gefäß werde „Sein Name“ genannt, weil Shmo (Sein Name) [שמו] denselben Zahlenwert wie Razon (Verlangen) [רצון] hat539. Daher stellt sich ihm die Frage: Wenn zwischen Gefäß und Licht keinerlei Gegensätzlichkeit bestand, weshalb musste dann eine Korrektur vorgenommen werden, um Angleichung herzustellen, und weshalb wurde dafür die Einschränkung vorgenommen?

Darauf antwortet er, diese Korrektur sei nicht aufgrund eines Mangels vorgenommen worden, weil eine Gegensätzlichkeit empfunden worden wäre, sondern um des Schmucks willen. Den Unterschied zwischen Schmuck und Mangel können wir anhand eines Gleichnisses verstehen. Der Rabbiner einer Stadt, also der Mara de Atra [Herr des Ortes], berief eine Versammlung ein und ließ alle Hausbesitzer und angesehenen Bürger ins Gebetshaus kommen, weil er ihnen etwas mitteilen wollte.

Der Rabbiner bestieg das Podium und hielt eine leidenschaftliche Predigt über die Größe und Bedeutung der Mizwa des Almosengebens. Anschließend erzählte er ihnen, aus dem Ausland sei soeben ein rechtschaffener Mann und Tora-Gelehrter eingetroffen. Er habe viele Kinder; seine Familie bestehe aus acht Personen. Sie hätten nicht einmal Nahrung für eine einzige Mahlzeit und keinen Ort zum Wohnen. Die Familie befinde sich zurzeit im Frauenbereich des Gebetshauses. Deshalb fordere er jeden Einzelnen auf, mehr zu spenden, als er eigentlich vermöge, denn es gehe wahrhaftig um die Rettung von Leben, da sie keine Unterkunft hätten. Dabei weinte der Rabbiner bitterlich.

Es versteht sich von selbst, dass das Volk Israel aus barmherzigen Menschen besteht. Jeder gab mehr, als er eigentlich vermochte, und der Rabbiner sammelte mehrere Tausend Lira für die Familie. Der Grund war, dass jeder den Mangel in dieser Sache empfand; deshalb beteiligte sich jeder daran, den empfundenen Mangel zu beheben.

Im folgenden Jahr versammelte der Rabbiner erneut die angesehenen Bürger der Stadt. Wieder hielt er vor ihnen eine leidenschaftliche Predigt und weinte unter Schluchzen und herzzerreißenden Seufzern. Er machte ihnen die Größe der Mizwa der Barmherzigkeit verständlich: Durch die Barmherzigkeit würden wir aus dem Exil ausziehen und der vollständigen Erlösung würdig werden.

Danach erzählte er ihnen, seine Frau, die Rabbanit (Rabbinerfrau), sei auf der Hochzeit eines reichen Mannes gewesen, der aus den USA gekommen war. Dort habe sie gesehen, dass dessen Frau einen kostbaren Pelz im Wert von 3.000 israelischen Lira und einen Diamantring im Wert von weiteren 3.000 israelischen Lira trug. Nun bitte sie ihn, ihr diese Schmuckstücke für 6.000 israelische Lira ebenfalls zu kaufen. Der Rabbiner weine bitterlich, damit alle Mitleid mit ihm hätten und ihm diese Summe gäben. Er hätte sie nicht darum gebeten, wenn er nicht gesehen hätte, dass sie ihm im Vorjahr 6.000 israelische Lira für den Armen gegeben hatten, damit dieser sich mit seiner Familie eine Lebensgrundlage schaffen könne. Gewiss hätten sie dies getan, weil sie barmherzige Herzen besäßen; daher bitte er sie nun um denselben Betrag für den Schmuck der Rabbanit. Und er weint und ruft: „Barmherzige Juden, Kinder von Barmherzigen!“

Je mehr der Rabbiner weint, desto mehr lachen sie gewiss über ihn und erwidern: „Sollen wir Mitleid mit deiner Frau haben, weil sie sich mit Schmuck schmücken will? Was gibt es hier zu erbarmen? Bei jenem Armen dagegen ging es um das Lebensnotwendige. Das heißt Mangel, und wir alle empfanden diesen Mangel. Deshalb war jeder von uns verpflichtet, ihn zu beheben.“

Aus diesem Gleichnis verstehen wir den Unterschied zwischen Mangel und Schmuck. Von einem Mangel spricht man, wenn jemand nackt und völlig mittellos ist; dann ist Barmherzigkeit angebracht. Wenn dagegen ein Haus mit allem Guten gefüllt ist und nur Schmuck fehlt – ein Luxus, den lediglich Einzelne einer Generation besitzen –, kann man nicht von einem Mangel sprechen, denn man kann auch ohne ihn leben.

So ist es auch hier: Das Licht erfüllte das gesamte Verlangen zu empfangen, sodass kein leerer Ort ohne Fülle blieb. Wie geschrieben steht, erfüllte das Obere Licht die ganze Wirklichkeit, und es gab keinen freien Ort. Dies heißt „Er und Sein Name sind eins“: Es war kein Unterschied zwischen Licht und Gefäß erkennbar. Denn ohne ein Gefäß hätte das Licht keine Wirklichkeit gehabt, in die es sich ausbreiten konnte. Das Verlangen, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, hätte sich also nicht verwirklichen können, wenn es kein Verlangen zu empfangen gegeben hätte. Daher besteht kein Unterschied zwischen Licht und Gefäß; beide haben hinsichtlich des Ziels dieselbe Bedeutung.

Damit stellt sich die Frage, weshalb die Einschränkung stattfand. Die Antwort lautet: Die Einschränkung geschah um des Schmucks willen. Es sollte also eine Form von Schmuck hinzugefügt werden, um die Gabe, wie oben erläutert, zu veredeln. Zwar besitzt es nun alles Gute, weil das Licht das ganze Gefäß erfüllt, dennoch lässt sich ein noch vollkommenerer Zustand schaffen: Das Empfangen der Fülle soll nicht als Empfangen, sondern als Geben gelten. Es soll also empfangen, um zu geben, was als wirkliches Geben angesehen wird.

Daher gilt die Einschränkung als freie Wahl. Es bestand nämlich die Möglichkeit, sie nicht vorzunehmen. Wer hätte es dazu gezwungen? Schließlich wurde ihm gegeben, und es empfing. Wenn es gewollt hätte, hätte es in diesem Zustand bleiben können und alles Gute besessen. Es wählte jedoch, dass es besser sei, sich einzuschränken und nur zu empfangen, um zu geben, denn dadurch würde es dem Ausströmenden in der Form gleichen.

Erst später, nach der Einschränkung, wurde dies zu einem Mangel. Denn es gilt der Grundsatz (Klal): Was beim Oberen ein Verlangen ist, wird beim Unteren zu einem verpflichtenden Gesetz. Deshalb hat der Untere nun keine Wahl mehr; selbst wenn er empfangen will, wird ihm nichts gegeben. So gilt das Verlangen zu empfangen jetzt, nach der Einschränkung, als Mangel, denn in ihm kann nichts mehr empfangen werden, und diese Unterscheidung wird zu einem Ort der Dunkelheit. Erst wenn man beginnt, Handlungen des Gebens auszuführen, beginnt die Angleichung der Form. Man tritt allmählich aus der Herrschaft der Einschränkung heraus und beginnt, die Göttlichkeit in dem Maß zu empfinden, in dem man fähig ist, Handlungen mit der Absicht des Gebens auszuführen.

Wenn du zu diesem Thema weitere Fragen hast, schreibe mir, welche Stellen dir Schwierigkeiten bereiten, und ich werde mich bemühen, sie dir nach besten Kräften zu erklären. Vor allem müssen wir hoffen, dass der Schöpfer uns höheren Verstand gibt und zuteilwerden lässt, damit wir verstehen und Einsicht gewinnen, hören, lernen und uns selbst lehren, hüten, tun und erfüllen können usw.

