1990/14 Was ist “wahrhaftige Gnade” in der Arbeit?
Zu dem Vers, in dem Jakob zu Josef sagt: „Erweise mir Gnade und Treue“, erklärt Raschi: Gnade, die man an den Toten erweist, ist wahrhaftige Gnade, denn sie erwartet keine Gegenleistung. Das bedeutet, dass Jakob ihn um die Wohltat bat: „Begrabe mich doch nicht in Ägypten“, und bat, dass er dies als wahrhaftige Gnade tue, ohne Lohn. Das gilt es zu verstehen, denn die Vernunft verlangt doch: Hätte er ihm für die Mühe einen Lohn gezahlt, wäre er sicher gewesen, dass jener es ihm tut; so ist es ja in der Welt üblich, dass man, wenn man eine Sache in voller Vollendung ausgeführt haben will, einen höheren Lohn zahlt. Warum also wählte er den anderen Weg, dass jener die Arbeit ganz ohne Lohn verrichte?
Noch schwerer zu verstehen sind Raschis Worte zu dem Vers: „Und ich gebe dir einen Anteil mehr als deinen Brüdern“ (Wochenabschnitt WaJechi, dritter Abschnitt). Raschi erklärt „Und ich gebe dir“: Weil du dich mühst, dich um mein Begräbnis zu kümmern; „einen Anteil mehr als deinen Brüdern“ – שכם im wörtlichen Sinn die Schulter, gemeint aber ein Anteil mehr als deine Brüder. Das aber steht im Widerspruch zur wahrhaftigen Gnade, die ja ohne jeden Lohn sein soll. Hier nun gibt er ihm einen Lohn, nämlich „einen Anteil“, also einen Teil mehr als seine Brüder.
Das alles lässt sich auf dem Weg der Arbeit auslegen, denn Jakob deutete Josef die Ordnung der Arbeit an. Wir sehen ja, dass die Ordnung der Arbeit, die uns in Tora und Mizwot gegeben ist, auf den ersten Blick ebenfalls widersprüchlich erscheint. Denn einerseits sehen wir, dass die Weisen sagten, der Grund für die Erschaffung der Welt ist Sein Wunsch, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, das heißt, dass die Geschöpfe von Ihm Gutes und Genuss empfangen. Denn der Schöpfer ist von äußerster Vollkommenheit, und alles, was Er an der Schöpfung schuf, schuf Er, um den Geschöpfen alles Gute zu geben. So steht geschrieben (Midrasch Rabba, 1. Mose): „Der Schöpfer antwortete den Engeln, als Er den Menschen erschaffen wollte, und sagte, dies gleiche einem König, der einen Turm voller Güter hat, aber keine Gäste – welchen Genuss hat er davon?“ Es zeigt sich also: Alles, was Er schuf, schuf Er nur, damit die Geschöpfe Gutes und Genuss empfangen und Seine Vorsehung spüren, die eine Vorsehung des Guten und des Genusses ist.
Andererseits sehen wir etwas, das dem Schöpfungsziel geradewegs entgegensteht: Es geschah eine Einschränkung (Zimzum) und Verhüllung, sodass es verboten ist, zum eigenen Nutzen zu empfangen, sondern alles, was man empfängt, soll dem Nutzen des Schöpfers dienen. Daraus geht hervor, dass unsere Arbeit im Wesentlichen darin besteht, dass wir für Ihn arbeiten. So steht geschrieben: „Gepriesen sei Er, unser Gott, der uns zu Seiner Ehre erschaffen hat.“ Das heißt, die ganze Schöpfung dient nur Seiner Ehre und nicht den Geschöpfen. Und deshalb gab Er uns 613 Mizwot, die wir halten sollen.
