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1991/28 Was sind Heiligkeit und Reinheit in der Arbeit?

Der heilige Sohar (Kedoshim, Seite 5, und im Sulam [Leiter-Kommentar], Punkt 13) sagt: „Und die Tora wird ‚heilig‘ genannt, denn es steht geschrieben: ‚Denn heilig bin Ich, der Ewige.‘ Diese Tora ist der heilige obere Name. Darum wird der, der sich mit ihr beschäftigt, gereinigt und danach geheiligt, denn es steht geschrieben: ‚Heilig sollt ihr sein.‘ Es steht nicht geschrieben ‚Heilig wart ihr‘, sondern ‚sollt ihr sein‘ – ihr werdet es gewiss sein. Es ist also ein Versprechen: Durch die Tora werdet ihr heilig sein.“

Hier stellt sich eine Frage. Zuerst sagt er, „ihr werdet durch die Tora heilig sein“, danach aber: „Darum wird der, der sich mit ihr beschäftigt, gereinigt und danach geheiligt.“ Weshalb beginnt er damit, dass man durch die Tora heilig wird, und sagt dann, dass die Tora zuerst zur Reinheit führt und erst danach die Heiligkeit bringt? Ebenso bleibt zu klären, was es mit dem Versprechen auf sich hat, man werde die Heiligkeit gewiss erreichen: Worauf gründet diese Sicherheit?

Bekanntlich besteht das Ziel der Schöpfung darin, dass Sein Verlangen ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Demnach sollen die Geschöpfe das Gute und den Genuss empfangen. Dabei ist zu beachten: Das Gute und der Genuss, die der Schöpfer den Geschöpfen geben will, sind nicht das, was zu den Tieren passt, sondern das, was zum Menschen passt. Denn wir müssen glauben, was der heilige ARI sagt, dass „alle körperlichen Genüsse nur von dem herrühren, was durch das Zerbrechen der Gefäße herabfiel (das in der Welt der Nekudim [wörtlich: Punkte] geschah), wobei von dort heilige Funken in die Klipot (Schalen) herabfielen; doch die eigentlichen Genüsse liegen in der Kedusha (Heiligkeit), und sie werden ‚die heiligen Namen‘ genannt.“

Damit die Geschöpfe das Gute und den Genuss empfangen können, ohne sich dabei zu schämen, wurde eine Korrektur geschaffen: Zimzum (Einschränkung) und Verbergung über dem oberen Licht. Das heißt, bevor der Mensch die Korrektur über das Verlangen zu empfangen erhält, die darin besteht, um des Gebens willen zu wirken, ist keinerlei Offenbarung des oberen Lichtes wahrnehmbar. Bei den Mizwot, die wir einhalten, sollten wir eigentlich den Geschmack des Guten und des Genusses kosten. Aus dem genannten Grund können wir ihn nicht empfinden: Es soll keine Scham entstehen. Deshalb gilt die Korrektur, dass man den Genuss nur empfangen darf, wenn man dabei auf das Geben ausgerichtet ist. Andernfalls ruhen Verborgenheit und Verbergung auf den Handlungen.

Darum müssen wir Tora und Mizwot einhalten: Sie bringen uns zur Reinheit. Reinheit bedeutet, die Gefäße vom Verlangen zu reinigen, für sich selbst zu empfangen; dieses Verlangen heißt „Schmutz“, weil es eine Verschiedenheit der Form vom Schöpfer ist, der ganz und gar gebend ist. Daher kann man, bevor man die Gefäße reinigt, nichts Gutes in sie hineingeben, denn alles, was man in ein schmutziges Gefäß gibt, verdirbt.

Daher brauchen wir gute Ratschläge, Dinge, die uns die Gefäße reinigen, was „Befähigung und Vorbereitung“ genannt wird, damit wir das Gute und den Genuss empfangen können. Dazu wurden uns die 613 Mizwot gegeben, die der heilige Sohar „613 Ratschläge“ nennt: Sie raten uns, wie wir unser Gefäß des Empfangens von seinem Schmutz reinigen.

