Brief 62
B“H, 24. Siwan 5722 (26. Juni 1962), hier in Antwerpen
Frieden und alles Gute für immer meinem Freund …
Deinen Brief habe ich erhalten. Zu deiner Frage über liShma und lo liShma möchte ich dir einen einfachen Grundsatz (Klal) geben. LiShma bedeutet, dass man bei der Ausführung einer Mizwa die Absicht haben muss, seinem Schöpfer Zufriedenheit zu bereiten. Der Schöpfer hat uns Dinge zu tun gegeben, damit wir durch diese Handlungen die Möglichkeit haben, Ihm etwas zu geben – nämlich dadurch, dass wir Ihm Freude bereiten wollen.
Warum wollen wir Ihm Zufriedenheit bereiten? Weil es für uns ein großes Privileg ist, dem König zu dienen. Unsere ganze Freude liegt also darin, dem großen Weisen zu dienen, und darin besteht unser Lohn. Es geht darum, ob wir für den Dienst einen Lohn wollen oder ob der Dienst selbst der Lohn ist.
In der Welt sehen wir dafür folgendes Beispiel: Ein reicher Mann geht mit einem großen Weisen irgendwohin. Der Reiche trägt das Gepäck des Weisen und lässt es sich von keinem anderen abnehmen. Vielmehr sagt er, ihm gebühre das Privileg, das Gepäck des Weisen zu tragen, und keinem anderen.
Manchmal ist das Gepäck wegen seines Gewichts schwer zu tragen. Ein anderer Reicher, der den Weisen ebenfalls begleitet, möchte ihn ablösen und das Gepäck eine Weile tragen. Doch der erste willigt nicht ein, denn es ist für ihn ein großes Privileg, dem Weisen zu dienen.
Auch das Maß der Freude des Reichen hängt von der Größe der Weisheit des großen Weisen ab. Je weiser dieser im Vergleich zu den Menschen seiner Generation ist, desto mehr Freude empfindet der Reiche daran, ihm zu dienen.
Nehmen wir an, der große Weise hätte einem Träger für seine Arbeit zwei Dollar zahlen müssen. Beim Abschied von dem Reichen gibt er diesem drei Dollar und sagt: „Nimm dies für deine Mühe.“
Er sagt zu ihm: „Einem gewöhnlichen Träger hätte ich nur zwei Dollar gegeben. Dir aber, weil du reich und ein angesehener Mann bist, lege ich etwas hinzu und gebe dir drei Dollar.“ Welch eine Beleidigung wäre es für den Reichen, wenn er einen Lohn für seinen Dienst erhielte! Die Größe seines Lohnes besteht allein darin, dass er dem großen Weisen gedient hat, und nicht in einer Bezahlung für den Dienst.
So sollte auch im Spirituellen die Absicht des Menschen allein auf den Dienst gerichtet sein. Dadurch zeigt er, wie kostbar und wichtig es ihm ist, dem König zu dienen. Wenn er dagegen einen Lohn für den Dienst verlangt, zeigt dies, dass der König in seinen Augen keinerlei Bedeutung hat und seine ganze Absicht nur auf den Lohn gerichtet ist.
Vor allem ist ihm nicht wichtig, wem er dient, sondern wie viel Lohn er für den Dienst erhält. Er gleicht einem Träger, dessen ganze Absicht auf den Lohn gerichtet ist und dem es gleichgültig ist, für wen er Lasten trägt. Er denkt nur daran, wie viel er verdienen wird. Darin liegt der ganze Unterschied zwischen dem Dienst für den König um eines Lohnes willen und einer Absicht, die nicht darauf gerichtet ist, einen Lohn zu empfangen.
Damit der Mensch die Kraft zur Arbeit hat und sich mit Tora und Mizwot beschäftigen kann, muss er über die Größe und Erhabenheit des Schöpfers nachdenken. Genau in dem Maß, in dem er die Größe des Königs erkennt, fällt es ihm leichter, für den König zu arbeiten. Denn wenn er spürt, dass er dem König aller Könige dient, sollten seine Freude und sein Genuss ohne Ende und ohne Grenze sein.
Hier kann er sich vorstellen und sagen, dass der König nur ihm gestattet hat, vor Ihm zu stehen und Ihm zu dienen, während Er anderen diese Kraft nicht gegeben hat. Was immer diese tun, ist nicht darauf ausgerichtet, dem König zu dienen, sondern irgendeinem Herrn, der ihnen für die Lasten bezahlt, die sie den ganzen Tag für ihn tragen.
Ihnen ist gleichgültig, wer der Herr ist. Entscheidend ist nur, wer den höheren Lohn zahlt; diesem Herrn dienen sie und für ihn arbeiten sie.
Daraus wirst du deine Frage verstehen: Wenn der Mensch Lebenskraft in Tora und Arbeit verspürt – wenn er also fühlt, dass der Schöpfer ihn näherbringt, ihm die Möglichkeit gibt, Ihm zu dienen, und er dabei Freude empfindet –, könnte man sagen: Wer verpflichtet ihn zu Tora und Arbeit? Gewiss der Schöpfer, denn Er gibt ihm die Freude an Tora und Arbeit. Seine Absicht bei der Beschäftigung mit Tora und Arbeit ist dabei nicht, eine materielle Gegenleistung wie Ehre oder Geld zu erlangen. Dennoch wird dies lo liShma genannt. Warum?
