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Brief 56

Mit Hilfe des Schöpfers, 4. Siwan 5722 (6. Juni 1962), hier in Antwerpen, möge der Schöpfer die Stadt beschützen

An …

Da ich von Ort zu Ort ziehe, erreichen mich die Briefe nicht in der richtigen Reihenfolge. Erst letzte Woche erhielt ich die ersten Briefe aus Israel. Ich habe bereits vier Briefe nach Jerusalem an diejenigen geschrieben, die mir geschrieben haben, und sie …

Was den Abschnitt betrifft, den du ausführlicher erklärt haben möchtest, so wiederhole ich noch einmal den ganzen Abschnitt.

Unsere Weisen sagten: „Rabba bar Rav Huna sagte: Jeder Mensch, in dem Tora ist, aber keine Ehrfurcht vor dem Himmel, gleicht einem Schatzmeister, dem man die Schlüssel zu den inneren Räumen übergab, die Schlüssel zu den äußeren Räumen jedoch nicht. Wodurch soll er eintreten?“ Rashi erklärte: Ehrfurcht vor dem Himmel gleicht den äußeren Eingängen, durch die man in die inneren gelangt. Wenn er also Ehrfurcht vor dem Himmel besitzt, achtet er mit Sorge darauf, zu bewahren und zu tun; andernfalls kümmert er sich nicht um seine Tora. „Rabbi Yanai verkündet: Wehe dem, der keine Behausung hat und doch ein Tor für die Behausung baut“ (Schabbat 31).

Dazu ist zu fragen:

1) Rabba bar Rav Huna vergleicht die Ehrfurcht vor dem Himmel mit dem Äußeren und die Tora mit dem Inneren, denn er sagt: „Die Schlüssel zu den äußeren Räumen wurden ihm jedoch nicht übergeben. Wodurch soll er eintreten?“ Das heißt: Wenn er keine Ehrfurcht vor dem Himmel hat, wie soll er dann in das Innere eintreten? Rav Yanai hingegen vergleicht die Ehrfurcht vor dem Himmel mit dem Inneren. Denn er sagt, die Ehrfurcht vor dem Himmel gleiche einer Behausung, die Tora dagegen nur einem Tor; ein Tor ist das Äußere. Demnach ist er der Ansicht, dass die Tora das Äußere ist.

2) Was fügt Rav Yanai den Worten Rabba bar Rav Hunas hinzu, indem er „Wehe“ sagt und dieses Gleichnis anführt?

Bekanntlich besteht das Schöpfungsziel darin, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Damit wir das für uns bereitete Gute empfangen können, benötigen wir eine Vorbereitung: die Gleichheit der Form. Das bedeutet, dass die gesamte Absicht nur auf das Geben und nicht auf das Empfangen für uns selbst gerichtet sein soll.

Danach wird man des verborgenen Lichts würdig, das in die innere Tora gekleidet ist. Wenn man das verborgene Licht erlangt, das in die innere Tora gekleidet ist, heißt es: „Die Tora, Israel und der Schöpfer sind eins.“ Darüber sagten unsere Weisen: „Es gibt nichts Gutes außer der Tora“, und über sie heißt es: „Sie sind begehrenswerter als Gold“ und so weiter. Das bedeutet: Das Licht des Lebens, das dem Gaumen süß ist, ist in die innere Tora gekleidet.

Bekanntlich wird „der Mensch als Wildeselfohlen geboren“, denn „das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an“. Unsere Weisen sagten dazu: „Mögen sie Mich doch verlassen, aber Meine Tora bewahren, denn das Licht in ihr führt ihn zum Guten zurück“ (Jerusalemer Talmud, Chagiga).

Ich habe diesen Ausspruch bereits erklärt, denn es ist schwer zu verstehen, wie man den Schöpfer verlassen und zugleich die Tora bewahren kann. Wie kann es eine Tora ohne den Schöpfer geben, sodass darüber ausgelegt wurde: „Sie mögen Mich verlassen“? Die Antwort steht unmittelbar daneben: „Denn das Licht in ihr führt ihn zum Guten zurück.“

Die Erklärung lautet: Wenn ein Mensch sich dem Schöpfer nähern will, sagt ihm der Schöpfer, dass Er ihn nicht näherbringen kann, solange der Mensch noch in bösen Begierden versunken ist. Denn dann befindet sich der Mensch noch in der Eigenschaft der Lüge, und es steht geschrieben: „Wer Lügen spricht, wird vor Meinen Augen keinen Bestand haben.“ Wenn ein Mensch von Hochmut erfüllt ist, sagt der Schöpfer: „Ich und er können nicht in derselben Behausung wohnen“, und Ähnliches.