So schreibt er in der „Einführung in das Buch Sohar“ (Seite 242): „Die Mizwot in der Tora werden in der Sprache des Sohar Pikudin (Hinterlegungen) genannt. Und sie werden allerdings auch ‚613 Ejtin (Ratschläge)‘ genannt. Und der Unterschied zwischen ihnen ist: In jeder Sache gibt es eine Vorder- und eine Rückseite; die Vorbereitung auf die Sache heißt ‚Rückseite‘, und die Erlangung der Sache heißt ‚Vorderseite‘. Und auf diese Weise gibt es in Tora und Mizwot die Ebene ‚wir werden tun‘ und die Ebene ‚wir werden hören‘ und so weiter. Hält man Tora und Mizwot als ‚Ausführende Seines Wortes‘ ein, bevor man zu hören verdient, werden die Mizwot ‚613 Ejtin‘ genannt, und sie sind die Rückseite. Verdient man dann, die Stimme Seines Wortes zu hören, werden die 613 Mizwot zu Pikudin, und das ist von der Sprache ‚Hinterlegung‘.“

Seine Worte sind wie oben zu deuten: Der Mensch soll das Gute und den Genuss empfangen, und zwar in der Anhaftung (Dwekut), die Gleichheit der Form bedeutet. Da er aber mit dem Verlangen erschaffen wurde, für sich selbst zu empfangen, muss er sich vom eigennützigen Empfangen reinigen. Das liegt nicht in seiner Macht, denn es geht gegen die Natur. Daher braucht man Seine Hilfe: Er soll uns die Kraft geben, die „Verlangen zu geben“ heißt. Wie aber erhält man dieses Verlangen? Das geschieht durch die Tora, wie unsere Weisen sagten: „Der Schöpfer sagte: Ich habe den bösen Trieb erschaffen, Ich habe die Tora als Gewürz erschaffen.“

Daraus folgt, dass wir die 613 Mizwot mit der Absicht einhalten, dass Tora und Mizwot uns die Reinheit bringen, was „613 Ratschläge“ genannt wird. Die 613 Ejtin raten in zwei Hinsichten: zum Licht und zum Gefäß, das „Bedürfnis“ heißt. Denn empfangen kann man nur, wofür man ein Bedürfnis hat. Daher muss der Mensch Tora lernen, bis er das Böse empfindet und begreift, dass das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, böse ist. Er muss den Schöpfer bitten, ihm das Bedürfnis nach dem Verlangen zu geben einzupflanzen. Dass er einsieht, er müsse das Verlangen zu geben erlangen, heißt noch nicht „Bedürfnis“. Zuvor muss er wissen, wozu er dieses Verlangen braucht und was er verliert, solange es ihm fehlt. Und wenn er den großen Verlust nicht sieht, der daraus entsteht, dass er dieses Verlangen nicht hat, dann kann er gewiss nicht aus der Tiefe des Herzens erbitten, dass der Schöpfer ihm das Verlangen zu geben gibt.

Und mehr noch: Manchmal will der Mensch nicht, dass der Schöpfer ihm dieses Verlangen gibt. Wie aber kann er um etwas beten, dessen Notwendigkeit ihm zweifelhaft ist? Dass es ihm nicht so notwendig ist, zeigt sich ja daran, dass er dieses Verlangen oftmals gar nicht haben will. Daraus folgt, dass der Mensch zum Schöpfer beten muss, dass Er ihn das Bedürfnis nach diesem Verlangen empfinden lasse, das heißt, dass er sich nach dem Schöpfer sehne, dass Er ihm dieses Verlangen gebe – denn nicht immer versteht er, dass ein Bedürfnis nach diesem Verlangen besteht.

Und damit lässt sich deuten, was wir im Mussaf-Gebet [Zusatzgebet] (zu Rosh HaShana und Jom Kippur) sagen: „Lege in die Münder Deines Volkes, des Hauses Israel, die dastehen, um zu bitten; gewähre ihnen, worum sie bitten.“ Der Schöpfer möge es also den Gesandten Deines Volkes geben. Denn jeder Mensch ist eine Gemeinde für sich und hat seinen eigenen Vorbeter: sich selbst, der für sich zu beten geht. Bekanntlich wird der Mensch eine „kleine Welt“ für sich genannt. Daher muss man zuerst bitten, dass der Schöpfer ihm sende, worum er bitten soll; das heißt, der Mensch muss zuerst bitten, dass er das Bedürfnis nach dem Verlangen zu geben empfinde, und dieses Bedürfnis kann ihm nur der Schöpfer geben.

