Brief 28
2. Januar 19571, Manchester
An meine lieben Freunde …
Ich habe euren Brief aus dem Monat Tewet gelesen und werde euch kurz und allgemein antworten. Ich schrieb euch bereits, dass es gemilderte Urteile gibt.
Im Sinne der Vorbereitung auf den Eintritt in den Palast des Schöpfers ist dies so zu verstehen: Manchmal empfindet sich der Mensch in einem Zustand der Niedrigkeit. Er hat weder Tora noch Arbeit; zudem beschäftigen ihn Gedanken an die Nichtigkeiten dieser Welt und Ähnliches. Dann gerät er in Verzweiflung und sagt: „Gewiss wurde nicht über mich gesagt: ‚Und ich soll meinem Schöpfer dienen.‘2“
„Dies gilt vielmehr für hochstehende Menschen, die von Geburt an gute und aufrichtige Eigenschaften, einen guten Verstand sowie den Wunsch und das Verlangen haben, beharrlich Tora zu lernen. Seit sie auf der Welt sind, gelten all ihre Bestrebungen, ihr Verstand und ihr Herz allein der Tora und der Arbeit. Dagegen gehört ein Mensch von meinem Wert in den Kuhstall. Und auch der Vers ‚Denn es ist für euch kein leeres Wort, sondern es ist euer Leben und die Länge eurer Tage‘3 wurde nicht über mich gesagt.“
Manchmal tritt beim Erwachen der Niedrigkeit eine Milderung ein. Der Mensch erkennt dann: „Ich wusste nicht, wie tief ich in die Nichtigkeiten der Zeit und in belanglose Dinge versunken war. Ich achtete nicht darauf, mich so zu verhalten, wie es sich gehört. Auch das Lied ‚Er wird Sich meiner rühmen, denn Er begehrt mich‘4 muss ich singen. Denn ganz Israel ‚hat Anteil an der Kommenden Welt‘5, im Sinne von: ‚Er stand auf und verbarg es für die Gerechten für die Kommende Welt.‘6“
„Jetzt, da ich von all dem entfernt bin, darf ich nicht verzweifeln, sondern muss auf den Schöpfer vertrauen: ‚Denn Du hörst das Gebet eines jeden Mundes.‘7 ‚Jeden‘ schließt auch meinen Mund ein, selbst wenn er nicht so in Ordnung ist, wie er sein sollte. Gewiss werden die dreizehn Eigenschaften der Barmherzigkeit auch für mich erweckt.“
„Von heute an hoffe ich, voranzugehen, obwohl ich das schon oft gesagt habe und am Ende doch in meiner Niedrigkeit geblieben bin.“ Darauf antwortet er, dass es die Aspekte „Welt, Jahr, Seele“ gibt. Diese drei müssen gemeinsam in Zeit, Ort und Seele vereint werden.
Deshalb sagt er, dass nun gewiss die Zeit gekommen ist, aus all den schlechten Zuständen herauszukommen, und dass „dem, der kommt, um sich zu reinigen, geholfen wird“8. Sofort beginnt er mit noch größerer Kraft und Stärke zu arbeiten.
Auch während dieser inneren Auseinandersetzung leidet er nicht unter der Niedrigkeit, in der er sich, wie er sieht, sein ganzes Leben lang befunden hat. Im Gegenteil: Währenddessen empfindet er Freude und Erhebung, weil ihm jetzt die Größe (Gadlut) leuchtet, deren er später würdig werden soll. Dies bedeutet, dass ihm das umgebende Licht aus der Ferne leuchtet.
Obwohl er noch weit vom Palast des Königs entfernt ist und seine Gefäße noch nicht um des Himmels willen gereinigt hat, empfängt er dennoch ein Leuchten von dem Licht, das sich später in ihn kleiden wird. Daher bereitet ihm dieser Zustand der Niedrigkeit kein Leid; im Gegenteil, er empfindet Freude.
