Brief 75
Am Vorabend des Schawuot-Festes 5726 (24. Mai 1966)
Meinem Freund … Frieden und alles Gute auf ewig.
Ich sehne mich sehr danach zu erfahren, wie es um deinen Lebensunterhalt und dergleichen steht, vor allem aber, wie es um deine Gesundheit bestellt ist.
„Wenn ihr in Meinen Satzungen wandelt und Meine Mizwot bewahrt.“ Rashi erklärt: „Könnte dies die Erfüllung der Mizwot meinen? Wenn es heißt: ‚Und Meine Mizwot bewahrt‘, ist die Erfüllung der Mizwot bereits genannt. Wie ist demnach ‚Wenn ihr in Meinen Satzungen wandelt‘ zu verstehen? Dass ihr euch in der Tora müht. ‚Und Meine Mizwot bewahrt‘ – bemüht euch in der Tora, um zu bewahren und zu erfüllen“, und so weiter.
Wir müssen verstehen: Warum muss man sagen, der Vers „Wenn ihr in Meinen Satzungen wandelt“ lehre uns, uns in der Tora zu mühen? Schließlich kann man „Und Meine Mizwot bewahrt“ nicht erfüllen, ohne die Tora zu studieren, um zu wissen, was zu tun ist. Denn woher sollten wir wissen, welche Mizwot wir erfüllen sollen, wenn wir „in Meinen Satzungen wandelt“ nicht einhalten? Man könnte vielmehr sagen: Wenn der Vers uns gebietet, die Mizwot zu bewahren, müssen wir gewiss zuerst die Tora studieren. Dafür ist kein eigener Schriftvers nötig, denn es ist unmöglich, die Mizwot zu erfüllen, wenn man sie nicht kennt.
Hier geht es jedoch um etwas anderes als das Studium der Tora, durch das wir erfahren, wie die Mizwot zu erfüllen sind. Das heißt: Selbst wenn wir die Mizwot kennen, will der Körper sie nicht erfüllen. So weiß zum Beispiel jeder, dass es eine Mizwa gibt, den Schöpfer zu lieben. Doch nur wenige Auserwählte können die Mizwa der Liebe zum Schöpfer erfüllen, während die ganze Welt unter der Herrschaft der Selbstliebe steht.
Damit wir die Mizwot um des Schöpfers willen erfüllen können, wurde uns die besondere Kraft der Tora gegeben, wie unsere Weisen sagten: „Das Licht in ihr führt ihn zum Guten zurück.“ Dies geschieht gerade durch die Mühe in der Tora. In dem Maß, in dem sich der Mensch in der Tora müht, zieht er das Licht der Tora heran; dadurch erhält er die Kraft, die Mizwot zu erfüllen.
Darauf zielt Rashi mit seiner genauen Auslegung: „Wenn ihr in Meinen Satzungen wandelt – das heißt, dass ihr euch in der Tora müht.“ Dass wir die Tora studieren müssen, um zu wissen, welche Mizwot wir zu erfüllen haben, erfahren wir, wie oben gesagt, aus dem Vers „Und Meine Mizwot bewahrt“. Daher legen wir den Vers „Wenn ihr in Meinen Satzungen wandelt“ so aus, dass er uns lehrt, uns in der Tora zu mühen.
Dazu erklärt Rashi: „Und Meine Mizwot bewahrt – bemüht euch in der Tora, um zu bewahren und zu erfüllen.“ Auf den ersten Blick besteht hier gar kein Zusammenhang. Doch wie oben erklärt, muss man sich in der Tora mühen, damit man bewahren und erfüllen kann. Denn durch die Mühe erwirbt man das Licht in der Tora, und „das Licht in ihr führt ihn zum Guten zurück“. So wird es ihm möglich, zu bewahren und zu erfüllen.
Aus all dem sehen wir, wie groß die Kraft der Mühe ist: Sie kann alles Böse im Menschen in Gutes verwandeln. Beim Studium der Tora sind zwei Aspekte zu unterscheiden: 1. die Gesetze zu studieren, damit wir wissen, was wir tun sollen; 2. die Tora mit Mühe zu studieren, damit wir die Kraft erhalten, zu bewahren und zu erfüllen. Beim zweiten Aspekt ist es nicht mehr wichtig, ob man Gesetze oder einen Teil der Tora studiert, der überhaupt nicht von Gesetzen handelt. Entscheidend ist nur, dass dieser Teil der Tora Raum für Mühe bietet; dann verleiht die Tora dem Menschen das Licht in ihr. Möge der Schöpfer uns helfen, des Lichtes der Tora würdig zu werden.
Ich schließe meinen Brief mit dem Segen der Tora. Möge das Verdienst der Tora uns schützen, möge uns in allem Guten [in allen guten Dingen], im Materiellen wie im Spirituellen, Hilfe zuteilwerden, und mögen wir bald, in unseren Tagen, der vollkommenen Erlösung würdig werden. Amen.
Baruch Shalom HaLevi Ashlag
Sohn von Baal HaSulam
korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026