Demnach beginnt seine Arbeit mit dem Erkennen des Bösen: Der Mensch bittet den Schöpfer, ihn empfinden zu lassen, wie böse das Verlangen zu empfangen ist. Dass das Verlangen zu empfangen „böse“ heißt, kann ihn allein der Schöpfer empfinden lassen. Genau dies meint der Satz, dass der Mensch durch die Tora zum Erkennen des Bösen gelangt. Erst dann kann er bitten, der Schöpfer möge das Verlangen zu empfangen austauschen und ihm stattdessen das Verlangen zu geben schenken.

Anders verhält es sich, wenn der Mensch diesen Mangel nicht empfindet – wenn es ihn also nicht quält, dass er schmutzig und in den Schmutz des Verlangens, für sich selbst zu empfangen, versunken ist. Dann bittet er den Schöpfer, ihm andere Mängel zu erfüllen: solche, unter denen er wirklich leidet und deren Fehlen er spürt. Und er will, dass der Schöpfer alles erfülle, wonach sein Herz begehrt. Zwar spricht der Mensch nicht aus, dass der Schöpfer all seine Wünsche erfüllen möge. Doch wie wir im vorigen Artikel besprochen haben, besteht die Bitte nicht in dem, was der Mund sagt; denn die Bitte des Menschen an den Schöpfer ist nur ein Mangel, und ein Mangel wird im Herzen erkannt und nicht im Mund. Man muss also wissen: Was man vom Schöpfer erbittet, braucht man nicht auszusprechen, denn gezählt wird allein, was das Herz fordert – und eben das heißt „Bitte“. Selbst wenn der Mensch nicht sagt: „Erfülle mir alles, wonach mein Herz verlangt“, gilt bereits die Forderung des Herzens als Bitte.

Daher muss der Mensch wissen, dass der Schöpfer nur das berücksichtigt, was im Herzen des Menschen ist. Da der Mensch nicht ohne Genuss leben kann – Sein Verlangen ist ja, Gutes zu tun –, greift der Körper zu den körperlichen Begierden, sobald der Mensch aus der Heiligkeit keinen Genuss empfangen kann. Und wenn der Mensch gewohnt ist, manchmal Genuss aus Tora und Mizwot zu empfangen, so ergibt sich für die Zeit des Abstiegs Folgendes: Er empfindet den Mangel an Spiritualität nicht – er spürt ihn nicht in dem Maße, dass er daran arbeiten würde, diesen Mangel überhaupt erst zu empfinden, und auch nicht in dem Maße, dass er darunter litte, kein Bedürfnis nach dem Spirituellen zu haben. Stattdessen empfängt er ein umso größeres Bedürfnis nach körperlichen Begierden, das ihm ersetzen soll, was er sonst manchmal als Genuss aus Tora und Mizwot empfing.

Daher muss der Mensch in der Zeit des Abstiegs achtsam sein, sich mit Tora und Mizwot zu beschäftigen, damit das Licht der Tora ihm leuchtet, sodass er sein Fehlen empfindet, das heißt, dass er Qualen davon hat, dass er keine Liebe zum und keine Ehrfurcht vor dem Schöpfer hat. Dieses Leiden im Herzen darüber, dass er von der Heiligkeit entfernt ist, erwächst aus der Beschäftigung mit Tora und Mizwot: Sie lassen ihn die Wahrheit empfinden und erkennen, was ihm fehlt, sodass er zur Vollkommenheit gelangen kann. So empfängt der Mensch den Mangel von oben, durch die Kraft der Tora. Und danach empfängt der Mensch die Füllung, die das Licht ist, das heißt die Kraft des Verlangens zu geben, das eine zweite Natur ist. Und das wird so genannt, dass er die Reinheit empfangen hat, denn durch das Verlangen zu geben, das er empfangen hat, befindet er sich nun auf der Ebene der Reinheit der Gefäße.

Damit lässt sich unsere Frage zu den Worten des heiligen Sohar beantworten: „ihr werdet durch die Tora heilig sein“ und danach sagt: „Darum wird der, der sich mit ihr beschäftigt, gereinigt und danach geheiligt.“ Die Antwort: Die Tora wirkt zweierlei:

1) Sie reinigt, das heißt, sie gibt das Gefäß, also den Mangel.

2) Danach gibt die Tora ihm das Licht.

