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Brief 40

31. Tag der Omerzählung, 6. Mai 19581, Manchester

An die Schüler, mögen sie leben

Ich habe ein Telegramm von … erhalten, dass wir gesiegt haben … Hoffen wir, dass wir auch im Krieg gegen den Trieb siegen werden, dass wir auch hier Erfolg haben und das bekannte Ziel erreichen: Seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten.

Nun ist bereits die Zeit gekommen, dass wir beginnen, wie Helden und tapfere Männer auf unser heiliges Ziel zuzugehen. Der gebahnte Weg, der zum Ziel führt, ist bekanntlich die Freundesliebe, durch die man zur Liebe zum Schöpfer gelangt. Liebe entsteht durch „Erwirb dir einen Freund“2, das heißt: Durch Handlungen erwirbt man das Herz seines Freundes. Selbst wenn man sieht, dass das Herz des Freundes wie Stein ist, ist das keine Entschuldigung. Wenn man spürt, dass er sich als Freund für die Arbeit eignet, muss man ihn durch Handlungen erwerben.

Denn jedes Geschenk, das man seinem Freund gibt (Ein Geschenk gilt dann als Geschenk, wenn man weiß, dass der Freund sich darüber freuen wird – sei es durch Worte, Gedanken oder eine Handlung. Doch jedes Geschenk muss offen zutage treten, damit der Freund davon weiß. Da er nicht weiß, dass man an ihn gedacht hat, wenn es nur ein Gedanke bleibt, sind auch Worte nötig: Man soll ihm sagen, dass man an ihn denkt und sich um ihn sorgt. Auch dabei muss es sich gerade um etwas handeln, das der Freund liebt, also um etwas, das seinem Gaumen süß ist. Wer selbst nicht Süßes, sondern Saures liebt, kann seinen Freund nicht mit Saurem bewirten, sondern muss ihm gerade Süßes geben, weil dies dem Gaumen seines Freundes angenehm ist. Daraus verstehen wir, dass eine Sache für den einen völlig unbedeutend sein kann, während dieselbe Sache für seinen Freund zu den wichtigsten Dingen der Welt gehört), gleicht einer Kugel, die im Stein einen Hohlraum erzeugt. Zwar hinterlässt die erste Kugel im Stein nur einen bloßen Kratzer, doch wenn die zweite dieselbe Stelle trifft, entsteht bereits eine Kerbe, und die dritte schlägt ein Loch.

Durch die vielen Kugeln, die man immer wieder dorthin schießt, weitet sich das Loch und wird zu einem Hohlraum im Steinernen Herzen des Freundes, in dem sich alle Geschenke sammeln. Jedes Geschenk wird zu einem Funken der Liebe, bis sich alle Funken der Liebe im Hohlraum des Steinernen Herzens sammeln und daraus eine Flamme entsteht. Der Unterschied zwischen einem Funken und einer Flamme besteht darin, dass dort, wo Liebe ist, eine Offenbarung nach außen stattfindet: Allen Völkern wird offenbart, dass das Feuer der Liebe in ihm brennt. Und das Feuer der Liebe verbrennt alle Vergehen, denen man unterwegs begegnet.

Wenn ihr nun fragt: „Was kann man tun, wenn jeder in sich selbst spürt, dass er gegenüber seinem Freund ein Herz aus Stein hat?“ – verzeiht mir, dass ich schreibe: „Jeder spürt, dass er ein Herz aus Stein hat.“ Ich meine damit nicht jene Freunde, die von sich wissen und spüren, dass von ihrer Seite kein Widerstand dagegen besteht, dass ihr Freund sie liebt und ihnen Geschenke macht (nicht unbedingt durch eine Handlung, zumindest aber durch schöne und gute Worte und durch besondere Aufmerksamkeit, die allein ihm gilt). Ich meine nur diejenigen, die in sich gegenüber der Liebe zum Freund ein sehr kaltes Herz spüren, oder die ein Herz aus Fleisch hatten, auf die aber die Kälte der Freunde ebenfalls eingewirkt hat – und dem Verständigen genügt dies – und deren Herz gleichfalls zu Stein gefroren ist.

Der Rat ist sehr einfach, denn es liegt in der Natur des Feuers, dass Feuer entsteht, wenn man Stein an Stein reibt. Und dies ist ein großer Grundsatz (Klal): „Aus lo liShma (nicht um des Gebens willen) gelangt man zu liShma (um des Gebens willen).“3 Dies gilt gerade dann, wenn die Handlung liShma ist, also darin besteht, dem Freund ein Geschenk zu geben, und nur die Absicht lo liShma ist.

