Brief 73
20. Kislew 5726 (14. Dezember 19651)
Ich möchte deine Frage ein wenig erläutern: Was ist der Schmuck am Punkt des Verlangens? Du hast geschrieben, dass dir dies schwer verständlich ist.
Um den Begriff des Schmucks zu verstehen, müssen wir zunächst verstehen, worauf sich die Worte beziehen, also was ihm Schwierigkeiten bereitet und was er erklären will.
Bekanntlich gibt es für uns in der Welt nur zwei Dinge: den Schöpfer und die Geschöpfe. Der Schöpfer will den Geschöpfen Genüsse geben, wie geschrieben steht: „Sein Wille ist es, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun.“ Aus dieser Unterscheidung ging die erste Welt hervor, die Welt Ejn Sof (Unendlichkeit) genannt wird. Da Sein Wille darin besteht, Gutes zu tun, erschuf Er als Jesh mi Ajn (Existenz aus dem Nichts) das Verlangen, den Genuss zu empfangen, den Er geben wollte. Dieses Verlangen war gewiss genau so groß, dass es das ganze Licht empfangen konnte. Wäre nämlich das Gefäß (Kli) kleiner als das Licht, wäre das Geschöpf nicht vollkommen hervorgegangen. Doch der Schöpfer erschuf gewiss etwas Vollkommenes: Er erschuf das Verlangen, genau jenes Licht zu empfangen, das Er für die Geschöpfe bestimmt hatte.
Entsprechend diesem Verlangen breitete sich das Licht aus und erfüllte es vollkommen. Dies wird so bezeichnet, dass das Obere Licht die ganze Wirklichkeit erfüllte. Daher heißt es Ejn Sof, denn das Verlangen zu empfangen setzte dem Licht weder Ende noch Abschluss, sondern das Licht breitete sich in das Gefäß des Empfangens aus. Hätte dieser Zustand fortbestanden, hätte es keinen Ort geben können, an dem die Göttlichkeit in der Welt nicht empfunden worden wäre. Selbst wenn ein Mensch in Begierden versunken gewesen wäre und Genüsse nur für sich selbst empfangen hätte, hätte er dennoch die Göttlichkeit empfunden. Erst nachdem die Einschränkung (Zimzum) vorgenommen worden war, nicht mit der Absicht nur für sich selbst zu empfangen, entstand in dieser Welt der Zustand, dass ein Mensch die Göttlichkeit nicht empfindet, wenn er in Begierden versunken ist. Seine Arbeit beginnt deshalb damit, dass er glauben muss, es gebe Göttlichkeit in der Welt. Dies beruht einzig auf der Verhüllung, die durch die Einschränkung entstand.
Wir haben nun gelernt, dass es in der Welt Ejn Sof „in Seinem Willen aufstieg … und Er Sich einschränkte“2. Er erklärt damit3, dass ein Aufstieg des Verlangens stattfand: Weil das Verlangen zu empfangen dem Verlangen zu geben entgegengesetzt ist, wählte es eine noch größere Anhaftung (Dwekut). Anhaftung bedeutet Angleichung der Form. Es wollte dem Gebenden gleichen und schränkte sich deshalb ein. Daraus scheint zu folgen, dass es in Ejn Sof – Gott bewahre – eine Gegensätzlichkeit zwischen dem Gefäß und dem Gebenden gab, sodass es diese korrigieren musste und zu diesem Zweck die Einschränkung vornahm.
Er führt die Pirkej de-Rabbi Elieser an. Dort steht, dass vor der Erschaffung der Welt „Er und Sein Name eins“ waren. Das bedeutet, dass es keinen Unterschied zwischen dem Licht, das „Er“ genannt wird, und „Seinem Namen“, dem Gefäß, gab, dessen Wesen das Verlangen zu empfangen ist. Er erklärt, das Gefäß werde „Sein Name“ genannt, weil Shmo (Sein Name) [שמו] denselben Zahlenwert wie Razon (Verlangen) [רצון] hat4. Daher stellt sich ihm die Frage: Wenn zwischen Gefäß und Licht keinerlei Gegensätzlichkeit bestand, weshalb musste dann eine Korrektur vorgenommen werden, um Angleichung herzustellen, und weshalb wurde dafür die Einschränkung vorgenommen?