Brief 74

Mit Gottes Hilfe, 23. Schwat 5726 (13. Februar 1966540)

Frieden und alles Gute für immer meinem Freund, den ich liebe wie meine eigene Seele

Ich sehne mich sehr danach zu hören, wie es dir geht – sowohl gesundheitlich als auch in Bezug auf deinen Lebensunterhalt – und welche Fortschritte deine Kinder beim Lernen machen. Bei mir gibt es keine besonderen Neuigkeiten. Ich will meinen Brief mit Worten der Tora beschließen.

Im Wochenabschnitt steht geschrieben: „Sechs Tage lang sollst du deine Werke tun, aber am siebten Tag sollst du ruhen.“541 Daraus folgt, dass der Schabbat für die Ruhe bestimmt wurde und die Wochentage für die Arbeit. Man muss sich also mit Arbeit befassen, und wer an den Wochentagen nicht arbeitet, erfüllt nicht: „Sechs Tage lang sollst du Arbeit verrichten.“542 Was aber sollen die Tora-Gelehrten tun, deren Tora ihr Beruf ist?

Dies ist im Sinne der ethischen Lehre zu erklären; zugleich müssen wir klären, worin diese ethische Lehre besteht: Was wird von uns verlangt, und was bedeutet es, Tora und Mizwot einzuhalten? Nach der Erklärung meines Vaters und Lehrers, Baal HaSulam, wurden sie uns als besonderes Mittel (Segula) gegeben, durch das wir das Ziel erreichen können, zu dem wir gelangen müssen.

Zunächst müssen wir das Schöpfungsziel verstehen: Wozu sind wir in diese Welt gekommen? Aus den heiligen Büchern ist bekannt, dass das Schöpfungsziel darin besteht, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Nach dem Grundsatz (Klal) will die Kuh mehr säugen, als das Kalb saugen will. Wer also hindert uns daran, das Gute und den Genuss zu empfangen, die der Schöpfer uns geben will? Die Weisen erklärten: damit es kein „Brot der Scham“ (Nehama deKisufa) gibt. Wer von seinem Freund ein Geschenk erhält, schämt sich vor ihm. Damit sich der Mensch beim Empfang des Genusses nicht schämen muss, wurde uns daher die Arbeit in Tora und Mizwot gegeben. Durch die Mühe in Tora und Mizwot werden wir würdig, den Lohn zu empfangen. Sobald wir also geeignete Gefäße (Kelim) besitzen, um den Genuss und die Fülle vom Schöpfer ohne jede Scham zu empfangen, gibt man uns vom Himmel alles Gute und allen Genuss.

Nun verstehen wir die obige Frage. Denn für sechs Tage wurde uns die Arbeit gegeben, die Gefäße vorzubereiten, damit sie für den Empfang des Genusses geeignet sind; dies heißt Mühe. Am Schabbat hingegen ist die Zeit, den Genuss zu empfangen, und nicht die Zeit, die Gefäße zu korrigieren. Deshalb bezeichnet der Schabbat einen Zustand, in dem die Arbeit ruht. Vielmehr werden am Schabbat alle Gefäße gefüllt, die man am Vorabend des Schabbat vorbereitet hat, denn der Schabbat ist „ein Vorgeschmack auf die Kommende Welt“.

Nach dem Gesagten verstehen wir, was es mit der ethischen Lehre auf sich hat, mit der wir uns befassen müssen: Wir müssen begreifen, dass wir die Mühe zu unserem eigenen Wohl brauchen, um das Gute und den Genuss empfangen zu können. Der Schöpfer wird uns helfen.

Von deinem Freund, der dir und deiner Familie

eine Fülle von Segen und Erfolg, viel Freude und Wohlgefallen wünscht

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 75

Am Vorabend des Schawuot-Festes 5726 (24. Mai 1966)

Meinem Freund … Frieden und alles Gute auf ewig.

Ich sehne mich sehr danach zu erfahren, wie es um deinen Lebensunterhalt und dergleichen steht, vor allem aber, wie es um deine Gesundheit bestellt ist.

„Wenn ihr in Meinen Satzungen wandelt und Meine Mizwot bewahrt.“ Rashi erklärt: „Könnte dies die Erfüllung der Mizwot meinen? Wenn es heißt: ‚Und Meine Mizwot bewahrt‘, ist die Erfüllung der Mizwot bereits genannt. Wie ist demnach ‚Wenn ihr in Meinen Satzungen wandelt‘ zu verstehen? Dass ihr euch in der Tora müht. ‚Und Meine Mizwot bewahrt‘ – bemüht euch in der Tora, um zu bewahren und zu erfüllen“, und so weiter.

Wir müssen verstehen: Warum muss man sagen, der Vers „Wenn ihr in Meinen Satzungen wandelt“ lehre uns, uns in der Tora zu mühen? Schließlich kann man „Und Meine Mizwot bewahrt“ nicht erfüllen, ohne die Tora zu studieren, um zu wissen, was zu tun ist. Denn woher sollten wir wissen, welche Mizwot wir erfüllen sollen, wenn wir „in Meinen Satzungen wandelt“ nicht einhalten? Man könnte vielmehr sagen: Wenn der Vers uns gebietet, die Mizwot zu bewahren, müssen wir gewiss zuerst die Tora studieren. Dafür ist kein eigener Schriftvers nötig, denn es ist unmöglich, die Mizwot zu erfüllen, wenn man sie nicht kennt.

Hier geht es jedoch um etwas anderes als das Studium der Tora, durch das wir erfahren, wie die Mizwot zu erfüllen sind. Das heißt: Selbst wenn wir die Mizwot kennen, will der Körper sie nicht erfüllen. So weiß zum Beispiel jeder, dass es eine Mizwa gibt, den Schöpfer zu lieben. Doch nur wenige Auserwählte können die Mizwa der Liebe zum Schöpfer erfüllen, während die ganze Welt unter der Herrschaft der Selbstliebe steht.

Damit wir die Mizwot um des Schöpfers willen erfüllen können, wurde uns die besondere Kraft der Tora gegeben, wie unsere Weisen sagten: „Das Licht in ihr führt ihn zum Guten zurück.“ Dies geschieht gerade durch die Mühe in der Tora. In dem Maß, in dem sich der Mensch in der Tora müht, zieht er das Licht der Tora heran; dadurch erhält er die Kraft, die Mizwot zu erfüllen.

Darauf zielt Rashi mit seiner genauen Auslegung: „Wenn ihr in Meinen Satzungen wandelt – das heißt, dass ihr euch in der Tora müht.“ Dass wir die Tora studieren müssen, um zu wissen, welche Mizwot wir zu erfüllen haben, erfahren wir, wie oben gesagt, aus dem Vers „Und Meine Mizwot bewahrt“. Daher legen wir den Vers „Wenn ihr in Meinen Satzungen wandelt“ so aus, dass er uns lehrt, uns in der Tora zu mühen.

Dazu erklärt Rashi: „Und Meine Mizwot bewahrt – bemüht euch in der Tora, um zu bewahren und zu erfüllen.“ Auf den ersten Blick besteht hier gar kein Zusammenhang. Doch wie oben erklärt, muss man sich in der Tora mühen, damit man bewahren und erfüllen kann. Denn durch die Mühe erwirbt man das Licht in der Tora, und „das Licht in ihr führt ihn zum Guten zurück“. So wird es ihm möglich, zu bewahren und zu erfüllen.

Aus all dem sehen wir, wie groß die Kraft der Mühe ist: Sie kann alles Böse im Menschen in Gutes verwandeln. Beim Studium der Tora sind zwei Aspekte zu unterscheiden: 1. die Gesetze zu studieren, damit wir wissen, was wir tun sollen; 2. die Tora mit Mühe zu studieren, damit wir die Kraft erhalten, zu bewahren und zu erfüllen. Beim zweiten Aspekt ist es nicht mehr wichtig, ob man Gesetze oder einen Teil der Tora studiert, der überhaupt nicht von Gesetzen handelt. Entscheidend ist nur, dass dieser Teil der Tora Raum für Mühe bietet; dann verleiht die Tora dem Menschen das Licht in ihr. Möge der Schöpfer uns helfen, des Lichtes der Tora würdig zu werden.

