67. Weiche vom Bösen
Ich hörte am 4. Oktober 1942.
Man muss sich bei „Weiche vom Bösen“ (Psalm 34,15) in Acht nehmen und die vier Bünde wahren.
Bund der Augen (Brit Ejnaim) – man muss sich davor hüten, Frauen anzusehen. Das Verbot des Hinsehens gilt nicht nur deshalb, weil man dadurch zu Grübeleien kommen könnte. Der Beweis dafür ist, dass das Verbot auch für einen hundertjährigen Greis gilt. Der wahre Grund liegt vielmehr darin, dass dies aus einer sehr hohen Wurzel hervorgeht: Wer diese Vorsicht nicht wahrt, könnte – Gott bewahre – dazu kommen, den Blick auf die heilige Shechina (göttliche Gegenwart) zu richten. Dem Verständigen genügt dies.
Bund der Zunge – man muss bei Wahrheit und Lüge wachsam sein. Die Klärungen, die es jetzt nach der Sünde des ersten Menschen gibt, sind Klärungen von Wahrheit und Lüge. Vor der Sünde am Baum der Erkenntnis dagegen bezogen sich die Klärungen auf Bitteres und Süßes. Eine Klärung nach Wahrheit und Lüge ist jedoch völlig anders: Manchmal ist ihr Anfang süß und ihr Ende bitter. Daher kann etwas bitter und dennoch wahr sein.
Deshalb muss man darauf achten, sein Wort nicht zu ändern, auch wenn man meint, nur seinen Freund zu belügen. Man muss jedoch wissen, dass der Körper einer Maschine gleicht: So, wie sie zu laufen gewohnt ist, läuft sie weiter. Gewöhnt man ihn an Lüge und Betrug, kann er keinen anderen Weg mehr gehen. Daher ist der Mensch auch im Umgang mit sich selbst gezwungen, in Lüge und Betrug vorzugehen.
Daraus folgt, dass der Mensch sich selbst betrügen muss und keinesfalls imstande ist, sich selbst die Wahrheit zu sagen, weil er an der Wahrheit keinen besonderen Geschmack findet.
Man kann sagen: Wer meint, seinen Freund zu betrügen, betrügt in Wirklichkeit den Schöpfer, denn außerhalb des Körpers des Menschen gibt es nur den Schöpfer. Von der Grundlage der Schöpfung her wird der Mensch nur in Bezug auf sich selbst „Geschöpf“ genannt. Der Schöpfer will nämlich, dass der Mensch sich als eine von Ihm getrennte Wirklichkeit empfindet. Abgesehen davon aber gilt: „Die ganze Erde ist erfüllt von Seiner Herrlichkeit.“ (Jesaja 6,3)
Wenn der Mensch daher seinen Freund belügt, belügt er den Schöpfer; und wenn er seinen Freund kränkt, kränkt er den Schöpfer. Ist der Mensch daran gewöhnt, die Wahrheit zu sagen, wird ihm dies im Verhältnis zum Schöpfer nützen. Hat er dem Schöpfer etwas versprochen, wird er sich bemühen, sein Versprechen zu halten, weil er nicht daran gewöhnt ist, sein Wort zu ändern. Dadurch wird ihm „Der Ewige ist dein Schatten“ (Psalm 121,5) zuteil. Wenn der Mensch hält, was er zu tun verspricht, hält ihm auch der Schöpfer entsprechend Sein Wort: „Gepriesen sei Er, der spricht und handelt.“1
Ein Kennzeichen für die Wahrung der Zunge besteht darin, nicht über alles zu sprechen, worüber man sprechen könnte. Denn durch sein Reden offenbart der Mensch das Verborgene seines Herzens, und dadurch erhalten die Äußeren einen Halt. Solange der Mensch nicht vollkommen rein ist, gewinnt die Sitra Achra (die andere Seite) die Kraft, oben anzuklagen und sich über seine Arbeit lustig zu machen, sobald er etwas aus seinem Inneren offenbart. Sie sagt: „Welche Arbeit bringt er nach oben? Seine ganze Absicht bei dieser Arbeit gilt doch nur dem, was unten ist.“
Damit wird eine gewichtige Frage beantwortet. Es ist bekannt, dass „eine Mizwa eine weitere Mizwa nach sich zieht“ (Pirkei Awot 4,2). Warum sehen wir dann, dass der Mensch oft aus seiner Arbeit fällt?
Wie oben erklärt, liegt es daran, dass die Sitra Achra seine Arbeit verleumdet und anklagt. Danach steigt sie hinab und nimmt seine Seele. Das heißt: Nachdem sie ihn bereits oben verleumdet und erklärt hat, seine Arbeit sei nicht rein, sondern geschehe in der Form des Empfangens für sich selbst, steigt sie hinab und nimmt ihm seine Lebensseele, indem sie den Menschen fragt: „Was ist das für eine Arbeit?“ Selbst wenn er also bereits einer gewissen Erleuchtung der Lebensseele würdig geworden ist, verliert er sie wieder.
Der Rat dagegen lautet, „bescheiden zu wandeln“ (Micha 6,8), damit sie nichts von seiner Arbeit erfährt, nach dem Geheimnis von „Vom Herzen zum Mund wird es nicht offenbart“ (siehe Kohelet Rabba 12). Dann kann auch die Sitra Achra nichts von seiner Arbeit wissen, denn sie kennt nur das, was durch Worte und Taten offenbart wird; daran kann sie sich festhalten.
Man muss wissen, dass Leiden und Schmerzen hauptsächlich durch die Ankläger entstehen. Deshalb muss man sich so weit wie möglich davor hüten, zu sprechen. Mehr noch: Selbst bei Gesprächen über weltliche Dinge wird das Verborgene des Herzens offenbart. Dies ist das Geheimnis von „Meine Seele ging hinaus, als er sprach“ (Hoheslied 5,6). Darin besteht der Bund der Zunge, bei dem man wachsam sein muss.
Die größte Wachsamkeit ist während eines Aufstiegs nötig, denn während eines Abstiegs ist es schwer, auf hohen Stufen zu wandeln und große Vorsicht zu wahren.
korrigiert, EY, Schreibnorm v1, 12.10.2026
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Aus dem Segensspruch „Baruch she-amar“, der Teil des Morgengebets (Shacharit) ist. ↩