Brief 74
Mit Gottes Hilfe, 23. Schwat 5726 (13. Februar 19661)
Frieden und alles Gute für immer meinem Freund, den ich liebe wie meine eigene Seele …
Ich sehne mich sehr danach zu hören, wie es dir geht – sowohl gesundheitlich als auch in Bezug auf deinen Lebensunterhalt – und welche Fortschritte deine Kinder beim Lernen machen. Bei mir gibt es keine besonderen Neuigkeiten. Ich will meinen Brief mit Worten der Tora beschließen.
Im Wochenabschnitt steht geschrieben: „Sechs Tage lang sollst du deine Werke tun, aber am siebten Tag sollst du ruhen.“2 Daraus folgt, dass der Schabbat für die Ruhe bestimmt wurde und die Wochentage für die Arbeit. Man muss sich also mit Arbeit befassen, und wer an den Wochentagen nicht arbeitet, erfüllt nicht: „Sechs Tage lang sollst du Arbeit verrichten.“3 Was aber sollen die Tora-Gelehrten tun, deren Tora ihr Beruf ist?
Dies ist im Sinne der ethischen Lehre zu erklären; zugleich müssen wir klären, worin diese ethische Lehre besteht: Was wird von uns verlangt, und was bedeutet es, Tora und Mizwot einzuhalten? Nach der Erklärung meines Vaters und Lehrers, Baal HaSulam, wurden sie uns als besonderes Mittel (Segula) gegeben, durch das wir das Ziel erreichen können, zu dem wir gelangen müssen.
Zunächst müssen wir das Schöpfungsziel verstehen: Wozu sind wir in diese Welt gekommen? Aus den heiligen Büchern ist bekannt, dass das Schöpfungsziel darin besteht, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Nach dem Grundsatz (Klal) will die Kuh mehr säugen, als das Kalb saugen will. Wer also hindert uns daran, das Gute und den Genuss zu empfangen, die der Schöpfer uns geben will? Die Weisen erklärten: damit es kein „Brot der Scham“ (Nehama deKisufa) gibt. Wer von seinem Freund ein Geschenk erhält, schämt sich vor ihm. Damit sich der Mensch beim Empfang des Genusses nicht schämen muss, wurde uns daher die Arbeit in Tora und Mizwot gegeben. Durch die Mühe in Tora und Mizwot werden wir würdig, den Lohn zu empfangen. Sobald wir also geeignete Gefäße (Kelim) besitzen, um den Genuss und die Fülle vom Schöpfer ohne jede Scham zu empfangen, gibt man uns vom Himmel alles Gute und allen Genuss.
Nun verstehen wir die obige Frage. Denn für sechs Tage wurde uns die Arbeit gegeben, die Gefäße vorzubereiten, damit sie für den Empfang des Genusses geeignet sind; dies heißt Mühe. Am Schabbat hingegen ist die Zeit, den Genuss zu empfangen, und nicht die Zeit, die Gefäße zu korrigieren. Deshalb bezeichnet der Schabbat einen Zustand, in dem die Arbeit ruht. Vielmehr werden am Schabbat alle Gefäße gefüllt, die man am Vorabend des Schabbat vorbereitet hat, denn der Schabbat ist „ein Vorgeschmack auf die Kommende Welt“.
Nach dem Gesagten verstehen wir, was es mit der ethischen Lehre auf sich hat, mit der wir uns befassen müssen: Wir müssen begreifen, dass wir die Mühe zu unserem eigenen Wohl brauchen, um das Gute und den Genuss empfangen zu können. Der Schöpfer wird uns helfen.
Von deinem Freund, der dir und deiner Familie
eine Fülle von Segen und Erfolg, viel Freude und Wohlgefallen wünscht
Baruch Shalom HaLevi Ashlag
korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026