Brief 43
4. Chanukka 5719 (10. Dezember 19581), Jaffa–Tel Aviv
An meine lieben Freunde in Gateshead, mögen sie lange leben
Ich sende euch meine Glückwünsche zu Chanukka. Möge es Sein Wille sein, dass wir das Licht von Chanukka in unseren Herzen empfinden; dadurch werden unsere Augen erleuchtet und unsere Herzen erfreut.
Bei dieser Gelegenheit schreibe ich, was ich über Chanukka gesagt habe: Bekanntlich können die Kerzen erst leuchten, wenn drei Bedingungen erfüllt sind:
1) Die Kerze, also das Gefäß, in das man das Öl gibt.
2) Das Öl.
3) Der Docht.
Wenn diese drei Dinge zusammenkommen, kann man ihr Licht genießen.
Diese drei Aspekte lassen sich im Sinne der spirituellen Arbeit und der ethischen Lehre erklären. Das Gefäß, in das sowohl das Öl als auch der Docht gegeben werden, ist der Körper; er wird „Kerze“ genannt.
Die Mühe in Tora und Mizwot sowie die Widersprüche, die der Mensch in der Vorsehung des Schöpfers empfindet, betreffen Dinge, bei denen ihm nicht offenbart ist, dass die Welt nach der Eigenschaft des Guten, der Gutes tut, gelenkt wird. Nach seinem Denken und seinem Verstand müsste der Schöpfer die Welt anders lenken: Das Maß Seiner Güte sollte jedem Einzelnen offenbart sein. Da dies dem Verstand des Menschen widerspricht, wird es „Docht“ (Petila) genannt – vom Wort Petaltol („gewunden“) und vom Wort Pesula („untauglich“)2, denn solche Gedanken sind für das Denken untauglich.
Die Klarheit und das Erwachen, die ihn danach verlangen lassen, sich mit Tora und Arbeit zu beschäftigen und darin Süße und Annehmlichkeit zu empfinden, werden „Öl“ genannt.
Fehlt eines von ihnen, kann man ihr Licht nicht genießen. Ebenso ist es hier: Wenn der Körper sowohl die Mühe als auch die Klarheit umfasst, wird man würdig, das Licht des Schöpfers zu erlangen, das gerade aus ihrer Verbindung hervorgeht. Sind Öl und Docht verbrannt, gibt es nichts mehr, was leuchten könnte, und es wird dunkel. Ebenso hat der Mensch kein Licht mehr, sobald Mühe und Klarheit zu Ende sind, und bei ihm wird es wieder dunkel.
Will er weiteres Licht erlangen, muss er sich bemühen, weitere Mühe aufzubringen, die „Docht“ genannt wird, und weitere Klarheit, die „Öl“ genannt wird; denn das Licht hat nichts, worin es verweilen und woran es sich festhalten kann. Der Grund dafür ist der Grundsatz (Klal): „Lefum za’ara agra“ [Entsprechend dem Leid ist der Lohn]3.
Die wesentliche Klarheit, „Öl“ genannt, entsteht durch den Glauben. Das bedeutet, dass der Mensch den Bösen Trieb (Jezer haRa) überwindet, der ihm Mühen und Widersprüche zum äußeren Verstand bereitet. Dies wird als Prüfungen in der Arbeit für den Schöpfer bezeichnet.
Nach dieser Überwindung wird der Mensch würdig, das Licht des Schöpfers zu empfangen, das der Seele des Menschen leuchtet. Dann gibt es keinen Raum mehr für Widersprüche. Dies wird „Licht von Chanukka“ genannt. Das heißt, er wird einer offenbaren Vorsehung würdig: Seine Lenkung entspricht der Eigenschaft des Guten, der Seinen Geschöpfen Gutes tut.
So lässt sich erklären, was unsere Weisen über die Chanukka-Kerze sagten: „Ihre Mizwa gilt vom Sonnenuntergang an, bis kein Fuß mehr auf dem Markt ist“ (Traktat Schabbat 21)4. Damit wiesen sie auf das oben Gesagte hin.
