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Brief 11

Mit Hilfe des Schöpfers. Donnerstag, Wochenabschnitt Nizawim, 5715 (8. September 1955)

An die Freunde, der Schöpfer sei über euch,

… und vielleicht ist dies die Bedeutung dessen, was wir im Mussaf-Gebet (Zusatzgebet) an Rosh HaShana (dem jüdischen Neujahrsfest) sagen: „Glücklich ist der Mann, der Dich nicht vergisst, und der Mensch, der sich in Dir anstrengt.“ Man muss verstehen: Wenn der Mensch sich immer an den Schöpfer erinnert, wozu muss er sich dann noch anstrengen?

Und in „Esrat Awoteinu“ („Hilfe unserer Vorfahren“) vor dem Achtzehngebet (Shmone Esre) sagen wir: „Glücklich ist der Mann, der auf Deine Mizwot hört und Deine Tora und Dein Wort auf sein Herz legt.“ Man muss verstehen:

1) Es hätte heißen müssen: „der Deine Mizwot einhält“.

2) Was bedeutet Tora, und was bedeutet „Wort“?

3) Was hat es damit auf sich, die Tora auf das Herz zu legen? Es hätte heißen müssen: „auf den Verstand“.

Über Malchujot (Königtümer), Sichronot (Erinnerungen) und Shofarot (Shofar-Klänge)1 lehrten unsere Weisen: „Königtum – damit ihr Mich über euch zum König macht; Erinnerungen – damit eure Erinnerungen vor Mir aufsteigen. Und wodurch? Durch den Shofar (Widderhorn).“2 Man muss die Bedeutung der Erinnerungen verstehen. Schließlich „gibt es vor dem Thron Deiner Herrlichkeit kein Vergessen“3. Wie kann es dann heißen, dass eure Erinnerungen vor Mir aufsteigen sollen? Ebenso: Wenn man den Shofar bläst, erinnert Sich der Schöpfer an uns – wie kann man so etwas sagen? In der materiellen Welt wird ein schlafender Mensch durch einen Klang geweckt. Doch wie kann dies auf den Schöpfer bezogen werden?

All diese Verse und Aussprüche unserer Weisen geben uns vielmehr Ratschläge, wie wir uns an Ihn anhaften können. Denn unser ganzer Mangel rührt daher, dass wir die Größe des Schöpfers nicht empfinden.

Denn wenn wir zu prüfen beginnen: „Was ist diese Arbeit?“, wollen wir sofort alles in Form von Or Pnimi (innerem Licht) empfangen. Wie ihr wisst, leuchtet Or Pnimi gerade dann, wenn es einen Massach (Schirm) und Or Choser (zurückgeworfenes Licht) gibt, also reine Gefäße; doch Bchina Dalet (vierte Stufe) empfängt von Or Makif (umgebendem Licht), denn Or Makif leuchtet aus der Ferne, wie im Ez Chaim („Baum des Lebens“) geschrieben steht.

Das bedeutet: Selbst wenn der Mensch noch fern vom Schöpfer ist, das heißt, wenn er keine Angleichung der Form besitzt, kann er von Or Makif empfangen. Der ARI schrieb, dass Or Makif größer ist als Or Pnimi.

Das heißt: Wann kann der Mensch empfangen, solange er noch fern ist? Nur wenn er die Größe und Bedeutung von Or Makif erhöht, das heißt die Erhabenheit des Schöpfers und die Bedeutung des Lichts der Tora. Dann kann er ein Leuchten aus der Ferne empfangen.

Wir müssen glauben, dass die ganze Schönheit, die es in der Schöpfung gibt, im Inneren der Tora liegt. Doch der Glaube erfordert große Anstrengung. Das ist die Bedeutung von: „Glücklich ist der Mann, der Dich nicht vergisst.“4 Und wie erlangt man dies? Dadurch, dass „der Mensch sich in Dir anstrengt“5.

Das „in Dir“ hat zwei Bedeutungen:

1) in Dir, das heißt im Schöpfer;

2) im Schöpfer, der in die zweiundzwanzig Buchstaben der Tora eingekleidet ist.

Ebenso heißt es: „Glücklich ist der Mann, der auf Deine Mizwot hört“, das heißt, dass er die Stufe des Hörens erlangt. Der Satz gibt uns auch einen Rat, wie man dies durch „Deine Tora und Dein Wort“ erlangt.

