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Brief 27

Mit Hilfe des Schöpfers. Dienstag, Wochenabschnitt Shemot, 57171 (18. Dezember 1956), hier in Manchester, möge der Höchste es schützen.

An die Freunde, mögen sie ewig leben

Seit sehr langer Zeit habe ich keine Briefe von euch erhalten, außer von …; und von … erhielt ich einen kurzen Brief.

Wir müssen unsere Arbeit jeden Tag erneuern, also die Vergangenheit vergessen. Wenn wir in der Vergangenheit keinen Erfolg hatten, müssen wir neu beginnen. Es ist wie bei Kaufleuten: Wenn einer ein Geschäft betrieben hat und damit keinen Erfolg hatte, schließt er dieses Geschäft und eröffnet sofort ein anderes. Er hat die Hoffnung, dass er zwar im alten Geschäft keinen Erfolg hatte, im neuen aber gewiss Erfolg haben wird.

So ist es auch bei uns: Obwohl wir in der Vergangenheit keinen Erfolg hatten, werden wir in Zukunft Erfolg haben. Wir dürfen jedoch nicht untätig bleiben, denn ohne jede Tätigkeit kann es gewiss keinen Erfolg geben. Wir müssen vielmehr glauben, dass das Licht Seiner Tora gewiss auf uns herabgezogen wird und wir Seines Lichtes würdig werden. Seine Tora ist die Tora der Wahrheit: Die Wahrheit wird uns schützen, wir werden das Licht Seiner Tora heranziehen und für ewig der Anhaftung (Dwekut) an Seinen Namen würdig werden.

Wie unsere Weisen sagten: „Rabbi Yochanan sagte: ‚Unser Vater Jakob ist nicht gestorben.2‘ Man wendet ein: ‚Haben ihn denn die Einbalsamierer vergeblich einbalsamiert und die Totengräber vergeblich begraben?‘ Vielmehr lege ich folgenden Schriftvers aus: ‚Du aber fürchte dich nicht, Mein Knecht Jakob, spricht der Ewige, und erschrick nicht, Israel; denn siehe, Ich rette dich aus der Ferne und deine Nachkommen aus dem Land ihrer Gefangenschaft.3‘ Wie seine Nachkommen am Leben sind, so ist auch er am Leben.“ Rashi erklärt4, dass nur bei Lebenden von Gefangenschaft die Rede sein kann, bei Toten dagegen nicht (Jeremia 30,10; Traktat Ta’anit 5b).

Die Kommentatoren fragten:

1) Dennoch bleibt die Frage bestehen. Maharsha5 (unser Lehrer Rabbi Shmuel Elieser Eidels) erklärt: Der Körper starb, doch die Seele besteht fort. Weshalb heißt es dann gerade von Jakob, er sei nicht gestorben? Er antwortet: Abraham und Isaak starben im Land Israel, Jakob dagegen außerhalb des Landes. Deshalb muss uns mitgeteilt werden, dass auch Jakob nicht gestorben ist.

Ich werde dies nach unserem Weg erklären; damit wird auch die bekannte Frage zu dem Vers geklärt: „Sie ließen Josef sagen: ‚Dein Vater befahl vor seinem Tod: So sollt ihr zu Josef sagen: Ach, vergib doch das Vergehen deiner Brüder.‘“6

Es ist schwer zu verstehen:

2) Wo finden wir, dass unser Vater Jakob vor seinem Tod etwas Derartiges befahl? Ebenso stellt sich die Frage des Midrash (Auslegungsschrift) zu dem Vers „Er rief seinen Sohn Josef“, und er trug ihm die Bestattung auf (1. Mose 47,29).

3) Weshalb trug er es nicht Ruben auf, der der Erstgeborene war, oder Juda, der König war?

Die Kommentatoren fragten außerdem:

4) Jakob sagte zu Josef: „Erweise mir Güte und Wahrheit.7“ Gemeint ist Güte, die man den Toten erweist, denn sie geben für diese Güte weder Gegenleistung noch Lohn. Später sagte er jedoch zu Josef: „Ich gebe dir einen Anteil mehr als deinen Brüdern“.8 Rashi erklärt: weil du dich um meine Bestattung bemühst und dich damit befasst. Dann ist dies aber keine wahre Güte mehr.

