Brief 26
Mit Hilfe des Schöpfers. Am Vorabend des heiligen Schabbat, Wochenabschnitt WaYigash, 3. Tewet 5717 (7. Dezember 1956)1, hier in Manchester2, möge der Schöpfer es schützen.
Frieden und alles Gute in Ewigkeit meinem Freund, dem wertvollsten unter den Menschen, der Gerechtigkeit und Güte nachstrebt und mit Vorzügen und edlen Eigenschaften gekrönt ist …
Heute Morgen erhielt ich deinen Brief zusammen mit zwanzig Gera3 – das ist ein Schekel. Ich will dir etwas über Chanukka schreiben, und zwar nach einer Erklärung zu den Worten unserer Weisen, die ich von meinem Vater und Lehrer seligen Andenkens hörte: „Was ist Chanukka? Chanu-Ko – sie lagerten in Ko.“ Dazu sagte er, es gebe zwei Stufen: 1. den Aspekt Ko („so“), 2. den Aspekt Se („dies“), wie unsere Weisen sagten: „Alle Propheten prophezeiten in Ko, und Moses, unser Lehrer – Friede sei mit ihm –, in Se.“4 Chanukka war der Aspekt Ko.
Die Erklärung seiner heiligen Worte, seligen Andenkens, lässt sich anhand eines Gleichnisses verstehen. Wenn Soldaten in den Krieg ziehen und einige Zeit im Kampf stehen, schickt man sie anschließend zur Erholung an einen Urlaubsort und versorgt sie reichlich mit Speise und Trank. Der Kommandeur beabsichtigt damit, dass sie neue Kräfte sammeln, nicht müde sind und wieder in den Kampf geschickt werden können. Wer keinen Verstand hat, meint, man gewähre ihnen jetzt Erholung, weil der Krieg bereits beendet sei. In Wahrheit ist der Krieg aber noch nicht zu Ende; der gesamte Urlaub soll ihnen Kraft und Mut geben, erneut an die Kampffront zu ziehen.
So verhielt es sich auch mit Chanukka. Darin liegt die Bedeutung von Chanu („sie lagerten“): Sie lagerten nicht aufgrund von Se, das als Vollkommenheit gilt, nämlich als ein Spiegel, der leuchtet. Vielmehr lagerten sie im Aspekt Ko, also in Unvollkommenheit – ein Spiegel, der nicht leuchtet. Der Kampf gegen den Bösen Trieb (Jezer haRa) war noch nicht zu Ende; vielmehr mussten sie zur wahren Vollkommenheit gelangen. Das ist Chanu-Ko: ein Lagern im Aspekt Ko. Sie empfingen die höhere Gabe, damit sie mehr Kraft hätten, im Kampf gegen den Bösen Trieb weiter voranzugehen.
Daraus folgt: Wenn der Mensch auf den Wegen des Schöpfers geht, wird ihm oftmals eine Erweckung von oben gegeben – mitten im Gebet, beim Studium der Tora oder beim Ausführen einer Mizwa. Diese Erweckung dringt in sein Herz ein, und er beginnt, Geschmack und Anmut der Heiligkeit zu empfinden.
Der Mensch muss jedoch wissen, dass ihm diese Fülle nur gegeben wurde, damit er neue Kräfte sammelt, sich in der Arbeit stärken und in den Kampf gegen den Bösen Trieb eintreten kann. So wird ihm von Zeit zu Zeit der Aspekt des Lagerns gewährt, also höhere Fülle. Denn wenn die Erweckung von oben zu ihm kommt, scheint es ihm, als habe er überhaupt keinen Kampf mehr. Dann beginnt er, die Schönheit und Herrlichkeit der Heiligkeit sowie die Niedrigkeit der materiellen Dinge zu empfinden, bis er zu dem Entschluss gelangt, bereits bereit und willens zu sein, nur um des Himmels willen zu arbeiten.
Da der Mensch sein Wirken in Wahrheit noch nicht vollendet hat, nimmt man ihm die Erweckung, die ihm gegeben wurde, wieder fort. Sofort fällt er in seinen früheren Zustand zurück: Er empfindet Anmut und Schönheit nur an materiellen Dingen, während ihm die Dinge der Heiligkeit lediglich als überflüssig gelten. Dann beschäftigt er sich nur aus Notwendigkeit und unter Zwang mit Tora und Mizwot, nicht aus Verlangen und Freude wie zu der Zeit, als er die Erweckung hatte.
Diese Erweckung ist der Aspekt der Chanu-Ko-Leuchte, der Chanukka-Kerze, wie oben erklärt. Hat er Verstand, muss er sich daher immer überwinden, bis ihm von oben geholfen wird, der wahren Vollkommenheit würdig zu werden.
Und wir wollen hoffen, dass der Schöpfer unsere Augen erleuchtet und unser Herz für alle Ewigkeit erfreut.
Von deinem Freund, der dir und deiner Familie alles Gute wünscht
Baruch Shalom HaLevi Ashlag
Sohn meines verehrten Vaters und Lehrers Baal HaSulam, seligen Andenkens
korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026