Brief 41
23. Mai 1958, Manchester
Frieden und alles Gute für immer meinem Freund …
Heute habe ich deinen Brief zusammen mit 18 (Chai; hebräisch zugleich „lebendig“) erhalten. Möge es Sein Wille sein, dass du den Geschmack der Wonne, des Glanzes und der Süße des ewig Lebenden kosten darfst. Denn auf alle Dinge muss man hoffen, dass man ihrer würdig wird. Das Verlangen nach guten Dingen wird als Aspekt des Gebets bezeichnet, der ein Aspekt des Mangels ist: Der Mensch spürt, dass ihm diese Sache fehlt, und der Schöpfer wird diesen Mangel ausfüllen. Das heißt, der Mensch soll darauf warten, all die guten Dinge in seinem Herzen zu empfinden, die der Schöpfer uns beim Empfang der Tora verheißen hat, wie geschrieben steht: „Und nun, wenn ihr wirklich auf Meine Stimme hört …, dann werdet ihr Mir ein besonderer Schatz unter allen Völkern sein … Und ihr werdet Mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“
Wir sehen: Es ist der Lauf der Welt, dass jemand, der großen Besitz und alles Gute hat, stets in gehobener Stimmung ist. Wir aber sind das erwählte Volk, wie geschrieben steht: „Du hast uns aus allen Völkern erwählt.“ Daher müsste jeder Einzelne aus dem Volk Israel stets in gehobener Stimmung und immer voller Freude sein. Doch solange der Mensch nicht dessen würdig geworden ist, dass all diese guten Dinge im Herzen zu einer Empfindung werden, beeindruckt es ihn nicht, wenn er mit dem Mund sagt: „Du hast uns erwählt.“
Denn beim Empfang der Tora geht es vor allem um die Innerlichkeit der Tora, die in deren Äußerlichkeit gekleidet ist. Die Tora in ihrem inneren Aspekt wird „die Namen des Schöpfers“ genannt. Das bedeutet: Der allgemeine Name des Schöpfers lautet „der Gute, der Gutes tut“. Da der Schöpfer viele Genüsse gibt, die in dem Aspekt enthalten sind, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, besteht die Tora aus Namen von Genüssen, denn jeder Genuss hat einen anderen Namen. Mit anderen Worten: Der allgemeine Name „der Gute, der Gutes tut“ entfaltet sich in viele Einzelheiten. Diese Innerlichkeit kleidet sich in die äußere Tora.
Der Mensch muss danach verlangen, der Innerlichkeit der Tora würdig zu werden. Dann empfindet man all die guten Dinge, die der Schöpfer uns verheißen hat. Wenn man dann sagt: „Du hast uns erwählt“, bedeutet es, dass man bereits den ganzen guten Besitz empfindet, dessen wir würdig geworden sind. Deshalb werden wir „ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk“ genannt.
Dies ist die Bedeutung von „Und das ganze Volk sah die Stimmen“: Wenn die Stimme des Schöpfers im Herzen gehört wird, kommt dieses Empfinden wirklichem Sehen gleich. „Denn kein Mensch kann Mich sehen und leben.“ Vielmehr geschah es dadurch, dass sie die Stimmen sahen. Das bedeutet: Die Stimme des Schöpfers breitet sich im Herzen aus und nicht im Ohr, denn das Ohr ist etwas Äußerliches am Menschen, während allein das Herz der Mensch selbst ist. Deshalb muss die Stimme des Schöpfers im Herzen empfunden werden; dann heißt dies „die Stimmen sehen“. Dann lebt bereits jeder Einzelne in einer Welt, die ganz und gar gut ist, und das Herz empfindet bereits „Du hast uns erwählt“, weil es schon vom Glanz der oberen Wonne kostet und die liebliche Süße des Lichts des Schöpfers sich in seinem ganzen Herzen ausbreitet. Dann erkennt man: „Glücklich bist du in dieser Welt, und gut ist dir in der Kommenden Welt.“
Wegen der Heiligkeit des Schabbat und des Festes kann ich mich jetzt nicht ausführlicher äußern. Möge der Schöpfer uns helfen, des vollkommenen Empfangs der Tora würdig zu werden.
Von deinem Freund, der dir und deiner Familie alles Gute wünscht
Baruch Shalom HaLevi Ashlag
Sohn meines Vaters und Lehrers (Baal HaSulam)
korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026