Dies heißt Milderung der Urteile: Der Zustand ist nicht so schlecht. Das liegt daran, dass er nicht zurück auf die Vergangenheit blickt, sondern nach vorn auf das Licht, das er später erlangen wird. So ist er durch das umgebende Licht an den Schöpfer angehaftet.
Doch auch bei den beiden genannten Zuständen ist es für den Menschen schwer, selbst zu urteilen und zu klären, welchen davon er annehmen und welchem er folgen soll. Solange er in den Wegen der Arbeit noch unerfahren ist, wird er gewöhnlich wie ein Schatten mitgezogen: Manchmal zeigt man ihm von oben einen Zustand der Verzweiflung, ein anderes Mal eine Milderung seiner Niedrigkeit.
Wenn der Mensch nicht selbst wählen kann, was er annehmen soll, darf er den Zustand der Verzweiflung keinesfalls für wahr halten. Vielmehr muss er sagen, dass er noch kein Meister der Arbeit ist, sondern sich wie ein Stein in der Schleuder befindet: Von oben wird er von einem Zustand in den anderen geworfen.
Fällt der Mensch in den ersten Zustand, der Verzweiflung heißt, ist er wirklich tot. Manchmal bringt sich ein Mensch bewusst selbst zu Tode: Er begibt sich an einen Ort, an dem Schaden häufig ist [wo Schaden entstehen kann]. Dies heißt, „sich selbst an einen gefährlichen Ort zu bringen“. Meist verursacht die Umgebung einen solchen Zustand, der „Tod“ heißt. Dann gilt: „Die Toten sind frei.“9 Sobald ein Mensch tot ist, wird er frei von den Mizwot.
Er sagt dann, dass alle Mizwot, die er von seinen Lehrern auf sich genommen hat, keinerlei Nutzen gebracht haben; daher müsse er sie nicht länger befolgen.
Der einzige Rat dagegen besteht darin, in die Umgebung lebender Menschen zurückzukehren, also zu Menschen, die die Mizwot, die sie von ihren Lehrern empfangen haben, weiterhin befolgen. Obwohl er in diesem Zustand nicht glauben kann, dass es unter seinen Gefährten
[seinen Studienfreunden] Menschen gibt, die lebendig sind und Bestand haben, erscheint ihm die Welt verfinstert. Wohin er auch blickt, sieht er nur Haufen über Haufen von Knochen, die vor seinen Augen kreisen.
Doch in einer Sache kann er sich anstrengen und prüfen, ob seine Gefährten [seine Studienfreunde] zumindest die Mizwot seines Lehrers weiter befolgen.
Manchmal wird ihm auch dies von oben nicht gewährt. Dann sieht er vor sich einen scharfsinnigen Menschen, der sich nicht einreden kann, er gehe den geraden Weg. Weil er erkennt, dass seine Taten nicht wohlgefällig sind, leidet er furchtbar. Anders seine Gefährten [seine Studienfreunde]: Sie sehen ihren wahren Zustand nicht oder haben nicht einmal Zeit, ihre Niedrigkeit zu erkennen. Deshalb führen sie ein ruhiges Leben und haben Seelenfrieden, während (ich) ein leidvolles Leben führe.
In einem solchen Zustand sehnt sich der Mensch manchmal danach, die nichtigen Freuden dieser Welt zu genießen, doch auch sie können ihm keine seelische Befriedigung geben. Er sieht zwar, dass andere das Leben genießen, fragt sich jedoch: Warum ist ausgerechnet mir das Los beschieden, nicht wie andere ein Leben führen zu können, das mir seelische Befriedigung gibt?
Er geht auf der Straße und sieht, wie die Menschen gehen und laufen: der eine zur Arbeit, der andere in sein Geschäft, ein dritter in das Lehrhaus (Yeshiva). Auf keinem Gesicht sind Leid oder Qualen zu erkennen; alle sind vergnügt und froh. Warum sehe gerade ich weder hinsichtlich der Ehre noch hinsichtlich des Lebensunterhalts einen hinreichenden Grund zur Freude?