Ich schließe meinen Brief mit dem Segen der Tora. Möge das Verdienst der Tora uns schützen, möge uns in allem Guten [in allen guten Dingen], im Materiellen wie im Spirituellen, Hilfe zuteilwerden, und mögen wir bald, in unseren Tagen, der vollkommenen Erlösung würdig werden. Amen.

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn von Baal HaSulam

Brief 76

B“H … zum Wochenabschnitt „Und Ich werde Frieden im Land geben“, 5727 (Mai 1967)

An meinen lieben Freund …

Ich sehne mich sehr danach, zu hören, wie es dir geht und wie es deiner Familie im Allgemeinen und im Besonderen geht.

„Wenn ihr in Meinen Satzungen wandelt, Meine Mizwot bewahrt und sie tut.“ Der heilige Sohar fragt: „Da bereits gesagt wurde: ‚wandelt‘ und ‚bewahrt‘, warum heißt es zusätzlich ‚und sie tut‘?“ Er antwortet: „Wer die Mizwot der Tora erfüllt und auf Seinen Wegen wandelt, ist, als hätte er Ihn oben gemacht.“ Der Schöpfer sagte: „Als hätte er Mich gemacht.“ Das ist die Bedeutung von „und sie tut“ – als hättet ihr Mich gemacht. (Bechukotai, Punkt 18, und dort im Sulam-Kommentar.)

Man muss verstehen, was es bedeutet, dass jemand, der auf dem Weg des Schöpfers wandelt, den Schöpfer macht. Wie kann ein Mensch überhaupt auf einen solchen Gedanken kommen?

Bekanntlich ist „die ganze Erde erfüllt von Seiner Herrlichkeit“. Das muss jeder Mensch glauben, wie geschrieben steht: „Den Himmel und die Erde erfülle Ich.“ Doch der Schöpfer schuf die Verhüllung, damit man dies nicht sehen kann und Raum für die Wahl bleibt. Dann gibt es Raum für den Glauben – dafür, zu glauben, dass der Schöpfer „alle Welten erfüllt und alle Welten umgibt“. Nachdem der Mensch sich mit Tora und Mizwot beschäftigt und die Mizwa der Wahl erfüllt hat, offenbart Sich ihm der Schöpfer. Dann sieht er, dass der Schöpfer über die Welt herrscht.

Folglich macht der Mensch dann den König, der über ihn herrschen soll. Das heißt, der Mensch empfindet den Schöpfer als den Herrscher über die ganze Welt. Dies nennt man, dass der Mensch den Schöpfer zum König über sich macht. Solange der Mensch noch nicht zu einer solchen Empfindung gelangt ist, bleibt das Königtum des Schöpfers verhüllt. Deshalb sagen wir: „An jenem Tag wird der Ewige Einer sein und Sein Name eins.“ Das bedeutet, dass sich die Herrlichkeit Seines Königtums über uns offenbaren wird.

Das ist die ganze Korrektur, die wir in dieser Welt vollziehen müssen. Dadurch ziehen wir alles Gute in die Welt herab, denn alle Gaben von oben werden dadurch herabgezogen, dass man sich mit Tora und Mizwot beschäftigt, mit der Absicht, Sein Königtum auf uns herabzuziehen.

Das ist die Bedeutung dessen, dass Moses, unser Lehrer, das Volk richtete, wie im Wochenabschnitt Jitro geschrieben steht: „Das Volk stand von morgens bis abends bei Moses … und ich richte zwischen einem Menschen und seinem Nächsten.“ Im Sinne der ethischen Lehre bedeutet „zwischen einem Menschen und seinem Nächsten“: zwischen dem Guten Trieb und dem Bösen Trieb. Er zeigte ihnen also die Satzungen des Schöpfers, damit sie die Gedanken und Verlangen des Guten Triebs sowie die Gedanken und Verlangen des Bösen Triebs kennen und wissen, was sie klären müssen. Denn es ist für einen Menschen schwierig, allein zu klären, ob der Gute Trieb zu ihm spricht oder ob es die Worte des Bösen Triebs sind.

So verstehen wir, was unsere Weisen über den Vers sagten: „Wer ist der weise Mann, der dies versteht? … Warum ging das Land zugrunde?“ Rav Yehuda sagte im Namen Ravs: „Weil sie über die Tora nicht zuerst einen Segensspruch sprachen.“ Der Ran (Rabbenu Nissim) führt dort im Namen Rabbenu Jona folgende Worte an: „Der Vers ist darin genau [genauer gesagt], dass das Land zugrunde ging, weil sie über die Tora nicht zuerst einen Segensspruch sprachen. Denn wenn [sagen wir] die Worte ‚weil sie Meine Tora verlassen haben‘ wörtlich [in ihrer einfachen Bedeutung] zu verstehen wären, würde dies bedeuten, dass sie die Tora verließen und sich nicht mit ihr beschäftigten. Warum erklärten die Weisen und Propheten dies dann nicht, als man sie fragte? Es war doch offenkundig und leicht zu erklären. Vielmehr beschäftigten sie sich gewiss ständig mit der Tora. Deshalb wunderten sich die Weisen und Propheten: Warum ging das Land zugrunde? Bis der Schöpfer Selbst es erklärte. Er kennt die Tiefen des Herzens: Sie sprachen über die Tora nicht zuerst einen Segensspruch. Das heißt, die Tora war in ihren Augen nicht wichtig genug, dass es angemessen gewesen wäre, einen Segen über sie zu sprechen, denn sie beschäftigten sich nicht liShma mit ihr. Deshalb behandelten sie ihren Segen geringschätzig …“ So weit seine Worte.

Wie oben dargelegt, besteht der Hauptzweck des Tora-Studiums und der Erfüllung der Mizwot darin, die Offenbarung des Lichts Seines Angesichts nach unten herabzuziehen. Das ist die Bedeutung von „das Licht in ihr führt ihn zum Guten zurück“. Dies offenbart sich durch die Wahl und dadurch, dass man sich liShma mit ihr beschäftigt. Dann erfüllt sich, was Rabbi Meir sagte: „Wer die Tora liShma studiert, dem werden die Geheimnisse der Tora offenbart“ … Dies nennt man, dass sich Sein Königtum unten offenbart. Das ist die Bedeutung von „und sie tut“ – als würdet ihr Mich machen.

Möge der Schöpfer uns helfen, würdig zu werden, dies herabzuziehen, und möge sich die Herrlichkeit des Schöpfers bald, in unseren Tagen, über die ganze Erde offenbaren. Amen.

Von deinem Freund, der dir und deiner Familie für immer alles Gute wünscht

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

Brief 77

B“H, Sonntag, Wochenabschnitt Ki Tissa, 16. Adar I 5733 (18. Februar 1973), hier in Bnei Brak

An meinen Freund …

Deinen Brief habe ich zusammen mit 18 usw. erhalten. Was die Gemeinschaft betrifft, so ist bekannt: „Wie im Wasser das Angesicht dem Angesicht entspricht“ usw. Das heißt: Wenn der Mensch seine eigene Niedrigkeit empfindet, dann deshalb, weil er die Größe des Schöpfers empfindet. Denn es ist der Lauf der Welt: Was man einem anderen gibt, fällt sehr gering aus, wenn dieser von geringem Rang ist.

Wenn man daher Spenden sammelt, sucht man gewöhnlich angesehene Menschen von hohem Rang. Denn nach der Bedeutung des Empfängers bemisst sich auch das, was man ihm gibt. Wenn der Mensch dem Schöpfer geben will, kommt deshalb der Böse Trieb (Jezer haRa) und führt ihm den Zustand „Shechina [göttliche Gegenwart] im Staub“ vor Augen. Das bedeutet: Was man gibt, reicht aus; mehr braucht man nicht zu geben.

Bei jemandem hingegen, der für seine Arbeit eine Gegenleistung erhalten will, ist es umgekehrt. Er misst dem Gebenden große Bedeutung bei und sagt sich: „Er ist gewiss gut, tut Gutes und ist barmherzig.“ Alle guten Eigenschaften schreibt er dem Gebenden zu, weil er möchte, dass Er ihm alles Gute schenkt.

