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Brief 32

Mit der Hilfe des Schöpfers, 11. Nisan 5717 (12. April 19571)

An die Freunde, mögen sie ewig leben,

Seit geraumer Zeit habe ich keine Briefe von euch erhalten. Eure Ausreden sind mir zwar schon lange bekannt, doch ist auch euch klar, dass die größte Schwierigkeit gerade darin besteht, dass ihr Ausreden habt. Hoffen wir, dass der Schöpfer uns helfen wird.

Da das Pessachfest naht, wollen wir ein wenig über das Blut des Pessachopfers und das Blut der Beschneidung sprechen. Das Wort Dam (Blut) bedeutet Dmama (Schweigen, Stille), wie in den Worten: „Und Aaron schwieg“2 und „Schweige vor dem Ewigen“3. Das heißt: Er fragt nicht „Warum?“, obwohl er Fragen hat. Und dem Verständigen genügt dies.

Um das Gesagte zu verstehen, stellen wir die Worte unserer Weisen voran: Tanu Rabbanan (die Weisen lehrten): „Die beleidigt werden und nicht beleidigen, ihre Schmähung hören und nicht antworten, aus Liebe handeln und sich über Leiden freuen – über sie sagt die Schrift: ‚Die Ihn lieben, sind wie die Sonne, wenn sie in ihrer Macht aufgeht.‘4“ Rashi erklärt5: „Sie erfüllen Mizwot aus Liebe zum Schöpfer, nicht um Lohn zu erhalten und nicht aus Furcht vor Strafen“ (Traktat Gittin 36b6).

Die Erklärung lautet: Wenn ein Mensch mit größerer Anstrengung in die Arbeit eintritt, als ihm durch seine Erziehung vermittelt wurde, bildet sich in seinem Herzen ein innerer Anspruch. Schließlich fragt er: Gemessen an seiner Arbeit und seiner Mühe in Tora und Mizwot, die größer sind als die seiner Altersgenossen, hätte Sich der Schöpfer ihm längst offenbaren, ihm den Geschmack der Tora und den Geschmack der Mizwot offenbaren und mit ihm Freude haben müssen. So steht geschrieben: „Israel, an dem Ich Mich verherrliche.“7 Das bedeutet, dass der Schöpfer mit den Dienern des Schöpfers Freude hat.

Doch er sieht etwas anderes: Trotz all seiner Mühe und Anstrengung ist er gegenüber seinen Altersgenossen zurückgefallen. Und dem Verständigen genügt dies. Statt die Stimme des Schöpfers zu hören, die zu ihm spricht, hört er seine Schmähung, wie geschrieben steht: „Mit der Deine Feinde geschmäht haben“.8 Das heißt, man nimmt keine Rücksicht auf ihn. (Daraus folgt, dass all seine Mühe und Anstrengung in Tora und Arbeit vergeblich waren9. Und dem Verständigen genügt dies.)

Dann fühlt er sich gedemütigt und beleidigt, denn er steht auf einer niedrigeren Stufe als alle seine Altersgenossen.

Obwohl er zu einer solchen Zeit bei seinen Altersgenossen kein Zeichen von Größe erkennen kann, sagt er sich dennoch: Wenn die anderen die Ordnung der Arbeit und das Verständnis der Tora hätten, die ich besitze, würde der Schöpfer ihre Worte gewiss erhören, und ihre Mühe wäre nicht vergeblich. (Ich habe hier zwei Dinge miteinander vermischt: den Aspekt des Verstandes für jene, die verstehen, und ebenso den Aspekt der Verzweiflung für jene, die verstehen.)

Bekanntlich ist die Wahrheit das Wichtigste, denn „ein Richter kann nur nach dem urteilen, was seine Augen sehen“10. Wenn er daher seinen wahren Zustand mit all den Gedanken sieht, die an seinem Verstand nagen, ergeben sich für ihn daraus zwei Dinge:

1) Er fühlt sich beleidigt, das heißt, man nimmt keine Rücksicht auf ihn.

2) Danach gelangt er in den zweiten Zustand, in dem er seine Schmähung hört. Und dem Verständigen genügt dies.

