Brief 34
Vorabend von Rosh HaShana 5718, hier in Manchester1
An die Freunde, mögen sie ewig leben,
Nachdem ich euch am vermeintlich materiellen Ort nähergekommen bin, wollen wir auf eine Annäherung der Herzen hoffen. Denn schon lange gab es zwischen uns keinen Briefwechsel, und eine materielle Handlung bewirkt Vereinigung. So heißt es im Gebet zu Rosh HaShana: „Und sie alle werden zu einem Bund.“ Dann wird es leichter sein, „Deinen Willen mit ungeteiltem Herzen zu tun“.2
Denn solange es keinen gemeinsamen Bund gibt, ist es schwer, mit ungeteiltem Herzen zu arbeiten. Vielmehr bleibt ein Teil des Herzens dem eigenen Nutzen vorbehalten und dient nicht dem Nutzen des Schöpfers. So heißt es im Midrash Tanchuma: „‚Ihr steht heute‘3 – wie der Tag bald hell ist und bald dunkel wird, so ist es auch mit euch: Wenn es euch dunkel ist, wird euch künftig das ewige Licht leuchten, wie geschrieben steht: ‚Und der Ewige wird dir zum ewigen Licht sein.‘4 Wann? Wenn ihr alle zu einem Bund werdet, wie geschrieben steht: ‚Ihr alle lebt heute.‘5 Nach dem Lauf der Welt: Wenn jemand ein Bündel Schilfrohre nimmt, kann er sie etwa alle auf einmal zerbrechen? Nimmt er sie jedoch einzeln, kann selbst ein kleines Kind sie zerbrechen. Ebenso findest du, dass Israel nicht erlöst wird, bevor alle zu einem Bund werden, wie geschrieben steht: ‚In jenen Tagen und zu jener Zeit, spricht der Ewige, werden die Kinder Israels kommen, sie und die Kinder Judas gemeinsam …‘6 Wenn sie verbunden sind, empfangen sie das Antlitz der Shechina (göttliche Gegenwart).“7
Ich habe den Wortlaut des Midrash angeführt, damit ihr nicht denkt, eine „Gruppe“, also die Liebe zu Freunden, sei eine Sache des Chassidismus. Vielmehr ist dies eine Auslegung unserer Weisen. Sie erkannten, wie notwendig die Verbindung der Herzen ist, damit sie zu einer einzigen Gruppe werden und das Antlitz der Shechina empfangen können.
Gewiss gibt es unter den Freunden jemanden, der dasteht und laut ruft: „Reicht einander die Hand zu einem gemeinsamen Bund!“, dabei aber die Nachlässigkeit immer den Freunden anlastet. Dennoch kann ich ihn nicht aus der Gesamtheit der Freunde ausschließen, die in dieser Sache nachlässig sind. Und dem Verständigen genügt dies.
Vor allem wollen wir hoffen, dass der Schöpfer uns im neuen Jahr, dem Jahr „Shet Chai“ („Shet lebt“)8, ewiges Leben gibt, wie geschrieben steht: „Denn Gott hat mir anstelle von Abel einen anderen Nachkommen gesetzt [shat]“9 usw. Und „Shet Chai“ möge sich erfüllen.
Rosh HaShana bedeutet einen neuen Anfang: Der Mensch beginnt, ein neues Gebäude zu errichten. Dazu sagten unsere Weisen: „Ein Mensch soll sich immer so betrachten, als sei er zur Hälfte schuldig und zur Hälfte verdienstvoll. Hat er eine Mizwa erfüllt, wohl ihm, denn er hat sich selbst und die ganze Welt zur Seite des Verdienstes geneigt. Hat er eine Übertretung begangen, wehe ihm, denn er hat sich selbst und die ganze Welt zur Seite der Schuld geneigt.“10
Wir müssen verstehen, was es heißt, dass er sich immer als halb und halb betrachten soll. 1) Wenn er eine Mizwa erfüllt und sich zur Seite des Verdienstes geneigt hat, wie kann man danach erneut sagen, er sei „halb und halb“? Schließlich hat er die Entscheidung bereits herbeigeführt und besitzt nun eine Mehrheit an Verdiensten. Und umgekehrt: Wenn er eine Übertretung begangen hat, wie kann man danach sagen, er sei halb und halb? 2) Wie kann er sich als halb und halb betrachten, während er von sich selbst weiß, dass er voller Sünden und Vergehen ist? Zugleich verpflichtet man ihn zu bekennen: „Wir haben uns schuldig gemacht, wir haben treulos gehandelt“ und „wegen der Sünde …“.11
Der Sinn ist, dass unsere Weisen uns die Ordnung der Arbeit verständlich machen. Hier geht es nicht um Recht und Urteil vor dem Gerichtshof oben; erst wenn der Mensch vor diesen Gerichtshof kommt, werden Übertretungen und Verdienste abgewogen. Vielmehr lehren uns unsere Weisen hier, dass der Mensch die Arbeit jederzeit beginnen, das Gute wählen und das Böse verwerfen kann. Denn eine Wahl ist gerade dann möglich, wenn beide Seiten gleich stark sind; dann besitzt er die Kraft zu wählen. Hat dagegen eine Seite bereits die Mehrheit, kann er keine Entscheidung mehr herbeiführen, weil der Mensch der Mehrheit folgt. Dann kann von Wahl nicht mehr die Rede sein.
