Brief 8
26. Mai 1955, Tel Aviv, am 48. Tag der Omer-Zählung, am Vorabend von Schawuot1
Meinen Freunden Frieden und alles Gute für immer …
Als Antwort auf euren Brief muss ich euch mitteilen, dass ich im Augenblick schriftlich nichts hinzuzufügen habe, außer dem, was geschrieben steht: „Sprich zu den Kindern Israels, damit sie weiterziehen.“ Was das Weiterziehen betrifft, so wisst ihr, dass es bedeutet, jedes Mal von einem Zustand in einen anderen überzugehen; das ist der Sinn eines Ortswechsels. Mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) sagte in seinem Sulam-Kommentar zum Vers „Ein Tag lässt dem anderen die Botschaft hervorströmen“, es kann keinen Tag nach dem anderen geben, ohne dass dazwischen ein Zustand der Nacht liegt. In der Mitte muss also eine Unterbrechung sein; andernfalls heißt es „ein langer Tag“ und nicht „Tag für Tag“. Die Ordnung der Arbeit ist jedoch gerade Tag für Tag. „Und eine Nacht verkündet der anderen Erkenntnis“, das heißt, dazwischen liegt ein Zustand des Tages. So weit seine Worte.234
Dies ist die Ordnung des Weiterziehens. Fürchtet daher keinen Zustand, sondern zieht, wie oben gesagt, weiter und geht voran. Deshalb muss jedes Mal ein neuer Strom einfließen, wie … mir in seinem letzten Brief den Vers schrieb: „Jeden Morgen sind sie neu; groß ist Deine Treue.“ Und dem Verstehenden genügt dies.5
Nebenbei offenbare ich dir meine Gedanken und meinen Wunsch, obwohl dies nicht meine Art ist. Dennoch habe ich den Wunsch und das Verlangen, dir zu offenbaren, was mir über die Menschen in Tiberias in den Sinn kam: zu erfahren, was und wie sie über uns denken und mit welchem Gesicht sie uns ansehen – freundlich oder dreist. In diesem Brief werde ich euch aufschreiben, wie ich mir die Menschen in Tiberias vorstelle und welches Bild ich mir von ihnen mache. Auch wenn ich das Wesen der Gestalt von Tiberias nicht beschrieben habe, schreibe ich euch dennoch, was ich denke. Denn jetzt werde ich etwas von meinen persönlichen und allgemeinen Sorgen frei, nehme mir eine freie Stunde und hebe den Kopf, um das Schauspiel zu betrachten, das sich dort abspielt. Da ist es, als sähe ich drei Arten von Menschen – drei Formen und Gestalten, die in drei Arten von Körpern gekleidet sind.
1) Es gibt einen großen Teil, fast die überwältigende Mehrheit. Obwohl ich mir ausmale, sie dächten schlecht oder gut über uns, ehrten oder verachteten uns, stehen wir in Wahrheit in ihren Augen unterhalb jeder Kritik. Sie denken also überhaupt nicht an uns und nehmen uns nicht wahr; es ist, als wären wir in dieser Welt gar nicht gemeinsam mit ihnen auf der Erde. Selbst wenn sie irgendwo und irgendwann hören, dass es so etwas wie die Chassidim von Rav Ashlag gibt, interessiert es sie nicht. Den ganzen Tag sind sie mit ihrem Lebensunterhalt beschäftigt – sei es mit Begierden, mit Ehre oder mit ihrer Spiritualität. Sie haben keinerlei Anlass, sich mit so belanglosen Dingen wie uns zu befassen, denn wir sind nur eine kleine Handvoll Menschen; besonders nachdem sie gehört haben, dass es innerhalb dieser Handvoll Streit gibt. „Eine Handvoll sättigt den Löwen nicht“: Diese Handvoll ist in ihren Augen so klein und unbedeutend, dass es ihnen weder Sättigung noch seelische Befriedigung gäbe, uns in ihren Verstand und ihre Gedanken aufzunehmen, um über uns zum Guten oder zum Schlechten zu urteilen. So niedrig stehen wir in ihren Augen, schlicht unterhalb jeder Kritik, dass es sich nicht lohnt, auch nur einen kurzen Augenblick an uns zu verschwenden. Obwohl ich denke, dieser Löwe schmiede alle möglichen Pläne gegen uns, gibt es weder Bären noch Wald – also, wie oben gesagt, nichts dergleichen.
