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Brief 55

19. Januar 1962, Vorabend des Neujahrs der Bäume, Bnei Brak

Friede und alles Gute auf ewig meinem Freund …

Ich danke dir für die Einladung zur Hochzeit, die ich erhalten habe. Ich bedaure, dass ich nicht aus der Nähe an eurer Freude teilnehmen kann, doch ich werde aus der Ferne daran teilnehmen. Denn Freude ist eine spirituelle Angelegenheit, und in der Spiritualität kann der Ort überhaupt nichts bewirken. Nur in der Körperlichkeit entfernt oder nähert der Ort; in der Spiritualität dagegen kann man selbst aus räumlicher Ferne an eurer Freude teilnehmen, denn wir brauchen nur die Annäherung der Herzen. Ich sende dem Bräutigam und der Braut meinen Segen. Möge ein Geschlecht von Aufrechten gesegnet sein und möge es ein Bau für alle Ewigkeit sein.

Nebenbei schreibe ich dir, was ich über den fünfzehnten Schwat gesagt habe. Unsere Weisen sagten: „Rabbi Jochanan sagte: Was bedeutet, was geschrieben steht: ‚Denn der Mensch ist der Baum des Feldes‘? Ist denn der Mensch ein Baum des Feldes? Vielmehr deshalb, weil geschrieben steht: ‚Denn von ihm darfst du essen, aber ihn nicht fällen‘, und zugleich geschrieben steht: ‚Ihn sollst du zerstören und fällen.‘ Wie ist das zu verstehen? Wenn er ein würdiger Schüler der Weisen ist, dann ‚darfst du von ihm essen, aber ihn nicht fällen‘. Wenn nicht, dann ‚sollst du ihn zerstören und fällen‘.“

Man muss verstehen, welche Verbindung zwischen einem würdigen Schüler der Weisen und dem Baum des Feldes besteht. Denn der Vers sagt: „Du sollst seinen Baum nicht zerstören, indem du die Axt gegen ihn schwingst, denn von ihm darfst du essen … Nur einen Baum, von dem du weißt, dass er kein Fruchtbaum ist, den darfst du zerstören und fällen.“ Der Vers spricht also von einem Baum. Welchen Beweis liefert er dann für den Menschen?

Der heilige Sohar sagt: „Ein anderer Gott ist unfruchtbar und bringt keine Früchte hervor.“ Das heißt: Wer nicht um des Himmels willen arbeitet, sieht in seiner Arbeit keine Früchte. Und was sind die Früchte? Im Midrash heißt es: „Dies sind die Nachkommen Noahs. Das ist, was geschrieben steht: ‚Die Frucht des Gerechten ist ein Baum des Lebens.‘ Was sind die Früchte des Gerechten? Mizwot und gute Taten.“ So weit seine Worte.

In der Gemara wird vor dem Ausspruch Rabbi Jochanans Folgendes angeführt: „Es wurde gelehrt: Rabbi Banaa sagt: Für jeden, der sich mit der Tora liShma beschäftigt, wird seine Tora zum Lebenselixier, wie gesagt wurde: ‚Sie ist ein Baum des Lebens für die, die an ihr festhalten‘, und es heißt: ‚Heilung wird sie für deinen Leib sein‘ usw. Für jeden aber, der sich mit der Tora lo liShma beschäftigt, wird sie zum Todestrank, wie gesagt wurde: ‚Meine Lehre träufle wie Regen.‘ Denn das Genickbrechen (Arifa) bedeutet nichts anderes als Töten, wie gesagt wurde: ‚Und sie sollen dort im Bachtal der jungen Kuh das Genick brechen.‘“ Man muss verstehen, wie diese Aussagen zusammenhängen.

Vielmehr ist dies auf dem Weg der ethischen Unterweisung zu erklären. Rabbi Jochanan fragt: „Ist denn der Mensch ein Baum des Feldes?“ Das heißt: Welche Ähnlichkeit besteht zwischen einem Menschen und dem Baum des Feldes? Was lernen wir daraus, dass der Text den Menschen mit dem Baum des Feldes vergleicht? Als Beleg dafür führt er den Vers an: „Von ihm darfst du essen, aber ihn nicht fällen“ usw.; gemeint ist ein Schüler der Weisen. Wenn er würdig ist, das heißt, wenn er liShma lernt – wenn er also Dinge lernt, die ihn dazu bringen, Früchte hervorzubringen, das heißt, wenn diese Studien ihm Früchte bringen werden, nämlich Mizwot und gute Taten –, dann soll er diese Lehre studieren, denn dadurch wird er mit dem Lebenselixier belohnt werden. Das ist die Bedeutung von „Von ihm darfst du essen, aber ihn nicht fällen“. Wenn nicht – wenn du siehst, dass die Lehren, die er studiert, ihn nicht dazu bringen, Mizwot und gute Taten zu vollbringen, die „Früchte“ genannt werden –, dann wisse, dass dies zur Sitra Achra und nicht zur Heiligkeit gehört.

Daher stammt der Brauch, am fünfzehnten Schwat Früchte zu essen, als Hinweis darauf, dass wir auf dem Weg der Heiligkeit gehen und Früchte haben.

Von deinem Freund, der dir und deiner Familie alles Gute auf ewig wünscht.

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026