Ebenso ist schwer zu verstehen:

5) Josef sagte zu ihm: „Ich werde nach deinem Wort handeln9.“ Das Wort „Ich“ ist überflüssig; er hätte sagen sollen: „Ich werde nach deinem Wort handeln“ – im Hebräischen ohne das zusätzliche Anochi. .

Um all dies zu verstehen, müssen wir die Eigenschaft der Wahrheit verstehen, die Jakobs Eigenschaft ist, wie geschrieben steht: „Gib Jakob Wahrheit10 (Micha 7,20). Mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) erklärte die Bedeutung der Wahrheit – angeführt im Sulam (Leiter-Kommentar), in der Einleitung in das Buch Sohar, Punkt 175 –, dass zwei Gruppen von Engeln die Schöpfung anklagten und zwei für sie eintraten.

Die Engel der Wahrheit sagten, die ganze Welt sei Lüge. Denn die Welt wird „Verlangen zu empfangen“ genannt, während Wahrheit das Verlangen ist, seinem Schöpfer Zufriedenheit zu bereiten – und dies besteht gerade in Anhaftung. Wie könnten die Menschen dazu gelangen? Die Engel der Güte sagten: „Er übt Güte.“ Durch die Güte werden sie zur Anhaftung gelangen und so weiter; siehe dort die ganze Erklärung. „Und Wahrheit wurde zu Boden geworfen11“ (Daniel 8,12): Aus lo liShma (nicht um des Gebens willen) werden wir liShma (um des Gebens willen) würdig werden und zur Eigenschaft der Wahrheit gelangen.

Unser Vater Jakob, der die Eigenschaft der Wahrheit verkörpert, befahl vor seinem Tod – das heißt, er hinterließ Josef ein Vermächtnis –, wahre Güte zu erweisen. Dadurch sollte Josef der Eigenschaft der Wahrheit würdig werden, also ganz auf das Geben ausgerichtet sein. Dies galt für alle seine Söhne, doch er befahl es gerade Josef: Nach Jakobs Tod sollte Josef mit seinen Brüdern nicht wegen seines Verkaufs abrechnen.

Obwohl Josef sieht, dass seine Brüder durch den Verkauf Schaden angerichtet haben, soll er sich dennoch nur mit der Eigenschaft der Wahrheit befassen, also mit dem Geben. Den Schaden zu korrigieren, ist dagegen allein Sache des Schöpfers. Diese Korrektur vollzog sich später durch die Zehn Märtyrer12, wie an mehreren Stellen erklärt wird.

Josef antwortete: „Ich (Anochi) werde nach deinem Wort handeln.“ Das heißt: Meine Ichbezogenheit (Anochijut) soll deinem Wort entsprechen; ich werde nur den Weg des Gebens gehen. Damit ist verständlich, weshalb Jakob es gerade Josef sagte und weshalb Josef gerade das Wort „Ich“ gebrauchte.

Damit ist die zweite Frage beantwortet: Wo finden wir, dass Jakob Josef vor seinem Tod einen solchen Befehl gab? Wie oben erklärt, sagte er gerade Josef vor seinem Tod, er solle den Weg der Wahrheit gehen, der allein im Geben besteht. Daher ist es nicht deine Aufgabe, wegen des Verkaufs abzurechnen.

Nachdem Josef dies auf sich genommen und gesagt hatte: „Ich werde nach deinem Wort handeln“, also geben, beeinträchtigte Jakobs spätere Aussage „Ich gebe dir einen Anteil mehr als deinen Brüdern“ die wahre Güte nicht. Denn jetzt nahm Josef das Geschenk an und galt dabei als jemand, der empfängt, um zu geben. Er hatte kein eigenes Bedürfnis; vielmehr waren alle seine Handlungen in Tora und Mizwot auf das Geben ausgerichtet.

Damit ist die vierte Frage beantwortet: Nach der Annahme der Wahrheit konnte Jakob ihm bereits Lohn geben, und dennoch galt dies als vollkommenes Geben.