Die „Sonne“ bezeichnet das leuchtende Licht. „Fuß“ (Regel) hängt mit „Kundschaftern“ (Meraglim) zusammen: Der Mensch kundschaftet aus, um die Vorsehung des Schöpfers zu erkennen. So steht über die Kundschafter geschrieben: „Und ihr sollt sehen, wie das Land ist … ob es gut oder schlecht ist.“5 Das bedeutet, zu prüfen, ob die obere Vorsehung in der Welt der Eigenschaft des Guten entspricht, der Gutes tut.
Der „Markt“ ist das Gebiet der Vielen, denn gerade dort befinden sich Kundschafter. Wird der Mensch dagegen würdig, in das „Gebiet des Einen“ einzutreten – das heißt, zu erkennen, dass es in der Welt keine andere Kraft gibt als den Schöpfer allein, denn „Er allein vollbringt und wird alle Taten vollbringen“6 –, dann gibt es keinen Raum mehr für Kundschafter.
Darauf wiesen sie hin: Man muss das Licht von Chanukka herabziehen, damit es die offenbare Vorsehung in der Eigenschaft des Guten, der Gutes tut, erhellt – vom Sonnenuntergang an, bis kein Fuß mehr auf dem Markt ist. Das heißt: von der Zeit, als der Mensch noch in der Finsternis war, bis jeder Aspekt der Kundschafter aus dem Gebiet der Vielen verschwunden ist, sodass kein Raum mehr für sie bleibt und sie alle aus der Welt verschwinden.
Auf diese Weise lässt sich auch deuten, was wir im Lied „Mächtiger Fels meiner Rettung“7 sagen: „Die Griechen versammelten sich gegen mich … sie durchbrachen die Mauer meiner Türme und verunreinigten alle Öle.“ Chomat („Mauer von“) besteht aus denselben Buchstaben wie Chotam („Siegel“) und Tchum („Grenze“). „Meine Türme“ bezeichnet den Turm, der mit allem Guten gefüllt ist (siehe Midrash Rabba, Kapitel 8)8. Die Mauer dient als Schutz, damit Fremde nicht in die Stadt eindringen und ihr Gutes rauben.
Ebenso ist es hier: Damit keine fremden Gedanken und ungebetenen Wünsche eindringen, muss man eine Mauer errichten, durch die man vor den Äußeren geschützt wird. Diese Mauer heißt Glaube, denn nur durch den Glauben kann der Mensch vor all dem gerettet werden. Dies wird „Grenze“ genannt: Bis hierher können sich die Äußeren nähern. Wenn sie sehen, dass der Mensch die Mauer nicht verlässt, gehen sie fort und kehren an ihren Ort zurück.
Der Grund ist, dass der Glaube gerade über dem Verstand ist, während die Herrschaft der Sitra Achra (anderen Seite) gerade innerhalb des Verstandes des äußeren Intellekts liegt. Daher hat sie keinerlei Verbindung oder Berührung mit dem Menschen.
Die Klipa (Schale) Griechenlands bestand darin, dass sich das Volk Israel ausschließlich nach dem äußeren Intellekt richten sollte, also nach der verfluchten Philosophie. Dies steht im Gegensatz zum Glauben, der, wie oben gesagt, „Mauer“ genannt wird. In dem Maß, in dem es ihnen gelang, die Philosophie in Israel einzuführen, schlugen sie gleichsam eine Bresche in die Mauer.
Dies ist die Bedeutung von „sie durchbrachen die Mauer meiner Türme“: Gemeint ist die Mauer um den Turm, der mit allem Guten gefüllt ist. Durch diese Mauer wird man der offenbaren Vorsehung würdig und erkennt, dass der Schöpfer die Welt nach der Eigenschaft des Guten, der Gutes tut, lenkt.
Durch diese Bresche „verunreinigten sie alle Öle“. Das heißt, alle Klarheit und Lebenskraft, deren sie durch den Glauben würdig geworden waren, wurden ihnen verschlossen. Denn Tuma („Unreinheit“) hängt mit Timtum („Abstumpfung“) und Situm („Verschluss“) zusammen. Schließlich geschah ein Wunder: Der Schöpfer half ihnen, und sie wurden erneut des offenbarten Lichts würdig, das „Licht des Angesichts“ (Or Panim) genannt wird.
