Brief 65
Mit Hilfe des Schöpfers, 6. Elul 5722 (5. September 1962)
An die Freunde, mögen sie ewig leben
Nun ist der Monat Elul, und es ist allgemein üblich, dass sich auch einfache Menschen – also Hausherren, das heißt Menschen mit der Auffassung von Hausherren – mit Fragen der Umkehr (Teshuwa) befassen.
Was ist der Unterschied zwischen Hausherren und Söhnen der Tora? Der Unterschied besteht darin: Als „Hausherr“ gilt, wer sich als Hausherr in der Welt fühlen will. Er möchte also, dass seine Existenz in der Welt größer wird: Er selbst soll ein langes Leben erlangen, und auch sein Besitz soll wachsen und sich vermehren. Dies heißt Fortbestand der Existenz. Die „Söhne der Tora“ dagegen befassen sich nur mit der Annullierung der Existenz. Der Mensch selbst will sich vor dem Schöpfer annullieren. Sein einziges Recht, in der Welt zu bestehen, beruht darauf, dass der Schöpfer es will; er selbst jedoch will sich annullieren. Ebenso möchte er seinen gesamten Besitz dem Schöpfer als Opfer darbringen. Wenn er sich um den Erwerb von Besitz bemüht, dann nur deshalb, weil dies der Wille des Schöpfers ist.
Darin liegt die Aussage, dass die Auffassung der Hausherren der Auffassung der Tora entgegengesetzt ist: Die Auffassung der Tora ist die Annullierung der Existenz, die Auffassung der Hausherren hingegen ihr Fortbestand. Im Monat Elul verstehen jedoch auch die Hausherren, dass sie sich mit der Annullierung der Existenz befassen müssen.
Unsere Weisen sagten: „An dem Ort, an dem die Umkehrenden stehen, können vollkommen Gerechte nicht stehen.“ Dies ist nach der Kabbala auszulegen.
Bekanntlich gibt es eine Zeit der Katnut (Kleinheit). Sie wird als Gefäße von Keter und Chochma bezeichnet, die Gefäße des Gebens sind. Solange man nur Gefäße des Gebens erlangt, gilt das Geben als Annullierung der Existenz: Der Mensch will nur dem Schöpfer geben und nichts empfangen. Dies heißt „vollkommen Gerechter“. Er hat keinerlei Verlangen für sich selbst; all sein Tun ist allein darauf gerichtet, sich vor dem Schöpfer zu annullieren. Dies wird „Zeit der Katnut“ genannt, weil in den Gefäßen des Gebens nur das Licht von Chassadim leuchtet, das Nefesh–Ruach genannt wird.
Die Zeit der Gadlut (Größe) beginnt, wenn der Mensch die Gefäße des Empfangens erlangt. Dies sind die Gefäße von Bina und SoN, die während der Katnut unterhalb der Parsa lagen. Sie waren also aus der Stufe herausgetreten, weil Malchut – das auf ihnen liegende Verlangen zu empfangen – über sie herrschte. Mit anderen Worten: Die Gefäße von Bina und SoN standen unter der Herrschaft des Verlangens zu empfangen. Man konnte sie nicht dazu benutzen, um zu empfangen, um zu geben; deshalb traten sie aus der Stufe heraus. Während der Gadlut kehren sie zur Stufe zurück. Wenn ihre Handlungen verbessert worden sind und sie sich mit dem Empfangen, um zu geben, befassen können, werden die Gefäße von Bina und SoN benutzt. Sie werden Gefäße des Empfangens genannt, weil sie nun zur Stufe zurückgekehrt sind.
Dies heißt Gadlut, weil nun das Licht von Neshama und Chaja leuchtet. Es wird „Fortbestand der Existenz“ genannt, weil der Mensch sich jetzt mit dem Empfangen befasst – jedoch um zu geben.
Daraus folgt: Katnut wird als „vollkommen Gerechte“ bezeichnet und ist der Aspekt der Annullierung der Existenz, also die Gefäße von Keter und Chochma – Gefäße des Gebens. Die Gefäße von Bina und SoN dagegen sind Gefäße des Empfangens und bilden den Aspekt des Fortbestands der Existenz, also des Erwerbs von Besitz; sein ganzes Streben gilt dem Wachstum und der Vermehrung dieses Besitzes. Diese Gefäße sind jedoch „kommend und gehend“: Während der Katnut befinden sie sich außerhalb der Stufe, während der Gadlut kehren sie zur Stufe zurück. Das Licht, das sie heranziehen, ist jedoch das Licht der Gadlut.
