Brief 64
Mit der Hilfe des Schöpfers. London, Montag der Woche von Re’eh, 20. August 19621
An den geehrten …
Als Antwort auf deinen Brief vom 24. Siwan 5722 (26. Juni 1962)2 aus Jerusalem möchte ich einige Anmerkungen zu deinem Schreiben machen:
1) Du schreibst: Wenn die Tora im Land Israel gegeben worden wäre, hätten die Völker der Welt gesagt, Israel habe die Tora aus Dankbarkeit dafür angenommen, dass der Schöpfer ihnen ein Land gegeben hatte, in dem Milch und Honig fließen; deshalb seien sie verpflichtet gewesen, sie anzunehmen usw.
Dabei ist zu verstehen: Wir sehen doch, dass alle Völker große und fruchtbare Länder besitzen und dennoch nicht das Bedürfnis haben, zur Annahme der Tora verpflichtet zu sein. Warum sollte ausgerechnet das Volk Israel, wenn Er ihm ein Land gegeben hat, zur Annahme der Tora verpflichtet sein?
2) Du schreibst, jedes Volk schaffe das Gesetz auf seinem Boden, der Heimat genannt wird. Auch das ist mir unverständlich. Bekanntlich erlässt jede Gemeinschaft, sobald ihre Mitglieder an einem Ort zusammenleben – wo immer dies auch sein mag –, Gesetze, damit sie bestehen kann; andernfalls könnte sie nicht bestehen. Wir sehen zum Beispiel große Gruppen, die aus dem Ausland ins Land Israel einwandern: Selbst wenn sie erst einen Monat lang zusammen sind, haben sie bereits eigene Richter, Polizisten und besondere Gesetze. Dies gilt umso mehr für das Volk Israel, das vierzig Jahre lang in der Wüste war und eine so große Gemeinschaft bildete. Weshalb sollte es keine Gesetze benötigen?
3) Ferner ist zu verstehen, welcher Zusammenhang zwischen Gesetzen besteht, die sich die Staatsmänner zum Wohl des Volkes ausgedacht haben – Gesetze, die ausschließlich dem materiellen Wohl dienen und mit Spiritualität nichts zu tun haben –, und der Tora vom Himmel, deren Hauptabsicht in der Spiritualität der Sache liegt.
4) Du erklärst die Frage nach der Aussage: „Als der Schöpfer sagte: ‚Ich bin der Ewige, dein Gott‘3, sagten die Völker der Welt: ‚Seine eigene Ehre fordert Er.‘ Als Er aber sagte: ‚Ehre deinen Vater‘ usw.4, stimmten sie den ersten Geboten zu5.“ Du meinst, der Grund bestehe darin, dass sie sahen, wie Er Seine eigene Ehre dadurch minderte, dass Er sagte: „Ehre deinen Vater“ usw. Diese Erklärung reicht nicht aus. Wir sehen doch, dass jeder König einen Befehl erlässt, wonach jeder Soldat seinem Vorgesetzten Ehre erweisen muss, sobald er ihn sieht. Tut er das nicht, wird der Soldat dafür bestraft, dass er seine Vorgesetzten nicht ehrt.
Mehr noch: Wir sehen, dass Soldaten, die ihren Vorgesetzten nicht gehorchen, mitunter mit Haft bestraft werden; bis hin zur Todesstrafe kann ein Vorgesetzter einen Soldaten bestrafen, wenn dieser seinen Vorgesetzten nicht gehorcht, denn damit mindert er die Ehre des Königs. Weshalb heißt es also, das Gebot des Schöpfers, Vater und Mutter zu ehren, mindere Seine Ehre, und weshalb sollten wir sagen, die Völker der Welt hätten deshalb den ersten Geboten zugestimmt?
Ferner ist zu verstehen: Wenn sie den ersten Geboten zustimmten, warum blieben sie dann Götzendiener und nahmen die Tora und die Mizwot nicht auf sich?
5) Du schreibst: Die Völker der Welt meinten, solange die Kinder bei ihren Eltern lebten und von ihrem Tisch abhängig waren, seien sie verpflichtet, sie zu ehren. In der Wüste aber lebten die Kinder vom Tisch des Schöpfers, der ihnen alles gab, was ihnen fehlte. Daher verstanden sie sofort, dass sie nur den Schöpfer und nicht die Eltern ehren mussten. Als sie jedoch sahen, dass der Schöpfer sagte: „Ehre deinen Vater und deine Mutter“, und dass sie selbst hier zur Ehrung von Vater und Mutter verpflichtet waren, erkannten sie darin eine Ausnahme und stimmten den ersten Geboten zu.