Darauf antwortet er, diese Korrektur sei nicht aufgrund eines Mangels vorgenommen worden, weil eine Gegensätzlichkeit empfunden worden wäre, sondern um des Schmucks willen. Den Unterschied zwischen Schmuck und Mangel können wir anhand eines Gleichnisses verstehen. Der Rabbiner einer Stadt, also der Mara de Atra [Herr des Ortes], berief eine Versammlung ein und ließ alle Hausbesitzer und angesehenen Bürger ins Gebetshaus kommen, weil er ihnen etwas mitteilen wollte.
Der Rabbiner bestieg das Podium und hielt eine leidenschaftliche Predigt über die Größe und Bedeutung der Mizwa des Almosengebens. Anschließend erzählte er ihnen, aus dem Ausland sei soeben ein rechtschaffener Mann und Tora-Gelehrter eingetroffen. Er habe viele Kinder; seine Familie bestehe aus acht Personen. Sie hätten nicht einmal Nahrung für eine einzige Mahlzeit und keinen Ort zum Wohnen. Die Familie befinde sich zurzeit im Frauenbereich des Gebetshauses. Deshalb fordere er jeden Einzelnen auf, mehr zu spenden, als er eigentlich vermöge, denn es gehe wahrhaftig um die Rettung von Leben, da sie keine Unterkunft hätten. Dabei weinte der Rabbiner bitterlich.
Es versteht sich von selbst, dass das Volk Israel aus barmherzigen Menschen besteht. Jeder gab mehr, als er eigentlich vermochte, und der Rabbiner sammelte mehrere Tausend Lira für die Familie. Der Grund war, dass jeder den Mangel in dieser Sache empfand; deshalb beteiligte sich jeder daran, den empfundenen Mangel zu beheben.
Im folgenden Jahr versammelte der Rabbiner erneut die angesehenen Bürger der Stadt. Wieder hielt er vor ihnen eine leidenschaftliche Predigt und weinte unter Schluchzen und herzzerreißenden Seufzern. Er machte ihnen die Größe der Mizwa der Barmherzigkeit verständlich: Durch die Barmherzigkeit würden wir aus dem Exil ausziehen und der vollständigen Erlösung würdig werden.
Danach erzählte er ihnen, seine Frau, die Rabbanit (Rabbinerfrau), sei auf der Hochzeit eines reichen Mannes gewesen, der aus den USA gekommen war. Dort habe sie gesehen, dass dessen Frau einen kostbaren Pelz im Wert von 3.000 israelischen Lira und einen Diamantring im Wert von weiteren 3.000 israelischen Lira trug. Nun bitte sie ihn, ihr diese Schmuckstücke für 6.000 israelische Lira ebenfalls zu kaufen. Der Rabbiner weine bitterlich, damit alle Mitleid mit ihm hätten und ihm diese Summe gäben. Er hätte sie nicht darum gebeten, wenn er nicht gesehen hätte, dass sie ihm im Vorjahr 6.000 israelische Lira für den Armen gegeben hatten, damit dieser sich mit seiner Familie eine Lebensgrundlage schaffen könne. Gewiss hätten sie dies getan, weil sie barmherzige Herzen besäßen; daher bitte er sie nun um denselben Betrag für den Schmuck der Rabbanit. Und er weint und ruft: „Barmherzige Juden, Kinder von Barmherzigen!“
Je mehr der Rabbiner weint, desto mehr lachen sie gewiss über ihn und erwidern: „Sollen wir Mitleid mit deiner Frau haben, weil sie sich mit Schmuck schmücken will? Was gibt es hier zu erbarmen? Bei jenem Armen dagegen ging es um das Lebensnotwendige. Das heißt Mangel, und wir alle empfanden diesen Mangel. Deshalb war jeder von uns verpflichtet, ihn zu beheben.“
Aus diesem Gleichnis verstehen wir den Unterschied zwischen Mangel und Schmuck. Von einem Mangel spricht man, wenn jemand nackt und völlig mittellos ist; dann ist Barmherzigkeit angebracht. Wenn dagegen ein Haus mit allem Guten gefüllt ist und nur Schmuck fehlt – ein Luxus, den lediglich Einzelne einer Generation besitzen –, kann man nicht von einem Mangel sprechen, denn man kann auch ohne ihn leben.
