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Kabbala Bibliothek Startseite / Baal HaSulam / Shamati / Shamati 161. Die Gabe der Tora – 2

161. Die Gabe der Tora – 2

Ich hörte.

Zur Gabe der Tora am Berg Sinai: Das bedeutet nicht, dass die Tora damals gegeben wurde und es heute nicht mehr so ist. Vielmehr ist die Gabe der Tora etwas Ewiges; der Schöpfer gibt sie immer. Doch wir sind nicht geeignet, sie zu empfangen. Damals, am Berg Sinai, waren wir jedoch Empfänger der Tora. Darin bestand die ganze Besonderheit jener Zeit: Wir waren „wie ein Mensch mit einem Herzen“​ (2. Mose 19,2, Kommentar Rashi). Das heißt, wir alle hatten damals nur einen Gedanken – die Tora zu empfangen.

Vonseiten des Schöpfers wird sie jedoch immer gegeben. So wird im Namen des Ribash1 überliefert: „Der Mensch ist verpflichtet, jeden Tag die Zehn Gebote am Berg Sinai zu hören.“

Die Tora wird „Lebenselixier“ und „Todesgift“ genannt. Man muss fragen: Wie können zwei Gegensätze in ein und derselben Sache bestehen? Alles, was wir mit unseren Augen sehen, ist nichts weiter als das, was wir empfinden. Die Wirklichkeit an sich ist für uns nicht von Belang. Wenn ein Mensch die Tora studiert und sie ihn von der Liebe zum Schöpfer entfernt, dann wird diese Tora gewiss „Todesgift“ genannt. Wenn sie ihn dagegen dem Schöpfer näherbringt, wird sie gewiss „Lebenselixier“ genannt.

Die Tora selbst – also die Wirklichkeit an sich – kommt dabei nicht in Betracht. Vielmehr bestimmen die Empfindungen unsere Wirklichkeit hier unten. Die Tora an sich, das heißt ohne Empfänger, lässt sich folgendermaßen erklären: Ihrem eigenen Wert nach gilt sie als Licht ohne Gefäß, von dem wir keinerlei Erlangung haben. Dies gilt als Wesen ohne Materie; vom Wesen selbst haben wir keinerlei Erlangung, nicht einmal vom Wesen des Materiellen – und umso weniger von dem des Spirituellen.

Wenn ein Mensch zu seinem eigenen Nutzen arbeitet, wird dies lo li­Shma genannt. Doch „aus lo li­Shma gelangt man zu li­Shma“​ (Rambam, Mischne Tora, Gesetze der Umkehr, Kap. 10, Gesetz 5). Wenn der Mensch den Empfang der Tora noch nicht erlangt hat, hofft er daher, sie im nächsten Jahr zu empfangen. Wenn er jedoch den Zustand von li­Shma in Vollkommenheit erlangt hat, gibt es für ihn in dieser Welt nichts mehr zu tun.

Darum gibt es jedes Jahr eine Zeit für den Empfang der Tora, denn diese Zeit eignet sich für eine Erweckung von unten. Denn dann erwacht jene Zeit wieder, in der den Unteren das Licht der Gabe der Tora offenbart war. Daher gibt es stets eine Erweckung von oben, das es den Unteren ermöglicht, jetzt dieselbe Handlung wie damals auszuführen. Wenn ein Mensch also auf dem Weg geht, auf dem lo li­Shma ihn zu li­Shma führt, geht er in der richtigen Ordnung und hofft, schließlich den Empfang der Tora in li­Shma zu erlangen. Wenn ihm das Ziel jedoch nicht immer vor Augen steht, geht er auf einer Linie, die der Tora entgegengesetzt ist. Die Tora wird „Baum des Lebens“ genannt; deshalb gilt sie für ihn als „Todesgift“, denn er entfernt sich jedes Mal weiter von der Linie des Lebens.

„Ich habe mich bemüht und nicht gefunden – glaube es nicht.“​ (Megilla 6b) Man muss verstehen, was „gefunden“ bedeutet. Was soll man finden? „Gefunden“ bedeutet vielmehr, Gunst in den Augen des Schöpfers zu finden.

„Ich habe mich nicht bemüht und dennoch gefunden – glaube es nicht.“ Man muss verstehen: Dieser Mensch lügt doch nicht. Es geht hier nicht um die Aussage eines einzelnen Menschen über sich selbst, sondern um eine Regel, die für alle gilt. Wenn er also sieht, dass er Gunst in den Augen des Schöpfers gefunden hat, warum heißt es dann: „Glaube es nicht“? Manchmal erlangt ein Mensch diese Gunst durch das Gebet. Denn das Gebet besitzt eine besondere Kraft und kann dasselbe bewirken wie die Anstrengung. (Auch im Materiellen sehen wir, dass der eine seinen Lebensunterhalt durch eigene Anstrengung verdient, während ein anderer ihn durch sein Gebet erhält: Weil er um Lebensunterhalt bittet, wird ihm gegeben, womit er sich ernähren kann.)

Im Spirituellen ist es jedoch anders: Selbst wenn ein Mensch Gunst erlangt, muss er anschließend den vollen Preis bezahlen – nämlich das Maß an Anstrengung, das jeder aufbringen muss. Tut er das nicht, verliert er das Gefäß. Deshalb heißt es: „Ich habe mich nicht bemüht und dennoch gefunden – glaube es nicht“, denn alles wird ihm verlorengehen. Vielmehr muss er danach das ganze Maß seiner Anstrengung aufbringen.

korrigiert, EY, Schreibnorm v1, 12.10.2026


  1. R. Yizchak bar Sheshet Perfet (1326–1408), Halachist und Kommentator von Tora und Talmud. ↩