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1990/32 Was bedeutet „Israel erfüllt den Willen des Schöpfers“ in der spirituellen Arbeit?

Unsere Weisen sagten im Midrasch Rabba (Naso 11,7): „Ein Vers sagt: ‚Der Ewige wende dir Sein Gesicht zu.‘ Ein anderer Vers sagt: ‚der das Gesicht nicht zuwendet.‘ Wie können beide Verse zugleich bestehen? Wenn Israel den Willen des Schöpfers erfüllt, wendet ihm der Ewige Sein Gesicht zu. Wenn sie den Willen des Schöpfers nicht erfüllen, wendet Er das Gesicht nicht zu.“

Dieser Ausspruch wirft zwei Fragen auf:

1. Wenn sie den Willen des Schöpfers erfüllen – wozu brauchen sie dann noch die Zuwendung Seines Gesichts? Sie tun doch bereits, was richtig ist. Was sollten sie noch tun?

2. Der Vers sagt (5. Mose 10): „der das Gesicht nicht zuwendet und keine Bestechung annimmt“. Wenn sie aber den Willen des Schöpfers erfüllen, gibt es keine größere Bestechung als diese. So ist es auch unter Menschen: Wer möchte, dass der Richter im Prozess auf seiner Seite steht, tut, was der Richter will – und zum Dank entscheidet der Richter zu seinen Gunsten und spricht ihn frei. Wie passt es dann zusammen, dass der Schöpfer ihnen das Gesicht sehr wohl zuwendet, wenn sie Seinen Willen erfüllen? Es sieht doch so aus, als ließe Er sich damit bestechen.

Um diese beiden Fragen zu beantworten, müssen wir zunächst Folgendes klären:

1. Was ist „das Gesicht des Schöpfers“, und was heißt „Er wendet das Gesicht nicht zu“?

2. Was heißt es, den Willen des Schöpfers zu erfüllen – und was, ihn nicht zu erfüllen?

3. Unsere Weisen sagten: Der Schöpfer sprach: „Ich habe den bösen Trieb (Jezer haRa) erschaffen, Ich habe die Tora als Gewürz erschaffen.“ Was ist der böse Trieb, und was ist das Gewürz?

4. Unsere Weisen sagten auch: „Ich habe mich gemüht und gefunden – das glaube; ich habe mich nicht gemüht und gefunden – das glaube nicht.“ Worin besteht diese Mühe? Warum gibt es gerade bei Tora und Mizwot Mühe, und ohne Mühe wird nichts gegeben – was ist daran so besonders? Auch in der körperlichen Welt, die mit der Arbeit für den Schöpfer nichts zu tun hat, bekommt man ja nichts ohne Arbeit und Mühe. Der Lauf der Welt ist nun einmal, dass der Mensch zur Arbeit geht, wie geschrieben steht: „Der Mensch geht hinaus an sein Werk, an seine Arbeit bis zum Abend.“ Was ist also neu daran, dass Tora und Mizwot Mühe verlangen und es ohne Mühe keinen Lohn gibt – bis hin zu dem Wort: „Ich habe gefunden, ohne mich zu mühen – das glaube nicht“? Schließlich erlangt auch im Körperlichen niemand etwas ohne Mühe. Was also meinten sie mit: „Ich habe mich nicht gemüht und gefunden – das glaube nicht“?

Bekanntlich haben wir es mit zweierlei zu tun:

1. das Schöpfungsziel.

2. die Korrektur der Schöpfung.

Das Schöpfungsziel besteht darin, dass die Geschöpfe Freude empfangen – dass sie Wohlgefallen (Nachat Ruach) haben. Die Korrektur der Schöpfung besteht darin, dass der Schöpfer Wohlgefallen hat. Es muss also zu einer Angleichung der Form kommen. Der Schöpfer will, dass die Geschöpfe sich erfreuen – die Welt wurde ja erschaffen, weil es Sein Wille ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Er ist der Gebende, die Geschöpfe sind die Empfangenden. Darum sollen die Geschöpfe ihrerseits dem Schöpfer Wohlgefallen bereiten: Dann gelten sie als die Gebenden und der Schöpfer als der Empfangende, wie unsere Weisen sagten: „Israel versorgt seinen Vater im Himmel.“ Das nennt man „Korrektur“. Wer also Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer erreichen will, muss „an Seinen Eigenschaften haften“.

