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Brief 71

Mit Gottes Hilfe, 19. Schwat 5725 (22. Januar 1965)1

An meinen Freund …

Ich sehne mich sehr danach zu hören, wie es dir geht.

„So sollst du zum Haus Jakob sprechen und den Söhnen Israels verkünden.“ Rashi erklärte: „Zum Haus Jakob“ – das sind die Frauen; sprich zu ihnen mit sanften Worten. „Und den Söhnen Israels verkünden“ – den Männern erläutere die Strafen und die genauen Bestimmungen, Worte, die hart wie Sehnen sind (Mekhilta).

Im Sohar (Jitro, Punkt 161; im Sulam)2 heißt es: „‚So sollst du zum Haus Jakob sprechen‘3, nämlich durch Sprechen, also von der Seite des Gerichts (Din). ‚Und den Söhnen Israels verkünden‘ usw.4 – ‚den Söhnen Israels‘, das sind die Männer, die von der Seite der Barmherzigkeit kommen.“

Aus den Worten des Sohar geht hervor, dass zu den Frauen durch Sprechen geredet wird, das von der Seite des Din kommt, weil Frauen der Eigenschaft des Din angehören. Zu den Männern hingegen soll man mit der Eigenschaft der Barmherzigkeit reden, denn sie kommen aus der Barmherzigkeit.

Aus Rashis Worten geht dagegen das Gegenteil hervor: Zu den Männern soll man Worte sprechen, die hart wie Sehnen sind, zu den Frauen hingegen mit sanften Worten.

Man kann erklären, dass beide dasselbe sagen. Zunächst müssen wir jedoch verstehen, was Din und was Barmherzigkeit ist. Din finden wir, wenn zwei Menschen vor Gericht gehen: Dieser sagt: „Es gehört ganz mir“, und jener sagt: „Es gehört ganz mir.“5 Wer also behauptet: „Es gehört ganz mir“, befindet sich im Din. Barmherzigkeit bedeutet dagegen, ein Gebender zu sein, entsprechend den Worten unserer Weisen: „Wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig.“6 Daraus folgt: Wer ein Empfangender ist, gehört zur Eigenschaft des Din; wer ein Gebender ist, gehört zur Eigenschaft der Barmherzigkeit.

Als weiblich gilt, wer sich in einem Zustand des Mangels befindet, das heißt, wer ein Empfangender ist. Als männlich gilt dagegen, wer ein Gebender ist.

Daraus folgt, dass das Weibliche als Eigenschaft des Din gilt, also als die eines Empfangenden. Wenn man einem Empfangenden sagt, er solle sich mit Geben beschäftigen, ist er dazu nicht fähig, denn es widerspricht seiner Natur. Wenn man daher von ihm verlangt, sich mit der Arbeit für den Schöpfer zu beschäftigen, muss man mit ihm in sanfter Sprache reden, also in einer Sprache, die er versteht: der Sprache des Empfangens. Denn wer sich im Zustand des Weiblichen (Nukwa) befindet, der Eigenschaft des Din, ist nur bereit, zu arbeiten, um Lohn zu empfangen. Das heißt „sanfte Sprache“.

Mit den Männern, die als Gebende gelten, kann man dagegen in einer Sprache reden, die „hart wie Sehnen“ ist. Denn vom Geben zu hören ist für den Körper schwer, weil er gerade empfangen will. Da ein solcher Mensch jedoch als männlich gilt, besitzt er die Kraft zur Überwindung und kann seine Eigenschaften überwinden. Deshalb spricht man zu ihm von der Seite der Barmherzigkeit, denn barmherzig zu sein bedeutet zu geben.

So verstehen wir Rashis Worte: „‚Zum Haus Jakob‘ – das sind die Frauen; sprich zu ihnen mit sanften Worten.“7 Wer sich im Zustand des Weiblichen befindet, kann die Kraft des Körpers nicht überwinden. Er heißt „weiblich“ im Sinne von „seine Kraft wurde schwach wie die einer Frau“8. Mit ihm muss man in sanfter Sprache reden, das heißt, er befindet sich im Zustand von „um Lohn zu empfangen“; dem stimmt der Körper zu. Zu den Männern hingegen spricht man in einer harten Sprache, nämlich vom Geben, dem der Körper nur schwer zustimmen kann. Doch ein solcher Mensch besitzt die Kraft zur Überwindung. Deshalb kann man zu ihm in der Sprache der Barmherzigkeit reden, die Geben bedeutet.

Möge der Schöpfer uns helfen, das Böse in uns zu überwinden und des Empfangs der Tora würdig zu werden.

Von deinem Freund, der darauf wartet, gute Nachrichten von dir zu hören,

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026


  1. Hebräisches Datum: 19. Shevat 5725. 

  2. Sohar, Jitro, Punkt 161. 

  3. 2. Buch Mose 19,3. 

  4. 2. Buch Mose 19,3. 

  5. Traktat Bava Mezia, 2:1. Zwei halten einen Gebetsschal (Tallit) fest; der eine sagt: „Ich habe ihn gefunden“, und der andere sagt: „Ich habe ihn gefunden“. Der eine sagt: „Er gehört ganz mir“, und der andere sagt: „Er gehört ganz mir“. 

  6. Jerusalemer Talmud, Traktat Pea, 3:1. 

  7. 2. Buch Mose 19,3, Kommentar Rashi. 

  8. 4. Buch Mose 11,15, Kommentar Rashi.