Bei all jenen, deren Arbeit auf einer Gegenleistung beruht, spielt es daher keine Rolle, ob diese Gegenleistung materiell oder spirituell ist – ob der Mensch sie sich also als etwas Spirituelles vorstellt. Entscheidend ist nur, dass sie eine Gegenleistung und ein Ersatz für seine Arbeit darstellt. Dann kann er den Gebenden schon mit ein wenig Nachdenken und Anstrengung als bedeutend und kostbar ansehen.

Auf dem Weg meines Vaters und Lehrers hingegen besteht die ganze Grundlage darin, dass der Mensch darum bitten muss, dass all sein Denken und Wollen ausschließlich dem Schöpfer zugutekommt. Dann entsteht sofort das Bild der Niedrigkeit, das „Shechina im Staub“ genannt wird. Deshalb darf man sich von den Abstiegen nicht beirren lassen, denn Groschen für Groschen fügt sich zu einer großen Summe.

Das ist so, wie wir gelernt haben: „Im Spirituellen gibt es keine Abwesenheit.“ Vielmehr zieht sich etwas nur vorübergehend zurück, damit Raum bleibt, in der Arbeit voranzuschreiten. Denn jeder Augenblick, den man für die Heiligkeit klärt, geht bereits in den Bereich der Heiligkeit ein. Der Mensch steigt nur ab, um weitere Funken der Heiligkeit zu klären.

Doch für den Menschen gibt es einen Rat: Er sollte nicht warten, bis man ihn von seiner Stufe herabsetzt, sodass er erst dann, wenn er seine Niedrigkeit spürt, wieder aufsteigt. Dieser Aufstieg gilt als Klärung eines Teils für die Heiligkeit. Vielmehr steigt er von sich aus hinab, hebt andere Funken empor und bringt sie in den Bereich der Heiligkeit.

So sagten unsere Weisen: „Was ich noch nicht verloren habe, suche ich“ (Traktat Schabbat 152). Das heißt: Noch ehe ich meinen gegenwärtigen Zustand verliere, beginne ich zu suchen. Ebenso sagte mein Vater und Lehrer über König David, der sprach: „Ich wecke die Morgenröte.“ Unsere Weisen deuteten: „Ich wecke die Morgenröte; nicht die Morgenröte weckt mich.“

Die eigentliche Wachsamkeit ist daher während des Aufstiegs nötig und nicht während des Abstiegs. Beim Aufstieg muss man die Eigenschaft der Ehrfurcht heranziehen, damit wir, Gott bewahre, nicht nach außen verstoßen werden. Nach alledem aber bleibt uns nichts, als zum König zu schreien und Ihn zu bitten, Sich ein für alle Mal über uns zu erbarmen.

Damit will ich meinen Brief beenden, denn ich bin es nicht gewohnt, Briefe zu schreiben.

Baruch Shalom HaLevi

Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

Brief 78

Rav Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines Vaters und Lehrers, Baal HaSulam

Minister-Mintz-Straße 4 – Bnei Brak

Mit der Hilfe des Schöpfers

Bis heute haben wir uns weder mit der Errichtung von Gebäuden noch mit Dingen befasst, die mit großer öffentlicher Bekanntmachung verbunden sind. Das ist nicht unser Weg. Unser ganzes Bestreben gilt vielmehr der Verbreitung der Tora, der Ehrfurcht vor dem Himmel und der Arbeit für den Schöpfer unter den Menschen aus unserem Kreis, die dies wünschen, insbesondere der Weisheit der Kabbala und der Lehre des Verborgenen für jene, die bescheiden wandeln und dessen würdig sind, wie ich es im Hause meines Vaters und Lehrers empfangen habe.

In dieser Generation aber, in der die Weisheit des Armen verachtet wird, jede Stadt auf ihrem Hügel erbaut ist und die Stadt des Schöpfers bis in die unterste Unterwelt erniedrigt wird, ist die Zeit der Spuren des Messias gekommen, wie den Kennern der verborgenen Weisheit bekannt ist.

Deshalb bin ich diesmal der Bitte der Menschen aus unserem Kreis nachgekommen, die unser Zelt erweitern und ein kleines Heiligtum für Tora und Gebet errichten wollen, das den Namen dieses großen Mannes, meines Vaters und Lehrers, trägt – einen Ort, von dem aus sich seine Quellen nach außen verbreiten und die Weisheit draußen jubeln wird. Jeder, der den Schöpfer auf sich nehmen will, komme und nehme Ihn auf sich – mit besonderer Heiligung und der gebührenden Vorbereitung.

Hiermit wende ich mich an alle unsere Brüder aus dem Hause Israel, in deren Innerem der Geist des Schöpfers schlägt und die über das Exil der göttlichen Gegenwart (Shechina) trauern: Helft den Bauenden und allen, die sich mit dieser großen Sache befassen. Durch dieses Verdienst werden wir der vollständigen Erlösung würdig, wie es im heiligen Sohar heißt: „Dadurch werden die Kinder Israels aus dem Exil ausziehen.“

In Erwartung der Rettung der Allgemeinheit und der Erhöhung des Ansehens der Tora

Euer Freund mit Herz und Seele

korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026


  1. Ki Tawo, Maftir [5. Buch Mose 29,8]. 

  2. „Einleitung in das Buch Sohar, Blatt 242. 

  3. Ki Tawo 1 [5. Buch Mose 26,11]. 

  4. Ki Tawo, Sechster [5. Buch Mose 28,41]. 

  5. Rambam, Acht Kapitel, Kap. 4. 

  6. Jüdisches Datum: 23. Nisan 5715. 

  7. Traktat Chagiga 2,1. 

  8. Schmot 23,17; Dwarim 16,16. 

  9. Traktat Chagiga 4,2. 

  10. Schmot 20,2: „Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten herausgeführt hat, aus dem Sklavenhaus.“ – Erstes Gebot. 

  11. Schmot 20,3: „Du sollst keine anderen Götter haben neben Mir.“ – Zweites Gebot. 

  12. Schmot 23,15; vgl. Dwarim 16,16. 

  13. Dwarim 16,17. 

  14. Traktat Chagiga 4,1. 

  15. Auf der materiellen Ebene ist gemeint, dass manche ihr Gewand mit den Nähten nach außen trugen. 

  16. Traktat Schabbat 114,1. 

  17. Traktat Sota 3,1. 

  18. Sprüche 6,23. 

  19. Vgl. Sohar, Emor, Punkt 185. 

  20. Traktat Rosh HaShana 16,1. 

  21. Vgl. Traktat Sanhedrin 70,2. 

  22. Sprüche 3,18. 

  23. Hebräisches Datum: 18. Tag der Omer-Zählung [wörtlich: Zählung der Söhne Israels], 5715. 

  24. 23. April 1955. 

  25. Maleachi 3,10. 

  26. Kohelet 2,13. 

  27. Sohar, Tasria, Punkt 105. 

  28. Wörtlich: „Weder sie [d. h. die Mizwot] noch ihr Lohn.“ 

  29. Traktat Brachot 61b. Mein ganzes Leben lang bekümmerte mich der Vers „mit deiner ganzen Seele“ – „auch dann, wenn Er dir deine Seele nimmt“. Ich sagte: Wann wird mir dies zuteil, damit ich es erfülle? Und jetzt, da es mir zuteil wurde, sollte ich es nicht erfüllen? 

  30. Hebräisches Datum: 48. Tag der Omer-Zählung, 5715. 

  31. 2. Mose 14,15. 

  32. Sohar, Einführung, Punkt 140. 

  33. Psalm 19,3. 

  34. Klagelieder 3,23. 

  35. Traktat Brachot 3,2. 

  36. 4. Mose 16,30. Wenn aber der Schöpfer etwas Außergewöhnliches schafft und die Erde ihren Mund auftut und sie samt allem, was ihnen gehört, verschlingt und sie lebendig in die Unterwelt hinabfahren, dann werdet ihr erkennen, dass diese Männer den Schöpfer verachtet haben. 

  37. 5. Mose 16,19. 

  38. 2. Mose 5,21. 

  39. Hiob 8,12; wörtlich: „in der Knospe“. 

  40. 3. Mose 26,17. 