Es stellt sich daher die Frage: Wie kann er sich selbst täuschen und behaupten, er sei halb und halb, obwohl er weiß, dass er voller Sünden ist? Man muss jedoch wissen, dass die dem Menschen gewährte Wahl immer feststeht und bestehen bleibt, nach dem Grundsatz: „Wer größer ist als sein Freund, dessen Trieb ist größer als er.“12 Daraus ergibt sich der Grundsatz: Wenn ein Mensch viele Sünden hat, besitzt er einen kleinen Trieb, der nicht größer ist als der gute Trieb; vielmehr sind beide genau gleich stark. So bleibt es in seiner Hand, die Entscheidung herbeizuführen.
Da die Übertretungen durch den Bösen Trieb (Jezer haRa) und die Mizwot durch den Guten Trieb (Jezer haTov) kommen, wie Rashi erklärte: „‚Du hast Gerechte erschaffen‘ – durch den Guten Trieb; ‚Du hast Frevler erschaffen‘ – durch den Bösen Trieb“13, sagten unsere Weisen: „Ein Mensch soll sich immer so betrachten, als sei er zur Hälfte schuldig und zur Hälfte verdienstvoll.“ Hinsichtlich der Wahl ist er also immer in diesem Zustand. Und wenn die Übertretungen …, vermindert sich der Böse Trieb, sodass beide Seiten gleich stark sind. Ebenso gibt man ihm, wenn er eine Mizwa erfüllt und sich bereits zur Seite des Verdienstes geneigt hat, sofort einen größeren Bösen Trieb, wie oben gesagt wurde: „Wer größer ist als sein Freund, dessen Trieb ist größer als er.“ Somit sind beide Seiten nun wieder gleich stark. Dadurch hat der Mensch die Möglichkeit, sich zur Seite des Verdienstes zu neigen.
Deshalb beginnt der Mensch an Rosh HaShana seine Arbeit von Neuem. Darüber hinaus heißen die zehn Tage der Umkehr (Teshuwa) Tage der Vergebung und der Sühne der Vergehen. All dies soll dem Menschen Gelegenheit geben, wieder in die Arbeit für den Schöpfer einzutreten, obwohl er sich so weit von der Arbeit entfernt hatte.
Die hauptsächliche Arbeit ist das Gebet, denn nur durch das Gebet kann der Mensch die Herrschaft der Vielen verlassen und in die Herrschaft des Einen eintreten. Beim Gebet sind Klein und Groß gleich. Im Gegenteil: Wer seine eigene Niedrigkeit stärker empfindet, kann eher ein wahres Gebet aus der Tiefe des Herzens sprechen. Er weiß, dass er sich nicht durch eigene Taten aus der Bedrängnis befreien kann. Denn dann kann er sagen: Nur wer mit besonderen Begabungen und feinen Charaktereigenschaften erschaffen wurde, kann aus eigener Kraft etwas bewirken; wer jedoch keine Begabungen und guten Eigenschaften besitzt, braucht einzig das Erbarmen des Himmels. Somit kann gerade dieser Mensch ein wahres Gebet sprechen.