Und so sagten die Weisen: „Ich habe den bösen Trieb erschaffen, Ich habe die Tora als Gewürz erschaffen“, sprach der Schöpfer. Das heißt: Der Mensch kann nicht zum Nutzen des Schöpfers arbeiten, weil der böse Trieb (Jezer haRa) ihn stört. Darum gab uns der Schöpfer 613 Mizwot, die in der Sprache des Heiligen Sohar „613 Ejtin“ (das heißt Ratschläge) genannt werden und durch die wir zum Nutzen des Schöpfers arbeiten können. So scheint dies auf den ersten Blick dem Schöpfungsziel geradewegs entgegenzustehen, das ja darin besteht, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun.
Die Sache verhält sich so: Wir müssen glauben, was der heilige ARI sagt, und dies sind seine Worte: „Und als es in Seinem einfachen Willen aufstieg, die Welten zu erschaffen und die Emanationen zu emanieren, um die Vollkommenheit Seiner Werke ans Licht zu bringen.“ Im Or Pnimi zum „Talmud Esser haSefirot“ erklärt er gleich zu Beginn, dass „die Vollkommenheit Seiner Werke“ bedeutet: Das Gute und der Genuss, die nach Seinem Gedanken den Geschöpfen gegeben werden sollen, sollen vollkommen in ihnen sein, das heißt, dass sie beim Empfang des Guten und des Genusses keinerlei Scham empfinden. Das nennt man „die Vollkommenheit Seiner Werke“.
Es zeigt sich: Die Einschränkung, die geschah – dass das Licht nur dann leuchtet, wenn die Geschöpfe alles um des Himmels willen tun, das heißt zum Nutzen des Schöpfers –, bewirkt einen Zustand, in dem sie Gutes und Genuss empfangen, ohne jede Scham. Das ist die Korrektur der Einschränkung: dass man alles um des Himmels willen tun muss und nicht zum eigenen Nutzen. Daraus folgt, dass alles, was wir zum Nutzen des Schöpfers arbeiten müssen, in Wahrheit nur unserem eigenen Nutzen dient, das heißt, dass wir dadurch Gutes und Genuss vollkommen empfangen können, ohne jede Unannehmlichkeit des „Brotes der Scham“ (Nahama deKisufa). Und das nennt man „die Vollkommenheit Seiner Werke ans Licht bringen“, nämlich dass das Werk, mit dem Er Seinen Geschöpfen Gutes tun will, vollkommen sei, wenn die Geschöpfe das Gute und den Genuss empfangen.
Daraus folgt, dass es keinen Widerspruch gibt zwischen dem Schöpfungsziel, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun – das heißt, das Ziel ist, dass es den Geschöpfen gut gehe, und nicht, dass der Schöpfer will, man arbeite für Ihn, sondern alles dient den Geschöpfen und nichts dem Nutzen des Schöpfers, denn Er hat keinen Mangel. Und mehr noch: Er wollte, dass es den Geschöpfen so sehr gut gehe, dass sie sich rundum wohlfühlen und beim Empfang des Guten und des Genusses keine Unannehmlichkeit spüren.
Denn nach der Regel schämt sich jeder, der das Brot der Gnade isst. Der Schöpfer aber wollte sie vor dieser Scham bewahren, und darum schuf Er dafür eine Korrektur, „Einschränkung und Verhüllung“ genannt. Das heißt: Solange sie nicht die Korrektur besitzen, alles um des Himmels willen zu tun, können sie das Gute und den Genuss nicht empfangen, weil diese Verhüllung geschah. Denn wenn sie danach alles zum Nutzen des Schöpfers tun, dann zeigt sich, dass das Gute und der Genuss, die sie empfangen und genießen wollen, nur dem Nutzen des Schöpfers dienen; damit aber sind sie vor der Scham bewahrt, die einer empfindet, der seinen Unterhalt von anderen als unentgeltliches Geschenk erhält.
Aus dem Gesagten ergibt sich, dass es keinen Widerspruch gibt zwischen dem Schöpfungsziel, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun – das heißt, zum Nutzen des Geschöpfs –, und der Korrektur der Schöpfung, derzufolge man alles zum Nutzen des Schöpfers arbeiten muss und nicht zum eigenen Nutzen; denn auch dies dient dem Nutzen der Geschöpfe. Es ist nicht etwa so, dass der Schöpfer braucht, dass man für Ihn arbeite und Ihm irgendetwas gebe, sondern alles dient dem Nutzen der Geschöpfe.
