245. Vor der Erschaffung des Neugeborenen
Ich hörte.
„Vor der Erschaffung des Neugeborenen wird über den Tropfen verkündet: Er wird ein Unvernünftiger sein oder ein Weiser usw.; aber ob er ein Gerechter oder ein Frevler sein wird, wird nicht gesagt.“ (siehe Nidda 16b)
Demnach ist zu fragen: Ein Unvernünftiger kann doch unmöglich ein Gerechter sein, denn „ein Mensch sündigt nur, wenn ein Geist der Unvernunft in ihn eingedrungen ist“ (Sota 3a). Und wie geschrieben steht: „Wie kann jemand, der sein ganzes Leben lang ein Unvernünftiger ist, eine Wahl haben, wenn über ihn verhängt wurde, ein Unvernünftiger zu sein?“
Ebenso müssen wir verstehen, was geschrieben steht: „Ich sah die Menschen des Aufstiegs, und sie sind wenige (Sukka 45b); da stand Er auf und pflanzte sie in jede einzelne Generation.“ (Joma 38b) Das Wort „wenige“ bedeutet, dass sie immer weniger werden. Doch dadurch, dass Er sie pflanzte, vermehren sie sich. Was ist also mit dem Gleichnis vom „Pflanzen“ gemeint? Außerdem steht das Wort „wenige“ in der Gegenwartsform. Wie vermehren sich demnach die Gepflanzten?
Man muss erklären, dass sich „Unvernünftiger“ und „Weiser“ nur auf die Vorbereitung beziehen, wie es heißt: „Er gibt den Weisen Weisheit.“ (Daniel 2,21) Es gibt Menschen, die mit einem starken Willen, einem weiten Herzen und einem scharfen Verstand geboren werden. Einen solchen Menschen nennen wir „weise“, weil er geeignet ist, die Weisheit des Schöpfers zu empfangen.
Demgegenüber gibt es Menschen, die als Unvernünftige geboren werden. Das heißt, sie sind eingeengte Menschen: Alle ihre Gedanken und Wünsche betreffen nur ihre eigenen Angelegenheiten. Sie wissen nicht, was es bedeutet, den Nächsten zu empfinden, denn sie verstehen nicht, was Geben an den Nächsten bedeutet. Wie können sie dann die Stufe eines Gerechten erreichen? Man kann kein Gerechter sein, solange man nicht zur Liebe zum Schöpfer gelangt. Und wer keine Liebe zum Nächsten hat, kann nicht zur Liebe zum Schöpfer gelangen, wie im Ausspruch Rabbi Akiwas erklärt wird: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – das ist eine große Regel in der Tora.“ (Jerusalemer Talmud, Nedarim 9,4) Demnach hätten solche Menschen keine Wahl. Und dennoch heißt es: „Ob Gerechter oder Frevler, wird nicht gesagt“ – daraus folgt, dass sie sehr wohl eine Wahl haben.
Dies ist nach dem Ausspruch unserer Weisen zu verstehen: „Ich sah die Menschen des Aufstiegs, und sie sind wenige.“ Mit „Menschen des Aufstiegs“ sind, wie oben erklärt, Menschen gemeint, die geeignet und bereit sind, zur Anhaftung (Dwekut) an Ihn, den Schöpfer, zu gelangen; und diese sind wenige. Deshalb pflanzte Er sie in jede einzelne Generation. Dadurch haben auch die Toren eine Wahl: Sie können sich mit den Gerechten der Generation verbinden und ihnen anhaften. Auf diese Weise erhalten sie Kraft und Eignung, das Joch des Königtums des Himmels auf sich zu nehmen. Sie können dann die heilige Arbeit verrichten, weil die Gerechten ihnen ihre Gedanken und Wünsche geben. Durch die Hilfe, die sie von den Gerechten der Generation empfangen, können auch sie zur Stufe eines Gerechten aufsteigen. Obwohl sie von Natur aus, so wie sie geboren wurden, diese Eigenschaften nicht besitzen, erhalten sie durch ihre Anhaftung an die Menschen des Aufstiegs andere Eigenschaften.
Daraus folgt: Dadurch, dass Er „die Menschen des Aufstiegs in jede einzelne Generation pflanzte“, können diese die Menschen ihrer Generation zu den höchsten Stufen erheben. Wären die Menschen des Aufstiegs dagegen alle in nur einer Generation gewesen, hätten die Toren keinerlei Möglichkeit gehabt, zum Pfad der Heiligkeit aufzusteigen.
Damit verstehen wir die Korrektur, die im „Pflanzen“ liegt: Durch das Pflanzen vermehrten sich die Menschen des Aufstiegs. Es ist wie bei einem Setzling, den man in die Erde pflanzt und aus dem später viele Zweige wachsen.
Ebenso verstehen wir nun die Frage der Wahl. Wenn jemand als Unvernünftiger geboren wurde, das heißt, wenn er dem Geben an den Nächsten fernsteht, erhält er durch die Verbindung mit den Menschen des Aufstiegs neue Eigenschaften von ihnen. Sie geben den Toren diese Eigenschaften, sofern ein solcher Mensch seine Wahl trifft – das heißt, wenn er sich unterordnet und bereit ist, von den Menschen des Aufstiegs Führung anzunehmen. Andernfalls wird ihre Tora für sie zu einem Todestrank. Nur durch die Anhaftung an die Menschen des Aufstiegs werden sie der Anhaftung an den Schöpfer würdig.
