Brief 46
Mit Gottes Hilfe, 16. Schwat 5719 (25. Januar 1959)1, hier in Tel Aviv, möge es erbaut werden
Friede und alles Gute meinem Freund, den ich liebe wie meine eigene Seele …
Ich schreibe dir, was ich gestern, am 15. Schwat, gesagt habe.
Zum Neujahrsfest der Bäume sagt die Gemara: „Warum ist es am ersten Schwat? Rabbi Elazar sagte im Namen von Rabbi Oshaia: ‚Weil der größte Teil der jährlichen Regenfälle bereits niedergegangen ist.‘“2 Und Rashi erklärt: „Denn dies ist die Regenzeit; der Saft steigt in den Bäumen auf, und von nun an beginnen die Früchte anzusetzen.“3 Die Tossafot schreiben, dass dieser Grund auch für das Haus Hillel gilt, das den 15. Schwat als Neujahrsfest betrachtet. In der Gemara heißt es außerdem: „Wer in den Tagen des Nisan hinausgeht und blühende Bäume sieht, spricht: ‚Gesegnet sei Er, Der Seiner Welt nichts fehlen ließ und in ihr gute Geschöpfe und gute Bäume erschuf, damit die Menschen sich an ihnen erfreuen.‘“4
Dazu ist zu verstehen: 1) Was bedeutet „Der Seiner Welt nichts fehlen ließ“? Wenn jemand blühende Bäume sieht, wie beweist dies, dass nichts fehlt? 2) Was bedeutet „und in ihr gute Geschöpfe erschuf“? Wie beweist dies, dass die Geschöpfe gut sind? 3) Welche Verbindung besteht zwischen Mensch und Baum, sodass sie voneinander abhängen? 4) Warum ist es ein Zeichen für das Neujahrsfest, wenn der größte Teil der Regenfälle bereits vorüber ist?
Dies lässt sich im Sinne der ethischen Lehre erklären. Bekanntlich ist das Neujahrsfest eine Zeit des Gerichts, in der über die Welt zum Guten oder – Gott behüte – zum Schlechten geurteilt wird. Das Wort Rosh („Kopf“ bzw. „Anfang“) bezeichnet hier die Wurzel, denn aus der Wurzel gehen die Zweige hervor. Die Zweige folgen immer dem Wesen der Wurzel: Aus der Wurzel eines Feigenbaums wachsen keine Zweige einer Dattelpalme und dergleichen. So, wie der Mensch am Anfang seine Wurzel und seinen Ausgangspunkt festlegt, setzt er auch den Lauf seines Lebens fort. Wenn es heißt, dass am Neujahrsfest über den Menschen geurteilt wird, bedeutet dies, dass der Mensch selbst Richter, Entscheider und Vollstrecker ist. Denn der Mensch ist der Richter, der Mahner, der Wissende und der Zeuge. Darauf bezieht sich die Aussage unserer Weisen: „Es gibt ein Gericht unten, es gibt kein Gericht oben.“5
Die Regenfälle werden Lebenskraft (Chajut) und Genuss genannt, denn wenn der Baum Früchte hervorbringt, erfreut sich der Mensch daran. Die Hauptarbeit des Menschen geschieht im Winter, in den langen Nächten des Monats Tewet. Seit Tischri, dem allgemeinen Neujahrsfest, bis zum Monat Schwat ist bereits der größte Teil der Regentage vergangen. Der Mensch hat also schon Lebenskraft und Genuss aus seiner Tora und Arbeit empfangen. Denn der Regen kommt von oben; dies deutet darauf hin, dass die Fülle von oben kommt, durch den Baum fließt und sich in die Früchte kleidet. Dann richtet der Mensch über sich selbst: Lohnt es sich, das ganze Jahr mit Tora und Mizwot fortzufahren, oder ist es – Gott behüte – umgekehrt besser, all seine Gedanken auf materielle Angelegenheiten zu richten?