Der Grund ist, dass die Freude ihn zur Beschäftigung mit Tora und Arbeit verpflichtet. Da im Menschen das Verlangen besteht, Freude zu empfangen, verpflichtet ihn dieses Verlangen, sich mit Tora und Arbeit zu beschäftigen, sobald er darin Freude empfindet. Wer also verpflichtet ihn, das heißt: Was ist der Grund dafür, dass er sich damit beschäftigt? Gewiss die Freude, die als Lohn bezeichnet wird.
Dies wird so betrachtet, dass er dem König dient, um einen Lohn zu empfangen: Seine Absicht ist auf den Lohn, also auf die Freude, gerichtet. Dann ist ihm gleichgültig, wer ihm die Freude gibt. Entscheidend ist nur, dass die Freude so groß ist, dass er sich ihr unterwirft.
Dies entspricht dem, was unsere Weisen zu einer halachischen Frage sagten: „Hier ist es anders, denn sein Trieb überwältigt ihn.“ Folglich steht er unter Zwang (siehe Traktat Ketubot 51, 53–54). Gemeint ist, dass er keine Wahl mehr hat. Denn wenn die Freude in einem Maß kommt, das größer ist als das, was der Mensch gewöhnlich zu empfangen gewohnt ist, hat er keine Kraft mehr, sie zu überwinden. Dies wird als Zustand ohne Wahl bezeichnet.
Daraus folgt, dass immer zwischen liShma und lo liShma unterschieden werden muss. Wenn seine Freude darin liegt, dass er während seiner Beschäftigung mit Tora und Arbeit Freude empfängt, dann ist die Freude sein Beweggrund, und es ist ihm gleichgültig, wer ihm diese Freude gibt.
Wenn die Freude hingegen daraus entsteht, dass er dem König dient, wird dies liShma genannt. Denn hier hängt alles davon ab, wem er dient, und dies richtet sich nach der Größe des Königs; in diesem Maß wächst die Freude. Sein Beweggrund ist also der König, und die Freude ist nur das Ergebnis seines Dienstes für den König. Dient er einem kleinen König, hat er wenig Freude; dient er einem großen König, hat er große Freude.
Wenn daher der König das Bestimmende und der Grund für die Arbeit ist, wird dies liShma genannt. Das gilt auch dann, wenn er Freude daran hat, dem König zu dienen, und selbst wenn er sich aufgrund der Größe des Königs annulliert und keinen Raum für eine Wahl hat; denn alles geschieht um des Königs willen. Dies wird somit liShma genannt: Seine Absicht ist, dem König zu dienen, und nicht, einen Lohn zu erhalten.
Das heißt: Wenn ihm daraus Freude erwächst, dass er dem König dient, ist nicht die Freude der Grund, sondern die Größe des Königs. Begehrt er hingegen die Freude, die ihm durch die Beschäftigung mit Tora und Arbeit zuteilwird, dann ist die Freude der Grund. Dieser Beweggrund wird lo liShma genannt, also um der Freude willen.
Daraus folgt für uns, dass die wichtigste Arbeit des Menschen darin besteht, über die Größe des Schöpfers nachzudenken. Er sollte also in Büchern lesen, die von der Größe des Schöpfers sprechen. Während des Lernens sollte er sich vorstellen, in welchem Maß unsere Weisen – die Tannaim, die Amoraim und andere – die Größe des Schöpfers empfanden.
Er soll zum Schöpfer beten, Er möge ihm leuchten und ihn Seine Erhabenheit empfinden lassen, damit er sein Herz unterwerfen und sich vor dem Schöpfer annullieren kann. Er soll sich nicht vom Strom der Welt mitreißen lassen, der einzig danach strebt, tierische Begierden zu erfüllen. Vielmehr möge der Schöpfer ihm die Augen öffnen, damit er sich sein ganzes Leben lang mit Tora und Arbeit beschäftigen kann. „Erkenne Ihn auf all deinen Wegen“ – das heißt, auch die Beschäftigung mit materiellen Dingen soll dem Wohl der Heiligkeit dienen.
Doch aus lo liShma gelangt man zu liShma. Das oben beschriebene liShma ist bereits eine hohe Stufe, und der Mensch muss mit lo liShma beginnen. Er soll also in voller Erkenntnis wissen, dass die wesentlichen Freuden in Tora und Arbeit zu finden sind und nicht im Materiellen.
Auch wenn er gegenwärtig an materiellen Dingen mehr Freude empfindet als an spirituellen Dingen, liegt dies daran, dass ihm die Vorbereitung in Tora und Arbeit fehlt; auch sie hängt vom Glauben an den Schöpfer ab. Dann empfindet man durch die Tora und den Glauben an den Schöpfer das Licht in der Tora, und dieses Licht führt den Menschen zum Guten zurück.
Möge der Schöpfer unsere Augen erleuchten und unser Herz erfreuen, und mögen wir würdig werden, das Ansehen der Tora zu erhöhen.
Dein Freund, Baruch Shalom HaLevi Ashlag
Sohn meines verehrten Vaters und Lehrers Baal HaSulam
korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026