Die zweite Art sind jene Menschen, die uns achten und bei denen wir bereits einen wirklichen Platz in der Welt einnehmen. Sie betrachten uns als Menschen von Wert, Gestalt und Statur. Sie erweisen uns bereits die größte Wohltat, indem sie uns in ihrer freien Zeit Raum und Zeit in ihrem Verstand und ihren Gedanken zuteilen. Sie befassen sich mit uns und verfolgen aufmerksam unsere Haltung und unser Tun, um zu sehen und festzustellen, ob wir wirklich Menschen mit guten Eigenschaften und aufrichtigem Herzen sind, und um uns kritisch zu prüfen, ob sich in uns tatsächlich etwas findet.
Wenn sie mit sich selbst Rechnung halten, sehen sie, dass sich letztlich eine Handvoll Menschen versammelt hat, um an einem Ort unter einer Führung vereint zu sein. Mit einem Mut, der über menschliche Grenzen hinausgeht, stehen sie fest gegen alle, die sich gegen sie erheben. Gewiss sind es beherzte Menschen mit starkem Geist und einem Entschluss, der hart wie Stahl ist: keinen einzigen Schritt zurückzuweichen. Sie sind Kämpfer ersten Ranges, die den Kampf gegen den Trieb bis zum letzten Blutstropfen führen. Ihr ganzes Bestreben gilt einzig und allein dem Sieg in diesem Kampf zur Ehre Seines Namens.
Doch nach all ihren Erwägungen beginnen sie, auf sich selbst zu blicken – ausgehend von ihren Vorurteilen und persönlichen Interessen hinsichtlich Begierde und Ehre. Dann sind sie gezwungen, alle einstimmig zu entscheiden: Auch wenn zwischen ihnen selbst eine große Entfernung und eine Verschiedenheit der Form besteht, sie niemals in irgendeiner Weise zu einer gemeinsamen Meinung gelangen können, einander vielleicht sogar hassen, keiner im Umkreis von vier Ellen des anderen stehen kann und jeder den anderen lebendig in die Unterwelt verschlingen möchte – uns gegenüber vereinigen sie sich dennoch alle und beschließen mit einer Stimme und einer Sprache, dass es sich für sie nicht lohnt, sich mit uns zu verbinden.67
Da sie wegen des in ihnen liegenden Verlangens zu empfangen bestochen sind und „die Bestechung die Augen der Weisen blind macht“, sehen sie sofort das Gegenteil dessen, was sie zuvor über uns gedacht haben. Nach all dem Lob und den guten Eigenschaften, die sie an uns sahen und derentwegen es angemessen wäre, jeden von uns zu achten, vollstrecken sie unmittelbar nach ihrem Beschluss ihr Urteil mit Begeisterung und übermäßigem Eifer. Der Grund ist, dass wir mit unseren Ansichten ihren Ruf übel riechen lassen: Einerseits sehen sie, dass die Wahrheit bei uns ist, andererseits bedrückt sie unser Weg.8
Um uns loszuwerden, bleibt ihnen daher kein anderer Rat, als uns zu vernichten und unseren Namen unter dem Himmel der Erde auszulöschen. Sie setzen dafür Energie, Kraft und Verstand ein, um uns in alle vier Himmelsrichtungen zu zerstreuen. Dazu schmieden sie Pläne, uns auf unseren Wegen Hindernisse und Stolpersteine in den Weg zu legen, und gebrauchen alle möglichen Mittel – lautere wie unlautere. Selbst wenn diese Mittel dem Geist der Tora und dem menschlichen Geist fremd sind, kümmert sie das nicht. Denn sie sehen, dass ihr Verlangen zu empfangen keinen Bestand haben wird, wenn wir irgendeine Macht gewinnen und unser Ziel sich unter Menschen mit ungeteiltem Sinn und aufrichtigem Herzen verbreitet. Dann hätten wir die Kraft, ihnen die Wahrheit zu zeigen.9
