Brief 37
Mit der Hilfe des Schöpfers, am Vorabend des Schabbat des Wochenabschnitts Noach, am Neumondstag des Monats Marcheschwan 5718 (25. Oktober 1957)1
… Was die Trennung der Freundesliebe von der Arbeit für den Schöpfer betrifft – das verstehe ich überhaupt nicht, denn bei meinem Vater und Lehrer war es nie üblich, diese beiden Dinge miteinander zu verbinden.
Im Gegenteil: Es war immer verboten, unter den Freunden Worte der Tora oder Zustände von Kleinheit (Katnut) und Größe (Gadlut) zu besprechen. Unser Weg bestand immer darin, „bescheiden zu wandeln“2. Es war kaum erlaubt, unter den Freunden über Angelegenheiten der Arbeit zu sprechen, wie in mehreren Artikeln meines Vaters und Lehrers zu diesem Thema dargelegt wird.
Die Hingabe unter den Freunden entsprach vielmehr gerade der Art einfacher Menschen: Jeder kümmerte sich nur um die materiellen Belange seines Freundes, nicht um dessen Spiritualität. Auch die gesamte Annäherung unter den Freunden geschah gerade durch gemeinsame Mahlzeiten und Weintrinken, nicht durch Worte der Tora.
Daher weiß ich nicht, was du neu einführen willst. Vielleicht lässt sich sagen: Bis jetzt hast du geglaubt, dass man für die Freundesliebe nicht über Angelegenheiten der Arbeit sprechen und sich damit befassen muss. Nun aber hast du die klare Erkenntnis, dass es nur so sein soll: Man soll „bescheiden wandeln“.
Die Form ist wie bei jemandem, der zur Feier seines Freundes geht: Er fragt nicht danach, ob er selbst in Stimmung ist oder nicht, sondern muss an der Freude seines Freundes teilnehmen. Er darf ihm kein finsteres, sondern muss ihm ein lächelndes Gesicht zeigen. Ebenso soll hier die Verbindung unter den Freunden so beschaffen sein, dass jeder seinen Freund erfreuen will – und zwar gerade durch materielle Dinge, denn genau darin besteht „Erwirb dir einen Freund“.
„Mache dir einen Rav“3 ist bereits eine Sache für sich. Manchmal will einer unter den Freunden gegenüber dem anderen „Mache dir einen Rav“ verwirklichen. Das gilt gerade unter Freunden, die besonders achtsam und außerordentlich streng sind; nicht jeder ist dafür geeignet. Doch im Wesentlichen nennt man dies bereits nicht mehr „Freundesliebe“, also nicht das, was die Freundesliebe verlangt; denn es besteht keinerlei Verbindung zur Arbeit, wie du mir geschrieben hast.
Baruch Shalom HaLeviSohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam
Brief 38 – 1
[Tewet 5718]
Wer ist das Ich?
Wir müssen klären, wer der Mensch ist, von dem wir sagen, dass er für den Schöpfer arbeiten muss und dafür Lohn erhalten wird. Schließlich besteht der Mensch aus 248 Organen und der Seele des Lebens, die den ganzen Körper belebt. Es stellt sich die Frage: Wer verrichtet die Arbeit – der Verstand, das Herz oder die Seele des Lebens, die sie belebt? Und was ist das Ich, dem verheißen wurde, dass es durch gute Taten künftig guten Lohn erhalten wird?
Der Vers sagt: „Und Gott schuf den Menschen in Seinem Bild.4“ Der Begriff Schöpfung bezieht sich gerade auf etwas Neues, also auf eine Existenz aus dem Nichts (Yesh miAyin): Der Schöpfer schuf etwas Neues, das vor seiner Erschaffung nicht existierte. Unsere Weisen erklärten, diese Wirklichkeit heißt „Verlangen, Genuss zu empfangen“. Sie ist ein Mangel und eine Leere, die nun gefüllt werden müssen. Vor ihrer Erschaffung gab es diese Wirklichkeit des Mangels nicht; denn davor herrschte nur Vollkommenheit, da man nicht sagen kann, dass der Schöpfer einen Mangel in Sich trägt. Somit ist allein dies etwas Neues: das Verlangen zu empfangen.