Wenn der Mensch jedoch die Tora bewahrt, deren Licht ihn zum Guten zurückführt, verlässt er die schlechten Eigenschaften, die „Empfangen“ heißen, und kann sich mit dem Geben befassen. Das bedeutet, dass das Licht ihn zum Guten zurückführt, wie geschrieben steht: „Mein Herz quillt über von einem guten Wort; ich sage: Meine Taten gelten dem König“ (Psalm 45).

Das heißt, alle seine Taten dienen nur dazu, dem König zu geben. Erst danach bringt der Schöpfer ihn näher. Dieser Mensch wird eines beständigen Glaubens würdig, wie im Sulam zur Einführung in das Buch Sohar geschrieben steht.

Damit der Mensch Ehrfurcht vor dem Himmel erlangt und gute Taten vollbringen kann, hat er daher keinen anderen Rat als den, der aus den Worten des Jerusalemer Talmuds hervorgeht: „Bewahrt Meine Tora.“ Dies geschieht durch die Tora, deren Licht ihn zum Guten zurückführt. Wenn er danach zum Guten zurückgekehrt ist, also durch die Tora Ehrfurcht vor dem Himmel erlangt hat, wird er der inneren Tora würdig: des Lichts der Tora, das in die äußere Tora gekleidet ist.

So sagten unsere Weisen: Mit dem Licht, das am ersten Tag erschaffen wurde, sah Adam von einem Ende der Welt bis zu ihrem anderen Ende. Der Schöpfer betrachtete die Taten der Generation der Sintflut und der Generation der Zerstreuung. Als Er sah, dass ihre Taten verdorben waren, verbarg Er das Licht. Und wo verbarg Er es? In der Tora.

Damit können wir die Worte Rabba bar Rav Hunas erklären, der die Ehrfurcht vor dem Himmel mit den äußeren Schlüsseln und die Tora mit dem Inneren vergleicht.

Er meint einen Menschen, der des Inneren der Tora würdig werden will, wo sich das ganze Leben, das Gute und der Genuss befinden. Bevor dieser Mensch sich darum bemüht, Ehrfurcht vor dem Himmel zu erwerben, fehlt ihm die geeignete Vorbereitung, um für den Empfang des verborgenen Lichts tauglich zu sein, wie geschrieben steht: „Und den Frevlern wird ihr Licht vorenthalten“ (siehe den Anfang von Mesillat Yesharim). Bevor der Mensch seine schlechten Taten korrigiert und Ehrfurcht vor dem Himmel besitzt, ist er nicht dafür vorbereitet, das Gute zu empfangen.

Daraus folgt, dass die Ehrfurcht vor dem Himmel das Äußere heißt: Durch die Ehrfurcht vor dem Himmel wird der Mensch darauf vorbereitet, die innere Tora zu empfangen. Daher ist Rabba bar Rav Huna der Ansicht: Wer das Innere der Tora empfangen will, bevor er Ehrfurcht vor dem Himmel besitzt, gleicht einem Menschen, der die Schlüssel zu den inneren Räumen hat, dem man jedoch die Schlüssel zu den äußeren Räumen nicht übergeben hat. Wodurch soll er eintreten? Schließlich besitzt er keine Ehrfurcht vor dem Himmel und ist nicht darauf vorbereitet, das Gute und den Genuss zu empfangen.

Darüber war Rabbi Yanai erschüttert und verkündete: „Wehe dem, der keine Behausung hat und doch ein Tor für die Behausung baut.“ Aus den Worten Rabba bar Rav Hunas geht nämlich hervor: Wer des Inneren der Tora würdig werden will, muss zuerst Ehrfurcht vor dem Himmel erwerben; sie ist das Äußere gegenüber dem Inneren der Tora.

Das Wesentliche ist demnach, dass der Mensch Ehrfurcht vor dem Himmel erwerben muss. Dann gleicht die Ehrfurcht vor dem Himmel einem Zimmer, in das man schöne Gegenstände und Möbel sowie kostbare Dinge stellen kann. Hat er dagegen keinen Ort, an dem er die Dinge unterbringen kann, können sie ihm nicht gegeben werden. Bei Rabbi Yanai ist die Ehrfurcht vor dem Himmel die Behausung, also das Haus, in das er das Innere der Tora einbringt.

Rabbi Yanai sah also: Das Wichtigste, worum der Mensch sich in der Welt bemühen und was er erwerben muss, ist die Ehrfurcht vor dem Himmel; sie ist das gesamte Aufnahmegefäß für die Höheren Genüsse. Zugleich sah er, dass Menschen ihr ganzes Leben lang Tora lernen, ohne damit Ehrfurcht vor dem Himmel erwerben zu wollen. Das Studium der Tora muss jedoch dem oben genannten Ausspruch des Jerusalemer Talmuds folgen: „Mögen sie Mich doch verlassen, aber Meine Tora bewahren, denn das Licht in ihr führt ihn zum Guten zurück.“ Gemeint ist, dass der Mensch durch das Studium der Tora würdig wird, gut zu sein.