Daher gilt: „An dem Ort, an dem die Umkehrenden stehen“ – die durch ihre Anstrengung das Licht von Neshama und Chaja besitzen –, „können vollkommen Gerechte nicht stehen“. Denn wer vollkommen gerecht ist und sich nur mit den Gefäßen des Gebens, den Gefäßen von Keter und Chochma, befasst, besitzt lediglich Katnut, also Nefesh–Ruach: nur das Licht von Chassadim und nicht das Licht von Chochma.
Dann befindet er sich im Aspekt eines Hausherrn, wie geschrieben steht: „Durch Weisheit wird ein Haus gebaut“ (Sprüche 24,3). Denn „Haus“ bezeichnet Besitz, also den Fortbestand der Existenz. Dies geschieht gerade durch das Licht von Chochma, das in den Gefäßen des Empfangens empfangen wird, die Bina und SoN heißen und Chochma benötigen. Die Gefäße von Keter und Chochma hingegen gelten als Gefäße des Gebens und bilden den Aspekt der Annullierung der Existenz, weil der Mensch nichts empfangen will. Letztlich zieht er jedoch nur das Licht der Katnut heran, das Licht von Chassadim genannt wird.
Aus all dem folgt, dass der Mensch Umkehr vollziehen muss, um wenigstens vollkommen gerecht zu werden. Wenn er danach die Stufe eines Gerechten erreicht hat, muss er erneut Umkehr vollziehen. Möge der Schöpfer uns helfen, wenigstens vollkommen Gerechte zu werden.
Das Wesentliche in der Arbeit ist, dass man vom Himmel keine halbe Sache gibt. Andernfalls könnte ein Mensch, der nur zur Hälfte Umkehr vollzogen hat, Hilfe von oben für die halbe Arbeit empfangen. Da man vom Himmel jedoch keine halbe Sache gibt, muss der Mensch zum Schöpfer beten, Er möge ihm vollständige Hilfe geben. Wenn der Mensch während seines Gebets ordnet, was in seinem Herzen ist – denn das Gebet ist Arbeit im Herzen –, muss er sich entscheiden, dass er vom Schöpfer das Verlangen empfangen will, sich vollständig vor Ihm zu annullieren. Er will also kein Verlangen unter seiner eigenen Herrschaft lassen; alle seine Verlangen sollen allein der Ehre des Himmels dienen.
Hat er sich in seinem Herzen für eine vollständige Annullierung entschieden, bittet er den Schöpfer um Hilfe, dies von der Möglichkeit in die Tat umzusetzen – mit Kraft. Obwohl er in Gedanken und Verlangen erkennt, dass der Körper nicht damit einverstanden ist, dass er all seine Verlangen vor dem Schöpfer und nicht zu seinem eigenen Nutzen annulliert, muss er zum Schöpfer beten. Er bittet Ihn, ihm zu helfen, sich mit allen Verlangen vor Ihm annullieren zu wollen und kein einziges Verlangen für sich selbst zu behalten. Dies wird „vollständiges Gebet“ genannt, weil er wünscht, der Schöpfer möge ihm ein vollständiges Verlangen ohne jeden Kompromiss zugunsten seiner selbst geben. Er bittet den Schöpfer, ihm zu helfen, immer an seiner Gerechtigkeit festzuhalten.
Ein vollkommen Gerechter ist also jemand, der sich im Verstand endgültig und unabänderlich entschieden hat, dauerhaft im Verlangen eines Gerechten zu leben. Dies bedeutet „vollkommen Gerechter“: Dieser Aspekt ist bei ihm bereits bestimmt und abgeschlossen. „Nicht vollkommen“ bedeutet dagegen, dass ihm noch die Arbeit an der Frage bleibt, ob er sich mit all seinen Verlangen vor Ihm annulliert oder nicht. Folglich besteht der Anfang der Arbeit darin, vollkommen gerecht zu werden. Danach kommt man zur zweiten Arbeit, dem Aspekt der „Umkehrenden“: Sie führen die Gefäße des Empfangens zurück, damit diese zur Heiligkeit zurückkehren.