Die Erschaffung des Verlangens zu empfangen
Das Verlangen zu empfangen musste erschaffen werden, weil unsere Weisen erklärten, das Schöpfungsziel besteht darin, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Der Schöpfer will ihnen Seine Güte geben, damit sie Genuss haben. Deshalb muss es zu diesem Zweck in der Schöpfung ein Kli (Gefäß) geben, das Genuss empfangen kann. Ohne ein Bedürfnis und einen Mangel an Genuss lässt sich kein Genuss empfangen, weil man ihn sonst nicht empfindet. Es ist wie bei jemandem, der seinem Freund eine gute Mahlzeit gibt, obwohl dieser keinen Appetit hat. Dann kann der Freund die Mahlzeit nicht genießen, denn allein das Verlangen nach ihr bestimmt das Maß des Genusses an der Mahlzeit. Damit die Geschöpfe Seine Gaben genießen können, prägte Er ihnen daher eine Natur ein, die sie immer danach verlangen lässt, Genuss zu empfangen.
Diese im Menschen vorhandene Eigenschaft – das Verlangen, Genuss zu empfangen – ist der ganze Mensch, den der Schöpfer erschaffen hat. Alles, was wir über den Menschen sagen, bezieht sich auf nichts anderes als auf das Verlangen zu empfangen. Von ihm heißt es, dass es sich mit der Tora und den Mizwot beschäftigen muss und künftig des ewigen Genusses würdig wird. Das heißt: Am Ende seiner Arbeit wird das Verlangen, Genuss zu empfangen, des gesamten Genusses würdig, den der Schöpfer ihm zugedacht hat.
Dem Verlangen zu empfangen wurden Organe gegeben, die ihm dienen und durch die es Genuss empfangen kann, indem sie ihm Genuss bringen: Hände, Füße, Sehen, Hören und Ähnliches. Sie alle haben die Funktion von Dienern; sie sind also Sklaven des Menschen. Das Verlangen zu empfangen wird als Herr bezeichnet, und alle Organe sind seine Sklaven. Darüber hinaus hat es einen angesehenen Sklaven, der über die anderen Sklaven eingesetzt ist. Er beaufsichtigt sie, damit sie alle auf das gewünschte Ziel hinarbeiten: Genuss zu bringen. Denn dies ist der Wille des Hausherrn, der „Verlangen zu empfangen“ heißt.
Fehlt einer seiner Diener, so fehlt ihm auch der Genuss, der zu diesem Diener gehört. Fehlt einem Menschen beispielsweise der Gehörsinn, kann er den Klang eines Liedes nicht genießen. Fehlt ihm der Geruchssinn, kann er den Duft von Wohlgerüchen nicht genießen, und so weiter. Fehlt ihm aber der Verstand, der über alle Sklaven eingesetzt ist und wie ein Geschäftsführer alle Bediensteten beaufsichtigt, dann läuft das Geschäft nicht ordnungsgemäß und kann Verluste machen. Das gleicht einem Geschäftsinhaber, der viele Bedienstete, aber keinen guten Geschäftsführer hat: Statt Gewinn zu erzielen, kann er Verlust machen. Doch der Geschäftsinhaber bleibt bestehen, auch wenn ihm der Geschäftsführer fehlt. Nehmen wir zum Beispiel an, der Geschäftsführer ist krank und kann das Geschäft nicht führen; trotzdem ist der Hausherr noch immer am Leben.