Mit dem Gesagten lässt sich nun erklären, was wir gefragt hatten: Warum sagte Jakob zu Josef, er solle ihm „wahrhaftige Gnade“ erweisen? Gemeint ist damit, dass Jakob die Ordnung der Arbeit darlegte, die vor uns liegt. Er deutete ihm die Ordnung der Korrektur der Schöpfung und die Sache des Schöpfungsziels an, die beide ein und dieselbe Absicht haben, nämlich den Nutzen der Geschöpfe.
Darum begann er, ihm zu sagen, dass man die Arbeit auf dem Weg der „wahrhaftigen Gnade“ beginnen muss, das heißt ohne jede Gegenleistung, sondern alles soll nicht dem eigenen Nutzen dienen, sondern alles dem Nutzen des Schöpfers. So heißt es im Buch „Matan Tora“ (gleich zu Beginn): Auch das, was der Mensch zum Nutzen des Nächsten tut, muss aus dem Grund der Mizwa des Schöpfers geschehen, das heißt, alles, was der Mensch tut, muss dem Nutzen des Schöpfers dienen. Und dadurch ist er bei jeder Handlung, die er tut, an den Schöpfer angehaftet.
Danach deutete er ihm an, dass man deshalb zum Nutzen des Schöpfers arbeiten muss, damit daraus der eigene Nutzen erwachse. Das heißt: Wenn der Mensch wirklich zum Nutzen des Schöpfers arbeitet und nichts zum eigenen Nutzen will, dann gelangt er zu einer Stufe, auf der er dem Schöpfer etwas geben will, woran Er Genuss hat. Und dann sieht er, dass er dem Schöpfer nur auf eine Weise Genuss bereiten kann: indem er das Gute und den Genuss von Ihm annimmt, denn dazu hat Er die Schöpfung erschaffen. Darum will er dem Schöpfer Genuss bereiten. Und je mehr der Mensch sich an der Gabe des Königs erfreut, desto mehr Genuss hat sicherlich der König.
Es ist wie bei jemandem, der seinem Freund ein Geschenk gibt: Auf der Welt ist es so, dass der Freund umso mehr Genuss hat, je mehr der Beschenkte das Geschenk lobt, das er von ihm bekommen hat. Sagt der Beschenkte aber zu ihm: „Das Geschenk, das du mir gegeben hast, brauche ich gar nicht so sehr“, so hat der Freund daran sicher keinen Genuss, im Gegenteil. Je mehr also der Beschenkte das Geschenk als nötig empfindet, desto mehr Genuss hat der Schenkende. Und das drückt sich in dem Maß des Dankes aus, den der Empfänger dem Schenkenden gibt. Darum: Je mehr der Mensch sich bemüht, sich an dem Guten und dem Genuss zu erfreuen, den der Schöpfer ihm gegeben hat, desto mehr Wohlgefallen bereitet er sicher droben, dadurch dass der Untere mehr genießt.
Nachdem nun Josef die Arbeit des Gebens ohne jede Gegenleistung auf sich genommen hatte, muss er das Gute und den Genuss bereits empfangen, für die Arbeit, die er um des Gebens willen verrichtet hat. Darum steht geschrieben, dass Jakob zu ihm sagte: „Und ich gebe dir einen Anteil mehr als deinen Brüdern.“ „Anteil“ meint einen Teil mehr als deine Brüder, wie Raschi erklärt: Weil du dich mühst, dich um mein Begräbnis zu kümmern. Das heißt: Da du es damals auf dich genommen hast, ohne jede Gegenleistung zu arbeiten, ist nun die Zeit gekommen, dass du den Lohn empfängst, nämlich den Anteil an Licht und Fülle, der sich an der Arbeit des Gebens offenbaren soll. Denn die Arbeit des Gebens diente im Wesentlichen nur diesem Zweck: dass man Gutes und Genuss empfangen kann, ohne Scham, so wie jene, die unentgeltliche Geschenke empfangen.
