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Brief 69

4. Adar 5724 (17. Februar 1964)1

Frieden und alles Gute meinem Freund, dem Teuersten unter den Menschen

Unsere Weisen sagten: „Es steht geschrieben: ‚Antworte dem Narren nicht nach seiner Torheit, damit du ihm nicht gleich wirst.‘2 Und es steht geschrieben: ‚Antworte dem Narren nach seiner Torheit, damit er sich nicht selbst für weise hält.‘3 Das ist kein Widerspruch: Das eine bezieht sich auf Angelegenheiten der Tora, das andere auf weltliche Angelegenheiten.“ Rashi erklärte: „In Angelegenheiten der Tora darf man ihm nach seiner Torheit antworten“4 (Sprüche 26,4–5; Traktat Schabbat 30b). Man muss verstehen: Warum ist es verboten, in weltlichen Angelegenheiten zu antworten? Was ist dabei zu befürchten? Die Vernunft legt das Gegenteil nahe: In Angelegenheiten des Himmels sollte man vorsichtig sein, denn es lohnt sich nicht, sich mit einem Narren auf einen Streit einzulassen. Warum aber sollte es verboten sein, in weltlichen Angelegenheiten zu antworten?

Ebenso muss man verstehen, was unsere Weisen über den Vers sagten: „Lass mich doch Deine Wege erkennen.“5 Moses sprach vor Ihm: „Herr der Welt, warum gibt es einen Gerechten, dem es gut geht, und einen Gerechten, dem es schlecht geht; einen Frevler, dem es gut geht, und einen Frevler, dem es schlecht geht?“ Er antwortete ihm: „Moses, ein Gerechter, dem es gut geht, ist ein Gerechter, Sohn eines Gerechten; ein Gerechter, dem es schlecht geht, ist ein Gerechter, Sohn eines Frevlers; ein Frevler, dem es gut geht, ist ein Frevler, Sohn eines Gerechten; ein Frevler, dem es schlecht geht, ist ein Frevler, Sohn eines Frevlers“6 (2. Mose 33,13; Traktat Berachot 7a).

Nach dem einfachen Wortsinn ist dies schwer zu verstehen. Wir sehen doch auch einen Frevler, Sohn eines Frevlers, dem es gut geht, und ebenso einen Gerechten, Sohn eines Gerechten, dem es schlecht geht.

Vielmehr muss man erklären, dass hier nicht die Wege der Vorsehung gemeint sind, wie sie unseren Augen erscheinen. Darüber steht geschrieben: „Denn Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht Meine Wege“7 (Jesaja 55,8). Die Bitte „Lass mich doch Deine Wege erkennen“ bezieht sich vielmehr auf die Wege der Arbeit für den Schöpfer.

Bekanntlich besteht das Schöpfungsziel darin, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Solange ein Mensch noch keinen Zustand erreicht hat, in dem es ihm in der Welt gut geht, muss er daher wissen, dass er das Ziel, für das der Mensch erschaffen wurde, noch nicht erreicht hat. Einen weiteren Grundsatz (Klal) muss man kennen: In der spirituellen Arbeit heißen Ursache und Folge „Vater und Sohn“. Der vorherige Zustand bewirkt also den folgenden; der erste Zustand heißt „Vater“, der zweite „Sohn“.

Damit verstehen wir alles oben Gesagte. Wenn ein gewöhnlicher Mensch, der sich nicht mit Tora und Mizwot beschäftigt, einen Gerechten sieht, der sich mit Tora beschäftigt, zu ihm kommt und ihn fragt: „Was soll euch diese Arbeit?“, dann will er sich gewiss über den Gerechten lustig machen, der sich mit Tora und Mizwot beschäftigt. Sicherlich will er nicht, dass der Gerechte ihm eine wahre Antwort gibt, die auch ihn verpflichten würde, sich mit der Arbeit für den Schöpfer zu beschäftigen, denn das ist nicht seine Absicht. Antworte ihm daher nicht, denn er selbst will nicht, dass du ihm antwortest. Das heißt „Frevler“.

Wer sich in einem solchen Zustand befindet – wem also die Frevler in der Welt solche Gedanken in den Verstand einflößen –, soll darauf nicht antworten; das heißt, der Mensch soll solche Gedanken nicht beachten. Dies heißt „Frevler, Sohn eines Frevlers“. Dem Menschen „geht es schlecht“, wenn ihm solche Gedanken in den Sinn kommen. „Antworte nicht“ bedeutet, dass der Mensch solche Fragen nicht beantworten darf, wie geschrieben steht: „damit du ihm nicht gleich wirst“. Deshalb heißt es, ihm „geht es schlecht“, denn dies ist vollkommen schlecht und daraus wird nichts Gutes entstehen.

Es gibt jedoch einen Menschen, der sich mit Tora und Mizwot beschäftigt. Wenn er beginnt, sich nur liShma (um des Gebens willen) und ohne jede Absicht zum eigenen Nutzen zu beschäftigen, kommen die Fragen zu ihm: „Was soll euch diese Arbeit?“ – Was wirst du davon haben, dass du dich „allein für den Schöpfer“ abmühst? Bei diesem Menschen hat gerade seine Absicht, alles um des Himmels willen zu tun, solche Gedanken hervorgerufen. Deshalb „geht es ihm gut“: Es ist ein Zeichen dafür, dass er sich wirklich um des Himmels willen beschäftigen will, denn gerade deshalb ist sein Körper nicht bereit, mit ihm auf diesem Weg zu gehen.

Darum sehnt sich dieser Mensch danach, dass der Gerechte ihm eine klare Antwort gibt, damit er weiß, was er seinem Körper entgegnen und womit er ihn überzeugen kann. Deshalb: Antworte ihm. Das bedeutet, dass man in Angelegenheiten der Tora antworten darf, denn er will wirklich eine Antwort.