  41. Traktat Chullin 100a, Tossafot. Gemeint ist die Regel, dass ein vollständiges Geschöpf selbst im Verhältnis eins zu tausend nicht annulliert wird. 

  42. Vgl. Jalkut Shimoni, WaYishlach, Abschnitt 36. 

  43. Vgl. Psalm 37,6. 

  44. Traktat Schabbat 113a. 

  45. 5. Mose 32,15. 

  46. 1. Mose 30,8. Und Rachel sprach: Gottesringen – Naftulei Elokim – habe ich mit meiner Schwester gerungen und habe obsiegt. 

  47. Das hebräische Wort für „Hähne“, Tarnegolim, wird hier in „teran“ (singen, jubeln) und „golim“ (Verbannte) zerlegt. 

  48. Prediger 2,14. 

  49. Logischer Schluss vom Leichteren auf das Schwerere (a fortiori). 

  50. Im Original steht damim in beiden Bedeutungen: „Blut“ und „Geld“. 

  51. Talmudische Formel dafür, dass aus dem beschriebenen Fall eine Regel abgeleitet werden kann. 

  52. 5. Mose 32,18. 

  53. Sprüche der Väter (Awot) 5,1. 

  54. 4. Mose 5,18. 

  55. 5. Mose 16,19. 

  56. Hebräisches Datum: Vorabend des Schabbat der Woche Ekev, 5715. 

  57. 5. Mose 7,12: „Und es wird geschehen, weil ihr auf diese hört und sie bewahrt und tut, da wird der Ewige, dein Gott, dir den Bund und die Gnade bewahren, die Er deinen Vätern geschworen hat.“ 

  58. Yalkut Shimoni zu den Psalmen, Hinweis 798. 

  59. Psalm 49,6. 

  60. Traktat Awot 2,1. 

  61. Psalm 19,12. 

  62. Midrash Tanchuma, Ekev 1. 

  63. Traktat Kalla Rabbati 8,8. 

  64. Midrash Rabba, Kohelet 7,28. 

  65. Traktat Ketubot 105b. 

  66. Jona 4,3. 

  67. Traktat Kiddushin 30b. 

  68. 1. Mose 32,8: „Da fürchtete sich Jakob sehr, und ihm wurde bange. Und er teilte das Volk, das bei ihm war, sowie die Schafe, die Rinder und die Kamele in zwei Lager.“ 

  69. Traktat Awot 4,17. 

  70. Pessach-Haggada. 

  71. 5. Mose 8,17. 

  72. Hebräisches Datum: 6. Elul 5715. 

  73. Wörtlich: kein Bild, das heißt keine Form, keinen Buchstaben. 

  74. Psalmen 8,4. 

  75. Jeschaja 25,9. 

  76. Traktat Taanit 31a. 

  77. Dwarim (5. Buch Mose) 18,13. 

  78. Psalmen 118,16. 

  79. Segensspruch über Speisen. 

  80. Traktat Sanhedrin 42a. 

  81. Traktat Awot 3,17. 

  82. Die drei Segenssprüche, die im Mussaf-Gebet an Rosh HaShana hinzugefügt werden. 

  83. Siehe Traktat Rosh HaShana 34b. 

  84. Aus dem „Segen der Erinnerungen“ (Birkat Sichronot), der im Mussaf-Gebet an Rosh HaShana hinzugefügt wird. 

  85. Mussaf-Gebet an Rosh HaShana. 

  86. Mussaf-Gebet an Rosh HaShana. 

  87. Siehe Traktat Rosh HaShana 34b. 

  88. Siehe Traktat Rosh HaShana 34b. 

  89. Siehe Traktat Rosh HaShana 34b. 

  90. Jüdisches Datum: 24. Tischri 5716. 

  91. Wajikra (3. Buch Mose) 23,43. 

  92. Traktat Sukka 11b. 

  93. Hebräisches Datum: Tishri 5716. 

  94. Ankläger, Widersacher (Baal Davar) – gemeint ist gewöhnlich der Satan. 

  95. Talmudische Formel, die in Streitfällen dazu auffordert, sich am Brauch des Volkes zu orientieren. 

  96. Traktat Sanhedrin 14a. 

  97. Psalmen 130,1: „Ein Wallfahrtslied. Aus den Tiefen rufe ich zu Dir, Ewiger.“ 

  98. Traktat Berachot 5b. 

  99. Traktat Kidushin 40b. 

  100. Talmudische Formel, auf die eine zweite Antwort oder ein zweiter Beweis folgt. 

  101. Traktat Brachot 61b. 

  102. Siehe Maimonides, Mishne Tora, Gesetze der Umkehr, 2,1. 

  103. Psalmen 34,15. 

  104. 1. Mose (Bereshit) 26,12. 

  105. 1. Mose (Bereshit) 25,5. 

  106. Midrash Lekach Tow, 1. Mose (Bereshit) 25,5. 

  107. Traktat Sota 8b. 

  108. Traktat Brachot 32b. 

  109. Talmudischer Begriff, der eine Mischung von Verbotenem und Erlaubtem bezeichnet. 

  110. Jesaja 52,7. 

  111. Frage eines Gelehrten aus Antwerpen. 

  112. 1. Buch Mose (Bereschit) 29,17. 

  113. 1. Buch Mose 29,18. 

  114. 1. Buch Mose 29,31. 

  115. 1. Buch Mose 30,1. 

  116. 1. Buch Mose 30,22. 

  117. „Et“ (hebräisch) – Präposition des Akkusativs. 

  118. Bewegung der religiösen Zionisten. 

  119. Orthodoxe Bewegung, die den Vorrang von Tora und Halacha vertritt. 

  120. Jüdisches Datum: 5. Shevat 5716. 

  121. Siehe Traktat Chagiga, 12:1. 

  122. Bereschit 48:16. 

  123. Schmot 23:21, Kommentar des Ramban. 

  124. Schmot 23:21: „Hüte dich vor ihm und höre auf seine Stimme, widersetze dich ihm nicht, denn er wird eure Vergehen nicht vergeben; denn Mein Name ist in ihm.“ 

  125. Dvarim 12:9. 

  126. Schmot 23:20. 

  127. Tikkunei Sohar 121:2. 

  128. Yechezkel 1:14. 

  129. Bereschit 24:2. 

  130. Jüdisches Datum: Freitag der Woche des Wochenabschnitts Bamidbar 5716. 

  131. Psalmen 51,5. 

  132. Sprüche 12,25. Auslegung im Traktat Yoma 75a. 

  133. Baal HaSulam, Die Bürgschaft, Abs. 20 (Shmot 19,5). 

  134. Psalmen 122,8. 

  135. Traktat Yoma 72b. 

  136. Siehe Midrasch Tanchuma, Naso 16. 

  137. Psalmen 85,9. 

  138. Traktat Schabbat 104a. 

  139. Sohar, Noach, Abs. 63. 

  140. Psalmen 44,11. 

  141. Psalmen 44,12. 

  142. Psalmen 44,13. 

  143. Psalmen 44,14. 

  144. Wayikra Rabba 35,6. 

  145. Hebräisches Datum: am Vorabend von Shavuot 5716. 

  146. Siehe Midrasch Tanchuma, Naso 16. 

  147. Tikuney Zohar 121:2. 

  148. Maleachi 3:6. 

  149. Hebräisches Datum: Vorabend des Schabbat, Wochenabschnitt Chukat, 5716. 

  150. Aus dem Amida-Gebet der Zehn Tage der Umkehr. 

  151. Midrasch Raba, Eicha, Einleitung, Abs. 2. 

  152. Dwarim (5. Buch Mose) 11,12. 

  153. Traktat Rosh haShana 17b. 

  154. Bereschit Raba 59,9. 

  155. Bemidbar (4. Buch Mose) 19,2. 

  156. Bemidbar 19,2, Kommentar Rashi. 

  157. Siehe Bemidbar 19,2, Kommentar Rashi; Bemidbar Raba 19,8. 

  158. Sohar, Einleitung, Abs. 14. 

  159. Shmot (2. Buch Mose) 32,4: „Und er nahm es aus ihren Händen, formte es mit dem Griffel und machte daraus ein gegossenes Kalb; da sagten sie: ‚Dies sind deine Götter, Israel, die dich aus dem Land Ägypten herausgeführt haben.‘“ 