So ist es auch hier: Fehlt einem Menschen der Verstand, der als Sklave bezeichnet wird, bleibt der Herr dennoch bestehen. Das Verlangen, Genuss zu empfangen, geht deshalb nicht verloren, und das Streben nach Genuss bleibt erhalten. Es fehlt ihm nur die Fähigkeit zur Prüfung; daher kann er einen großen Genuss gegen einen kleinen eintauschen. Wenn etwa ein Mensch ohne Urteilsvermögen nach etwas Süßem verlangt und der Besitzer der Süßigkeit zu ihm sagt: „Gib mir zehn Pfund, dann gebe ich dir die Süßigkeit“, kann er ihm dafür zehn Pfund geben, weil ihm der Verstand fehlt. Er besitzt nicht die Urteilskraft, um abzuwägen, wie viel die Süßigkeit wert ist, nach der er verlangt.
Ebenso kann er Schaden anrichten, Gefäße zerbrechen und Kleider zerreißen, weil ihm scheint, er wird dadurch irgendeinen Genuss haben. Es soll dir nicht unverständlich erscheinen, wie Schaden Genuss bereiten kann. Man erzählt von dem großen Philosophen Aristoteles, dass er einen großen und kostbaren Palast niederbrannte, weil er seinen Namen verewigen wollte, damit sein Name über Generationen hinweg fortbesteht. Er glaubte, man wird sich an seinen Namen erinnern, weil der Palast so kostbar war: Alle werden sich an den großen Palast erinnern, den Aristoteles niedergebrannt hat.
Wir sehen also, dass ein Mensch auch aus dem Anrichten von Schaden Genuss zieht. Ebenso hat ein Mensch ohne Urteilsvermögen gewiss an jeder seiner Handlungen irgendeinen Genuss. Dieser Genuss zwingt ihn zu bestimmten Handlungen, selbst wenn sie schlecht sind, weil ihm die Fähigkeit fehlt, mit seinem Verstand abzuwägen, ob es sich lohnt, für den kleinen Genuss, den er jetzt empfängt, großen Schaden anzurichten.
Aus all dem folgt: Das Wesentliche am Menschen ist das Verlangen, Genuss zu empfangen, und nichts anderes. Auch der Verstand ist also nicht der Körper des Menschen, wie oben erklärt.
Über die Arbeit
Doch das Verlangen zu empfangen, das das Wesen des Menschen bildet, steht im Gegensatz zum Schöpfer, denn der Schöpfer ist der Gebende. Damit Gleichheit der Form besteht, müssen auch alle Handlungen des Menschen allein auf das Geben ausgerichtet sein. Andernfalls sind die Genüsse, die er vom Schöpfer empfängt, nicht vollkommen, weil er dabei Scham empfindet. Wer von seinem Freund ein Geschenk erhält, schämt sich gewöhnlich, ihm ins Gesicht zu sehen, und empfindet beim Empfang des Genusses Leid. Deshalb wurden uns die Tora und die Mizwot gegeben. Durch ihre besondere Kraft erwirbt der Mensch eine neue Kraft: Er will dem Schöpfer Wohlgefallen bereiten. Dann ist er vollständig dazu geeignet, alle Genüsse vom Schöpfer ohne jede Scham zu empfangen, weil er all diese Genüsse nicht empfängt, um selbst zu genießen, sondern weil er den Willen des Schöpfers erfüllt, indem er den Genuss empfängt. Denn das Schöpfungsziel bestand darin, dass die Geschöpfe in der Welt Genuss empfangen. Die ganze Arbeit besteht darin, diese Stufe zu erreichen: Genuss nur empfangen zu wollen, weil es eine Mizwa ist.
Ich habe die Dinge wiederholt, die ich mündlich sagte, damit du dich an sie erinnern kannst, denn dies sind die ersten Grundlagen.
Von deinem Freund, der dir und deiner Familie alles Gute wünscht,
Baruch Shalom HaLevi Ashlag
Brief 38 – 2
Wer ist das Ich, von dem wir sagen, dass es für den Schöpfer arbeitet, und wer ist der Empfänger des Lohns, dem verheißen wurde, dass er durch gute Taten der guten Zukunft würdig wird?
