Brief 57
Mit Hilfe des Schöpfers, am Vorabend von Schawuot 5722 (7. Juni 1962), hier in Antwerpen, möge der Schöpfer die Stadt beschützen
Frieden und alles Gute auf ewig an …
Ich habe euch keine Neuigkeiten zu schreiben. Ich ziehe von Ort zu Ort und von Land zu Land, bis wir wieder in das Land Israel zurückkehren. Doch wir müssen hoffen, dass wir bei unserer Rückkehr den guten Geschmack des Landes Israel kosten dürfen; dann wird das Exil nicht mehr nötig sein. Denn das Exil entsteht nur, wenn man den Wert des Landes nicht wahrt und es folglich nicht so ehrt, wie es ihm gebührt. Daher wirft das Land den Menschen ins Ausland hinaus, wie geschrieben steht: „Und das Land wird euch ausspeien“ und so weiter.
Obwohl die Tora gerade in der Wüste empfangen wurde, bestand die Absicht darin, sie im Land zu erfüllen. Wenn wir also beim Empfang der Tora auf uns nehmen, sie dort zu erfüllen, werden wir würdig, das Land zu betreten und die Tora zu erfüllen. Ohne Tora kann man jedoch nicht in das Land eintreten, denn allein das Licht in der Tora führt den Menschen zum Guten zurück.
Dies ist die Bedeutung von: „Alle stimmen darin überein, dass wir am Wochenfest (Atzeret) auch ‚für euch‘ brauchen.“ Bekanntlich gibt es die Stufe „Tora des Schöpfers“ und die Stufe „seine Tora“. An Atzeret, das für den Empfang der Tora steht, muss auch „für euch“ gelten; das heißt, sie muss zur Stufe „seine Tora“ werden. Andernfalls ist es kein Empfang der Tora, sondern sie heißt „Tora des Schöpfers“. Durch die Tora des Schöpfers wird man des Lichts der Tora würdig und dadurch auch des Eintritts in das Land Israel. Danach wird man der Stufe „seine Tora“ würdig – der Tora, die nach dem Land Israel kommt.
Doch damals, beim Empfang der Tora durch Moses, unseren Lehrer, wurden sie sofort der Freiheit würdig. So sagten unsere Weisen: „Lies nicht charut (eingraviert), sondern cherut (Freiheit).“ Damals waren sie nicht dem Zwang unterworfen, in das physische Land Israel einzutreten, sondern wurden unmittelbar des spirituellen Landes Israel würdig. Dies galt jedoch nur vorübergehend. Später sagten unsere Weisen, dass ihnen die beiden Kronen, die Israel empfangen hatte, als es „Wir werden tun“ vor „Wir werden hören“ stellte, wieder genommen wurden.
Daraufhin begann die Arbeit von Neuem: in das Land Israel einzutreten und des Lichts der Tora würdig zu werden, danach aber der eigentlichen Tora, die „die Namen des Schöpfers“ heißt.
Möge der Schöpfer uns helfen, den hohen Wert des Landes Israel zu verstehen und es so zu schätzen, dass es uns – Gott bewahre – nicht ausspeit. Im heiligen Sohar (Tazria, Punkt 6) steht über den Vers: „Eine tüchtige Frau – wer findet sie? Weit über Perlen geht ihr Wert (michrah).“ Der heilige Sohar fragt: Es müsste „Weit über Perlen geht ihr Kaufpreis“ heißen. Warum steht dort michrah? Er antwortet: Wer das Land nicht zu bewahren und wertzuschätzen weiß, den verkauft es an die Klipot (Schalen). Darum steht dort michrah („sie verkaufte“).
Daher wollen wir hoffen, dass wir von heute an wissen, wie wir auf dem geraden Weg gehen sollen, und des Empfangs der Tora würdig werden. Ich wünsche euch ein frohes Fest.
Baruch Shalom HaLevi Ashlag
korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026