  160. Jüdisches Datum: 3. Aw 5716. 

  161. Nach der Nennung der Stadt steht im Original die traditionelle Formel: „Möge sein Fels [das heißt der Schöpfer] ihn behüten und beleben.“ 

  162. Traktat Sanhedrin 8a. 

  163. Traktat Jewamot 64a. 

  164. Jesaja 29,13. 

  165. Psalmen 102,1. 

  166. Siehe Sohar, Balak, Abschnitte 188–189. 

  167. Bereschit 8,11; Kommentar Rabbenu Bachyas. 

  168. Sprüche 9,1; Kommentar Awraham Ibn Esras. 

  169. Wajikra Raba 1,15. 

  170. Traktat Awot 6,4. 

  171. Jeremia 30,7. 

  172. Traktat Kidduschin 30b. 

  173. Dwarim 4,39. 

  174. Wajikra Raba 1,15. 

  175. Siehe Traktat Pessachim 113a. 

  176. Traktat Pessachim 112a. 

  177. Traktat Taanit 4a. 

  178. Traktat Chulin 7b. 

  179. Schmot 34,3: „Und niemand soll mit dir hinaufsteigen, und niemand soll auf dem ganzen Berg gesehen werden; auch Kleinvieh und Rinder sollen nicht gegen diesen Berg hin weiden.“ 

  180. Jesaja 59,4. 

  181. Traktat Makot 10a. 

  182. Nach dem gregorianischen Kalender: 7. Juli 1956. 

  183. Traktat Awot 6,4. 

  184. Traktat Awot 6,1. 

  185. Gebet, das unmittelbar nach dem Erwachen gesprochen wird. 

  186. Traktat Ketubot 16a. 

  187. Traktat Kidushin 30b. 

  188. Traktat Schabbat 104a. 

  189. Sohar, Noach, Punkt 63. 

  190. Siehe Traktat Kidushin 40b. Rabbi Elazar, Sohn des Rabbi Shimon, sagt: Weil die Welt nach der Mehrheit gerichtet wird und der Mensch nach der Mehrheit gerichtet wird, ist der glücklich zu preisen, der eine Mizwa erfüllt hat, denn er hat sich selbst und die ganze Welt auf die Waagschale des Verdienstes geneigt. 

  191. BeReshit Raba 59,9. 

  192. Bemidbar (4. Buch Mose) 21,19. 

  193. Jüdisches Datum: Elul 5716. 

  194. Psalmen 113,7. 

  195. Siehe Traktat Yoma 75a. 

  196. Der Vorbeter in der Synagoge (Schaliach Zibur) betet an einem Pult, das „Amud“ (Säule) genannt wird. 

  197. Siehe Traktat Megilla 24a. 

  198. Jerusalemer Talmud, Traktat Pea 3,1. 

  199. Wörtlich „Bedeckung“ [des Mondes]. 

  200. Psalmen 81,4. 

  201. Jüdisches Datum: 3. Tewet 5717. 

  202. Nach der Nennung der Stadt steht im Original die traditionelle Formel: „Möge der Schöpfer sie beschützen.“ 

  203. Gera – eine alte kleine Münze. 

  204. Sifrei zu Bemidbar 30,2. 

  205. Hebräisches Datum: Dienstag der Woche des Wochenabschnitts Shemot, 5717. 

  206. Siehe Traktat Ta’anit 5b. 

  207. Jeremia 30,10. 

  208. Siehe Traktat Ta’anit 5b, Kommentar Rashis. 

  209. Rav Shmuel Elieser Eidels, 16.–17. Jahrhundert. Gesetzeslehrer und Talmudkommentator. 

  210. 1. Mose 50,16–17. 

  211. 1. Mose 47,29. 

  212. 1. Mose 48,22. 

  213. 1. Mose 47,30. 

  214. Micha 7,20. 

  215. Daniel 8,12. 

  216. Gemeint sind zehn Weise, die im 2. Jahrhundert n. Chr. von den Römern hingerichtet wurden. 

  217. Siehe Traktat Sanhedrin 97a. 

  218. Traktat Kiddushin 30b. 

  219. 2. Mose 15,3. 

  220. Hebräisches Datum: 29. Tewet 5717. 

  221. Traktat Kidushin 82:2. 

  222. Siehe 5. Buch Mose (Dewarim) 32,47. 

  223. Aus dem „Lied der Herrlichkeit“ (Schir haKawod), einem mittelalterlichen Hymnus, der am Schabbat gesprochen wird. 

  224. Traktat Sanhedrin 90:1. 

  225. Siehe Traktat Chagiga 12:1. 

  226. Aus dem 16. Segensspruch des Gebets der „18 Segenssprüche“. 

  227. Traktat Schabbat 104:1. 

  228. Siehe Psalmen 88,6. 

  229. Traktat Schabbat 13:2. 

  230. Die Worte „wie eine Nadel“ (ke-machat) lassen sich auch lesen als „wie eine Sünde“ (kmo-chet). 

  231. Siehe Prediger (Kohelet) 9,10. 

  232. Psalmen 85,9. 

  233. 2. Buch Mose (Schemot) 10,1. 

  234. 1. Buch Mose (Bereschit) 8,21. 

  235. Die Buchstaben „Mi“ und „Ele“ verbinden sich zum Namen „Elokim“. 

  236. Traktat Awot 2:5. 

  237. Siehe Traktat Pessachim 49:2. 

  238. Jeremia 30,10. 

  239. Hebräisches Datum: 15. Shevat 5717. 

  240. Siehe Traktat Rosh haShana 14a. 

  241. Traktat Brachot 43b. 

  242. Aus dem Gebet „Unetane Tokef“, das an Rosh haShana und Yom Kippur gelesen wird. 

  243. Tanchuma (Buber), Mishpatim 4. 

  244. Ijob 33,23. 

  245. Ijob 33,33. 

  246. Hohelied 8,6. 

  247. Traktat Rosh haShana 14a, Kommentar Rashi. 

  248. Traktat Brachot 43b. 

  249. Dwarim 20,19. 

  250. Sohar, Mishpatim, Punkt 166. 

  251. Psalmen 1,3. 

  252. Aus dem „Lied der Herrlichkeit“ (Shir haKawod), das an Yom Kippur, in manchen Gemeinden auch am Schabbat und an Feiertagen gelesen wird. 

  253. Micha 6,8. 

  254. Im Original קן (Ken) = 150. 

  255. Psalmen 1,3. 

  256. Yeshayahu 53,7. 

  257. Dwarim 4,4. 

  258. Siehe Traktat Bawa Batra 16a: [Der Satan] steigt hinab und verleitet [den Menschen], steigt hinauf und erregt den Zorn [des Schöpfers gegen diesen Menschen]. 

  259. Hohelied 5,2. 

  260. Yirmiyahu 3,14. 

  261. Traktat Brachot 17b. 

  262. Psalmen 88,6. 

  263. Kohelet 7,2. 

  264. Bemidbar 24,21. 

  265. Traktat Sanhedrin 106a. 

  266. Shemot 1,10. 

  267. Bemidbar 24,21, Kommentar Rashi. 

  268. Traktat Shwuot 25b, Ketubot 104a u. a. 

  269. BeReshit 32,25. 

  270. Traktat Awot 1,4: Dein Haus sei ein Versammlungshaus für die Weisen; wälze dich im Staub ihrer Füße und trinke ihre Worte mit Durst. 