Wie aber kommt man dahin, alles für den Schöpfer tun zu wollen und nichts für sich selbst – wo der Mensch doch mit dem Verlangen erschaffen wurde, für sich selbst zu empfangen? Wir haben gelernt: Der Wunsch des Schöpfers, die Geschöpfe zu erfreuen, hat in ihnen ein Verlangen zu empfangen erschaffen – ein Verlangen und einen Drang, ihren Mangel zu füllen. Der Schöpfer hat also in den Geschöpfen einen Mangel erschaffen, und dieser Mangel will gefüllt werden; sonst verursacht er Leiden, und diese Leiden zwingen den Menschen, alles zu tun, um den Mangel zu füllen.

Wenn der Mensch aber diesen Drang hat, seinen Mangel zu füllen – wie soll er dann darauf verzichten können und sagen, er empfange die Füllung nur, weil er den Willen des Schöpfers erfüllen will, weil der Schöpfer eben will, dass die Geschöpfe alles Gute genießen? Das widerspricht doch der Natur, die der Schöpfer selbst erschaffen hat.

Die Antwort darauf lautet: „Der Schöpfer sprach: ‚Ich habe den bösen Trieb erschaffen, Ich habe die Tora als Gewürz erschaffen.‘“ Das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, heißt „böser Trieb“, weil es den Menschen daran hindert, zur Anhaftung an den Schöpfer zu gelangen, zur Angleichung der Form. Die Tora aber – das Licht, das in ihr liegt und das ihn zum Guten zurückkehren lässt – gibt ihm die Kraft, dieses Verlangen zu überwinden und alles für den Schöpfer zu tun.

Daraus folgt: Der Mensch muss sich deshalb mit Tora und Mizwot befassen, um Gefäße des Gebens zu erlangen – das nennt man „Korrektur der Schöpfung“. Wer sich mit dieser Absicht mit Tora und Mizwot befasst, tut es liShma (um ihretwillen): Er arbeitet und müht sich um etwas, das es in der Natur gar nicht gibt. Darum braucht er die besondere Kraft (Segula), die in Tora und Mizwot liegt und ihn zu diesen Gefäßen führt. Denn aus eigener Kraft kann niemand sie erlangen, sondern nur mit der Hilfe des Schöpfers. Diese Kraft heißt „Licht der Tora“, wie gesagt: „das Licht in ihr lässt ihn zum Guten zurückkehren“.

Doch unsere Weisen sagten: „Stets befasse sich der Mensch mit Tora und Mizwot, auch lo liShma (nicht um ihretwillen), denn aus dem lo liShma kommt er zum liShma.“ Am Anfang arbeitet der Mensch also lo liShma – um Lohn zu empfangen, wie im Sohar geschrieben steht: „entweder um des Lohnes dieser Welt willen oder um des Lohnes der kommenden Welt willen“. Wer für Lohn arbeitet, muss an Lohn und Strafe glauben. Und solange er daran glaubt, verläuft seine Arbeit „auf dem Weg der Natur“: Der Körper wehrt sich nicht gegen die Arbeit in Tora und Mizwot, denn er arbeitet ja für den eigenen Nutzen.

„Auf dem Weg der Natur“ heißt: wie bei den körperlichen Dingen, wo man für seine Mühe Lohn bekommt. Nur hat man dort den Lohn direkt vor Augen, und eben der Lohn treibt zur Arbeit an. Bei Tora und Mizwot dagegen muss man an den Lohn glauben – die Arbeit besteht hier darin, an Lohn und Strafe zu glauben. Sobald der Mensch aber daran glaubt, kann der Körper die heilige Arbeit verrichten.

Will der Mensch sich dagegen mit Tora und Mizwot befassen, ohne Lohn dafür zu empfangen, wehrt sich der Körper – denn das ist gegen die Natur. Von Natur aus kann der Mensch nur für den eigenen Nutzen arbeiten. Sobald er für den Schöpfer arbeiten will, widersetzt sich der Körper.