Denn ein Geschenk gibt man nur jemandem, von dem man weiß und erkennt, dass er einen liebt. Die Absicht des Geschenks ist somit gleichsam Dankbarkeit für die Liebe, die der Freund einem schenkt. Gibt man jedoch einem Fremden ein Geschenk – man spürt also nicht, dass der Freund dem eigenen Herzen nahesteht –, hat man keinen Grund, ihm Dankbarkeit zu erweisen. Folglich ist die Absicht lo liShma, also … die Absicht, die vorhanden sein sollte. Man könnte zunächst meinen, dies heiße „Almosen“, weil man Mitleid mit seinem Freund hat: Man sieht, dass niemand mit ihm spricht und ihn freundlich empfängt, und deshalb tut man dies für ihn. Dafür gibt es ein Gebet: Der Schöpfer möge einem helfen, die Liebe zum Freund zu spüren, und der Freund möge dem eigenen Herzen nahekommen. Dann wird man kraft der Handlung auch mit der Absicht belohnt.

Wenn der Schenkende jedoch schon bei seiner Handlung beabsichtigt, dass sein Geschenk an den Freund nur ein Almosen ist (auch wenn er dem Freund seine Zeit schenkt, die einem Menschen manchmal sogar wertvoller ist als sein Geld, wie es heißt: „Der Mensch sorgt sich um die Minderung seines Geldes, aber nicht um die Minderung seiner Tage.“ Der Wert der Zeit ist jedoch für jeden anders: Manche verdienen eine Lira pro Stunde, andere weniger und wieder andere mehr; und ebenso verhält es sich mit ihrer Spiritualität – wie viel Spiritualität sie in einer Stunde erwerben usw.), dann bezeugt er damit selbst, dass er nicht die Freundesliebe beabsichtigt, also nicht, dass durch die Handlung die Liebe zwischen ihnen zunimmt.

Nur wenn beide ein Geschenk und kein Almosen beabsichtigen, bringt durch die Reibung der Herzen – selbst wenn es die Herzen von Helden sind – jeder Wärme aus den Wänden seines Herzens hervor. Die Wärme erzeugt Funken der Liebe, bis daraus ein Gewand der Liebe gewebt wird und beide von einer Decke bedeckt sind. Das heißt, eine Liebe umgibt und umfasst sie beide, denn bekanntlich verbindet die Anhaftung (Dwekut) zwei Dinge zu einem.

Sobald man beginnt, die Liebe seines Freundes zu spüren, erwachen in einem sofort Freude und Genuss. Denn es ist ein Grundsatz: An etwas Neuem erfreut man sich. Dass der Freund einen liebt, ist etwas Neues, weil man immer nur wusste, dass man allein für das eigene Wohlergehen und Wohl sorgt. In dem Augenblick aber, in dem man entdeckt, dass der Freund sich um einen sorgt, weckt dies eine unermessliche Freude. Man kann sich dann nicht mehr um sich selbst sorgen, denn der Mensch kann sich nur dort anstrengen, wo er Genuss empfindet. Da er nun beginnt, Genuss daran zu empfinden, für seinen Freund zu sorgen, bleibt ihm von selbst kein Raum, an das Eigene zu denken.

Wir sehen, dass es in der Natur „Liebe bis zur Selbstaufgabe“ gibt. Und wenn du einwenden willst: Wie ist es möglich, dass durch die Liebe im Menschen ein Verlangen erwacht, seine eigene Existenz zu annullieren? Darauf kann man nur eine Antwort geben, wie es heißt: „Liebe durchbricht die Ordnung.“4 Das heißt, dies folgt nicht dem Verstand und gilt als außerhalb der Ordnung.

Erst wenn eine solche Liebe besteht, lebt jeder in einer Welt, die ganz und gar gut ist, und spürt, dass der Schöpfer sein Erbteil gesegnet hat. Dann „haftet der Gesegnete am Gesegneten“5 und wird für die Ewigkeit mit der Anhaftung an Ihn belohnt.

Durch die Liebe ist der Mensch bereit, seine gesamte Existenz zu annullieren. Bekanntlich lässt sich der Mensch als Ganzes in zwei Aspekte gliedern: die Existenz und die Erhaltung der Existenz. Existenz bedeutet, dass der Mensch sich als Mangel und als Verlangen, Genuss zu empfangen, empfindet. Die Erhaltung der Existenz besteht in dem Genuss und der Freude, die er empfängt; davon ernährt sich der Körper und kann bestehen. Andernfalls müsste er sein eigenes Dasein verlieren und aus der Welt verschwinden. Dies ist die Bedeutung von: „das Gott erschuf“ – also die Existenz – „um es zu tun“6 – also die Erhaltung der Existenz.