Das ist schlecht für sie, denn lieber tun sie, was ihr Herz begehrt, und sind zugleich „das Gesicht der Generation“, einflussreiche Menschen und spirituelle Führer. Deshalb ersinnen sie Pläne zur Zerstörung und Vernichtung unserer Zukunft und sagen: „Je früher, desto besser.“ Solange sie noch im Keim sind, ist es leichter und besser, ihre Würde herabzusetzen, damit keine Erinnerung an sie bleibt.10
Dennoch müssen wir ihnen dankbar sein und ihnen tausendfach Anerkennung aussprechen, weil sie uns ehren und unsere Haltung für bedeutsam halten, indem sie zumindest sagen, dass es etwas gibt, das beseitigt werden muss. Das heißt, wir sollen nicht darauf achten, dass sie uns wie Staub der Erde zunichtemachen; jedenfalls sind wir irgendeine Wirklichkeit. Anders ist es bei den Menschen der ersten Art: Sie rechnen überhaupt nicht mit uns, messen uns keine Bedeutung bei und meinen, es lohnt sich nicht, auf das zu achten, was sich in unserem Bereich abspielt. Unsere Schwäche beeindruckt sie nicht – dass wir nämlich glauben, sie verfolgten unsere Taten, und uns deshalb von manchen Handlungen zurückhalten, damit diese ihnen nicht missfallen. Das führt oft dazu, dass wir aus Furcht vor den Menschen der ersten Art vom Kampfplatz fliehen. In Wahrheit gibt es unter ihnen keinen Einzigen, der uns Beachtung schenkt oder überhaupt etwas über uns denkt. Vielleicht ist es, wie geschrieben steht: „Ihr flieht, obwohl euch niemand verfolgt.“ Deshalb sollten wir uns über die Menschen der zweiten Art freuen. Wenigstens verspotten, schmähen, erniedrigen und verleumden sie uns. Wie oben gesagt: Zumindest sind wir eine Wirklichkeit in der Welt, und der Gedanke, unseren Namen von der Erde auszulöschen, kommt ihnen nicht so leicht.11
Und bei der dritten Art finde ich Menschen, die unser Wohl und unseren Frieden suchen, doch es sind sehr wenige – nach dem Grundsatz, dass die kleinste Mehrzahl zwei ist. Ich bezeichne sie nach den Anfangsbuchstaben ihrer Namen als BoShMA, also B…, Sh…, M…, A… In der Heiligen Sprache heißen sie Bosem [Duft], in der Sprache des Targum BoShMA. Denn Targum gilt als Rückseite (Achoraim); sie müssen also des Lichtes des Angesichts (Panim) würdig werden, sodass all ihre Handlungen in Heiligkeit geschehen, die „Heilige Sprache“ genannt wird.
Was soll ich aber tun? Wenn ich mir die Geliebten unserer Seele vorstellen und ausmalen will, die sich in Tiberias befinden, empfinde ich Tiberias als eine lärmende Stadt. Die oben erwähnten Menschen der dritten Art, die in zwei Körper gekleidet sind, werden im Strudel herumgewirbelt und schweifen zwischen all den Verlangen und Ansichten umher, die in anderen Körpern gekleidet sind – also in der ersten und der zweiten Art. Daher fällt es mir schwer, sie zu finden. Sie befinden sich wie in einem großen Haufen Stroh und Spreu; wie kann man darin zwei kostbare Perlen finden – zwei Weizenkörner, die sich vor der überwältigenden Mehrheit annullieren? Zwar lautet das Gesetz: „Ein vollständiges Geschöpf wird selbst unter tausend nicht annulliert“, doch sie müssen standhalten und wie ein Kranich laut rufen, dass sie ein Geschöpf voller Lebenskraft sind.12