Das heißt, er glaubt, dass die ganze Tora das Wort des Schöpfers ist – dass also, wie oben gesagt, das „in Dir“ in die zweiundzwanzig Buchstaben der Tora eingekleidet ist. Und dies muss man auf das Herz legen. Wie ihr wisst, sagte mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam), dass der Verstand dem Menschen nur dient, das Wesentliche am Menschen aber das Herz ist.

Das ist die Bedeutung von: „Königtum – damit ihr Mich über euch zum König macht.“6 Es geht also um eine Handlung, die uns innerlich bewegt; das heißt, wir nehmen das Joch des Königtums des Himmels auf uns. Doch wir sehen, dass wir es sofort wieder vergessen, nachdem wir es auf uns genommen haben. Deshalb gibt man uns den Rat: „damit eure Erinnerungen vor Mir aufsteigen“7, das heißt vor dem Schöpfer. Alle Erinnerung, die wir haben, soll nur darauf hinwirken, dass wir uns an den Schöpfer erinnern. Auch die Erinnerungen sind also wie die Königtümer: Wir müssen uns innerlich bewegen lassen.

„Und wodurch? Durch den Shofar.“8 Ihr wisst gewiss, dass der ARI Shofar als Shufra deIma (Schönheit der Mutter), als Shufra deBina erklärt. Shufra bedeutet „Schönheit“. Mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) erklärt, dass Schönheit Chochma (Weisheit) ist, die aus Bina (Verstehen) hervorgezogen wird, wenn Bina wieder zu Chochma wird. Wenn der Mensch glaubt, dass alle Schönheit und Bedeutung in Chochma liegen, in der alle Genüsse eingeschlossen sind, und dass nur noch Korrekturen fehlen, will er sich an etwas Gutes erinnern.

Denn es liegt in der Natur des Menschen, nur schlechte Dinge zu vergessen. Deshalb müssen wir glauben, dass all dies für uns vorbereitet wurde. Dann werden wir der Erinnerung würdig sein, den Schöpfer keinen Augenblick vergessen und einer guten Einschreibung und Besiegelung würdig werden.

Von mir.

Brief 12 – 1

Mit der Hilfe des Schöpfers, 24. Tischri 5716 (10. Oktober 1955)9, London

An meinen Freund …

Gestern erhielt ich deinen Brief, der für die Menschen in Gateshead bestimmt ist. Inzwischen leite ich deinen Brief an die Freunde in London weiter. Vor allem möchte ich darauf hinwirken, dass sie dir auf deinen Brief antworten, damit zwischen euch ein Briefwechsel entsteht. Wenn dies gelingt, wird daraus großer Nutzen erwachsen – sowohl im Materiellen als auch im Spirituellen.

Ich schreibe dir den Inhalt des Gesprächs, das ich an einem Zwischenfeiertag von Sukkot vor den Schülern des verstorbenen Rav Dessler über den „Zila deMehemnuta“ (Schatten des Glaubens) hielt: Man muss wissen, dass der „Schatten“, der Verhüllung genannt wird, das Kli (Gefäß) ist, durch das man des Lichtes des Glaubens würdig wird, das „Mehemnuta“ (Glaube) genannt wird.

Damit erklärte ich die Worte unserer Weisen zu dem Vers: „Damit eure Generationen wissen, dass Ich die Söhne Israels in Hütten (Sukkot) wohnen ließ.“10 „Es waren Wolken der Herrlichkeit“, so Rabbi Elieser. Rabbi Akiwa sagt: „Es waren wirkliche Hütten.“11 Ich fragte: Wie kann es eine so weit auseinandergehende Meinungsverschiedenheit geben, dass der eine von wirklichen Hütten, also einer materiellen Hütte, und der andere von einer spirituellen Sukka aus Wolken der Herrlichkeit spricht?