Hier beginnt die Mühe, von der unsere Weisen sagten: „Ich habe mich gemüht und nicht gefunden – das glaube nicht; ich habe mich nicht gemüht und gefunden – das glaube nicht.“ Denn wie kann ein Mensch sich selbst täuschen und behaupten: „Ich habe mich nicht gemüht und gefunden“? Im Körperlichen sehen wir niemanden, der ohne Mühe seinen Unterhalt findet. Erst recht gilt das für die Arbeit, über die unsere Weisen sagten: „Tausend treten in den Lehrsaal ein, und einer kommt heraus, um zu lehren.“ Tora zu erwerben ist offenbar schwerer als alles Körperliche. Wenn man aber schon im Körperlichen nichts ohne Mühe bekommt – wie kann dann jemand behaupten, er habe etwas ohne Mühe erlangt? Und ebenso der erste Teil, „Ich habe mich gemüht und nicht gefunden“: Lügt der Mensch etwa, wenn er sagt „ich habe nicht gefunden“, sodass sie sagen mussten „das glaube nicht“? Wir sprechen doch von einem Menschen, der in der Tora etwas erreichen will – warum sollte der lügen?

In Wahrheit verhält es sich so: Der Mensch will die Stufe der Anhaftung erreichen, die Angleichung der Form – so wie der Schöpfer gibt, will auch er alles tun, um zu geben. Dieses Verlangen aber widerspricht der Natur, und darum kann der Mensch es nicht aus eigener Kraft gewinnen. Der Schöpfer hat ihn ja mit dem Verlangen zu empfangen erschaffen – wie sollte er gegen die Natur ankommen, die der Schöpfer ihm gegeben hat? Nur der Schöpfer kann die Natur ändern, nicht der Mensch, wie unsere Weisen sagten (Taanit 25): „Wer zum Öl sprach, dass es brenne, der wird auch zum Essig sprechen, dass er brenne.“

Darum muss man auch in der Arbeit sagen: Wer in den Geschöpfen das Verlangen erschaffen hat, für sich selbst zu empfangen, der wird ihnen auch das Verlangen zu geben schenken. Nur der Schöpfer kann die Natur ändern, nicht der Mensch. Deshalb heißt das „ein Wunder vom Himmel“ – es liegt über der Natur. Und eben das meint „das Wunder des Auszugs aus Ägypten“: Der Schöpfer führte sie aus der Herrschaft der Ägypter heraus, das heißt aus der Herrschaft des Verlangens zu empfangen.

„Ich habe mich gemüht und nicht gefunden“ heißt demnach: Ich habe viel Mühe aufgewendet, um das Verlangen zu geben zu erlangen – ich habe alles getan, was in meiner Macht stand –, und fand es doch nicht in mir. Ich blieb im Verlangen, für mich selbst zu empfangen; ja, es war sogar stärker als am Anfang meiner Arbeit, als ich auszog, das Verlangen zu geben zu gewinnen – jenes Verlangen, das der Wille des Schöpfers ist, der ja nur geben will. Kaum hatte ich angefangen, mich zu mühen, sah ich mich jedes Mal tiefer im Verlangen versinken, für mich selbst zu empfangen. Da wurde mir klar: Ja, ich habe mich gemüht – aber gefunden habe ich nicht. Der Schöpfer hat mir geholfen, und so fand ich das Verlangen zu geben in mir. Das meint der Sohar mit den Worten: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem wird geholfen.“ Er fragt: „Womit?“ Und er antwortet: „Mit einer heiligen Seele: Bei der Geburt gibt man dem Menschen eine Seele; erweist er sich als würdig, gibt man ihm mehr.“

Der Schöpfer gibt ihm also die Seele, jedes Mal eine höhere Stufe. Das nennt man „das Gesicht des Schöpfers“: das Licht des Schöpfers, das – als vollständige Stufe – NaRaNChaY heißt. Das ist die Hilfe, die der Mensch von oben empfängt. Sagt er nun „Ich habe mich nicht gemüht“, meint er damit: Meine Mühe hat mir gar nichts eingebracht; ich kann nicht behaupten, ich hätte durch sie das Verlangen zu geben in mir gefunden. Hätte der Schöpfer mir nicht das Licht Seines Gesichts geschenkt, das „heilige Seele“ heißt, wäre ich im Verlangen, für mich selbst zu empfangen, geblieben – mehr nicht. Sagt er also „Ich habe mich gemüht und nicht gefunden“, spricht er die Wahrheit: Seine Mühe allein hat ihm nicht geholfen.