Zu der Frage meines Freundes über den Shofar (Widderhorn) schreibt er: „Der Schöpfer erhebt sich von der Eigenschaft des Gerichts zur Eigenschaft der Barmherzigkeit. An mehreren Stellen scheint der Hinweis jedoch der Eigenschaft des Gerichts zu gelten, etwa wenn bei einem Bann der Shofar geblasen wurde und Ähnliches.“
Die Antwort des Werkes Yaarot Dvash9 lautet: Gerade weil der Shofar das Gericht erweckt, erweckt der Mensch Barmherzigkeit, wenn er für sich selbst die Eigenschaft des Gerichts fordert. Er sagt dann zum Schöpfer, er wolle seine Strafe auf sich nehmen, wenn er dadurch nur von der Sünde befreit und von ihr gereinigt werde. Eben dadurch erweckt der Mensch Barmherzigkeit. Gewiss darf man die Worte des heiligen Verfassers von Yaarot Dvash nicht anzweifeln.
Siehe im Sohar, Wochenabschnitt Emor (Blatt 99, Rabbi Shimon)10, wo es heißt: „Israel benötigt am Tag des Gerichts einen Shofar und kein Horn, denn bei einem Horn ist bekannt, an welchem Ort es sich befindet“ – das heißt, es verweist auf die Eigenschaft des Gerichts; siehe dort im Sulam [denn das Horn verweist auf Malchut, Gericht, und wir müssen das Gericht nicht erwecken; der Shofar hingegen verweist auf Bina, Barmherzigkeit] – „und wir wollen uns nicht mit dem Gericht verbinden.“ Daraus geht hervor, dass der Shofar die Eigenschaft der Barmherzigkeit ist.
Was er über den Bann anführt, lässt sich so erklären: Das Blasen des Shofar rührt daher, dass beim Bann der Gebannte unter der Herrschaft der Eigenschaft des Gerichts steht. Damit diese Eigenschaft nicht über ihn herrscht, muss man für ihn Barmherzigkeit erwecken. Dies gleicht der Verbindung der Eigenschaft des Gerichts mit der Barmherzigkeit; der Shofar besitzt die Kraft, Barmherzigkeit zu erwecken.
Ebenso verhält es sich mit dem Vers „Blast den Shofar auf Zion“11, der das Volk zur Umkehr (Teshuwa) aufruft. Wenn man erkennt, dass – Gott behüte – die Eigenschaft des Gerichts herrscht, muss man den Shofar blasen, um Barmherzigkeit zu erwecken. Denn der Shofar besitzt die Kraft, Barmherzigkeit zu erwecken und dem Volk die Kraft zur Umkehr zu geben.
Dies gleicht einem Wächter, der auf einem Aussichtspunkt steht und aus der Ferne ein Heer heranziehen sieht, das gegen die Bewohner der Stadt kämpfen und ihr Gutes rauben will. Er bläst den Shofar, damit sich das Volk versammelt, hinauszieht, gegen das Heer kämpft und die Stadt rettet. Daraus folgt, dass der Shofar die Eigenschaft des Gerichts ist, wie es aus den Worten des heiligen Sohar hervorgeht.
Zum zweiten Punkt, den er mir über die Liebe zum Schöpfer schrieb, zitiere ich seine Worte: „Mit der Liebe zum Schöpfer verhält es sich wie bei jedem, der seinen Freund liebt und ihm anhaften, also in seiner Gesellschaft sein möchte. Ebenso muss in der Liebe zum Schöpfer das Verlangen bestehen, in Seiner Nähe zu sein und die Freude an Seiner Nähe zu empfinden, bis man sich nicht mehr von Ihm trennen möchte.“
Rabbi Samson Raphael Hirsch12 erklärt, die Liebe zum Schöpfer sei das Verlangen im Herzen, Geschenke zu geben und „seinem Schöpfer Gutes zu tun“. Wie bei jeder Liebe zwischen Menschen der Liebende dem Geliebten geben möchte, so wird auch die Liebe zum Schöpfer als tiefes Verlangen im Herzen bezeichnet, zu geben und seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. So weit seine Worte.