Die Erhaltung der Existenz gliedert sich in drei Arten: 1) Das Notwendige, ohne das die Existenz annulliert würde. Das heißt, man muss wenigstens einmal täglich trockenes Brot essen und ein Glas Wasser trinken, einige Stunden auf einer Bank schlafen, ohne seine Kleider auszuziehen, und zwar nicht in einem Haus, sondern draußen, auf der Straße oder auf einem Feld. Wenn es regnet, geht man zum Schlafen in eine Höhle, damit man nicht nass wird und friert. Auch die Kleider können Flicken über Flicken haben. Das genügt, denn man will nur die Existenz erhalten und nicht mehr.

2) Man lebt nach der Weise gewöhnlicher, angesehener Hausherren: Man hat ein Haus, Möbel, Hausrat, würdige Kleidung und Ähnliches.

3) Man hat das Verlangen und den Wunsch, den Reichen zu gleichen, die viele Häuser, Diener, schöne Möbel und schönen Hausrat besitzen. Obwohl man das Gewünschte nicht erreichen kann, sind Augen und Herz darauf gerichtet. Die ganze Hoffnung besteht nur darin, ein luxuriöses Leben zu führen, und man setzt Kraft, Energie und große Anstrengung ausschließlich dafür ein, die Stufe der Reichen zu erreichen.

Es gibt noch eine vierte Art, die für alle drei zuvor genannten Arten gilt: Wenn man genug für den heutigen Tag verdient hat, sorgt man sich nicht mehr um morgen. Vielmehr gilt einem jeder Tag wie alle Jahre des eigenen Lebens, etwa siebzig Jahre. Wie es in der Natur des Menschen liegt, für die siebzig Lebensjahre zu sorgen, damit alles zur Erhaltung der Existenz Nötige vorhanden ist, er sich nach seinem Tod jedoch nicht mehr sorgt, so gilt einem dieser Tag als alle Jahre des Lebens, und man denkt, dass man nicht länger leben wird. Erwacht man am nächsten Tag wieder zum Leben, kommt es einem vor, als sei man durch einen Lebenskreislauf erneut zur Welt gekommen und müsse korrigieren, was man im ersten Lebenskreislauf verdorben hat. Hat man etwa von jemandem Geld geliehen und sich damit verschuldet, zahlt man es ihm am nächsten Tag – also im zweiten Lebenskreislauf – zurück, was als Verdienst gilt. Vor allem korrigiert man im zweiten Lebenskreislauf alle Schulden, die man bei jemandem hat oder die jemand einem gegenüber hat. Der übernächste Tag gilt entsprechend als dritter Lebenskreislauf und so weiter.

Nun wollen wir das zuvor Gesagte erklären: Durch die Liebe ist der Mensch bereit, Zugeständnisse zu machen. Manchmal besitzt ein Mensch Liebe zum Schöpfer und ist bereit, auf die dritte Art, also auf ein luxuriöses Leben, zu verzichten. Der Grund ist, dass er einen Teil seiner Zeit und Kraft einsetzen will, um dem Schöpfer Geschenke zu geben und dadurch die Liebe zum Schöpfer zu erwerben (wie oben zur Freundesliebe erklärt). Obwohl er die Liebe zum Schöpfer noch nicht besitzt, leuchtet ihm als umgebendes Licht (Or Makif), dass es sich lohnt, die Liebe zum Schöpfer zu erwerben.

Manchmal spürt ein Mensch, dass er, um die Liebe zum Schöpfer zu erwerben, nötigenfalls auch auf die zweite Art – das Leben angesehener Hausherren – verzichten und nur mit dem Notwendigen leben würde.

Manchmal spürt ein Mensch, wie groß die Liebe zum Schöpfer ist, und wäre nötigenfalls bereit, auch auf die erste Art – ein Leben mit dem Notwendigsten – zu verzichten, obwohl dadurch seine Existenz annulliert würde, wenn er dem Körper nicht die Nahrung gäbe, die er benötigt.