Daraus verstehen wir das Gleichnis unserer Weisen: Stroh, Spreu und Weizen streiten miteinander, für wen das Feld gesät wurde. Die Behauptung von Stroh und Spreu wirkt so überzeugend, dass man sie nicht umstimmen kann; manchmal besteht sogar die Furcht, der Weizen werde sich der Herrschaft von Stroh und Spreu unterwerfen. Sie behaupten: „Wir sind doch die Vielen, ihr Weizenkörner aber seid gegenüber unserer Größe wie nichts. Wir sind hochgewachsen und wurden geboren, bevor ihr zur Welt kamt. Als ihr noch keinerlei Wirklichkeit hattet, waren wir bereits groß und von stattlicher Gestalt; unsere Größe war für alle sichtbar. Aus der Ferne erfreuen wir das Auge, denn wir verleihen dem ganzen Feld Schönheit. Ihr Weizenkörner dagegen seid so klein und verborgen, dass man euch nur mit besonderer Aufmerksamkeit sehen kann, wenn man nahe an euch herantritt. Das muss an eurer Unfähigkeit liegen. Wir hingegen bieten müden Menschen, die sich auf den Wegen verirrt haben und keinen Ort finden, an dem sie ihren Kopf niederlegen können, Platz und Zuflucht. Wir nehmen sie in unseren Bereich auf und verbergen sie vor Wind und wilden Tieren, damit diese sie nicht sehen. Wer aber kann von euch Nutzen haben?“13
„Als die Zeit der Tenne kam, wussten alle, für wen das Feld gesät worden war.“ Stroh und Spreu taugen nur als Tierfutter und haben keine Hoffnung, eine größere Bedeutung zu erlangen, als sie jetzt besitzen. Anders der Weizen: Nach mehreren Korrekturen – man bricht ihn, siebt ihn durch mehrere Siebe, gibt Wein und Öl hinzu und bringt ihn ins Feuer – gelangt er auf den Tisch von Königen und ist würdig, dem Schöpfer als Opfergabe dargebracht zu werden. Das ganze Verdienst, das Stroh und Spreu zugerechnet werden kann, liegt darin, dass sie dem Weizen dienen, ihn großzogen und ernährten. Sie nahmen also Nahrung aus der Erde auf und leiteten sie an den Weizen weiter. Dass der Weizen auf den Schultern von Stroh und Spreu ruhte, war ihnen Last und Bürde; ihre Stellung gleicht der eines Dieners, der dem König dient, und einer Magd, die ihrer Herrin dient.
Vor der Zeit der Tenne, also vor dem Abschluss, kann man jedoch die Richtigkeit und Wahrhaftigkeit der Wirklichkeit an sich nicht klären. Jeder bleibt bei dem Seinen und behauptet entsprechend seinem Empfinden. Der Wahrheit Rechnung zu tragen, ohne darauf zu achten, ob dies irgendeine Erniedrigung oder Unannehmlichkeit verursacht, ist keineswegs einfach. Das kann nur, wer jede Sache in viele Einzelheiten zerlegen kann, bis ihre Richtigkeit und Wahrheit wie Licht hervortreten. Dafür muss man von oben gewürdigt werden, nicht in das Netz der Eigenliebe zu geraten und nicht vom reißenden Strom der ganzen Allgemeinheit mitgerissen zu werden.14
Aus allem oben Gesagten folgt, dass es mir schwerfällt, euch zu finden, wenn ihr für euch allein seid, ohne jede Beimischung anderer Verlangen und Ansichten, da sie euch alle verbergen – wie oben im Gleichnis vom Weizen beschrieben.
Doch ich habe einen Rat für mich gefunden, ähnlich der oben erwähnten Zeit der Tenne. Nur nachts nach Mitternacht, wenn der Nachtwind weht und den Haufen von Stroh und Spreu zerstreut und alle wie tote Leiber flach über das Feld ausgestreckt liegen – also schlafend in ihren Betten –, kommen die beiden Weizenkörner frei. Sie brechen ihr Herz vor ihrem Vater im Himmel und treten bis zum Morgenlicht in die Flamme des Feuers der Tora ein. Wenn die Zeit des Gebets kommt, geht ihre Seele hinaus, während sie Worte des lebendigen Schöpfers sprechen. Dann, so denke ich, ist die Zeit geeignet, sich an den kostbaren Perlen zu erfreuen, die wie Feuerfunken glühen, um mit der Hilfe des Felsens ihrer Erlösung in die Allgemeinheit Israels eingeschlossen zu werden. Möge der Schöpfer es gewähren; und dem Verstehenden genügt dies.
