40. Der Glaube an seinen Lehrer –
welches Maß hat er?
Ich hörte im Jahr 1943.
Bekanntlich gibt es einen Rechten Weg und einen Linken Weg. „Rechts“ (Yamin) wird hier aus dem Wort heimin, „sich nach rechts wenden“, erklärt. Denn den Vers „Und er glaubte an den Ewigen“ (1. Mose 15,6) gibt der Targum1 mit we-heimin („und er glaubte“) wieder. Wenn der Lehrer dem Schüler sagt, er solle auf dem Rechten Weg gehen – wobei „rechts“ gewöhnlich „Vollkommenheit“ und „links“ „Unvollkommenheit“ genannt wird, weil dort noch Korrekturen fehlen –, dann muss der Schüler den Worten seines Lehrers glauben, der ihm sagt, er solle auf dem Rechten Weg gehen, der „Vollkommenheit“ genannt wird.
Und was ist die Vollkommenheit, in der der Schüler gehen soll? Der Mensch soll sich vorstellen, als hätte er bereits den vollkommenen Glauben an den Schöpfer erlangt und spürte schon in seinen Gliedern, dass der Schöpfer die ganze Welt in der Eigenschaft „gut und Gutes tuend“ lenkt. Das heißt, dass die ganze Welt von Ihm nur Gutes empfängt.
Doch wenn er sich selbst betrachtet, sieht er, dass er nackt ist und nichts besitzt. Und wenn er die Welt betrachtet, sieht er ebenso, dass die ganze Welt leidet, jeder nach seiner Stufe. Dazu muss er sagen, wie geschrieben steht: „Augen haben sie, doch sehen sie nicht.“ (Psalm 115,5) „Sie“ bedeutet: Solange der Mensch unter der Herrschaft der Vielen steht, die „sie“ genannt werden, sehen sie die Wahrheit nicht.
Was ist die Herrschaft der Vielen? Sie besteht, solange der Mensch zwei Willen hat. Obwohl er glaubt, dass die ganze Welt dem Schöpfer gehört, meint er doch, auch dem Menschen selbst gehöre etwas. In Wahrheit muss der Mensch seine eigene Herrschaft vor der Herrschaft des Schöpfers aufheben und sagen, dass er nicht für sich selbst leben will und nur deshalb weiterleben möchte, um dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten.
So hebt er seine eigene Herrschaft vollständig auf. Dann befindet er sich unter der Herrschaft des Einzigen, also unter der Herrschaft des Schöpfers. Erst dann kann er die Wahrheit sehen: dass der Schöpfer die Welt in der Eigenschaft „gut und Gutes tuend“ lenkt. Solange der Mensch jedoch unter der Herrschaft der Vielen steht, also noch zwei Willen hat – sowohl im Mocha (Verstand) als auch im Liba (Herz) –, kann er die Wahrheit nicht sehen. Vielmehr muss er über dem Verstand gehen und sagen: „Augen haben sie“, doch sie sehen die Wahrheit nicht.
Aus dem Gesagten folgt: Wenn der Mensch sich selbst betrachtet und wissen will, ob er sich gerade in einer Zeit des Abstiegs oder des Aufstiegs befindet, kann er auch das nicht wissen.
Das heißt, er meint, sich in einem Zustand des Abstiegs zu befinden. Doch auch das muss nicht stimmen. Denn vielleicht befindet er sich jetzt in einem Zustand des Aufstiegs: Er sieht seinen wahren Zustand und erkennt, wie weit er von der heiligen Arbeit entfernt ist. Damit ist er der Wahrheit nun nähergekommen. Es kann aber auch umgekehrt sein: Er fühlt sich jetzt erhoben, während er in Wahrheit unter der Herrschaft des Empfangens für sich selbst steht, die „Abstieg“ genannt wird.
Nur wer bereits unter der Herrschaft des Einzigen steht, kann unterscheiden und die Wahrheit erkennen. Deshalb muss der Mensch sich auf die Auffassung seines Lehrers stützen und glauben, was sein Lehrer ihm sagt. Das heißt, er soll so gehen, wie sein Lehrer ihm zu handeln geboten hat.