  271. Bemidbar 13,31: Wir können nicht gegen dieses Volk hinaufziehen. 

  272. Psalmen 34,19. 

  273. Psalmen 138,6. 

  274. Shemot 16,20. 

  275. Shemot 16,4. 

  276. BeReshit 13,7. 

  277. Psalmen 22,7. 

  278. Shemot 16,20. 

  279. Dwarim 33,12. 

  280. Shemot 1,16. 

  281. Shemot 1,16. 

  282. Yeshayahu 29,13. 

  283. Traktat Awot 3,17. 

  284. Traktat Brachot 43b. 

  285. Psalmen 45,2. 

  286. Traktat Taanit 24b. 

  287. Traktat Brachot 43b. 

  288. Hebräisches Datum: 5717. 

  289. Ester 3,1. 

  290. Ester 7,4. 

  291. Ester 7,5. 

  292. Ester 3,11. 

  293. Ester 1,8. 

  294. Traktat Megilla 12:1. 

  295. Ester 4,1. 

  296. Ester 3,15. 

  297. Ester 8,8. 

  298. Traktat Megilla 7:2. 

  299. Ester 1,8. 

  300. Siehe Traktat Megilla 12:1. 

  301. Shmot (2. Mose) 3,6. 

  302. Traktat Brachot 7:1. 

  303. Bemidbar (4. Mose) 12,8. 

  304. Psalmen 89,20. 

  305. Siehe Traktat Megilla 12:1. Die Schüler des Rabbi Shimon bar Yochai fragten: „Weshalb wurden die Feinde Israels jener Generation zur Vernichtung verurteilt?“ – „Feinde Israels“ ist ein Euphemismus, der Israel selbst bezeichnet. 

  306. Ester 2,21. 

  307. Ester 2,22. 

  308. Ester 2,23. 

  309. Ester 3,1. 

  310. Ester 3,3. 

  311. Ester 3,4. 

  312. Ester 5,13. 

  313. Wayikra (3. Mose) 16,8. 

  314. Yirmiya (Jeremia) 13,7. 

  315. Ester 3,7. 

  316. Ester 3,14. 

  317. Ester 3,12. 

  318. Ester 8,13. 

  319. Siehe Traktat Megilla 15:1, Traktat Schabbat 88:1. 

  320. Ester 9,27. 

  321. Traktat Megilla 7:2. 

  322. Ester 4,11. 

  323. Ester 4,14. 

  324. Sohar, Pinchas 35/4. 

  325. Ester 4,16. 

  326. Hebräisches Datum: 11. Nissan 5717. 

  327. Levitikus (3. Buch Mose) 10,3. 

  328. Psalm 37,7. 

  329. Richter 5,31. 

  330. Traktat Gittin 36b, Kommentar Rashi. 

  331. Traktat Gittin 36b. 

  332. Jesaja 49,3. 

  333. Psalm 89,52. 

  334. Wörtlich: „auf dem Horn der Gazelle“ – nach einer Wendung aus Traktat Ketubot 107b. 

  335. Traktat Bava Batra 131a. 

  336. Psalm 68,32. 

  337. Traktat Avot 6,4. 

  338. Traktat Schabbat 152a. 

  339. Traktat Megilla 13a. 

  340. Numeri (4. Buch Mose) 12,14. 

  341. 2. Mai 1957. 

  342. Hebräisches Datum: Isru Chag von Pessach 5717. 

  343. Kohelet 2,2: „Das Lachen nannte ich Wahnsinn, und über die Freude sagte ich: Was bringt sie?“ 

  344. Dwarim 28,47: „Dafür, dass du dem Schöpfer, deinem Allmächtigen, nicht mit Freude und frohem Herzen gedient hast, als du Überfluss an allem hattest.“ 

  345. Psalmen 27,4. 

  346. Siehe Sohar, Truma, Punkt 73. 

  347. Jüdisches Datum: Vorabend von Rosh HaShana 5718 (14. September 1957). 

  348. Aus der Amida für Rosh HaShana und Yom Kippur. 

  349. Dewarim (5. Mose) 29,9. 

  350. Yeshaya (Jesaja) 60,19. 

  351. Dewarim (5. Mose) 4,4. 

  352. Yirmiya (Jeremia) 50,4. 

  353. Midrash Tanchuma, Nizawim, Kap. 1. 

  354. Buchstabenentsprechung des Jahres 5718. 

  355. Bereshit (1. Mose) 4,25. 

  356. Traktat Kidushin 40b. 

  357. Aus dem Sündenbekenntnis (Widui) zu Yom Kippur. 

  358. Traktat Sukka 52a. 

  359. Bava Batra 16a, Kommentar Rashi. 

  360. Einer der Grundsätze talmudischer Schlussfolgerung. 

  361. Aus der Amida. 

  362. Traktat Yewamot 64a. 

  363. Dewarim (5. Mose) 15,11. 

  364. Traktat Chagiga 9b. 

  365. Traktat Brachot 9b. 

  366. „… sondern weil er nicht über einen würdigen Menschen geweint und getrauert hat. Denn jedem, der über einen würdigen Menschen weint, werden alle seine Sünden vergeben.“ 

  367. Siehe Traktat Pessachim 54b; Traktat Berachot 58b. 

  368. Jesaja 57,1. 

  369. Traktat Sanhedrin 37a. 

  370. Traktat Chulin 7b. 

  371. Jüdisches Datum: 5718. 

  372. Traktat Schabbat 105b. 

  373. Traktat Schabbat 119b. 

  374. Vgl. Traktat Yoma 72b. 

  375. Traktat Sukka 22a. 

  376. Traktat Sukka 29a. 

  377. Jesaja 55,8. 

  378. Hosea 14,10. 

  379. Psalmen 119,19. 

  380. 3. Mose 24,16. 

  381. Traktat Brachot 58a. 

  382. Jesaja 4,6. 

  383. Jesaja 53,4. Doch unsere Krankheiten hat er getragen, und unsere Schmerzen hat er erlitten; wir aber hielten ihn für geschlagen, von Gott heimgesucht und gepeinigt. 

  384. Traktat Bawa Batra 11a. 

  385. 1. Mose 15,5–6. Und Er führte ihn hinaus und sprach: Blicke doch zum Himmel und zähle die Sterne; kannst du sie zählen? Und Er sprach zu ihm: So wird deine Nachkommenschaft sein. (6) Und er glaubte an den Ewigen, und Er rechnete es ihm als Gerechtigkeit an. 

  386. Traktat Eruwin 13b. Rabbi Aba sagte: Shmuel sagte: „Drei Jahre stritten das Haus Shammai und das Haus Hillel. Die einen sagten: Das Gesetz ist nach unserer Auffassung, und die anderen sagten: Das Gesetz ist nach unserer Auffassung. Da kam eine Stimme von oben herab und sprach: Beide sind Worte des lebendigen Gottes, das Gesetz aber ist nach dem Haus Hillel.“ 

  387. 5. Mose 30,12. Sie ist nicht im Himmel, dass man sagen könnte: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf und holt sie uns herab und lässt sie uns hören, damit wir sie erfüllen? 

  388. Baal HaSulam, Brief 2. 

  389. Vgl. Traktat Awot 1,15; Brachot 35b. 

  390. 5. Mose 33,2. 

  391. BeReshit Raba 59,9. 

  392. Vgl. 3. Mose 21,17–18. 

  393. 2. Chronik 15,3. 

  394. Vgl. Traktat Awoda Sara 17b. 

  395. Traktat Awot 2,2. 

  396. Traktat Awot 4,10. 

  397. Hebräisches Datum: Vorabend des Schabbat, Wochenabschnitt Noach, Neumondstag des Monats Marcheschwan 5718. 

  398. Micha 6,8. 

  399. Traktat Awot 1,6. 

  400. Bereshit 1,27. 

  401. Bereschit 1,27. 

  402. Traktat Yevamot, 61:1. 

  403. Hebräisches Datum: Purim 5718. 

  404. Gera – ein altes Gewichts- und Zahlungsmaß; 1 Gera entsprach 1/20 Schekel. 

  405. Sohar, Ki Tissa, Punkt 4. 

  406. Siehe Traktat Kiddushin 40b. 

  407. Traktat Sukka 52a. 

  408. 2. Buch Mose 10,1. 

  409. 2. Buch Mose 9,27. 