Selbst Menschen, deren materielle Lage schlechter ist als seine, leiden nicht so unter dem Leben, dass sie sagen würden, ihnen fehle jede Freude daran. Ich hingegen empfinde für mich selbst weniger Geschmack am Leben. Keine der materiellen Freuden bereitet mir genug Genuss, um mich zu befriedigen.
Ich sage nicht, dass ich auf materielle Freuden verzichte, wenn sie nicht den Anteil an Genuss enthalten, den ich mir wünsche. Denn selbst etwas Kleines, das nicht einmal einen Groschen wert ist, wirft man nicht weg. Meine Sorge ist vielmehr: Warum empfinde ich nicht den gleichen Anteil an Genuss wie die anderen, sodass er mir ebenso viel Befriedigung gäbe wie ihnen?
Stellen wir uns dies bildlich vor: Wenn materielle Freuden vierzig Prozent Genuss enthalten, können sie Menschen befriedigen, denen bis zu vierzig Prozent genügen.
Menschen jedoch, die einmal spirituellen Geschmack empfanden und, sagen wir, bereits einen Genuss von sechzig Prozent gekostet haben, fällt es schwer, sich an eine Nahrung zu gewöhnen, die nur vierzig Prozent enthält. Deshalb sind alle anderen vergnügt und froh, während er ein leidvolles Leben führt, denn er braucht sechzig Prozent Genuss. Dennoch wirft er, wie gesagt, auch einen Genuss von nur einem Prozent nicht fort.
Daher gilt: „Wer unersättlich ist, wird zornig.“ Obwohl er ebenso viel Genuss empfängt wie die anderen, ist er zornig, denn er möchte jenes Maß von sechzig Prozent wiederfinden, das er in den spirituellen Geschmäckern zu kosten gewohnt war.
Im Materiellen kann man von vornherein jedoch nur durch ein dünnes Leuchten genießen, wie im heiligen Sohar geschrieben steht, also nur einen begrenzten Anteil an Genuss. Daher leidet er selbst dann, wenn er bereits tot ist – wenn ihm der Geschmack des spirituellen Lebens verloren ging. Denn er erinnert sich daran, dass er einen höheren Anteil an Genuss zu kosten gewohnt war, als die materiellen Freuden enthalten, und findet keine seelische Befriedigung.
Dies ist der Sinn von: „Schwer ist der Wurm für den Toten wie eine Nadel für lebendiges Fleisch.“10
Wenn er tot ist und sich an den Geschmack des Genusses erinnert, den er während der Erhebung des Geistes empfand – Rima, was hier „Wurm“ heißt –, ist dies „wie eine Nadel für lebendiges Fleisch“11. Als er lebendig war, lag all sein Genuss allein in Tora und Arbeit. Er schmeckte die Selbsthingabe in der Arbeit, um seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. Erwachte in ihm eine Sünde, also ein Verlangen des Willens zu empfangen, bereitete ihm dies Leid.
Dies ist der Sinn von „wie eine Sünde für lebendiges Fleisch“: Damals war er an das Leben angehaftet. Doch jetzt, da er sich an den Wurm erinnert, gilt er als tot und leidet ebenfalls.
Es gilt die Regel, dass der Tote aus dem Herzen vergessen wird. Der Mensch vergisst, dass er einst lebendig war und sich jetzt im Zustand des Todes befindet. Er wird vom Strom des Lebens der gesamten Allgemeinheit (Klal) mitgerissen und führt dann kein leidvolles Leben mehr; schließlich gelangt er in einen Zustand, in dem er alles vergisst.
Dann gelangt er in den Zustand „Die Toten sind frei“: Er wird von allen Mizwot frei, die er von seinem Lehrer empfangen hat. Er gerät in Vergessenheit und vergisst sogar, dass er einst irgendeine Arbeit verrichtet hatte. Es scheint ihm, als hätte er sich sein ganzes Leben lang in diesem Zustand befunden. Selbst diese Prüfung vergisst er vorzunehmen und lässt sich einfach vom reißenden Strom der Welt mitziehen.