Auch das bedarf einer Erklärung. Denn auch in der Wüste kümmerten sich die Eltern um ihre Kinder, wie geschrieben steht: „Jeder nach dem Maß seines Essens, einen Omer für jeden Kopf6, nach der Zahl eurer Seelen.“7 Rashi erklärt: „Nach der Zahl der Seelen, die jeder in seinem Zelt hat, sollt ihr je einen Omer für jeden Kopf nehmen.“8 Ebenso musste das Manna, das Brot vom Himmel, zubereitet werden, wie geschrieben steht: „Was ihr backen wollt, backt, und was ihr kochen wollt, kocht; alles Übrige aber legt für euch zur Verwahrung bis zum Morgen zurück.“9
Somit lebten die Kinder auch damals vom Tisch ihres Vaters. Der einzige Unterschied bestand darin, dass sich die Eltern nicht abmühen mussten, Lebensmittel für ihre Kinder zu kaufen, während sie sich heute auch darum bemühen müssen, diese zu beschaffen. Was also erkannten sie darin, dass der Schöpfer in der Wüste gebot, die Eltern zu ehren?
Man kann einen einfachen Grund dafür nennen, weshalb die Tora in der Wüste gegeben wurde: Sobald man sich der Herrschaft Ägyptens entzieht, muss man unverzüglich die Tora annehmen; man darf nicht einmal einen Augenblick ohne Tora gehen. Deshalb begann die Vorbereitung auf den Empfang der Tora unmittelbar nach dem Auszug aus Ägypten. Zudem hatte der Schöpfer ihnen bereits in Ägypten versprochen, ihnen die Tora zu geben, wie geschrieben steht: „Wenn du das Volk aus Ägypten führst, werdet ihr Gott an diesem Berg dienen.“10 Denn der Auszug aus Ägypten ohne Tora ist nicht vollkommen, da die Tora das Wesentliche ist. Deshalb wurde die Tora in der Wüste gegeben.
Solange der Körper der Klipa [Schale] Ägyptens unterworfen ist, hat er keinen Ausweg. In dem Augenblick aber, da er in die Freiheit gelangt, gilt für ihn sofort: „Du sollst von ihnen sprechen – und nicht von müßigen Dingen.“ Denn erst dann kann ihm die Sünde der Vernachlässigung des Tora-Studiums zugerechnet werden, wie geschrieben steht: „wenn du in deinem Haus sitzt und wenn du auf dem Weg gehst“11 usw.12
Was die Zustimmung der Völker der Welt zu den ersten Geboten betrifft, lässt sich dies als Andeutung erklären: „Vater und Mutter“ werden im heiligen Sohar Chochma und Bina genannt. Die Wege der Tora werden durch drei Aspekte erklärt, die Chabad – Chochma, Bina und Daat – heißen. Chochma entspricht dem Geheimnis von „Wer ist weise? Wer das Entstehende sieht“13, und „Wenn du Bina Mutter nennst14“; denn die Tora wird durch Chochma und Bina erklärt. Hinzu kommt Daat, das sie miteinander verbindet. Daat bezeichnet Anhaftung (Dwekut) und Verbindung, nach dem Geheimnis von „Und der Mensch erkannte Eva, seine Frau“15.
Man muss wissen, dass die Grundlage des Judentums der Glaube ist, das heißt über dem Verstand. Der Mensch glaubt an den Schöpfer ohne jedes Verstehen und Klügeln. Dies ist lediglich eine Annahme im Herzen, nach dem Geheimnis von „So erkenne heute und nimm es dir zu Herzen, dass der Ewige Gott ist“16 usw.
Nachdem man mit dem Aspekt des Glaubens belohnt wurde, der Daat heißt und von dem unsere Weisen sagen, dass der Mensch liShma (um des Gebens willen) lernt, gilt: „Er wird mit vielem belohnt, die Geheimnisse der Tora werden ihm offenbart, und er wird wie eine Quelle, die immer stärker sprudelt.“17 Das heißt: Nachdem der Mensch mit dem Aspekt des Glaubens belohnt wurde, wird er anschließend mit dem Aspekt der Tora belohnt, der Chochma und Bina heißt.