Alle diese Aussagen beziehen sich nur auf den Menschen, der das auserwählte Geschöpf ist, wie geschrieben steht: „Und Gott schuf den Menschen in Seinem Bild.“5 Schöpfung bezeichnet etwas Neues – eine Existenz aus dem Nichts (Yesh miAyin), nämlich das Verlangen, Genuss zu empfangen. Das heißt, es wurde die Wirklichkeit eines Mangels erschaffen, der immer danach verlangt, diesen Mangel mit Genuss zu füllen.
Damit das Empfinden des Genusses vollkommen sei, wurde ihm die Arbeit in der Tora und den Mizwot gegeben. Dadurch soll er sich vervollkommnen und fähig werden, den Genuss ohne irgendeinen Mangel zu empfangen. Wer von seinem Freund Genuss empfängt, empfindet nämlich zusammen mit dem Genuss auch Leid aufgrund der Scham, die „Brot der Scham“ (Nahama deKisufa) genannt wird. Durch die Vervollkommnung in guten Eigenschaften wird er schließlich Genuss empfangen können, ohne Scham zu empfinden.
Daraus folgt, dass der Mensch „Verlangen, Genuss zu empfangen“ genannt wird. Um diesem Verlangen zu dienen, wurden ihm Hände und Füße gegeben sowie der angesehenste Diener, der „Verstand“ heißt. Alle diese Diener bringen ihm Genuss. Fehlt ihm einer von ihnen, fehlt ihm daher jener besondere Genuss, der zu dem fehlenden Diener gehört.
Fehlt ihm der angesehenste Diener, also der Verstand, so empfindet er dennoch Genuss und Leid. Dann kann er jedoch die Dinge vertauschen und statt eines großen Genusses einen unbedeutenden Genuss empfangen. Er kann mit seinem Verstand nicht abwägen, was hinsichtlich Menge und Qualität mehr wert ist, und kann deshalb Schaden anrichten und Dinge zerbrechen. Gewiss beabsichtigt auch ein Mensch, der nicht bei klarem Verstand ist, mit seinem Tun Genuss zu empfangen; sonst würde er diese schlechte Handlung nicht ausführen. Es gibt also einen Grund, der ihn zu dieser verdorbenen Handlung veranlasst. Doch alles, was ihm Genuss zu bringen scheint, tut er sofort, und ihm fehlt die Kraft, mit seinem Verstand abzuwägen, ob der Grund wirklich besteht oder nur Einbildung ist.
Es soll dir nicht unverständlich sein, wie man Genuss empfinden kann, wenn man etwas zerbricht oder beschädigt. Man erzählt vom Philosophen Aristoteles, er habe einen großen und kostbaren Palast niedergebrannt. Sein Grund sei gewesen, seinen Namen zu verewigen: Sein Name sollte für immer bestehen bleiben, weil sich durch diese Tat jeder an seinen Namen erinnern würde – alle würden sich daran erinnern, dass Aristoteles den großen Palast niedergebrannt hatte. Obwohl er also etwas Schlechtes tat, hatte er einen Grund: Er empfand Genuss an der verdorbenen Tat, weil er damit seinen Namen verewigen würde. Ebenso fehlt einem Menschen, der nicht bei klarem Verstand ist, lediglich die Fähigkeit zur kritischen Prüfung; das Wesen des Menschen ist jedoch weiterhin vorhanden. Ebenso gibt es Genuss dadurch, dass man Leid vermeidet. Dies ist bereits eine auf die Zukunft gerichtete Überlegung: Er handelt jetzt, damit er später kein Leid erleiden muss. Das gehört schon zum Verstand, denn der Verstand erinnert ihn daran, dass etwas schlecht ist. Da sein Verstand jedoch beeinträchtigt ist, kann er die Gedanken nicht miteinander verbinden und empfindet daher nur die Gegenwart, nicht aber Vergangenheit und Zukunft.
