<- Kabbala Bibliothek
Weiterlesen ->

Brief 35

Vorabend von Jom Kippur 5718 (4. Oktober 1957)

Zu deiner Frage: „Warum wurden wir so einsam im Kampf zurückgelassen?“

Unsere Weisen sagten: „Jeder, der über einen würdigen Menschen weint und trauert …“ (Traktat Schabbat 105b)1. Was bedeuten Weinen und Trauern?

Bekanntlich gibt es zwei Arten des Weinens: das Weinen aus Trauer und das Weinen aus Freude. Wenn das Herz von einer stärkeren Erregung als gewöhnlich erfüllt ist – ob sie von etwas Gutem oder, Gott behüte, von etwas Schlechtem herrührt –, tritt die innere Bewegung nach außen. Es ist wie bei einem Glas Wasser: Sobald es voll ist, läuft das Wasser aus dem Gefäß. Ebenso sind die Tränen ein Überschuss, der nach außen tritt. Daher gibt es Freudentränen und ebenso das Gegenteil.

Tränen ohne Grund sind jedoch unmöglich. Zwar gibt es künstliche Tränen: Wenn jemand einem anderen zeigen will, dass ihn etwas bewegt, ist auch das ein Grund für Tränen; doch sie heißen künstlich.

Wenn daher ein würdiger Mensch in die himmlische Lehrversammlung2 gerufen wird, man sein Fehlen spürt und sich Gefühl und Schmerz im Herzen ansammeln, äußert sich dies in Tränen. Wird einem Menschen ein Mangel in einem bestimmten Maß bewusst, heißt dieser Mangel Gebet, und durch das Gebet zieht man das Verlorene wieder heran. Achtet man jedoch nicht darauf und findet sich mit dem Zustand ab, entfernt man sich jedes Mal weiter, bis man vergisst.

Bekanntlich wird ein Verstorbener im Herzen vergessen, denn Tod bedeutet bereits Verzweiflung. Daher wird in Bezug auf den Verstorbenen, der mit einem Menschen verbunden war – und diese Verbindung verpflichtet den Menschen, darauf zu achten –, der Vorwurf erhoben: Warum ist der Gerechte verlorengegangen, ohne dass jemand es sich zu Herzen nimmt?3

Damit gegen den Menschen, der mit dem verstorbenen Gerechten verbunden war, kein Vorwurf erhoben wird, nimmt der verstorbene Gerechte eine Korrektur vor: Er nimmt ihm zurück, was er ihm gegeben hat.

Dadurch wird der Mensch sehr viel schlechter. Denn diese Menschen hatten bereits ein Verlangen zu empfangen in Bezug auf Spiritualität. Wenn ihnen die Spiritualität verlorengeht, beginnen materielle Dinge das Maß an Genuss zu füllen, das zuvor aus der Spiritualität kam. Deshalb fallen sie tiefer als der niedrigste Zustand: in niedere Begierden und in noch stärkeres Verlangen nach Ehre.

Deshalb erklärte er nach dem Vorfall, der uns widerfuhr: Sie vergaßen das Wesen und wählten für sich den Weg des Streits …

Daher kannte ich die Folgen im Voraus. Manche Menschen können ihre Gedanken verbergen, andere besitzen diese Kraft nicht; dann treten ihre Gedanken nach außen. Das heißt, sie begehen unangemessene Taten und zeigen allen, dass sie keine Verbindung mit dem Gerechten haben und nie eine hatten.

Warum wunderst du dich also jetzt? Dies geschah doch gleich nach Jom Kippur 5715 (1954). Schon damals wurde die Sache entschieden; bis heute entfalteten sich lediglich ihre Gedanken und Handlungen der Reihe nach.

Nun wirst du besser verstehen, wie notwendig es ist, den Worten unserer Weisen zu glauben, die den Menschen verpflichteten zu sagen: „Für mich wurde die Welt erschaffen.“4 Doch wie kann man diese Größe annehmen? Müsste der Mensch dazu nicht übermäßig stolz sein?

Wenn jedoch die ganze Grundlage im Glauben liegt, kann man auch dies glauben. Arbeitet der Mensch für sich selbst, erheben sich solche Einwände. Wenn er aber wenigstens will, dass sein Verlangen um des Himmels willen ist, kann er auch dies bereits glauben. Denn Glauben braucht man auf Schritt und Tritt.

„Die Gerechten sind in ihrem Tod größer als zu ihren Lebzeiten.“5 Das heißt, nach ihrem Tod muss man den Glauben stärker vergrößern als zu ihren Lebzeiten, denn die ganze Grundlage des Weges des verstorbenen Gerechten liegt im Glauben. Nur auf diesem Weg offenbart sich das Wissen. Nur wer damit belohnt wurde, auf den Wegen des Glaubens zu gehen, besitzt Weisheit und Stärke.

„Wer bei der Trauerrede für einen Weisen nachlässig ist, verdient es, zu Lebzeiten begraben zu werden“ (Traktat Schabbat 105b). Erklärung: Wo kein Mangel empfunden wird, macht sich Nachlässigkeit bemerkbar. Da er den Verlust nicht spürt und nicht so bewegt ist, dass in seinem Herzen eine Trauerrede erwacht, verdient er es, zu Lebzeiten begraben zu werden – selbst wenn er noch lebt und die Lebenskraft, die er vom Weisen erhielt, ihn noch nicht verlassen hat.

So wie es für einen Toten keine Korrektur außer durch das Begräbnis gibt, verdient auch dieser Mensch, begraben zu werden, denn der Tod wird gewiss kommen; das heißt, das Leben wird ihn verlassen. Unsere Weisen lehren uns damit, dass er es schon jetzt verdient, begraben zu werden …

Baruch Shalom HaLevi

Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026


  1. „… sondern weil er nicht über einen würdigen Menschen geweint und getrauert hat. Denn jedem, der über einen würdigen Menschen weint, werden alle seine Sünden vergeben.“ 

  2. Siehe Traktat Pessachim 54b; Traktat Berachot 58b. 

  3. Jesaja 57,1. 

  4. Traktat Sanhedrin 37a. 

  5. Traktat Chulin 7b.