Brief 51
Mit Hilfe des Schöpfers, 28. Adar 5720 (27. März 1960), hier in Bnei Brak
Friede und alles Gute auf ewig meinem Freund …
Hiermit teile ich dir mit, dass ich dein Telegramm zu Ehren der Hochzeit meiner Tochter – möge sie leben – zusammen mit dem dreifachen Segen erhalten habe. Mögen in deinem Heim immer Freude, Frohsinn, Glück und innere Ruhe herrschen.
Ich schreibe dir, was ich am Schabbat des Wochenabschnitts HaChodesh sagte. Rashi führt zu dem Vers „Dieser Monat soll für euch der Anfang der Monate sein“ Folgendes an: Moses war wegen des Neumonds im Zweifel, in welchem Maß er sichtbar sein und sich zur Heiligung eignen musste. Da zeigte Er ihm mit dem Finger den Mond am Himmel und sagte: „Sieh ihn so und heilige ihn.“ Ebenso erklärt Rashi den Vers „Am Anfang erschuf“ mit folgenden Worten: Rabbi Yitzchak sagte: „Die Tora hätte erst mit ‚Dieser Monat soll für euch sein‘ beginnen müssen, denn dies ist die erste Mizwa, die Israel geboten wurde. Warum begann sie also mit ‚Am Anfang‘? Weil ‚Er Seinem Volk die Kraft Seiner Werke kundtat, um ihnen das Erbe der Völker zu geben‘. Wenn nämlich die Völker der Welt zu Israel sagen: ‚Ihr seid Räuber, denn ihr habt die Länder der sieben Völker erobert‘, antworten sie ihnen: ‚Die ganze Erde gehört dem Schöpfer. Er hat sie erschaffen und dem gegeben, der in Seinen Augen rechtschaffen ist. Nach Seinem Willen gab Er sie ihnen, und nach Seinem Willen nahm Er sie ihnen und gab sie uns.‘“
Wir müssen verstehen: 1) Warum war Moses darüber mehr im Zweifel als über andere Dinge? 2) Hätte man, wenn die Tora nicht mit „Am Anfang“ begonnen hätte, sagen können – Gott behüte –, dass nicht der Schöpfer die Welt erschuf?
Dies ist im Sinne der ethischen Lehre zu erklären: Die Erde heißt „Körper“. Der Schöpfer erschuf den Körper und gab ihn den Völkern der Welt, also dem Bösen Trieb (Jezer haRa). Denn sobald ein Mensch geboren wird, zieht der Böse Trieb in ihn ein, wie geschrieben steht: „Denn das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an.“ Der Böse Trieb, der die Eigenschaft der Völker darstellt, sagt daher, der Körper gehöre ihnen: Sie müssten über ihn herrschen und könnten mit ihm tun, was sie wollen.
Wenn daher nach dreizehn Jahren der Gute Trieb (Jezer haTov) kommt, in den Körper eintreten und über ihn herrschen will und den Bösen Trieb hinauswerfen möchte, behauptet der Böse Trieb: „Ihr seid Räuber.“ Denn der Gute Trieb heißt Israel. Somit sagen die Völker, Israel wolle ihnen die Körper rauben, die ihnen gehören. Sie begründen es so: „Der Schöpfer hat uns alle Körper gegeben, und erst nach dreizehn Jahren wollt ihr Israeliten, also der Gute Trieb, uns diesen Körper rauben.“
Darauf lautet die Antwort, dass die Tora mit „Am Anfang“ beginnt, denn Israel heißt „Anfang“ (Reshit). Der Schöpfer erschuf die Welt nur für Israel. Dass Er den Körper zunächst den Völkern überließ, damit sie über ihn herrschten, geschah nur, damit es Raum für die Wahl gibt und Israel all Sein Gutes genießen kann, ohne dass Brot der Scham (Nahama deKisufa) entsteht.
Das erklärt Rashis Worte: „Er gab sie dem, der in Seinen Augen rechtschaffen ist“, also Israel. Denn von Anfang an bestand die Absicht darin, dem Volk Israel die volle Herrschaft über den Körper zu geben; das Ziel ist, dass der Gute Trieb über den Körper herrscht. Und das bedeuten die Worte „Nach Seinem Willen gab Er sie ihnen“: Dass Er den Körper bei der Geburt zunächst dem Bösen Trieb gab, entsprach Seinem Willen, damit das Volk Israel dadurch Raum für die Arbeit der Wahl hat. „Und nach Seinem Willen nahm Er sie ihnen“ bedeutet: Alles geschah nach einem einzigen Willen. Beim Schöpfer gab es – Gott behüte – keinen Wechsel des Willens. Man kann nicht sagen, dass Er den Körper zuerst den Völkern gab, es Sich später anders überlegte und ihn Israel gab. Vielmehr geschah alles nach einem einzigen Willen, also nach einem Gedanken und einer Absicht. Dies hebt Rashi mit den Worten hervor: „Nach Seinem Willen gab Er sie ihnen, und nach Seinem Willen nahm Er sie ihnen“ usw.
Daraus folgt: Damit es die Wahl gibt, überließ Er die Herrschaft zunächst dem Bösen Trieb. Deshalb befindet sich die Welt in Verhüllung, denn die Verhüllung des Angesichts schafft Raum für die Wahl.
Bekanntlich deutet der Mond auf die Shechina (göttliche Gegenwart), also auf den Glauben. Der Mensch muss den Glauben jedes Mal erneuern. Darin lag Moses’ Schwierigkeit: Bei seiner Erneuerung befindet sich der Mond in äußerster Katnut (Kleinheit), also in einer Zeit der Verhüllung. Da sagte der Schöpfer zu ihm: „Sieh ihn so und heilige ihn.“ Denn die größte Heiligkeit besteht gerade dann, wenn der Mensch sich selbst sogar in der größten Verhüllung heiligen kann, und dann … zum Auszug aus Ägypten.
Von deinem Freund, der dir und deiner Familie alles Gute wünscht
Baruch Shalom HaLevi Ashlag
korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026