Was nun den Ausdruck „einen Anteil“ betrifft, so lässt er sich auf dem Weg auslegen, den Baal HaSulam zu dem deutete, was bei König Saul geschrieben steht: Er war „von seiner Schulter aufwärts höher als das ganze Volk“ (1. Samuel 9). Im körperlichen Sinn bedeutet das, dass er um einen Kopf höher war als das ganze Volk, das heißt, sein Kopf ragte über das ganze Volk hinaus. Er aber sagte: Im Spirituellen teilen sich die Stufen in Rosh (Kopf) und Guf (Körper). „Körper“ nennt man die Stufe, die noch keine Vollkommenheit besitzt, und „Kopf“ die Stufe, die bereits Vollkommenheit besitzt.
Die Sache der Vollkommenheit lässt sich so auslegen, dass man bereits die Stufe der Korrektur der Schöpfung erlangt hat, die Gefäße des Gebens genannt wird. Das heißt: In den Handlungen der Gefäße des Gebens kann er bereits auf das Geben ausgerichtet sein, und das nennt man, dass er das Licht von Chassadim erlangt hat, das sich in die Gefäße des Gebens kleidet. Ebenso hat er bereits das Schöpfungsziel erlangt, das heißt, er kann bereits die Gefäße des Empfangens um des Gebens willen gebrauchen, und das nennt man, dass er bereits das Licht von Chochma erlangt hat.
Es zeigt sich, dass „von seiner Schulter aufwärts“ bedeutet, dass er bereits die Stufe der Vollkommenheit erlangt hat, die Stufe des Kopfes genannt wird. Auf diesem Weg lässt sich auslegen, was Jakob zu Josef sagte: „Und ich gebe dir einen Anteil mehr als deinen Brüdern“, nämlich, wie oben gesagt: Dadurch, dass er seine Arbeit auf der Stufe der wahrhaftigen Gnade auf sich nahm, das heißt ohne Lohn, erlangte er danach die Vollkommenheit, die Gefäße des Empfangens um des Gebens willen zu gebrauchen. Das heißt, er erlangte zwei Dinge auf einmal:
1) die Korrektur der Schöpfung,
2) das Schöpfungsziel.
Mit dem Gesagten lässt sich nun erklären, was im Lied der Sabbatnacht steht: „Jeder, der den siebten Tag heiligt, dessen Lohn ist sehr groß, nach seinem Tun.“ Das gilt es zu verstehen: Was ist das Neue daran, dass es heißt „dessen Lohn ist sehr groß, nach seinem Tun“? In der körperlichen Welt ist es doch ebenso üblich, dass jeder Arbeiter Lohn empfängt, je nachdem, wie lange er gearbeitet hat. Was also ist das Neue, das uns mitgeteilt werden soll, dass er Lohn nach seinem Tun empfängt? Und schwerer noch ist Folgendes: Man muss doch arbeiten, ohne auf Lohn zu zielen, sondern um des Himmels willen, das heißt zum Nutzen des Schöpfers und nicht zum eigenen Nutzen. Was also bedeutet „dessen Lohn ist sehr groß“?
Vielmehr ist es, wie oben gesagt: Nachdem der Mensch an den sechs Werktagen an der Korrektur der Schöpfung gearbeitet hat – also um des Gebens willen und nicht zum eigenen Nutzen –, zeigt sich, dass er gearbeitet hat, ohne irgendeine Gegenleistung zu empfangen, sondern allein um des Himmels willen. In demselben Maß nun, in dem er gearbeitet hat, ohne Lohn zu empfangen, empfängt er, wenn der Sabbat kommt – der die Stufe „Vorgeschmack der kommenden Welt“ ist und das Endziel von Himmel und Erde –, seinen Lohn. Das heißt, er gebraucht die Gefäße des Empfangens und genießt das Gute und den Genuss, was die Stufe des Schöpfungsziels ist. Denn nun kann er bereits alles um des Gebens willen empfangen.
