Brief 22
16. Cheshwan, Taw-Resh-Pe-Sajin, 24. Oktober 1926, London
An meinen Seelenverwandten ... möge seine Kerze brennen:
Ich habe deinen Brief vom vierzehnten Tishrei [erster Monat im hebräischen Kalender] empfangen. Aber mein Freund, warum bist du mit der ersten Ordnung, die ich für dich aufgestellt habe, nicht zufrieden und verlangst eine neue? Ich habe dir bereits gesagt, dass es dir nicht erlaubt ist, dir andere Ordnungen zu geben, solange du dich nicht an die erste Ordnung gewöhnt hast, weder einfache noch strenge. Aber hier bist du und tust so, als hättest du es vergessen, und klopfst an meine Tür, um neue Befehle zu erhalten. Das muss der Anstoß für den Trieb sein.
Ich muss dich an den ersten Befehl erinnern, den ich dir gegeben habe, und möge der Schöpfer dir helfen, dass du bei Seiner Arbeit keine Unterbrechungen hast und nur immer weiter aufsteigst, bis du mit Dwekut [Anhaftung] bei Ihm belohnt wirst, wie es sein sollte:
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Sei bereit für Seine Arbeit, etwa zwei Stunden nach Mitternacht und nicht später (das heißt ab der achten Stunde nach dem Arvit [Abendgottesdienst]).
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In den ersten beiden Stunden sollst du dich mit "Mitternachts-Tikun [Korrektur]" beschäftigen, dich über das Exil Israels und die Bedrängnis der Shechina [Gegenwart Gottes] aufgrund ihrer Schuld betrüben und dann bis zur zehnten Stunde Gebete und Litaneien sprechen.
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Von der zehnten Stunde bis zum Gebet ist die Zeit, in der du dich in die heiligen Bücher, BeReshit Chochma und dergleichen sowie in die Schriften der ARI vertiefst. Sorge dafür, dass du alles, was du lernst, gründlich verstehst und verinnerlichst. Wenn du nicht alles verstehst, gib dem Schöpfer keine Ruhe, bis er dein Herz öffnet und du ihn verstehst, denn das ist das Wichtigste - dass der Schöpfer Weisheit gibt.
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Setze Zeiten für die Tora fest, ohne Unterbrechung für müßige Gespräche, Gott bewahre. Sieh zu, dass du nicht weniger als fünf aufeinanderfolgende Stunden widmest. Du kannst sie auf jede beliebige Zeit des Tages legen, solange du dazwischen keine Unterbrechungen für Gespräche einlegst, sind sie aufeinanderfolgend und speziell für das Studium der Offenbarung. Achte darauf, dass du nichts aus dem Studium vergisst, also wiederhole das Lernen so, wie du es solltest. Außerdem wäre es gut für dich, wenn du lernst, ein Lehrer zu sein; das wird dir sehr helfen.
Außerdem kannst du in diesen fünf Stunden in einer Gruppe lernen, mit wem du willst, aber sprich nicht über Dinge, die nichts mit dem Studium zu tun haben, auch nicht über die Art der Anbetung. Wenn der Partner nur zwei oder drei Stunden studieren möchte, kannst du danach alleine fertig werden, bis du die fünf Stunden vollendet hast. In der restlichen Zeit des Tages kannst du erfolgreich verhandeln.
So, du hast, was dir gehört, nun beeil dich und nimm den Schöpfer mit, damit es dir gelingt, dich so zu verhalten, wie ich es für dich geschrieben habe, und die Worte von Rashbi in Idra Suta in dir wahr werden: "'Ich bin für meinen Geliebten' usw., all die Tage, an denen ich an diese Welt gebunden war, war ich mit ihr in einer Verbindung, im Schöpfer, verbunden. Aus diesem Grund ist jetzt auf mir 'Seine Leidenschaft'."
Nach ein paar Monaten, wenn du dich gründlich an diese Ordnung gewöhnt hast, lass es mich wissen und ich werde dich in den Wegen des Schöpfers ergänzen.
In Wahrheit bin ich gar nicht weit von Euch entfernt, denn es liegt ganz an Euch, denn Zeit oder Ort stellen kein Hindernis in der Spiritualität dar. Warum erinnert Ihr Eucn nicht an das, was ich am Fest Shawuot [Fest der Wochen] über den Vers "Mein Geliebter ist wie eine Gazelle" gesagt habe? Unsere Weisen sagten: "Wie die Gazelle ihr Gesicht zurückdreht, wenn sie flieht, so dreht der Schöpfer sein Gesicht zurück, wenn er Israel verlässt." Ich habe für dich gedeutet, dass das Gesicht dann wieder in die Achoraim [Rücken/Hinterseite] zurückkehrt, was das Verlangen und die Sehnsucht bedeutet, sich noch einmal an Israel zu klammern. Das erzeugt in Israel die Sehnsucht und das Verlangen, auch am Schöpfer anzuhaften, und das Maß der Sehnsucht und des Verlangens ist eigentlich das Gesicht selbst, wie es in "Segne meine Seele" von Rabbi Yehuda HaLevi geschrieben steht: "Mein Gesicht ist dein Gebet, wenn du dem Ewigen Gott entgegenläufst."
Deshalb ist das Mächtigste in dieser Zeit nur, die Sehnsucht und das Verlangen zu beharren und zu steigern, denn dadurch erscheint das Gesicht, Amen, so möge es sein.
Schick mir viele Briefe, und das wird auch für dich ermutigend sein.
Yehuda Leib, Sohn meines Lehrers und Rabbiners, Simcha Ashlag