Danach, also nachdem er mit dem Aspekt der Tora belohnt wurde, muss er erneut den Glauben heranziehen. Der Mensch muss dem Schöpfer nämlich dienen, ohne die Absicht, eine Belohnung zu empfangen. Nachdem er aber mit dem Aspekt der Tora belohnt wurde, kann er bereits sagen, dass er nun sieht, dass es sich lohnt, dem Schöpfer zu dienen, denn er besitzt die Tora, entsprechend den Worten: „Die Anordnungen des Ewigen sind aufrichtig und erfreuen das Herz.“18 Damit beeinträchtigt er den Glauben über dem Verstand, denn dort sieht er für sich selbst keinerlei Existenz. Seine Arbeit im Glauben dient einzig der Annullierung der eigenen Existenz, entsprechend den Worten: „mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft.“19 Er will nichts für sich selbst, und sein einziges Verlangen ist, seine eigene Existenz vollständig zu annullieren.
Daher muss der Mensch, nachdem er mit dem Aspekt der Tora belohnt wurde, den Glauben erneut erneuern. Dies heißt Daat und Anhaftung über dem Verstand; dann besitzt er Chabad.
Demnach gibt es zwei Zeiten des Glaubens. Die erste Ordnung lautet: zuerst Glaube und danach Tora. Dann befindet sich Daat oben und Chochma und Bina unten. In der Sprache des heiligen Sohar (BeReshit, Teil 1, Punkt 212) heißt dies Segolta de Taamim20. Denn es gibt zwei Arten von Segol:
1) Segol de Taamim, dessen Form • • •ist; dabei befindet sich die entscheidende Linie oben. Die obere entscheidende Linie heißt dann Keter, und die beiden Linien, die Rechte und die Linke, heißen Chochma und Bina. Die Tora schließt Chochma und Bina in sich ein. Chochma bezeichnet die Geheimnisse der Tora, die der Mensch empfängt, und Bina das, was der Mensch in der Chochma erlangt. Nachdem er also die empfangene Chochma untersucht hat und davon so viel versteht, wie sein Verständnis reicht, heißt dies Bina.
2) Außerdem gibt es Segol de Nekudot21, dessen Form • • •ist; dabei befindet sich die entscheidende Linie unten. Das bedeutet: Nachdem der Mensch die Tora erlangt hat, muss er den Glauben erneut erneuern, wie oben gesagt wurde. Dies heißt Daat, das die beiden Aspekte Chochma und Bina verbindet. Kehrt er nicht zurück, um den Glauben über dem Verstand erneut zu suchen, weicht die Tora, die er zuvor erlangt hatte, von ihm. Denn der Mensch fällt in einen Zustand, in dem er sagt, er besitze nun bereits eine Stütze für seine Arbeit. Er meint, es lohne sich, dem Schöpfer zu dienen, da er bereits eine Grundlage habe, auf der seine Arbeit ruhen könne; nun müsse er dem Schöpfer nicht mehr über dem Verstand dienen. Somit dient er dem Schöpfer jetzt, um eine Belohnung zu empfangen.
Daher heißt der Glaube vor der Erlangung der Tora Keter, das zwischen Chochma und Bina entscheidet. Der Glaube, der nach der Erlangung der Tora kommt, heißt dagegen Daat. Dies wird Daat der Heiligkeit genannt, denn nur dann kann der Mensch die Tora so festhalten, dass sie nicht von ihm weicht.
Damit können wir die obige Aussage22 erklären: „Als Er sagte: ‚Ich‘ usw., sagten die Götzendiener: ‚Seine eigene Ehre fordert Er.‘“ „Ich“ und „Du sollst keine anderen Götter haben“ heißen Glaube über dem Verstand. Das ist die Annullierung der eigenen Existenz des Menschen und heißt Gleichheit der Form, nach dem Geheimnis von „Wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig.“23 Der Mensch will keinerlei eigene Existenz, sondern sich vor dem Schöpfer annullieren, denn er empfängt für seine Arbeit keinerlei Gegenleistung.
„Als Er sagte: ‚Ehre deinen Vater und deine Mutter‘, stimmten sie den ersten Geboten zu.“ Das heißt wie oben: Als sie sahen, dass der Schöpfer gebot, Chochma und Bina zu ehren, die Vater und Mutter genannt werden und den Aspekt der Tora und der Erlangung ihrer Geheimnisse darstellen, erkannten sie, dass der Schöpfer ihnen eine gute Belohnung gibt. Sie verstanden, dass der Glaube lediglich ein Mittel ist, durch das sie die erhabenen und hohen Dinge erlangen können – die Süße des Lichtes der Tora.