Ich will hier einen Beleg dafür anführen, dass man vom Himmel keine halbe Sache gibt. Siehe, was unsere Weisen sagten (Traktat Joma 69b): „Sie sagten: ‚Da es eine Zeit des Wohlgefallens ist, wollen wir um Erbarmen auch hinsichtlich des Triebs zur Übertretung bitten.‘ Sie baten um Erbarmen, und er wurde in ihre Hand gegeben. Er sagte zu ihnen: ‚Seht: Wenn ihr ihn tötet, geht die Welt zugrunde.‘ Sie sperrten ihn drei Tage lang ein und suchten im ganzen Land Israel nach einem Ei, das an diesem Tag gelegt worden war, fanden aber keines. Sie sagten: ‚Was sollen wir tun? Wenn wir ihn töten, geht die Welt zugrunde. Wenn wir um Erbarmen für die Hälfte bitten – eine Hälfte gibt man vom Himmel nicht.‘ Sie blendeten seine Augen und ließen ihn frei; dies bewirkte, dass ein Mensch nicht mehr so sehr gegenüber seinen weiblichen Verwandten aufgereizt wird.“ So weit ihre Worte.
Daraus ist ausdrücklich erwiesen, dass man vom Himmel nur Vollständigkeit gibt. Mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) erklärte den Grund: Weil der Schöpfer vollkommen ist, muss auch der untere Mensch bereit sein, Vollständigkeit zu empfangen, wenn Er ihm eine Fülle nach unten gibt. Andernfalls kann der Mensch sie nicht empfangen, selbst wenn der Schöpfer sie ihm gibt, denn er hat keine Gefäße für die Vollständigkeit.
Bevor der Mensch sich also dazu befähigt hat, Vollständigkeit zu empfangen, kann er nicht erkennen, wie viel von seinem Weg zum Ziel der Vollständigkeit er bereits zurückgelegt hat. Erst am Ende seiner Arbeit kann er es sehen, nicht in der Mitte; denn er kann die Fülle des Schöpfers nicht empfangen, bevor er vollständige, dafür bereite Gefäße besitzt. Deshalb müssen wir uns stärken und sagen, dass wir bereits nahe am Palast des Königs stehen. Denn Münze um Münze fügt sich zu einer großen Summe, und vielleicht werden wir schon bald sehen, dass der Eingang vor uns offensteht, und wir werden damit belohnt, einzutreten und uns am König zu erfreuen.
Die obige Aussage ist nach der Kabbala auszulegen. Bekanntlich steht an mehreren Stellen im Sulam (Leiter-Kommentar), dass man zuerst die Rechte Linie heranzieht, danach die Linke Linie und anschließend die Mittlere Linie. Die Aufgabe der Mittleren Linie besteht darin, die Linke Linie nur eine halbe Stufe leuchten zu lassen, die WaK de Chochma genannt wird, und GaR de Chochma nicht zu empfangen. Dabei stellt sich immer die Frage: Warum zieht man nicht sofort, wenn man die Linke Linie heranzieht, nur eine halbe Stufe heran, also WaK ohne GaR? Warum muss man eine vollständige Stufe heranziehen und sie erst danach durch die Mittlere Linie teilen, sodass GaR de Chochma nach oben entfernt und WaK de Chochma nach unten herangezogen werden?
Mit der obigen Aussage verstehen wir dies, denn „eine Hälfte gibt man vom Himmel nicht“. Wir wollen dies der Reihe nach erklären.
„Sie sagten: ‚Da es eine Zeit des Wohlgefallens ist, wollen wir um Erbarmen auch hinsichtlich des Triebs zur Übertretung bitten.‘“ Denn von der Linken Linie gehen alle Übertretungen aus. Deshalb wollten sie durch den Massach de Chirik die Linke Linie annullieren. Dies heißt: „Sie baten um Erbarmen, und er wurde in ihre Hand gegeben. Er sagte zu ihnen“ – das heißt, die Linke Linie sagte zu ihnen: „Seht: Wenn ihr ihn tötet, geht die Welt zugrunde.“ Denn das Schöpfungsziel besteht darin, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun; dies bezieht sich auf das Licht von Chochma. Das Licht von Chassadim ist nur das Licht der Anhaftung, also das Mittel, mit dem wir den Makel der Trennung beseitigen können; es ist jedoch nicht das Licht des Schöpfungsziels.