Ich möchte hinzufügen, dass beide Erklärungen wahr sind; man muss jedoch zwischen den jeweiligen Zeiten unterscheiden. Denn immer ist zwischen einer Wirklichkeit und der Erhaltung dieser Wirklichkeit zu unterscheiden. Wenn ein Kind geboren wird, sehen wir eine vollständige Wirklichkeit: Das Kind lebt und besteht, und ihm fehlt nichts.
Doch wenn das Neugeborene nicht die nötige Nahrung erhält, wird diese ganze Wirklichkeit gewiss nicht fortbestehen, denn ohne Nahrung wird das Kind sterben. Damit die Wirklichkeit bestehen bleibt, braucht es also Nahrung, durch die das Neugeborene wächst und sich entwickelt. Erhält es verdorbene Nahrung oder bekommt es zwar Nahrung, aber nicht genug, wird es sehr schwach.
Ebenso sind für die Liebe zum Schöpfer die beiden genannten Dinge nötig:
1) Das Ziel, das als Wirklichkeit gilt. Es ist die Liebe an sich, also Vereinigung und Anhaftung (Dwekut): Der Mensch will sich vor dem Schöpfer annullieren und hat in seinem Leben keine anderen Sorgen, sondern richtet sein ganzes Herz und all seine Gedanken Tag und Nacht auf Ihn. Kein Leid in der Welt ist für ihn größer als das Leid, das entstünde, wenn es – Gott behüte – zu einer Trennung in dieser Verbindung käme, wie geschrieben steht: „Gäbe ein Mann den ganzen Besitz seines Hauses für die Liebe, man würde ihn gänzlich verachten.“13
2) Die Erhaltung der Wirklichkeit. Damit die Liebe nicht erlischt, sondern sich vermehrt und noch stärker wächst, brauchen wir Nahrung. Das bedeutet, Nahrung zu geben, die Mizwot und gute Taten genannt wird. In dem Maß, in dem der Mensch seine guten Taten vermehrt, wächst auch die Liebe zwischen ihm und seinem Schöpfer. Dann gibt auch der Schöpfer Geschenke, wie es unter Liebenden üblich ist. Die Geschenke des Schöpfers heißen Offenbarung der Geheimnisse der Tora; sie werden „Werk des Wagens“ (Maase Merkawa) und „Schöpfungswerk“ (Maase BeReshit) genannt.
Demnach sind beide Erklärungen wahr. Danach wird man einer höheren Stufe würdig, die „Liebe, die von nichts abhängt“ genannt wird.
Möge der Schöpfer uns helfen, der Liebe zum Schöpfer würdig zu werden.
Von eurem Freund, der euch
alles Gute im Materiellen und im Spirituellen wünscht
korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026
-
Hebräisches Datum: 4. Tag von Chanukka 5719. ↩
-
In aschkenasischer Aussprache klingt Petila ähnlich wie Pesula. ↩
-
Traktat Awot 5,23. ↩
-
Traktat Schabbat 21b. ↩
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4. Mose 13,18–19. ↩
-
Die dreizehn Glaubensgrundsätze des Rambam, Grundsatz 1. ↩
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Aus dem Chanukka-Hymnus. ↩
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BeReshit Rabba 8,6. ↩
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Yaarot Dvash („Honigwaben“) – Werk von Rabbi Jonatan Eibeschütz (1690–1764), einem bedeutenden Rabbiner, Talmudisten, Prediger und Kabbalisten des 18. Jahrhunderts. ↩
-
Sohar, Emor, Abs. 91. ↩
-
Joel 2,15. ↩
-
Rabbi Samson Raphael Hirsch (1808–1888) – deutscher Rabbiner, Tora-Kommentator und einer der Führer des orthodoxen Judentums im 19. Jahrhundert. ↩
-
Hohelied 8,7. ↩