Nun fragt sich: Wenn er recht hat mit „Ich habe mich nicht gemüht“ – warum sagten sie dann „das glaube nicht“? Die Antwort: Der Mensch bekommt nichts, wonach er keinen Mangel verspürt. Wer einen Mangel hat und den Schöpfer bittet, ihn zu füllen, der bekommt von oben die Füllung. Die Mühe des Menschen, der Gefäße des Gebens erlangen will – den Willen des Schöpfers, das „Verlangen zu geben“ –, ist deshalb selbst das Gefäß; das Licht aber ist das Verlangen zu geben. Und dieses Verlangen kann nur der Schöpfer schenken: Wie Er dem Menschen bei der Geburt das Verlangen zu empfangen gab, so kann Er ihm später das Verlangen zu geben schenken. Müht sich der Mensch aber gar nicht darum, dann fehlt ihm offenbar der Mangel daran – der Beweis: Es ist ihm die Anstrengung nicht wert. Und dann kann er dieses Verlangen, das seine Natur umkehren würde, auch nicht von oben empfangen.

So lässt sich deuten, was unsere Weisen sagten (Awot 2,21): „Nicht dir obliegt es, das Werk zu vollenden, und du bist nicht frei, dich ihm zu entziehen.“ Nämlich: Wenn der Mensch weiß, dass er das Verlangen zu geben nicht aus eigener Kraft erlangen kann, sondern nur der Schöpfer es ihm geben kann – wozu soll er sich dann vergeblich mühen? Da liegt die Frage nahe: Wozu überhaupt diese Arbeit? Erlangen kann ich es ja ohnehin nicht selbst.

Darauf antworten sie: „und du bist nicht frei, dich ihm zu entziehen“ – aus dem genannten Grund: Die Mühe des Menschen ist nötig, aber nicht, damit er sich das Verlangen zu geben selbst erarbeitet. Das Verlangen zu geben heißt „Licht“ – wie oben: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem wird geholfen“, und diese Hilfe, sagt der Sohar, ist das Licht der Seele; man hilft ihm, indem man ihm eine heilige Seele gibt. Die Mühe braucht es vielmehr für das Gefäß: um den Mangel zu gewinnen – das Gespür, wie sehr er die Hilfe des Schöpfers braucht, damit Er ihm das Licht der Seele gibt.

Beginnt der Mensch aber zu arbeiten, um den Willen des Schöpfers – das Verlangen zu geben – zu erlangen, und meint, er müsse das aus eigener Kraft schaffen, dann sieht er sich während der Arbeit immer tiefer in die Selbstliebe sinken. Da flieht er vom Schlachtfeld: Er kommt ja nicht voran. Diese Arbeit, sagt er sich, ist nichts für mich – es wird ja von Mal zu Mal schlimmer. Hätte er aber geglaubt, dass allein der Schöpfer das Verlangen zu geben schenkt – warum sollte er dann fliehen und sagen, das sei etwas für Begabtere? Der Schöpfer hilft doch dabei. Welchen Unterschied sollte es für Ihn machen, ob Er diesem Menschen hilft oder einem anderen?

Denn bekanntlich gelten vor dem Schöpfer Klein und Groß gleich. Wer sagt, die Arbeit des reinen Gebens sei nur etwas für wenige Auserwählte und nichts für den einfachen Menschen, der zeigt damit nur, dass er meint, der Mensch könne dieses Verlangen aus eigener Kraft erreichen. Darum muss der Mensch fest daran glauben: Von ihm wird nicht verlangt, dieses Verlangen selbst zu erreichen – verlangt wird, dass er ein echtes Bedürfnis danach entwickelt. Hat er dieses Bedürfnis wirklich, hilft ihm der Schöpfer, wie geschrieben steht: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem wird geholfen.“ Die ganze Mühe des Menschen dient allein dazu, dieses Bedürfnis nach dem Verlangen zu geben zu gewinnen – mehr nicht.

Doch hier stellt sich eine Frage. Der Mensch spürt ja das Schlechte – er spürt, wie sehr das Verlangen zu empfangen ihn daran hindert, zur Anhaftung zu gelangen – und betet zum Schöpfer, Er möge ihm helfen und ihm das Verlangen zu geben schenken. Nach all der Mühe, die er dafür aufgewendet hat, müsste der Schöpfer es ihm eigentlich geben. Was aber geschieht am Ende? Hilfe erhält er nicht – im Gegenteil: Für all seine Mühe wird sein Verlangen zu empfangen nur noch stärker, und mit jedem Mal sieht er, dass es maßloser geworden ist. Er erlebt also genau das Gegenteil dessen, was geschehen sollte.

