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105. Ein Tora‑gelehrter Mamser hat Vorrang vor einem ungelehrten Hohenpriester

Ich hörte am 1. November 1944.

„Ein Tora-gelehrter1 Mamser (Bastard) hat Vorrang vor einem ungelehrten Hohenpriester.“​ (Horajot, Mishna 3,8)

Mamser bedeutet hier El sar [fremder Gott] und ach sar [nur fremd]. Gemeint ist das Mamser-Sein: Wenn der Mensch das Verbot „Wendet euch nicht den Götzen zu“​ (3. Mose 19,4) übertritt, erzeugen sie für ihn den Mamser.

„Sich den Götzen zuzuwenden“ bedeutet, dass der Mensch sich mit der Sitra Achra (der anderen Seite) verbindet, die als verbotene Verbindung gilt. Dies heißt: „Wer eine verbotene Verbindung eingeht und daraus einen Mamser hervorbringt.“​ (Chagiga, Mischna 1,7) Die Auffassung eines Hausherrn ist der Auffassung der Tora entgegengesetzt (Choshen Mishpat 3,13). Daher besteht ein Unterschied zwischen einem Ungelehrten und einem Tora-Gelehrten. Dabei macht es einen großen Unterschied, wenn der Mensch den Mamser hervorgebracht hat. Ein Tora-Gelehrter behauptet, dass auch dies vom Schöpfer kommt. Von der Gestalt, die vor seinen Augen erscheint – dem Aspekt eines Mamser –, sagt er, der Schöpfer habe ihm diese Ursache herbeigeführt.

Der Frevler dagegen sagt, dies sei nur ein fremder Gedanke, der ihm aufgrund einer Verfehlung gekommen ist; er müsse lediglich seine Verfehlungen korrigieren.

Der Tora-Gelehrte dagegen hat die Kraft zu glauben, dass er auch dies, nämlich seine gegenwärtige Gestalt, in ihrer wahren Beschaffenheit sehen muss. Zugleich muss er das Joch des Königtums des Himmels bis zur völligen Selbsthingabe auf sich nehmen.

Das bedeutet: Selbst einen Zustand von so geringer Bedeutung, dass es nichts Niedrigeres und Verborgeneres gibt, muss er in einer solchen Zeit dem Schöpfer zuschreiben. Der Schöpfer hat ihm also ein solches Bild vor Augen geführt, das „fremde Gedanken über die Vorsehung“ genannt wird. Und in einem so geringfügig erscheinenden Zustand muss er über dem Verstand arbeiten, als besäße er großen Verstand in der Heiligkeit (Kedusha).

Als „Hohepriester“ wird bezeichnet, wer dem Schöpfer dient, im Sinne von „und zahlreich sind sie …“​ (2. Mose 23,2, Kommentar Rashi). Das heißt, sie besitzen viel Tora und viele Mizwot und es fehlt ihnen an nichts. Wenn der Mensch sich daher anschließen und eine bestimmte Ordnung der Arbeit auf sich nehmen will, lautet die Regel: Ein Tora-gelehrter Mamser steht an erster Stelle.

Das heißt, er soll sein Mamser-Sein in der Form eines Tora-Gelehrten auf sich nehmen. „Weiser“ ist eine Bezeichnung für den Schöpfer. Sein Schüler ist also jemand, der aus dem Mund des Schöpfers lernt. Nur ein Tora-Gelehrter kann von allem – von allen Gestalten, die während der Arbeit erscheinen – sagen: „Vom Ewigen ist dies geschehen.“​ (Psalm 118,23)

Ein ungelehrter Priester dagegen dient zwar dem Schöpfer und ist groß in Tora und Arbeit, wurde aber noch nicht damit belohnt, aus dem Mund des Schöpfers zu lernen. Deshalb wird er noch nicht als Tora-Gelehrter bezeichnet. Dieser Zustand kann ihm daher überhaupt nicht helfen, die wahre Vollkommenheit zu erreichen, denn er besitzt die Auffassung von Hausherren. Die Auffassung der Tora hat nur, wer aus dem Mund des Schöpfers lernt. Nur ein Tora-Gelehrter kennt die Wahrheit, dass der Schöpfer alle Ursachen herbeiführt.

Damit verstehen wir den Ausspruch unserer Weisen: „Rabbi Shimon ben Menasya legte jedes Et [das hebräische Wort אֶת‎]2 in der Tora aus.“ Et weist auf eine Einbeziehung oder Hinzufügung hin. Das heißt, er vermehrte jeden Tag Tora und Mizwot gegenüber dem Vortag. Als er jedoch zu „Den Ewigen, deinen Gott, sollst du fürchten“​ (5. Mose 10,20) kam, zog er sich zurück. Er konnte nichts mehr einbeziehen, sondern gelangte an einen Punkt, an dem er nichts hinzufügen konnte und es – Gott bewahre – sogar ins Gegenteil umzuschlagen drohte.

