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Brief 10

24. August 19551, London

An die Freunde, mögen sie leben,

Ich bin sehr erstaunt, dass ich bis jetzt von niemandem auch nur ein Schriftzeichen2 erhalten habe. Ich dachte, ich würde das Werk der Hände jedes Einzelnen erhalten, das heißt, jeder würde seine Taten ausführlich beschreiben, im Sinne von: „Wenn ich Deine Himmel sehe, das Werk Deiner Finger.“3 „Deine Himmel“ bezeichnet Arbeiten, die um des Himmels willen geschehen; sie sind am „Werk Deiner Finger“ zu erkennen. Das bedeutet: Jeder bemüht sich, in dem Zustand zu arbeiten, „die Shechina (göttliche Gegenwart) aus dem Staub aufzurichten“, damit sich erfüllt: „Und jeder zeigt mit dem Finger und sagt: ‚Siehe, dies ist unser Gott‘“4 usw.5

Man muss wissen, dass die Arbeit auf der Rechten Linie erfolgt, wie geschrieben steht: „Sei vollkommen mit dem Ewigen, deinem Gott.“6 Der Mensch muss also in Ganzheit gehen, das heißt glauben, dass der Schöpfer vollkommen ist und keinen Mangel hat. Dies kann man nur im Geheimnis von „Die Rechte des Ewigen ist erhoben“7 empfinden, also in der Erhabenheit des Schöpfers: Man muss sich die Größe des Schöpfers vorstellen.

Mit allem, was der Mensch tut, dient er dem König. An jeder Mizwa, die man ausführt, hat der Schöpfer Wohlgefallen; und wenn man betet, hört der Schöpfer die Lobpreisungen und Verherrlichungen, die der Mensch Ihm singt und anstimmt.

Man muss sich vorstellen, dass es auf der ganzen Welt viele Menschen gibt, denen der Schöpfer keine Gelegenheit gibt, vor Ihm zu dienen und Ihm Wohlgefallen zu bereiten, sondern die Er von Sich fernhält. Selbst wenn sie irgendeine Mizwa ausführen, erinnern sie sich nicht daran oder glauben nicht, dass der Schöpfer sieht und hört, die Taten der Unteren annimmt und berücksichtigt. Der Schöpfer hält sie dadurch fern, dass Er ihnen keine Gelegenheit gibt, zu denken, zu handeln oder zu glauben.

Wen der Schöpfer hingegen näherbringen will, dem gibt Er gute Gedanken. Das heißt, während er eine Mizwa ausführt, erinnert er sich daran, dass er sie um des Schöpfers willen ausführt. Oder wenn er einfach einen Segensspruch spricht und sagt: „Durch Dessen Wort alles geworden ist“8, sagt er dies aus Gewohnheit und achtet in diesem Augenblick nicht darauf, dass er zum Schöpfer spricht. Oder er erhält überhaupt keine Gelegenheit, einen Segensspruch zu sprechen, nicht einmal aus Gewohnheit.

Wenn der Mensch sich vorstellt, dass der Schöpfer ihm die Gelegenheit gibt, eine Mizwa auszuführen, um seinem Erschaffer Wohlgefallen zu bereiten – und sei es nur einmal im Monat –, und dem König zu dienen – und sei es nur einmal im Monat –, so genügt ihm das. Abaye sagte: „Daher muss man es im Stehen sagen.“9 „Stehen“ bezeichnet bekanntlich die Vollkommenheit der Stufe.

Das heißt, der Mensch muss es aufrecht sagen und sich freuen, wenn ihm die Gelegenheit gegeben wird, dem König zu dienen, anderen Menschen aber nicht. Dann ist der Schöpfer vollkommen. Das bedeutet, man muss sagen, dass der Name des Schöpfers, also der Name „der Gute, der Gutes tut“, sich dem Menschen in äußerster Vollkommenheit offenbart und leuchtet.

Auch der Mensch ist vollkommen, das heißt, er besitzt einen weiteren Vorzug in Tora, Mizwot und guten Taten. Denn so viel der Mensch auch tut, um dem König zu dienen, es steht ihm dennoch nicht zu. Der Mensch muss wissen, dass es auf der Welt viele Menschen gibt, denen der Schöpfer nicht gestattet, irgendeine Handlung um Seinetwillen auszuführen usw.

Doch man muss auch auf der Linken Linie gehen, also im Geist der Kritik prüfen, ob dies wahr ist, ob sein Glaube vollkommen ist, ob seine Taten in äußerster Reinheit und Heiligkeit geschehen, ohne jegliche Nebenabsichten, und ob der Name „der Gute, der Gutes tut“ in seine Glieder aufgenommen worden ist usw.

Dann gerät die Linke Linie in Streit mit der Rechten Linie. Denn wenn er eine ehrliche Selbstprüfung vornimmt, sieht er, dass alles genau umgekehrt ist. So entsteht ein Streit zwischen den Linien, zwischen der Rechten und der Linken. Wenn man sich nicht mit der Mittleren Linie befasst, hebt die Linke die Rechte auf; dann ist „seine Weisheit größer als seine Taten“10, das heißt, er übt mehr Kritik, als er gute Taten vollbringt.

So fällt er in die Hölle, die von der Linken Linie ausgeht. Es gibt eine Hölle aus dem Feuer der Begierde oder eine Hölle aus Schnee: Er erkaltet gegenüber der Arbeit und hat kein anderes Verlangen, als in einem Zustand von Ruhe, Trägheit und Schlaf zu bleiben usw. Es bedarf der Überwindung und des Gebets, dass der Schöpfer Sich vom Himmel her erbarme, damit er die Mittlere Linie fortführen kann, das heißt, die Linke Linie der Rechten unterordnet. Er sagt also: Obwohl der Verstand nach dem Geist der Kritik etwas anderes gebietet, geht er über dem Verstand.

Dadurch hat die Mittlere Linie die Rechte Linie aufgewertet. Bevor er die Linke Linie fortführte, ging er auf der Rechten und dachte, auch der Verstand gebietet die Anstrengung in der Arbeit für den Schöpfer. Nachdem er jedoch die Linke Linie fortgeführt hat und sie der Rechten unterordnet, wird deutlich, dass er die Rechte wählt, obwohl er aus der Sicht der Linken eine andere Auffassung hat.

Deshalb muss man, wenn man daran geht, die Arbeit der Linken Linie fortzuführen, daran denken, dass die Absicht nur darin bestehen soll, zu zeigen: Obwohl es eine Linke Linie gibt, wählt er dennoch die Rechte. Daher muss man die Zeiten der Arbeit voneinander trennen; das eine darf sich nicht mit dem anderen vermischen.

Ich habe die Achoraim (Rückseite) der drei Linien beschrieben. Wenn man würdig wird, führt man die drei Linien in Panim (Vorderseite) fort.

Möget ihr einer guten Einschreibung und Besiegelung würdig werden.Von mir, eurem Freund Baruch ShalomSohn meines Vaters und Lehrers, Yehuda HaLevi Ashlag (Baal HaSulam)

korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026


  1. Hebräisches Datum: 6. Elul 5715. 

  2. Wörtlich: kein Bild, das heißt keine Form, keinen Buchstaben. 

  3. Psalmen 8,4. 

  4. Jeschaja 25,9. 

  5. Traktat Taanit 31a. 

  6. Dwarim (5. Buch Mose) 18,13. 

  7. Psalmen 118,16. 

  8. Segensspruch über Speisen. 

  9. Traktat Sanhedrin 42a. 

  10. Traktat Awot 3,17.