Daraus folgt, dass es mehrere Zustände gibt, bis man den Kanal des Lebens ergreift, der alle Seelen belebt:
1) Er vergisst, seinen gegenwärtigen Zustand zu prüfen.
2) Er prüft sich, erkennt, dass er tot ist, und erinnert sich an die Zeit des Wurms. Dann führt er ein leidvolles Leben, wie oben gesagt wurde: „wie eine Sünde für lebendiges Fleisch“. Doch er gerät in Verzweiflung!
4) Er prüft sich und erkennt, dass er tot ist; doch das Licht des Vertrauens leuchtet ihm. Er stärkt sich und nimmt auf sich, von nun an auf den Wegen der Arbeit in Milderung voranzugehen.
5) Während der Arbeit erfüllt er die Mizwa des Verstandes und des Herzens, soweit es in seiner Macht steht, nach dem Vers: „Alles, was deine Hand und deine Kraft zu tun vermögen, das tue.“12 Dann empfindet er Geschmack am Studium der Kabbala. Obwohl er den Inhalt der spirituellen Sache nicht versteht, leuchtet ihm das Studium durch das Licht, das in ihm ist. Er schmeckt die Arbeit über dem Verstand, empfindet die Entfernung, die ihm das Verlangen zu empfangen verursacht, und sehnt sich danach, nur in der Arbeit des Gebens tätig zu sein, bis Sich der Schöpfer seiner erbarmt und ihm Frieden zuspricht, wie geschrieben steht: „Ich will hören, was Gott reden wird; denn Er wird Seinem Volk und Seinen Frommen Frieden zusprechen, und sie sollen nicht zur Unvernunft zurückkehren.“13
In Wahrheit müssen wir eine große und schwierige Frage verstehen: Wir durften Worte des lebendigen Gottes aus dem Mund des lebendigen ARI, meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam, hören und sahen, dass ihm nichts verborgen war. Jedes Mal, wenn wir uns ihm mit Herz und Seele unterwerfen konnten, spürten wir, dass wir uns in einer spirituellen Atmosphäre befanden, die über allen Nichtigkeiten dieser Welt lag. Wie konnte es also geschehen, dass wir in unserem gegenwärtigen Zustand geblieben sind – jeder auf seiner eigenen Stufe –, obwohl jeder von uns auf einer höheren Stufe stehen müsste als jetzt?
Diese Sache wird in der Tora enthüllt. Ich erklärte euch bereits den Auszug Israels aus der Hand des Pharaos und fragte, weshalb der Schöpfer die Zustimmung des Pharaos brauchte, wenn Er Israel aus Ägypten führen wollte. Ist Er nicht allmächtig? Ich erklärte, dass der Pharao der Körper ist. Der Körper muss den Schöpfer „mit deinem ganzen Herzen“ lieben usw.; Liebe kann jedoch nicht erzwungen werden.
Daher muss man fragen: Bekanntlich soll die Arbeit über dem Verstand stattfinden; weshalb zeigte der Schöpfer dem Pharao dann Zeichen?
Eine weitere schwierige Frage lautet: „Denn Ich habe sein Herz schwer gemacht, damit Ich diese Meine Zeichen in seiner Mitte setze.“14 Man fragt allgemein: Hat Er ihm damit nicht die Wahl genommen? Nicht nur ist „das Trachten des menschlichen Herzens böse von seiner Jugend an“15, sondern Er fügte jedes Mal eine weitere Verhärtung des Herzens hinzu. Wie sollte er dann noch das Gute wählen und das Böse verwerfen können?
Wir wollen dies vielmehr so verstehen, wie mein Vater und Lehrer uns anwies: Die Grundlage unserer Arbeit soll im Geben liegen. Wenn jedoch ein Zeichen vorhanden ist, fällt es bereits schwer, die Arbeit liShma (um des Gebens willen) zu verrichten. Das Wesentliche ist: „damit Ich diese Meine Zeichen in seiner Mitte setze“. Gerade über dem Verstand ist es schwer, liShma zu arbeiten.