So lassen sich die oben angeführten Worte Rashis erklären: „Weil der größte Teil der Regentage vorüber ist, der Saft in den Bäumen aufgestiegen ist und von nun an die Früchte anzusetzen beginnen.“6 Wenn also die meisten Nächte mit Tora und Arbeit verbracht worden sind und der Saft in den Bäumen aufgestiegen ist – denn der Baum weist auf den Menschen hin, wie geschrieben steht: „Denn der Mensch ist ein Baum des Feldes“7 –, und wenn er sieht, dass in seinem Herzen ein Feuer brennt, wie geschrieben steht: „Ihre Gluten sind Feuergluten, eine Flamme des Ewigen“8, dann beschließt er, das ganze Jahr so fortzufahren. Dies ist die Bedeutung von „und von nun an beginnen die Früchte anzusetzen“: Von jetzt an wird er gesegneter Früchte würdig werden. Deshalb ist der 15. Schwat das Neujahrsfest, denn dann hält er Gericht über sich selbst und legt sich Rechenschaft darüber ab, ob es sich lohnt, mit Tora und Mizwot fortzufahren oder nicht.
Nun können wir das alles verstehen. Weil die Geschöpfe, wie oben erläutert, den Bäumen gleichen, heißt es: „Wer in den Tagen des Nisan hinausgeht und blühende Bäume sieht.“9 Die Bäume haben bereits begonnen, ihre Kräfte nach außen zu zeigen: Sie wollen Früchte zum Wohl des Menschen geben. Dies ist die Bedeutung von „gute Bäume“, denn gut heißt gebend, wie geschrieben steht: „Mein Herz wallt über von einem guten Wort.“ Anschließend wird erklärt, was „gut“ bedeutet: „Ich sage: Meine Werke gelten dem König.“10 Er will also all seine Werke für den König tun. Das heißt, er will nur geben und nicht die Begierden seines Herzens erfüllen.
Wenn er daher die Bäume blühen sieht, also sieht, dass sie Früchte geben, sagt er: „und in ihr gute Geschöpfe erschuf“11. Gewiss gibt es in der Welt gute Menschen, die ebenfalls geben; sonst würden die Bäume ihre Früchte nicht geben. Unsere Weisen sagten: „Die ganze Welt wird um meines Sohnes Chanina willen ernährt“12, also um des Gerechten (Zaddik) willen. Denn wenn es in der Welt Menschen gibt, die sich mit dem Geben beschäftigen, bringen aufgrund dieses Verdienstes auch die Bäume ihre Früchte hervor.
Dies ist die Bedeutung von „Der Seiner Welt nichts fehlen ließ“13: Obwohl wir von Natur aus unwürdige Eigenschaften haben, hat der Schöpfer für uns vorgesehen, uns mit Tora und Mizwot zu beschäftigen. Dadurch können wir uns um des Himmels willen damit beschäftigen und werden dadurch würdig, das ganze Gute und den ganzen Genuss zu empfangen, die der Schöpfer für uns bereitet hat.
Ich beende meinen Brief mit Segensworten: Der Schöpfer helfe uns, dass wir alle bald, in unseren Tagen, der vollständigen Erlösung würdig werden. Amen.
Von deinem Freund, der dir alles Gute für Körper und Geist wünscht
Baruch Shalom HaLevi Ashlag
korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026
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Jüdisches Datum: 16. Shevat 5719. ↩
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Traktat Rosh haShana, 14:1. ↩
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Traktat Rosh haShana, 14:1, Kommentar Rashi. ↩
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Traktat Brachot, 43:2. ↩
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Tanchuma Buber, Mishpatim, 4. ↩
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Siehe Traktat Rosh haShana, 14:1, Kommentar Rashi. ↩
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Dwarim, 20:19. ↩
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Hohelied, 8:6. ↩
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Traktat Brachot, 43:2. ↩
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Psalmen, 45:2. ↩
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Traktat Brachot, 43:2. ↩
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Traktat Taanit, 24:2. ↩
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Traktat Brachot, 43:2. ↩