Wer sich in einem solchen Zustand befindet, heißt „Frevler, Sohn eines Gerechten“, denn der Einwand des Frevlers – „Was soll diese Arbeit?“ – kommt ihm dadurch, dass er sich mit Tora und Mizwot beschäftigt. Somit heißt er „Gerechter“, und seine gerechte Handlung, die er für den Schöpfer ausrichten will, bringt in ihm die Frage „Was soll diese Arbeit?“ hervor. Deshalb heißt er „Frevler, Sohn eines Gerechten“. Ihm „geht es gut“, denn dies ist ein Zeichen dafür, dass er auf dem Weg der Wahrheit geht.

Das ist die Bedeutung dessen, was unsere Weisen sagten: „Der Trieb des Menschen überwältigt ihn jeden Tag und sucht ihn zu töten; und würde der Schöpfer ihm nicht helfen, könnte er ihn nicht überwinden“8 (Traktat Kidushin 30b; Traktat Sukka 52b). Nur der Schöpfer kann dem Menschen helfen, die Fähigkeit zu erlangen, seine Absicht auf den Schöpfer auszurichten. Wenn der Schöpfer ihm hilft, wird er zu einem Gerechten und erlangt dann beständigen Glauben an den Schöpfer. In den Worten unserer Weisen heißt dies: „Wer Tora liShma lernt“9 (Sprüche der Väter [Awot] 6,1) – seine ganze Absicht ist also auf den Schöpfer ausgerichtet.

Doch damit hat er das Schöpfungsziel noch nicht erreicht, wie geschrieben steht: „Wenn du gerecht bist, was gibst du Ihm?“10 (Hiob 35,7). Denn dem Schöpfer fehlt nichts, sodass wir für Ihn arbeiten müssten. Nur damit es kein Brot der Scham gibt, wurde uns die Korrektur gegeben, liShma zu arbeiten. Deshalb heißt dieser Zustand einerseits „Gerechter, Sohn eines Frevlers“: Im vorherigen Zustand, bevor der Schöpfer ihm half, war er ein Frevler; nachdem der Schöpfer ihm geholfen hat, ist er zu einem Gerechten geworden. Deshalb heißt er „Gerechter, Sohn eines Frevlers“. Doch noch immer „geht es ihm schlecht“, denn er hat das Ziel, für das er erschaffen wurde, noch nicht erreicht.

Danach gelangt er zum Aspekt der Tora, von dem es heißt: „Man offenbart ihm die Geheimnisse der Tora usw., und die ganze Welt ist für ihn lohnenswert.“ Die Tora heißt „Geschenk“, wie unsere Weisen über den Vers „Von Mattana nach Nachaliel11 sagten, denn sie ist ein Geschenk des Schöpfers. Nachdem der Mensch den Aspekt des Glaubens erlangt hat, kann er also den zweiten Zustand erlangen.

Der zweite Zustand heißt Tora. Der Unterschied zwischen Glauben und Tora besteht darin, dass es bekanntlich zwei Angelegenheiten auf den Wegen des Schöpfers gibt: 1) Arbeit und 2) Tora. Der Unterschied zwischen Tora und Arbeit ist folgender: „Arbeit“ heißt es, wenn der Mensch an seinem Tun keine Freude hat, sondern handelt, damit man ihm einen Lohn gibt. Da der Mensch jedoch arbeiten muss, ohne auf eine Belohnung abzuzielen, heißt seine Arbeit „Gerechtigkeit (Zedaka)“. Deshalb heißt der erste Zustand, der Glaube, „Gerechtigkeit“, wie geschrieben steht: „Und er glaubte an den Ewigen, und Er rechnete es ihm als Gerechtigkeit an“.12 Die Tora hingegen heißt „Geschenk“, weil der Mensch sich daran erfreut; andernfalls wäre es kein Geschenk. Wenn ein Mensch von seinem Freund ein Geschenk erhält, verlangt er von ihm schließlich keinen Lohn dafür, dass er sein Geschenk entgegennimmt.

Wenn der Mensch den Aspekt der Tora erlangt, bedeutet dies daher, dass er sein Ziel erreicht hat, und deshalb „geht es ihm gut“. Da er im vorherigen Zustand Glauben hatte, der als Aspekt des Gerechten gilt, heißt er „Gerechter, Sohn eines Gerechten“. Dies ist „ein Gerechter, dem es gut geht“, weil er das Schöpfungsziel erreicht hat und nun den Aspekt „Seinen Geschöpfen Gutes zu tun“ empfindet. Dann heißt er „guter Gast“, wie unsere Weisen sagten: „Was sagt ein guter Gast? Alles, worum sich der Hausherr bemüht hat, hat er nur für mich getan“13 (Traktat Berachot 58a).

Und der Schöpfer möge uns helfen, das zu erlangen, was uns auferlegt ist, und die vollständige Erlösung.

Von deinem Freund, der dir und deiner Familie alles Gute wünscht

Baruch Shalom HaLevi Ashlag

Sohn meines Vaters und Lehrers Baal HaSulam

korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026


  1. Hebräisches Datum: 4. Adar 5724. 

  2. Sprüche 26,4. 

  3. Sprüche 26,5. 

  4. Traktat Schabbat 30b. 

  5. 2. Mose 33,13. 

  6. Traktat Berachot 7a. 

  7. Jesaja 55,8. 

  8. Traktat Kidushin 30b; Traktat Sukka 52b. 

  9. Traktat Awot 6,1. 

  10. Hiob 35,7. 

  11. 4. Mose 21,19. 

  12. 1. Mose 15,6. 

  13. Traktat Berachot 58a.