Die Antwort: Man kann dem Menschen nicht auf einen Schlag zeigen, wie viel Schlechtes in ihm steckt – das ganze Maß des Schlechten, mit dem er geboren wird. Der Sohar erklärt zu dem Vers „Vor der Tür lauert die Sünde“: Kaum tritt der Mensch aus dem Mutterleib, ist das Schlechte schon bei ihm – das, was „Sünde“ heißt. Sähe der Mensch all sein Schlechtes auf einmal, würde er sofort sagen: Diese Arbeit, alles um des Himmels willen zu tun, ist nichts für mich. Er würde gar nicht erst anfangen, sondern von vornherein verzweifeln.

Darum zeigt man dem Menschen immer nur ein wenig von seinem Schlechten – und über dieses Wenige beginnt er, den Schöpfer um Hilfe zu bitten. Dann deckt man ihm wieder ein Stück auf, und wieder bittet er um Hilfe. So kann man ihm nach jeder Bitte ein wenig mehr zeigen: Bitte um Bitte kommt hinzu, und Stück um Stück offenbart sich das Schlechte in ihm – bis er über all sein Schlechtes gebetet hat. Dann empfängt er das Gute, um das er bittet: das Verlangen zu geben, um dessentwillen er die Arbeit auf sich genommen hat – jenes Verlangen, das der Wille des Schöpfers ist, der nur geben will.

Denn hätte der Mensch das Verlangen zu geben schon nach einem kleinen Teil des Schlechten empfangen, würde er meinen, das genüge ihm. Er hätte seine Befriedigung in der Arbeit – und alles Schlechte, das noch in ihm steckt und keine Korrektur durch das Verlangen zu geben empfangen hat, bliebe unkorrigiert zurück. Sieht man dagegen von oben, dass er jedes Mal über das Schlechte um Hilfe bittet, das sich Tag für Tag in ihm zeigt, dann besteht die Hilfe auf seine Gebete hin gerade darin, dass man ihm weiteres Schlechtes aufdeckt – bis alles Schlechte in ihm ans Licht gekommen ist.

Empfängt er danach die Hilfe von oben, wird all dieses Schlechte zum Geben hin korrigiert. Weil er das Verlangen zu geben nicht schon mitten in der Arbeit bekommen hat, gibt es nichts, woraus er Befriedigung ziehen könnte – und so betet er immer weiter darum. Gerade seine Gebete schaffen den Raum, in dem sich das Schlechte weiter zeigen kann, denn er steht da und ruft nach der Hilfe, die er braucht.

Das gleicht folgendem Gleichnis: In ein Land kam einmal ein erfahrener Arzt – ein Meister seines Fachs –, der jede Krankheit heilen konnte. Allerdings durfte jeder nur ein einziges Mal zu ihm. Wer zu ihm kam, den heilte er von allen Krankheiten, die der Kranke ihm nannte. Manche kamen mit Magenbeschwerden, und der Arzt heilte sie. Erfuhr so ein Kranker später, dass er etwa auch herzkrank war, und wollte noch einmal hin, so half nichts: Er war schon einmal dort gewesen, und der Arzt empfing niemanden zweimal – sein Leben lang blieb er nun herzkrank. Ein anderer kam und sagte, er habe ein Herzleiden und eine Gelenkentzündung, und auch der Lebensnerv sei angegriffen – das hätten ihm andere Ärzte gesagt. Ihn heilte der Arzt von allem auf einmal. Die übrigen aber, die ihre Krankheiten nicht kannten, behielten sie.

Da kamen alle Kranken, die ihre Krankheiten nicht kannten, zum Arzt und baten ihn um Rat: Wie könnten sie vor der Behandlung alle ihre Krankheiten in Erfahrung bringen? Der Arzt erklärte: Jeder, der zu ihm wolle, bekomme schon bei der Terminvergabe eine Pille, und diese Pille mache ihm alle seine Krankheiten sichtbar. Komme er dann zur Behandlung, erhalte er ein Heilmittel – und alle seine Krankheiten würden auf einen Schlag geheilt.