So ist es auch hier: Das Licht erfüllte das gesamte Verlangen zu empfangen, sodass kein leerer Ort ohne Fülle blieb. Wie geschrieben steht, erfüllte das Obere Licht die ganze Wirklichkeit, und es gab keinen freien Ort. Dies heißt „Er und Sein Name sind eins“: Es war kein Unterschied zwischen Licht und Gefäß erkennbar. Denn ohne ein Gefäß hätte das Licht keine Wirklichkeit gehabt, in die es sich ausbreiten konnte. Das Verlangen, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, hätte sich also nicht verwirklichen können, wenn es kein Verlangen zu empfangen gegeben hätte. Daher besteht kein Unterschied zwischen Licht und Gefäß; beide haben hinsichtlich des Ziels dieselbe Bedeutung.
Damit stellt sich die Frage, weshalb die Einschränkung stattfand. Die Antwort lautet: Die Einschränkung geschah um des Schmucks willen. Es sollte also eine Form von Schmuck hinzugefügt werden, um die Gabe, wie oben erläutert, zu veredeln. Zwar besitzt es nun alles Gute, weil das Licht das ganze Gefäß erfüllt, dennoch lässt sich ein noch vollkommenerer Zustand schaffen: Das Empfangen der Fülle soll nicht als Empfangen, sondern als Geben gelten. Es soll also empfangen, um zu geben, was als wirkliches Geben angesehen wird.
Daher gilt die Einschränkung als freie Wahl. Es bestand nämlich die Möglichkeit, sie nicht vorzunehmen. Wer hätte es dazu gezwungen? Schließlich wurde ihm gegeben, und es empfing. Wenn es gewollt hätte, hätte es in diesem Zustand bleiben können und alles Gute besessen. Es wählte jedoch, dass es besser sei, sich einzuschränken und nur zu empfangen, um zu geben, denn dadurch würde es dem Ausströmenden in der Form gleichen.
Erst später, nach der Einschränkung, wurde dies zu einem Mangel. Denn es gilt der Grundsatz (Klal): Was beim Oberen ein Verlangen ist, wird beim Unteren zu einem verpflichtenden Gesetz. Deshalb hat der Untere nun keine Wahl mehr; selbst wenn er empfangen will, wird ihm nichts gegeben. So gilt das Verlangen zu empfangen jetzt, nach der Einschränkung, als Mangel, denn in ihm kann nichts mehr empfangen werden, und diese Unterscheidung wird zu einem Ort der Dunkelheit. Erst wenn man beginnt, Handlungen des Gebens auszuführen, beginnt die Angleichung der Form. Man tritt allmählich aus der Herrschaft der Einschränkung heraus und beginnt, die Göttlichkeit in dem Maß zu empfinden, in dem man fähig ist, Handlungen mit der Absicht des Gebens auszuführen.
Wenn du zu diesem Thema weitere Fragen hast, schreibe mir, welche Stellen dir Schwierigkeiten bereiten, und ich werde mich bemühen, sie dir nach besten Kräften zu erklären. Vor allem müssen wir hoffen, dass der Schöpfer uns höheren Verstand gibt und zuteilwerden lässt, damit wir verstehen und Einsicht gewinnen, hören, lernen und uns selbst lehren, hüten, tun und erfüllen können usw.
korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026