Doch beides sind Worte des lebendigen Schöpfers, und es besteht hier keinerlei Meinungsverschiedenheit. Vielmehr sagt der eine, dass man hauptsächlich die Erinnerung an die Kelim (Gefäße) bewahren muss, und der andere die Erinnerung an die Lichter. Wirkliche Hütten bedeuten wirkliche Verhüllungen, abgeleitet von S’chach (Laubdach), das „Zila“ (Schatten) genannt wird. Rabbi Elieser dagegen sagt, dass man die Erinnerung an die Lichter bewahren muss, die „sieben Wolken der Herrlichkeit“ genannt werden; dies ist der Aspekt von „Mehemnuta“ (Glaube). Beide Aspekte waren damals, bei ihrem Auszug aus dem Land Ägypten, gemeinsam vorhanden. Wenn wir uns daher richtig ausrichten, werden wir des Lichtes würdig. Man darf jedoch nicht denken, dass es kein Vergnügen und keine Freude gibt, wenn man im Aspekt von liShma arbeitet.

Dazu gab ich ihnen folgendes Gleichnis: Man muss wissen, dass die Welt mit einem Verlangen zu empfangen erschaffen wurde. Sobald daher ein Kind geboren wird, will es bereits genießen – bis zu seinem letzten Tag –, dass man mit ihm spielt und dergleichen. Und wenn es heranwächst, will es jedes Mal nur Vergnügen und Freude.

Man muss wissen, dass Vergnügen etwas Spirituelles ist. Es liegt nicht in unserer Hand, das Vergnügen zu erfassen, denn es ist ein Aspekt des Lichtes. Es gilt der Grundsatz (Klal), dass es kein Licht ohne Kli gibt. Deshalb muss jedes Vergnügen in irgendeiner Einkleidung erscheinen.

Daher stellen wir fest, dass jedes Vergnügen und jede Freude Wahrheit ist, da jedes Vergnügen aus einem Aspekt des Lichtes hervorgeht. Der ganze Unterschied zwischen Mensch und Tier liegt nur in der Einkleidung, das heißt in den Kelim. Gewiss kleidet sich das Licht entsprechend dem Wert des Kli. Dies gilt jedoch im Einzelnen; im Allgemeinen gibt es zwischen einem großen und einem kleinen Menschen keinen anderen Unterschied als die Einkleidung.

So sehen wir, dass ein kleines Mädchen mit einer Puppe spielt, und gewiss ist das Vergnügen, das es dabei empfindet, ein wahres Vergnügen. Wenn wir Eltern wollen, dass das Mädchen die Puppe weglegt und essen geht, findet es, dass es grausame Eltern hat, die schlimmer sind als die Nachbarn, denn die Nachbarn hindern es nicht am Spielen, die Eltern aber schon. Weiter sehen wir: Wenn zufällig ein sechs Monate altes Baby im Haus ist und weint, sagt man zu dem Mädchen: „Warum spielst du mit der Puppe und bedeckst sie mit so innigen Küssen? Das ist doch ein unechtes Baby. Komm und spiel mit einem echten Baby!“ Doch es willigt unter keinen Umständen ein, obwohl wir sicher sind, dass dies eine Einkleidung der Wahrheit ist.

Wenn wir das Mädchen fragen könnten: „Warum empfindest du an einem echten Baby kein Vergnügen?“, hätte es darauf keine Antwort. Und wenn wir ihm sagen: „Du siehst doch, wie die Mutter des Kindes mit dem Baby spielt. Auch andere Menschen spielen mit einem kleinen Kind und küssen es. Doch niemals wird es vorkommen, dass ein Erwachsener mit einer Puppe spielt und sie küsst“, dann würde es gewiss antworten: „Das wahre Vergnügen liegt gerade in der Puppe, also in einer Einkleidung der Lüge. Dass Erwachsene mit echten kleinen Kindern spielen und sie küssen, liegt nur daran, dass sie Menschen sind, die keinerlei Verlangen nach Vergnügen haben. Ich hingegen will mein Leben genießen, deshalb muss ich mich an einer Puppe erfreuen.“ Und das ist gewiss so. Doch ein Mensch, der noch nicht entwickelt ist, ist nicht fähig, Vergnügen aus einer Einkleidung der Wahrheit zu empfangen, obwohl dort Vergnügen vorhanden ist. Ebenso verhält es sich in der Deutung des Gleichnisses mit lo liShma und liShma.

In diesem Gleichnis liegt die Antwort auf den Brief unseres Freundes … und dem Verständigen genügt dies.