Die Kranken verstanden nicht, was der Arzt ihnen damit sagte. Einer nahm bei der Terminvergabe die Pille, sah, dass er ein wenig krank war, und dachte: Der Arzt hat mir ein Heilmittel gegeben, ich werde geheilt. Doch dann bekam er die „Kunst“ des Arztes zu spüren: Er wurde kränker, als er zuvor gewesen war. Früher litt er an einer einzigen Krankheit – jetzt sah er seinen Zustand von Mal zu Mal schlechter werden: Erst waren es nur Kopfschmerzen, dann kamen Herzschmerzen, Bauchschmerzen und anderes hinzu. Alle beschwerten sich bei den Vermittlern, die ihnen diesen Arzt empfohlen hatten: Seit sie bei ihm gewesen seien, gehe es ihnen schlechter – dabei hatte der Arzt sie noch gar nicht behandelt! Nur seine Sekretärin hatte ihnen bei der Terminvergabe die Pille gegeben, und doch wurde ihr Zustand von Tag zu Tag schlimmer.

Die Anwendung des Gleichnisses: Trägt der Mensch sich ein, die heilige Arbeit zu verrichten – den Willen des Schöpfers, das Verlangen zu geben, zu erlangen –, so sagt man ihm: Der Arzt heilt alle Krankheiten auf einmal; und unsere Krankheit heißt „Verlangen, für sich selbst zu empfangen“. Dieses Verlangen muss sich dem Menschen erst in seinem ganzen Ausmaß zeigen. Bekäme er nämlich schon auf seine erste Bitte hin die Kraft, es zu überwinden und Handlungen des Gebens zu tun, dann wäre er mit seiner Arbeit zufrieden – zu früh.

Das Schlechte bliebe dann in ihm zurück, nur eben verborgen – wie im Körperlichen, wenn jemand krank ist, ohne zu wissen, was ihm fehlt, und erst Untersuchungen die Krankheit ans Licht bringen. So kennt auch der Mensch, der arbeiten und sich mühen will, um den Willen des Schöpfers erfüllen zu können, seine Krankheit nicht. Nur durch Tora und Arbeit lässt sie sich erkennen.

Das entspricht dem Wort unserer Weisen: „Spürt er Schmerz im Kopf, so befasse er sich mit der Tora.“ Mein Herr, Vater und Lehrer erklärte dazu: Das heißt, er hat fremde Gedanken. „Spürt er Schmerz in den Eingeweiden“ – das Verlangen zu empfangen, das in seinen Eingeweiden sitzt, beherrscht ihn; und so weiter. Zuerst muss sich also alles Schlechte im Menschen zeigen. Das Verlangen zu geben empfängt er nicht schon nach einer Weile des Mühens, sondern erst, wenn alles Schlechte in ihm offenbar geworden ist. Empfängt er es dann, liegt es über all dem Schlechten in ihm.

Sieht der Mensch also, dass es ihm von Mal zu Mal schlechter geht, so ist das ein Zeichen, dass er auf dem Weg der Wahrheit ist – der Beweis, dass sein Weg wirkt. Wie bei jenem Kranken, dem der Arzt ein Heilmittel gegeben hat: Er kommt wieder und klagt: „Durch dein Mittel ist meine Krankheit schlimmer geworden.“ Der Arzt antwortet: „Im Gegenteil – jetzt sehe ich, dass es zu wirken beginnt. Erst wirkt es auf diese Weise, dann auf eine andere, bis du wieder gesund bist.“

Damit ist unsere Frage beantwortet: Was heißt „den Willen des Schöpfers erfüllen“? Gemeint ist das Verlangen zu geben. Wie es Sein Wille ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun – Er will, dass sie sich erfreuen –, so will der Mensch dieses Verlangen erlangen, weil er die Anhaftung an den Schöpfer sucht, die Angleichung der Form. Da der Mensch aber mit dem entgegengesetzten Verlangen erschaffen wurde – nur zu empfangen, nicht zu geben –, kostet ihn das große Mühe. Im Körperlichen dagegen arbeitet der Mensch und bekommt seinen Lohn; das heißt nicht „Mühe“, denn es läuft nicht gegen die Natur – alles, was er tut, dient ja dem eigenen Nutzen.

Anders die Arbeit, den Willen des Schöpfers – das Verlangen zu geben – zu erlangen: Hier tut der Mensch nur, was dem Schöpfer nützt, nicht ihm selbst. Das ist Mühe, denn es geht gegen die Natur. Aus eigener Kraft kann er dieses Verlangen nicht gewinnen – der Schöpfer muss es ihm geben. Das heißt dann: „der Schöpfer wendet diesem Menschen das Gesicht zu“ – denn zu erlangen ist es nur auf wunderbare Weise, über der Natur.