Ich will noch einige Dinge über die Liebe schreiben. Bekanntlich gibt es kein Licht ohne Kli [Gefäß], das heißt: Für jeden Genuss muss es eine Kleidung geben, in die sich das Licht des Genusses kleiden kann. Nehmen wir als Beispiel, dass ein Mensch etwas Ehre erwerben möchte, also in den Augen der Menschen geehrt sein will. Seine erste Stufe sind dann seine Kleider: Er kleidet sich in Ehrengewänder, wie unsere Weisen sagten: „Rabbi Yochanan nannte seine Kleider ‚meine Ehrenden‘.“ Die Ordnung ist, dass er ein bestimmtes Maß an Mühe aufwenden muss, bis er das kostbare Gewand erlangt. Auch nachdem er es erlangt hat, muss er es sorgfältig vor jedem Schädling und Schaden bewahren. Jeden Tag muss er den Staub abschütteln; bekommt es einen Fleck oder wird schmutzig, muss er es waschen und bügeln. Vor allem muss er es vor dem gefährlichsten Schädling bewahren, der Motte heißt. Auf Jiddisch nenne ich sie Mol; das ist eine kleine Mücke, die man nicht sehen kann. Die erste Korrektur besteht darin, den Kontakt mit alten Kleidern zu vermeiden. Außerdem gibt es ein hervorragendes Mittel namens „Naphthalin“. Dieses Mittel bewahrt das Gewand vor den Schädlingen, die Motten heißen. Wenn er das Gewand besitzt, ist er bereit, darin das Licht des Genusses zu empfangen, das in Ehrenkleider gekleidet ist.15
So ist es auch bei der Liebe: Um des Lichtes der Liebe würdig zu werden, muss man ebenfalls eine Kleidung finden, in die sich das Licht kleiden kann. Für diese Kleidung gelten dieselben Bedingungen der Bewahrung: Man muss sich vor dem „Staub“ der üblen Nachrede und besonders vor dem Schädling hüten, der Mol heißt [Moil bedeutet auf Jiddisch „Mund“; ein Wortspiel]. Gemeint sind Menschen von stattlicher Erscheinung, deren Mund nur zum Himmel spricht. Ihr denkt, sie hätten sich bereits hinsichtlich des Bundes des Fleisches und der Zunge sowie der Vorhaut des Herzens „beschnitten“; doch tief in ihrem Inneren befindet sich der Schädling, der euch schaden kann. Vor ihm kann man sich kaum hüten, denn äußerlich ist er ganz ansehnlich und schön.
Diese Mücke hat daher eine so kleine Gestalt, dass man den Schädling, der von diesen „Beschnittenen“ kommt und das kostbare Gewand verderben kann, ohne besondere Aufmerksamkeit nicht erkennt. Bekanntlich schadet diese Mol besonders Wollkleidern – Zemer [Wolle] besteht aus denselben Buchstaben wie Merez [Tatkraft] –, das heißt, sie verdirbt die Tatkraft der Arbeit. Und waYatush [und eine Mücke] wird von „waYitosh [und er verließ] den Schöpfer, der ihn gemacht hatte“ hergeleitet; im Targum heißt es:16
„Und er verließ den Dienst für den Schöpfer, den er verrichtet hatte.“
In der Welt ist es üblich, dass jemand mit einem kostbaren Wollgewand nicht mit alten Kleidern in Berührung kommen darf. Das bedeutet, man muss sich davor hüten, mit „alten Chassidim“ in Berührung zu kommen, die, wie oben gesagt, die Tatkraft verderben. Da sie selbst zur Arbeit nicht mehr fähig sind, dienen all ihre Worte nur dazu, die Tatkraft zu schwächen. Selbst wer ein starkes Gewand der Liebe besitzt, das einem Baum – Ez – gleicht, also eine Eigenschaft der Selbstständigkeit – Azmiut – besitzt, muss sich vor dieser Mol hüten. Dringt sie in den Baum ein, kann sie auch ihm schaden, wie wir sehen, dass Holz zerfällt und verfault, weil eine Mol hineingelangt ist.
