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Brief 23

Elul 5716 (August 1956)1, Manchester

An die Freunde, mögen sie ewig leben,

Ich möchte mich der Gemeinschaft nähern, jetzt, da das neue Jahr bevorsteht. Wir müssen uns in der festen Zuversicht stärken, dass wir einer allgemeinen Erlösung würdig werden: Der Name der Herrlichkeit Seines Königtums wird sich über der ganzen Erde offenbaren, und die Fernen werden hören und kommen. Das heißt: Jene, die spürten, dass sie von der Arbeit in der Reinheit der Heiligkeit entfernt waren, werden des Hörens würdig werden. Dann werden Tun und Hören vereinigt, wie geschrieben steht: „Er richtet den Geringen aus dem Staub auf, aus dem Unrat erhebt Er den Armen.“2

Bekanntlich gibt es zwei allgemeine Aspekte:

1) den Aspekt des Verstandes (Mocha),

2) den Aspekt des Herzens (Liba).

Wenn der Mensch bei seiner Arbeit den Geschmack von Staub empfindet, wie es heißt: „Die Schlange – all ihre Nahrung ist Staub“3, wenn also Tora und Mizwot für ihn nur nach Staub schmecken, liegt der Grund darin, dass er gering ist, weil ihm der Aspekt des Glaubens fehlt. Ebenso fällt er in den Aspekt des Herzens: Sein Verlangen zu empfangen richtet sich auf die Begierden dieser Welt, die „Unrat“ genannt werden; dann ist er „arm“.

Wenn er darüber bekümmert ist, darüber betet und zum Schöpfer schreit, Er möge ihm aus seiner Bedrängnis helfen – was ruft er dann? „Er richtet den Geringen aus dem Staub auf.“ Denn ich bin gering und schmecke den Geschmack von Staub; ich bin arm und liege im Unrat. All dies kommt von der Verhüllung des Angesichts, die in der Welt herrscht. Dann bitten wir den Schöpfer, uns aus der Knechtschaft in die Freiheit zu führen.

Dies ist die Bedeutung dessen, dass der Vorbeter neben der Säule (Amud)4 betet5. Im Sulam wird erklärt, dass die Säule das AChaP des Oberen bezeichnet, das in die GE des Unteren gefallen ist. Wenn der Obere sein AChaP erhebt, steigen auch die GE des Unteren auf. Und wie geschrieben steht, steigen die Seelen gerade durch die Säule von Welt zu Welt; sie ist die Verbindung zwischen dem Oberen und dem Unteren.

Im Sinne unseres Weges lässt sich das oben Gesagte so erklären: Die Gefäße des Oberen sind an den Ort des Unteren gefallen. Gemeint ist, dass der Untere die Kleinheit (Katnut) des Oberen empfindet. Das ist die Bedeutung von: „Wenn Israel ins Exil geht, ist die Shechina bei ihnen.“6 Auch die Shechina befindet sich bei ihnen im Exil, das „Shechina im Staub“ genannt wird, wie oben gesagt wurde: Der Mensch empfindet in Tora und Arbeit den Geschmack von Staub.

Wenn der Mensch über das Exil der Shechina bekümmert ist, bedeutet dies nicht, dass die Shechina – Gott behüte – tatsächlich im Exil ist. Vielmehr verbirgt sie sich um Israels willen und stimmt zu, dass der Untere über den Oberen alles sagt, was er sagen soll. Der Untere spricht so, weil er es so empfindet.

Wenn er darüber bekümmert ist und mit allen Worten des Flehens darum betet, die Shechina aus dem Staub aufzurichten, offenbart sich der Obere dadurch dem Unteren in seiner ganzen Größe (Gadlut). Dann steigt von selbst auch der Untere auf. Daraus folgt, dass dies die ganze Bedeutung der oben genannten Säule ist: Gerade durch diese Säule steigen die Gebete von Welt zu Welt auf, nämlich von einer Offenbarung zu größerer Klarheit. Deshalb muss man gerade neben dieser Säule beten.

Daraus verstehen wir, warum Rosh HaShana und Jom Kippur als Feiertag gelten, obwohl sie Gericht sind. Das Gericht geht hauptsächlich von der Vollkommenheit aus, die sich zu diesen Zeiten offenbart. Dabei muss man die Äußeren fürchten, damit der Mensch nicht im Aspekt des Verstandes und des Herzens zum Empfangen für sich selbst gelangt. Deshalb muss man das Erwachen zur Umkehr (Teshuwa) verstärken.

Umkehr bedeutet, das Verlangen zu empfangen zum Verlangen zu geben zurückzuführen. Dadurch kehrt man zurück, haftet wieder an seiner oberen Quelle an und wird der ewigen Anhaftung (Dwekut) würdig. Dann kann man die Vollkommenheit empfangen, die sich an den Ehrfurcht gebietenden Tagen offenbart; denn die Nahrung des Menschen wird an Rosh HaShana festgesetzt. Das bedeutet, dass sich das Licht von Chochma, Vollkommenheit und Klarheit offenbart.

Doch wir müssen Gefäße vorbereiten, die zum Empfangen geeignet sind, nämlich das Licht von Chassadim, das wir herabziehen müssen. Dies ist der Aspekt der Umkehr und des Erwachens des Erbarmens, im Sinne von: „Wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig.“ Denn dann können wir die ganze Vollkommenheit in Reinheit empfangen.

Deshalb wird dies aufgrund der Offenbarung der Vollkommenheit „Feiertag“ genannt. Das ist die Bedeutung von: „Stoßt am Neumond in das Shofar, bei der Verhüllung7, am Tag unseres Festes.“8 Das Wort Shofar kommt von „Verbessert (shapru) eure Taten“, denn nun ist der Mond bedeckt; dies bezeichnet den Aspekt der Verhüllung.

Wegen des Vorabends des Feiertags konnte ich nicht ausführlicher schreiben. Ich wünsche euch eine gute Einschreibung und Besiegelung.

Von eurem Freund, der sich nach eurem Frieden und Wohlergehen erkundigt,

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026


  1. Jüdisches Datum: Elul 5716. 

  2. Psalmen 113,7. 

  3. Siehe Traktat Yoma 75a. 

  4. Der Vorbeter in der Synagoge (Schaliach Zibur) betet an einem Pult, das „Amud“ (Säule) genannt wird. 

  5. Siehe Traktat Megilla 24a. 

  6. Jerusalemer Talmud, Traktat Pea 3,1. 

  7. Wörtlich „Bedeckung“ [des Mondes]. 

  8. Psalmen 81,4.