Manchmal ist ein Mensch sogar bereit, auf seine wirkliche Existenz zu verzichten. Er will seinen Körper hingeben, damit dadurch der Name des Himmels vor vielen geheiligt wird, falls er die Gelegenheit erhält, dies auszuführen. So sagte mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam): Der Mensch soll dem Maß Rabbi Akiwas folgen, der sagte: „Mein ganzes Leben lang grämte ich mich über diesen Vers: ‚mit deiner ganzen Seele‘7 – wann wird er mir zuteil, damit ich ihn erfülle?“8

Damit verstehen wir die Worte unserer Weisen: „‚Und du sollst lieben … mit deinem ganzen Herzen‘ – mit deinen beiden Trieben. ‚Und mit deiner ganzen Seele‘ – selbst wenn Er deine Seele nimmt9. ‚Und mit deinem ganzen Vermögen‘ – mit deinem gesamten Besitz.“ Wie oben erklärt, betrifft die erste Stufe der Liebe die Erhaltung der Existenz, also die Ernährung des Körpers durch Vermögen und Besitztümer; gemeint ist der Verzicht auf die drei zuvor genannten Arten der Erhaltung der Existenz. Die zweite Stufe lautet „mit deiner ganzen Seele“, also der Verzicht auf die eigene Existenz selbst.

Dies kann man durch den Guten Trieb (Jezer haTov) erfüllen, also durch Zwang: Man lässt den Körper verstehen, dass mehr Freude und Genuss darin liegen, dem Schöpfer Freude zu bereiten und Ihm zu geben, als sich selbst Freude zu bereiten und sich selbst zu geben. Ohne Freude und Genuss ist der Mensch jedoch zu nichts fähig. Wenn ein Mensch sich Leiden zufügt, müssen wir sagen, dass er im Gegenzug irgendeinen Genuss erhält: Entweder empfindet er den Genuss während der Handlung, oder er hofft, dass Leiden läutern und er danach als Gegenleistung für die Leiden mit einem wunderbaren Genuss belohnt wird. Er erlangt den Genuss entweder in dieser Welt, oder es bereitet ihm Genuss zu glauben, dass er in der Kommenden Welt Freude empfangen wird. Das heißt, er hat Genuss in Form von innerem Licht (Or Pnimi) oder in Form von Or Makif, also aus der Zukunft.

Der Mensch soll jedoch nicht meinen, er könne etwas ohne Genuss tun. Vielmehr gibt es viele Arten von liShma, also im Geben: (Der Mensch muss wissen:) „Geben, um zu geben“ bedeutet, dass man Genuss daraus empfängt, dem Schöpfer zu geben. „Geben, um zu empfangen“ bedeutet, dass man dem Schöpfer gibt und dadurch etwas anderes empfängt – ganz gleich, was: diese Welt, die Kommende Welt, Erlangungen oder hohe Stufen.

Der Mensch soll vielmehr „geben, um zu geben“, also daraus, dass er dem Schöpfer gibt, einen wunderbaren Genuss empfinden, wie es bei denen, die damit belohnt werden, tatsächlich der Fall ist. Und er soll vor Ihm sein Herz ausschütten, damit Er ihm dieses Empfinden gibt, den Schöpfer aufgrund Seiner Größe zu lieben.

Wenn er noch nicht damit belohnt wurde, soll er glauben und seinen Körper dazu zwingen, dass dies ein wunderbarer Genuss und von großer Bedeutung ist, und den Schöpfer aufgrund Seiner Bedeutung und Erhabenheit lieben. Eines jedoch muss man wissen: Ohne Genuss kann der Mensch nichts vollkommen tun.

Kehren wir zum zuvor Gesagten zurück: „Mit deinem ganzen Herzen – mit deinen beiden Trieben.“10 Das heißt, der Mensch muss in der Liebe zum Schöpfer zur Vollkommenheit gelangen, sodass auch der Böse Trieb (Jezer haRa) einwilligt, Ihm zu geben.

Ich fasse meinen Brief wegen der Heiligkeit des Schabbat kurz. Ich denke, dass … Antworten auf die beiden Briefe erhalten kann, die ich von ihm bekommen habe und die mir große Freude bereitet haben. Ich wundere mich über …, der mir gewöhnlich Briefe schrieb; seit langer Zeit habe ich keinen Brief von ihm erhalten. Bitte teilt mir mit, wie es um seine Gesundheit steht. Auch … gebührt großer Dank für seine Briefe, die ich von Zeit zu Zeit erhalte, ebenso … für das Telegramm. Offenbar kennt … meine Adresse nicht.

Euer Freund

Baruch Shalom, Sohn meines Vaters und Lehrers

Unser Lehrer Rabbi Yehuda Leib Ashlag

korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026


  1. Hebräisches Datum: 31. Tag der Omerzählung, 5718. 

  2. Traktat Awot 1:6. 

  3. Traktat Nasir 23:2. 

  4. Bereschit Rabba 55:8. 

  5. Bereschit Rabba 59:9. 

  6. Bereschit 2:3. 

  7. Dwarim 6:5: „Und du sollst den Schöpfer, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen.“ 

  8. Traktat Brachot 61:2. 

  9. Dwarim 6:5, Kommentar Raschi. 

  10. Traktat Brachot 54:1.