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Brief 67

Mit Hilfe des Schöpfers. 27. September 1963, Vorabend von Jom Kippur (Versöhnungstag) 5724, Bnei Brak.

Frieden und alles Gute in Ewigkeit meinem Freund …

Ich habe deinen Brief erhalten. Möge der Schöpfer dir und deiner ganzen Familie helfen, immer gesund und wohlauf zu sein. Für das neue Jahr sei es Sein Wille, dass es ein Jahr des Segens und des Erfolgs in allem wird, was du tust. Ich bitte dich, mir öfter zu schreiben, denn ich sehne mich sehr danach zu hören, wie es dir und deiner Familie geht.

In den Slichot (Vergebungsgebeten) am Vorabend von Rosh HaShana (Neujahrsfest) sagen wir: „Wie soll ich den Mund auftun, und wie soll ich meine Augen erheben? Denn ich habe keine Taten, und in meiner Hand ist kein Verdienst“, und so weiter. Ebenso sagen wir:

„Und wenn Du nach meinem Tun mein Maß vollendest, fürchte ich mich, denn ich bin nackt“, und so weiter. Ebenso: „Nicht mit Gnade und nicht mit Taten sind wir vor Dich gekommen; wie Arme und Bedürftige haben wir an Deine Tür geklopft.“ Das bedeutet, dass nichts Gutes in uns ist. Zugleich sagen wir anschließend: „Fern sei es von Dir, so zu handeln und den Gerechten zusammen mit dem Frevler zu töten, sodass der Gerechte dem Frevler gleich wäre. Fern sei es von Dir! Sollte der Richter der ganzen Erde nicht Recht üben?“

Wir müssen verstehen, wie es sein kann, dass wir einerseits sagen, es gebe in uns keinerlei gute Taten, und andererseits mit einer Forderung zum Schöpfer kommen und sagen: „Fern sei es von Dir, so zu handeln und den Gerechten zusammen mit dem Frevler zu töten“, und so weiter. Es stellt sich die Frage: Wer ist der Gerechte? (Siehe Rashis Kommentar zu diesem Vers im Wochenabschnitt WaYera.)

Bekanntlich ist der Mensch eine kleine Welt. Das heißt, er umfasst alle Völker der Welt, die unter der allgemeinen Bezeichnung „Böser Trieb“ (Jezer haRa) zusammengefasst werden. Das bedeutet, dass jeder Mensch alle verwerflichen Eigenschaften umfasst, die in jedem einzelnen Volk vorhanden sind. Ebenso umfasst er Israel, das als „Guter Trieb“ (Jezer haTov) bezeichnet wird.

Wenn ein Mensch keine guten Taten hat, liegt es daran, dass der Körper unter der Herrschaft des Bösen Triebs steht. Dann wird der Mensch „Frevler“ genannt. (Siehe Bava Batra 16a: „Rabba sagte: Hiob wollte die ganze Welt vom Gericht befreien. Er sprach vor Ihm: ‚Herr der Welt … Du hast Gerechte erschaffen, Du hast Frevler erschaffen – wer kann Dich daran hindern?‘“ Rashi erklärt dort: „‚Du hast Gerechte erschaffen‘ – durch den Guten Trieb. ‚Du hast Frevler erschaffen‘ – durch den Bösen Trieb. Daher kann niemand Deiner Hand entkommen; denn wer könnte Dich hindern? Die Sünder sind gezwungen.“ Daraus sehen wir, dass der Gute Trieb „Gerechter“ und der Böse Trieb „Frevler“ genannt wird.)

Daraus folgt: Wenn ein Mensch keine guten Taten hat, dann nur deshalb, weil der Frevler in ihm an der Spitze steht und der Gerechte in ihm der Schwanz ist. Das bedeutet, dass der Gerechte dem Frevler folgt und keinerlei Befugnis hat, sich zu widersetzen. Dies wird als Exil des Gerechten bezeichnet: Israel in ihm ist im Exil, der Herrschaft der Völker der Welt unterworfen, und besitzt keinerlei eigene Befugnis.

So können wir unsere Forderung an den Schöpfer verstehen: „Fern sei es von Dir …, den Gerechten zusammen mit dem Frevler zu töten.“ Denn das ganze Leben der Frevler gilt als Tod, wie unsere Weisen sagten: „Die Frevler werden schon zu Lebzeiten Tote genannt.“ Das Leben, das sie in dieser Welt genießen, hindert sie daran, ewiges Leben zu erlangen. Das gesamte Schöpfungsziel – Seinen Geschöpfen Gutes zu tun – kann nicht erlangt werden, solange der Mensch dem Schöpfer fern ist, denn „Verfluchtes kann nicht am Gesegneten anhaften“. Daher werden die Frevler schon zu Lebzeiten Tote genannt. Dies bedeutet, dass die Frevler zum Tod verurteilt werden.

Solange der Gerechte unter der Herrschaft des Frevlers steht und weder Kraft noch Stärke hat, ihn zu überwinden, wird auch der Gerechte zum Tod verurteilt. Denn wegen des Frevlers in ihm, der ihn daran hindert, am Schöpfer anzuhaften, kann er nichts Gutes vom Schöpfer empfangen. Somit gilt auch der Gerechte als tot. Darin besteht die Forderung an den Schöpfer: „Fern sei es von Dir, den Gerechten zusammen mit dem Frevler zu töten.“ Das heißt, der Gerechte in uns – der Gute Trieb – kann nichts bewirken, weil die Frevler ihn kein spirituelles Leben herabziehen lassen.

Wenn der Mensch daher sieht, dass er keine guten Taten hat, weiß er, dass der Grund darin liegt, dass das Böse in ihm herrscht, während Israel – der Gerechte, der als Guter Trieb bezeichnet wird – im Exil ist. Dann bitten wir den Schöpfer und bringen vor Ihm die Forderung vor: Er hat uns einen Guten Trieb gegeben, doch dieser hat keine Kraft, weil er im Exil ist. Deshalb wird auch der Gerechte zum Tod verurteilt. Dies ist die Bedeutung von „Fern sei es von Dir, so zu handeln“. Vielmehr möge der Schöpfer uns aus dem Exil führen. Denn welchen Nutzen hat der Gute Trieb, der als Gerechter bezeichnet wird, wenn er keinerlei Kraft besitzt? Dann wäre der Gute Trieb, der uns gegeben wurde, umsonst.

Dies ist unsere Forderung: „den Gerechten zusammen mit dem Frevler zu töten, sodass der Gerechte dem Frevler gleich wäre“. Es scheint nämlich, als würden beide dasselbe tun. Doch der Schöpfer möge Sich unser erbarmen und uns aus dem Exil führen.

Dies gilt gerade dann, wenn wir sehen, dass wir keinerlei gute Taten haben, oder wenn der Mensch selbst weiß, dass der entscheidende Grund allein darin liegt, dass der Gerechte unter der Herrschaft des Frevlers im Exil ist.

Darum bitten wir den Schöpfer und setzen in der Nacht von Rosh HaShana ein Zeichen, indem wir sagen: „Möge es Dein Wille sein, dass wir zum Haupt und nicht zum Schwanz werden.“ Das bedeutet: Israel in uns soll das Haupt und der Frevler der Schwanz sein. Dann werden wir eines langen Lebens und des Guten im Schöpfungsziel würdig, das darin besteht, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun.

Und mögen wir einer guten endgültigen Besiegelung würdig werden.

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026