Das einzige Heilmittel ist Naphthalin, abgeleitet von Naftulei, das Onkelos mit „Gebet“ übersetzt. Man muss also zum Schöpfer beten, dass dieser Schädling keine Erlaubnis erhält, in sein Gewand einzudringen.17
Bei einem Ehrengewand muss man darauf achten, daran haftende Hahnenfedern zu entfernen und mit dem Gewand keinen Ort zu betreten, an dem Hahnenfedern liegen. Beim Gewand des Lichtes der Liebe wird dies so erklärt: „Federn“ – Nuzot – wird von Nizim [Streitende] hergeleitet, also von den Streitigkeiten der Hähne – Tarne-Golim. Gemeint sind der Jubel und die Gesänge von Menschen, die sich noch im Exil befinden, vom Weg der Wahrheit verbannt und der Eigenliebe unterworfen sind. All der Jubel und Lobpreis, den sie während ihrer Tora und ihres Gebets zeigen, verursacht Streit in eurer Seele: Ihr beginnt in euren Ansichten einen Kampf darüber zu führen, bei wem Wahrheit und Gerechtigkeit liegen. Das verdirbt und beschmutzt euer Gewand, in dem die Liebe wohnen kann. Deshalb müsst ihr euch hüten, einen Ort mit „Hahnenfedern“ zu betreten, damit ihr euch anschließend nicht von diesen Federn reinigen müsst.18
Wir sehen bei Menschen, die sich bemühen, das Licht der Ehre zu erwerben: Wenn sie ihr Gewand nicht gebührend bewahren, klammern sich beim Hinausgehen sofort die Äußeren an ihre Kleider, sobald sie sehen, dass sie kein schönes und angemessenes Gewand besitzen, das der Ehre durch die Menschen entspricht. Die Menschen sollen nämlich sehen, dass er ihre Herrschaft auf sich nimmt. Er wird diesen außen stehenden Menschen so sehr unterworfen, dass er große Mühe sowohl für den Erwerb als auch für die Bewahrung der Kleider aufwenden muss. Auch die Mode, also ihre Form und die Art, sie zu tragen, muss genau dem Geschmack jener Menschen entsprechen, unter deren Herrschaft er steht. Gerade denen, von denen er Ehre zu empfangen hofft, muss er daher mit großer Mühe dienen, um Wohlgefallen in ihren Augen zu finden, damit sie ihm das Licht des Genusses geben, das in die Ehrenkleider gekleidet ist.
Wenn er ihnen nicht in allem Erforderlichen dient, kann er zu unangenehmen Folgen gelangen. Sie geben ihm dann nicht nur nicht die Ehre, die er von ihnen verlangt; im Gegenteil: Alle verachten und erniedrigen ihn und geben ihm das Gefühl, von niedrigem Rang zu sein. Das Gefühl der Niedrigkeit wirkt auf ihn ein, sodass er zunächst in Traurigkeit, danach in Trägheit gerät und schließlich empfindet, die ganze Welt sei für ihn finster. Er sieht im Leben keine Hoffnung mehr und keinen Ort, an dem er nach Genuss streben könnte. Nur einen Rat findet er für sich: nach Hause zu gehen, ins Bett zu steigen, sich der Länge nach hinzulegen, aus bitterer Seele zu flehen und zu hoffen, dass sein Gebet angenommen wird. Er erwartet also, dass der Engel des Schlafes, der ein Sechzigstel des Todes ist, ihm das Licht des Schlafgenusses gibt. Nur auf einen solchen Genuss kann er noch hoffen.
Wenn der Engel des Schlafes kein Erbarmen mit ihm hat und er kein Heilmittel für sich sieht, bleibt er in bitterer Seele und hat keinen anderen Rat, als Genuss aus dem unter verzweifelten Menschen verbreiteten Mittel zu empfangen, mit dem sie ihre Traurigkeit lindern wollen. Sie kämpfen gegen den Trieb, der ihren Fortbestand will, überwinden ihn und ziehen Genuss von dem Engel heran, der „sich selbst wissentlich vernichten“ heißt. Sie empfinden also, nur dieser Engel kann sie aus der Bitterkeit ihrer Seele befreien. Gewiss versteht man, dass auch der Genuss von diesem Engel nicht ohne Mühe, schreckliche Leiden und einen gewaltigen, furchtbaren seelischen Kampf erlangt wird.
