Brief 70
Mit Gottes Hilfe, Freitag, am Vorabend des Schabbats, Wochenabschnitt WaYishlach, 15. Kislew 5725 (20. November 1964)
An meinen Freund, den teuersten unter den Menschen …
Wie geht es dir? … Möge der Schöpfer dir bei allen Wünschen deines Herzens zum Guten helfen, und mögest du bei allem, dem du dich zuwendest, Erfolg haben.
Im heiligen Sohar (WaYishlach 19–20 und im dortigen Sulam-Kommentar) steht: „Besser, gering geachtet und ein Diener zu sein, als ein geehrter Mensch, dem es an Brot fehlt1. Der Geringgeachtete ist Jakob, der seinen Geist vor Esau erniedrigte, damit Esau ihm später als Diener untertan sein würde“ usw. Das bedeutet: Der Vers „Besser, gering geachtet zu sein“ usw. bezieht sich auf Jakob. Er erniedrigte seinen Geist vor Esau, damit Esau ihm später als Diener untertan sein würde und er über ihn herrschen könnte. Dann würde sich an ihm erfüllen: „Völker sollen dir dienen und Nationen sich vor dir niederwerfen“2 usw.
„Komm und sieh: Weil Jakob wusste, dass er ihn jetzt brauchte, machte er sich vor ihm gering. Darin handelte er weiser und listiger als in allem, was er je gegen Esau unternommen hatte“ usw. Die Erklärung lautet: Weil Jakob wusste, dass er ihn jetzt brauchte, machte er sich vor ihm gering. Darin handelte er weiser und listiger als in allem, was er je gegen Esau unternommen hatte. Hätte Esau dies bemerkt, hätte er sich selbst getötet, damit es nicht dazu käme.
Wir müssen verstehen: Welche Weisheit liegt darin, dass Jakob sich jetzt vor Esau erniedrigte – so sehr, dass der Sohar sagt, Esau hätte sich selbst getötet, wenn er davon gewusst hätte?
Dies ist nach der Auslegung meines Vaters und Lehrers (Baal HaSulam) im Sinne der ethischen Lehre zu erklären: Der Mensch soll wissen, wie er sich in der Arbeit für den Schöpfer zu verhalten hat. Bei Laban sehen wir nämlich das Gegenteil. Vor Esau erniedrigte sich Jakob und gab ihm Geschenke. Esau wollte sie nicht annehmen und antwortete Jakob: „Ich habe viel“3, bis Jakob ihn anflehte, die Geschenke von ihm anzunehmen. Bei Laban hingegen sehen wir, dass dieser zu ihm das Gegenteil sagte: „Die Töchter sind meine Töchter, die Söhne sind meine Söhne, und alles, was du siehst, gehört mir.“
Man muss wissen, dass der Böse Trieb zwei Arten aufweist, die „zwei Arten von Klipot (Schalen)“ genannt werden:
1) Vor der Tat: Wenn ein Mensch eine Mizwa ausführen oder eine bestimmte Lektion lernen will, kommt der Böse Trieb und sagt ihm: „Du bist es nicht wert, dies zu tun. Was du tust, geschieht doch nicht um des Himmels willen; du tust es nur für mich, also für den Bösen Trieb.“
„Die Töchter (Banot) sind meine Töchter“4: Alle Einsichten (Havanot), die du in der Arbeit für den Schöpfer hast, stammen nur von mir, und du besitzt keinerlei Verständnis der Tora. „Und alles, was du siehst, gehört mir“5: Alles, was du hinsichtlich Tora und Mizwot betrachtest, geht auf mein Konto, auf das des Bösen Triebs. Warum solltest du dich dann so sehr um Tora und gute Taten bemühen? Es geschieht ohnehin nicht um des Himmels willen, und deine Arbeit wird von Ihm nicht angenommen. Deshalb wirst du dafür auch keinen Lohn erhalten. Du brauchst also überhaupt nichts Gutes zu tun.
Dann muss der Mensch ihn überwinden und ihm sagen: „Was du sagst, ist nicht wahr. Vielmehr tue ich alles um des Himmels willen. Alles, was ich tue, wird vom Schöpfer angenommen und bereitet Ihm Wohlgefallen. Es genügt, dass ich für dich arbeite, indem ich dir zu essen und zu trinken gebe und dergleichen. Doch in Angelegenheiten, die die Arbeit für den Schöpfer betreffen, hast du keinerlei Recht, dich einzumischen.“
2) Nachdem er die guten Taten vollbracht hat, gilt das Gegenteil: Dann muss er zu seinem Bösen Trieb sagen – der nun als die Eigenschaft Esau bezeichnet wird, weil die Sache bereits getan ist6, also nach der Tat: „Ich gebe dir alles.“ Das bedeutet: „Alles, was ich getan habe, war für dich“ – die Eigenschaft lo liShma (nicht um des Gebens willen). Dies heißt, ihm die Geschenke zu geben, nämlich Tora und Mizwot, von denen er behauptet, sie gehörten Esau.
Dann behauptet Esau das Gegenteil: „Ich habe viel7 und will deine Tora und Mizwot nicht.“ Esau sagt ihm also: „Du hast alles um des Himmels willen getan. Folglich bist du ein großer Jude und solltest dich über all deine Freunde erheben, denn sie handeln nicht um des Schöpfers willen, du aber schon.“ Er will, dass der Mensch in Hochmut verfällt.
Wer sich hingegen in der Eigenschaft Jakob befindet, behauptet: „Die Tora und die Mizwot gehören dir. Ich muss nun Umkehr (Teshuwa) vollziehen, denn ich will dem Schöpfer Wohlgefallen bereiten. Ich empfinde meine Niedrigkeit, weil ich noch weit von der Wahrheit entfernt und noch nicht fähig bin, all meine Handlungen auf den Schöpfer auszurichten.“ Darin liegt der Unterschied zwischen Laban und Esau.
Möge der Schöpfer uns helfen, aus der Hand Labans und aus der Hand Esaus gerettet zu werden, und mögen wir bald, in unseren Tagen, der vollständigen Erlösung würdig werden. Amen.
Von deinem Freund, der dir und deiner Familie für immer alles Gute wünscht
Baruch Shalom Ashlag
Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam
korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026