Es gibt also keinen anderen Weg zu diesem Verlangen als die Zuwendung des Gesichts. Das meint der Vers: „Der Ewige wende dir Sein Gesicht zu.“ Der Midrasch bezieht das auf die Zeit, in der man den Willen des Schöpfers erfüllt – in der der Mensch also daran arbeitet, dieses Verlangen zu erlangen. Dann muss der Schöpfer ihm Sein Gesicht zuwenden, das heißt: ihm eine heilige Seele geben. Denn den Willen des Schöpfers erlangt man durch nichts anderes als durch das Gesicht des Schöpfers. Das meint der Vers: „Der Ewige wende Sein Gesicht zu.“

Anders die Menschen, die sich mit Tora und Mizwot nicht befassen, um den Willen des Schöpfers zu erlangen, sondern um des Lohnes willen: Sie brauchen das Gesicht des Schöpfers – die „Seele“ – nicht, denn sie gehen nicht gegen die Natur. In dem Maß, wie sie an Lohn und Strafe glauben, können sie sich mit Tora und Mizwot befassen; der Lohn spornt sie zur Arbeit an. „Wenn sie den Willen des Schöpfers nicht erfüllen“, heißt demnach: Sie befassen sich zwar mit Tora und Mizwot, wollen aber als Lohn nicht, dass der Schöpfer ihnen das Verlangen zu geben schenkt – sie wollen einen Lohn für ihr Verlangen zu empfangen. Über sie steht geschrieben: „der das Gesicht nicht zuwendet“, denn sie brauchen die Seele nicht, die Er ihnen geben könnte. Das Gesicht des Schöpfers ist ja das Licht des Schöpfers, die „heilige Seele“: Der Mensch empfängt sie, damit sie ihn zum Guten zurückkehren lässt, und sie heißt „Hilfe von oben“.

So verstehen wir ihr Wort: Wenn man den Willen des Schöpfers nicht erfüllt, wendet der Schöpfer das Gesicht nicht zu – diese Menschen brauchen ja die Seele nicht, die sie zum Guten zurückkehren ließe. Sie halten sich bereits für gut: Sie erfüllen Tora und Mizwot bis in alle Einzelheiten und Feinheiten. Und warum befassen sie sich mit Tora und Mizwot? Um des Lohnes willen. In dem Maß, wie sie an Lohn und Strafe glauben, können sie die heilige Arbeit verrichten – eben weil sie ihrem Verlangen zu empfangen nicht widerspricht.

Gerade wer den Willen des Schöpfers erfüllt – wer sich mit Tora und Mizwot aus dem Grund befasst, von dem es heißt: „Ich habe den bösen Trieb erschaffen, Ich habe die Tora als Gewürz erschaffen“, wer also Tora lernt, um der Herrschaft des Verlangens zu empfangen, des „bösen Triebs“, zu entkommen –, der braucht das Licht der Tora, durch das er den Willen des Schöpfers erlangt, das Verlangen zu geben. Damit ist auch unsere Frage beantwortet: Was ist „das Gesicht des Schöpfers“? Es ist das Licht, das der Schöpfer dem Menschen als heilige Seele gibt, damit es ihn zum Guten zurückkehren lässt.

Und nun verstehen wir auch die Frage: Was heißt „er nimmt keine Bestechung an“ – wo es doch selbst wie eine Bestechung aussieht, wenn man den Willen des Schöpfers erfüllt? Die Antwort: Der Mensch bittet den Schöpfer nicht zum eigenen Vorteil darum, ihm das Gesicht zuzuwenden und ihm eine heilige Seele zu geben. Im Gegenteil – er bittet darum, um aus dem Eigennutz herauszukommen und nur noch für den Schöpfer arbeiten zu können.

Er will also nichts für sich selbst vom Schöpfer – sonst könnte man sagen, er besteche Ihn, wie man jemandem ein Geschenk macht, damit der Beschenkte sich erkenntlich zeigt. Hier aber heißt „der Mensch erfüllt den Willen des Schöpfers“: Er möchte fähig werden, den Willen des Schöpfers zu erfüllen, und bittet darum, dass Er ihm das Gesicht zuwende – dass es ihm also gegeben sei, alles, was er tut, um des Himmels willen zu tun.

So verstehen wir: Der böse Trieb ist das Verlangen zu empfangen. Das Gewürz ist die Kraft, die aus seiner Herrschaft herausführt. Und Tora meint das „Licht der Tora“ – ihr Inneres, ihre Seele.

korrOp, EY, 03.08.2026, 03:55 Uhr, Ver9