145. Was bedeutet: „Er gibt gerade den Weisen Weisheit“?
Ich hörte im Jahr 1943.
„Er gibt den Weisen Weisheit.“ (Daniel 2,21) Er fragte: Hätte es nicht heißen müssen: „Er gibt den Unverständigen Weisheit“?
Und er sagte: Bekanntlich „gibt es keinen Zwang im Spirituellen“. Vielmehr wird jedem nach seinem Verlangen gegeben. Der Grund ist, dass das Spirituelle die Quelle von Leben und Genuss ist. Wie könnte man bei etwas Gutem von Zwang sprechen? Wenn wir daher sehen, dass wir uns unter Zwang mit Tora und Mizwot befassen – dass wir also den Körper überwinden müssen, weil er nicht einverstanden ist, da er an dieser Arbeit keinen Genuss empfindet –, liegt das gewiss daran, dass er das Spirituelle in ihnen nicht empfindet. Denn wie oben gesagt, ist das Spirituelle die Quelle von Leben und Genuss. So steht im Sohar: „Wo Mühe ist, dort ist die Sitra Achra“ (das bedeutet: Wo Mühe ist, dort ist die andere Seite) (Einleitung in das Buch Sohar, Punkt 247).
Das ist der Grund, weshalb Weisheit nur den Weisen gegeben werden kann. Denn die Unverständigen haben kein Bedürfnis nach Weisheit. Nur den Weisen kann Weisheit gegeben werden, und zwar aufgrund ihrer Natur: Wer weise ist, liebt Weisheit. Sie ist sein ganzes Verlangen! Nach dem Grundsatz „Vor dem Verlangen gibt es kein Hindernis“ unternimmt er deshalb jede Anstrengung, um Weisheit zu erlangen. So wird er schließlich der Weisheit würdig. Daher kann jemand, der Weisheit liebt, schon jetzt wegen seines künftigen Zustands „weise“ genannt werden.
Über den Unvernünftigen dagegen steht geschrieben: „Der Unvernünftige hat kein Verlangen nach Einsicht.“ (Sprüche 18,2) Die Aussage „Er gibt den Weisen Weisheit“ lehrt uns somit: Wer Weisheit liebt, lässt sich nicht davon entmutigen, dass er sie noch nicht erlangt hat, obwohl er viel Mühe dafür aufgewendet hat. Vielmehr setzt er seine Arbeit fort, und er wird die Weisheit gewiss erlangen, weil er sie liebt. Deshalb sagt man ihm: „Geh diesen Weg, und du wirst gewiss Erfolg haben.“
Doch man muss verstehen: Was kann der Mensch tun? Schließlich wird er von Natur aus „als Wildeselfohlen geboren“ (Hiob 11,12). Woher soll er das Verlangen nehmen, sich nach Weisheit zu sehnen?
Dazu wurde uns der Rat gegeben, uns zunächst mit dem Aspekt „die Sein Wort tun“ (Psalm 103,20) zu befassen und danach mit „auf die Stimme Seines Wortes zu hören“. Das bedeutet: Um etwas zu erlangen, führt der Mensch Handlungen aus, durch die er es erlangen kann. Da ihm hier das Verlangen nach Weisheit fehlt, mangelt es ihm also gerade an diesem Verlangen. Deshalb beginnt er, sich anzustrengen und Handlungen auszuführen, um das Verlangen nach Weisheit zu erlangen. Denn nur dies fehlt ihm.
Die Reihenfolge ist so: Der Mensch muss sich mit Tora und der Arbeit abmühen, obwohl er kein Verlangen danach hat. Das wird „Mühe“ genannt: Er führt Handlungen aus, obwohl er keine Neigung zu dem hat, was er tut. So sagten unsere Weisen: „Alles, was in deiner Hand und in deiner Kraft liegt zu tun, das tue.“ (siehe Prediger 9,10) Durch die besondere Kraft des Wissens bildet sich in ihm der Aspekt von Verlangen und Sehnsucht nach Weisheit. Dann erfüllt sich an ihm, was geschrieben steht: „Er gibt den Weisen Weisheit.“ Und dann wird er des Aspekts „auf die Stimme Seines Wortes zu hören“ würdig. Das heißt: Für das, was zuvor im Aspekt des Tuns war – also eine Handlung ohne Verlangen –, wird er nun eines Verlangens würdig.
Wenn wir daher erkennen wollen, wer Weisheit liebt, müssen wir auf denjenigen schauen, der sich um Weisheit bemüht, obwohl er noch nicht würdig wurde, zu denen zu gehören, die Weisheit lieben. Der Grund ist, wie oben gesagt, dass er durch seine Mühe würdig wird, zu ihnen zu gehören. Danach – wenn er also ein Verlangen nach Weisheit hat – wird er der Weisheit würdig. Im Grunde ist das Verlangen nach Weisheit das Gefäß (Kli), und die Weisheit ist das Licht. Dies wird als „Es gibt keinen Zwang im Spirituellen“ bezeichnet.
Das Licht von Chochma bedeutet das Licht des Lebens. Denn Chochma wird von uns nicht als intellektueller Gegenstand verstanden, sondern als das Leben selbst, als die wirkliche Substanz des Lebens – in einem solchen Maß, dass man ohne sie als tot gilt. (Daher kann man sagen, dass Chochma aus diesem Grund als Stufe des Lebens, Chaja, bezeichnet wird.)
korrigiert, EY, Schreibnorm v1, 12.10.2026