Deshalb hat „der Weise seine Augen im Kopf“. Er weiß und sieht im Voraus, was er erwerben und erlangen kann, wenn er die Gesetze und Bedingungen der Menschen seiner Generation nicht wahrt. Alles, wozu die außen stehenden Menschen ihn zwingen, muss er also annehmen und sich allem unterwerfen, was sie von ihm verlangen; andernfalls bestrafen sie ihn sofort in dieser Welt. Lohn und Strafe sind in dieser Welt also enthüllt und bedürfen keines Glaubens über dem Verstand.19
Daraus können wir erst recht verstehen, wie viel und welches Maß an Vorsicht, besonderer Bewahrung und Aufmerksamkeit nötig ist, um das Gewand zu erlangen, das das Licht des Liebesgenusses kleidet – ein Gewand aus äußerst feinem Stoff. Man muss es vor den Äußeren bewahren, damit sie sich nicht daran festhalten und dieses kostbare Gewand verderben, das durch Mühe und Blut – in beiderlei Bedeutung – gekauft und erworben wurde.2021
Nun werde ich euch erklären, wie und auf welche Weise ich beginne, das Gewand der Liebe zu erlangen.
Die Ordnung bei der Herstellung eines geeigneten Gewandes ist folgende: Zuerst muss man ein Stück Stoff weben. Man nimmt Fäden und verbindet Kette und Schuss miteinander; durch Kette und Schuss entsteht ein Stück Gewebe. So nehme auch ich einen Kettfaden in einen Schussfaden hinein. Nima [Faden] wird von „Nima ba milta [Lasst uns darüber ein Wort sagen]“ hergeleitet. Sheti [Kette] wird von Tashi [du vergaßest] hergeleitet: „Den Fels, der dich gezeugt hat, vergaßest du.“ Ich beginne also, mit der Kraft meines Gedächtnisses zu arbeiten, und sofort fällt mir ein, dass mein Freund schlecht über mich gesprochen hat. Diese Worte brachten ihn später dazu, mir Schlechtes zu tun; dieser Nima schwächt Freundschaft, Verbundenheit und Brüderlichkeit. Danach kommt mir ein Schussfaden – Erew – in den Sinn: Ich hörte, dass mein Freund gut über mich gesprochen hatte, was ihn zu guten Taten brachte, die für meinen Gaumen angenehm – arewim – und süß sind. Ich höre und sehe also, dass mein Freund all seine Geschäfte beiseitelässt und nur zu meinem Wohl denkt und handelt, damit ich angenehme Genüsse habe. Aus diesen beiden Fäden entsteht in mir ein Durcheinander, und ich weiß nicht, was ich entscheiden und sagen soll: Liegt die Wahrheit bei den Worten der Kette oder bei denen des Schusses?2223
Bekanntlich hat alles in unserer Welt eine positive und eine negative Form: rechts und links, Wahrheit und Lüge, Licht und Finsternis, Israel und die Völker, heilig und weltlich, Unreinheit und Reinheit, böse und gut. Der Grund dafür ist, dass man den Geschmack des Guten nicht unterscheiden kann, ohne den bitteren Geschmack des Bösen zu empfinden. Dies ist der Sinn dessen, was unsere Weisen sagten: „Von den Frevlern einzufordern und den Gerechten guten Lohn zu geben.“ Das Wort para [einfordern] wird von „und er entblößt – uFara – das Haar der Frau“ hergeleitet. Von den Frevlern kann man also Hilfe empfangen, um den Geschmack und die wahre Empfindung des guten Lohnes der Gerechten zu enthüllen.2425