Somit fordert Er nicht Seine eigene Ehre, was Annullierung der eigenen Existenz genannt wird. Vielmehr können sie dadurch zu einem Zustand von Gadlut (Erwachsensein) gelangen, der dann ein Zustand des Fortbestehens der eigenen Existenz ist. Im Gegenteil: In dem Maß, in dem der Mensch die Größe und Süße der Tora erlangt, kann er den König loben und preisen, denn er sieht und erlangt die Größe des Königs. Im Hinblick auf das Licht der Tora stimmten sie zu, dass es sich lohnt, dem Schöpfer zu dienen.
Dennoch blieben sie Götzendiener und traten nicht zum Judentum über. Der Grund dafür war, dass sie Daat der Heiligkeit nicht annehmen wollten. Wie oben gesagt: Nachdem sie mit der Offenbarung des Lichtes der Tora belohnt wurden, das Chochma und Bina heißt, müssen sie den Glauben erneut erneuern. Andernfalls könnte man sagen, der Glaube, den sie vor der Erlangung der Tora besaßen, sei nur ein Mittel gewesen, während für sie Chochma und Bina das Wesentliche seien – also das Fortbestehen der eigenen Existenz und der Empfang von Genuss.
Indem das Volk Israel den Glauben erneut heranzieht, zeigt es allen, dass seine Absicht nicht Chochma und Bina gilt, also nicht der Belohnung, sondern dass seine ganze Absicht nur auf den Himmel gerichtet ist und für es der Glaube über dem Verstand das Wesentliche ist. Dies heißt Daat, das den Menschen mit dem Schöpfer verbindet, und ist der Aspekt der Anhaftung. Dadurch entscheidet der Mensch zwischen den beiden Linien, der Rechten und der Linken. Dann entsteht die Vereinigung des Menschen mit dem Schöpfer und der Tora; dies heißt Chabad und in der Sprache des heiligen Sohar: „Die Tora, Israel und der Schöpfer sind eins.“ Dieses Daat wollen sie nicht annehmen; es wird Daat der Heiligkeit genannt.
Obwohl sie also zugaben, dass der Wille des Schöpfers nicht auf Seine eigene Ehre gerichtet ist – das heißt, dass die Arbeit ohne die Absicht geschieht, eine Belohnung zu empfangen –, denn aus Seiner Aussage „Ehre deinen Vater und deine Mutter“, die den Aspekt der Tora und den Aspekt der Belohnung bezeichnet, erkannten sie, dass dies nur vonseiten des Schöpfers kommt, muss der Mensch die Arbeit im Aspekt Daat verrichten. Er muss erneut sagen, dass für ihn seine Arbeit im Wesentlichen ohne die Absicht geschieht, eine Belohnung zu empfangen. Dem konnten die Götzendiener nicht zustimmen, und so blieben sie in ihrem Zustand.
Möge der Schöpfer unsere Augen durch Seine Tora erleuchten, und mögen wir mit Daat der Heiligkeit belohnt werden.
Baruch Shalom HaLevi Ashlag
Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam
korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026
-
Hebräisches Datum: Montag der Woche des Wochenabschnitts Re’eh, 5722. ↩
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Hebräisches Datum: 24. Siwan 5722. ↩
-
Schmot 20:2. ↩
-
Schmot 20:11. ↩
-
Traktat Kidushin 31:1. ↩
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Ein Hohlmaß für Schüttgut. ↩
-
Schmot 16:16. ↩
-
Schmot 16:16, Kommentar Rashi. ↩
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Schmot 16:23. ↩
-
Schmot 3:12. ↩
-
Dwarim 6:7. ↩
-
Traktat Joma 19:2. ↩
-
Traktat Tamid 32:1. ↩
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Siehe Sprüche 2:3. ↩
-
BeReshit 4:1. ↩
-
Dwarim 4:39. ↩
-
Traktat Awot 6:1. ↩
-
Psalmen 19:9. ↩
-
Dwarim 6:5. ↩
-
Sohar, BeReshit 1, Punkt 212. ↩
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Segol – ein diakritisches Zeichen in Form von drei Punkten. Taamim – Betonungszeichen (Kantillationszeichen). Nekudot – Vokalzeichen, Zeichen zur Bezeichnung der Vokale. ↩
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Siehe Traktat Kidushin 31:1. ↩
-
Jerusalemer Talmud, Traktat Pea 3:1. ↩