Das meinte Rabbi Yochanan mit den Worten: „Unser Vater Jakob ist nicht gestorben.“ Jakobs Eigenschaft ist nicht gestorben, weil er sie seinen Söhnen nach ihm vererbte. Deshalb nannte Rabbi Yochanan gerade Jakob, denn die Hauptsache ist die Wahrheit. Wenn die Wahrheit besteht, wird man bereits der Eigenschaften Abrahams und Isaaks würdig – Chassadim (Gnaden) und Gwurot (Kräfte).

Aus all dem folgt: Unser Vater Jakob ist nicht gestorben. Vielmehr wird seine Tora, die Tora der Wahrheit, uns leuchten; wir werden würdig werden, auf seinen Wegen zu gehen und uns jedes Mal mit größerer Anstrengung zu stärken. Wir dürfen nicht auf den Verstand unserer Hausherren hören, der uns Funken der Verzweiflung bringt. Vielmehr sollen wir nach dem Ausspruch unserer Weisen sagen: „Der Sohn Davids kommt nur, wenn man nicht daran denkt13“ (Traktat Sanhedrin 97a). Die Erlösung, „Sohn Davids“ genannt, kommt also gerade dadurch, dass man sich vom Verstand der Hausherren abwendet.

Das ist die Bedeutung von Rashis Erklärung: Nur Lebende befinden sich in Gefangenschaft. Nur wenn der Mensch als lebendig gilt, empfindet er, dass er in Gefangenschaft ist und das Gefängnis verlassen muss. Wenn der Mensch dagegen tot ist, empfindet er nicht, dass er in Gefangenschaft ist.

Jakobs Eigenschaft wird uns leuchten, damit wir die Gefangenschaft verlassen, wie geschrieben steht: „Und deine Nachkommen aus dem Land ihrer Gefangenschaft.“ Alle Verlangen nach der Arbeit befinden sich also in Gefangenschaft. Deshalb heißt es: „Fürchte dich nicht, Mein Knecht Jakob … denn siehe, Ich rette dich aus der Ferne.“ Auch wenn ihr euch in äußerster Ferne vom Schöpfer befindet, verspricht uns der Schöpfer, dass Er uns retten wird. Unsere Weisen sagten: „Wenn der Schöpfer ihm nicht hülfe, könnte er ihn [den Bösen Trieb] nicht überwinden14“ (Traktat Kiddushin 30b).

Daher müssen wir verstehen, wie mächtig unser Helfer ist, wie geschrieben steht: „Der Ewige ist ein Krieger“.15 Wenn ein Mächtiger rettet, welchen Unterschied macht es für Ihn, ob Er viel oder wenig Hilfe leisten muss? Vielmehr gilt, wie oben gesagt: „Denn siehe, Ich rette dich aus der Ferne.“ Selbst wenn wir uns in äußerster Ferne befinden, wird Er uns retten.

Und wir wollen hoffen, dass wir von heute an, also in jedem Augenblick, der ewigen Vollkommenheit und der Anhaftung an die Wahrheit würdig werden.

Von eurem Freund Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines verehrten Vaters und Lehrers Baal HaSulam

korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026


  1. Hebräisches Datum: Dienstag der Woche des Wochenabschnitts Shemot, 5717. 

  2. Siehe Traktat Ta’anit 5b. 

  3. Jeremia 30,10. 

  4. Siehe Traktat Ta’anit 5b, Kommentar Rashis. 

  5. Rav Shmuel Elieser Eidels, 16.–17. Jahrhundert. Gesetzeslehrer und Talmudkommentator. 

  6. 1. Mose 50,16–17. 

  7. 1. Mose 47,29. 

  8. 1. Mose 48,22. 

  9. 1. Mose 47,30. 

  10. Micha 7,20. 

  11. Daniel 8,12. 

  12. Gemeint sind zehn Weise, die im 2. Jahrhundert n. Chr. von den Römern hingerichtet wurden. 

  13. Siehe Traktat Sanhedrin 97a. 

  14. Traktat Kiddushin 30b. 

  15. 2. Mose 15,3.