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Brief 12 – 2

Mit Hilfe des Schöpfers, im Monat Tischri 5716 (Oktober 1955)12

An die geehrten Freunde, mögen sie leben

Ich habe keine Neuigkeiten und hoffe, dass der Schöpfer meinen Weg zum Erfolg führt.

Ich schreibe euch eine Zusammenfassung des Gesprächs, das ich vor den Schülern von Rav Dessler über die Sukka hielt, die „Zila deMehemnuta“ – „Schatten des Glaubens“ – genannt wird.

Eine Sukka bezeichnet den S’chach, der aus dem „Abfall von Tenne und Kelter“ besteht. Der S’chach heißt Schatten, und Schatten bedeutet Verhüllung des Angesichts. Damit es kein „Brot der Scham“ gibt, haben wir Raum für die Arbeit: Wir können uns mit der Tora und den Mizwot beschäftigen, obwohl wir weder Geschmack noch Lebenskraft empfinden. Dadurch können wir später die Lebenskraft empfangen, ohne das Geschenk zu beeinträchtigen; das heißt, das Geschenk wird nicht durch die Scham beeinträchtigt, die der Empfänger empfindet.

Bevor wir die Lebenskraft der Tora empfangen können, müssen wir Lebenskraft aus materiellen Dingen beziehen, denn ohne Lebenskraft kann man nicht leben. Deshalb hat der Schöpfer es für uns so eingerichtet, dass wir Lebenskraft aus dem Materiellen empfangen. Das bedeutet: Lebenskraft wird Licht und Genuss genannt, und Genuss ist Spiritualität. Dabei gilt ein Grundsatz (Klal): Es gibt kein Licht ohne Kli (Gefäß); Genuss ohne Einkleidung kann also nicht bestehen. Der ganze Unterschied liegt daher nicht im Genuss, der Licht genannt wird, sondern in der Einkleidung, also im Kli; denn es gibt eine Einkleidung der Lüge und eine Einkleidung der Wahrheit.

Das ist vergleichbar mit einem fünfjährigen Mädchen, das mit einer Puppe spielt. Es spielt mit ihr, als wäre die Puppe ein wirkliches Kind mit Empfindungen, und obwohl die Puppe nicht antwortet, spricht das Mädchen mit ihr. Wenn sich zur selben Zeit ein sechs Monate altes Kind im Haus befindet und weint und man zu dem fünfjährigen Mädchen sagt: „Geh und spiel mit dem wirklichen Kind; dann haben auch wir etwas davon, weil das Kind nicht mehr weinen wird“, wird es keinesfalls zustimmen. Das heißt, es kann keinen Genuss aus einer Einkleidung der Wahrheit empfangen, sondern nur aus einer Einkleidung der Lüge. Wir sehen jedoch, dass das Mädchen dabei wirklichen Genuss empfindet.

Wenn das Mädchen hingegen herangewachsen und achtzehn Jahre alt geworden ist, muss es bereits Genuss aus einer Einkleidung der Wahrheit empfangen. Ebenso empfangen wir, bevor wir herangereift sind, Genuss gerade aus lo liShma, das als Einkleidung der Lüge gilt. Dies wird Schatten, Verhüllung, genannt; dann gibt es Raum für die Arbeit, und wir beziehen unsere Lebenskraft aus Dingen der Lüge. Wenn wir später dessen würdig werden, empfangen wir die Eigenschaft des Lichts des Glaubens.

korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026


  1. Die drei Segenssprüche, die im Mussaf-Gebet an Rosh HaShana hinzugefügt werden. 

  2. Siehe Traktat Rosh HaShana 34b. 

  3. Aus dem „Segen der Erinnerungen“ (Birkat Sichronot), der im Mussaf-Gebet an Rosh HaShana hinzugefügt wird. 

  4. Mussaf-Gebet an Rosh HaShana. 

  5. Mussaf-Gebet an Rosh HaShana. 

  6. Siehe Traktat Rosh HaShana 34b. 

  7. Siehe Traktat Rosh HaShana 34b. 

  8. Siehe Traktat Rosh HaShana 34b. 

  9. Jüdisches Datum: 24. Tischri 5716. 

  10. Wajikra (3. Buch Mose) 23,43. 

  11. Traktat Sukka 11b. 

  12. Hebräisches Datum: Tishri 5716.