Daraus folgt, dass der Verstand dem Menschen nur dient, wie die übrigen Diener. Das Wesen des Menschen wird vielmehr als der Mangel bezeichnet, der danach verlangt, Genuss zu empfangen – das heißt, im Genuss empfindet der Mensch vollkommene Erfüllung. Das Verlangen zu empfangen besteht bei allen Lebewesen. Nur dem Menschen wurde die Fähigkeit gegeben, den anderen zu empfinden: Er kann mit seinen Freunden mitfühlen und an der Empfindung seines Freundes teilhaben. Er kann also Genuss daran empfinden, dass sein Freund Genuss hat, und, Gott behüte, Leid daran, dass sein Freund leidet.
Damit wurde dem Menschen ein weiterer Ort gegeben, von dem er Genuss empfangen kann: ein Ort außerhalb seines Körpers. Tiere werden nur durch das bewegt, was sie selbst betrifft, nicht aber durch das, was andere betrifft. Dem Sprechenden hingegen wurde die Fähigkeit gegeben, auch den anderen zu empfinden. (Ausgenommen sind bestimmte bekannte Tierarten, denen dieses Empfinden von Natur aus gegeben wurde; bei ihnen richtet es sich jedoch gerade auf die eigene Art.)
Zusätzlich zur Stufe des Sprechenden wurde dem Menschen aus Israel eine besondere Kraft gegeben: das Empfinden der Göttlichkeit. In dieser Hinsicht sagten die Weisen: „Ihr heißt Mensch.“6 Dies ist eine zusätzliche Kraft gegenüber der Stufe des Sprechenden: Er kann unter dem Exil der Shechina (göttlichen Gegenwart) leiden und sich an der Ehre des Himmels freuen, die sich in der Welt offenbart. Somit wurde dem Menschen aus Israel neben der Stufe des Sprechenden ein weiterer Ort gegeben, von dem er Genuss empfangen kann. Dies ist der wesentliche Genuss, denn die Welt wurde allein dafür erschaffen, den Genuss des Empfindens der Göttlichkeit zu empfangen.
Obwohl alle Genüsse in der Welt vom Schöpfer kommen, weil der Schöpfer in all diesen Dingen leuchtet, stellt sich die Frage: Warum werden diese Genüsse „körperliche Genüsse“ genannt? Weil der Mensch darin Genuss empfinden kann, ohne den Schöpfer damit in Verbindung bringen zu müssen. Selbst wenn er die Göttlichkeit nicht empfindet, ja sogar wenn er, Gott behüte, nicht an den Schöpfer glaubt, kann der Mensch an all diesen Dingen Geschmack finden.
Den Geschmack der Tora und der Mizwot zu empfinden ist dagegen ohne die Übernahme des Jochs des Glaubens unmöglich. In dem Maß, in dem ihm das Licht des Glaubens leuchtet, wächst in ihm auch das Empfinden des Genusses an der Tora und den Mizwot. Deshalb bezeichnen wir das Empfinden des Genusses an der Tora und den Mizwot als spirituellen Genuss.
Körperliche Genüsse kann der Mensch sogar dann empfinden, wenn er keinerlei Verbindung zur Tora und den Mizwot hat. Denn ohne Lebenskraft kann er nicht leben; jeder Mensch muss Genuss kosten. Das folgt daraus, dass die Natur der Schöpfung das Verlangen ist, Genuss zu empfangen. Der Schöpfungsgedanke, der „Sein Wille, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun“ heißt, prägte den Geschöpfen das Bedürfnis ein, Genuss zu empfangen. Wenn der Mensch weder in der Gegenwart noch in der Zukunft irgendeinen Genuss für sich sieht, muss er sich das Leben nehmen, denn sein ganzes Kommen in diese Welt dient allein dazu, Genuss zu empfangen.