Es gilt eine Regel: Kündigt man jemandem etwas Gutes an, so nennt man zuerst das Gute selbst und erst danach die Einzelheiten. Zuerst heißt es also: „du wirst der Heiligkeit gewürdigt werden“, dann folgen die Einzelheiten. Sie lauten: Du kannst die Heiligkeit nicht einfach genießen, denn du sollst wissen, dass sie etwas sehr Wichtiges ist. Daher muss dir zuerst die Tora das Gefäß geben, um die Heiligkeit zu empfangen. Und bevor der Mensch das Gefäß hat, kann er die Füllung nicht empfangen. Also gibt die Tora dem Menschen das Licht und auch das Gefäß. Aber vom Gefäß spricht man nicht zu Beginn, sondern vom Licht, und danach spricht man auch vom Gefäß. Daher steht geschrieben: „Heilig sollt ihr sein.“

Und nun können wir verstehen, was wir fragten: Was es mit der Sicherheit von „Heilig sollt ihr sein“ auf sich hat, wo er sagt, „dass ihr gewiss heilig sein werdet“, „dass ihr durch die Tora heilig sein werdet“. Das ist so zu deuten: Sein Verlangen ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun; wegen der Verschiedenheit der Form aber wurde die Korrektur des Zimzum und der Verbergung geschaffen. Deshalb leuchtet das Licht den Unteren nicht, bevor sie Gefäße haben, die zum Empfangen befähigt sind – Gefäße also, in denen die Korrektur des Wirkens um des Gebens willen liegt, die „Reinheit“ heißt. Die Reinheit empfangen sie durch die Tora, wie unsere Weisen sagten: „Ich habe den bösen Trieb erschaffen, Ich habe die Tora als Gewürz erschaffen.“ Die Gefäße lassen sich also durch die Tora reinigen, weil „das Licht in ihr ihn zum Guten zurückführt“.

Haben sie reine Gefäße, so werden sie gewiss des Lichtes gewürdigt, denn das Licht heißt „Heiligkeit“. Und an Lichtern mangelt es nicht, nur an Gefäßen mangelt es. Die Reinheit ist demnach das Gefäß, das heißt die Korrektur des Empfangens um des Gebens willen. Die Arbeit an den Gefäßen bildet eine eigene Ordnung: Die ganze Arbeit des Menschen betrifft allein die Gefäße, damit sie zum Empfangen befähigt werden. Und das ist, wie man sagt: „Mehr als das Kalb saugen will, will die Kuh säugen.“ Das Wesentliche ist also die Reinigung der Gefäße.

Hat der Mensch sich mit der Tora beschäftigt und hat die Tora ihn zur Reinheit gebracht – „Ich habe den bösen Trieb erschaffen, Ich habe die Tora als Gewürz erschaffen“ –, so wird er gewiss der Heiligkeit gewürdigt; denn Heiligkeit heißt „das Licht“, und das sind die Namen des Schöpfers. Eben deshalb sagt er, dass die Tora „heilig“ genannt wird, denn es steht geschrieben: „Denn heilig bin Ich, der Ewige.“ Und dazu sagt er: „Es steht nicht geschrieben ‚wart ihr‘, sondern ‚sollt ihr sein‘ – gewiss; das heißt, es ist ein Versprechen, dass ihr durch die Tora heilig sein werdet.“ Dann wird der Mensch der Vollkommenheit gewürdigt und kann erfüllen: „Und du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen“ – mit deinen beiden Trieben, dem guten und dem bösen, aufgrund der Heiligkeit, die er von oben empfangen hat. Dann ist der ganze Körper der Heiligkeit untergeordnet. So willigt auch der böse Trieb ein, um des Himmels willen zu arbeiten. Damit lässt sich deuten, was unsere Weisen sagten (Berachot 35b): „Zu der Zeit, da Israel den Willen des Schöpfers tut, wird ihr Werk durch andere verrichtet.“

Wie gesagt: Ist der Mensch bereits gewürdigt worden, den Willen des Schöpfers zu tun – will er also geben, so wie der Schöpfer geben will –, dann gilt „ihr Werk“. Er will, dass seine Arbeit vollkommen sei, und das gelingt ihm, weil er mit dem guten Trieb arbeitet. Aber nachdem der Mensch bereits des Verlangens zu geben gewürdigt wurde, wird das Werk des Himmels durch andere verrichtet. Wer aber sind die „anderen“? Es ist der böse Trieb – das Andere gegenüber der Heiligkeit, also die andere Seite, die sich gegen die Heiligkeit stellt. Sobald der Mensch aber für den Willen des Schöpfers arbeitet, der das Verlangen zu geben ist, arbeitet auch der andere, der böse Trieb, am Werk des Schöpfers mit.

