203. Der Hochmut des Menschen erniedrigt ihn
Ich hörte am 12. Oktober 1938.
„Der Hochmut des Menschen erniedrigt ihn.“ (Sprüche 29,23) Dazu ist Folgendes bekannt: Der Mensch wurde in äußerster Niedrigkeit erschaffen. Wenn jedoch der Niedrige seinen Platz kennt, leidet er nicht darunter, dass er niedrig ist, denn dies ist sein Platz. Das gleicht den Füßen: Sie empfinden keine Erniedrigung darin, dass sie immer durch Unrat gehen und die ganze Last des Körpers tragen müssen. Anders ist es beim Kopf, der sich stets oben befindet. Weil die Füße ihren Platz kennen, empfinden sie keine Erniedrigung und leiden nicht darunter, dass sie sich auf einer niedrigen Stufe befinden.
Wenn sie dagegen oben sein wollten, aber gezwungen wären, unten zu bleiben, würden sie Leiden empfinden. Das ist die Bedeutung von „Der Hochmut des Menschen erniedrigt ihn“. Wenn der Mensch in der Niedrigkeit bleiben wollte, würde er keinerlei Erniedrigung empfinden, also keinerlei Leiden daran, dass „der Mensch als Wildesel geboren wird“ (Hiob 11,12). Doch die Menschen wollen hochmütig sein; deshalb empfinden sie ihre Niedrigkeit und leiden darunter.
Leiden und Niedrigkeit gehen Hand in Hand. Wenn ein Mensch nicht leidet, gilt es so, als besäße er keine Niedrigkeit. Er empfindet sie genau nach dem Maß seines Hochmuts – oder danach, wie sehr er hochmütig sein möchte, es aber nicht ist. Diese Niedrigkeit wird später zu einem Kli (Gefäß) für Hoheit, wie geschrieben steht: „Der Ewige ist König; mit Hoheit hat Er Sich bekleidet.“ (Psalm 93,1) Wenn Menschen dem Schöpfer anhaften, besitzen sie ein Gewand der Hoheit, wie geschrieben steht: „Hoheit und Größe gebühren dem auf ewig Lebenden.“1 Diejenigen, die dem auf ewig Lebenden anhaften, besitzen Hoheit und Größe. In dem Maß, in dem ein Mensch seine Niedrigkeit empfindet, und entsprechend dem Ausmaß seiner Leiden wird er des Gewandes des Schöpfers würdig.
korrigiert, EY, Schreibnorm v1, 12.10.2026
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Aus dem Hymnus „Lied der Engel“, der im Morgengebet an Jom Kippur vorgetragen wird. ↩