Deshalb stehe ich während des Webens des Gewandes erstaunt da und warte auf das Urteil, das die Armut des in mir gekleideten Verstandes ans Licht bringt. Da ich jetzt mit dem Weben eines Gewandes der Liebe beschäftigt bin, damit darin das Licht des Genusses wohnt, bin ich bereits bestochen und persönlich beteiligt. Deshalb entscheide ich nach den Worten des Schusses, denn die Tora deutete uns an: „Bestechung macht die Augen der Weisen blind.“ Somit ist mir nicht mehr wichtig, ob die Wahrheit ihrem Wesen nach so ist; wichtig ist mir vielmehr das Ziel, das ich gerade jetzt, beim Entstehen des Gewandes der Liebe, wünsche. Damit habe ich bereits eine entscheidende Mittlere Linie: Das Ziel entscheidet immer zwischen rechts und links.26
Nachdem ich das oben erwähnte Gewand erlangt habe, beginnen sofort Funken der Liebe in mir zu leuchten. Das Herz beginnt, sich nach meinen Freunden zu sehnen und sich mit ihnen zu vereinen. Mir ist, als sähen meine Augen meine Freunde, als hörten meine Ohren ihre Stimmen; mein Mund spricht mit ihnen, die Hände umarmen sie, und die Füße tanzen mit ihnen in Liebe und Freude im Kreis. Ich verlasse meine körperlichen Grenzen und vergesse, dass zwischen meinen Freunden und mir eine große Entfernung liegt; das ebene Land vieler Meilen trennt uns nicht. Es ist, als stünden meine Freunde mitten in meinem Herzen und sähen alles, was dort geschieht, und ich beginne, mich für meine unbedeutenden Taten gegenüber meinen Freunden zu schämen. Ich trete einfach aus den körperlichen Gefäßen heraus, denn vor meinen Augen scheint es in der Welt keine Wirklichkeit außer meinen Freunden und mir zu geben. Danach annulliert sich auch das „Ich“, wird von meinen Freunden aufgenommen und in sie eingeschlossen, bis ich dastehe und ausrufe: Es gibt keine Wirklichkeit in der Welt – nur die Freunde.
Ich muss mich kurzfassen, denn das Fest steht unmittelbar bevor.
Euer FreundBaruch Shalom HaLevi
korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026
-
Hebräisches Datum: 48. Tag der Omer-Zählung, 5715. ↩
-
2. Mose 14,15. ↩
-
Sohar, Einführung, Punkt 140. ↩
-
Psalm 19,3. ↩
-
Klagelieder 3,23. ↩
-
Traktat Brachot 3,2. ↩
-
4. Mose 16,30. Wenn aber der Schöpfer etwas Außergewöhnliches schafft und die Erde ihren Mund auftut und sie samt allem, was ihnen gehört, verschlingt und sie lebendig in die Unterwelt hinabfahren, dann werdet ihr erkennen, dass diese Männer den Schöpfer verachtet haben. ↩
-
5. Mose 16,19. ↩
-
2. Mose 5,21. ↩
-
Hiob 8,12; wörtlich: „in der Knospe“. ↩
-
3. Mose 26,17. ↩
-
Traktat Chullin 100a, Tossafot. Gemeint ist die Regel, dass ein vollständiges Geschöpf selbst im Verhältnis eins zu tausend nicht annulliert wird. ↩
-
Vgl. Jalkut Shimoni, WaYishlach, Abschnitt 36. ↩
-
Vgl. Psalm 37,6. ↩
-
Traktat Schabbat 113a. ↩
-
5. Mose 32,15. ↩
-
1. Mose 30,8. Und Rachel sprach: Gottesringen – Naftulei Elokim – habe ich mit meiner Schwester gerungen und habe obsiegt. ↩
-
Das hebräische Wort für „Hähne“, Tarnegolim, wird hier in „teran“ (singen, jubeln) und „golim“ (Verbannte) zerlegt. ↩
-
Prediger 2,14. ↩
-
Logischer Schluss vom Leichteren auf das Schwerere (a fortiori). ↩
-
Im Original steht damim in beiden Bedeutungen: „Blut“ und „Geld“. ↩
-
Talmudische Formel dafür, dass aus dem beschriebenen Fall eine Regel abgeleitet werden kann. ↩
-
5. Mose 32,18. ↩
-
Sprüche der Väter (Awot) 5,1. ↩
-
4. Mose 5,18. ↩
-
5. Mose 16,19. ↩