Doch bevor der Mensch gewürdigt wird, zu den Menschen zu gehören, die den Willen des Schöpfers tun, kann auch der gute Trieb nicht wirken, weil der böse Trieb über ihn herrscht. Daher heißt der böse Trieb „ein alter und törichter König“. „König“ heißt er, weil er über den Menschen herrscht: Immer wieder schickt er ihm Gedanken und Verlangen jeder Art, die es in der Welt gibt. Daher muss der Mensch, wenn ihm ein guter Gedanke oder ein gutes Verlangen kommt, glauben, dass es ihm von oben kommt, und er muss dem Schöpfer dafür danken; denn mit jedem Dank an den Schöpfer gewinnt das Spirituelle für ihn an Gewicht.

Der Mensch muss wissen, worin das Exil im Spirituellen besteht: Die Heiligkeit hat ihre Wichtigkeit für uns verloren. Das heißt „Shechina [Göttliche Gegenwart] im Staub“. Deshalb muss er dem Schöpfer auch für eine kleine Sache der Heiligkeit danken; auf die Menge kommt es nicht an, denn schon das hilft dem Spirituellen. So lässt sich deuten, was unsere Weisen sagten (Awot [Sprüche der Väter], Kapitel 1,15): „Empfange jeden Menschen mit freundlichem Angesicht.“

Dem Menschen kommen immer wieder Gedanken und Verlangen – tierische ebenso wie solche der Ebene des Menschen, also Gedanken und Verlangen, die nicht zur Ebene des Tieres gehören. Es ist der Weg der Welt, dass er dabei den Nutzen abwägt: Was soll wovor zurücktreten? Das bedeutet: Der Mensch ist fähig, tierische Begierden zurückzustellen, um Begierden zu empfangen, die zur Ebene des Menschen passen. Doch er sagt: Auf tierische Begierden will ich verzichten, aber im Gegenzug eine große und wichtige Ebene des Menschen empfangen. Das heißt: Wenn ich durch den Verzicht auf das Tierische einen Geschmack in der Tora und einen Geschmack im Gebet empfinde, dann lohnt es sich für mich zu verzichten; aber bei einer kleinen Ebene des Menschen – das heißt, dass er keinerlei Geschmack in Tora und Mizwot empfindet, und dafür soll ich auf körperliche Bedürfnisse verzichten, an denen ich mich noch mehr erfreue als am Tierischen – dazu sagt der Mensch, dass es sich für ihn nicht lohnt zu verzichten.

Dazu sagten unsere Weisen: „Empfange jeden Menschen mit freundlichem Angesicht.“ Das heißt: Zu der Zeit, da dem Menschen ein Gedanke und ein Verlangen kommt, ein Mensch zu sein – was so genannt wird, dass „der Mensch jetzt die Ebene des Menschen empfangen hat“ –, soll der Mensch nicht sagen: Ich will zuerst die Größe dieses Menschen sehen, was mir dieser Mensch verspricht. Darauf antwortet der Ausspruch „jeden Menschen“: Man soll nicht zwischen einem großen, wichtigen und einem einfachen Menschen unterscheiden; „jeden“ – um jeden Menschen einzuschließen, ohne Unterschied: Wenn es nur die Ebene des Menschen ist, das heißt, dass der Gedanke und das Verlangen dazugehören, ein Mensch zu sein, muss man ihn bereits mit freundlichem Angesicht empfangen, das heißt, sich mit ihm zu freuen, das heißt mit diesem Gedanken und Verlangen, als ob man ihn als einen großen Menschen empfände, wie oben.

Und er muss dem Schöpfer danken, dass Er ihm dieses Verlangen gesandt hat. Er dankt nicht, weil der Schöpfer den Dank nötig hätte, sondern weil er dabei seine Gedanken auf den Schöpfer richtet und dadurch ein wenig Anhaftung an Ihn gewinnt; denn danken kann man nur dem, den man liebt.

