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Brief 45

Mit Gottes Hilfe, 13. Schwat 5719 (22. Januar 1959), Tel Aviv

Frieden und alles Gute für meinen lieben Freund …

Hiermit antworte ich auf deinen Brief vom Dienstag des Wochenabschnitts WaYishlach. Du hast zwei Fragen zur Urschlange gestellt:

1) Warum wurde sie bestraft? Schließlich finden wir nirgends eine Warnung, nicht anzustiften.

2) Was bedeutet die Strafe „Auf deinem Bauch sollst du kriechen“ in Bezug auf den Bösen Trieb (Jezer haRa)?

In Siftei Chachamim1 steht zum Vers (1. Mose 3,14), dass die Schlange nur deshalb bestraft wurde, weil es durch sie zu einem Fehltritt kam. Denn ihr war nicht geboten worden, nicht anzustiften. So weit seine Worte. Das bedeutet: Die Strafe erfolgte nicht, weil sie es verdient hätte, dass man ihr wegen ihrer Sünde die Kraft nimmt, sondern aus einem anderen Grund – damit andere nicht durch sie zu Fall kommen. Demnach wurde sie nicht wegen des Anstiftens bestraft, denn ihr war nicht geboten worden, nicht anzustiften.

„Auf deinem Bauch sollst du kriechen“ lässt sich so erklären: In der Heiligkeit gibt es drei Stufen, die Nefesh, Ruach und Neshama heißen.

Nefesh bezeichnet einen Zustand des Ruhens (Nefisha), in dem die Lebenskraft so gering ist, dass man zu keiner Bewegung fähig ist. Ruach bezeichnet bereits die Eigenschaften: Man besitzt schon die Bewegungsfähigkeit, die Eigenschaften zu korrigieren. Dies heißt: „Chessed – der rechte Arm; Gwura – der linke Arm“ [Chessed – die rechte Hand; Gwura – die linke Hand]. Man kann seine Hände gebrauchen und verfügt dabei über Lebenskraft der Heiligkeit.

Neshama bedeutet, dass man bereits Verstand und Denkvermögen der Heiligkeit besitzt, also schon mit Erkenntnis der Heiligkeit belohnt wurde. Dann gilt, dass man die Stufe Neshama besitzt.

Die Reihenfolge, in der die spirituellen Lichter empfangen werden, entspricht der Ordnung im Materiellen. Wir sehen: Wenn ein Kind geboren wird, ist seine Lebenskraft so gering, dass es sich nicht aus eigener Kraft bewegen kann; andere müssen ihm helfen. Es kann nur liegen. Das Liegen zeigt, dass der Kopf nicht höher als der Körper ist, sondern dass der Kopf auf derselben Höhe wie die Beine liegt. Dies wird im Spirituellen, wie oben erläutert, Nefesh genannt.

Wenn das Kind weiter heranwächst und dadurch mehr Kraft erhält, reicht seine Lebenskraft bereits aus, um sitzen zu können. Das Sitzen zeigt, dass es seine Hände bewegen kann. Dadurch nimmt die Stufe des Kopfes zu, und zwischen der Höhe des Kopfes und der des Körpers ist ein Unterschied erkennbar.

Wenn es noch weiter heranwächst, also bereits Verstand in seinem Kopf erlangt hat, ist seine Lebenskraft so groß, dass sie sich auch in seine Beine ausbreitet. Dann ist ein großer Höhenunterschied zwischen dem Kopf einerseits und dem Körper und den Beinen andererseits erkennbar.

Daraus folgt, dass es drei Stufen gibt. Dies gilt jedoch gerade für den Sprechenden (Medaber): Sein Kopf ist oben, sein Körper darunter und seine Beine noch weiter unten. Denn er besitzt Verstand und Gedanken und steht dadurch über der Stufe des Tieres.

Bei den Tieren dagegen befinden sich Kopf und Körper auf derselben Höhe. Das zeigt uns, dass ihr Kopf nicht wichtiger ist als ihr Körper. Bei ihnen lassen sich daher nur zwei Stufen unterscheiden: Nefesh oder Ruach, wie oben erläutert.

Wenn sie ihre Beine gebrauchen, zeigt dies, dass sie große Kraft besitzen: Ihr Körper befindet sich höher als ihre Beine. Wenn sie dagegen keine Beine haben, ist ihre Lebenskraft sehr gering. Ihnen wurde nicht die Lebenskraft zweier Stufen gegeben; vielmehr befinden sich Kopf und Beine auf gleicher Höhe.

Damit lässt sich „Auf deinem Bauch sollst du kriechen“ erklären.

Das bedeutet: Ihr wurde die Stufe Ruach genommen, auf der sie bereits bewegungsfähig war. Mit dieser Kraft konnte sie Eva dazu anstiften, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Als ihr die Beine genommen wurden und sie sich auf ihrem Körper fortbewegte, der „Bauch“ genannt wird, wurde ihre Lebenskraft sehr gering. Dies wird „Nefesh ohne Bewegung“ genannt: Ihr fehlt noch die Lebenskraft, um Bewegungen ausführen zu können. Dadurch kann sie der Welt nicht mehr so großen Schaden zufügen.

Nefesh wird weibliches Licht genannt: Sie empfängt, was man ihr gibt, kann aber aus sich selbst keine Lebenskraft empfangen. Sie erhält sie nur dadurch, dass böse Taten begangen werden; daraus stammt ihre Lebenskraft. Wenn ein Mensch daher Verfehlungen begeht und ihr Lebenskraft gibt, erhält sie die Kraft, den Menschen zur Sünde zu verleiten.

Dies ist die Bedeutung von „Auf deinem Bauch sollst du kriechen“: Jetzt besitzt sie nur noch Nefesh der Klipa (Schale). Deshalb kann sie dem Menschen nicht so großen Schaden zufügen. Erst wenn man ihr Kraft gibt, wird sie stärker. Dies ist die Bedeutung von „Eine Verfehlung zieht eine Verfehlung nach sich“2, denn ihre Kraft ist stärker geworden. Wenn sich der Mensch daher nun in Tora und Mizwot stärkt, kann er sie besiegen und die wahre Vollkommenheit erreichen.

korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026


  1. Siftei Chachamim „Lippen der Weisen“ – eine klassische Auslegung zu Raschis Kommentar zur Tora und zu den fünf Schriftrollen (Megillot), verfasst im 17.–18. Jahrhundert. 

  2. Traktat Awot 4,2.