Rabbi Shimon ben Menasya zog sich also zurück, weil er die Menusa [Flucht] verstand, also das Fliehen und den Rückzug aus dem Kampf. Ebenso verstand Ben HaAmsuni3 die Wahrheit und welche Gestalt die Wahrheit hat. Daraufhin blieb er auf seinem Posten stehen und konnte nicht weitergehen, bis Rabbi Akiwa kam und Et so auslegte: Es bezieht die Tora-Gelehrten ein (Pessachim 22b). Das heißt, durch die Anhaftung an Tora-Gelehrte kann man eine Stütze erhalten.

Nur ein Tora-Gelehrter kann ihm also helfen, und nichts anderes. Selbst wenn jemand groß in der Tora ist, wird er „ungelehrt“ genannt, solange er nicht damit belohnt wurde, aus dem Mund des Schöpfers zu lernen. Deshalb muss sich der Mensch vor dem Tora-Gelehrten beugen und ohne jeden Einwand auf sich nehmen, was dieser ihm auferlegt – und zwar über dem Verstand.

„Ihr Maß ist länger als die Erde.“​ (Hiob 11,9) Das bedeutet, dass die Tora nach der „Erde“ beginnt, also dort, wo sie über die Erde hinausreicht. Es gilt die Regel, dass man nichts in der Mitte beginnen kann. Wenn der Mensch beginnen will, liegt der Anfang folglich nach der Erde, das heißt jenseits der Erdhaftigkeit. (Dies ist die Bedeutung eines „ungelehrten Hohenpriesters“4: Auch wenn seine Arbeit groß ist, befindet er sich noch in der Erdhaftigkeit, solange er nicht mit dem Licht der Tora belohnt wurde.)

Um zu li­Shma zu gelangen, muss man viel in lo li­Shma lernen. Man soll sich also im lo li­Shma anstrengen und abmühen; dann kann man die Wahrheit erkennen, dass man li­Shma noch nicht erreicht hat. Wenn man sich zuvor jedoch nicht mit all seiner Kraft anstrengt, kann man die Wahrheit nicht erkennen.

Ein anderes Mal sagte er, der Mensch müsse viel Tora in li­Shma lernen, um damit belohnt zu werden, die Wahrheit zu erkennen: dass er in lo li­Shma arbeitet. Die Arbeit in li­Shma wird als Belohnung und Bestrafung bezeichnet; dies ist der Aspekt von Malchut. Tora in lo li­Shma wird als Seir Anpin bezeichnet; dies ist der Aspekt der Persönlichen Vorsehung.

Deshalb hatten die Könige Israels, die alle mit der Persönlichen Vorsehung belohnt worden waren, nichts mehr zu tun, denn es gab nichts, was sie hinzufügen konnten. Daher sagten unsere Weisen: „Ein König Israels richtet nicht und wird nicht gerichtet.“​ (Sanhedrin, Mischna 2,2) Deshalb haben sie keinen Anteil an der Kommenden Welt, denn sie tun nichts; sie sehen, dass der Schöpfer alles tut.

Dies ist die Bedeutung von Isevel [Isebel], der Frau von Ahab (siehe 1. Könige 16,30–31). Sie deuteten, seine Frau habe behauptet: Ei sevel [Wo gibt es Abfall?], also: „Wo gibt es Abfall in der Welt?“ Denn sie sah, dass alles gut ist. Und Ach aw [Ahab] bedeutet, dass er ein ach [Bruder] des Aw [Vaters] im Himmel war. Die Könige aus dem Haus David hingegen werden gerichtet, denn sie hatten die Kraft, den Schöpfer und Seine Shechina (göttliche Gegenwart) zu vereinen, obwohl beides einander widerspricht: Die Persönliche Vorsehung steht im Gegensatz zum Aspekt von Belohnung und Bestrafung.

Darin liegt die Kraft der großen Gerechten: Sie können den Schöpfer und die Shechina vereinen, also die Persönliche Vorsehung mit Belohnung und Bestrafung. Gerade aus beiden zusammen entsteht die vollständige, erstrebte Vollkommenheit.

korrigiert, EY, Schreibnorm v1, 12.10.2026


  1. Wörtlich „Schüler eines Weisen“; auch: Gelehrter. ↩

  2. Präposition des Akkusativs. ↩

  3. Siehe Pessachim 22b. Ben (בן‎), „Sohn“, wird hier von mewin (מבין‎), „versteht“, her gedeutet; im Hebräischen klingen beide Wörter ähnlich. ↩

  4. Wörtlich: Volk des Landes. ↩