Da es ja üblich ist, dass man dem dankt, der einem eine Wohltat erwiesen hat. Und es liegt in der Natur, dass der, der irgendeine Wohltat empfängt, ihn liebt. Demnach bewirkt es die Liebe zum Schöpfer, wenn der Mensch an den Dank denkt, den er dem Schöpfer gibt. Daher ist die Größe und Wichtigkeit der Ebene des Menschen, die er empfangen hat, nicht wichtig (doch man muss sich erinnern, dass mit der Ebene des Menschen das gemeint ist, was unsere Weisen sagten: „Ihr werdet ‚Mensch‘ genannt und nicht die Völker der Welt“), sondern das „freundliche Angesicht“ drückt sich darin aus, wie viel Freude er beim Empfang der Ebene des Menschen hat. Das bedeutet, dass der Mensch sich anstrengen muss, damit er die Kraft hat, die Wichtigkeit der Sache zu erweitern. Und er muss glauben, dass der Schöpfer ihm dieses Verlangen gesandt hat; daher soll er sich vorstellen, der Schöpfer spräche zu ihm: Mein Sohn, verhalte dich so, wie Ich dir sage.

Doch sobald der Mensch den Gedanken und das Verlangen, die ihm gekommen sind, wichtig nehmen und in die Tat umsetzen will, melden sich die Verlangen und Gedanken der siebzig Völker in seinem Körper und lachen ihn aus: Wegen eines so kleinen Geschmacks, den du empfindest, dass es etwas im Spirituellen gibt, willst du schon die körperlichen Bedürfnisse verraten? Und sie sagen ihm: Willst du wegen einer kleinen Sache, die keinen Wert hat, schon den eigenen Nutzen nicht mehr wichtig nehmen?

Und der Mensch beginnt zu sagen: Ich hoffe und glaube an die Worte unserer Weisen, die sagten „eine Mizwa zieht eine Mizwa nach sich“; wenn dem so ist, werde ich gewiss dadurch verdienen, zur Vollkommenheit zu gelangen, denn darauf hoffe ich. Und der Mensch muss sich stärken und sagen, wie es geschrieben steht (im Tachanun [Bittgebet], nach dem Shmone Esre [Achtzehngebet]): „Blicke vom Himmel und sieh, dass wir zu Spott und Hohn unter den Völkern geworden sind“, Mit „Völkern“ sind die „siebzig Völker im Körper des Menschen“ gemeint. Sie verhöhnen „den Menschen“, sobald er die heilige Arbeit verrichten will; darum muss er den Schöpfer um Hilfe bitten.

Und mit dem Gesagten lässt sich deuten, was unsere Weisen sagten: „dass er sich nicht vor den Menschen schäme, die ihn bei der Arbeit für den Schöpfer verhöhnen.“ Die Erklärung: Da der Mensch aus der ganzen Welt zusammengesetzt ist, gibt es daher in ihm eine Ebene, die darüber spottet, dass der Mensch kleine Dinge und Handlungen, die er tun will, wichtig nehmen will, und sie sagen über eine so kleine Handlung – das heißt über eine Mizwa, bei der man keinerlei Absichten ausrichten kann –, dass es sich nicht lohne, sich anzustrengen und Kräfte aufzuwenden, um sie einzuhalten. Daher sagten die Weisen, dass „er sich nicht vor den Spöttern schäme“, sondern glauben muss, dass alles an der Arbeit für den Schöpfer wichtig ist. Gewiss ist es besser, wenn er beim Verrichten der Mizwot die Absicht ausrichten kann; doch auch die allerkleinste Handlung gilt oben viel, und kein Mensch vermag sie zu bemessen.

Wir haben bereits davon gesprochen, dass Baal HaSulam sagte, der Mensch müsse Folgendes glauben: Wie groß und wichtig er eine Handlung liShma [um Ihretwillen] auch einschätzen mag – er muss glauben, dass eine Handlung lo liShma [nicht um Ihretwillen] im Himmel noch größer und wichtiger gilt, als er die Handlung liShma überhaupt einzuschätzen vermag. Deshalb soll sich der Mensch bei jeder Handlung im Glauben an die Weisen darauf stützen, dass er sich glücklich schätzen darf, Handlungen der Heiligkeit zu vollbringen – selbst ohne jede Absicht. Auch das ist eine große und wichtige Sache, für die er dem Schöpfer danken soll.

korrOp, EY, 26.07.2026, 23:29 Uhr, Ver7