Da dem Menschen eine Zeit für die Arbeit der Wahl gegeben wurde, in der er das Böse verabscheuen und die Tora und die Mizwot wählen soll, und da er sich nur während der Wahl an gute Eigenschaften gewöhnen kann, die geeignet sind, das wahre Gute zu empfangen, wurde ihm für die Zeit der Arbeit eine Zeit der Verhüllung gegeben. Das heißt, er empfindet keinen Geschmack von Genuss an der Tora und den Mizwot, denn nur während der Verhüllung gibt es eine Wahl.
Bis der Mensch würdig wird, den Geschmack spiritueller Lebenskraft zu empfinden, bezieht er daher seine ganze Lebenskraft nur aus körperlichen Dingen, deren Genuss begrenzt ist. Dies ist lediglich ein Übergang, bis er spirituellen Geschmack erlangt. Bis dahin muss er seinen Geschmack allein in körperlichen Dingen finden. Doch auch bei diesen körperlichen Genüssen wurde dem Menschen die Möglichkeit gegeben, sich daran zu gewöhnen, seinen Genuss um des Himmels willen zu empfangen.
Das Verlangen zu empfangen wird „Körper des Menschen“ genannt. Deshalb verändert es sich niemals, sondern bleibt in diesem Zustand: Es verlangt immer danach, Genuss zu empfangen.
Bekleidung. Alles, was Veränderungen annimmt, gehört nicht zum eigentlichen Wesen, denn das Wesen verändert sich nicht. Daher gelten alle Dinge, aus denen der Mensch Genuss bezieht, für ihn als Bekleidung. Heute trägt er zum Beispiel dieses Kleid und morgen ein anderes. Es gibt Kleider, die man in der Küche benutzt, und Kleider, die man vor dem König trägt.
Jeder Genuss gilt als Licht, und es gibt kein Licht ohne ein Kli (Gefäß). Dies ist eine spirituelle Angelegenheit, und alles Spirituelle muss in irgendeine körperliche Bekleidung gekleidet sein. Nur durch die Bekleidung kann man den Genuss empfangen, der sich in ihr befindet. Deshalb wurden uns viele Bekleidungen gegeben, die Genüsse enthalten: Essen, Trinken, Ehrengewänder und die bloße Ehre, die man einem Menschen erweist; ebenso Genuss an Dingen des Verstandes oder an der Tora und den Mizwot. Jeder Mensch hat andere Bekleidungen, denn kein Mensch gleicht seinem Freund. In einem Punkt aber sind alle gleich: Alle wollen Genuss.
Wechsel der Bekleidungen. Dass der Mensch manchmal Ehre genießen will, manchmal bloße Begierden und manchmal die Tora und die Mizwot, hat viele Ursachen. Bisweilen entspringt dies dem Erbe seiner Vorfahren: Die Vorfahren wählten bestimmte Genüsse, und dies wird von Generation zu Generation weitergegeben. Das ist die Bedeutung der Familienabstammung – die guten Eigenschaften werden vom Stammvater der Familie an die folgenden Generationen weitergegeben.
Ebenso verändert sich der Mensch durch Bücher und Schriftgelehrte, denn er wird von seiner Umgebung beeinflusst. Ein Baum nimmt seine Nahrung aus dem auf, was sich in seiner Umgebung befindet; deshalb entfernt man immer die Dornen und andere schädliche Dinge, die neben dem Baum wachsen. Ebenso ist der Mensch ein Baum des Feldes und nimmt seine Nahrung aus seiner Umgebung auf. Daher wird er von Schriftgelehrten beeinflusst: Er hat gute Freunde und übernimmt von ihnen, an den Dingen Genuss zu finden, von denen sie sagen: Dies ist gut und jenes schlecht. Oder er wird von der Umgebung der Bücher beeinflusst, also von dem, was er in Büchern lernt und liest. Die Bücher sagen ihm, was gut und was schlecht ist, und dann folgt der Mensch ihrem Rat.
korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026