„Sie sperrten ihn drei Tage lang ein“: Sie benutzten also die Linke Linie nicht, die als Licht von Chochma und GaR bezeichnet wird. „Sie suchten im ganzen Land Israel nach einem Ei, das an diesem Tag gelegt worden war, fanden aber keines.“ Mein Vater und Lehrer erklärte, dass das Ei eine geringe Lebenskraft bezeichnet: Man weiß, dass darin ein Lebewesen ist, doch nach außen ist es noch nicht sichtbar. Der Beginn seines Sichtbarwerdens heißt „ein Küken vom heutigen Tag“; gemeint ist eine neue Lebenskraft von heute und nicht von gestern.
„Im ganzen Land Israel“ bezeichnet diejenigen, die das Licht von Chassadim benutzen; dies ist der Aspekt „Land Israel“. Es gab jedoch keinerlei Lebenskraft, denn Lebenskraft geht vom Licht von Chochma aus. So wird in „Innere Betrachtung“ zu Teil 2 des Talmud Esser haSefirot (Punkte 46–47) bei „unmöglich, aber darauf ausgerichtet“ erklärt, dass Chochma und Lebenskraft vorhanden sein müssen. Nachdem die Linke Linie jedoch vollständig entfernt worden war, fand sich im ganzen Land Israel keinerlei Lebenskraft.
„Sie sagten: ‚Was sollen wir tun? Wenn wir ihn töten, geht die Welt zugrunde.‘“ Das Schöpfungsziel würde also nicht verwirklicht; dies heißt „Zerstörung der Welt“. „Wenn wir um Erbarmen für die Hälfte bitten“ – wenn wir also eine Korrektur vornehmen und Chochma nur in einer halben Stufe heranziehen, das heißt von Anfang an nur eine halbe Linke Linie –, dann gilt: „Eine Hälfte gibt man vom Himmel nicht.“ Denn von oben kommt immer etwas Vollständiges.
„Sie blendeten seine Augen und ließen ihn frei.“ Dies ist das Geheimnis, dass man nach der Korrektur des Massach de Chirik das Licht von Chochma nur als Leuchten von Chochma benutzt. Dieses heißt „weibliches Licht“; es ist das Geheimnis von „Sie empfängt und gibt nicht nach unten“. Das Blenden der Augen bedeutet, dass sich das Sehen nicht nach unten ausbreitet. Dies gilt als „sie blendeten“, nach dem Geheimnis: „Du hast eine Grenze gesetzt, die sie nicht überschreiten“ (Psalm 104,9). Die Grenze wird zum Sand (chol), denn sobald man von oben nach unten heranziehen will, wird das Heilige augenblicklich zum Weltlichen (chol).
„Dies bewirkte, dass ein Mensch nicht mehr so sehr gegenüber seinen weiblichen Verwandten aufgereizt wird.“ Man benutzt also nur das Leuchten von unten nach oben. Dieses wird „blind“ genannt, weil es nicht nach unten blickt. Dadurch verliert der Mensch nicht den Aspekt der Nähe, der „Anhaftung“ heißt. Zieht man dagegen von oben nach unten heran, führt dies zu Entfernung und Trennung. Deshalb muss die Reihenfolge darin bestehen, das Licht von Chochma in Vollständigkeit heranzuziehen.
Gemeint ist: Nachdem sie den Punkt von Chirik gebildet und die Linke Linie annulliert hatten, wollten sie eine Korrektur vornehmen, bei der sie die Linke Linie überhaupt nicht mehr heranziehen würden. Dann gäbe es keinen Raum für den Trieb zur Übertretung. Sie sahen jedoch, dass dies die Zerstörung der Welt bedeuten würde, denn: „Du hast sie alle mit Weisheit gemacht“ (Psalm 104,24). Gerade durch Chochma besteht die Welt; dies ist das Schöpfungsziel. Daher wollten sie eine Korrektur vornehmen, bei der nur eine halbe Stufe von Chochma herangezogen würde, aus Sorge, es könnte Menschen geben, die die Korrektur der Mittleren Linie nicht ausführen können und an der Linken Linie scheitern.
Doch „eine Hälfte gibt man vom Himmel nicht“. Deshalb muss die Korrektur auf dem Weg der drei Linien erfolgen, wie an mehreren Stellen im Sulam geschrieben steht.
korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026