  410. Traktat Sukka 52a. 

  411. Hebräisches Datum: 31. Tag der Omerzählung, 5718. 

  412. Traktat Awot 1:6. 

  413. Traktat Nasir 23:2. 

  414. Bereschit Rabba 55:8. 

  415. Bereschit Rabba 59:9. 

  416. Bereschit 2:3. 

  417. Dwarim 6:5: „Und du sollst den Schöpfer, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen.“ 

  418. Traktat Brachot 61:2. 

  419. Dwarim 6:5, Kommentar Raschi. 

  420. Traktat Brachot 54:1. 

  421. Siehe Shmot 19:2, Kommentar von Rashi. 

  422. Traktat Brachot 58:1. 

  423. Choshen Mishpat 13:3. 

  424. Bemidbar 19:14. Dies ist die Lehre: Wenn ein Mensch in einem Zelt stirbt, so ist jeder, der in das Zelt kommt, und alles, was im Zelt ist, sieben Tage lang unrein. 

  425. Traktat Brachot 63:2. 

  426. Siehe Traktat Chagiga 13:1 und Traktat Sanhedrin 59:1. 

  427. Psalmen 147:20. 

  428. Hebräisches Datum: 4. Tag von Chanukka 5719. 

  429. In aschkenasischer Aussprache klingt Petila ähnlich wie Pesula

  430. Traktat Awot 5,23. 

  431. Traktat Schabbat 21b. 

  432. 4. Mose 13,18–19. 

  433. Die dreizehn Glaubensgrundsätze des Rambam, Grundsatz 1. 

  434. Aus dem Chanukka-Hymnus. 

  435. BeReshit Rabba 8,6. 

  436. Yaarot Dvash („Honigwaben“) – Werk von Rabbi Jonatan Eibeschütz (1690–1764), einem bedeutenden Rabbiner, Talmudisten, Prediger und Kabbalisten des 18. Jahrhunderts. 

  437. Sohar, Emor, Abs. 91. 

  438. Joel 2,15. 

  439. Rabbi Samson Raphael Hirsch (1808–1888) – deutscher Rabbiner, Tora-Kommentator und einer der Führer des orthodoxen Judentums im 19. Jahrhundert. 

  440. Hohelied 8,7. 

  441. Hebräisches Datum: 4. Tag von Chanukka 5719. 

  442. Aus dem Abendgebet „Arawit“ am Schabbat. Im Gebet ist von den Worten der Tora und den Geboten des Schöpfers die Rede. 

  443. Aus dem Chanukka-Lied. 

  444. Siftei Chachamim „Lippen der Weisen“ – eine klassische Auslegung zu Raschis Kommentar zur Tora und zu den fünf Schriftrollen (Megillot), verfasst im 17.–18. Jahrhundert. 

  445. Traktat Awot 4,2. 

  446. Jüdisches Datum: 16. Shevat 5719. 

  447. Traktat Rosh haShana, 14:1. 

  448. Traktat Rosh haShana, 14:1, Kommentar Rashi. 

  449. Traktat Brachot, 43:2. 

  450. Tanchuma Buber, Mishpatim, 4. 

  451. Siehe Traktat Rosh haShana, 14:1, Kommentar Rashi. 

  452. Dwarim, 20:19. 

  453. Hohelied, 8:6. 

  454. Traktat Brachot, 43:2. 

  455. Psalmen, 45:2. 

  456. Traktat Brachot, 43:2. 

  457. Traktat Taanit, 24:2. 

  458. Traktat Brachot, 43:2. 

  459. Aus der Pessach-Haggada. 

  460. Vgl. Traktat Taanit 10a. 

  461. Deuteronomium 4,6–7. 

  462. Kohelet Rabba 1,34. 

  463. Shir haShirim Rabba 5,2. 

  464. Jesaja 5,16. 

  465. Devarim Rabba 5,7. 

  466. Sprüche der Väter (Awot), Kapitel 1, Mishna 3. 

  467. Sohar, Einführung, Punkt 191. 

  468. Sohar, Pinchas, Punkt 226. 

  469. Hebräisches Datum: 21. Kislew 5720. 

  470. 1. Mose 32,8. 

  471. 1. Mose 28,15. 

  472. 1. Mose 32,12. 

  473. 1. Mose 32,7. 

  474. Traktat Yevamot 64a. 

  475. Sprüche 23,23. 

  476. Sprüche 28,14. 

  477. Hebräisches Datum: Montag der Woche des Wochenabschnitts Re’eh, 5722. 

  478. Hebräisches Datum: 24. Siwan 5722. 

  479. Schmot 20:2. 

  480. Schmot 20:11. 

  481. Traktat Kidushin 31:1. 

  482. Ein Hohlmaß für Schüttgut. 

  483. Schmot 16:16. 

  484. Schmot 16:16, Kommentar Rashi. 

  485. Schmot 16:23. 

  486. Schmot 3:12. 

  487. Dwarim 6:7. 

  488. Traktat Joma 19:2. 

  489. Traktat Tamid 32:1. 

  490. Siehe Sprüche 2:3. 

  491. BeReshit 4:1. 

  492. Dwarim 4:39. 

  493. Traktat Awot 6:1. 

  494. Psalmen 19:9. 

  495. Dwarim 6:5. 

  496. Sohar, BeReshit 1, Punkt 212. 

  497. Segol – ein diakritisches Zeichen in Form von drei Punkten. Taamim – Betonungszeichen (Kantillationszeichen). Nekudot – Vokalzeichen, Zeichen zur Bezeichnung der Vokale. 

  498. Siehe Traktat Kidushin 31:1. 

  499. Jerusalemer Talmud, Traktat Pea 3:1. 

  500. Traktat Schabbat 21b. 

  501. Traktat Sanhedrin 7b. 

  502. Aus dem Gebet „Für die Wunder“, das an Chanukka gesprochen wird. 

  503. Aus dem Chanukka-Hymnus. 

  504. Traktat Kidushin 30b. 

  505. Traktat Schabbat 21b. 

  506. Aus dem Gebet, das nach dem Entzünden der Chanukka-Kerzen gesprochen wird. 

  507. Ester 9,22. 

  508. Hebräisches Datum: 4. Adar 5724. 

  509. Sprüche 26,4. 

  510. Sprüche 26,5. 

  511. Traktat Schabbat 30b. 

  512. 2. Mose 33,13. 

  513. Traktat Berachot 7a. 

  514. Jesaja 55,8. 

  515. Traktat Kidushin 30b; Traktat Sukka 52b. 

  516. Traktat Awot 6,1. 

  517. Hiob 35,7. 

  518. 4. Mose 21,19. 

  519. 1. Mose 15,6. 

  520. Traktat Berachot 58a. 

  521. Sprüche 12,9. 

  522. 1. Mose 27,29. 

  523. 1. Mose 33,9. 

  524. 1. Mose 31,43. 

  525. Ebenda. 

  526. Der Name „Esau“ und das Wort für „getan“ (assuj) werden im Hebräischen fast gleich geschrieben. 

  527. 1. Mose 33,9. 

  528. Hebräisches Datum: 19. Shevat 5725. 

  529. Sohar, Jitro, Punkt 161. 

  530. 2. Buch Mose 19,3. 

  531. 2. Buch Mose 19,3. 

  532. Traktat Bava Mezia, 2:1. Zwei halten einen Gebetsschal (Tallit) fest; der eine sagt: „Ich habe ihn gefunden“, und der andere sagt: „Ich habe ihn gefunden“. Der eine sagt: „Er gehört ganz mir“, und der andere sagt: „Er gehört ganz mir“. 

  533. Jerusalemer Talmud, Traktat Pea, 3:1. 

  534. 2. Buch Mose 19,3, Kommentar Rashi. 

  535. 4. Buch Mose 11,15, Kommentar Rashi. 

  536. Jüdisches Datum: 20. Kislew 5726. 

  537. Siehe ARI, Ez Chaim, Sha'ar HaKlalim [Tor der Grundsätze], Kap. 1. 

  538. Baal HaSulam, Talmud Esser HaSefirot, Teil 1, Kap. 1, Punkte 2–3. 

  539. Zahlenwert 346. 

  540. Jüdisches Datum: 23. Shevat 5726. 

  541. 2. Buch Mose 23,12. 

  542. 2. Buch Mose 35,2.