Dies geschieht durch das Licht in der Tora. Zwar lernt der Mensch noch lo liShma (nicht um des Gebens willen), weil er der Ehrfurcht vor dem Himmel noch nicht würdig geworden ist. Wie könnte er liShma (um des Gebens willen) lernen, bevor er des Glaubens würdig geworden ist, dessen Bedeutung Ehrfurcht vor dem Himmel ist? Doch durch das Licht in der Tora, die er lo liShma lernt, wird er später der Ehrfurcht vor dem Himmel würdig. Das heißt, dass das Licht ihn zum Guten zurückführt.

Daraus folgt: Die Tora, die man lo liShma lernt, ist das Tor, durch das man zur Ehrfurcht vor dem Himmel gelangt. Diese heißt „Behausung“, also Haus, ein Gefäß für das Gute im Inneren der Tora. Daher fügt Rabbi Yanai den Worten Rabba bar Rav Hunas hinzu: „Wehe dem, der keine Behausung hat“, also noch keine Ehrfurcht vor dem Himmel besitzt, „und doch ein Tor für die Behausung baut“.

Gewöhnlich kann jemand, der ein Haus zu bauen beabsichtigt, bereits eine Tür für das Haus anfertigen, das er später haben wird. Wenn er aber nicht vorhat, ein Haus zu bauen, wozu fertigt er sich dann eine Tür an?

Daher verkündet Rav Yanai: Angenommen, der Mensch sorgt sich um Ehrfurcht vor dem Himmel, die das Haus ist. Dann lohnt es sich für ihn, Tora zu lernen, denn die Tora bringt ihm das Licht. Durch dieses Licht wird er der Ehrfurcht vor dem Himmel würdig, die „Haus“ heißt und in die er das Innere der Tora einbringen kann.

Wenn er sich jedoch nicht darum sorgt, Ehrfurcht vor dem Himmel zu erlangen, weil er kein Bedürfnis danach hat, weshalb sollte er sich dann abmühen, seine Lebenszeit mit Tora zu verbringen? Sie ist doch nur eine Tür, durch die man in das Haus eintritt, das „Ehrfurcht vor dem Himmel“ heißt.

Beabsichtigt er nicht, Ehrfurcht vor dem Himmel zu erwerben, müht er sich folglich vergebens und ohne Nutzen ab. Denn die Tora, die man lo liShma lernt, ist nur eine Öffnung, durch die man zur Ehrfurcht vor dem Himmel gelangt. Wenn er Ehrfurcht vor dem Himmel besitzt, kann man sagen, dass er die Tora liShma lernt. Besitzt er aber keine Ehrfurcht vor dem Himmel, also keinen Glauben, stellt sich die Frage: Für wen lernt er?

Will der Mensch hingegen Ehrfurcht vor dem Himmel erwerben, doch das Böse in ihm gibt ihm nicht die Kraft, an den Schöpfer zu glauben, gaben uns unsere Weisen den Rat: Aus lo liShma gelangt man zu liShma. Das heißt, er wird der Ehrfurcht vor dem Himmel und des Glaubens an den Schöpfer würdig und weiß dann, für wen er lernt. Dies heißt „Haus“.

Wer die Tora liShma lernt, also Ehrfurcht vor dem Himmel besitzt, wird vieler Dinge würdig. Wie Rabbi Meir in Awot sagte, wird er zu einer immer stärker sprudelnden Quelle, und man offenbart ihm die Geheimnisse der Tora. Die Geheimnisse der Tora sind das Gute und der Genuss. Dies ist das Schöpfungsziel: dass er Gutes und Genuss empfängt.

Aus all dem folgt: Die Tür ist die Tora, die man lo liShma lernt; das bedeutet, dass man noch keine Ehrfurcht vor dem Himmel besitzt. Die Behausung, also das Haus, ist die Ehrfurcht vor dem Himmel. Nachdem der Mensch das Licht der Tora empfängt, das in lo liShma enthalten ist, wird er liShma würdig, also des Glaubens an den Schöpfer. Dann tut er alles um des Himmels willen. Anschließend wird er der inneren Tora würdig, die das Gute und der Genuss ist und „Geheimnisse der Tora“ heißt, wie in der Mishna Awot geschrieben steht.

Ich denke, dass ich dies hinreichend gut erklärt habe. Wenn du dazu etwas anzumerken hast, schreibe mir; dann weiß ich, was ich korrigieren muss.

Ich begann den Brief und habe ihn erst heute, am 16. Siwan (18. Juni), beendet. Diese Woche erhielt ich deinen Brief vom 8. Siwan (10. Juni). Ich danke dir sehr für die Einzelheiten, die du mir schreibst. Bitte fahre damit fort.

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines Vaters und Lehrers, Baal HaSulam

korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026