Es zeigt sich, wie oben gesagt: Wenn er nicht genießt, so gleicht das einem Hausherrn, der einem Gast zu essen gibt und sich gemüht hat, einen Turm voller Güter für den Gast bereitzustellen. Sagt nun der Gast zum Hausherrn: „Ich habe an deinem Mahl keinerlei Genuss gehabt“, welches Wohlgefallen hat der Hausherr daran? Vielmehr: Je mehr der Gast das Mahl genießt, desto mehr Wohlgefallen hat der Hausherr.
Und so sagten die Weisen (Berachot 58), und dies sind ihre Worte: „Ein guter Gast, was sagt er? Wie viele Mühen hat sich der Hausherr meinetwegen gemacht, und alles, was er sich gemüht hat, hat er sich nur meinetwegen gemüht. Ein schlechter Gast aber, was sagt er? Welche Mühe hat sich der Hausherr schon gemacht – er tat es ja nur für seine Frau und seine Kinder.“
Das lässt sich nun auf Fragen der Arbeit auslegen: Was ist ein „guter Gast“ und was ein „schlechter Gast“? Solange der Mensch sein Böses noch nicht korrigiert hat – nämlich das Verlangen, zum eigenen Nutzen zu empfangen – und unter der Herrschaft des Bösen steht, sagt er: Dass der Schöpfer uns gegeben hat, Tora und Mizwot zu erfüllen, geschah, weil Er unsere Arbeit braucht; darum befahl Er uns, Tora und Mizwot zu erfüllen. Und als Gegenleistung dafür wird Er uns Lohn zahlen, das heißt, Er erschuf die Welt nicht, um Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, sondern – so sagen sie – Er erschuf die Welt zu Seinem eigenen Nutzen.
Vielmehr will Er, dass wir für Ihn arbeiten, und als Gegenleistung dafür wird Er uns bezahlen. Da sagt der schlechte Gast bisweilen: Ich will nicht bei Ihm arbeiten, das heißt, Seine Tora und Mizwot erfüllen, und ich verzichte auf den Lohn. Und er sagt: Weder das eine – nämlich die Arbeit an Tora und Mizwot – noch ihren Lohn, den Lohn von Tora und Mizwot. Das heißt: Diese Arbeit, die der Schöpfer uns befohlen hat, ist als Gegenleistung diesen Lohn nicht wert.
Ein „guter Gast“ hingegen ist in der Arbeit der Mensch, der das Böse bereits korrigiert hat und schon Gefäße des Gebens besitzt; danach gelangt er zur Stufe des Schöpfungsziels, das heißt, er empfängt das Gute und den Genuss, weil er das Böse bereits korrigiert hat. Dann sagt er, dass alles, was der Hausherr sich gemüht hat, mir zugute geschieht, und nicht etwa, dass der Schöpfer der Bedürftige wäre und wir für Ihn arbeiten müssten.
Vielmehr ist es zu unserem eigenen Wohl, dass wir für Ihn arbeiten, das heißt, dass wir das Gute und den Genuss empfangen können und beim Empfang des Guten keine Scham empfinden. Anders der „schlechte Gast“, das heißt der Mensch, der noch unter der Herrschaft seines Bösen liegt, der um des Empfangens willen empfängt: Er sagt das genaue Gegenteil, dass der Schöpfer alles für Sich getan hat und nicht zum Nutzen der Geschöpfe.
Mit dem Gesagten lässt sich nun „Gnade und Treue“ auslegen, die zwei Dinge sind:
1) „Gnade“, was bedeutet: alles nicht zum eigenen Nutzen zu tun, sondern alles um des Himmels willen,
2) „und Treue“, denn dann wird man gewürdigt, die Wahrheit zu sehen: dass der Grund für die Erschaffung der Welten samt all den Korrekturen einzig dem Nutzen der Geschöpfe dient, damit sie Gutes und Genuss empfangen. Anders aber, bevor man die Stufe der Gnade erlangt hat, ist die Wahrheit noch nicht offenbar, dass die Erschaffung der Welt aus dem Grund geschah, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun.
korrOp, EY, 8.7.2026, Ver4