Denn bekanntlich stehen bei zwei Menschen, die einander gegenüberstehen, die rechte Seite des einen der linken Seite des anderen und die linke Seite des einen der rechten Seite des anderen gegenüber. Wenn daher von zwei Wegen gesprochen wird, ist der eine der rechte Weg – der Weg der Gerechten, deren ganzes Bestreben nur auf das Geben gerichtet ist. Der linke Weg ist dagegen der Weg der Frevler, deren ganzes Bestreben ihrem eigenen Nutzen gilt. Deshalb sind sie von der Quelle des Lebens getrennt und gelten als tot, wie unsere Weisen sagten: „Die Frevler werden bereits zu ihren Lebzeiten als tot bezeichnet.“ (Brachot 18b)
Daraus folgt: Selbst wenn ein Mensch auf dem rechten Weg lernt, steht er dennoch der linken Seite des Schöpfers gegenüber. So wird seine Tora für ihn zum Todestrank. Denn wenn er sich mit Tora und Mizwot im Aspekt der Linken befasst, zielt seine Absicht darauf, seinen Körper zu vergrößern. Das heißt: Zuvor wollte er seinen Körper nur mit den Genüssen dieser Welt erfüllen. Nun aber, da er Tora und Mizwot einhält, will er, dass der Schöpfer ihn auch mit den Genüssen der kommenden Welt erfüllt. So wächst durch die Tora sein Empfangsgefäß. Zuvor wollte er nur „den Reichtum dieser Welt“; danach will er durch seine Beschäftigung mit Tora und Mizwot auch „den Reichtum der kommenden Welt“. Somit bewirkt die Tora den Aspekt des Todes, denn dadurch wird er im wahren Verlangen zu empfangen vervollständigt.
Umso mehr gilt dies, wenn er sich mit Tora und Mizwot auf seiner linken Seite befasst, das heißt, wenn seine anfängliche Absicht ausschließlich auf das Empfangen gerichtet ist, was als links gilt. Das ist gewiss nicht in Ordnung. Vielmehr muss man sich bemühen, zur Anhaftung zu gelangen; dann wird man eins mit dem Schöpfer. Dann gibt es kein Rechts und Links mehr, sondern man gelangt zur Gleichheit der Form mit dem Schöpfer. Dann ist die eigene Rechte die Rechte des Schöpfers. Daraus folgt, dass der Körper zu einem Gewand für die Seele wird. Wenn der Mensch sich dann mit den Angelegenheiten seines Körpers befasst, wird er sich um dessen Bedürfnisse nicht mehr kümmern, als es seiner Seele entspricht. Ebenso macht jemand, der ein Kleid für seinen Körper anfertigt, dieses nicht länger oder weiter als seinen Körper, sondern bemüht sich, es seinem Körper genau anzupassen; andernfalls wird er das Kleid nicht tragen.
Das gleicht einem Schneider, der einem Menschen einen Anzug bringt. Zieht der Mensch ihn an und stellt fest, dass das Kleidungsstück viel zu lang und viel zu weit ist, gibt er den Anzug dem Schneider zurück. Ebenso muss der Körper des Menschen die Seele bekleiden, und der Körper darf nicht größer sein als die Seele. Das bedeutet: Die Bedürfnisse seines Körpers dürfen nicht größer sein, als es für die Bedürfnisse seiner Seele erforderlich ist.
Man muss jedoch wissen, dass es nicht leicht ist, zur Anhaftung an Ihn, den Schöpfer, zu gelangen, denn „nicht jeder, der den Schöpfer an sich nehmen will, darf kommen und Ihn an sich nehmen“ (Brachot 16b). Deshalb brauchen wir die Gerechten der Generation. Indem der Mensch einem wahren Lehrer anhaftet, dessen ganzes Verlangen ausschließlich auf das Geben gerichtet ist, muss er Handlungen vollziehen, durch die er in den Augen seines Lehrers Gefallen findet: Er muss hassen, was sein Lehrer hasst, und lieben, was sein Lehrer liebt. Dann kann er Tora lernen, ohne dass seine Tora zu einem Todestrank wird.
Das ist die Bedeutung von „da stand Er auf und pflanzte sie in jede einzelne Generation“: Dadurch können sich die Menschen mit den Menschen des Aufstiegs verbinden und ebenfalls zur wahren Anhaftung an Ihn, den Schöpfer, gelangen.
Und wundere dich nicht darüber, warum es Toren in der Welt geben muss. Es hätten doch alle Weise sein können. Doch alles braucht einen Träger. Deshalb werden Toren benötigt, damit sie die Träger des Verlangens zu empfangen sind. Dadurch können jene, die auf den Wegen des Schöpfers gehen wollen, von ihnen Hilfe erhalten, wie geschrieben steht: „Sie werden hinausgehen und die Leichname der Menschen sehen, die sich gegen Mich vergangen haben; denn ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer nicht erlöschen, und sie werden ein Abscheu für alles Fleisch sein.“ (Jesaja 66,24) Wie unsere Weisen sagten, werden sie Asche unter den Fußsohlen der Gerechten sein. Dadurch erhalten die Gerechten eine Unterscheidung und können den Schöpfer dafür loben und Ihm danken, dass Er sie nähergebracht hat. Dies wird „Asche unter den Fußsohlen der Gerechten …“ genannt. Das heißt, sie können voranschreiten, indem sie das Ende der Frevler sehen.
korrigiert, EY, Schreibnorm v1, 12.10.2026