Man muss jedoch aufpassen, nicht aus dem Kampf zu fliehen. Denn der Trieb bringt dem Menschen gerade dort, wo er ein wahres Gebet sprechen kann, Funken der Verzweiflung. Er legt ihm Beweise, Analogieschlüsse und Schlussfolgerungen vom Leichteren auf das Schwerere14 vor, wonach sein Gebet keinen Nutzen bringt, bis der Mensch nicht mehr an die Worte glauben kann: „Denn Du hörst das Gebet eines jeden Mundes.“15 Bekannt ist der Ausspruch unserer Weisen: „Der Schöpfer verlangt nach dem Gebet der Gerechten.“16 Denn das Gebet ist das wichtigste Kli (Gefäß) für das Verweilen der Shechina; es wird als Aspekt (Bchina) des „Gebets eines Armen“ bezeichnet.
Das Gebet gilt selbst für den Größten der Großen, denn sonst gerät der Mensch in einen Stillstand in der Arbeit. Das ist die Bedeutung der Worte: „Denn der Arme wird nicht aus der Mitte des Landes verschwinden.“17 Wir müssen verstehen, warum der Schöpfer uns eine solche Zusage gab. Sie klingt, als sei es notwendig, dass es Arme gibt. Wäre es denn nicht besser, wenn es so etwas in Israel nicht gäbe?
Die Erklärung entspricht dem oben Gesagten: Ein „Armer“ bezeichnet einen Ort für das Gebet. Gibt es keinen Ort des Mangels, gibt es keinen Ort für das Gebet. Wenn der Mensch also der Gadlut (Erwachsensein) würdig wird, bleibt dann kein Ort mehr für das Gebet? Darauf gibt uns der Schöpfer die Zusage: „Denn er wird nicht verschwinden“ usw. Es wird immer möglich sein, einen Ort des Mangels zu finden, damit der Mensch zu einer höheren Stufe aufsteigen kann.
Das ist die Bedeutung der Worte: „Armut steht Israel so gut wie ein rotes Band einem weißen Pferd.“18 Gemeint ist: Selbst wenn er bereits ein Jude auf der höchsten Stufe der Gadlut ist, steht ihm dennoch Armut gut – ein Ort des Mangels, damit er ein Gebet sprechen kann, wie oben erklärt wurde.
Dazu heißt es in der Gemara: „Rabbi Ela sagte zu Ulla: Wenn du dorthin kommst, grüße meinen Bruder Rav Bruna in Gegenwart der ganzen Gruppe; denn er ist ein großer Mensch und freut sich an den Mizwot. Einmal verband er die Erlösung unmittelbar mit dem Gebet, und den ganzen Tag wich das Lächeln nicht von seinen Lippen“ (Traktat Brachot 9b)19. Das bedeutet: Er ist ein großer Mensch, wenn er sich im Zustand der Erlösung befindet und bereits von allen Mängeln erlöst ist. Dann hat er nichts mehr zu tun, und seine Arbeit besteht darin, in sich einen Mangel zu finden, über den er beten kann. Als er „die Erlösung unmittelbar mit dem Gebet verband“, also sofort einen Ort für das Gebet fand, war seine Freude grenzenlos. Dies entspricht den oben angeführten Worten: „Denn der Arme wird nicht aus der Mitte des Landes verschwinden.“
Aus allem Gesagten folgt für uns: Das Wichtigste ist das Gebet. Stärkt euch im Gebet und im Glauben an die Worte: „Denn Du hörst das Gebet eines jeden Mundes.“
Mögen wir eines guten Eintrags und einer guten Besiegelung würdig werden.
Euer Freund Baruch Shalom HaLevi
Sohn meines Vaters und Lehrers, Baal HaSulam
korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026
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Jüdisches Datum: Vorabend von Rosh HaShana 5718 (14. September 1957). ↩
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Aus der Amida für Rosh HaShana und Yom Kippur. ↩
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Dewarim (5. Mose) 29,9. ↩
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Yeshaya (Jesaja) 60,19. ↩
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Dewarim (5. Mose) 4,4. ↩
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Yirmiya (Jeremia) 50,4. ↩
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Midrash Tanchuma, Nizawim, Kap. 1. ↩
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Buchstabenentsprechung des Jahres 5718. ↩
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Bereshit (1. Mose) 4,25. ↩
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Traktat Kidushin 40b. ↩
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Aus dem Sündenbekenntnis (Widui) zu Yom Kippur. ↩
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Traktat Sukka 52a. ↩
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Bava Batra 16a, Kommentar Rashi. ↩
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Einer der Grundsätze talmudischer Schlussfolgerung. ↩
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Aus der Amida. ↩
-
Traktat Yewamot 64a. ↩
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Dewarim (5. Mose) 15,11. ↩
-
Traktat Chagiga 9b. ↩
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Traktat Brachot 9b. ↩