Deshalb empfindet er großes Leid, wenn er sich in diesem Zustand behaupten will. Das ist die Bedeutung von „die beleidigt werden“: Er fühlt sich beleidigt, das heißt, man beachtet ihn nicht. „Und nicht beleidigen“ bezieht sich auf Handelnden und Handlung. Die Handlung besteht darin, dass er sich beleidigt fühlt; der Handelnde, der die Beleidigung zufügt, heißt „Beleidigender“. Er sagt jedoch, dass die Absicht des Schöpfers nicht darin besteht, ihn zu beleidigen. Im Gegenteil: Es ist der Weg des Schöpfers, Gutes zu tun.

Ebenso hört er seine Schmähung und antwortet nicht. Das heißt, er sucht keine Ausreden, nach dem Geheimnis der Worte: „Kusch streckt seine Hände zu Gott aus“.11

Da stellt sich die Frage: Was ist die Wahrheit? Warum lässt der Schöpfer ihn einen so niedrigen Zustand und solches Leid empfinden?

Die Sache ist: Wenn ein Mensch in die Arbeit liShma (um des Gebens willen) eintritt, also keine Gegenleistung für seine Mühe erwartet, und sowohl im Verstand als auch im Herzen auf sich nimmt, frei von jedem Eigeninteresse zu sein, gibt man ihm von oben die Möglichkeit, seinen Zustand zu sehen: Ist seine Absicht wirklich liShma? Wenn er dann die Prüfung besteht, lässt man ihn in den Palast des Schöpfers eintreten, und er sitzt im Schatten des Königs.

Daraus folgt: Nur hier, in diesem Zustand, kann er das wahre Maß seiner Liebe zum Schöpfer enthüllen, ohne Lohn zu nehmen, denn jetzt hat er nichts als Leid. Dies wird so bezeichnet, dass der Weg der Tora lautet: „Du sollst ein Leben voller Leid führen.“12 Bevor man diesen Zustand eines Lebens voller Leid durchschreitet, in dem die Mühe geeignet ist, zum Finden des Schöpfers zu führen, besteht sein ganzer Halt nur im Geheimnis der Anziehungskraft der Heiligkeit.

So erklärte mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) die Worte unserer Weisen: „Eine Frau ist ein Schlauch voller Unrat, und alle laufen ihr nach.“13 Ich habe euch die Erklärung dazu gegeben, die sich nicht schriftlich festhalten lässt. Dies entspricht den Worten: „Ester war grünlich, und ein Faden der Gnade war über sie gespannt.“14 Darin liegt das Geheimnis der Worte: „Ihr Vater hätte ihr ins Gesicht gespuckt.“15

Hier bedarf es der Hilfe des Himmels. Das ist die Bedeutung des Blutes des Pessachopfers und des Blutes der Beschneidung: Man kann standhalten und während der Beschäftigung mit der Tora schweigen, die Peh-Sach (sprechender Mund) genannt wird, und beim Erfüllen der Mizwot, auf die das Gebot der Beschneidung hinweist. Dann wird man würdig, aus dem Exil auszuziehen und in die Erlösung einzutreten, die im Geschmack der Tora und im Geschmack der Mizwot besteht.

Der Brief blieb bei mir, und ich sandte ihn nicht ab. Nun reise ich morgen, am 1. Ijar 571716 (2. Mai 1957), nach Amerika; daher sende ich euch den Brief jetzt.

Euer Freund Baruch Shalom HaLevi Ashlag

korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026


  1. Hebräisches Datum: 11. Nissan 5717. 

  2. Levitikus (3. Buch Mose) 10,3. 

  3. Psalm 37,7. 

  4. Richter 5,31. 

  5. Traktat Gittin 36b, Kommentar Rashi. 

  6. Traktat Gittin 36b. 

  7. Jesaja 49,3. 

  8. Psalm 89,52. 

  9. Wörtlich: „auf dem Horn der Gazelle“ – nach einer Wendung aus Traktat Ketubot 107b. 

  10. Traktat Bava Batra 131a. 

  11. Psalm 68,32. 

  12. Traktat Avot 6,4. 

  13. Traktat Schabbat 152a. 

  14. Traktat Megilla 13a. 

  15. Numeri (4. Buch Mose) 12,14. 

  16. 2. Mai 1957.