Brief 25
Freitag, am Vorabend des heiligen Schabbat, 19. Kislew, hier in Manchester
An die Freunde, mögen sie leben,
Ich habe mehrere Briefe von … erhalten.
Ich wäre sehr froh, wenn ich mit euch zusammen sein könnte. Doch was kann man tun, wenn die Zeit die Ursache ist? Es gibt jedoch Mizwot, die man erfüllen kann und deren Ursache nicht die Zeit ist – Dinge also, die über der Zeit stehen. Denn der Mensch ist an sich durch Zeit und Ort begrenzt. Wenn er sich aber darum bemüht, am Schöpfer anzuhaften, muss er Ihm gleich werden, das heißt, über Ort und Zeit stehen.
Bekanntlich wird der Ort Kli (Gefäß) genannt, also das bekannte Verlangen zu empfangen. Über dem Ort zu stehen bedeutet, dass der Mensch nicht will, dass seine ganze Anstrengung nur seinem eigenen Ort gilt, sondern dem gesegneten ‚Ort‘, der der Ort der Welt ist. Mit anderen Worten: Seine ganze Anstrengung soll allein dem Geben gelten. Über der Zeit zu stehen bedeutet, dass die Zeit zum Verstand gehört. Der Verstand des Menschen gibt ihm immer zu verstehen, jetzt ist nicht die geeignete Zeit, Seine Arbeit um Seines Namens willen auf sich zu nehmen; dem Verständigen genügt dies. Deshalb muss man immer über der Zeit gehen. Sage nicht, die früheren Tage seien besser gewesen als die heutigen oder dergleichen. Vielmehr müssen die Kräfte, also die Grundlagen, auf denen man die ganze Arbeit aufbaut, immer wieder erneuert werden, bis man eines dauerhaften Verweilens der Shechina (göttliche Gegenwart) würdig wird.
Man muss immer auf zwei Wegen gehen, die einander widersprechen: im Zustand des Mangels und im Zustand der Vollkommenheit – also im Gebet sowie in Lob und Dank.
Siehe im Sohar (WaYeshew, im Sulam-Kommentar, Blatt 12): „Deshalb wird jener Körper zerbrochen und die Seele gereinigt. Darum lässt der Schöpfer jenen Gerechten Leiden und Schmerzen in dieser Welt ertragen, damit er von allem gereinigt wird und des Lebens in der Kommenden Welt würdig wird. Darüber steht geschrieben: ‚Der Ewige prüft den Gerechten‘, gewiss“ (Sulam-Kommentar zum Sohar, WaYeshew, Blatt 12, Punkt 36). Und in Punkt 38 heißt es: „Wenn der Mond mangelhaft wird …“ Das heißt: Eine Seele, die hervorgeht, während der Mond mangelhaft ist, fügt dem Körper einen Mangel zu.
Im Sulam-Kommentar (unter dem Stichwort „Jedoch“) wird gefragt: „Wie kann man sagen, die Seele füge dem Körper einen Mangel zu?“ Er erklärt, dass der Mangel der Seele aus der Verminderung in Bina hervorgeht und Malchut diese Verminderung übernimmt. Nach dem Geheimnis „Die Mutter leiht ihrer Tochter ihre Kleider [Kelim]“ werden dadurch auch die Körper fähig, die Gadlut (Erwachsensein) zu empfangen. Dieser Mangel, den die Seelen den Körpern zufügen, dient somit der Korrektur des Körpers und macht ihn fähig, das Licht der Gadlut zu empfangen. So weit seine Worte.
Um dies für die Zeit der Vorbereitung auf den Eintritt in den Palast des Königs zu verstehen, können wir erklären: Der Körper ist auf seine Weise vollkommen, das heißt, er empfindet keinen Mangel an sich. Anders ist es bei einem körperlichen Mangel: Dann sitzt man nicht untätig und verzweifelt da; vielmehr weckt das Empfinden des Mangels im Menschen Einfälle und Ratschläge, und er verfällt niemals der Verzweiflung. Dies richtet sich genau nach dem Maß, in dem er den Mangel empfindet. Betrachtet er das, wonach er verlangt, als Luxus, so empfindet er bei einer Luxussache keinen so großen Mangel und verfällt leicht der Verzweiflung.
Das geschieht jedoch nicht deshalb, weil das Gewünschte schwer zu erlangen ist, sodass er sich mit der Lage abfindet und verzweifelt sagt: „Ich habe bereits alles getan, was ich konnte, und weiß keinen Rat mehr, wie ich das Gewünschte erlangen kann“, und deshalb nicht mehr daran denkt. Vielmehr geschieht es, weil das, wonach er verlangt, für ihn überflüssig ist; denn bei Luxus empfindet man den Mangel nicht so stark wie bei etwas Notwendigem. Mit etwas Notwendigem wird sich der Mensch niemals abfinden. Er wird sich immer wieder Rat und Mittel überlegen, um es zu erlangen. Denn die einzige Antriebskraft des Menschen, die ihn nicht verzweifeln lässt und ihn jedes Mal Neues finden lässt, ist die Kraft des Mangels.
Dies hängt von der Größe des Mangels ab, und sie wird am Maß der Leiden gemessen. Ein großes Bedürfnis bedeutet: Erlangt der Mensch das Gewünschte nicht, leidet er sehr. Ein kleines Bedürfnis bedeutet: Hat er das Gewünschte nicht, leidet er nicht; hätte er es jedoch, wäre er vollkommener. Jeder Mensch bestimmt selbst, in welchem Maß etwas für ihn notwendig oder Luxus ist. So sagten unsere Weisen: Wenn ein Mensch daran gewöhnt ist, dass ein Diener vor ihm herläuft, muss man ihm auch dies als Lebensnotwendigkeit gewähren. Und es wird von Hillel erzählt, er sei vor ihm hergelaufen und so weiter. Somit kann jeder Mensch bestimmen, was für ihn notwendig ist.
Das bedeutet, dass die Seele dem Körper einen Mangel zufügt. Solange der Mensch keine Seele hat, hat er nämlich einen vollkommenen Körper, das heißt, er empfindet die Arbeit auf dem Weg der Reinheit nicht als notwendig. Wenn er sich dagegen mit Tora und Mizwot beschäftigt, führt ihn das Licht in ihr zum Guten zurück. Dieses Licht – also die Seele, die der Mensch erlangt – zerbricht den Körper. Das heißt: Der Körper wird zerbrochen, weil er erkennt, dass er nicht vollkommen ist.
Zuvor wusste der Mensch also, dass er auf dem Weg der Reinheit arbeiten muss, um Vollkommenheit zu erlangen. Doch dies galt ihm als Luxus, wie oben erwähnt, und bei Luxus kann man der Verzweiflung verfallen und so weiter. Wird der Körper dagegen zerbrochen, erkennt der Mensch, dass ihm etwas fehlt. Er sieht den Mangel in der höheren Stufe, die Bina heißt – also in der Führung; dem Verständigen genügt dies. Dann erwacht in ihm eine Antriebskraft, die ihm keine Ruhe lässt, bis man sich seiner von oben erbarmt und er würdig wird, das Antlitz der Shechina zu empfangen.
Möge der Schöpfer uns helfen, das Joch des Königtums des Himmels über Ort und Zeit auf uns zu nehmen und an Seiner Ewigkeit anzuhaften.
Euer Freund Baruch Shalom HaLevi Ashlag Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam
korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026