Das Wesentliche ist: Wo die Frage „Wer?“ – Mi – besteht, und dem Verständigen genügt dies, gibt es Raum für die Verbindung mit „diese“ – Ele. Durch beide zusammen wird der Name Elokim offenbart16. Denn Ele ohne Mi kann nicht bestehen – und dem Verständigen genügt dies –, wie in der Einleitung in das Buch Sohar im Sulam-Kommentar erklärt wird.
Vor allem müssen die Buchstaben der Tora offenbart werden, denn „ein Ungebildeter kann nicht fromm sein“17; dazu braucht es gerade einen Menschen der Tora. Andernfalls heißt es: „Wer seine Tochter einem Ungebildeten gibt, bindet sie gleichsam und legt sie vor die Zähne eines Löwen.“18 Dem Verständigen genügt dies. Wenn er kein Mensch der Tora ist, ist sein Tod gewiss. Tora heißt Mittlere Linie, denn sie umfasst beide Dinge zusammen: Mi und Ele, die gemeinsam den Namen Elokim bilden.
Wenn der Mensch beginnt, auf dem Weg der Wahrheit in die Arbeit einzutreten und Geschmack an ihr zu empfinden, kann er bereits am Verlangen zu empfangen scheitern. Er hat nun nämlich eine Grundlage, sich mit Tora und Arbeit zu befassen: Er empfindet darin einen erhabeneren Geschmack als in allen Nichtigkeiten dieser Welt.
Dann braucht er den Glauben über dem Verstand nicht mehr, denn die empfundene Freude ist für ihn ein eindeutiger Beweis, dass es sich lohnt, Diener des Schöpfers zu sein. Wenn man ihm jedoch keinen Geschmack an der Arbeit gibt, kann er sie nicht fortsetzen, weil es schwer ist, mit einer Arbeit über dem Verstand zu beginnen. Vielmehr beginnt man mit lo liShma (nicht um des Gebens willen) und gelangt danach zu liShma.
Die Reihenfolge gleicht dem Vorgehen, wenn man ein Kleinkind laufen lehrt: Man hält es an der Hand und führt es immer wieder. Sobald es zu laufen beginnt, lässt man es allein. Anfangs fällt es hin; dann stärkt man es erneut, und es fällt wieder. So geht es weiter, bis es ohne jede Unterstützung laufen kann. Dann heißt es, dass es liShma arbeiten kann.
Wird ihm dann vieles zuteil, weiß er bereits, wie er sich im Geben verhalten muss, obwohl er nun vieles empfängt. Denn er ist ein Mensch der Tora: Er hat sich die ganze Zeit mit der Tora und damit befasst, wie er sich verhalten muss, damit seine ganze Absicht um des Himmels willen ist. Dann beginnt die Zeit, in der man ihm die Geheimnisse der Tora offenbart – die Fülle, die den Dienern des Schöpfers zuteilwird.
Damit verstehen wir die Verhärtung des Herzens, die der Schöpfer Moses versprach. Nach all den Wundern und Zeichen – selbst wenn uns verschiedene Arten von Gadlut zuteilwerden, sei es als Erhebung des Geistes oder als neue Erkenntnisse in der Tora – werden wir davon im jeweiligen Augenblick stark und tief bewegt. Wir entscheiden dann, dass es keinen außer Ihm gibt und es sich lohnt, sich allein dem Dienst am Schöpfer zu weihen.
Denke jedoch nicht, dass dadurch kein Raum für die Arbeit mehr bleibt, die der Mensch offenbaren muss. Denn er würde sich sofort vor seinen Lehrern annullieren, und es bliebe kein Raum für die Wahl – also für das, was der Mensch wählen muss.