Obwohl er viele Überlegungen und viele Lehren sieht, die nicht mit der Auffassung seines Lehrers übereinstimmen, muss er sich dennoch auf die Auffassung seines Lehrers stützen. Was er selbst versteht und was er in anderen Büchern liest und was nicht mit der Auffassung seines Lehrers übereinstimmt, dazu muss er sagen: Solange er unter der Herrschaft der Vielen steht, kann er die Wahrheit nicht verstehen und in dem, was in anderen Büchern geschrieben steht, nicht die Wahrheit ihrer Aussagen erkennen. Bekanntlich wird dem Menschen, solange er noch nicht würdig geworden ist, seine Tora zu einem tödlichen Gift.
Und warum heißt es: „Ist er nicht würdig geworden, wird ihm seine Tora zu einem tödlichen Gift“ (Joma 72b)? Weil all die Lehren, die er studiert oder hört, ihm keinen Nutzen bringen werden, durch den er des Lebens würdig werden könnte, also der Anhaftung an das Leben allen Lebens. Vielmehr bewirken sie genau das Gegenteil.
Das heißt, er entfernt sich jedes Mal weiter von der Anhaftung, weil er alles, was er tut, nur für die Bedürfnisse des Körpers tut; dies wird „Empfangen für sich selbst“ genannt. Das ist Trennung: Durch seine Handlungen trennt er sich immer weiter vom Leben allen Lebens. Daher wird dies „tödliches Gift“ genannt, denn es bringt ihm Tod und nicht Leben. Das heißt, er entfernt sich immer weiter vom Geben, das „Angleichung der Form an den Schöpfer“ genannt wird, im Sinne des Ausspruchs: „Wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig.“ (Jerusalemer Talmud, Pea 1,1)
Außerdem müssen wir wissen: Wenn der Mensch sich mit der Rechten befasst, ist die Zeit geeignet, Obere Fülle herabzuziehen, denn „der Gesegnete haftet am Gesegneten“ (Bereshit Rabba 59,9). Da sich der Mensch in einem Zustand der Vollkommenheit befindet, der „gesegnet“ genannt wird, besitzt er in dieser Hinsicht jetzt Gleichheit der Form. Denn das Zeichen der Vollkommenheit ist, dass der Mensch in Freude ist. Andernfalls gibt es keine Vollkommenheit. So sagten unsere Weisen: „Die Shechina (göttliche Gegenwart) weilt nur aus der Freude an einer Mizwa heraus.“ (Schabbat 30b)
Das bedeutet: Die Ursache seiner Freude ist die Mizwa. Dass sein Lehrer ihm geboten hat, auf der Rechten Linie zu gehen, bedeutet, dass er die Mizwa seines Lehrers erfüllt. Dieser hat für ihn eine besondere Zeit festgelegt, in der er auf der Rechten geht, und eine besondere Zeit, in der er auf der Linken geht. Die Linke widerspricht der Rechten, denn „links“ bezeichnet die Zeit, in der er über sich selbst Rechenschaft ablegt und zu prüfen beginnt, was er in der Arbeit für den Schöpfer bereits erworben hat. Er sieht, dass er nackt ist und nichts besitzt – wie kann er da in Vollkommenheit sein? Dennoch geht er aufgrund der Mizwa seines Lehrers über dem Verstand.
Daraus folgt, dass seine ganze Vollkommenheit auf dem Gehen über dem Verstand beruht. Dies wird „Glaube“ genannt. Das ist die innere Bedeutung des Verses: „An jedem Ort, an dem Ich Meinen Namen erwähnen lasse, werde Ich zu dir kommen und dich segnen.“ (2. Mose 20,21) „An jedem Ort“ bedeutet: Obwohl er noch nicht würdig ist, gesegnet zu werden, gilt dennoch: „Ich werde Meinen Segen geben“ (siehe 3. Mose 25,21), weil du einen Ort bereitest. Gemeint ist ein Ort der Freude, in dem Höheres Licht weilen kann.
korrigiert, EY, Schreibnorm v1, 12.10.2026
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Targum – Übersetzung des Tanach ins Aramäische. ↩