Daher versprach der Schöpfer: „Ich kann etwas tun, dessen Wirklichkeit du nicht verstehen kannst: Ich habe sein Herz schwer gemacht.“ Der Schöpfer gibt die Verhärtung des Herzens. Unmittelbar nach allen Zeichen und Offenbarungen vergisst der Mensch alles und muss seine Arbeit von Neuem beginnen.
Falls du fragst: „Wozu brauche ich all diese Zeichen, wenn er sie vergisst?“, so gilt: Die Zeit, in der er einen eindeutigen Beweis hat, dass es sich lohnt, Diener des Schöpfers zu sein, heißt „Unterstützung“. Dies wird nicht ihm selbst angerechnet, sondern demjenigen, der ihn stützt. Gleichzeitig gewöhnt er sich jedoch daran zu gehen, wie im Gleichnis vom Kleinkind beschrieben.
Obwohl wir Worte des lebendigen Gottes aus dem Mund der Shechina hörten, die aus der Kehle meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam sprach, bleibt die Wahl dennoch in unserer Hand. Obwohl er uns viele Offenbarungen enthüllte, tat er dies nur, um uns anzuleiten, damit wir ohne Stütze gehen können.
Auf jede neue Erkenntnis in der Tora, die er uns offenbarte und die uns Erhebung des Geistes und starkes Vertrauen schenkte, unsere Tage allein dem Nutzen des Schöpfers zu widmen, folgte deshalb sofort eine Verhärtung des Herzens: „Denn Ich habe sein Herz schwer gemacht.“ So sollten wir anschließend selbst wählen können; denn dies heißt Anstrengung ohne stützenden Beistand.
Seine Absicht bestand darin, uns zur gewünschten Vollkommenheit zu bringen. Deshalb ist jeder in einem Zustand geblieben, der einem Schüler von ihm nicht entspricht; und dem Verständigen genügt dies.
Wir müssen uns stärken. Wie ich in meinem vorigen Brief schrieb, ist unser Vater Jakob nicht gestorben; seine Eigenschaft der Wahrheit lebt und besteht ewig. Möge sich der Vers erfüllen: „Du aber, fürchte dich nicht, Mein Knecht Jakob, spricht der Ewige, und erschrick nicht, Israel; denn siehe, Ich rette dich aus der Ferne und deine Nachkommen aus dem Land ihrer Gefangenschaft.“19
Selbst wenn wir uns also in äußerster Entfernung befinden, kommt die Rettung des Schöpfers in einem Augenblick. Wir werden würdig werden, zur Wahrheit zu gelangen, also unserem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. Amen, so möge es Sein Wille sein.
Euer Freund Baruch Shalom HaLevi AshlagSohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam
korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026
-
Hebräisches Datum: 29. Tewet 5717. ↩
-
Traktat Kidushin 82:2. ↩
-
Siehe 5. Buch Mose (Dewarim) 32,47. ↩
-
Aus dem „Lied der Herrlichkeit“ (Schir haKawod), einem mittelalterlichen Hymnus, der am Schabbat gesprochen wird. ↩
-
Traktat Sanhedrin 90:1. ↩
-
Siehe Traktat Chagiga 12:1. ↩
-
Aus dem 16. Segensspruch des Gebets der „18 Segenssprüche“. ↩
-
Traktat Schabbat 104:1. ↩
-
Siehe Psalmen 88,6. ↩
-
Traktat Schabbat 13:2. ↩
-
Die Worte „wie eine Nadel“ (ke-machat) lassen sich auch lesen als „wie eine Sünde“ (kmo-chet). ↩
-
Siehe Prediger (Kohelet) 9,10. ↩
-
Psalmen 85,9. ↩
-
2. Buch Mose (Schemot) 10,1. ↩
-
1. Buch Mose (Bereschit) 8,21. ↩
-
Die Buchstaben „Mi“ und „Ele“ verbinden sich zum Namen „Elokim“. ↩
-
Traktat Awot 2:5. ↩
-
Siehe Traktat Pessachim 49:2. ↩
-
Jeremia 30,10. ↩